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Full text of "Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft"

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Zeitschrift 


der 


Deutschen  geologischen  Gesellschaft. 


XXVII.  Band. 

1875. 


Mit  vierundzwanzig  Tafeln. 


Berlin,  1875. 

Bei  Wilhelm  Hertz  (Bessersche  Buchhandlung) 

Marien -Strasse  No.  10. 


Inhalt. 


A.    Aufsätze.  Seite 
M.  v.  Tribolet.     Geologie  der  Morgenberghornkette  und  der 
angrenzenden  Flysch  -    und   Gypsregion    am  Thunersee. 

(Hierzu  Tafel  I.)   1 

C.  Struckmann.  Ueber  die  Schichtenfolge  des  oberen  Jura  bei 
Ahlem  unweit  Hannover  und  über  das  Vorkommen  der 
Exogyra  virgula  im  oberen  Korallen -Oolith  des  weissen 
Jura  daselbst  30 

A.  Baltzer.     Geognostisch- chemische   Mittheilungen  über  die 

neuesten  Eruptionen  auf  Vulcano  und  die  Producte  der- 
selben.   (Hierzu  Tafel  II-IV.)  36 

Ferd.  Roemer.    Ueber  die  Eisenerzlagerstätten  von  El  Pedroso 

in  der  Provinz  Sevilla  63 

O.  Feistmantel.  Ueber  das  Vorkommen  von  Nöggerathia 
foliosa  Stbg.  in  dem  Steinkohlengebirge  von  Oberschle- 
sien und  über  die  Wichtigkeit  desselben  für  eine  Paral- 
lelisirung  dieser  Schichten  mit  denen  in  Böhmen.  (Hierzu 
Tafel  V.)  70 

R.  Lepsiüs.    Ueber  den  bunten  Sandstein  in  den  Vogesen,  seine 

Zusammensetzung  und  Lagerung.    (Hierzu  Tafel  VI.) .    .  83 

Herm.  Credner.    Die  granitischen  Gänge  des  sächsischen  Gra- 

nulitgebirges.    (Hierzu  Tafel  VII.)  104 

R.  Richter.    Aus  dem  thüringischen  Schiefergebirge.  (Hierzu 

Tafel  VIII.)  261 

W.  Reiss.  Bericht  über  eine  Reise  nach  dem  Quilotoa  und  dem 

Cerro  hermoso  in  den  ecuadorischen  Cordilleren      .    .    .  274 

G.  vom  Rath.   Beiträge  zur  Petrographie.  (Hierzu  Tafel  IX.  u.  X.)  295 

B.  Stüder.    Die  Porphyre  des  Luganersee's  418 

L.  v.  Fellenberg.     Analysen  zweier  Porphyre  aus  dem  Ma- 

roggiatunnel  im  Tessin  422 

Ferd.  Roemer.    Ueber  C.  E.  v.  Baer's  Bos  Pallasii   aus  dem 

Diluvium  von  Danzig.    (Hierzu  Tafel  XI.)  430 

Klette.  Ueber  Anatas  und  Brookit  von  Wolfshau  bei  Schmiede- 
berg in  Schlesien  442 

F.  Hoppe-Seyler.    Ueber  die  Bildung  von   Dolomit.  (Hierzu 

Tafel  XII.)  495 


IV 


Seite 


J.  Lemberg.    Ueber  die  Serpentine  von  Zöblitz,  Greifendorf  und 

Waldheim  531 

J.  Roth.    Ueber  die  neue  Theorie  des  Vulcanismus  des  Herrn 

R.  Mallrt  550 

H.  Laspeyres.    Ueber  die  Krystallform  des  Antimons.  (Hierzu 

Tafel  XIII.  u.  XIV)  574 

E.  Kalkowsky.    Rother  Gneiss   und  Kalkstein  im  Wilischthal 

im  Erzgebirge  623 

R.  Hoernes.  -Ein  Beitrag  zur  Gliederung  der  österreichischen 

Neogenablagerungen  631 

W.  C.  Brögger  und  H.  H.  Reusch.     Vorkommen  des  Apatit 

in  Norwegen.    (Hierzu  Tafel  XV  bis  XIX.)  646 

H.  v.  Dechen.  Ueber  den  Quarzit  von  Greifenstein  im  Kr.  Wetzlar  761 
E.  Kayseü.    Ueber  die  BiLLiNGs'sche  Gattung  Pasceolvs  und  ihre 

Verbreitung  in  paläoz.  Ablagerungen  (Hierzu  Tafel  XX.)  776 
H.  Loretz.     Einige  Petrefacten  der   alpinen  Trias  aus  den 

Südalpen.    (Hierzu  Tafel  XXI.  bis  XXIII.)  784 

H.  0.  Lang.  Ueber  die  Absonderung  des  Kalksteins  von  Ellie- 
hausen bei  Göttingen.  (Hierzu  Tafel  XXIV.)  ....  842 
M.  Neumayr.    Die  Ammoniten  der  Kreide  und  die  Systematik 

der  Ammonitiden  854 

B.    Briefliche  Mittheilungen 

der  Herren  Hilgendorf  und  Gottsche  224 

der  Herren  F.  Sscmidt,   F.  Fouque,   M.  Scholz,  v.  Tribolet 

F.  Sandberger,    K.  A.  Lossen,    Des  Cloizeaux,  Ant. 

D'  Achiardi  und  N.  St.  Maskelyne  444 

der  Herren  Traütschülü,  v.  Koenen  und  Fer^.  Roemer  .  .  .  703 
der  Herren   Seguenza  ,   O.  Feistmantel  ,   M.  Bauer  und  Des 

Cloizeaux  943 


C.   Verhandlungen  der  Gesellschaft..    .    .    229.  465.  709.  958 


|  "  "  

Zeitschrift 

der 

Deutschen  geologischen  Gesellschaft. 


XXVII.  Band. 

h  Heft. 


Januar  bis  März  1875. 


(Hierzu  Tafel  I— VII.) 


Berlin,  1875. 

Bei  Wilhelm  Hertz  (Bessersohe  Buchhandlung). 

Marienstrasse  No.  10. 


Zeitschrift 

der 

Deutschen  geologischen  Gesellschaft. 

1.  Heft  (Januar,  Februar  und  März  1875). 


A.  Aufsätze. 


1.  Geologie  der  Morgenberghornkette  und  der  angren- 
zenden Fh  seh  -  und  Ctypsregion  am  Thunersee. 

Von  Herrn  Maurice  von  Tribolet  in  Neuchätel. 

Hierzu  Tafel  I. 

Die  geologische  Commission  der  schweizerischen  natur- 
forschendeD  Gesellschaft  übertrug  mir  letzten  Frühling  die 
Bearbeitung  der  südlich  vom  Thuner-  und  Brienzersee,  der 
Aare,  des  Gadmenthales ,  Sustenpass  und  Meienthales  gele- 
genen Partieen  des  Blattes  XIII  des  Dufour- Atlas  (1:100). 
Die  Gegend  davon,  welche  ich  letzten  Sommer  auf  Grundlage 
der  Karte  395  (Lauterbrunnen)  des  neuen  topographischen 
Atlas  (1:50)  untersucht  habe,  liegt  auf  der  westlichen  Seite, 
am  Thunersee.  Es  ist  das  grosse  Massiv  (eher  die  Kette)  des 
Morgenberghorn,  sowie  auch  die  Flysch  -  und  Gypsregion, 
weiche  sich  zwischen  ihr,  dem  Thunersee  und  dem  Suldthale, 
erstreckt. 

Diese  Gegend  nämlich  ist  geologisch  um  so  interessanter, 
als  sie  uns  Erscheinungen  bietet,  wie  sie  seiner  Zeit  von 
A.  Escher  von  der  Linth*)  (auf  den  Beobachtungen  seines 


*)  Gemälde  des  Kanton  Glarus,  1839—42.  —  Studeu's  Geologie  der 
Schweiz,  II.  pag.  46,  186-188.  —  Heek's  Biographie  Escheh's  pag,  173, 
186,  190, 

Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1 .  1 


2 


Vaters  weiter  bauend)  und  neuerdings  von  Baltzer*)  und 
Heim**)  so  ausgezeichnet  in  den  GJarneralpen  nachgewiesen 
und  beschrieben  wurden.  Es  sind  dies  grossartige,  meilenweit 
ausgedehnte  Ueberstürzungen ,  infolge  deren  die  ganze  strati- 
graphische  Aufeinanderfolge  der  verschiedenen  Terrains  die 
umgekehrte  ist.  Natürlich  können  nur  ungeheure  Umwälzungs- 
phänomene damit  in  Verbindung  gestanden  haben.  Wie  auch 
Studer  richtig  bemerkt***),  lassen  die  hohen  Terrassen,  in 
denen  die  Gebirge  oberhalb  Lauterbrunnen  und  Grindelwald 
(Jungfrau  und  Wetterhorn)  schroff  gegen  den  Thuner-  und 
Brienzersee  abfallen ,  auf  ganz  gewaltige  Verwerfungen  schlie- 
ssen.  Was  aber  die  eigentlichen  Ursachen  davon  gewesen 
sind,  bleibt  noch  vorbehalten.  Nach  der  Besprechung  der 
stratigraphischen  und  palaeontologischen  Verhältnisse  dieser 
Gegend  werde  ich  dann  versuchen ,  Einiges  zur  Erklärung 
dieser  merkwürdigen  Verhältnisse  beizufügen. 

Bis  noch  vor  wenigen  Jahren  war  die  Morgenberghorn- 
kette allgemein  als  eine  normale  angesehen  ,  d.  h.  als  eine, 
wo  sich  die  verschiedenen  Terrains,  in  ihren  mächtigen  Fels- 
abstürzen, regelmässig  aufeinander  folgen.  Es  ist  das  Verdienst 
von  Th.  Studer f) ,  die  wirkliche  Stratigraphie  dieser  Kette 
zuerst  erkannt  und  publicirt  zu  haben.  In  seiner  kurz  ge- 
fassten  Schrift  (anlässlich  einer  von  der  Berner  Universität 
ausgeschriebenen  Preisfrage)  giebt  uns  Th.  Stüder  eine  treff- 
liche Beschreibung  der  Morgenberghornkette,  begleitet  von  eini- 
gen Profilen ,  welche  den  kurzen  Text  verdeutlichen  sollen. 
Der  kurze  diesem  Studium  gewidmete  Aufenthalt  erklärt 
es,  dass  der  Verfasser  in  seinem  Eifer  noch  mehr  Verwirrung 
in  diesem  Gebirge  erkennen  will ,  als  solche  eigentlich  vor- 
handen ist.  In  drei  seiner  Schriften ,  aber  besonders  in  der 
Geologie  der  Schweiz  II.  berührt  Prof.  Stüder  die  Gegend 


*)  Der  Glärisch,  ein  Problem  alpinen  Gebirgsbaues ,  Zürich  1S73. 
—  In  dieser  vortrefflichen  und  äusserst  detaillirten  Monographie  schätzt 
Baltzer  die  Länge  dieser  sogen.  Glarner-Doppelschlinge  auf  12  Stunden 
und  die  Breite  auf  5;  daraus  würde  dann  ein  gesammter  Flächenraum 
von  60  Qnadratstunden  erfolgen. 

**)  Vierteljahrschrift  d.  Zürcher  naturforsch.  Ges.  pag.  243,  1871. 
**»)  Erläuter.  zur  geol.  Karte  der  Schweiz  1869. 

f)  Mittheil,  der  naturforsch.  Ges.  in  Bern  186S. 


die  ich  hier  beschreibe.*)  E.  Favre**),  Fischer- Ooster***) 
und  W.  A.  OoSTERf)  behandeln  noch  in  einigen  Abhandlungen 
einzelne  Punkte  daraus.  Was  noch  die  geologische  Karte  der 
Schweiz  von  Bachmann  (zweite  Auflage  derjenigen  von  Studer 
und  Escher)  betrifft,  so  kann  ich  sagen,  dass  sie  für  unsere 
Gegend  gänzlich  verfehlt  ist.  Einzig  und  allein  für  die  Gyps- 
zone  zwischen  Leissigen  und  Faulensee  ist  sie  richtig;  sonst 
aber  setzt  sie  uns  Kreide  am  See  hin,  wo  keine  Spur  davon 
zu  finden  ist  (diese  Angabe  rührt  wahrscheinlich  davon  her, 
dass  W.  A.  Ooster  in  seinen  „Cephalopodes  suisses" 
cretacische  Belemniten  nnd  Ammoniten  [Bei.  pistilliformis,  Am. 
Grasi,  CornueliJ  von  oberhalb  Leissigenbad  beschreibt,  welche 
sich  da  nur  in  losen  ,  vom  Morgenberghorn  heruntergestürzten 
Blöcken  haben  finden  können)  und  lässt  die  Kette  von  Morgen- 
berghorn aus  Flysch  und  Nummulitenbildung  bestehen ,  was 
gar  nicht  der  Fall  ist. 

Die  Morgenberghornkette ,  zwischen  dem  Bödeli  (Ebene 
von  Interlaken)  und  den  Thälern  der  Lütschine,  von  Saxeten 
und  der  Suld  gelegen,  erhebt  sich  an  der  südlichen  Ecke  des 
Thunersee.  Auf  einer  Länge  von  9£  Kim.  erstreckt  sie  sich 
in  der  Richtung  von  SW  nach  NO ,  vom  Suldthale  bis  zum 
Bödeli.  Dieser  mehr  oder  weniger  scharfe  Grat  erniedrigt 
sich  allmälig  von  S  nach  N  und  besitzt  als  extreme  Gipfel 
das  Morgenberghorn  (2251  M.)  und  den  kleinen  Rügen  (739  M.). 
Dazwischen  liegen  das  Schiffli  (2171  M.) ,  Leissigengrat 
(2035  M.),  die  Rothenegg  (1900  M.) ,  das  Därligengrat 
(1822  M.),  den  Abendberg  (1257  M.)  und  grossen  Rügen 
(1071  M.).  Zwischen  diesem  Berge  und  dem  kleinen  Rügen 
befindet  sich  das  Querthal  oder  die  Kluse  von  Wagneren, 
welche  die  hier  ziemlich  enge  Kette  von  der  einen  Seite  zur 
anderen  durchbricht.  Als  directe  Fortsetzung  dieser  Kette 
kann  im  Süden  das  Massiv  des  Dreispitz  gelten  ff)  (Littlihorn 

*)  Auch  in  seiner  Geologie  der  westlichen  Schweizeralpen,  1834, 
pag.  48,  52,  82,  99,  139,  198. 

**)  Geologie  der  Ralligstöcke  187-2. 

***)  Mittheil,  der  naturforsch.  Ges.  in  Bern  1862;  foss.  Fucoiden 
der  Schweiz  1858. 

f)  Cat.  des  Cephalop.  des  Alpes  Suisses  1857 — 63. 

ff)  Der  Grund  zu  dieser  Annahme  liegt  in  den  stratigraphischen 
Verhältnissen  dieser  Gruppe,  welche  gänzlich  denjenigen  des  Morgenberg- 
horn ähnlich   sind.     Das  südliche  starke  Einfallen  der  Schichten  dieses 


1* 


4 


1974  M.,  Lattreienfirst  2131  M.,  First  2412  M. ,  Dreispitz 
2522  M.,  Höchstfluh  2104  M.),  welches  in  derselben  Richtung 
streicht  und  sich  vom  Suldthal  nach  dem  Kienthal  erstreckt, 
in  einer  Entfernung  von  h\  Kim. 

Auf  der  Nordseite  verhält  es  sich  anders.  Unser  Gebirgs- 
zug kommt,  mitten  in  der  Ebene  von  Interlaken  sein  Ende 
zu  nehmen,  indem  derjenige,  welcher  als  seine  weitere  Fort- 
setzung angesehen  werden  könnte,  am  Anfange  derselben,  bei 
Neuhaus  anfängt,  d.  h.  ungefähr  1000  M.  oder  eine  halbe 
Stunde  weiter  links.  Es  ist  dies  der  Zug  des  Härder 
(1654  M.),  der  Rothfluh  (1735  M.) ,  Horetegg  (1810  M.),  des 
Augstmatthorn  (2140  M.)  etc.  An  einen  geographischen  Zu- 
sammenhang dieser  beiden  Ketten  wäre  nicht  zu  denken,  wenn 
nicht  die  stratigraphische  Zusammensetzung  dieser  letzteren 
gänzlich  derjenigen  des  Morgenberghorn  analog  wäre.  Schon 
bei  einem  blossen  Anblick  aus  der  Ferne  sieht  man  eine 
ähnliche  äussere  Form,  sowie  auch  ein  gleiches  Streichen  und 
Schichtenfallen.  Man  wird  wohl  nun  verstehen ,  dass  Prof. 
Stüder  zuerst  diese  Zusammengehörigkeit  aussprach.  Zu 
seiner  Erklärung  aber  setzt  er  eine  ungeheure  Faille  voraus, 
welche  auf  einer  Länge  von  beinahe  zwei  Stunden  durch  die 
Mitte  des  Bödeli  und  des  oberen  Tbunersee  sich  erstrecken 
soll.  Damit  geht  auch  Hand  in  Hand  eine  auf  die  Richtung 
dieses  Gebirges  mehr  oder  weniger  senkrechte  Verschiebung. 
Wie  dieser  grosse  Gelehrte  es  ferner  sagt,  ist  die  Annahme 
zweier  solcher  Agentien  nöthig,  um  die  Formationen  der  bei- 
den Seeufer  in  Verbindung  zu  setzen,  eine  Annahme,  welche 
sich  durch  die  tbeilweise  Faltung  des  Gebirges  unterstützen 
mag.  ,,Die  grossen  Querthäler  unserer  Alpen ,  so  fährt  Prof. 
Stüder  fort,  haben  tiefere  Bedeutung  als  man  ihnen  zuweilen 
zuschreiben  will.  Es  sind  nicht  einfache  Spaltenthäler  wie  die 
Klüsen  des  Jura  und  nicht  weniger  Erosionsthäler ,  erzeugt 
durch  das  allmälige  Eingraben  der  Ströme  oder  Gletscher." 

Ein    Jahr    darauf    schloss   sich    auch    E.   Favre  die- 
ser Meinung  an.     Er   sagt   auch,   dass   die  Formationen  der 


letzteren  oberhalb  der  Brunnialp  und  an  der  Schweinfluh,  entspricht  aus- 
gezeichnet ihrer  Lage  am  Littlihorn,  wo  noch  eine  kleine  Ueberstürzung 
und  Biegung  derselben  sichtbar  sind. 


5 


beiden  Seeufer  nicht  mit  einander  correspondiren  und  dass 
nur  am  Anfange  der  Hardergruppe ,  gegen  das  Habkerenthal, 
eine  Analogie  mit  der  Structur  der  Morgenbergbornkette  wahr- 
zunehmen sei. 

Bis  jetzt  haben  wir  nur  die  unmittelbare  Fortsetzung  der 
Längsaxe  unserer  Kette  betrachtet.  Fassen  wir  nun  jetzt  die 
seitliche  ins  Auge.  Die  Spitze  des  Morgenberghorn ,  welche 
mit  der  Schweinfluh  mehr  oder  weniger  steil  gegen  das  Suld- 
thal  abfällt,  bildet  einen  dreikantigen  Gipfel,  dessen  obere 
Kante  den  Anfang  des  weiteren  nördlichen  Gebirges  bildet. 
An  die  westliche  oder  linke  schliesst  sich  ein  waldiger 
Höhenzug  an,  welcher  sich  allmälig  gegen  die  Hochebene  von 
Aeschi  -  Ried  und  Aeschi  erniedrigt.  Es  sind  die  Brunnispitze 
(1666  M.) ,  Hornegg  (1600  M.) ,  der  Birchenberg  (1425  M.), 
Ginacker  (1410  M.)  und  die  Aeschi- Allmend  (1212  M.). 
Zwischen  diesem  flacheren  Höhenzug  und  der  höheren  Morgen- 
berghornkette gelegen  ,  haben  wir  eine  dreieckförrnige  Flysch- 
region,  welche  vom  See  aus  überall  stark  hinaufsteigt  und 
von  zahlreichen  Wildbächen  (Kreuz-,  Ried-,  Spiessi-,  Buch- 
holz-, Holzenbach)  durchzogen  und  zerfressen  ist. 

Die  südliche  Kante  der  Morgenberghornspitze  erstreckt 
sich  noch  in  einer  Entfernung  von  1\  Kim.  bis  zum  Passe 
Tanzbödeli  *)  (1880  M.) ,  wo  unser  Massiv  aufhört  und  das- 
jenige ausgedehnte  der  Schwalmern  (2785  M.)  anfängt  mit  den 
Vorhöhen  von  Auf  dem  Wasmi  (2010  M.)  und  Schwalmern- 
schiffli  (2256  M.).  Vom  Passe  Tanzbödeli  hinunter  fliesst  der 
sogen.  Tanzbödelibach ,  welcher  mit  dem  Saxetenbach,  der  im 
Grunde  des  Saxetenthals  fliesst,  die  westlichen  Grenzen  des 
uns  hier  beschäftigenden  Gebirges  bildet.  Rechts  vom  Saxeten- 
thal  befinden  sich  dann  die  Massive  des  Bellenhöchst  (2091  M.), 
der  Sulegg  (2412  M.)  und  der  Lobhörner  (2570  M.),  welche 
alle  noch  einer  weiteren  geologischen  Bearbeitung  bedürfen. 

Nach  diesen  einigen  geographischen  und  orographischen 
Betrachtungen  gehe  ich  nun  über  zur  speciellen  Behandlung 
der  verschiedenen  in   dieser  Kette  auftretenden  Terrains  und 


*)  Der  meist  gebrauchte  Name  von  Rengglipass  ist  nur  irriger- 
weise in  Anwendung  gebracht  worden ;  denn  Renggli  heisst  nur  die  Alp, 
welche  unterhalb  des  Passes  gegen  das  Suldthal  liegt. 


6 


beginne  mit  dem  jüngsten,  dem  Flysch,  um  von  da  aufwärts 
und  mittelst  dieser  merkwürdigen  Aufeinanderfolge  zu  den 
ältesten  zu  gelangen. 


Flysch,  Stüder  1827.*) 

Dieses  in  den  Schweizeralpen  so  ausgedehnte  Gebilde 
erstreckt  sich  in  unserem  hier  zu  beschreibenden  Gebiete  von 
Faulensee  und  Aeschi  aus,  längs  des  Thunersee  und  des  Suld- 
thales  hoch  hinauf  zu  den  kalkigen  Abstürzen  der  Morgen- 
berghornkette. Prof.  Stüder  betrachtet  diesen  Flysch  sowie 
auch  denjenigen  des  Härder  im  Habkehrenthaie  und  des  Drei- 
spitz (in  dem  von  ihm  westlich  gelegenen  Lande),  als  einen 
wahren  und  typischen ,  entsprechend  dem  Macigno  und  Al- 
berese  des  Apennins.  Vom  Seeufer  (560  M.)  aus  finden  wir 
den  Flysch  bis  zu  einer  Höhe  von  beinahe  1800  M.  hinauf- 
steigen, also  in  einer  Mächtigkeit  von  1240  M. ,  eine  Zahl, 
welche  nicht  erschrecken  darf,  wenn  man  bedenkt,  dass  sie  in 
der  Niesenkette  (bei  Orcieres)  und  im  Dauphine  (n.  Lory)  zu 
2000  M.  wird.  Dass  diese  grössere  Mächtigkeit  aber  einer 
etwaigen  Fältelung  dieses  Schiefermaterials  zuzuschreiben  ist, 
werden  wir  später  sehen. 

Wie  alle  Flyschgebiete,  bildet  unseres  ein  weit  und  breit 
mit  Matten  und  Weiden  bedecktes  Hügelland,  so  dass  seine 
Gesteine  verhältnissmässig  wenig  an  die  Oberfläche  treten. 
So  würde  es  einem  wohl  schlecht  ergehen ,  der  auf  den 
Ebenen  von  Faulensee  und  Aeschi -Ried  nach  Flysch  forschen 
würde:  hie  und  da  lose  verwitterte  Sandsteinblöcke**) ,  sonst 
keine  Spur  von  den  ihn  bezeichnenden  Gesteinen. 

*)  Ann.  Sc.  nat.  —  Bekanntlich  wurde  diese  Benennung  als  eine 
rein  petrographische  zuerst  auf  ein  schiefriges  Gestein  vom  Simmenthai 
angewandt.  1848  (Acta  helvet.  von  Solothurn)  liess  Prof.  Stüder  diesen 
petrographischen  Werth  fallen  und  schlug  den  Namen  nur  für  die  auf 
die  Nummulitenbildung  liegenden  Schiefer  und  Sandsteine  vor,  indem  er 
dann  als  gvaue  Schiefer  diejenigen  von  Doch  unbestimmtem  geologischen 
Alter  bezeichnete.  Eine  histoi-ische  Entwickelung  davon  befindet  sich  in 
seinem  trefflichen  Index  der  Petrogr.  u.  Stratigr.  Bern  1872,  sowie  auch 
in  Fischer-Oostrr,  die  foss.  Fuco'iden  der  Schweizeralpen,  Bern  1858. 

**)  Diese  finden  sich  manchmal  von  ungeheurer  Grösse.  So  z.  B. 
derjenige  von  Längacker  oberhalb  Leissigenbad,  welcher  7— SM,  Länge 
auf  3—4  M.  Höhe  beträgt. 


Erst  durch  die  Bauten  der  neuen  Strasse  von  Leissigen 
nach  Aeschi,  ist  die  echte  Flyschnatur  dieser  Region  mit 
Sicherheit  erkannt  worden.  Auch  sein  Vorkommen  hie  und  da 
auf  der  Aeschi-Allmend ,  den  Ginacker-  und  Birchenbergalpen, 
bestätigt  dies.  Erst  von  einer  Linie  aus,  welche  von  Leissigen- 
bad  nach  der  Gräbernspitze  und  nach  Osten  gezogen  würde, 
hätte  man  dann  die  echte  typische  Entwickelung  des  Flysch 
in  unserer  Gegend.  Wir  finden  ihn  hier  besonders  in  den 
zahlreichen  Tobein  auftreten,  welche  von  der  Morgenberghorn- 
kette und  den  Brunni-  und  Gräbernspitzen  gegen  den  See  hin- 
fliessen.  Auf  der  Ramsernalp,  am  Quellengebiet  des  Buch- 
holzbachs, kommt  er  am  schönsten  mächtig  entwickelt  vor; 
so  auch  auf  der  Hornegg  und  unterhalb  der  Brunnispitze ;  da- 
neben noch  mehr  oder  weniger  in  allen  Tobein. 

Was  die  unseren  Flysch  zusammensetzenden  Gesteine  an- 
betrifft, so  sind  es  bei  Weitem  die  grauen  Fucoidenschiefer, 
welche  am  meisten  verbreitet  sind.  Ueberall  sind  sie  zu  finden, 
wo  nur  Flysch  zu  Tage  kommt.  Mehr  untergeordnet  sind  die 
dunklen  quarzreichen  Sandsteine,  welche  sich  bei  der  Verwit- 
terung infolge  ihres  grossen  Eisenreichthums  mit  einer  gelblich- 
braunen Kruste  überziehen.  Wo  sie  auftreten  (Krattiger  Säge, 
auf  der  Strasse  zwischen  Leissigenbad  und  Leissigen ,  am 
Kreuzbach,  Bachtenfall  im  Suldthal),  finden  sie  sich  in  bis 
1  M.  mächtigen  Schichten,  welche  immer  mit  dünneren  Schiefer- 
lagen regelmässig  abwechseln.  Am  Kreuzbach  (Curve  780  der 
Karte)  werden  sie  seit  mehreren  Jahren  als  Pflastersteine  im 
Kleinen  ausgebeutet. 

Unmittelbar  an  die  Nummulitenbildung  angrenzend  und  in 
ihre  analogen  Gesteine  übergehend,  finden  wir  längs  der  ganzen 
Morgenberghornkette  gelblich-braune,  schiefrige  und  leicht  ver- 
witternde Sandsteine,  welche  hauptsächlich  am  Brunni  -  Schaf- 
berg und   in   den  Telliweiden   entwickelt  sind.     Die  strati- 
graphische  Aufeinanderfolge   der  beiden  vorher  besprochenen 
Gesteinsarten  ist  eine  unregelmässige.     Auch  haben  wir  dazu 
sehr   wenige  Aufschlüsse.     Derjenige  des  Bachtenfalls  (wenn 
man  von  den  Suldhäusern  nach  Lauenen  geht)    ist  der  deut- 
lichste.    Wir  finden  hier  von  unten  nach  oben: 
I.  gewöhnliche  graue  Fucoidenschiefer, 
II.   quarzreiche   weissliche  Sandsteine   mit  mehr  oder 
weniger  feinem  Korne, 


8 


III.  gelblich  -  braune ,    glimmerreiche    Sandsteine;  ein 
wenig  schiefrig, 

IV.  gewöhnliche  graue  Fuco'idenschiefer. 

Als  letzte  Gebirgsart  unseres  Flysch  müssen  wir  noch  ein 
Conglomerat  mit  alpinen  Gerollen  anführen,  welches  am  Ende 
der  Krattiger  Halden  gegen  Leissigenbad,  mitten  unter  Schie- 
fern und  Sandsteinen  auftritt.  Als  ein  im  Flysch  sehr  häufig 
vorkommendes  Mineral  sei  hier  des  Schwefelkies  erwähnt, 
welcher  darin  entweder  in  kleineren  eingesprengten  Stücken 
oder  in  grösseren  nierenförmigen  auftritt. 

An  Petrefacten  ist  bekanntlich  der  Flysch  höchst  arm  und 
enthält  ausschliesslich  niedere  Pflanzen.  Von  Thieren  ist  bei 
ihm  keine  Rede.  Er  muss  also  eine  Bildung  sein,  welche  sich 
in  tiefem  und  schlammigem  Wasser  abgesetzt  hat,  und  das 
unter  Verhältnissen,  welche  das  Leben  von  Thieren  unmöglich 
gemacht  haben.    Die  häufigsten  Fucoiden  sind: 

Caulerpites  tenuis  F.-O.  —  Hochlauenengraben  ob  Leissigen. 
Taonurus  Brianteus  F.-O.  —  ßrunni-Schafberg. 
Chondrites  aequalis  Brong.  —  Hochlauenengrab. 

,,       affinis  Brong. 

,,       arbuscula  F.-O. 

,,        expansus  F.-O. 

,,       Fischeri  Heer  (aequalis  F.-O.). 

,,        inclinatus  Sternb.  —  Hochlauenengrab. 

,,       intricatus  Sternb.  —  Fritzenbach  ob  Leissigenbad. 

„        Targioni  Sternb.  —  ,,  ,,  ,, 

Herr  v.  Fischer-Ooster*)    erwähnt    noch    als    von  den 
Umgebungen  von  Leissigen  stammend: 
Münsteria  Schneiden  Göpp. 
Cylindrites  a?'teriaeformis  Göpp. 
.,,        daedaleus  Göpp. 
Drei  Arten,   welche  er  der  Kreide  als  unbestritten  zuzu- 
rechnen glaubt,  weil  sie  von  Göppert   (Nov.  Act.  A.  N.  C., 
XIX.)  zuerst  aus  dem  Quadersandstein  Schlesiens  beschrieben 
worden  sind.     Das  ist  aber  keine  Ursache,  diejenigen  Exem- 
plare,   welche  in  unseren  Alpen  gefunden  wurden,   auch  aus 
der  Kreide   stammen  zu  lassen.      Man   hat  auch  zahlreiche 


*)  Die  fossilen  Fucoiden  der  Schweizeralpen  IS58. 


9 


Beispiele  von  Uebergängen  fossiler  Organismen  aus  der  Kreide 
in  die  Tertiärformation  und  das  besonders  von  niederen  Pflanzen 
(Fucoi'den).  So  hat  z.  B.  von  der  Marck*)  die  Chondrites 
intricatus  und  Targioni  aus  der  oberen  Kreide  Westfalens  be- 
schrieben. Dazu  bestehen  die  Umgebungen  von  Leissigen 
ausschliesslich  aus  Flysch.  Im  Allgemeinen  möchte  ich  nicht 
zweifeln  ,  dass  diese  Exemplare  in  losen  Blöcken  gefunden 
worden  sind ;  denn  nach  dem  äusseren  Facies  des  Gesteins 
zu  urtheilen,  scheinen  sie  mehr  unterjurassisch  (Eisenstein)  als 
cretacisch  oder  tertiär.  Uebrigens  sagt  Schimper**),  dass  diese 
Arten  „des  formes  tout-ä-fait  indechiffrables"  darstellen. 

Im  Ganzen  und  Crosse«  ist  dieses  Flyschmassiv  nach  der 
Morgenberghornkette  orientirt  (hör.  12|  O.).  Auf  der  Aeschi- 
Allmend  fangt  aber  eine  Deviation  nach  Westen  (13f-  W.), 
welche  am  See,  bei  Krattigen  und  Faulensee ,  NW  orientirt 
ist.  Das  Fallen  variirt  ungefähr  von  40  —  50  °.  Am  stärksten 
ist  er  unterhalb  der  kalkigen  Abstürze  des  Morgenberghorns. 
Streichen-  und  Fallanomalien,  welche  unzweifelhaft  mit  Erd- 
rutschungen  oder  localen  Einstürzungen  (offenbar  durch  allmä- 
liche  Auslaugung  des  darunterliegenden  Gypses)  zusammen- 
hängen und  nicht  näher  zu  untersuchen  sind,  befinden  sich 
auf  der  Strasse  von  Leissigen  nach  Aeschi,  über  dem  Leissigen- 
bad  und  am  Abhang  des  Buchholzkopf,  gegen  den  See.  Am 
ersteren  Orte  scheinen  die  Schiefer  deutlich  nach  Norden  zu 
fallen;  am  letzteren  sind  sie  60 — 70°  nach  Süden  geneigt. 

Hand  in.,  Hand  mit  dem  Flysch  haben  wir  noch  den  Gyps 
zu  behandeln,  welcher  in  unserer  Karte  an  zwei  Orten  darin 
auftritt,  an  der  Burgfluh  bei  Faulensee  und  in  der  ganzen 
Gegend  längs  des  Sees,  zwischen  diesem  Dorfe,  Krattigen, 
Aeschi  -  Ried  und  Leissigenbad.  Beide  Vorkommnisse  sind 
ohne  Zweifel  eine  Fortsetzung  von  einander,  wie  Profil  3, 
Taf.  I.  zeigt.  Wie  Prof.  Stüder  ***)  bemerkt,  bilden  sie  höchst 
wahrscheinlich  einen  Theil  der  langen  eocänen  Gypszone, 
welche  sich  von  Thones  in  Savoien  aus,  über  Bexf),  dem  Col 

*)  Palaeontographica,  Juli  1863. 

**)  Paleont.  vegetale  I.  pag  200.  Sapouta  hat  auch  in  der  oberen 
Kreide  von  Biarritz  die  Chondriten  des  Flysch  erkannt. 

***)  Index  etc.  pag.  115. 
f)  Nach  Chavannes  scheint  in  der  That  der  hier  mit  Steinsalz  zu- 
sammen und  in   unmittelbarer  Nähe  des  Lias   auftretende  Gyps  nicht 


10 


du  Pillon,  dem  Engstlenthale,  Mühlenen,  den  Ralligstöcken*), 
dem  fiiswylerstock,  Stanz,  Iberg,  bis  in  den  Vorarlberg  (Um- 
gebung von  Dornbirn)  erstreckt.  Ein  eocenes  Alter  kann  in 
der  That,  für  ihr  Auftreten  auf  unserer  Karte,  nicht  in  Zweifel 
gesetzt  werden.  Wie  aus  den  Profilen  1,  2,  3,  Tafel  I.  leicht 
zu  erkennen  ist,  liegt  dieser  Gyps  deutlich  unter  dem  Flysch; 
ist  aber  älter  als  dieser  und  würde  zwischen  ihm  und  der 
Nummulitenbildung  zu  stehen  kommen.  Er  bildet  ein  Ge- 
wölbe unter  diesem  ,  welches  im  ersten  Steinbruche  der 
Krattiger  Halden  (Profil  4,  Tafel  I.)  sehr  deutlich  zu  sehen 
ist.  In  diesen  Halden  setzt  er  wohl  80  M.  hohe  Fels- 
wände zusammen ,  deren  Mächtigkeit  uns  dann  durch  diese 
Gewölbestructur  erklärlich  wird.  Dieses  also  bewiesene  Alter 
des  Gypses  am  Thunersee  würde  die  Beobachtungen  von  Ern. 
Favre**)  und  Gillieron  ***)  bestätigen,  welche  Lager  ähnlichen 
Alters  aus  den  Umgebungen  von  Iberg  (Schwyz)  und  den 
Waadtländer-  und  Freiburgeralpen  beschrieben  haben.  Sein 
ausschliessliches  triassisches  oder  rhätisches  Alter  in  den  Alpen 
(wie  mehrere  Geologen  es  noch  glauben)  ist  also  beseitigt. 

Das  grössere  Gypsvorkommen  am  See  bildet  eine  lange 
und  schmale  Zone  von  durchschnittlich  |  Kim.  Breite  und 
besitzt  eine  Länge  von  4^  Kim.  Sie  erstreckt  sich  3\  Kim. 
weit  längs  des  Sees,  von  Auf  dem  Schopf  bei  Faulensee  bis 
nach  Leissigenbad.  Da  bildet  sie  eine  plötzliche  Krümmung 
senkrecht  auf  ihre  erste  Erstreckung  und  geht  noch  über 
Fritzenbach  und  Waldweid  \\  Kim.  weit  hinauf  bis  nach 
Hellweid  (978  M.) ,  am  Fusse  der  Aeschi- Allmend.  Dieses 
unerwartete  Einschreiten  des  Gypses  in  das  Flyschmassiv  ist 
mit  zahlreichen  Terrainstörungen  verbunden,  wie  es  überhaupt 
in  der  Nähe  von  solchen  Lagern  in  unseren  Alpen  zu  sein 
pflegt.  So  finden  wir  von  Rothenbühl  an  bis  nach  Hellweid, 
den  Gyps  mehr  einem  sehr  grobkörnigen  Conglomerate  gleichen. 

triasischen,  wohl  aber  eocenen  Alters  zu  sein  (siehe:  Note  sur  le  gypse 
et  la  Corgneule  dans  les  Alpes  Vaudoises  1873). 
*)  Ralligstöcke  1872. 

**)  Archives  Biblioth   univers.  1865;  op.  cit. 
***)  Archives  1872;  Acta  helvet.  1872;   Beitr.  zur  geol.  Karte  der 
Schweiz  12.  Lief.   —   Gillieron  hat  sogar  noch  am  unteren  Theile  des 
Kimme'ridien  der  Freiburgeralpen  einen  neuen  Gyp-horizont  entdeckt  und 
darin  beschrieben. 


Alle  Spuren  der  ursprünglichen  Schichtung  (Beweis  von  Absatz 
aus  Wasser*)),  wie  sie  so  schön  am  See  zu  beobachten  ist, 
sind  verschwunden.  Offenbar  haben  wir  es  hier  mit  einer 
Reihe  von  kleineren  Verwerfungen  und  anderen  Störungen  zu 
thun,  welche  den  Flysch  vom  Gypse  trennen  und  diese  Grenz- 
profile so  so  sagen  zur  Unmöglichkeit  machen. 

Man  kann  wohl  sagen ,  dass  die  Qualität  dieses  Gypses 
mit  seiner  Farbe  variirt  und  von  derselben  abhängt.  So  ist 
er  schön  weiss  und  mehr  oder  weniger  rein  an  den  beiden 
Extremitäten  seines  grösseren  Auftretens,  bei  Auf  dem  Schopf 
und  Leissigenbad,  sowie  auch  an  der  Burgfluh,  wo  er  exploi- 
tirt  wird.  In  seiner  Mitte,  an  den  Krattigen  Halden,  wo  er 
in  drei  Steinbrüchen  ebenso  ausgebeutet  wird,  ist  er  sehr 
unrein,  graulich  bis  dunkelgrau,  bröcklig  und  enthält  ohne 
Zweifel  tbonige  oder  mergelige  Beimengungen.  Hie  und  da 
(Fritzenbach,  Hellweid)  zeigt  er  ein  gröberes  Gefüge,  welches 
fast  ausschliesslich  aus  einzelnen,  mehr  oder  weniger  ausge- 
bildeten Krystalloiden  besteht,  die  alle  die  charakteristische 
vollkommene  Spaltbarkeit  nach  den  Längsflächen  des  Prismas 
besitzen.**)  An  der  Burgfluh  und  bei  Auf  dem  Schopf  scheint 
er  mit  einer  dünnen  Schicht  von  grauer  Corgneule  (Rauhwacke) 
bedeckt  zu  sein.  Wie  bei  allen  Gypsvorkommnissen  findet  sich 
häufig  in  Drusenräumen  oder  Spalten  Schwefel  abgesetzt, 
welcher  durch  die  bekannte  Reduction  des  schwefelsauren 
Kalkes  durch  organische  Substanzen  zur  Bildung  gekommen 
ist.  Noch  erwähnt  Kenngott  (Minerale  der  Schweiz  pag.  37) 
lückenhaft  ausgebildete  Quarzkrystalle. 

Das  Streichen  und  Fallen  dieser  Gypszone  am  See  sind 
die  gleichen  wie  beim  Flysch  (40-50).***)  Bei  der  vorhin  ge- 
nannten Krümmung  nach  Süden  wird  das  Fallen  immer  steiler, 


*)  Trotz  der  neueren  Untersuchungen  von  Cwavannes  und  anderen, 
bin  ich  immer  geneigt,  den  Gyps  als  Wasserabsatz  zu  betrachten;  denn 
obgleich  er  niemals  oder  nur  selten  Petrefacten  enthält,  so  sprechen  immer 
dafür  alle  Verhältnisse  seines  Auftretens. 

**)  Diese  Ausbildung  des  Gypses  wird  es  wohl  sein ,  die  Kenngott 
(Minerale  der  Schweiz  pag.  336)  als  blättrige  bis  strahlige,  zu  stalak- 
titischen Massen  verwachsen,  beschreibt. 

***)  In  dem  Krattiggraben  allein  scheinen  die  Schichten  nach  Norden 
gelegen  zu  sein 


12 


sodass  es  bei  Rothenbühl  zwischen  60 — 70  (anomales  Strei- 
chen NO-SW)  erreicht.  Von  da  an  verschwinden  beide  ver- 
möge der  Terrainstörungen,   die  ich  weiter  oben  erwähnt  habe. 

Als  eine  Folge  dieses  grossen  Gypsreichthums  kann  man 
die  Schwefelquellen  ansehen ,  welche  wir  in  dieser  Gegend 
finden.  Wo  sie  vorkommen,  am  Leissigenbad  (drei  Quellen), 
den  Hochlauenenweiden  und  auf  beiden  Seiten  der  Rarnsernalp, 
treten  sie  aus  Flysch  hervor  und  nicht  unmittelbar  aus  Gyps: 
eine  Thatsache,  welche  nur  vermuthen  lässt,  dass  unser 
Gypslager  sich  noch  weit  unter  dem  Flysch  erstreckt.  Nach 
Urkunden  ist  zu  urtheilen  ,  dass  die  Quelle  von  Hochlauenen 
schon  gegen  1700  als  sogen,  Lämmelibad  bekannt  und  benutzt 
war.  Jetzt  ist  sie  gänzlich  verfallen,  sowie  auch  die  Quellen 
von  Leissigenbad. 

Nummulitenbildung,  auct. 

Wie  der  Flysch ,  so  ist  diese  Formation  auch  zuerst  in 
unseren  Alpen  erkannt  und  festgestellt  worden.  A.  Brongniart 
gehört  das  Verdienst,  zuerst  auf  ihre  Aehnlichkeit  mit  den 
Nummuliten  -  führenden  Schichten  des  Pariser  Beckens  auf- 
merksam gemacht  zu  haben.  So  wurde  ihr  wirkliches  Alter 
erkannt  und  folglich  auch  ihr  stratigraphischer  Horizont  fest- 
gestellt. 

Die  Nummulitenbildung  bildet  vom  Suldthale  aus  bis  nach 
dem  Bödeli,  ein  schmales,  höchstens  10  —  15  M.  mächtiges 
Band  (hie  und  da  zu  4 — 6  M.  zusammengeschrumpft),  welches 
zwischen  dem  Flysch  und  dem  unteren  Theile  der  kalkigen 
Abstürze ,  dem  Seewerkalk ,  liegt.  Wie  Profil  5  Tafel  I.  es 
zeigt,  bietet  sie  uns  ob  der  Brunnialp  interessante  Biegungen 
mit  dem  Seewerkalk,  welche  Th.  Studer  nicht  beobachtet  zu 
haben  scheint  und  die  doch  deutlich  zu  sehen  sind.*)  Eine  Auf- 
lagerung des  Kalkes  auf  dem  Sandstein  (eigentlich  Unter- 
lagerung, wenn  man  bedenkt,  dass  wir  es  hier  mit  einer  über- 
worfenen  Kette  zu  thun  haben),  wie  sie  von  Studer  angegeben 
wird,   ist  wohl  schwerlich  zu  beweisen  wegen  der  zahlreichen 


*)  Ein  Theil  der  Felsen,  die  an  der  Strasse  von  Leissigen  nach  Där- 
ligen  stehen,  gehören  der  Numniulitenbildung  an.  Ihr  vielfaches  Schichten- 
fallen, sowie  auch  ihre  anomale  Lage  beweisen  genug,  dass  sie  nicht 
anstehend  sind. 


Schuttmassen,  die  den  unteren  Theil  der  Felsabstürze  gänzlich 
bedecken.  Damit  ist  aber  nicht  gesagt,  dass  diese  Beobach- 
tung falsch  sei.  Sandsteine  und  Kalk  enthalten  zahlreiche 
Nummuliten  nebst  einigen  seltenen  Pelecypoden.  Was  ich 
darin  aufgelesen,  ist: 

Dentalium  sp.  ?  —  Därligen. 

Fimbria  sp.?  —  Därligen. 
*,)Avicula  fragilis  Dfr.  —  Därligen. 

*  ,,      transversa  —  Därligen. 

*  Sphenia  cuneiformis  —  Därligen. 

*  Pecien  escharoides  —  Därligen. 

*  ,,      solea  Dsh.  —  Därligen. 
,,      sp.?  —  Brunnischafberg. 

*  Ostrea  cubitus  Dsh.  —  Därligen. 

*  ,,      cyathula  Lk.  —  Därligen. 

*  Nummulina  Biarritzensis  Arch.  —  Därligen. 

*  ,,         Ramondi  Dfr.  —  Leissigengrat. 

,,         intermedia  Arch.  —  Brunnischafberg. 

nummularia  Orr.  —  Brunnischafberg. 
„         Fortisi  Arch.  —  Brunnischafberg. 
,,         sella  Arch.  —  Brunnischafberg. 
,,         striata  Orr.  —  Brunnischafberg. 
Orbitoides  discus  Rüt.  —  Brunnischafberg. 

,,        papyraceus  Botjr.  —  Därligen,  Leissigengrat, 
Brunnischafberg. 

Wohl  aber  ist  diese  Auflagerung  auf  der  nördlicher  Seite 
des  Sees  zu  sehen,  bei  den  Felsen  vom  Bösen  Rath*)  und  Wi- 
deli  von  Oestrich,  welche  Leissigen  gegenüberstehen  und  noch 
auf  unserer  Karte  verzeichnet  sind.  Bei  dem  Profile  1  t.  2., 
was  ich  der  .Arbeit  von  E.  Favre**)  entnehme,  sehen  wir  auf 
der  rechten  Seite  des  Nasethaies ,  zwischen  dem  Urgon  und 
dem  Nummulitensandstein ,  den  zu  dieser  Formation  gehörigen 
Kalk  anstehen,  welcher  sich  noch  eine  Weile  an  den  Felsen 
am  See  nach  Osten  fortsetzt.  Dieser  ist  wie  derjenige  der 
Morgenberghornkette  voll  Nummuliten,     Darauf  lagert  sehr 


')  Die  mit  einem  *  bezeichneten  Arten  befinden  sich  im  Museum 
zu  Bern. 

*)  Siehe  Rütimeyrr  :  Schweiz.  Nummulitenterrain  1850  pag.  46. 
**)  Ralligstöcke  etc.  1872. 


14 


regelmässig  der  Sandstein,  welcher  an  der  Basis  mehr  oder 
weniger  feinkörnig,  gegen  seinen  oberen  Theil  ein  immer 
grösseres  Korn  besitzt,  das  ihm  das  Aussehen  eines  kleinkör- 
nigen Conglomerats  giebt.  An  Petrefacten  ist  er  sehr  reich, 
besonders  wenn  er  feinkörnig  ist;  mit  der  Grösse  des  Korns 
verschwinden  sie  dann  allmälig.  Es  finden  sich  darin  haupt- 
sächlich : 

Dentalium  strangulatum  Dsh. 
Spondylus  subspinosus  Auch. 
Eschara  cfr.  chartacea  Arch. 
Nummulina  intermedia  AßCH. 

„         exponeus  Sow. 

,,         contorta  Dsh. 

,,        striata  Orb. 

„         (Assilina)  planospira  Boub. 

Seewerkalk  (obere  Kreide)  Lüsser*)  1825. 

Dieses  Gebilde  bildet  den  Anfang  der  hohen  Felsabstürze, 
welche  die  Morgenberghornkette  gegen  Norden  charakterisiren 
und  vom  See  aus  so  schön  und  malerisch  aussehen.  Seine 
Mächtigkeit  kann  wohl  circa  20  M.  erreichen.  Unten  finden 
sich  gewöhnlich  dünngeschichtete,  oft  schiefrige  Kalksteine  und 
Kalkmergel ,  welche  äusserlich  weiss  und  auf  frischem  Bruche 
weisslichgrau  erscheinen.  Sie  sind  gänzlich  petrefacteulos. 
Drüber  kommt  der  eigentliche  Seewerkalk  vor,  d.  h.  mehr 
oder  weniger  mächtige  Bänke  von  compactem,  weissgrauem 
Kalk,  der  durch  seinen  Reichthum  an  Foraminiferen  ausge- 
zeichnet ist.  Th.  Stüder  erwähnt  daraus  Lagenen,  Nodosarien 
und  Nonioninen,  sowie  auch  eine  Gryphaea  (Fuss  vom  Abend- 
berg). Ausserdem  fand  ich  darin  eine  Röhrenkoralle,  Phyllo- 
coenia  striata  (Mich.)  Orb.  am  Brunnischafberge. 

Die  schiefrigen  Kalkmergel  finden  sich  schön  entblösst 
ob  der  Brunnialp  (wo  sie  an  den  vorher  genannten  Biegungen 
mit  dem  compacten  Kalk  und  der  Nummulitenbildung  theii- 
nehmen;  siehe  Profil  5  Taf.  I.)  und  am  Wege,  welcher  längs 

*)  Geognostische  Forschung  und  Darstellung  des  Alpendurchschn. 
vom  St.  Gotthard  bis  Arth  am  Zugersee.  —  Von  MöUSSON  wie  in 
Studku's  Index  angegeben. 


der  Bödelibahn  gebt,  von  Därligen  nach  Wagneren  und  Wil- 
derswyl.  Der  eigentliche  Seewerkalk  ist  überall  zu  sehen  und 
ausser  durch  seine  Facies,  auch  durch  seine  stratigraphische 
Lage  zwischen  der  Numuaulitenbildung  und  dem  petrefacten- 
reichen  Gault  leicht  erkenntlich. 

Gault  de  la  Beche,  Sow.,  Fitton. 

Für  den  Stratigraphen  ist  der  Gault  eine  vortreffliche 
Bildung.  Wo  sie  auch  vorkommt,  ist  man  immer  sicher,  Pe- 
trefacten  darin  zu  finden  nnd  sie  als  solche  zu  bestimmen. 
Sie  bietet  uns  also  einen  sehr  guten  und  festen  Anhaltspunkt 
dar,  zur  weiteren  Bestimmung  der  darüber  und  darunter  lie- 
genden Terrains.  Man*  kann  auch  sagen,  dass  sie  für  den 
Palaeontologen  eine  der  wenigen  lohnenden  Formationen  unserer 
Alpen  ist.  Wie  Th.  Studer  richtig  bemerkt,  so  bildet  unser 
Gault,  vom  Thunersee  aus  gesehen,  ein  röthliches  Band,  wel- 
ches ungefähr  in  der  Mitte  der  Felsabstürze  der  Morgenberg- 
hornkette zu  liegen  kommt.  Diese  Farbe,  welche  nur  eine 
äussere  ist,  rührt  ohne  Zweifel  von  der  Oxydation  der  Glau- 
conitkörnchen  her,  welche  bekanntlich  dieses  Gestein  erfüllen; 
daher  nennt  sie  Studer  nicht  ohne  Ursache  eine  Verwitte- 
rungsrinde.  Dieses  Gaultband  ist  besonders  zu  oberst  am 
Brunnischafberge  und  bei  der  Aarbrücke  unterhalb  der  Heim- 
wehfluh zu  sehen.*)  An  diesen  zwei  Stellen  ist  er  sehr  petre- 
factenreich.  Seine  Mächtigkeit  erreicht  am  ersteren  Orte  ge- 
gen 15  Mm.,  am  letzteren  7  bis  8.**)  Hier  findet  sich  fol- 
gendes Profil  der  ihn  zusammensetzenden  Schichten  (von  unten 
nach  oben): 

1.  Compacter  Seewerkalkstein. 

2.  Schiefriger  Seewerkalk,  6  M. 

III.  Dunkler  Kalk  ohne   oder   mit  sehr  seltenen  Petre- 
facten,  1  M. 


*)  An  der  Schweinflah,  ob  Lauenen  im  Suldthale,  kommt  er  wieder 
deutlich  zum  Vorschein. 

**)  Zwischen  dem  eigentlichen  Gault  und  der  Seewerformation  er- 
wähnt Tu.  Studer  einen  grünen,  grobkörnigen  Sandstein  mit  kohligen 
Partieen,  der  weiter  nach  Osten  nicht  mehr  nachzuweisen  ist.  Wo  er 
aber  vorkommt,  sagt  er  nicht.  Für  meinen  Theil  habe  ich  eine  solche 
Bildung  nirgends  angetroffen. 


16 


IV.  Grünlicher  Sandmergel,  5  Cm, 
V.  Dunkelgrüner  Kalk  mit  zahlreichen  Petrefacten,  J  M. 

VI.  Dunkelgrüner  Kalk,  ein  wenig  sandig  und  ohne  Pe- 
trefacten. Gegen  oben  wird  er  schwärzlich,  sehr  hart 
und  bröcklig,  6  M. 

7.  Grauer  Kalk  mit  splittrigem  Bruche  und  ohne  Petre- 
facten (Aptien?),  20  M. 

8.  Späthiger  grauer  Kalk  mit  zahlreichen  Caprot.  ammonia 
(ürgon). 

Es  ist  merkwürdig  zu  sehen ,  wie  bei  einer  verhältniss- 
mässig  schönen  Entwickelung  des  Terrains,  die  Petrefacten 
so  auf  eine  einzelne  dünne  Schicht  beschränkt  sind  und  sich 
da  in  ungeheurer  Menge  vorfinden.  ^Denn  nicht  nur  an  der 
Aare  habe  ich  diese  Verhältnisse  gefunden  ,  sondern  auch  ob 
dem  Brunnischafberge ,  wo  ich  unter  der  Führung  des  be- 
kannten Petrefactensammlers  Gottl.  Tschak  von  Merligen 
auch  diese  Localität  ausgebeutet  habe. 

Die  Liste  der  Petrefacten,  welche  ich  mit  ihm  sowohl  au 
der  Aare  als  auch  an  diesem  letzteren  Orte  aufgelesen,  ist 
folgende: 

* 1  j  Odontaspis  gracilis  Ag.  —  B.*) 

*  Lartina  sp.  ?  —  B. 

*  Serpula  antiquata  Sow.  —  B. 
Belemnites  minimus  List.  —  D.,  B. 
Nautilus  bifurcatus  Oost.  —  D. 

,,       Boucliardi  Orb.  —  D.,  B. 

*  ,,       Clementi  Orb.  —  B. 
Ammonites  Agassizi  Pict.  —  D. 

,,        Beudanti  Orb.  —  D. 
,,        Bouchardi  Orb.  —  D. 
,,        Deluci  Brong.  —  B. 
,,        Denarius  Sow.  —  D. 
,,        Dupini  Orb.  —  B. 


l)  Die  mit  einem  *  bezeichneten  Arten  befinden  sich  im  Museum 
von  Bern  und  sind  mir  dieselben  von  den  Herren  v.  Fische r-Ooster  und 
Prof.  Bachmann  gütigst  zur  Ansicht  vorgelegt  worden,  wofür  ich  ihnen 
hier  meinen  Dank  aussprechen  möchte. 

*)  B.  bezeichnet  den  Fundort  von  Brunnisehafberg,  D.  denjenigen  an 
der  Aare  und  L.  vereinzelte  Funde  am  Leissigengrat. 


17 


Ammonites  Emeriti  Rasp.  —  B. 

Hugardi  Orb.  —  D. 
inflatus  Sow.  —  D. 
,,        latidorsatus  Mich.  —  B. 

mamülatus  Sohl.  —  L. 
,,        May  ort  Orb.  —  D. 

*  „        Parandieri  Orb.  —  B. 
„        quercifolius  Orb.  —  D. 

*  ,,        splendens  Sow.  —  B. 
,,        striatisulcatus  Orb.  —  B.,  D. 
„        varians  Sow.  —  D. 

varicosus  Sow.  —  D. 

*  ,,        Velledae  Mich.  —  B. 

*  ,,        Raulini  Orb.  —  B. 
Aptychus  cfr.  Studeri  Oost.  —  D. 

„       cfr.  Didayi  Gieb.  —  D. 
Turrilites  catenatus  Orb.  —  D. 

*  Mayori  Orb.  —  B. 
Vibray ei  Orb.  —  D. 

Hamites  attenuatus  Sow.  —  D.,  B. 
„      rotundus  Sow.  —  D.,  B. 

*  „      Raulini  Orb.  —  B. 
Rostellaria  Orbignyi  Pict.  —  D. 

„         Parkinsoni  Mast.  —  D. 
„         retusa  Orb.  —  D.,  B.,  L- 
Natica  Dupini  Leym.  —  D. 
,,      Gaultina  Orb.  —  B. 

*  Turritella  sp.?  —  B. 
Solarium  dentatum  Orb.  —  D. 

,,        granosum  Orb.  —  B. 

*  „       sp.?—  B. 
Turbo  Rothomagensis  Orb.  —  D. 

*  „     sp.?  -  B. 
Trochus  Marroti  Orb.  —  D. 
Pleurotomaria  Gibbsi  Orb.  —  D.,  L. 

,,  lima  Orb.  —  B. 

*  „  Itieri  Pict.  u.  Rx.  —  L. 

*  Rouxi  Orb.  —  B. 

*  ,,  Saussur  ei  Pict.  u.  Rx.  —  B. 

*  Acmea  Gaultina  Pict.  u.  Rx.  —  D. 

Zeits.d.D.geol.  Ges.  XXVII.  1.  2 


18 


Dentalium  Bhodani  Pict.  u.  Rx. 
Pholadomya  sp.  ?  —  B. 
Astarte  Brunneri  —  B. 
Lucina  Arduennensis  Orb.  —  B. 

*  Lima  Itieri  Pict.  u.  Rx.  —  D. 
Nueula  pectinata  Sow.  —  D. 

,,      bivirgata  Fitt.  —  D. 

*  „      sp.?  —  L. 

Inoceramus  concentricus  Park.  —  D.,  B. 
,,         Salomoni  Orb. 

sulcatus  Park.  —  D. 

*  Plicatula  sp.  ?  —  L. 

*  Ostrea  Paulini  Orb.  —  B. 

*  terebratuli/ormis  Coq.  —  B. 
Terebratula  biplicata  Sow.  —  B. 

„         Dutemplei  Orb.  —  B. 
„         Lemaniensis  Pict.  u.  Rx.  —  B. 
,,         Moutoni  Orb.  —  B. 
PhyncJionella  antidicTiotoma  Orb.  —  B. 

„  decipiens  Orb.  —  B. 

,,  Gibbsi  Dav.  —  B. 

,,  sulcata  Orb.  —  B. 

*  Beptomulticapa  sp.  ?  —  B. 

*  Peptomultipora  sp.  ?  —  B. 

*  Semieschara?  sp.  ?  —  B. 
Discoidea  sp.? 

*  Pseudodiadema  Brongniarti  Ag.  —  B. 
Cidaris  gibberula. 

Wie  aus  diesem  Verzeichnisse  leicht  zu  ersehen  ist ,  sind 
die  zwei  vorhergenannten  Fundorte  ziemlich  reich  an  Arten 
und  Gattungen.  Am  Brunnischafberg  sehen  wir  hauptsächlich 
eine  Menge  von  Brachiopoden ,  welche  an  der  Aare  gänzlich 
fehlen.  Hier  sind  aber  die  Cephalopoden  und  Gastropoden 
weit  häufiger. 


Schrattenkalk*),  Studer  1834.**) 
(Aptian  Mayer's***)  1872;  Urg-Aptien  CoQUAMD'sf)  1866). 

Diese  in  den  Alpen  so  charakteristisch  und  mächtig  ent- 
wickelte Formation  lässt  sich  überall  durch  ihre  Petrefacten 
deutlich  und  leicht  erkennen.  Sie  besteht  aus  mächtigen, 
grauen  bis  dunkelgrauen  Kalkbänken ,  welche  meist  von  Be- 
quienia  ammonia  dergestalt  erfüllt  sind,  dass  sich  auf  den 
Schichtflächen  oder  Schichtenköpfen  zahlreiche  Durchschnitte 
davon  zeigen ,  welche  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  Hiero- 
glyphen besitzen;  daher  der  dieser  Bildung  gegebene  Name 
von  Lüsser  (Hieroglyphenkalk).  Diese  bilden  die  Hauptmasse 
der  nördlichen  Felsabstürze  der  Morgenberghornkette,  wohl  in 
einer  Mächtigkeit  von  50  —  60  M.  Ausser  der  Beq.  ammo- 
nia Orb.,  welche  besonders  reichlich  an  den  Felsen  unterhalb 
der  Heimwehfluh,  an  der  Aare,  vorkommt,  enthalten  sie  noch 
wenige  andere  Petrefacten.  Th.  Stüder  citirt  Beq.  Lonsdali 
Orb.  (carinata  Math.),  Badiolites  sp.  und  Nerinea  sp.  Im 
Museum  zu  Bern  fand  ich  noch : 

Serpula  antiquata  Sow. 

Natica  sp.  ?  —  Brunnischafberg. 

Nerinea  Benauxi  Orb.  —  Brunnischafberg,  Därligengrat. 

„      gigantea  d'Homb.  -  Firm.  —  Därligengrat. 
Monopleura  Michaülense  Pict  u.  Camp.  —  Därligengrat. 

In  einem  kleineren,  alten  Steinbruche  am  Eintritt  der 
Wagnerenkluse  gegen  Interlaken  fand  ich  obenan  eine  fuss- 
dicke Schicht,  welche  von  einer  cylinderartigen ,  länglichen 
Auster  mit  ziemlich  dicker  Schale  erfüllt  war,  die  ich  0.  inter- 
lacustris  Trib.  nenne. 


*)  Schratten  oder   lapiaz  heissen  bekanntlich  unregelmässige 
Vertiefungen  und  Erhöhungen,  welche  sich  in  Kalkgebirgen  befinden,  in 
Höhen  von  6  —  7000  Fuss,  wo  der  Schnee  lange  liegt.    Es  ist  ein  offen- 
bar auf  chemischer  Wirkung  beruhendes  Phänomen ,   wobei  das  stark 
sauerstoffhaltige  Schneewasser  (21  pCt.  Säuerst,  in  der  Luft;  24 — 30  pCt. 
im  Schneewasser)    mit  dem  Kohlenstoff  des  mehr  oder  weniger  reinen 
Kalksteins  verbunden,  das  auflösende  Princip  bildet. 
**)  Leonh,  Jahrb.  pag.  512. 
***)  Tabl.  synchron,  terr.  cretaces. 
f)  Bull.  Soc.  geologique  de  France,  pag.  560. 

2* 


20 


Was  nun  das  Aptien  oder  die  Orbitulinenschichten  (0.  len- 
ticularis Orb.)  anbetrifft,  welche  Th.  Studer  in  seiner  Be- 
schreibung anführt,  so  habe  ich  kurz  zu  bemerken,  dass  ich 
sie  nirgends  habe  beobachten  können  ,  ausser  im  weiter 
oben  angeführten  Profile  des  Gault,  wo  sie  durch  die  grauen 
Kalke  mit  splittrigem  Bruche  am  Ende  möchten  vertreten 
sein.*)  Sie  würden  dann  regelmässig  an  den  oberen  Theil  des 
Schrattenkalkes  und  unterhalb  des  Gault  zu  liegen  kommen. 
Wir  hätten  also  hier  eine  Ausnahme  von  der  Regel;  denn  in 
den  Alpen  scheint  im  Allgemeinen  das  Aptien  keine  selbst- 
ständige Stufe  zu  bilden.  Es  liegt  nämlich  meist  zwischen 
zwei  Schrattenkalkhorizonten ,  von  denen  der  untere  durch 
Beq.  ammonia,  der  obere  durch  Beq.  Lonsdali  chararakterisirt 
wird.  So  fasst  Baltzer**)  unter  dem  Namen  Urgonien  (Aptian 
Mayer's),  die  drei  folgenden  Stufen  zusammen: 

Unterer  Caprotinenkalk  (Urgonien  d'Orbigny's). 
Orbitulinaschichten  (Aptien  Orb.  ;  Apt.  inf.  Trib.). 
Oberer   Caprotinenkalk  (Lopperbergschichten    Mayer's  ; 
Aptien  sup.  ***)  Trib.). 

Aus  den  Untersuchungen  von  LoRYf)  und  Kaufmann  ff) 
geht  dasselbe  ebenfalls  hervor. 

Dieses  Verhältniss  des  Aptien  in  den  Alpen  ist  sehr  ver- 
schieden von  demjenigen  des  Jura,  wo  diese  Stufe  immer 
selbstständig  zwischen  dem  Urgonien  und  dem  Albien  (Gault) 


*)  In  seinem  Catalogue  Cephalop.  des  Alpes  Suisses  1861  p.  132, 
citirt  Ooster  Am.  Cornueli  Orb.,  eine  entschiedene  Art  aus  dem  Aptien, 
von  den  Umgebungen  von  Leissigenbad,  wo  nichts  von  Schrattenkalk  zu 
finden  ist.  Sie  rührt  offenbar  aus  einem  losen  Blocke  her,  welcher 
von  den  weiter  oben  anstehenden  Felsen  der  Morgenberghornkette 
heruntergekommen  ist.  —  Dass  aber  die  Orbitulinenschichten  stellenweise 
in  unserer  Kette  vertreten  sind,  will  ich  nicht  läugnen,  denn  ich  fand 
bei  den  Arbeiten  an  der  Strasse  von  Leissigen  nach  Aeschi  einen  dunkel- 
farbigen Block  ganz  erfüllt  von  Orbitulinen. 
**)  Der  Glärnisch  etc.  pag.  27. 
***)  Diesen  Unterschied  zwischen  unterem  und  oberem  Aptien  in  den 
Alpen  glaube  ich  nur  machen  zu  können,  um  eine  Parallelisirung 
der  beiden  (alpinen  und  jurassischen)  Facies  zu  ermöglichen.  Bei  dieser 
letzteren  finden  sich  nämlich  die  Orbitulinen  immer  auf  die  untere  Zone 
(Rhodanien  v.  Renevikr)  beschränkt. 

f)  Descript.  geolog.  du  Dauphine,  1860,  pag.  308. 
ff)  Beitr.  z.  geolog.  Karte  der  Schweiz,  11.  Lief.  1872. 


auftritt.  Ihr  unterer  mergeliger  Theil  ist  hier  ausser  zahl- 
reichen anderen  Arten  durch  Orbitulina  lenticularis  charakte- 
risirt;  der  obere  sandige  möchte  vielleicht  dem  oberen  Capro- 
tinenkalk  der  Alpen  entsprechen. 

Neocom,  Thürmann  1835. 

Diese  in  den  Alpen  so  weit  verbreitete  Bildung  ist 
bis  jetzt  noch  nicht  so  genau  untersucht  und  bekannt,  wie  sie 
es  ihrer  stratigraphischen  und  paläontologischen  Wichtigkeit 
wegen  sein  sollte.  Von  Montmollin*)  zuerst  im  Jura  entdeckt 
und,  man  kann  sagen,  heute  da  durch  und  durch  studirt  und 
bekannt,  ist  sie  fast  gleichzeitig  von  dem  scharfsinnigen  Escher 
von  der  Linth  in  den  Alpen  nachgewiesen  worden,  und  bevor 
man  noch  im  Jura  den  Unterschied  zwischen  Valanginien 
(Desor  1854)  und  eigentlichem  Neocom  festgestellt  hatte,  war 
ihm  der  verschiedene  Habitus  des  Kieselkalkes  (und  Altmann- 
schichten **))  und  der  Drusbergschichten***)  (Knollen»  oder 
Coulonischichten  Kaüfmann's)  schon  aufgefallen.  Diese  Tren- 
nung des  Neocoms  in  zwei  Stufen  ist  überall  in  den  Alpen 
auch  leicht  vorzunehmen,  wo  diese  Bildung  auftritt.  Selbst  in 
den  Freiburger  Alpen ,  wo  Gillieron  f )  mit  der  grössten  Ge- 
wissenhaftigkeit fünf  verschiedene  Stufen  darin  unterscheidet, 
ist  sie  leicht  einzusehen. 

Nächst  der  weiter  zu  besprechenden  Eisensteinbildung  ist 
das  Neocom  die  am  besten  entwickelte  Stufe  der  Morgenberg- 
hornkette. Sie  reicht  ununterbrochen  vom  Suldthale  bis  nach 
dem  Hotel  Jungfraublick,  am  Nordfusse  des  kleinen  Rügens. 
Vom  Morgenberghorn  bis  nach  dem  Abendberg,  mehr  oder 
weniger  auf  eine  schmalere  Zone  beschränkt,  erweitert  sie 
sich  allmälig  über  den  Fuss  des  grossen  Rügens,  die  Wagne- 
ren  und  den  kleinen  Rügen. 

Am  Morgenberghorn  bildet  das  Neocom  einen  grossen 
Theil  seiner  mit  Trümmern  bedeckten  Gehänge  gegen  Westen 
und  Südwesten.    Unterhalb  des  Leissigengrat  und  des  grossen 

*)  Mem.  Soc.  sc.  natur.  de  Neuchätel  I.  pag.  49. 

**)  Nach  dem  Vorkommen  am  Altmann  (ein  Glied  der  Sentisgruppe), 
im  Canton  Appenzell,  so  benannt. 

***)  Nach  dem  Vorkommen  am  Drusberg,  im  Canton  Schwyz,  so 
benannt. 

|)  Beiträge  zur  geolog.  Karte  der  Schweiz. 


22 


Rügens  ist  es  auch  deutlich  aufgeschlossen.  Am  besten  ist 
es  aber  zu  sehen  in  der  Wagneren  ,  auf  der  Strasse,  die  auf 
der  Nordseite  des  kleinen  Rügens  geht,  und  in  den  Felsen, 
welche  sich  im  Walde  zwischen  dem  Jungfraublick  und  der 
Restauration  Waldeck  befinden.*) 

Ueber  die  gesammte  Mächtigkeit  dieser  Bildung  kann  ich 
leider  genauer  nichts  angeben;  sie  möchte  jedoch  wohl  20  bis 
30  M.  betragen. 

Von  den  Unterabtheilungen  des  Neocoms  finden  sich  allein 
der  Kieselkalk  und  die  Drusbergschichten  deutlich  entwickelt. 
Beide  finden  sich  an  den  oben  bezeichneten  Orten;  der  erste 
aber  hauptsächlich  an  den  Felsen  am  Jungfraublick.  Was 
nun  die  Altmannschichten  anbetrifft,  welche,  wo  sie  vorkom- 
men, diese  zwei  Stufen  von  einander  trennen  und  durch  ihre 
seltenen  Petrefacten  (Collyrites  Ovulum,  Echinospatagus  cordiformis 
Breymus  var.,  Sentisianus  Desor)  eher  dem  Valanginien  entspre- 
chen, also  mehr  oder  weniger  mit  dem  Kieselkalk  zu  vereinigen 
sind,  so  habe  ich  sie  nirgends  antreffen  können.  Bei  ihrer 
geringen  Mächtigkeit  in  den  von  uns  nördlich  gelegenen  Lu- 
zerneraipen (nach  Kaufmann  haben  sie  am  Pilatus  1 — 3  M.)  darf 
es  uns  nicht  wundern,  wenn  wir  sie,  in  unserem  sonst  wenig 
aufgeschlossenem  Gebiete,  nicht  bemerkt  haben.  Wenn  sie  am 
Altmann  100  —  200  M.  (nach  Escher)  mächtig  sind  und  am 
Pilatus  nur  noch  1 — 3  M.,  so  wird  es  sehr  wahrscheinlich  sein, 
dass  sie  sich  von  da  aus  nach  Süden  allmälig  ausgekeilt  haben. 

Ueberall  ruht  der  Kieselkalk  auf  dem  eigentlichen  Neo- 
com**),  wie  es  Profil  9  Taf.  I.  zeigt.  Er  besteht  aus  dunklen, 
sehr  harten  und  kieselreichen  Kalkbänken,  welche  eine  Mäch- 
tigkeit von  15 — 20  M.  erreichen  und  ausschliesslich  den  Echi- 
nospatagus cordiformis  Breyn.  ***)  in  grösserer  Anzahl  enthalten. 
Die  verwitterte  Aussenfläche  ist  graugelb  oder  bräunlich,  thonig 
oder  schwammig.  Diese  Kalksteine  sind  leicht  mit  ähnlichen 
der  Eisensteinbildung  zu  verwechseln ,  welche  einen  ganz  ana- 
logen Habitus  besitzen. 

Die  Drusbergschichten   besitzen   an  ihrem  oberen  Theile 

*)  Ein  Theil  der  Felsen,  die  an  der  Strasse  von  Leissigen  nach  Där- 
ligen  stehen,  sind  entschieden  Neocom.  Ihre  anomale  Lage  zeigt,  dass 
sie  nicht  anstehend  sind. 

**)  Eine  Folge  dieser  grossartigen  Ueberstürzung ;  sonst  umgekehrt. 
***)  Siehe  Stoder  :  Geol.  d.  westl.  Alpen,  pag.  83;  Geol.  d.  Schweiz 
II.  pag.  67  u.  169. 


23 


(gegen  den  Schrattenkalk)  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  den 
hydraulischen  Kalkbänken  der  Effingerschichten  (mittlerer  Ox- 
ford) des  Jura,  so  z.  B.  am  Morgenberghorn,  Leissigengrat, 
Rothenegg  und  Rothenfluh,  am  Nordfusse  des  kleinen  Rügens. 
Es  sind  dunkle ,  dünngeschichtete  Kalke ,  welche  mit  grauen 
Mergelbänken  regelmässig  abwechseln.  Zwischen  diesen  und 
dem  Kieselkalk  gelegen ,  finden  sich  dann  ebenfalls  dunkle, 
sandigthonige  und  bröcklige  Kalke ,  woraus  Th.  Stüder  auch 
den  Echinospatagus  coi'diformis  citirt.  *)  In  der  Wagneren  sind 
sie  sehr  gut  aufgeschlossen. 

Eisensteinbildung**),  Stüder  1867.***) 

Mächtige,  harte  und  dunkle  Kalksteine  und  Schiefer  ohne 
Petrefacten  bilden  die  Decke  und  den  südlichen  Abhang  der 
ganzen  Morgenberghornkette.  Nach  ihrer  Lage  auf  Neocom 
schliesst  Th.  Stüder,  dass  es  nur  oberer  Jura  sein  könne. 
Diese  im  Berner  Oberlande  weit  verbreitete  Bildung  (aus  ihr 
ist  das  ganze  Gebirge  zwischen  Lauterbrunnen  und  Grindel- 
wald zusammengesetzt,  sowie  auch  die  Scheidegg;  sie  findet 
sich  ferner  am  Schilthorn  und  im  Engethal  oberhalb  Mürren 
etc.)  ist  eigentlich  sehr  wenig  studirt  worden  und ,  ich  kann 
sagen ,  noch  nicht  bekannt.  Es  ist  ein  Verdienst  von  Prof. 
Stüder,  auf  sie  zuerst  aufmerksam  gemacht  und  sie  noch  ferner 
studirt  zu  haben.  In  seiner  Geologie  der  Schweiz,  II.  pag.  96 
fasst  er  diese  Bildung  als  einen  besonderen  Habitus  der 
Nummulitenformation    auf.     Er   sagt:     ,,die   mächtige  Folge 


*)  In  seinem  Cat.  Cephalop.  Alpes  Suisses,  1857  u.  1861,  pag.  22 
und  103,  citirt  Ooster  Belemn.  pistilliformis  und  Ammon.  Grast  aus  den 
Umgebungen  von  Leissigenbad  und  Därligen.  Dass  diese  Exemplare  aber 
in  anstehendem  Gestein  gefunden  wurden,  davon  ist  keine  Rede ;  denn  an 
diesen  Localitäten  kommt  kein  Neocom  zum  Vorschein.  Es  ist  wahr- 
scheinlich ,  dass  sie  von  losen  Blöcken  herrühren,  welche  von  den  weiter 
oben  anstehenden  Neocomschichten  heruntergekommen  sind.  Nach  der 
Aussage  von  Prof.  Stiider  hat  eben  deswegen  Bachmann  in  der  neuen 
Ausgabe  der  geologischen  Karte  der  Schweiz  die  Gegend  am  südlichen 
Ufer  des  Thunersees  als  Kreide  bezeichnet.  Ich  habe  am  Anfange  dieser 
Arbeit  diesen  Irrthum  schon  besprochen. 

**)  Wegen  der  Festigkeit  und  schweren  Zersprengbarkeit  der  sie 
zusammensetzenden  Gesteine  im  Lande  so  benannt 

***)  Erläuter.  zur  2ten  Ausgabe  der  geolog.  Karte  der  Schweiz, 
Wintertb.  1869;  Bull.  Soc.  geolog.  France,  December  1867, 


24 


schwarzer ,  grauer  und  brauner  Quarzite,  Quarzsandsteine  und 
verwachsener  Gemenge  von  Quarzit  und  schwarzem  Thon- 
schiefer, welche  in  muldenförmiger  Auflagerung  die  oberste 
Masse  des  Gebirges  zwischen  Lauterbrunnen  und  Grindelwald 
bildet,  wird  wohl  unserer  Nummulitenformation  beizuordnen 
sein".  Es  waren  hier  hauptsächlich  zwei  Profile,  bei  Rosenlaui 
und  Murren  (wo  diese  Eisenquarzite  der  Nummulitenbildung 
aufgelagert  zu  sein  scheinen),  welche  unsern  grossen  Gelehrten 
zu  diesem  falschen ,  aber  jedoch  äusserst  schweren  Resultate 
führten.  Noch  lange  wurde  die  Eisensteinbildung  als  diesem 
Horizonte  angehörend  angesehen.  Endlich  und  nach  mühe- 
vollem Suchen  gelang  es  K.  v.  Tscharner,  einem  Schüler 
Studer's  ,  ein  Paar  schlecht  erhaltene  Petrefacten  {Amnion. 
Murchisonae,  Belemn.  canaliculatus,  Trigon.  costata)  am  Scheidegg- 
gasthofe darin  zu  entdecken.  Nachher  fand  Prof.  Stüder  im 
Engethal  (am  Schilthorn)  noch  Steinkerne  von  Anatina  und  am 
Längenberg  Astarten ,  welche  ganz  den  Habitus  von  unter- 
jurassischen Arten  besitzen. 

Somit  war  unsere  Bildung  vom  Eocen*)  zum  unteren 
Jura  gewandert.  Wie  Stüder  sagt,  bieten  die  hieraus  sich 
ergebenden  Lagerungsverhältnisse  schwer  zu  lösende  Räthsel 
dar.  „Die  hohen  Terrassen,  in  denen  die  Gebirge  vom  Wetter- 
horn und  der  Jungfrau  schroff  nach  dem  Brienzer-  und  Thuner- 
see  abfallen,  lassen  auf  gewaltige  Verwerfungen  schliessen." 

Wie  schon  aus  dem  Vorigen  zu  ersehen  ist,  haben  wir  in 
der  Eisensteinbildung  eine  höchst  petrefactenarme  Formation, 
ein  Umstand,  der  die  Feststellung  ihres  stratigraphischen  Hori- 
zontes bedeutend  erschwert  hat.  An  der  Iseltenalp,  unterhalb 
der  Scheinigen-Platte,  treffen  wir  jedoch  den  einzigen  bis  jetzt 
bekannten,  typischen  und  ächten  Fundort  unserer  Stufe.  Von 
Escher,  meinem  unvergesslichen  Lehrer,  entdeckt,  wurde  dieser 
zuerst  von  Prof.  Stüder  als  Lias  beschrieben  (Geol.  Schweiz, 
II.  pag.  37),  weil  die  darin  häufig  vorkommende  Posidonomya 
Alpina  Gras  mit  der  Pos.  Bronni  Voltz  verwechselt  worden 
war.  Von  den  Gebrüdern  Meyrat  dann  ausgebeutet  (wenn 
ich  nicht  irre),  wurden  einige  Cephalopoden  von  Ooster**) 


*)  In  der  ersten  Ausgabe  der  geologischen  Karte  der  Schweiz  (1853) 
ist  sie  folglich  auch  als  Nummulitenbildung  colorirt. 
**)  Cat.  Cephal.  Alpes  Snisses  1861, 


beschrieben  und  alle  als  den  braunen  Jura  charakterisirend 
anerkannt.    Es  sind: 

ßelemnites  giganteus  Blv.  —  Humphreyi-Sch. 
Ammonites  ooliticus  Orb.  —  Parkinsoni-Sch. 

,,         annularis  Sohl.  —  Callovien. 

,,         coronatus  Brug.  —  Callovien. 

Verhindert,  mir  diese  typische  Localität  näher  aufzusuchen, 
schickte  ich  letzten  Sommer  G.  Tschan  hin,  welcher  mir  fol- 
gende Fauna  mitbrachte: 

Belemnites  giganteus  Sohl.  —  Humphreyi-Sch. 
Ammonites  Garanti  Orb.  —  Parkinsoni-Sch. 

Gervillei  Sow.  —  Humphreyi-Sch. 
hecticus  Hartm.  —  Callovien. 
ooliticus  Orb.  —  Parkinsoni-Sch. 
Kudernatschi  Hauer  —  Klaus-Sch. 
Murchisonae  $ow.  —  Murchisonae-Sch. 
Avicula  elegans  Münst.  —  Murchisonae-Sch. 

,,      Münsteri  Bronn  —  Murchisonae-Sch. 
Posidonomya  alpina  Gras  —  Klaus-Sch. 
Lima  punctata  Dsh.  —  Murchisonae-Sch. 
Pecten  demissus  Phill.  —  Callovien. 
Terebratula  perovalis  Sow.  —  Humphreyi-Sch. 

,,         ovoides  Sow.  —  Murchisonae-Sch. 
Rhynchonella  concinna  Orb.  —  Lagenalis-  u.  Digonasch. 
Oxyrhina  hastalis  Ag.  —  Klaus-Sch. 

Wenn  man  nun  diese  verschiedenen  Arten  ein  wenig  näher 
ins  Auge  fasst,  so  wird  man  bald  bemerken,  dass  wir  hier 
sowohl  Species  vom  unteren  braunen  Jura  haben  (Am,  Mur- 
chisonae, Avic.  elegans,  Münsteri),  als  auch  vom  oberen  {Am. 
annularis,  coronatus,  hecticus).  Die  Horizonte  der  Am,  Mur- 
chisonae, Humphreyi,  Parkinsoni  (mit  den  Lagenalis-  und  Di- 
Digonasch.) ,  sowie  auch  das  Callovien,  würden  also  in  der 
Eisensteinbildung  des  Berner  Oberlandes  paläontologisch  ver- 
treten sein.  Da  aber  dieser  Umstand  schon  seit  einigen  Jahren 
theilweise  in  den  von  Hauer*)  beschriebenen  sogen.  Klaus- 


*)  Das  Zusammenvorkommen  von  Arten  aus  dem  Horizonte  des  A. 
Parkinsoni  und  des  Callovien  in  den  Klausschichten,  scheint  in  den  Alpen 
eine  allgemeine  Thatsache  zu  sein.  Die  Untersuchungen  von  Bachmann, 
Mösch  und  Baltzrr   in  unseren  östlichen  Alpen  und  diejenigen  von 


26 


schichten  der  östlichen  Alpen  als  Thatsache  bekannt  ist,  so 
kann  ich  nichts  Anderes  annehmen,  als  dass  wir  in  dieser 
Bildung  der  mittleren  Schweizeralpen  das  mehr  oder  weniger 
richtige  Aequivalent  dieser  Schichten  haben.*)  Ebenso  würde 
es  stehen  mit  den  neuerdings  von  Gillieron  beschriebenen 
Schichten  des  Am.  Humphreyi  und  von  Klaus  aus  den  Frei- 
burgeralpen.  In  dieser  meiner  Parallelisirung  darf  man  aber 
nicht  vergessen,  dass  schon  Oppel**)  1863  die  gleiche  Mei- 
nung ausgesprochen  hat.  Ebenso  glaubt  er,  diese  Eisenstein- 
bildung entspräche  den  Muschelbreccien  von  Brentonico  und 
Füssen. 

Eine  mehr  oder  weniger  scharfe  Trennung  dieser  ver- 
schiedenen Stufen ,  die  in  die  Eisensteinbildung  fallen ,  wäre 
also  bei  uns  unmöglich,  und  wir  hätten  so  hier  eine  einfache, 
mächtige  Formation,  welche  dann  weiter  auswärts  in  sich  meh- 
rere mögliche  paläontologische  Horizonte  erblicken  Hesse. 
Dieses  seltene  Verhältniss  zeigt  uns  ein  während  der  Ablage- 
rung des  braunen  Jura  mehr  oder  weniger  abgeschlossenes 
Meer,  wo  die  älteren  Formen  neben  dem  allmaligen  Erscheinen 
der  neueren  ihr  Leben  fortgesetzt  haben.  So  siud  in  einem 
und  demselben  Meere  eine  Reihe  von  verschiedenen  Typen- 
gruppen hervorgegangen ,  während  anderswo  andere  Verhält- 
nisse dieses  Zusammenleben  nicht  gestatteten  und  die  getrennte 
Aufeinanderfolge  von  Formengruppen  forderten,  welche  heut- 
zutage uns  zur  Unterscheidung  von  verschiedenen  paläonto- 
logischen Horizonten  dienen. 

Soweit  bis  jetzt  unsere  Kenntniss  davon  reicht,  muss  also 
dieser  gesammten  Eisensteinbildung  ein  entschieden  unter- 
jurassisches Alter  (brauner  Jura)  zugeschrieben  werden.  Ihre 
Auflagerung  auf  Neocom    in   der  ganzen  Morgenberghornkette 

Brünnkr,  E.  Favre  und  Gillieron  in  den  westlichen,  haben  dies  noch 
ferner  bestätigt;  ebenso  von  Hauer,  Kudernatsch,  Schlönbach,  Zittel, 
Oppel,  Gümbel,  Neumayr  ,  Benecke,  Griesbach  und  Tietze  in  den  öster- 
reichischen; Gras,  Louy,  Dumortier,  Velain  und  Hebert  in  den  franzö- 
sischen Alpen.  —  Für  den  unteren  braunen  Jura  haben  Studer,  Fischer- 
Ooster,  E.  Favre,  Gillieron  und  Hebert  aus  den  schweizerischen  und 
französischen  Alpen  das  Zusammenvorkommen  der  A.  Murchisonae  und 
Humphreyi  in  einem  und  demselben  Horizonte  beschrieben. 

'")  Brunner  von  Wattenwyl  hat  schon  im  Jahre  1857  (Geognost. 
Beschr.  d.  Stockhorns)  diese  Ansicht  ausgespiochen. 

**)  lieber  das  Vorkommen  von  jurassischen  Posidonomiengest.  in  den 
Alpen,  in  Zeitschr.  d.  d.  geol.  Ges.  Bd.  XV.  pag.  189. 


st  bekanntlich  eine  anomale  Erscheinung.  Es  ist  auch  wohl 
begreiflich,  dass  Th.  Stüder  noch  im  Jahre  1868  sie  als  oberen 
Jura  ansehen  wollte.  Als  ich  die  Gebiete  südlich  von  unserer 
Kette  noch  nicht  studirt  hatte,  fing  ich  an  zu  glauben,  es  müsse 
diese  letztere  Bildung  irgendwie  in  der  jetzt  als  brauner  Jura 
geltenden  Schichtenfolge  der  Eisensteinbildung  vertreten  sein. 
Dieser  Zweifel  verschwand  aber,  als  ich  im  Massiv  des  Bellen- 
höchst  und  auf  der  rechten  Seite  des  Saxetenthales  typischen 
Hochgebirgskalk  *)  oder  weissen  Jura  traf  (siehe  Tafel  I. 
Profil  6  und  Profil  11),  der  sich  zu  unserem  Gebilde  ver- 
halten mag,  wie  auf  Profil  5  Taf.  II.  angegeben  ist.  Eine 
allmälige  Auskeilung  dieser  ganzen  Stufe  zwischen  dem  Eisen- 
stein und  Neocom  geht  also  vor  sich  in  der  Erstreckung  von 
der  Sumpffluh  nach  dem  höchsten  Punkt  der  Morgenberghorn- 
kette, eine  Auskeilung,  welche  evident  durch  die  starke  Bie- 
gung im  Grunde  des  unteren  Saxetenthales  noch  mehr  be- 
günstigt wird.  Somit  wäre  diese  auf  Neocom  ruhende  Eisen- 
steinbildung keine  so  grosse  anomale  Erscheinung. 

Nach  dem  Flysch  ist  die  Eisensteinbildung  ohne  Zweifel 
diejenige  Stufe,  welche  im  Massiv  des  Morgenberghorn  am 
meisten  vertreten  ist.  Sie  bildet  zuerst  alle  Gipfel  dieser  Kette 
und  erstreckt  sich  sogar  noch  etwas  weiter  hinunter  nach  den 
Abstürzen  des  nördlichen  Abhangs.  So  sind  die  anderen  Bil- 
dungen durch  sie  gänzlich  in  diesen  letzteren  verdrängt.  Sie 
bildet  den  ganzen  südlichen  Abhang  der  Kette  bis  mitten  im 
Saxetenthale  und  zum  Passe  Tanzbödeli;  sogar  noch  weiter 
erstreckt  sie  sich  gegen  die  Massive  der  Schwalmern  und  des 
Bellenhöchst,  indem  sie  dann  in  der  Mitte  des  Thaies  an  den 
oben  erwähnten  Hochgebirgskalk  angrenzt. 

Wo  auch  Eisenstein  zu  Tage  tritt,  kommt  er  in  dünnen, 
gewöhnlich^  —  |  M.  dicken  Schichten  vor,  welche  öfter  mannig- 
fache Verbiegungen  zeigen  (Weg  nach  dem  Abendberg,  kleiner 
Rügen  etc.),   die  an  diejenigen  des  Neocom  der  Axenstrasse 


*)  Konk.  Escher  von  der  Lintb  brauchte  zuerst  diesen  Namen  zur 
Bezeichnung  der  nicht  näher  bestimmbaren  Kalke  der  höheren  Alpen. 
Wo  in  dem  Liegenden  derselben  organische  Reste  vorkommen  (wie  in 
unserer  Gegend  im  Eisenstein),  gehören  sie  dem  braunen  Jura  an.  Ueber 
ihnen  liegt  dann  an  anderen  Punkten  Neocom ;  so  dass  diese  Bezeichnung 
des  Hochgebirgskalks  als  oberen  oder  weissen  Jura  nicht  weit  fehlgehen 
kann  (Stüder  Index  pag.  122. 


28 


vielfach  erinnern.  Es  sind  hellgraue  bis  dunkelgraue  Kalk- 
steine*), welche  eine  sehr  bedeutende  Härte  besitzen.  Sie 
sind  mit  dem  Messer  kaum  ritzbar  und  funkeln  unter  heftigem 
Hammerschlage;  an  Kieselsäure  müssen  sie  folglich  auch 
ziemlich  reich  sein.  Von  dem  weiter  oben  besprochenen 
Kieselkalk  sind  sie  durch  ihre  dunklen  eingeschlossenen  Horn- 
steinbänder leicht  zu  unterscheiden.  Schön  entwickelt  kommen 
sie  hauptsächlich  am  kleinen  Rügen ,  in  der  Wagneren  und 
am  Morgenberghorn  vor.  Zuweilen  treten  hie  und  da  Kalk- 
schiefer auf,  so  z.  B.  am  kleinen  Rügen,  auf  dem  Ausser- 
berg und  im  Lauigraben  ob  Saxeten ,  auf  der  Ostseite  des 
Morgenberghorn.  An  diesen  beiden  letzteren  Orten  ist  die 
falsche  Schieferung  oder  Clivage  schön  zu  beobachten  und 
unterscheidet  sich  von  der  echten  Schichtung  durch  ihre  bank- 
förmige  Absonderung  und  ein  ganz  anderes  Einfallen.  Von 
Petrefacten  fand  ich  in  diesen  Schichten  nichts,  ausser  dem 
Abdruck  einer  vielgerippten  Terebratula,  welche  vielleicht  an 
T.  Dumortieri  E.  Desl.  erinnern  mag  (ob  Wilderswyl). 


Nachdem  wir  nun  die  verschiedenen  stratigraphischen 
Stufen  der  Morgenberghornkette  so  gut  wie  möglich  beschrie- 
ben haben,  wenden  wir  uns  jetzt  zu  einigen  allgemeinen  Schluss- 
betrachtungen, in  welchen  wir  versuchen  werden,  einen  Beitrag 
zur  Erklärung  dieser  grossartigen  Ueberstürzung -zu  geben.  In 
dem  Fig.  11  vorhandenen  Profile  auf  Taf.  I.  habe  ich  das  Resultat 
meiner  Untersuchungen  niedergelegt,  soweit  ich  sie  bis  jetzt 
nach  Südosten  verfolgt  habe.  Es  geht  vom  Thunersee  aus  über 
die  Morgenberghornkette,  das  Saxetenthal  und  das  Massiv 
des  Bellenhöchst  bis  in  die  Nähe  von  Isenfluh.  Es  ist  die 
einzige  Region  südöstlich  von  unserer  Kette,  welche  ich  zu 
einer  näheren  Erklärung  ihrer  merkwürdigen  Verhältnisse 
habe  studiren  können.  Die  Gebirge  der  Schwalmern,  Lob- 
hörner  und  Sulegg  warten  noch  auf  ein  weiteres  Studium. 
Wie  aus  diesem  Durchschnitte  zu  sehen  ist,  erstreckt  sich  die 
Ueberstürzung  noch  weiter  nach  Südosten  und  bleibt  also  nicht 


*)  Nicht  Quarzite  oder  Quarzschiefer,  wie  Prof.  Studer  glauhen  will, 
denn  mit  Säuren  brausen  sie  deutlich  und  ziemlich  lange  auf. 


29 

auf  die  Morgenberghornkette  beschränkt.  Weiter  als  das  Massiv 
des  Bellenhöchst  oder  als  eine  durch  dasselbe  gezogene  Linie 
(parallel  dem  Streichen  unserer  Kette)  geht  sie  noch  höchst 
wahrscheinlich.  Wenn  ich  sagen  würde,  dass  sie  sogar  bis 
an  die  Grenze  der  krystallinischen  Gesteine  gehe,  würde  man 
diese  Meinung  als  übertrieben  ansehen.  Werfen  wir  aber  einen 
Blick  auf  die  Karte  und  sehen  wir  uns  die  von  der  soge- 
nannten Glarnerschlinge*)  stundenweit  innegehabten  Gegend 
an,  welche  einerseits  bis  an  den  Wallenstadtersee,  andererseits 
bis  an  das  krystallinische  Massiv  des  Finsteraarhorns  (eine 
Länge  von  ca.  12  Stunden)  reicht,  so  wird  man,  glaube  ich,  es 
nicht  für  allzu  gewagt  ansehen ,  wenn  ich  jetzt  den  Satz  aus- 
spreche ,  dass  die  an  der  Morgenberghorn  kette  vorkommende 
Ueberstürzung  bis  an  die  krystallinischen  Gesteine  des  Massivs 
der  Jungfrau  reiche,  das  heisst  auf  eine  Entfernung  von 
höchstens  6  —  7  Stunden.  Hier  an  der  Grenze  der  sedimen- 
tären und  krystallinischen  Gebilde  würde  der  andere  Schenkel 
des  Gewölbes  zu  finden  sein**);  natürlich  ist  er  aber  durch 
Verwerfung  sowohl  versunken  als  auch  verschwunden  und  der 
Beobachtung  also  gänzlich  entzogen.  Ob  diese  Meinung  sich 
später  wird  bestätigen  lassen  ,  ist  Sache  eines  weiteren  Stu- 
diums. Ich  hoffe  jedoch,  in  der  Folge  neue  Beiträge  zur  Lö- 
sung dieser  höchst  interessanten  ,  aber  schwierigen  Frage  in 
dieser  Zeitschrift  geben  zu  können.  Mögen  aber  die  Geologen 
diesen  meinen  dahin  ausgesprochenen  Satz  ruhig  würdigen  und 
die  Frage  noch  näher  untersuchen,  bevor  sie  mir  antworten. 


*)  Baltzer,  op.  c!t.  pag.  56  u.  57. 

**)  Wie  Th.  Stiider  richtig  bemerkt,  hätten  wir  also  hier  ein  sich 
nach  Süden  öffnendes  C  (siehe  Prof.  Studer's:  les  couches  en  forme  de 
C  dans  les  Alpes,  Geneve  1860).  —  Inwiefern  es  aber  eine  östliche  Fort- 
setzung desjenigen  der  Dent  du  Midi  (Bull.  Soc.  vaudoise  sc.  nat.  1855) 
sei,  lasse  ich  noch  unentschieden. 


30 


2.   Heber  die  Schichtenfolge  des  oberen  Jura  bei 
Ahlem  unweit  Hannover  und  über  das  Vorkommen 
der  Exogyra  virgula  im  oberen  Korallen-Oolith 
des  weissen  Jura  daselbst. 

Voq  Herrn  G.  Struckmann  in  Hannover. 

Durch  die  Eröffnung  einiger  neuer  Steinbrüche  beim  Dorfe 
Ahlem,  etwa  4  bis  5  Kilometer  westlich  von  Hannover,  sind 
nunmehr  die  sämmtlichen  Glieder  der  oberen  Juraformation 
in  vortrefflicher  Weise  auf  einem  kleinen  Räume  erschlossen. 
Die  verschiedenen  Fundorte,  die  räumlich  kaum  2  Kilometer 
auseinander  liegen ,  finden  sich  sämmtlicb  an  dem  flachen 
Höhenzuge,  der  sich  in  südwestlicher  Richtung  vom  Dorfe 
Ahlem  bis  zum  Dorfe  Harenberg  erstreckt;  der  nördliche  Ab- 
hang dieses  Höhenzuges  zwischen  der  Chaussee  nach  Wunstorf 
und  dem  Ahlemer  Holze  wird  gewöhnlich  mit  dem  Namen 
„Mönkeberg"  bezeichnet:  hier  liegen  zwei  Steinbrüche,  ein 
älterer  bei  dem  halb  verfallenen  Kalkofen  mit  den  unteren 
Schichten  des  weissen  Jura  und  ein  erst  seit  einigen  Jahren 
erschlossener  mit  den  Pteroceras-Schichten ;  sodann  folgt  ein 
Steinbruch  unmittelbar  am  Ahlemer  Holze  mit  den  Schichten 
des  oberen  Korallen-Oolith  und  den  unteren  Kimmeridge-Bil- 
dungen;  hart  am  Westende  des  Dorfes  Ahlem  an  der  Strasse 
nach  Wunstorf  liegen  sodann  die  ausgedehnten  Steinbrüche 
in  den  Pterocerasschichten,  und  endlich  folgen  südwestlich  vom 
Dorfe  und  südlich  vom  Ahlemer  Holze  die  Ahlemer  Asphalt- 
gruben, in  denen  die  mittleren  und  oberen  Kimmeridge-Sehiehten 
und  die  Portland-Schichten  erschlossen  sind. 

Au  diesen  verschiedenen  Stellen  wird  folgendes  Profil 
beobachtet: 

1.  Am  Mönkeberge  bei  dem  verfallenen  Kalkofen  lagern 
unmittelbar  über  den  Thonen  der  Kelloway-Gruppe  (Or- 
natenthonen )  mit  Ammonites  Lamberti  und  Ammonites 
ornatus 


31 


die  Oxfo  rds  chi  chten  oder  Heersumer  Schich- 
ten in  einer  Mächtigkeit  von  etwa  7  M. ,  bestehend 
zu  unterst  aus  dunkelgrauen  groboolithischen  tho- 
nigen Kalksteinen  und  Mergelkalken  und  zu  oberst 
aus  gelblichen ,  grösstenteils  oolithischen  Kalkmer- 
geln. Als  charakterische  Versteinerungen  sind  zu 
erwähnen : 

Echinobrissus  scutatus  Lam.  sp. 
Gryphaea  dilatata  Sow. 
Exogyra  lobata  Roem. 
Pecten  subßbrosus  d'Orb. 
Trigonia  triquetra  v.  Seeb. 
Ammonites  biplex  A.  Roem.  (Sow.) 
Ammonites  mendax  v.  Seeb. 

Bei  derselben  Stelle  sind  noch  zu  beobachten  die  un- 
teren Schichten  des  Korallen  -  Ooliths  ,  be- 
stehend 

a.  aus  einer  0,8  bis  1  M.  mächtigen  Korallenbank, 
vorzugsweise  zusammengesetzt  aus  der  Isastraea  he- 
lianthoides  Goldf.  und 

b.  aus  gelblichen  in  der  Luft  leicht  zerfallenden,  grössten- 
teils oolithischen  Kalkmergeln,   etwa  2  M.  mächtig. 

In  beiden  Unterabtheilungen  finden  sich  nicht 
selten  die  Stacheln  von  Cidaris  ßorigemma  Phill. 
Ausserdem  sind  charakteristisch:  Chemnitzia  Hed- 
dingtonensis  Sow.  (mit  Schale),  Cerithium  Struck- 
manni  de  Loriol  ,  Exogyra  lobata  Roem.  ,  Pli- 
catula  longispina  A.  Roem.,  Echinobrissus  scutatus 
Lam. 

Darüber  lagern,  zu  beobachten  im  Steinbruche  vor  dem 
Ahlemer  Holze,  die  mittleren  Schichten  des  Ko- 
rallen-Ooliths,  bestehend 

aus  einem  ockergelben,  dichten,  knorrigen  Kalksteine 
mit  mergeligen  oolithischen  Zwischenlagern,  im  Gan- 
zen 2  bis  2,5  M.  mächtig.  Im  dichten  Kalksteine 
finden  sich  unzählige  Steinkerne  einer  kleinen  Lucina, 
ferner  von  Phasianella  striata  Sow.  und  Chemnitzia 
Heddingtonensis ;  ferner  sind  zu  erwähnen  Stacheln 
von  Cidaris  ßorigemma  Phill.  (selten),   Pecten  va- 


32 


rians  A.  Roem.,  Pecten  articulatus  Schloth.  ,  Phola- 
domya  decemcostata  A.  Roem.  ,  Avicula  pygmaea  Der. 
u.  Koch. 

4.  Es  folgen  sodann  an  derselben  Stelle  die  oberen 
Schichten  des  K  o  rall  en  -  0  olith ,  nur  1  bis  1,5  M. 
mächtig  und  grösstentheils  aus  grauen  und  hellgelben 
dichten  Kalksteinplatten  bestehend,  charakterisirt  durch 
das  sehr  häufige  Vorkommen  von  Terebratula  humeralis 
A.  Roem.  ,  Terebratula  bicanaliculata  Ziet.  ,  Rhynchonella 
pinguis  A.  Roem.  und  unzähligen  Exemplaren  von  Exo- 
gyra  reniformis  Golde. 

In  dieser  Schicht  nun  sind  von  mir  mit  völliger 
Bestimmtheit  einige  Exemplare  der  Exogyra  vir- 
gula  Goldf.  neben  der  Exogyra  reniformis  aufge- 
funden worden. 

5.  Darüberlagern  ebendaselbst  die  unteren  Kimmeridge- 
Bildungen  und  zwar 

a.  3,5  bis  4  M.  hellgraue  und  hellgelbliche  Kalkmergel 
und  Kalksteinplatten  mit  zahlreichen  Steinkernen  ver- 
schiedener Natica- Arten  (namentlich  Natica  globosa 
A.  J?oem.,  N.  macrostoma  A.  Roem.,  N.  Marcousana 
d'Orb.),  und  Cyprina  nuculaeformis  A.  Roem.,  Cyrena 
rugosa  de  Loriol  (Sow.)  selten,  Thracia  incerta  Thrm. 
(kleine  Form).  Ausserdem  ist  Ostrea  multiformis  Der. 
u.  Koch  in  Schalenexemplaren  ausserordentlich  häufig. 

b.  2,5  M.  Bänke  eines  theils  grauen,  theils  gelb- 
lichen dichten  Kalksteins  ,  gesondert  durch  dünne 
dunkelgrüne  Thonschichten.  Letztere  sind  verstei- 
nerungsleer; die  Kalksteine  enthalten  dagegen  unzäh- 
lige Steinkerne  von  Nerinea  tuberculosa  A.  Roem., 
seltener  von  Nerinea  Gosae  A.  Roem.  und  Chemnitzia 
abbreviata  A.  Roem.  sp. 

c.  Darüber  lagert  eine  0,5  M.  starke  schwärzliche  Thon- 
schicht, sehr  reich  an  Versteinerungen,  namentlich 
kleinen  Schnecken,  darunter  am  häufigsten  Nerinea 
Mandelslohi  Bronn  neben  den  Nerineen  und  Chem- 
nitzien  der  vorigen  Schicht;  ausserdem  kommen  am 
zahlreichsten  vor  Cerithium  septemplicatum  A.  Roem., 
Cerith.  Umaeforme  A.  Roem.,  Helicocryptus  pusillus 
d'Orb. 


33 


6.   Folgen   die    mittleren    Kimmeridge-  Schichten 
und  zwar 

a.  2,5  bis  3  M.  gelbe  thonige  Mergel,  die  am  Ahlemer 
Holze  völlig  versteinerungsleer  sind,  beim  Dorfe  Ahlem 
dagegen  Terebratula  subsella  in  zahlreichen  Exem- 
plaren enthalten. 

b.  5  M.  theils  graue  oolithische  Kalksteinbänke,  theils 
sehr  thonhaltige,  dünngeschichtete  Kalksteine,  am 
Ahlemer  Holze  nur  schwach  angedeutet,  während  die- 
selben in  den  Steinbrüchen  am  Dorfe  Ahlem  in 
ihrer  ganzen  Mächtigkeit  zu  beobachten  sind.  Es  sind 
dies  die  Schichten  der  Nerinea  obtusa  nach  Credner, 
charakterisirt,  abgesehen  von  dieser  kleinen  Nerinea, 
durch : 

Cyrena  ruyosa  de  Loriol  (Sow.)  =  Astarte  scu- 
tellata  v.  Seeb. 

Cerithium  astartinum  v.  Seeb. 

Chemnüzia  striatella  v.  Seeb. 

Nerita  ovata  A.  Roem. 
und  zahlreiche  andere  kleine  Schnecken.    Auch  sind 
Reste  von  Fischen  (Pycnodonten)  und  Sauriern  nicht 
selten ;  in  dieser  Schicht  ist  Homoeosaurus  Maximi- 
liani  H.  v.  M.  dreimal  von  mir  gefunden. 

c.  2,5  bis  3  M.  theils  dichte,  theils  feinkörnig  oolithische 
Kalksteine  in  0,5  bis  1  M.  mächtigen  Bänken,  meist 
von  heller  Farbe,  in  den  Asphaltbrüchen  bei  Ahlem 
jedoch  lederfarbig  oder  schwärzlich  durch  Bitumen 
gefärbt.  Es  sind  dies  die  eigentlichen  Pteroceras- 
Schichten,  sehr  reich  an  Versteinerungen,  auch 
vom  Mönkeberge  nördlich  vom  alten  Kalkofen  zu 
beobachten ,  hier  nur  aber  meist  Steinkerne  enthal- 
tend, während  bei  Ahlem  vielfach  Schalenexemplare 
gefunden  werden.  Als  charakteristisch  sind  vorzugs- 
weise zu  erwähnen  : 

Terebratula  subsella  Leym. 
Exogyra  Bruntrutana  Voltz 
Exogyra  virgula  Goldf.,  seltener. 
Trichites  Saussurei  Thurm. 
Gervillia  tetragona  A.  Roem. 
Lucina  sub striata  A.  Roem. 

Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII  1 .  3 


34 


Corbis  subclathrata  Thürm.  sp. 
Cyprina  Brongniarti  A.  Roem.  sp. 
Bulla  suprajurensis  A.  Roem. 
Pter  oceras  Oceani  Brongn. 
Natica  (Purpurina)  subnodosa  A.  Roem. 
und  viele  andere. 

7.  Darüber  lagern  bei  Ahlem  und  in  den  Asphaltbrüchen 
die  oberen  Kim  m  eridg  e- Sch  i  chten  (obere  Ptero- 
ceras-Schichten,  Virgula-Schichten),  bestehend  aus 

2  bis  3  M.  grauen  Thonmergeln  und  dichten,  meist 
dünngeschichteten  Kalksteinen,  charakteristisch  durch: 
Exogyra  virgula  Goldf.  ,  Anomia  Baulinea  Buv., 
Corbula  Mosensis  Buv.  und  Corbicella  Mo- 
raeana  Buv.  Ausserdem  ist  Ostrea  multiformis 
Der.  u.  K.  wiederum  sehr  häufig  geworden. 

8.  Untere  Portland-Schichten,  bei  Ahlem  2  bis  3, 
in  den  Asphaltbrüchen  bei  Ahlem  bis  5  M.  mächtig, 
bestehend  aus  geschichteten  Thon-  und  Kalkmergeln, 
ziemlich  arm  an  Versteinerungen;  jedoch  sind  Ostrea 
multiformis,  Cyprina  Brongniarti  und  Cyrena  rugosa  nicht 
selten;  als  charakteristisch  ist  ausserdem  Pinna  gra- 
nulata  Sow.  anzuführen.  Darüber  folgt  eine  2  bis  3  M. 
mächtige  Schicht  eines  dichten,  zuweilen  auch  fein  ooli- 
thischen  sehr  harten  Kalksteins,  von  weicheren  Mergel- 
schichten unterbrochen.  Bei  einer  früheren  Gelegenheit 
(diese  Zeitschr.  Bd.  XXVI.  pag.  221)  habe  ich  dieselbe 
als  versteinerungsleer  angegeben;  nach  weiteren  Beob- 
achtungen sind  jedoch  stellenweise  Versteinerungen  nicht 
selten  und  zwar  kommen  vor:  Cyrena  rugosa,  Gervillia 
lithodomus  und  Corbula  alata  Sow.  (Nucula  gregaria  Der- 
u.  K.).  Wahrscheinlich  entspricht  diese  Schichtenfolge 
den  Schichten  mit  Ammonites  gigas  an  anderen  Orten ; 
bisher  ist  freilich  dieser  Ammonit  bei  Hannover  nicht 
aufgefunden. 

9.  Folgen  in  den  Asphaltgruben  die  oberen  Portland- 
Schichten  oder  Eimbeckhäuser  Plattenkalke,  etwa 
3  M.  mächtig,  charakterisirt  durch  das  massenhafte  Vor- 
kommen von  Corbula  inflexa  A.  Roem.,  von  mir  be- 
schrieben in  Bd.  XXVI.  dieser  Zeitschr.  pag.  220  ff. 


35 


10.  Darüber  lagert  0,5  bis  1  M.  mächtig  ein  graues  thoniges 
Gestein,  in  welchem  ich  nur  einige  Spuren  von  fossilen 
Pflanzen  gefunden  habe  (Purbeckmergel?)  und  endlich 
folgen 

11.  Blaue  zähe  Thone  mit  Belemnites  subquadratus  A.  Roem., 
die  einen  grossen  Raum  bedecken  und  unzweifelhaft  der 
unteren  Kreide  (Hils)  angehören. 

Die  ganze  Schichtenfolge  des  Oberen  Jura  besitzt  bei 
Ahlem  in  den  Schichten  1  bis  9  nur  eine  Mächtigkeit  von 
40  bis  46  Metern. 

Das  Auftreten  der  Exogyra  virgula  in  einigen  un- 
zweifelhaften Exemplaren  in  Schicht  4,  im  Oberen  Ko- 
rall en  -  O  o  lith  ,  zusammen  mit  Terebratula  humeralis  und 
Ehynchonella  pinguis  erscheint  mir  höchst  bemerkenswert!], 
wenn  ich  auch  eben  keine  auffallende  Thatsache  darin  erblicken 
kann.  Denn  ebenso  gut,  wie  auch  einige  andere  Fossilien 
(z.  B.  Trigonia  suprajurensis ,  Astarta  suprajurensis)  aus  dem 
Korallen-Oolith  bis  in  die  oberen  Kimmeridge-Bildungen  hinauf- 
reichen, fällt  die  erste  Entstehung  der  Exogyra  virgula  in  eine 
ältere  Zeitperiode,  während  ihre  massenhafte  Entwicklung  erst 
später  stattfand.  Bis  vor  einigen  Jahren  kannte  man  dieselbe 
bei  Hannover  überhaupt  nicht,  bis  ich  das  Vorkommen  im 
oberen  Kimmeridge  und  in  den  Pteroceras  -  Schichten  von 
Ahlem  nachwies  (diese  Zeitschr.  Jahrg.  1871  pag.  765  ff.). 

Dr.  Brauns  führt  dieselbe  in  seinem  oberen  Jura  pag.  358 
aus  dem  Kimmeridge  von  Uppen,  Coppengraben  ,  des  Selters 
und  des  Ith's  an ;  eine  Notiz  über  ein  tieferes  Vorkommen  ist 
mir  aber  bislang  nicht  bekannt  geworden,  weshalb  ich  glaubte, 
meinen  Fund  in  weiteren  Kreisen  bekannt  machen  zu  dürfen. 


3 


36 


3.   Geognostisch  -  chemische  Mittheilungen  Aber  die 
neuesten  Eruptionen  auf  Vulcano  und  die  Producte 
derselben. 

Von  Herrn  A.  Baltzer  in  Zürich. 

Hierzu  Tafel  II.  bis  IV. 

Das  vulkanische  System  der  Liparen  verdankt  seine  Ent- 
stehung nach  Hoffmann*)  einer  dreistrahligen  vulcanischen 
Spalte,  deren  einzelne  ziemlich  geradlinige  Zweige  ungefähr  in 
der  Panariagruppe  zusammenlaufen. 

Auf  diesen  Spalten  haben  sich  nun  drei  Reihen  von  Strato- 
vulcanen  gebildet.  Die  kürzeste  dieser  Spalten  (ungefähr 
Nordost  streichend)  hat  nur  einen  Eruptionspunkt:  Strom- 
böli.  Dieser  permanent  und  intermittirend  arbeitende  Vulcan 
gestattet  der  vulcanischen  Thätigkeit  sich  allmälig  zu  ent- 
laden, so  dass  sie  nicht  nothwendig  hat,  sich  neue  Eruptions- 
wege in  der  Verlängerung  dieser  Spalte  zu  schaffen.  Auf  der 
zweiten  ungefähr  Ost  -  West  laufenden  Spalte  liegen  Saline 
und  die  schönen  Kegel  von  Felicuri  und  Alicuri.  Die 
dritte  Spalte  hat  Südrichtung.  Auf  ihr  liegen  die  zu  Lipari 
gehörigen:  Mte.  Campo  bianco,  Mte.  Angelo,  Mte. 
Guardia,  ferner  Mte.  Vulcanello  und  der  Hauptkrater 
auf  Vulcano.  Noch  in  der  Verlängerung  dieser  Spalte  findet 
sich  am  Cap.  Calava  der  sicilianischen  Küste  eine  Fumarole. 
Die  im  Centrum  des  Systems  liegenden  Inseln  der  Panaria- 
gruppe zeigen  weder  Lavaströme  noch  Kegelstructur.  Ihre 
Gesteine  werden  als  Granit-,  Gneiss  -  und  Porphyr  -  ähnlich 
bezeichnet.  Diese  in  ihrer  äusseren  Erscheinung  so  abwei- 
chenden, meist  schroff  nach  Nordwest  abstürzenden  Inselfelsen 
scheinen  einem  unentwickelt  gebliebenen  Centraikegel  anzu- 
gehören und  sind  älter  als  alle  übrigen. 


*)  Pogg.  Ann.  Bd.  26.  pag.  68  ff. 


37 


Das  ganze  vulcanische  System  der  Liparen  ist  nach  dieser  An- 
schauung ein  Mittelglied  zwischen  Central-  und  Reihenvulcanen, 
dessen  Eigentümlichkeit  darin  besteht,  das  es  keinen  Strato- 
vulcan  als  Centrum  besitzt  und  dass  sich  die  vulcanische  Thä- 
tigkeit  ganz  auf  die  Seitenspalten  verlegt  hat, 

1.    Die  vulcanische  Thätigkeit  auf  der  Insel  Vul- 
cano  vom  August  1873  bis  Ende  December  1874. 

Den  Krater  auf  Vulcano  war  man  seit  längerer  Zeit  ge- 
wohnt als  fast  erloschen  zu  betrachten,  da  die  letzte  Eruption 
(wobei  er  nach  Scrope*)  seine  jetzige  Form  erhielt)  1786 
stattgefunden  hatte.  Kaum  sah  man  bei  reiner  Luft  sei- 
ner Mündung  Dämpfe  entsteigen;  er  befand  sich  im  Zustand 
einer,  mässige  Fumarolenthätigkeit  zeigenden,  Solfatara.  Ich 
war  daher  überrascht ,  als  ich  bei  einem  Besuch  der  Liparen 
im  Anfang  November  1873  vernahm,  dass  seit  August  der 
Vulcanokrater  eine  intensive  Thätigkeit  entwickle.  Authentische 
Nachrichten  erhielt  ich  erst  von  Herrn  Picone,  Betriebsdirector 
der  chemischen  Fabrik  auf  der  Insel. 

Nach  seinen  Mittheilungen  begann  die  erhöhte  Thätigkeit 
am  7.  August  1873  zunächst  mit  stärkerem  Ziehen  der  Fuma- 
rolen.  Am  7.  September  erfolgte  eine  Eruption ,  welche  von 
11  Uhr  Vormittags  bis  2  Uhr  Nachmittags  andauerte.  Wäh- 
rend derselben  fiel  auf  der  ganzen  Insel  eine  schneeweisse 
Asche,  von  welcher  Herr  Picone  Proben  sammelte.  Andere 
Aschenfälle  ,  von  vulkanischem  Sand  und  Steinen  begleitet, 
folgten  bis  zum  19.  October;  so  z.  B.  fielen  graue  Aschen  am 
14.  und  15.  September,  von  denen  Herr  Picone  ebenfalls  Pro- 
ben nahm. 

Einmal  war  der  Aschenfall  so  dicht,  dass  man  bei  der 
kleinen  Fabrik  auf  2  Meter  Entfernung  keinen  Gegenstand 
deutlich  sah;  man  wünschte  auf  der  Insel  sehnlichst  ein  Ende 
der  Eruption,  oder  wenigstens  Wind,  um  aus  dem  lästigen 
Zustand  herauszukommen.  Ein  oder  einigemal  wurden  die 
Aschen  in  der  That  bis  nach  Lipari  und  Saline  getragen ,  wo 
die  Blätter  der  Bäume  und  Sträucher  davon  bedeckt  waren. 

Am  19.  October  erfolgte  eine  Eruption  mit  Auswurf  von 
vielen  Projectilen. 

*)  Vergl.  dessen  Volcanos  pag.  337. 


38 


Die  'Eruptionen  fanden  nach  einem  gewissen  Rythmus 
statt.  Zuerst  beobachtete  man  während  5  —  7  Minuten  stei- 
gende Fumarolenthätigkeit ,  indem  unter  heftigem  Brausen 
schneller  und  in  grösserer  Menge  der  weisse  Dampf  den 
Spalten  entquoll ,  gewaltige  Rauchsäulen  bildend.  Dann  sank 
die  Thätigkeit  zurück,  um  nach  kurzer  Zeit  sich  wieder  zu 
steigern.  Gewöhnlich  beim  dritten  Anlauf  wurden  unter  Knallen 
und  Rollen  Steine  ausgeschleudert.  Von  solchen  Steinen  fand 
ich  das  Innere  des  Kraters  (namentlich  an  der  Nordostseite, 
vergl.  Tafel  III.),  sowie  den  sogen.  Piano  della  Fossa  ganz 
übersäet. 

Sie  gefährdeten  die  Arbeiter,  welche,  etwa  30  an  der 
Zahl,  das  Rohmaterial  zur  Gewinnung  von  Borsäure,  Salmiak, 
Schwefel  und  „Balsamo  di  Zolfo"  aus  dem  Krater  heraufholten. 
Es  bedurfte  der  unermüdlichen  Thätigkeit  des  Directors ,  um 
ernstliche  Unglücksfälle  zu  verhüten,  nachdem  einige  Arbeiter 
durch  die  fallenden  Projectile  leicht  verwundet  worden  waren. 
Nicht  nur  liess  Herr  Picone  einen  neuen  Weg  anlegen  ,  der 
den  fallenden  Bomben  weniger  ausgesetzt  war,  er  überwachte 
auch  die  Thätigkeit  des  Kraters  und  gab  mit  einer  Glocke 
den  Arbeitern  ein  Zeichen,  wenn  der  Rhythmus  der  Fumarolen- 
thätigkeit einen  Steinregen  voraussehen  liess. 

Am  1.  November  fiel  etwas  Asche. 

Am  3.  November  1873,  dem  Tage  meiner  Anwesenheit 
auf  Vulcano,  beobachtete  ich  heftige  Fumarolenthätigkeit,  aber 
keine  Steinwürfe. 

Jene  hielt  an  bis  zum  22.  Januar  und  es  fanden  auch 
hin  und  wieder  Bodenerschütterungen  statt. 

Am  22.  Januar  1874  bemerkte  Herr  Picone  um  11  \  Uhr 
Abends  zuerst  eine  undulatorische ,  dann  eine  subsultorische 
Bodenbewegung,  beide  von  kurzer  Dauer. 

Diese  ungewöhnlichen  Erschütterungen  veranlassten  ihn 
am  Morgen  des  23.  nach  dem  Krater  emporzusteigen,  um  all- 
fälligen Veränderungen  nachzuforschen.  In  der  That  zeigte 
sich  Folgendes:  Die  Dampfausströmungeu  waren  so  heftig, 
dass  das  Athmen  im  Krater  sehr  erschwert  war.  Alle  Fuma- 
rolen  waren  am  Rande  mit  Asche  bedeckt.  Von  der  Ostseite 
des  Kraters  erscholl  ein  auffallendes  Getöse  als  Anzeichen, 
dass  die  unterirdischen  Dämpfe  sich  eine  neue  Mündung  er- 
schlossen hatten. 


Erst  am  4.  Februar  gestatteten  jedoch  die  dichten  Dampf- 
massen, die  neue  Mündung  wahrzunehmen  und  sich  ihr  zu  nähern. 
Der  Dampf  entströmte  ihr  mit  einem  wahrhaft  betäubenden  Ge- 
töse und  Flammen  brachen  daraus  hervor.  Sie  flackerten  und  zün- 
gelten nicht,  sondern  waren  wie  angenagelt  („come  inchiodata"). 
Herr  Picone  beobachtete  dieselben  bei  Nacht  genauer.  Sie 
waren  theils  roth,  mit  charakteristisch  grünem*)  Saume,  theils 
weiss  und  röthlichgelb.  Der  Durchmesser  der  Fumarolen- 
mündung  betrug  lj  M,  Das  Brausen  und  die  Flammen  aller 
übrigen  Fumarolen  zusammen  waren  nicht  so  heftig  wie  bei 
dieser  einen  neuen. 

In  den  folgenden  Monaten  verengte  sich  diese  Mündung, 
aber  noch  am  31.  Juli  waren  Flammen  an  ihr  bemerkbar. 

Bis  zum  4.  Februar  beobachtete  Herr  Picone  häufig  unter- 
irdisches Getöse ,  dann  verminderten  sich  die  Thätigkeits- 
äusserungen  und  zu  Ende  Juni  1874  schien  der  Krater  wieder 
in  normaler  Verfassung  zu  sein. 

Am  1.  Juli  jedoch  machte  sich  wieder  heftiges,  andauern- 
des unterirdisches  Geräusch  bemerkbar.  Am  15.  Juli  erfolgte 
ein  schrecklicher  Schuss  (,,una  tirata  spaventosa")  und  im 
Laufe  desselben  Tages  zählte  Herr  Picone  nicht  weniger  wie 
300  Stösse,  die  allmälig  an  Heftigkeit  abnahmen  und  gegen 
6|  Uhr  Abends  kaum  noch  bemerkbar  waren.  Nach  dieser 
Kraftäusserung  trat  Ruhe  ein;  nur  alle  2  —  3  Tage  wurde 
noch  unterirdisches  Geräusch  gehört. 

Ende  Juli  1874  bemerkte  Herr  Picone  im  Krater  nichts 
Neues,  nur  am  Abend  war  an  den  Flammen,  welche  früher 
continuirlich  und  ruhig  aus  der  grossen  Bocca  und  den  im 
Osten  neu  eröffneten  Fumarolenöffnungen  hervorbrannten,  ein 


*)  Borsäure,  auf  einem  Platinblech  in  die  bläuliche  H2S  -  Flamrae 
gebracht ,  verleiht  derselben ,  wie  ich  mich  überzeugte ,  einen  grünen 
Saum,  jedoch  nur  so  lange  als  die  Säure  nicht  in  Anhydrid  übergegan- 
gen ist.  Hier  sei  noch  bemerkt  (was  vielleicht  noch  nicht  bekannt  ist), 
dass  die  Färbung  einiger  Salze  in  der  H2S -Flamme  kleine  Abweichun- 
gen zeigt  von  der  Färbung,  die  dieselben  Substanzen  in  der  nicht  leuch- 
tenden Brennerflamme  geben.  Lithium  macht  die  H2S- Flamme  nur  am 
Rande  roth.  Unreines  Strontiumsalz ,  welches  die  Leuchtgasflamme  in- 
tensiv roth  dann  gelb  machte,  erzeugte,  in  die  H2S  -  Flamme  gebracht, 
nur  eine  gelbe  Färbung, 


40 


intermittirendes  Hervorpuffen  (dreimal  alle  5  —  10  Minuten) 
bemerkbar,  wobei  sie  ruckweise  auf-  und  niederstiegen.  Ob 
auch  Steine  herausflogen,  giebt  Herr  Picone  nicht  an,  bemerkt 
aber,  es  sei  ein  ähnliches  Phänomen  gewesen,  wie  auf  Strom- 
boli*),  nur  in  gelinderer  Weise.  Diese  Erscheinung  findet 
jetzt  noch  statt. 

Vom  2.  August  an  ertönte  aufs  Neue  unterirdisches  Ge- 
räusch und  von  Zeit  zu  Zeit  ein  Stoss.  Von  Mitte  October 
1874  ab  hörte  man  das  Geräusch  seltener;  seit  dem  23.  No- 
vember 1874  ist  Alles  ruhig.  Vom  April  bis  October  1874 
war  die  Ausbeutung  immer  noch,  wie  früher,  gehindert.  Selbst 
heute  ist  die  Fumarolenthätigkeit  noch  nicht  ganz  auf  ihr  nor- 
males Maass  zurückgekehrt.  Lava  ist  während  der  ganzen 
Zeit  nicht  beobachtet  worden. 

Ein  Freund  des  Herrn  Picone  berichtete  ihm  durch  Schrei- 
ben vom  August,  dass  auf  Stromboli  ausser  der  grossen  Bocca 
sich  neuerdings  zwei  andere  in  Südwest  gebildet  hätten,  und 
dass  jene  Stelle,  von  der  aus  man  früher  den  Krater  beob- 
achtete, nicht  mehr  betreten  werden  könne.  Genauer  ausge- 
drückt, habe  sich  eine  Bocca  unter  dem  „Faraglione"  gebildet 
und  eine  andere  gegen  Norden,  circa  30  M.  von  der  alten. 

Soweit  die  mündlichen  und  brieflichen  (im  Auszug  über- 
setzten) Mittheilungen  von  Herrn  Picone.**)  Ich  bin  ihm 
hierfür,  sowie  für  die  bereitwillige  Zusendung  von  Aschen- 
proben zur  Untersuchung  zu  grossem  Dank  verpflichtet. 


*)  Dort  erfolgt  nach  Abicit  (Zeitschr.  d.  d.  geol.  Ges.  1857  p.  396) 
und  anderen  Autoren  alle  b  —  7  Minuten  eine  kleine  Dampfexplosion, 
verbunden  mit  Aufwallen  der  Lava  und  Auswurf  von  Projectilen. 

**)  Nachträglich  theilte  mir  Herr  Picone  noch  mit,  dass  er  sich 
fünfmal  während  der  Eruption  im  Krater  befand.  Einmal  trieb  der 
Nordwind  die  Dampfmasse  nach  Süden.  Sie  bedeckte  den  Krater  wie 
eine  Mütze  und  man  befand  sich  unten  ganz  im  Dunkeln.  Dabei  wurde 
so  reichlich  Asche  ausgeworfen,  dass  man  hernach  von  der  Krampe  eines 
Strohhutes  1  Kilo  sammelte.  Ein  andermal  begann  eine  Eruption  feiner 
Asche  während  des  Hinuntersteigens  in  dem  Krater,  die  Herrn  Picone 
zwang,  Mund  und  Nase  zu  verschliessen  und  sich  zu  entfernen.  —  Er 
befürchtete  einigemal  eine  Katastrophe  ähnlich  der  von  Pompeji. 


2.    Besuch  des  Kraters  im  November  1873.*) 

Am  3.  November  begab  ich  mich  von  der  kleinen,  am 
nordöstlichen  Fuss  des  Kegels  gelegenen,  Fabrik  nach  diesem 
selbst  hinauf.  Ich  verfolgte  den  alten  auf  der  Nordseite  auf- 
wärts führenden  Weg;  der  neue  zieht  sich  von  Nordwesten 
her  aufwärts.  Den  bereits  von  Dolomieü  erwähnten,  in  den 
Abhang  des  Berges  eingeschnittenen  Adventivkrater  bestimmte 
ich  zu  79,2  M.  Meereshöhe.  Derselbe  ist  ausgefüllt,  flach 
und  hat  ca.  100  Schritt  Durchmesser.  Etwas  oberhalb  des- 
selben, auf  einer  etwas  vorspringenden  Ecke,  zeichnete  ich  die 
Ansicht  III.  Zu  ihrem  Verständniss  ist  zu  bemerken ,  dass 
unmittelbar  neben  und  östlich  vom  jetzigen  Hauptkegel  (1  der 
Zeichnung  stellt  seinen  äusseren  Abhang  dar)  sich  ein  halb- 
mondförmig gekrümmter  Rücken  (6)  bogenförmig  herumzieht. 
Er  ist  ca.  500  M.  vom  Centrum  des  Kraters  entfernt,  aber 
nur  auf  der  Ostseite  entwickelt.  Zwischen  ihm  und  dem 
Hauptkegel  befindet'  sich  eine  Schlucht  (2).  Man  verwechsle 
ihn  nicht  mit  der  —  der  Somma  des  Vesuvs  vergleichbaren  — 
grossen  äusseren  Umwallung  (mit  dem  Monte  Luccia) ,  die 
an  1500  M.  vom  jetzigen  Krater  entfernt  ist. 

Leider  konnte  ich  weder  die  kleine  Schlucht  (2) ,  noch 
die  Lavabank  näher  untersuchen  ,  um  zu  constatiren ,  ob  die 
Hügel  (6)  als  alter  Kraterrand  oder  neue  Aufschüttung  aufzu- 
fassen sind.  Die  Schlucht  schien  durch  spätere  Aschenfälle 
z.  Th.  ausgefüllt  worden  zu  sein,  da  die  Aschenlagen  (unter- 
halb 3  der  Zeichnung)  horizontal  sind,  dagegen  discordant  mit 
der  Bank  4.  In  diesen  Aschenlagen  vertiefte  sich  die  Schlucht 
durch  Erosion.  Gegen  Spaltung  spricht  der  Umstand,  dass 
die  Schichten  rechts  und  links  der  Schlucht  einander  ent- 
sprechen, z.  B.  3  links  und  3  rechts.  Eigentümlich  erscheint 
die  discordante  Lavabank  4. 

Vom  oben  genannten  Vorsprung  biegt  sich  der  Weg  nach 
Westen  um.  Man  gelangt  nach  kurzer  Zeit  zu  einer  fast 
ebenen  oder  sanft  ansteigenden  Fläche,  dem  sogen.  Piano 
della  Fossa  (vergl.  Taf.  II.)  —  215,6  M.  über  dem  Meer.  Sie 
umgiebt  den  Krater  halbmondförmig  auf  der  Nord-  und  Nord- 


*)  1869  besuchte  vom  Rath  Vulcano.  Vergl.  seinen  interessanten 
Tagebuchauszug  im  N.  Jahrb.  1874  pag.  63. 


42 


Westseite.  In  ihr  führt  der  Pfad  zum  Nordwestrand  des 
Kraters. 

Ihre  Breite  beträgt  wohl  an  200  M.  Am  äusseren  Rand 
zeigt  sie  dampfende  Fumarolen,  reich  an  Schwefelkrusten  und 
Sublimationen.  Sie  ist  übersät  mit  den  Projectilen  der  jüng- 
sten Eruption,  die  zu  Hunderten  den  Boden  bedecken. 

Noch  einige  Hundert  Schritt  und  wir  stehen  am  Rande 
des  ungeheuren  Trichters.  Mit  Recht  nennt  ihn  Dolomieu  den 
schönsten  und  prächtigsten  Krater,  den  er  je  gesehen;  und 
Hoffmann  meint,  es  scheine  unmöglich,  das  vollkommenere 
und  zierlichere  Modell  einer  in  sich  abgeschlossenen  Vulcan- 
insel  aufzufinden.  *)  Ein  Blick  auf  Tafel  II.  und  IV.  wird 
dies  bestätigen.  Jene  zeigt  einen  Theil  von  Lipari  und  be- 
sonders den  Krater  von  Vulcano  als  Ganzes.  Jenseits  des 
Kraters  folgt,  durch  eine  tiefe  Schlucht  getrennt,  die  Somma 
von  Vulcano.  Daran  schliesst  sich  eine  Art  Hochplateau, 
offenbar  ein  ausgefüllter,  grosser,  älterer  Krater,  dessen  erhal- 
tenen Südrand  Monte  Aria  und  Somma  dell'  Felicichie  bilden. 
In  West  und  Nordost  gehören  zu  ihm  Monte  Saraceno  und 
Monte  Molineddo,  der  Nordrand  ist  durch  das  jetzige  Centrum, 
welches  demnach  jünger  ist,  zerstört.  Tafel  IV.  giebt  die 
Ostseite  des  Kraters ,  wie  ich  sie  vom  nordwestlichen  Rand 
desselben  sah. 

Der  Krater  hat  gegenwärtig  die  Gestalt  eines  ziemlich 
runden  Trichters.  Der  Durchmesser  beträgt  oben  ca.  900  M., 
unten  auf  der  Sohle  ca.  80  M.  Den  Punkt  des  Kraterrandes, 
wo  ich  zeichnete,  bestimmte  ich  mit  dem  GoLDSCHMiDT'schen 
Aneroid  zu  245  M.  Meereshöhe;  für  die  Sohle  des  Kraters, 
wie  sie  das  Bild  angiebt,  fand  ich  159  M.  Daraus  ergiebt 
sich  die  Tiefe  des  Trichters  zu  86  M.  Der  obere  Rand  des- 
selben ist  aber  sehr  ungleich  hoch  und  gerade  dort,  wo  ich 
zeichnete,  fast  am  niedrigsten.  Nimmt  man  den  auf  Taf.  IV. 
mit  1  bezeichneten  höchsten  Punkt**)  des  Randes  als  Aus- 
gangspunkt, so  mag  die  Tiefe  des  Kraters  gut  150  M.  be- 
tragen. 

Unter  dem  Rand  folgen   zunächst   schräge  Abdachungen 


*)  Ann.  d.  Phys.  u.  Chem.  Bd.  XXVI.,  pag.  58. 
**)  Die  Aufschüttung  desselben  geschah  1786,   vergl,  bei  Spällaö- 
rani  pag.  163. 


I 


(3  u.  4)  von  ausgezeichnet  geschichteten  Aschen-  und  Tuff- 
lagen ,  hie  und  da  von  kleineren  Abstürzen  unterbrochen. 
Ihre  Böschung  nimmt  nach  unten  zu.  Dann  stürzen  schroffe, 
an  150  Fuss  hohe  Wände  (11)  zur  Kratersoble  ab. 

Sie  bestehen,  wo  ich  sie  sah,  aus  compacter,  massiger, 
glasiger  Lava,  welche  stark  gerundete,  klumpige  Formen  bildet. 
Hie  und  da  zeigen  sich  Löcher  und  Höhlungen  oder  von  den 
Fumarolengasen  hervorgebrachte  Färbungen  und  Verwitterungen. 

Die  Schichten  derselben  fallen  dort,  wo  der  Kraterrand 
eine  flache  Einbiegung  zeigt,  deutlich  gegen  den  Krater  zu, 
anstatt  von  ihm  ab  (bei  7).  Die  nach  aufwärts  gebogenen 
Schichtenlinien  zeigen  keinen  regelmässigen  Zusammenhang 
mit  den  Schichten  weiter  rechts.  Nach  Poülett  Scrope*)  ent- 
steht bei  manchen  Vulcanen  ein  Fallen  der  Schichten  nach 
innen  gegen  den  Krater  zu  dadurch,  dass,  besonders  gegen  das 
Ende  der  Eruption,  ausgeworfenes  Material  Lagen  bildet,  welche 
parallel  der  inneren  Böschung  geneigt  sind.  Ob  das  hier  der 
Fall,  ob  Senkung  anzunehmen,  bedarf  weiterer  Untersuchung, 
da  mir  diese  Erscheinung  erst  nachträglich  auf  der  Zeichnung 
auffiel.    Figur  II.  zeigt  nichts  davon. 

In  den  weichen  Lagen  sind  durch  die  wässerigen  aus  der 
Atmosphäre  und  vom  Krater  selbst  herstammenden  Niederschläge 
zierliche  Erosionsrippen  entwickelt. 

Die  Sohle  des  Kraters  ist  an  der  abgebildeten  Ostseite 
ganz  eben  und  liegt  daselbst  am  tiefsten.  An  der  Nordwest- 
und  Westseite  ist  sie  etwas  erhöht  und  unregelmässiger. 

Aus  einer  grossen  Zahl  von  Furaarolen  steigen  Dampf- 
säulen in  die  Höhe.  Sie  erheben  sich  weit  über  den  Rand 
des  Kraters  und  vereinigen  sich  oben  zu  einer  compacten 
Wolke,  in  die  der  Wind  wechselnde  Formen  bildet.  Sie  sind 
auf  Tafel  IV.  nur  klein  angegeben,  um  die  Formen  der  Krater- 
wandung nicht  einzubüssen.  Diese  Dampfsäulen  entquollen 
ihren  unregelmässig  gestalteten  Fumarolenöffnungen  mit  einem 
zischenden  Ton,  wie  wenn  aus  vielen  Locomotiven  der  Dampf 
ausströmt.  Dieser  Ton  ist  etwas  verschieden,  je  nach  der 
Stärke  des  Dampfstroms,  der  Richtung  der  Oeffnung,  der  Be- 
schaffenheit des  Randes  und  der  Mündung  (glatt,  eckig,  porös, 
rund,  spaltenartig  etc.). 


*)  Volcanos  pag.  60. 


44 


Noch  anziehender  wurde  das  Bild  vulkanischer  Thätigkeit 
durch  das  lebhafte  Treiben  der  Arbeiter,  die  soeben  den  steilen 
Pfad  heraufstiegen,  die  mit  dem  Rohmaterial  gefüllten  Körbe 
auf  den  Schultern  tragend. 

Die  Gase  der  Fumarolen  des  Kraters  bestehen  vorzugsweise 
aus  H2S,  H20  und  HCl,  welchen  Borsäure  und  Salmiak  beige- 
mengt sind.  Ob  S02  z.  Th.  präexistirt  oder  ausschliesslich 
bei  der  Verbrennung  von  H2S  an  der  Luft  entsteht,  ist  nicht 
festgestellt.  Auf  HCl  schlie&se  ich  aus  dem  Vorkommen  von 
Chloriden  in  den  ausgeworfenen  Aschen.  Jedenfalls  sind  darin 
noch  andere  Gase  (C02?  N  ?)  und  gelöste  feste  Substanzen 
enthalten,  die  theils  von  den  Dämpfen  mitgeführt,  theils  durch 
Einwirkung  derselben  auf  die  Fumarolenwanduugen  gebildet 
wurden,  allein  es  ist  hierüber  nichts  bekannt.*) 

Man  gewinnt  aus  den  Fumarolen  Borsäure,  Salmiak, 
Schwefel.  Die  Alaungewinnung  hat  man  gegenwärtig  fallen 
lassen,  will  aber  dafür  Schwefelsäure  fabriciren. 

Auf  dem  Absatz  rechts  (Fig.  IV.  9)  wurde,  wie  mir  der 
Aufseher  sagte,  besonders  Schwefel  gewonnen ;  eine  der  Fuma- 
rolen liefert  ausschliesslich  Alaun.  Die  links  abgebildete  Fu- 
marole  war  besonders  stark,  sie  erhob  sich  bedeutend  über 
den  Rand  des  Kraters  und  es  war  nicht  möglich,  sich  ihr  zu 
nähern. 

Die  Art  der  Gewinnung  scheint,  soviel  ich  beobachten 
konnte,  ungemein  einfach  zu  sein.  Man  wirft  lockeres  Material 
(vulkanische  Asche)  auf  die  Mündungen  der  kleineren  Fuma- 
rolen; die  Dämpfe  streichen  hindurch  und  lagern  ihre  gelösten, 
festen  Bestandtheile  darin  ab.  So  entsteht  eine  Art  cämen- 
tirten  Conglomerates.  Dasselbe  ist  erfüllt  mit  faserigem  Samiak, 
gelbrothem  Selenschwefel,  Alaun  und  schön  weisser  seiden- 
glänzender Borsäure.  Dieses  Rohmaterial  wird ,  wenn  es  mit 
den  Fumarolenproducten  genugsam  beladen  ist,  in  Gefässe 
gefüllt  und  von  den  Arbeitern  auf  den  Schultern  zur  Fabrik 
am  Nordfluss  des  Kegels  befördert,   um   daselbst  weiter  ver- 


*)  Ich  glaubte  Jod,  dessen  Anwesenheit  in  den  Sublimationen  Borne- 
mann und  vom  Rath  erkannten,  könne  sich  vielleicht  in  den  bei  der  Fa- 
brication  übrig  bleibenden  Mutterlaugen  finden;  Herr  Picone  verneint 
aber  seine  Anwesenheit.  Nach  Cü.  Deville  sollen  in  den  Sublimations- 
producten  kleine  Mengen  von  As  u.  P  vorkommen. 


45 

arbeitet  zu  werden.  Als  Herr  Trautschold *)  den  Krater  be- 
suchte, sah  er,  wie  man  die  Dämpfe  einer  Borsäure  haltenden 
Fumarole  auf  eine  sehr  rohe  Weise  in  einem  Fass  condensirte. 

In  neuerer  Zeit  machte  Herr  Pioone  einige  Bohrversuche 
in  der  Hoffnung,  reichere  Ablagerungen  anzutreffen.  Eines 
der  Bohrlöcher  wurde  in  der  Sohle  des  Kraters  niedergebracht. 
Kaum  war  man  in  einer  Tiefe  von  7  M.  angelangt,  so  erfolgte 
eine  Dampfexplosion,  die  den  Bohrer  in  die  Höhe  schleuderte. 
Eine  mächtige  Fumarole  entstand  im  Bohrloch  selbst.  Darauf- 
hin wurde  von  weiteren  Versuchen  Abstand  genommen. 

Die  Industrie  auf  Vulcano  hat  wechselnde  Schicksale  ge- 
habt. Die  Schwefelgewinnung  fand  nach  Spallanzani  **)  schon 
Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  statt,  wurde  dann  aber  unter- 
sagt, weil  man  glaubte  die  bei  der  Reinigung  des  Schwefels 
entstehenden  Dämpfe  schadeten  den  Weinpflanzungen  auf 
Lipari.  Ungefähr  1790  gab  der  König  von  Neapel  die  Er- 
laubniss  zur  Wiederaufnahme  der  Arbeiten ,  sie  standen  aber 
nach  einiger  Zeit  wieder  still,  wahrscheinlich  wegen  mangel- 
haftem Betrieb.  Später  gelangte  die  Fabrik  in  den  Besitz  des 
Herrn  Nunziante,  der  sie  in  neuester  Zeit  an  Herrn  Steven- 
son, einen  Engländer  von  Glascow  verkaufte.  Dieser  übergab 
die  technische  Leitung  Herrn  Picone,  unter  dessen  tüchtiger 
Direction  die  Fabrication  ohne  Zweifel  einen  neuen  Aufschwung 
nehmen  wird.  Der  Borsäuregehalt  der  Fumarolen  soll  grösser 
sein  als  der  der  toskanischen.  Im  Jahre  1860  wurden  jährlich 
etwa  2500  Kilo  Borsäure  gewonnen ,  gegenwärtig  wird  sich 
die  Production  wohl  gesteigert  haben. 

Ehe  ich  zu  den  Eruptionsproducten  übergehe,  möchte  ich 
noch  einer  Eigentümlichkeit  der  Kraterwandung  Erwähnung 
thun.  Ich  bemerkte  beim  Hinuntersteigen  in  den  Krater  an 
den  steilen  unteren  Abstürzen  eine  Kruste.  Sie  bedeckt  die- 
selben gleichsam  mantelartig  oder  wie  eine  Tapete,  die  nicht 
fest  an  der  Wand  ansitzt.  Ihre  Dicke  betrug,  wo  ich  sie 
untersuchte,  nicht  mehr  wie  1  —  3  Cm.,  ihre  Höhe  40  —  50' 
und  mehr.  Schlägt  man  daran,  so  fallen  grosse  Stücke  herab 
und  es  zeigt  sich  ein  Hohlraum  zwischen  ihr  und  dem  Lava- 
fels.    Der  letztere  war  an  der  betreffenden  Stelle  nicht  auf- 


*)  N.  Jahrb.  für  Mineral,  etc.  1874  pag.  63. 
''*)  „Voyages  dans  les  deux  Siciles"  pag.  136. 


46 


fallend  zersetzt;  die  Kruste  ist  also  etwas  Fremdartiges,  nicht 
die  äussere  zersetzte  Lavaschicht. 

Die  Kruste  ist  grau  oder  weiss  gefärbt  und  hat  das  Aus- 
sehen zusammengebackener  vulkanischer  Asche.  In  der  grauen 
Masse  sind  viele  Lavensplitter  und  dergl.  bemerkbar,  In  den 
Poren  und  Hohlräumen  aussen  und  inwendig  sitzen  dicke 
Büschel  prismatischer  gypsähnlicher  Krystalle. 

An  kaltes  Wasser  giebt  die  lufttrockene  Substanz  6,9  pCt. 
ab.  Der  wässerige  Auszug  reagirt  stark  sauer  und  enthält 
ziemlich  viel  H2S04  ,  aber  nur  Spuren  von  HCl.  Beim  Ver- 
dunsten der  Lösung  bleiben  Nadeln  und  Blättchen  zurück,  die 
beim  Erhitzen  undurchsichtig  werden.  Sie  enthalten  Thonerde, 
Magnesia,  Kalk  und  eine  Spur  von  Ammoniak,  welche  an  die 
genannten  Säuren  gebunden  sind.  Alkalien  sind  nicht  vor- 
handen. Der  beim  Ausziehen  mit  Wasser  bleibende  schlam- 
mige Rückstand  ist  mit  Gypskrystallen  erfüllt. 

Eine  neue  Probe  mit  Na2  C03  gekocht  ergab  reichliche 
Mengen  an  Kalk  und  Schwefelsäure,  ferner  Strontium,  aber 
keinen  Baryt,  dann  noch  die  schon  beim  wässerigen  Auszug 
genannten  Basen  mit  Ausnahme  des  Ammoniaks.  Der  von 
Na2  CO ,  -  Lösung  nicht  angegriffene  Rückstand  lässt  mit  der 
Loupe  Stückchen  dunkler  Glaslava,  Quarzkörner,  sowie  grün- 
liche und  röthliche  Fragmente  erkennen. 

Quantitative  Zusammensetzung  einer  Probe  der  Kruste: 
55,34  pCt.  Gyps, 

34,7  pCt.  Rückstand   nach  dem  Kochen    mit  Na2  C03  und 
Behandeln  mit  HCl, 
6,9  pCt.  in  Wasser  leicht  lösliche  Bestandtheile. 

Der  Gyps  wurde  aus  der  Kalkmenge  berechnet,  die  man 
durch  Kochen  mit  Na.,  C03  etc.  erhielt;  die  beiden  ersteren 
Bestimmungen  beziehen  sich  auf  bei  100°  getrocknete,  die 
letztere  auf  lufttrockne  Substanz. 

Erhitzt  man  das  Pulver  der  Kruste  und  rührt  Wasser 
hinzu,  so  erstarrt  der  Brei  wie  Gyps. 

Nach  dem  Gesagten  ist  die  Kruste  wohl  aus  den  Aschen- 
schichten der  oberen  Partie  der  Kraterwandung  (Taf.  IV.)  ent- 
standen. Sie  erweichten  zu  einem  Schlamm,  welcher  über  die 
Lavaabstürze  des  Kraters  herunterfloss.  Beim  Austrocknen 
der  Masse  löste  sie  sich  da  und  dort  von  der  Wandung  ab, 
ohne  indessen  ihren  Zusammenhang  zu  verlieren. 


Die  Entstehung  von  Gyps  auf  vulkanischem  Wege  ist 
eine  bekannte  Thatsache.  So  beobachtete  z.  B.  Hoffmann*) 
dieselbe  bei  den  Stufe  di  S.  Calogero  auf  Lipari  in  grossem 
Maassstab.  Dort  findet  sich  der  Gyps  theils  wechsellagernd 
mit  vulkanischem  Thon,  theils  in  unregelmässigen  Anhäufungen 
in  den  Tuffschichten,  theils  hie  und  da  in  Krusten,  die  grösse- 
ren Blöcke  überziehend.  Merkwürdig  ist  daher  im  vorliegenden 
Falle  nur,  dass  die  den  Gyps  enthaltenden  Krusten  gleich  einer 
Draperie  im  Innern  eines  Kraters  herunterhängen. 

Wenn  auch  ein  Theil  des  Calciumsulfats  schon  in  der 
breiigen  Masse  durch  Einwirkung  der  schwefligen  Säure  und 
des  Schwefelwasserstoffs  entstand,  so  ist  es  doch  schwer  zu 
begreifen ,  wie  sich  der  Gyps  in  dem  kalkarmen  Material 
so  anhäufen  konnte,  dass  er  alle  Poren  und  Hohlräume  ver- 
stopfte. Vielleicht  war  es  das  herabrinnende  und  die  poröse 
Kruste  durchsickernde  Wasser,  welches  aus  den  oberen  Sand- 
und  Aschenschichten  (vergl.  Taf.  IV.,  4)  immer  neue  Quanti- 
täten von  Kalk**)  mitbrachte  und  ihn  so  absetzte,  wie  die 
ein  Gradirwerk  durchtröpfelnde  Salzsoole  ihren  Kalkgehalt  in 
den  Dornenwänden.  Daher  zeigt  auch  die  Aussenfläche  der 
Kruste  vom  rinnenden  Wasser  herrührende  Vertiefungen  und 
Furchen. 

3.    Untersuchung  der  jüngsten  Eruptions- 
p  rod  u  cte. 

Sie  bestehen,  soweit  sie  fest  sind,  theils  aus  von  den  Fu- 
marolen  ausgeschleuderten  Projectilen  ,  theils  aus  Aschen  und 
Sanden. 

Erstere  liegen  in  ungeheurer  Anzahl  auf  dem  Piano  della 
Fossa,  dem  inneren  Kraterabfall  (vergl.  Taf.  IV.),  sowie  auf 
der  Sohle  des  Kraters  umher  und  sind  leicht  von  anderen 
Steinen  unterscheidbar.  Die  meisten  fielen  gegen  Norden  zu. 
Rundliche  oder  länglich-birnenförmige  Gestalten,  wie  am  Aetna 
und  Vesuv,  sah  ich  nicht.    Viele  waren  nicht  grösser  wie  eine 


*)  Pogq.  Ann.  Bd.  2b.  pag.  39  ff. 

**)  Die  Aschen  von  1873  enthalten  merklich  Kalk.  In  der  Vesuv- 
asche vom  '28.  April  1872,  die  in  Neapel  niederfiel,  war  von  den  bei- 
gemengten Salzen  Ca  S04  vorwiegend  (Scacchi,  in  Zeitschr.  d.  d.  geol. 
Ges.  1872). 


48 


Faust,  die  ansehnlichsten  erreichten  Kopfgrösse.  Sie  besitzen 
keine  eigentliche  Kruste ,  sind  aber  mehr  oder  weniger  von 
sauren  Dämpfen  gebleicht.  Im  Folgenden  beschreibe  ich  die 
Haupttypen. 

a.  Grauer,  unregelmässig  weissgestreifter  Liparit.  Dichte 
lithoidische,  im  Dünschliff  krystallinisch-scbuppige  Grundmasse, 
mit  reichlich  eingebetteten  Hornblendekrystallen  (und  Aggre- 
gaten derselben),  bis  zu  1  Cm.  lang.  Die  Handstücke  sind 
durchsetzt  von  theils  unregelmässig  zelligen  ,  tbeils  regel- 
mässigeren,  langgestreckten  Hohlräumen,  die  durch  ihre  Aus- 
füllung den  Stücken  das  gestreifte  Aussehen  geben.  Alle 
Hohlräume  sind  mit  weissem,  krystallinischem  Quarz  (Tridy- 
mit?)  ausgekleidet,  der  dieselben  aber  häufig  nicht  ganz  aus- 
füllt. In  den  nicht  erfüllten  Drusen  und  Nestern  finden  sich 
folgende  Mineralindividuen: 

Quarz, 
Hornblende, 
Eisenkies, 
Magneteisen. 

Der  Quarz  bildet  bis  3  Mm.  lange,  vollkommen  durch- 
sichtige Krystalle  (prismatische  und  tafelförmige).  Einer  der- 
selben, 3  Mm.  lang,  gleicht  vollkommen  einem  kleinen  Berg- 
krystall ,  er  zeigt  die  Flächen  von  P  und  xP;  letztere  sind 
gestreift.  Durch  alternirende  Prismen-  und  Pyramidenflächen 
verjüngt  sich  der  Krystall  nach  unten.  Als  Einschluss  enthält 
er  eine  millimeterlange  Amphibolnadel ,  während  aussen  klei- 
nere Amphibole  aufsitzen.  Andere  solcher  Quarze  sind  von 
vielen  haarförmigen  Amphibolen  und  Magneteisen  filzartig 
bedeckt. 

Häufig  sind  die  Hornblendenadeln  in  den  zelligen  Hohl- 
räumen, wie  sich  kreuzende  Fäden,  von  einer  Wandung  zur 
anderen  ausgespannt,  wodurch  manchmal  eine  Art  Gewebe 
entsteht.  Die  Oberfläche  dieser  Fäden  ist  in  der  Regel  dicht 
bedeckt  von  kleinen,  messinggelben  Pyritkryställchen.  An 
diesen  sind  bin  und  wieder  die  Oktaederflächen  erkennbar. 
Auf  Platinblech  erhitzt,  verwandeln  sie  sich  unter  Erglühen  in 
dunkelbraune  Kügelchen  unter  Entwicklung  von  SO.,.  In 
der  Phosphorsalzperle  und  auf  nassem  Wege  geben  diese 
Kügelchen  Eiseureaction. 


Die  Analyse  der  grauen  Grundmasse  ergab,  nach  sorg- 
fältiger Entfernung  der  Hornblende  mit  der  Loupe,  in  100  Theilen 
geglühter  Substanz: 

Kieselsäure     .    .    .    .  73,79 
Eisenoxyd  .    .    13,81  \  fi 
Thonerde    .    .      3,78  I  ' 

Kalk   1,43 

Magnesia   0,05 

Alkalien  a.  d.  Differenz  7,04 

Die  drei  ersten  Bestandteile  sind  doppelt  bestimmt.  Von 
der  Anwesenheit  beträchtlicher  Mengen  Kalis  überzeugte  ich 
mich  durch  Platinchlorid.  Glühverlust  0,72,  davon  0,24  bei 
100°;  0,48  zwischen  100°  und  Glühtemperatur. 

Diese  Analyse  zeigt,  dass  das  GesTein  Liparit  ist,  was 
auch  die  Betrachtung  von  Dünnschliffen  bestätigt.  Man  be- 
merkt viel  Sanidin,  aber  keinen  Feldspath  mit  Zwillingsstrei- 
fung,  ferner  Magneteisen  (auch  haar-  und  drahtförmig) ;  Tri- 
dymit  liess  sich  nicht  mit  Sicherheit  erkennen. 

b.  Liparitische  Auswürflinge,  ohne  Hohlräume,  aber  regel- 
mässig gestreift  und  gebändert,  wie  manche  Obsidiane.  In 
der  Grundmasse  kommen  bis  zu  4'"  lange  Hornblendekrystalle 
vor,  ausserdem  Pyrit,  der  hie  und  da  in  Eisenoxyd  verwandelt 
ist.  Die  hellen  Streifen  oder  Bänder  bilden  auf  den  Bruch- 
flächen auch  wohl  scharf  umschriebene  Linsen;  immer  haben 
sie  in  der  Mitte  eine  krystallinische  Ausfüllung,  anscheinend 
hauptsächlich  aus  Quarz  bestehend.  Aussen  sind  solche  Pro- 
jectile  bis  auf  5  Mm.  Tiefe  durch  die  sauren  Dämpfe  zersetzt, 
wodurch  eine  gebleichte  aber  harte  Oberfläche  entsteht. 

Ein  Dünnschliff  liess  erkennen,  dass  die  Streifen  aus 
amorpher,  einfach  brechender  Glassubstanz  bestehen ,  welche 
mit  doppelt  brechender  Substanz  wechselt.  Hin  und  wieder 
finden  sich  Sanidine  von  der  Glasmasse  eingeschlossen. 

c.  Projectile,  welche  aus  der  analysirten  Grundmasse 
allein  bestehen,  keine  hellen  Streifen  oder  Linsen  zeigen  und 
höchstens  nur  einige  wenige  Hornblendekrystalle  enthalten. 

d.  Glasige  Projectile,  ähnlich  der  dunkeln  glasigen  Lava, 
die  man  an  der  Kraterwandung  beobachtet. 

Von  Aschen  erhielt  ich  durch  die  Güte  des  Herrn  Picoke 
drei  Sorten  zugeschickt: 

Zeits. a.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1 .  4 


50 


1.  Asche  vom  15.  September  1873.  Dauer  der  Eruption 
2  Stunden.  Sie  ist  rein  grau  gefärbt  und  besteht  aus  meistens 
stecknadelkopfgrossen ,  etwas  abgerundeten  Fragmenten.  Sel- 
tener sind  sie  grösser  und  eckig. 

Obgleich  man  bereits  weiss,  dass  vulcanische  Asche  nichts 
weiter  ist  als  mechanisch  zerkleinerte  und  durch  die  Gewalt 
der  explodirenden  Dämpfe  zerstäubte  Lava,  so  wollte  ich 
mich  doch  nochmals  überzeugen,  wie  sich  der  Kieselsäuregehalt 
dieser  Asche  zu  dem  der  obigen  Grundmasse  der  Projectile 
verhalte.  Ich  fand  in  der  Asche  73,08  pCt.  Si02,  also  den- 
selben Gehalt,  wie  ihn  die  ausgeschleuderten  Liparitbomben 
besitzen.  Auch  das  Aussehen  der  Körner  verräth,  dass  diese 
Asche  und  obiger  Liparit  wesentlich  aus  dem  gleichen  Material 
bestehen. 

Der  Gewichtsverlust  beim  Glühen  der  Asche  betrug  5,49  pCt. 

2.  Sand  vom  14.  September.  Dauer  der  Eruption  3  Stun- 
den. Er  ist  etwas  dunkler  gefärbt  als  die  vorhergehende  Asche ; 
die  einzelnen  Partikel  sind  grösser,  eckiger,  daher  dem  Liparit 
im  Aussehen  noch  ähnlicher.  Hin  und  wieder  kommen  Schwefel- 
stückchen vor,  auch  von  Eisenchlorid  gelb  gefärbte  Partieen 
und  Eisenkies.  Qualitativ  wurde  ausser  Si02  noch  Fe,2  03, 
Al2  03,  MgO,  CaO,  sowie  auch  deutliche  Mengen  von  K.,0 
und  Na20  gefunden. 

3.  Weisse  Asche  vom  7.  September  1873.  Dauer  der 
Eruption  3  Stunden.  Während  diese  Asche  auf  der  ganzen 
Insel  Vulcano  niederfiel,  hatten  die  anwesenden  Liparoten  das 
eigentümliche  Schauspiel  eiues  nordischen  Schneefalles,  freilich 
an  einem  Material  von  ganz  anderer  Natur.*)  Sie  ist  von 
den  erwähnten  Eruptionsproducten  das  interessanteste.  Ihre 
Farbe  ist  schneeweiss.  Bei  mikroskopischer  Betrachtung  über- 
zeugt man  sich  leicht ,  dass  man  es  hier  nicht  mit  Laven- 
partikeln zu  thun  hat,  wie  bei  L  und  2.,  sondern  mit  einem 
krystaliinisch-körnigen,  zu  Klumpen  zusammengeballten  Pulver, 
welches  wesentlich  nur  aus  einem  Mineral  besteht.  Bestimmte 
Krystallformen  lassen   sich  zwar  nicht  wahrnehmen,   aber  die 


*)  Diese  Asche  fiel  bei  ruhiger  Luft  auf  den  Hauptkegel,  auf  die 
Ebene  bei  der  Fabrik  und  die  südlich  des  Kegels  gelegenen  Hügel.  Dieselben 
waren  davon  ganz  weiss  (imhiancata).  Die  Dicke  der  Schicht  betrug 
3  bis  i  Cm. 


weisse  Substanz  ist,  weil  doppelt  brechend,  zum  grösse- 
ren Theile  krystalliniseh.  Dies  deutet  nun  schon  darauf  hin, 
dass  diese  Asche  etwas  Anderes  ist,  wie  eine  bloss  mechanisch 
zerstückelte  Lava. 

Von  unwesentlichen  Beimengungen  finden  sich  folgende: 

Nächst  grösseren,  weissen,  festeren  Gesteinsbrocken  kom- 
men andere  von  grünlicher  und  röthlicher  Färbung  vor;  ferner 
kleine  dunkle  Partikelchen.  Etliche  davon  sind  mit  dem 
Magnet  ausziehbares  Magneteisen,  andere  sind  Fragmente  gla- 
siger Lava,  vielleicht  auch  Hornblende.  Manchmal  sind  sie 
so  leicht,  dass  sie  auf  Wasser  schwimmen.  Ausserdem  finden 
sich  noch  Fragmente  einer  dunklen  nicht  glasigen  Lava, 
Schwefelstückchen  und  in  der  krystalliniseh  -  körnigen  Haupt- 
menge selten  grössere  abgerundete  Brocken,  anscheinend  Quarz. 

Der  wässrige  Auszug  reagirt  stark  sauer  und  enthält 
Schwefelsäure  und  Salzsäure,  von  letzterer  anscheinend  mehr  (?). 
Die  Menge  des  durch  Wasser  Ausgezogenen  betrug  1,37  pCt. 
Der  durch  Eindampfung  erhaltene  Rückstand  war  dunkel  ge- 
färbt. Beim  Erhitzen  entfärbte  er  sich  unter  Entwickelung 
eines  bituminösen  Geruchs.  Es  ist  somit  eine  organische,  in 
verdünnten  Säuren  lösliche  Substanz  zugegen ,  die  wegen 
Mangel  an  Material  noch  nicht  näher  untersucht  werden 
konnte.  Der  erwähnte  Rückstand  enthielt  ausserdem  Eisen, 
etwas  Magnesia  und  namentlich  auch  Alkalien.  Mit  Platin- 
chlorid entstand  ein  merklicher  Niederschlag  von  K2Pt€l6. 

Der  Gewichtsverlust  beim  Erhitzen  der  lufttrockenen  Asche 
betrug  bei  einer  Probe  4,53  pCt.,  bei  einer  anderen  5,95  pCt. 
Derselbe  kommt  besonders  auf  Rechnung  des  Schwefels ,  da 
beim  Erhitzen  ein  intensiver  Geruch  von  S02  auftritt  und  von 
Schwefelkohlenstoff  beträchtliche  Mengen  desselben  extrahirt 
werden. 

Ein  auffallendes  Resultat  gab  die  Kieselsäurebestimmung. 
In  einem  Fall  erhielt  ich  95,8  pCt.,  im  anderen  Fall  93,2  pCt. 
(berechnet  auf  geglühte  Substanz).  Bei  ersterer  Bestimmung 
waren  die  beigemengten  fremdartigen  Partikel  sorgfältiger  aus- 
gesucht worden. 

Nach  dem  Gesagten  ist  die  Asche  vorwiegeed  als  Kiesel- 
säure zu  betrachten ,  ungleichförmig  gemengt  mit  Schwefel, 
Sulfaten  and  Chloriden   von  Alkalien,   alkalischen  Erden  und 

4* 


52 


Eisen;  ferner  mit  kleinen  Lava-  und  Schwefelpartikelchen 
und  verschiedenen  Gesteinsbrocken. 

Dass  Kieselsäure  als  Aschenauswurf  eines  Vulkans  auf- 
treten kann,  ist  meines  Wissens  bisher  noch  nicht  erkannt 
worden.  Dagegen  wird  von  einigen  Autoren  weisse  Asche 
erwähnt. 

So  berichtet  Dolomieü,  dass  bei  dem  Ausbruch  auf  Vul- 
cano  von  1775  (er  wird  als  der  letzte  ausgegeben ,  während 
nach  Spallanzaki*)  noch  1786  eine  Eruption**)  stattfand) 
eine  weissliche  Asche  auf  Lipari  niederfiel.  Auch  am  Vesuv 
sollen  hellgefärbte  Aschen,  z.  B.  bei  der  Eruption  von  1850 
und  1872,  gefallen  sein  ,  wobei  es  freilich  fraglich  bleibt ,  ob 
sie  weiss  oder  hellgrau  waren.  Die  Vesuvasche  vom  24.  und 
mehr  noch  vom  26.  Juni  1794  war  hellgrau  und  zuletzt  bei- 
nahe ganz  weiss  (Leopold  v.  Buch).  Nach  Fuchs***)  pflegen 
die  Aschen  beim  Beginn  der  Eruption  dunkel  gefärbt  zu  sein 
und  das  Erscheinen  weiss  gefärbter  Aschen  wird  als  ein  Zei- 
chen des  herannahenden  Endes  der  Eruption  begrüsst.  Che- 
misch untersucht  wurden  solche  Aschen  meines  Wissens  bisher 
noch  nicht;  es  bleibt  also  unentschieden,  ob  sie  die  Zusammen- 
setzung der  weissen  Vulcanoasche  hatten.  In  weissen  vulca- 
nischen  Aschen  sollen  nach  Ehrenberg  Diatomaceen  vorkommen. 

Wenn  bisher  die  weisse  Asche  als  vulkanische  Asche 
bezeichnet  wurde,  so  geschah  dies,  weil  sie  nach  dem  Zeugniss 
des  Herrn  Directors  Picoke  aus  dem  Krater  ausgeworfen 
wurde,  weil  sie  während  mehrerer  Stunden  auf  der  ganzen 
Insel  niederfiel  und  den  Boden  3  Cm.  hoch  bedeckte  (demnach 
nicht  wohl  als  ein  nur  zufälliges  in  kleiner  Menge  entstan- 
denes Product  betrachtet  werden  kann),  und  weil  es  nicht 
unwahrscheinlich  ist,  dass  ähnliche  Aschen  schon  früher  ge- 
fallen, aber  nicht  weiter  beachtet  worden  sind.f)     Trotz  der 

*)  Voyages  dans  les  deux  Siciles  II.,  163. 
**)  Hierbei  wurde  viel   Sand    ausgeworfen ;    ein  Verwandter  des 
Herrn  Piconis  theilte   demselben  mit,  dass  nach  Aussage   seines  Vaters 
man  damals  in  Lipari   Sand  und  Asche  von  den  Dächern   habe  weg- 
schaffen müssen. 

***)  Vulcan.  Erscheinungen,  pag.  217. 

f)  Bemerkenswerth  ist  es,  dass  der  weisse  x\schenfall  noch  ein 
zweites  Mal  stattfand;  die  zweite  Asche  ist  eine  Spur  weniger  weiss. 
Leider  lässt  sich  nicht  constatiren,  ob  dazwischen  hinein  graue,  normale 
Asche  fiel  oder  nicht. 


\ 


53 


unzweifelhaften  Aschennatur  macht  es  einige  Schwierigkeit, 
den  gewöhnlichen  Begriff  von  vulcanischer  Asche,  wie  man 
ihn  in  den  meisten  Lehrbüchern*)  findet,  auf  die  vorliegende 
anzuwenden. 

Die  vulkanische  Asche  besteht  bekanntlich,  wie  Cordier 
1815  nachwies,  wesentlich  aus  denselben  Elementen  wie  die  Lava; 
sie  ist  mechanisch  veränderte  Lava  oder  kurzweg  Lavapulver. 
Cordier  erklärte  sich  die  Bildung  durch  Friction,  Menard  und 
Morioand  nahmen  eine  Zerstäubung  durch  die  explodirenden 
Dämpfe  an ,  gleichwie  aus  einem  Gewehr  abgeschossenes 
Wasser  in  einen  Sprühregen  feiner  Theilcben  verwandelt  wird. 
Noch  neuerdings  wies  Rammelsberg  für  Vesuvasche  der 
Eruption  1872  von  la  Cercola  durch  Analyse  nach,  dass  sie 
nichts  anderes  sei  als  Lavapulver. 

Bei  der  weissen  Asche  dagegen  ist  wohl  kaum  an  ein 
mechanisches  Vertheilungsphänomen  zu  denken;  sie  ist  im 
Wesentlichen  ein  chemisches  Individuum,  welches  durch  einen 
besonderen  chemischen  Process  entstand. 

Ist  nun  vielleicht  auch  für  andere  Aschen  eine  solche  be- 
sondere chemische  Entstehungsweise  anzunehmen?  Ich  halte 
sie  für  möglich ,  aber  vorläufig  nicht  bestimmt  zu  erweisen, 
da  die  gleich  näher  zu  erwähnenden  Falle  sich  auch  durch 
mechanische  Sonderung,  sei  es  im  Schlot,  sei  es  ausserhalb 
desselben,  erklären  lassen.  C.  W.  C.  Fuchs**)  führt  an,  dass 
Lava  auch  aus  kleinen  Krystallen  und  Krystallbruchstücken 
bestehen  könne,  ohne  sich  indessen  näher  über  die  Entste- 
hungsweise solcher  Laven  zu  äussern.  Er  erwähnt  Asche  von 
Guadeloupe  von  1837 ,  die  aus  32  pCt.  Labrador  und  aus 
Sanidin  bestanden  habe;  Asche  vom  Aetna,  die  hauptsächlich 
aus  feinem  Labradorpulver  bestand.  Soacchi***)  beobachtete 
bei  der  Eruption  des  Vesuvs  von  1872  leucitische  Asche  und 
behauptet,  dass  viele  Vesuvaschen  vorwaltend  aus  Leucit  be- 
ständen. Dies  wurde  zwar  von  Rammelsberg f)  für  Asche  der 
gleichen  Eruption  von  La  Cercola  (s.  oben)  widerlegt,  allein 


*)  Vergl.  Naümann's  Geognosie  I.  pag.  129;  Zirkels  Petrographie 
II.  pag.  569. 

**)  Vergl.  Vulcan.  Erscheinungen  pag.  217. 
***)  Im  Auszug  in  Zeitschr.  d,  d.  geol.  Ges.  1872. 
f)  Ibidem. 


54 


wenn  auch  aus  Leucit  bestehende  Aschen  zu  den  Ausnahmen 
gehören,  so  ist  es  doch  nicht  unmöglich,  dass  an  einem  Ort 
vorwiegend  leucitische ,  z.  B.  durch  mechanische  Sonderung 
entstandene,  an  anderen  Orten  die  normale  Asche,  wie  sie 
Rammelsberg  analysirte,  niederßel.  Nach  Scacchi*)  ist  es 
bekannt,  dass  bisweilen  (z.  B.  1845 — 1849)  Eruptionen  von 
Leucitkrystallen  stattgefunden  haben.  Er  betrachtet  sie  nicht 
als  Neubildungen,  sondern  als  von  alten  Laven  herstammend, 
die  bei  späteren  Eruptionen  von  Neuem  geschmolzen  wurden. 

In  all  den  genannten  Fällen  handelt  es  sich  um  Mine- 
ralien, die  auch  in  den  Laven  der  betreffenden  Vulcane  häufig 
sind  (Labrador  in  Aetnalaven ,  Leucit  in  Vesuvlaven).  Be- 
kanntlich sondert  sich  nun  beim  Niederfallen  einer  Asche  der 
feinere  Lavastab  häufig  mechanisch  und  fällt,  vom  Winde 
weggeführt,  erst  in  grösserer  Enfernung  nieder.  Je  nach  Korn- 
grösse  und  Gewicht  der  Theilchen  können  modificirte  Aschen 
entstehen,  die  mineralogisch  ganz  anders  zusammengesetzt  sind, 
als  sie  es  anfänglich  nahe  der  Kratermündung  waren.  Die 
Beschaffenheit  einer  Asche  wie  sie  abgelagert  wurde,  ist  also 
durchaus  nicht  identisch  mit  derjenigen ,  in  der  sie  aus  dem 
Krater  ausgeschleudert  wurde.  An  eine  mechanische,  bereits 
im  Schlot  erfolgende  Sonderung  ist  bei  denjenigen  Mineralien 
zu  denken,  die  (wie  es  für  einen  Theil  der  Leucite  jetzt  wohl 
fest  steht)  im  Magma  präexistirten  und  von  den  Gasen 
emporgerissen,  schlackenartig  angehäuft  und  ausgeschleudert 
wurden.  **) 

Die  schneeweisse  Asche  von  Vulcano  dagegen  ist  gewiss 
nicht  durch  mechanische  Scheidung  aus  einem  zerstäubten 
Lavapulver  erklärbar.  Dem  widerspricht  die  ausserordentliche 
Reinheit  der  Substanz;  ferner  der  Umstand,  dass  sie  auf  der 
ganzen  Insel  mit  derselben  Beschaffenheit  niederfiel,  in  einer 
Mächtigkeit  von  stellenweis  4  Cm.  Namentlich  ist  aber  der 
Tridymit,  aus  dem  die  weisse  Asche  hauptsächlich  besteht 
(vergl.  pag.  57),  nicht  als  wesentlicher  Bestandtheil  von  neue- 
ren Laven  bekannt;  er  findet  sich  in  den  Trachyten  zwar  ver- 
breitet, doch  nur  in  kleinen  Mengen.    In  den  ungefähr  gleich- 


*)  Zeitschr.  d.  d.  geol.  Ges.  1872. 
**)  Vergl.  Heim:  „Der  Vesuv  im  April  1872",   in  dieser  Zeitschr. 
1873,  pag.  35. 


55 


zeitig  mit  der  Asche  ausgeschleuderten  Projectilen  konnte  ich 
ihn  im  Dünnschliff  nicht  erkennen. 

Ich  betrachte  daher  diese  Asche  als  eine  Neubildung  aus 
dem  Lavamagma  oder  dem  Gestein  der  Schlotwandung. 

Wie  die  Laven  sich  nicht  eintheilen  lassen,  so  ist  es  wohl  auch 
mit  den  Aschen  des  Fall;  die  weisse  Asche  zeigt  indessen  so  viel, 
dass  nicht  jede  vulkanische  Asche  als  Lavapulver  (oder  daraus 
durch  mechanische  Sonderung  entstanden)  betrachtet  werden 
kann.  Es  erscheint  vielleicht  am  zweckmässigsten,  den  Begriff 
der  vulkanischen  Asche  dahin  zu  erweitern,  dass  man  alles 
das  darunter  begreift,  was  von  einem  Vulcan  ausgeworfen 
wird,  und  in  kl  e  i  n  en  ,  festen  Partikeln  zu  Boden  fällt.  Weiter- 
hin kann  man  dann  unterscheiden  : 

1)  Mechanisch  aus  Lava,  hauptsächlich  durch  Reibung 
und  Zerstäubung  entstandene,  gewöhnliche  oder  nor- 
male Aschen. 

2)  Aschen,  welche  durch  mechanische  Sonderling  aus 
den  vorigen  entstanden.  Dieselbe  kann  ausserhalb  des  Kraters 
durch  das  verschiedene  Gewicht  der  Theilchen  und  durch  Wind- 
strömungen erfolgt  sein,  oder  schon  innerhalb  des  Schlotes: 
M o  d ifi  cirt e  Aschen  —  hierher  muthmaasslich  Labrador- 
und  Leucit-Aschen. 

Zu  diesen  zwei  bereits  bekannten  Gruppen  käme  nun 
eine  dritte  neue: 

3)  Aschen,  deren  Eigentümlichkeit  die  Annahme  eines 
besonderen  chemischen  Vorganges  wahrscheinlich  macht,  die 
also  als  wirkliche  Neubildungen,  z.  B.  als  Reactionsproducte 
der  vulcanischen  Dämpfe  und  Gase  auf  das  Gestein  der  Schlot- 
wandung oder  das  Magma  zu  betrachten  sind.  Hierher  wahr- 
scheinlich die  weisse  Asche  des  7.  September. 

Ueber  den  besonderen  chemischen  Vorgang,  durch  den 
die  weisse  Asche  entstand,  lassen  sich  verschiedene  schwer  zu 
erweisende  Annahmen  machen. 

Wenn  in  den  vulkanischen  Gasen  Si  Fl ,  enthalten  ist, 
so  wird,  wenn  dasselbe  mit  Wasserdampf  zusammenkommt, 
nach  bekannten  chemischen  Erfahrungen  Kieselsäure  und 
Kieselfluorwasserstoffsäure  entstehen,  welch  letztere  sich  unter 
Umständen  in  Kieselfluormetalle  verwandeln  kann. 

3  Si  Fl4       +  4  H2  O  =  2  H,  Si  Flfl  +  H4  Si  04 
H8SiFla  +  R20      =     R2SiFl6  +H20. 


56 


Hierbei  entsteht  allerdings  amorphe  Kieselsäure,  während 
die  weisse  Asche  grösstentheils  krystallinisch  ist ,  allein  nach 
St.  Clair  Deville  wird  erstere  beim  Ueberleiten  eines  Stroms 
von  HCl  und  Wasserdampf  krystallinisch.*)  Die  Bildung  von 
Fluorkiesel  setzt  die  Abwesenheit  von  Wasser  oder  den  disso- 
ziirten  Zustand  derselben  voraus.  Si  Fl4  wurde  in  Fuma- 
rolen  selbst  nicht  nachgewiesen,  dagegen  fand  Roth**)  Fluor- 
gehalt in  gelben  Krusten  am  Rande  von  Lavafumarolen  des 
Vesuv. 

Ferner  kann  die  weisse  Asche  einem  natürlichen  Auf- 
schliessungsprocess  ihre  Entstehung  verdanken.  Bekanntlich 
besteht  eine  Methode  der  Aufschliessung  von  Silikaten  darin, 
dass  man  sie  in  geschlossenen  Röhren  bei  höherem  Druck  mit 
verdünnter  Salzsäure  oder  Schwefelsäure  behandelt.  Im  Schlot 
eines  Vulcanes  sind  Säuredämpfe,  Wasserdampf  und  höherer 
Druck  vorhanden,  somit  alle  Bedingungen,  um  aus  dem  Ge- 
stein der  Schlotwandung  oder  vielleicht  aus  der  Lava  selbst 
Kieselsäure  zu  bilden,  die  dann  weiterhin,  wie  oben  ange- 
geben, in  den  krystallisirten  Zustand  übergehen  kann. 

Kaum  denkbar  ist  die  Annahme,  dass  die  Kieselsäure 
präexistirt  hätte.  Man  müsste  ein  Tridymit-  oder  Quarz- 
führendes Gestein  oder  alte  Lava  annehmen,  aus  welchen 
durch  eine  Art  von  Aussaigerung  die  schmelzbaren  Bestand- 
teile herausschmolzen,  während  die  Kieselsäure  zurückblieb. 
Solche  massenhaft  Tridymit  -  führende  Gesteine  sind  indessen 
nicht  bekannt  und,  wenn  der  Tridymit  aus  Quarz  entstanden 
wäre,  sollten  noch  beträchtliche  Mengen  des  letzteren,  na- 
mentlich auch  halb  umgewandelte  Stücken  zu  beobachten  sein, 
was  nicht  der  Fall  ist. 

Die  wahrscheinlichste  von  den  so  eben  angeführten  Hypo- 
thesen scheint  mir  noch  die  zweite  zu  sein,  welche  einen  na- 
türlichen Aufscbliessungsprozess  annimmt.  Für  sie  spricht  der 
Umstand,  dass  in  der  weissen  Asche  halbzersetzte  graue  und 


*)  Ich  leitete  durch  ein  böhmisches  Glasrohr,  in  welchem  sich  ein 
mit  amorpher  Kieselsäure  gefülltes  Schiffchen  befand,  feuchtes  HCl.  Die 
Röhre  wurde  von  unten  durch  HF.iNz'sche  Brenner  erhitzt.  Es  zeigten 
sich  unter  dem  Polarisationsmikroskop  nur  Spuren  von  Umwandlung.  Die 
Temperatur  war  also  ungenügend.  Spuren  doppelter  Brechbarkeit  zeigt 
auch  die  bei  der  Analyse  erhaltene,  im  Platintiegel  geglühte  Kieselsäure. 
**)  Vergl.  dessen  Monogr.  des  Vesuv  pag.  265. 


röthliche  Gesteinspartikel  vorkommen,  welche  wohl  die  Mutter- 
substanz der  Asche  darstellen;  ferner  dass  die  Asche  ursprüng- 
lich amorph  gewesen  zu  sein  scheint  ,  da  noch  circa  5  pCt. 
amorphe  Kieselsäure  darin  enthalten  sind.  Dass  eine  solche 
Aufschliessung  vom  chemischen  Standpunkt  aus  leicht  denkbar 
ist,  wurde  schon  erwähnt.  Man  kann  sich  leicht  vorstellen,  dass 
während  der  Ruheperiode  von  1786 — 1873,  durch  die  fort- 
währende Einwirkung  gespannter  Dämpfe  auf  das  Gestein  der 
Schlotwandung,  ansehnliche  Mengen  von  Kieselsäure  entstan- 
den.*) Die  erste  grosse  Dampfexplosion  schleuderte  den 
Pfropfen  hinaus.  Namentlich  spricht  hierfür  noch  der  Um- 
stand, dass  die  weisse  Asche  die  erste  war;  die  normalen 
grauen  Aschen  kamen  später.  Wenn  dies  allgemein  zutrifft,  so 
können  die  weissen  Aschen  des  Vesuv  nicht  wohl  Kieselsäure 
sein ,  da  sie  für  das  Ende  der  Eruption  charakteristisch 
sind.  Die  Untersuchung  solcher  heller  Aschen  wäre  daher 
wünschenswerth. 

Erstaunlich  ist  freilich  das  Quantum  der  weissen  Asche, 
da  sie  ja  3 — 4  Cm.  hoch  die  Umgebung  des  Vulcans  bedeckte, 
und  sicherlich  noch  viel  davon  ins  Meer  gefallen  ist.  Um 
dies  allenfalls  zu  begreifen,  müsste  man  sich  die  vulkanischen 
Verbindungswege  sehr  vervielfacht  denken. 

Man  kann  noch  fragen ,  warum  bei  anderen  Vulcanen  die 
Eruptionen  nicht  auch  mit  weisser  Asche  beginnen.  Eine 
solche  Erscheinung  wäre  doch  (z.  B.  am  Vesuv)  schwerlich  der 
Aufmerksamkeit  entgangen.  Der  lange  S  olfatare  nzustand, 
die  Eigenthümlichkeit  des  Materials,  mögen  dazu  beigetragen 
haben,  die  Erscheinung  auf  Vulcano  möglich  zu  machen. 

4.    Tridymit  als  vulcanische  Asche. 

Bei  weiterer  Untersuchung  der  oben  beschriebenen  weissen 
vulcanischen  Asche  kam  ich  zu  dem  interessanten  Resultat, 
dass  dieselbe  nicht  gewöhnliche  Kieselsäure,  sondern  den  durch 
vom  Rath**)   entdeckten  Tridymit  darstelle.    Ich  gelangte  zu 


*)  Nach  Da  üb  ree  entsteht  aus  Glas  schon  durch  Einwirkung  ge- 
spannter Wasserdämpfe  bei  höherer  Temperatur  krystallinische  Kiesel- 
säure. 

**)  Pogg.  Ann.  von  1868. 


58 


diesem  unerwarteten  Ergebniss,  als  ich  das  specifiscbe  Gewicht 
und  die  Löslichkeit  in  kohlensauren  Alkalien  bestimmte. 

Da  die  Asche,  wie  oben  angegeben,  nicht  rein  ist,  son- 
dern Schwefel,  Chloride  und  Sulfate  enthält,  so  war  es  not- 
wendig ,  dieselben  zu  entfernen.  Nachdem  ich  die  Asche 
mechanisch  sortirt,  extrahirte  ich  sie  nacheinander  mit  Schwefel- 
kohlenstoff, Alkohol,  Wasser  und  nochmals  Alkohol.  Hierauf 
wurde  bei  einer  Temperatur  von  60  —  70°  getrocknet.  CS., 
zog  ziemlich  viel  Schwefel  aus. 

Die  Bestimmung  des  spezifischen  Gewichts  mit  dem  Pyk- 
nometer ergab  2,208;  G.  Rose*)  und  vom  Rath  fanden  für 
den  Tridymit  2,31. 

Zur  Löslichkeitsbestimmung  wurde  eine  Auflösung  von 
1  Th.  trocknem  Natriumcarbonat  in  3  Th.  Wasser  angewandt 
und  20  Minuten  lang  im  Kochen  erhalten.  Nach  dem  Filtriren 
und  Auswaschen  ergab  sich  ein  Gewichtsverlust  von  6,23  pCt. 
Der  Tridymit  ist  nach  Rose  in  Alkalien  sehr  schwer  auflös- 
lich**), die  6,23  pCt.  mögen  daher  zum  grösseren  Theil  auf 
Rechnung  von  beigemengter  amorpher  Kieselsäure  kommen. 
Daher  erklärt  es  sich  auch,  warum  das  gefundene  specifiscbe 
Gewicht  für  Tridymit  etwas  zu  niedrig  ist. 

Auch  deutet  die  Beimengung  amorpher  Säure  darauf  hin, 
dass  der  Tridymit  hier  überhaupt  aus  der  amorphen  Modifi- 
cation  durch  höhere  Temperatur  oder  Einwirkung  von  Säure 
und  Wasserdämpfen  entstanden  ist. 

Eine  unlösliche  Kieselsäure  von  so  niedrigem  specifischem 
Gewicht  kann  nur  Tridymit  sein;  es  kam  nur  noch  darauf  an, 
das  Verhalten  im  polarisirten  Licht  zu  untersuchen. 

Herr  Prof.  Roth,  dem  ich  eine  Probe  der  weissen  Asche 
zuschickte,  hatte  die  Güte,  mich  darauf  aufmerksam  zu  machen, 
dass  die  Asche  doppelt  Brechendes  enthalte.  Ich  überzeugte 
mich  dann  selbst,  dass  die  Menge  des  Doppeltbrechenden  sehr 
bedeutend  ist.  Beobachtet  man  bei  gekreuzten  Nicols  ver- 
gleichsweise amorphe  analytische  Kieselsäure  und  den  gerei- 
nigten Tridymit, ,  so  bleibt  kein  Zweifel  über  die  Natur  des 
letzteren.  Auch  Farbenerscheinungen  treten  auf,  die  wohl  von 
Tridymit  herrühren.    Dagegen  gelingt  es  nicht,  in  dem  feinen 


*)  Berichte  d.  d.  ehem.  Ges.  1869,  pag.  390. 
**)  Ibidem. 


59 


rer  ausgebildete  Krystalle  oder  auch  nur  deutlich  begrenzte 
Krystallflächen  wahrzunehmen. 

Bekanntlich  ist  der  Tridymit  durch  vom  Rath,  Sandberger 
u.  a.  an  verschiedenen  Orten  aufgefunden  worden,  so  z.  B.  in 
Mexico,  im  Siebengebirge,  im  Trachyt  der  Euganeen  bei  Pa- 
dua, aufSantorin,  Als  vulkanische  Asche  hatte  man  ihn  aller- 
dings noch  nicht  beobachtet.  Fast  immer  war  es  aber  trachy- 
tisches  Eruptivgestein,  in  welchem  er  sich  vorfand.  Begreiflich 
wird  es  daher,  dass  ihn  auch  einmal  ein  Vulcan  direct  er- 
zeugen und  als  Asche  ausschleudern  konnte ,  um  so  begreif- 
licher,  wenn  man  bedenkt,  dass  nach  G.  Rose*)  Tridy- 
mit besonders  gern  aus  Schmelzflüssen  sich  bildet,  dass  er 
aus  Quarz  wie  aus  amorpher  Kieselsäure  bei  höherer  Tempe- 
ratur sich  erzeugt.  Wo  anders  sind  diese  Bedingungen  besser 
gegeben  als  bei  Vulcanen  und  man  muss  sich  nur  wundern, 
dass  nicht  auch  andere  Vulcane  schon  Tridymit  lieferten. 

Bemerkens werth  ist  noch  die  Massenhaftigkeit  dieses  Tri- 
dymitvorkommens  (siehe  oben),  wenn  man  bedenkt,  in  welch 
kleinen  Quantitäten  (in  Spalten  und  Drusen  der  Trachyte)  bis- 
her das  Mineral  auftrat.  Besitzt  doch  manche  Sammlung  noch 
kein  gutes  Handstück  desselben! 


Schliesslich  noch  eine  allgemeine  Bemerkung  über  die  be- 
handelten Producte  und  ihr  Verhältniss  zu  den  älteren  Erzeug- 
nissen des  Vulcanokraters. 

Herr  Prof.  J.  Roth,  der  erfahrene  Kenner  der  italienischen 
Vulcane,  machte  mich  gelegentlich  darauf  aufmerksam ,  dass 
frühere  Autoren  von  doleritischen  Vorkommnissen  auf  Vulcano 
sprechen.  In  der  That  beschreibt  Hoffmann**)  melaphyr- 
ähnliche  Laven  vom  Mte.  Saraceno  und  säulen-  und  kugelförmig 
abgesonderte  Augitlabradorlaven  von  Vulcanello.  Mit  Bezug 
auf  Lipari  bemerkt  er,  dass  daselbst  Feldspath-  und  Glaslaven 
den  augitführenden  gefolgt  seien. 

Olfenbar  gilt  nun  das  Letztere  auch  für  Vulcano.  Die 
neueren  und  neuesten  Producte  sind  trachytischer  Natur  und 


*)  Berichte  d.  d.  ehem.  Ges.  1869  pag.  393.,  vergl.  auch  H.  Rose  : 
Pogg.  Ann.  108.  pag.  7. 

**)  Pogg.  Ann.  Bd.  XXVI.  pag.  65. 


60 


reich  an  Kieselsäure;  das  beweisen  die  Auswürflinge  und 
Aschen  von  1873  und  1874.  Früher  wurden  also  im  unter- 
irdischen Laboratorium  von  Vulcano  kieselsäureärmere  Laven 
erzeugt;  jetzt  dagegen  ist  der  Vulcan  in  einem  sehr  sauren 
Stadium;  er  producirt  kieselsäurereiche  Producte,  ja  Kieselsäure 
selbst.  Noch  für  die  neuere  Zeit  scheint  sich  eine  Steigerung  des 
Kieselsäuregehalts  zu  ergeben,  wenn  man  Abich's  Analyse*) 
des  Gesteins  der  jetzigen  Kraterwandung  mit  meinen  Analysen 
vergleicht.  Er  fand  70,50  pCt.  Kieselsäure,  während  die 
neuesten  Projectile  73,8  pCt.  enthielten.  Freilich  müssten  die 
Analysen  vervielfältigt  werden,  um  diesen  Schluss  sicher  zu 
stellen;  es  würde  sich  dann  auch  zeigen,  ob  die  Steigerung 
im  Kieselsäuregehalt  continuirlich  oder  sprungweise  erfolgt 
ist,  ob  auch  Mittelstufen  zwischen  Basiten  und  Aciditen  vor- 
handen sind. 

Ob  jetzt  der  Kieselsäuregehalt  sein  Maximum  erreicht 
hat,  lässt  sich  nicht  vorhersagen ;  es  ist  möglich  ,  dass  später 
die  Producte  wieder  kieselsäureärmer  werden,  dass  also  auf 
eine  Periode  stark  saurer  Laven,  wie  die  jetzige  es  ist,  eine 
solche  von  basischen  Laven  folgt  und  demnach  der  chemische 
Process  im  Herd  in  umgekehrter  Richtung  verläuft  wie  bisher. 


Ergebnisse. 

Der  Erregungszustand  auf  Vulcano  begann  im  August  1873 
und  dauerte  bis  ungefähr  Ende  December  1874.  Es  lassen  sich 
zwei  Phasen  der  Thätigkeit  unterscheiden ,  die  durch  eine 
Periode  verhältnissmässiger  Ruhe  (von  Mitte  Februar  1874 
bis  Anfang  Juli)  von  einander  getrennt  sind.  Bemerkenswerth 
ist  die  unter  heftigen  Bodenerschütterungen  erfolgte  Bildung 
einer  neuen  Bocca  an  der  Ostseite  des  Kraters;  das  Auftreten 
grün  gefärbter  Flammen ;  die  intermittirende  oder  rytbmiscbe 
Thätigkeit  während  der  ersten  Phase  und  am  Ende  der  zweiten 
Phase,  ähnlich  wie  auf  Stromboli.  —  Bildung  zweier  neuen 
Boccen  auf  Stromboli.**) 

*)  Roth's  Gesteinsanalysen  pag.  11. 
**)  Wenn  diese  Boccen  am  15.  Juli  sich  bildeten,  während  Hr.  Picone 
auf  Vulcano  300  Stösse  verspürte,   ohne  dass  es  jedoch  zur  Entstehung 


Die  Producte  der  Thätigkeit  auf  Vulcano  waren  Projec« 
tile ,  Sande  und  Aschen ;  zur  Entleerung  von  Lava  kam  es 
nicht.  Den  Reiehthum  an  Aschen  hat  diese  Eruption  mit  der 
von  1786  gemein,  von  welcher  gleichfalls  keine  Lava  er- 
wähnt wird.*) 

Die  ausgeschleuderten  Projectile  sind  Liparite  (kieselsäure- 
reiche Sanidintrachyte  mit  Hornblende).  In  offenen  und  geschlos- 
senen Hohlräumen  derselben  findet  sich  Quarz,  Hornblende, 
Eisenkies  und  Magneteisen.  Von  diesen  hier  zweifellos  pyroge- 
nen  Mineralien  scheint  der  Quarz  (wie  auch  Roth**)  für  den  der 
Vesuvbomben  annimmt)  aus  dem  Magma,  die  übrigen  durch 
Sublimation  entstanden  zu  sein.  Letzteres  ergiebt  sich  daraus, 
dass  sie  theils  auf  einander,  theils  auf  den  Quarzkrystallen 
aufsitzen. 

Die  Aschen  und  Sande  zerfallen  in  zwei  Gruppen:  Nor- 
male graue  (aus  vertheilter,  zerstäubter  Lava  bestehend),  und 
Aschen  besonderer  Art  von  schneeweisser  Farbe. 

Letztere  sind  vorwaltend  Kieselsäure  (94  pCt.)  mit  bei- 
gemengten Chloriden  und  Sulfaten  von  Alkalien,  alkalischen 
Erden,  Eisen,  nebst  Schwefel,  wenig  Magneteisen  und  ein- 
zelnen Gesteinspartikeln. 

Diese  Asche  scheint  eine  Neubildung  aus  dem  Lavamagma 
oder  dem  Gestein  der  Schlotwandung  zu  sein.  Sie  ist  viel- 
leicht durch  einen  Aufschliessungsprocess  derselben,  vermittelt 
durch  die  sauren  Gase ,  bei  höherer  Temperatur  und  höherem 
Druck  entstanden. 

Der  gewöhnliche  Begriff  der  vulkanischen  Asche  (Lava- 
pulver) passt  auf  die  weisse  Asche  nicht.  Es  wäre  daher 
vielleicht  zweckmässig,   unter  Asche  (Sand)  alles  das  zu  ver- 


einer  Bocca  kam ,  so  liesse  sich  daraus  ein  Zusammenhang  zwischen  den 
beiden  Ventilen  der  Liparengruppe  folgern.  Vulcano  erfuhr  dann  wäh- 
rend der  zweiten  Phase  nur  die  Stösse;  der  eigentliche  Ausbruch  der 
gespannten  Dämpfe  erfolgte  auf  Stromboli.  Die  vulcanische  Thätigkeit 
hätte  dann  nach  Ablauf  der  ersten  Phase  (Mitte  Februar  1874)  von  Vul- 
cano nach  Stromboli  übergesetzt,  d.  h.  vom  Ende  des  südlichen  Schen- 
kels der  dreistrahligen  Liparen-Spalte  zum  nordöstlichen.  Die  erste  Phase 
hätte  vorzugsweise  auf  Vulcano,  die  zweite  auf  Stromboli  gespielt. 

*)  Spallanzani,  Voyages  dans  les  deux  Siciles  pag.  163.  Die  letzte 
Lava  (am  Nordabhang)  floss  1757. 

**)  Vergl.  dessen  Monographie  des  Vesuv  pag,  387. 


62 


stehen,  was  von  einem  Vulcan  in  kleinen  festen  Partikeln 
ausgeworfen  wird,  und  dann  zu  den  zwei  bereits  bekannten 
Gruppen  der  Lavapulver  und  der  mechanisch  in-  oder  ausser- 
halb des  Schlotes  gesonderten  Aschen  noch  eine  dritte  Gruppe 
hinzuzufügen,  welche  die  chemischen  Neubildungen  (wie  z.  B. 
die  weisse  Asche)  in  sich  begreift. 

Die  Kieselsäure  der  weissen  Asche  ist  grösstenteils  nicht 
die  gewöhnliche,  sondern  Tridymit,  was  sich  aus  der  Unlös- 
lichkeit in  Alkalicarbonaten,  dem  Verhalten  im  polarisirten  Licht 
und  dem  niedrigen  specitischen  Gewicht  ergiebt. 

Vielleicht  bildete  sich  ursprünglich  die  amorphe  Modifi- 
cation,  welche  durch  höhere  Temperatur  und  saure  Dämpfe 
in  Tridymit  überging. 

Da  nach  früheren  Autoren  auf  Vulcano  ältere  kieselsäure- 
ärmere Laven  vorkommen,  während  jetzt  die  Producte  kiesel- 
säurereich sind,  so  scheint  hier  die  Eigenthümlichkeit  des  vul- 
canisch-chemischen  Processes  in  einer  Anreicherung  bezüglich 
des  Kieselsäuregehalts  zu  bestehen.  Aus  Basiten  sind  Acidite 
entstanden.  Es  ist  möglich,  dass  in  Zukunft  der  chemische 
Process  wieder  in  umgekehrter  Richtung  erfolgt. 


Nachtrag. 

In  neuerer  Zeit  hat  mir  Herr  Director  Picone  noch  eine 
Probe  weisslicher  Asche  zugesendet,  welche,  wie  er  mir  mit- 
theilt, ebenfalls  aus  dem  Krater  von  Vulcano  ausgeschleudert 
worden  ist. 

Die  vorläufige  Untersuchung  ergab  mir,  dass  diese  Asche 
vorwiegend  aus  Gyps  besteht.  Hier  läge  also  wohl  ein  zweites 
Beispiel  jener  oben  aufgestellten  neuen  Gruppe  vulcanischer 
Aschen  vor. 

Solche  Aschen  könnte  man  vielleicht  auch  Solfataren- 
aschen  nennen,  denn  sie  scheinen  nur  bei  Solfataren  möglich 
zu  sein,  die  nach  langer  Ruhezeit  plötzlich  wieder  in  Eruption 
übergehen.  Wahrscheinlich  würde  in  einem  solchen  Falle  auch 
die  Solfatara  bei  Neapel  ähnliche  Producte  liefern. 

Auch  das  Vorkommen  der  oben  erwähnten  Gypskrusten, 
welche  tapetenartig  das  Innere  des  Vulcanokraters  überziehen, 
erklärt  sich  nun  besser  wie  vorher. 


4.    Ueber  die  Eisenerzlagerstätteii  von  El  Pedroso 
in  der  Provinz  Sevilla, 


Von  Herrn  Ferd.  Roemer  in  Breslau. 

El  Pedroso  ist  der  Name  eines  etwa  acht  geographische 
Meilen  nordöstlich  von  Sevilla  in  der  Sierra  Morena  gelegenen 
Städtchens  oder  Fleckens.  Nach  demselben  hat  sich  eine 
Gesellschaft  benannt,  welche  sich  die  Ausbeutuug  des  in  der 
näheren  und  weiteren  Umgebung  des  Ortes  vorhandenen  Eisen- 
erzlagerstätten zur  Aufgabe  gestellt  hat  (Compania  de  minas 
y  fabrica  de  hierros  del  Pedroso).  Ich  hatte  im  Spätherbst 
1872  und  im  Frühjahr  1873  Gelegenheit,  diese  Erzlagerstätten 
in  der  angenehmen  und  kundigen  Begleitung  mehrerer  Herren 
aus  Sevilla  und  Cadix  und  namentlich  des  Don  Ajst.onio 
Machado,  Rektors  der  Universität  Sevilla,  dem  ich  für  vielfache 
wissenschaftliche  Belehrung  über  das  Land  verpflichtet  bin, 
zweimal  zu  besuchen  und  die  nachstehenden  Beobachtungen 
über  die  fraglichen  Erzlagerstätten  und  die  allgemeinen  geogno- 
stischen  Verhältnisse  zu  sammeln. 

Der  Weg  von  Sevilla  nach  El  Pedroso  führt  über  die 
Kohlengruben  von  Villanaeva  del  Rio.  Um  dahin  zu  gelangen, 
fuhren  wir  zunächst  einige  Meilen  auf  der  von  Sevilla  nach 
Cordova  führenden  Eisenbahn  bis  zur  Station  Tocina.  Von 
hier  setzten  wir  zu  Pferde  unsere  Reise  fort.  Wir  hatten  zu- 
nächst die  fruchtbare  Thalsohle  des  Guadalquivir  quer  zu 
durchschneiden  und  gelangten ,  nachdem  wir  das  Städtchen 
Tocina  hinter  uns  hatten,  bald  an  den  hier  zwischen  hohen 
Lehmwänden  in  tief  eingeschnittenem  Bette  rasch  dahin  fliessen- 
den Strom,  der  mit  seinem  trüben  gelben  Wasser  einen  nicht 
gerade  schönen  Anblick  gewährt.  Wir  überschritten  denselben 
auf  einer  Fähre.  Bald  darauf  näherten  wir  uns  der  Thalwand, 
welche  zugleich  den  südlichen  Fuss  der  Sierra  Morena  bildet. 
Kalkige  Tertiär-Schichten  setzen  dieselbe  hier,  wie  überhaupt 
im  unteren   erweiterten   Thale   des  Guadalquivirs  zusammen. 


64 


Durch  grosse  Clypeaster*)  (Clyp.  gibbosus  M.  de  Serres)  Ostrea 
crassissimahÄM.  und  andere  Fossilien  bestimmen  sich  dieselben 
leicht  als  miocan.  Das  untere  Thal  des  Guadalquivir  bis 
gegen  Cordova  hinauf  war  in  der  mittleren  Tertiär  -  Zeit  ein 
von  der  alten  Gebirgsmasse  der  Sierra  Morena  einerseits  und 
der  Berge  von  Ronda  und  Jaen  andererseits  begrenzter  Meer- 
busen. 

Noch  eine  kurze  Strecke  und  wir  befanden  uns  mitten 
zwischen  den  Halden  zahlreicher  Steinkohlenscb'ächte.  Es  ist 
das  Kohlenbecken  von  Villanueva  del  Rio.  Aechtes  älteres 
Steinkohlengebirge  mit  Calamiten ,  Lepidodendren  und  Farrn- 
kräutern.  Die  groben  Sandsteine  und  weissen  Quarz-Conglo- 
merate  gleichen  durchaus  solchen  von  Waldenburg  und  anderen 
deutschen  Kohlenbecken.  Das  Becken  ist  von  ganz  beschränk- 
tem Umfang.  Es  ist  eins  der  ziemlich  zahlreichen  kleinen 
Steinkohlenbecken,  welche  in  dem  Bereiche  der  älteren  Schiefer- 
gebirgsmasse  der  Sierra  Morena  vereinzelt  und  ohne  Zu- 
sammenhang untereinander  auftreten.  Ein  anderes  lernten  wir 
später  nördlich  von  San  Nicolas  kennen.  Hier  sind  die  Kohlen 
bisher  nur  durch  Bohrungen  nachgewiesen ,  aber  bisher  nicht 
ausgebeutet.  Das  bedeutendste  derselben  ist  dasjenige  von 
Beimez,  nordwestlich  von  Cordova,  welches  neuerdings  durch 
eine  Eisenbahn  aufgeschlossen,  einen  grossen  Bedarf  an  Kohlen 
zu  befriedigen  im  Stande  sein  soll.  Das  kleine  Becken  von 
Villanueva  del  Rio  liefert  bisher  nur  ein  geringes  Quantum 
von  Kohlen.  Bei  einem  regelmässigeren  und  planvolleren 
Bergbau  Hesse  sich  aber  gewiss  die  Production  bedeutend 
steigern.  Gleich  nordwärts  von  den  Kohlengruben  treten  wir 
nach  Ueberschreitung  des  schmalen  Thaies  der  Huesna  in  das 
Gebiet  versteinerungsloser  Schiefer  —  Glimmerschiefer  und 
halbkrystallinischer  Thonschiefer  ein.  An  Aufschlüssen  des 
Gesteins  fehlte  es  nicht,  denn  wir  folgten  zum  Theil  der 
fast  vollendeten  Eisenbahn,  welche  an  mancher  Stelle  tief  in 
die  schiefrigen  Gesteine  einschneidet.  Es  ist  dies  eine  Eisen- 
bahn, die  das  breite  Gebirgsland  der  Sierra  Morena  quer  durch- 


*)  Ein  dort  gesammeltes  und  in  dem  hiesigen  Museum  niedergelegtes 
Exemplar  misst  21  Cm.  in  der  Länge,  19  Cm.  in  der  Breite  und  11^  Cm. 
in  der  Höhe.  Es  ist  das  grösste  mir  bekannte  Exemplar  eines  fossilen 
oder  lebenden  Echiniden  überhaupt. 


65 


schneidend,  Andalusien  mit  Estremadura  verbinden  soll.  Von 
Tocina,  wo  sie  in  die  Bahn  von  Sevilla  nach  Cordova  ein- 
mündet, bis  zu  dem  Städtchen  El  Pedroso  fanden  wir  diese 
Bahn  bereits  nahezu  vollendet,  so  dass  ihre  baldige  Eröffnung 
erwartet  wurde. 

Ein  Ritt  von  fünf  Stunden  durch  ein  einsames,  mit  den 
mehrere  Fuss  hohen  Stauden  von  Cistus-  Rosen  bewachsenes 
Bergland  brachte  uns  zu  der  Fabrica,  d.  i.  dem  etwa  6  Kilo- 
meter nordöstlich  von  El  Pedroso  gelegenen  Hüttenwerke  der 
Gesellschaft.  Hier  nahmen  wir  für  einige  Tage  unseren  .Auf- 
enthalt, um  die  in  der  Nähe  gelegenen  Erzlagerstätten  zu  be- 
suchen. Einen  bequemeren  und  angenehmeren  Mittelpunkt  für 
diese  Excursionen  hätten  wir  nicht  haben  können.  Das  Hütteu- 
werk ist  nämlich  am  Fusse  eines  hohen  bewaldeten  Berg- 
rückens im  Thale  der  Huesna,  eines  wasserreichen  klaren 
Bergstroms,  sehr  anmuthig  gelegen  und  bot  in  der  weitläuf- 
igen Beamtenwohnung  alle  Bequemlichkeiten  des  Lebens,  die 
man  sonst  in  dem  einsamen  Berglande  weit  und  breit  ver- 
gebens suchen  würde. 

Die  in  der  Nähe  gelegenen  Erzlagerstätten  sind  theils 
solche  von  Hämatit  oder  Rotheisenstein  ,  theils  von  Magnet- 
eisenstein. 

Wir  besichtigten  zunächst  die  ersteren,  die  sich  auf  der 
Höhe  eines  mit  Korkeichen  bestandenen,  steil  abfallenden 
Bergrückens  befinden.  Es  sind  aufgerichtete  Lager  im  Glimmer- 
schiefer. Die  erste  Grube,  zu  welcher  wir  kamen,  heist  Juan 
teniente.  Es  ist  ein  Tagebau  auf  der  Spitze  eines  bewal- 
deten Bergkegels.  Das  senkrecht  stehende  Erzlager  ist  hier 
4  bis  5  Meter  mächtig ,  in  Glimmerschiefer  eingelagert  und 
scharf  durch  denselben  begrenzt,  von  Südost  gegen  Nordwest 
streichend.  Das  Erz  ist  ein  feinkörniger  Eisenglanz  in  dichten 
Rotheisenstein  übergehend.  Nur  hin  und  wieder  von  kleinen 
Quarzadern  durchzogen  und  selten  durch  fein  eingesprengten 
Schwefelkies  verunreinigt,  erscheint  das  Erz  in  den  grossen 
durch  die  bisherige  Förderung  schon  entstandenen  Weitungen 
fast  ganz  gleichartig  Von  diesem  Hauptaufschlusspunkt  lässt 
sich  das  Erzlager  an  dem  Abhänge  des  Berges  in  ungefähr 
gleicher  Mächtigkeit  gegen  600  Meter  weit  verfolgen.  Bei 
dieser  Ausdehnung  und  Mächtigkeit  würde  sich   schon  durch 

Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1 .  5 


66 


blossen  Tagebau  ein  ungeheures  Quantum  Erz  aus  diesem  ein- 
zigen Erzlager  gewinnen  lassen. 

Nun  sind  aber  in  demselben  Höhenzuge  noch  mehrere 
ähnliche  Lager  vorhanden.  Zwei  derselben,  Rosalina  und 
Monte  agudo ,  hat  man  auch  bereits  auszubeuten  angefangen, 
aber  die  geringe  Förderung  steht  in  keinem  Verhältniss  zu  der 
Massenhaftigkeit  des  Erzvorraths.  Die  Lagerungsverhältnisse 
und  die  Eigenschaften  des  Erzes  sind  deren  von  Juan  teniente 
ganz  ähnlich.  Bei  der  Grube  Monte  agudo  kann  man  das  Erz 
an  dem  steilen  Abhänge  des  Berges  herabstürzen  und  wird  es 
leicht  zur  nahen  Eisenbahn  schaffen  können. 

Von  nicht  minderem  Reichthum  und  von  grösserem  geolo- 
gischen Interesse  sind  die  Lagerstätten  von  Magneteisen.  Die 
Gesellschaft  besitzt  zwei  Gruben  dieses  Erzes,  Navalazaro  und 
Navalostrillos  bei  Pedroso.  Die  erstere  ist  etwa  3  Kilometer 
südlich  von  dem  Städtchen  in  einem  flach  hügeligem  Land- 
striche gelegen.  An  dem  Fusse  eines  Hügels,  wenige  Fuss 
über  der  Thalsohle  ist  hier  ein  grosser  steinbruchsartiger  Tage- 
bau im  dünngeschichteten  Gneiss  geöffnet,  durch  welchen  das 
Erz  in  einer  Mächtigkeit  von  6  bis  8  Meter  aufgeschlossen  ist. 
Es  ist  ein  aufgerichtetes  Lager  im  Gneiss.  Das  Erz  ist  ein 
krystallinisch-körniges  bis  dichtes  Aggregat  von  Magneteisen. 
Brauner  Granat  und  grüner  Pistazit  (Epidot)  sind  häufige  Be- 
gleiter des  Erzes.  Das  ganze  Verhalten  der  Lagerstätte  erinnert 
lebhaft  an  dasjenige  von  Arendal  in  Norwegen.  Kleine  Schürfe 
und  natürliche  Entblössungen  schliessen  das  Erz  an  vielen 
anderen  Stellen  auf  den  umgebenden  Hügeln  auf.  Offenbar 
sind  hier  mehrere  Lager  desselben  vorhanden  und  es  liesse  sich 
hier  gewiss  bei  genügenden  Aufschlüssen  eine  beliebig  grosse 
Quantität  des  vortrefflichsten  Erzes  durch  blossen  Tagebau 
gewinnen. 

Die  andere  Grube  Navalostrillos ,  etwa  8  Kilometer 
nördlich  von  Pedroso  gelegen ,  zeigt  weniger  deutliche  Auf- 
schlüsse. Das  Gestein,  welchem  das  Erz  hier  untergeordnet 
ist,  ist  stark  zersetzter  dünngeschichteter  Gneiss.  Gänge  von 
Pegmatit  durchziehen  denselben.  Die  handgrossen  blättrigen 
Partieen  von  schönem  tombakbraunem  Glimmer,  welche  man 
an  der  Oberfläche  antrifft,  rühren  aus  solchen  Gängen  her. 
Auch  3  Zoll  dicke,  plattenförmige  Stücke  von  hellgrauem  dich- 
tem Feldspath,  welche  lose  in  der  Oberfläche  bemerkt  wurden, 


müssen  von  einem  gangartigen  Vorkommen  im  Gneiss  her- 
rühren. Ganz  in  der  Nähe  der  Grube  liegen  grosse  Blöcke 
von  grünschwarzer  Hornblende  umher.  Ihr  Aussehen  erinnert 
ganz  an  dasjenige  der  Magneteisenstein  -  Lager  von  Arendal. 
Zum  Theil  sind  diese  Blöcke  von  Hornblende  von  feinen 
Schnüren  von  Magneteisen  durchzogen. 

Besonders  bemerkenswerth  sind  noch  gewisse  serpentin- 
ähnliche und  opalartige  Massen ,  welche  das  Ausgehende  des 
Erzlagers  bedecken.  Kopfgrosse  Stücke  von  gelbbraunem  Halb- 
opal, lebhaft  an  den  Halbopal  von  Quegstein  im  Siebengebirge 
erinnernd,  sind  nicht  selten.  Noch  häufiger  sind  verschie- 
dentlich gestaltete  Knollen  von  dunkelgrauer  Farbe  und  mit 
ganz  mattem  Wachsglanz  auf  dem  flachmuscheligen  Bruch, 
welche  zuweilen  durch  die  zusammengedrückte  Gestalt  an 
Menilit-Knollen  eriunern.  Zuweilen  uraschliessen  diese  Knollen 
einen  Kern  vGn  grünlichgrauem  Serpentin.  Der  Serpentin 
ist  augenscheinlich  ein  Zersetzungsproduct  der  das  Erzlager 
begleitenden  Hornblende  und  die  Opale  sind  wieder  aus  jenem 
hervorgegangen,  wie  auch  in  Schlesien  bei  Frankenstein  und 
in'  der  Umgegend  des  Zobten  die  Opale  als  Ausscheidungen 
aus  dem  Serpentin  den  letzteren  begleiten. 

Augenblicklich  ist  die  Erzgewinnung  bei  Navalostrillos 
zwar  nicht  bedeutend,  aber  es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dass 
sich  auch  hier  bei  weiterer  Aufdeckung  des  Erzlagers  grosse 
Massen  von  Erz  durch  blossen  Tagebau  würden  gewinnen  lassen. 

Nun  blieb  uns  noch  die  Besichtigung  der  Eisenglanz- 
Gruben  übrig.  Diese  liegen  gegen  4  Meilen  weiter  nördlich 
bei  dem  Dorfe  San  Nicolas.  Wir  brachen  am  folgenden  Mor- 
gen dahin  auf.  Der  Weg  dahin  führt  zuerst  im  Thale  der 
Huesna  aufwärts  und  lenkt  später  in  ein  Nebenthal  ab.  Hier 
wird  das  Ansteigen  stärker  und  schliesslich  gelangt  man  auf 
ein  Plateau,  auf  welchem  ein  isolirter  Bergrücken  sich  erhebt. 
Das  ist  der  Cerro  de  chierro,  der  Eisenberg.  Und  in 
der  That,  derselbe  verdient  seinen  Namen.  Denn  sobald  man 
den  mit  Buschwerk  bewachsenen  Abhang  des  Berges  hinanzu- 
steigen beginnt,  findet  man  schon  den  Boden  überall  mit  faust- 
bis  kopfgrossen  Stücken  von  einem  metallisch  -  glänzenden 
Eisenglanz  bedeckt.  Gelangt  man  aber  auf  die  Höhe,  so  be- 
kommt man  erst  die  richtige  Vorstellung  von  der  Massen- 
haftigkeit  des  Erzvorkommens. 

5* 


68 


Es  befindet  sich  hier  ein  grösserer  steinbruchartiger  Auf- 
schluss,  in  welchem  man  den  reinen  lebhaft  metallglänzenden 
Eisenglanz  in  einer  Mächtigkeit  von  4  bis  6  Meter  anstehen 
sieht.  Weisser  krystallinisch-körniger  Schwerspath ,  welchen 
man  auf  den  ersten  Blick  für  krystallinischen  Kalk  oder  Urkalk 
halten  köonte,  begleitet  das  Erz  und  bildet  zum  Theil  kleinere 
Gänge  in  demselben.  Das  ist  nun  freilich  wegen  des  Schwefel- 
gehalts kein  angenehmer  Begleiter  des  Erzes.  Allein  eine 
eigentliche  Schwierigkeit  kann  er  nicht  bereiten,  weil  bei  der 
Massenhaftigkeit  des  Erzvorkommens  reine  Partieen  des  Erzes 
sich  leicht  vollständig  gesondert  werden  gewinnen  lassen.  Das 
Erzlager  geht  steil  nieder  und  streicht  von  Südost  gegen  Nord- 
west. Das  Nebengestein  ist  nicht  deutlich  aufgeschlossen,  so 
dass  es  nicht  ganz  klar,  ob  das  Vorkommen  als  ein  Gang  oder 
als  ein  aufgerichtetes  Lager  zu  deuten  ist.  Die  Begleitung 
durch  den  Schwerspath  spricht  mehr  für  die  erstere  Annahme. 

Der  Rücken  des  Berges  wird  durch  ein  Haufwerk  von  lose 
übereinander  gestürzten  ,  zum  Theil  hausgrossen  Felsblöcken 
gebildet.  Bei  näherer  Untersuchung  erweisen  sich  auch  diese 
Blöcke  zum  grossen  Theil  aus  körnigem  oder  dichtem  Eisen- 
glanz bestehend.  Wir  ritten  mehrere  Kilometer  weit  dem  Ab- 
bange des  Berges  entlang  und  überall  fanden  wir  den  Boden 
mit  grösseren  oder  kleineren  Stücken  des  Erzes  bestreut. 
Offenbar  ist  nicht  ein  einziges,  sondern  es  sind  mehrere  mäch- 
tige Lager  vorhanden.  In  jedem  Falle  ist  hier  ein  unerschöpf- 
licher Erzvorrath  vorhanden. 

An  vielen  Punkten  trifft  man  Spuren  eines  bedeutenden 
ehemaligen  Bergbaues  an.  Namentlich  zahlreiche  Pingen  und 
mächtige  Schlackenhaufen.  Durch  einzelne  Münzen  und  Werk- 
zeuge, welche  man  gefunden,  lassen  sich  diese  Arbeiten  auf 
die  Römer  zurückführen.  Es  fragt  sich  nur,  was  die  Römer 
hier  gegraben  haben.  Das  Eisenerz  kann  es  nicht  gewesen 
sein,  denn  dieses  liegt  überall  zu  Tage  und  es  bedarf  zu  dieser 
Gewinnung  keiner  schwierigen  und  kostbaren  unterirdischen 
Bauten.  Wahrscheinlich  sind  es  Kupfererze  gewesen  ,  welche 
man  in  der  Tiefe  suchte.  Wenigstens  fand  ich  in  einer  der 
alten  Piugen  ein  kleines  Stück  Eisenglanz  mit  einem  Anflug 
von  erdigem  Malachit. 


69 


Das  sind  die  verschiedenen  Eisenerzlagerstätten ,  welche 
der  Pedroso  Gesellschaft  gehören.  Wären  dieselben  in  einem 
der  gewerbreichen  Landstriche  Mittel-Europas  gelegen,  so  wür- 
den sie  längst  eine  grossartige  Eisenindustrie  hervorgerufen 
haben.  Hier  sind  sie  kaum  in  Angriff  genommen  und  nähren 
nur  eine  einzige,  wenig  bedeutende  Eisenhütte.  Ist  jedoch 
einmal  die  vorher  erwähnte  Eisenbahn  vollendet,  so  kann  es 
wohl  nicht  ausbleiben,  dass  dieser  reiche  Erzschatz  gehoben 
und  für  die  Industrie  nutzbar  gemacht  wird. 

Uebrigens  schliessen  sich  diese  Eisenerzlager  durch  ihre 
Massenhaftigkeit  den  anderen  Erzlagerstätten  auf  dem  Südabfalle 
der  Sierra  Morena  an,  namentlich  dem  weltberühmten  Zinnober- 
Gange  von  Almaden  und  den  unerschöpflichen  Lagern  von 
kupferhaltigem  Schwefelkies  bei  Rio  Tinto  und  an  anderen 
Punkten  in  der  Provinz  Huelva.  Nimmt  man  hinzu,  dass 
ausserdem  zahlreiche  grössere  und  kleinere  Blei-  und  Kupfer- 
erz-führende Gänge  das  Gebirge  in  allen  Richtungen  durch- 
ziehen, so  erscheint  diese  Gebirgsgegend  in  der  Südwestecke 
Spaniens  als  eines  der  metallreicbsten  Gebiete  Europas  und 
rechtfertigt  den  Ruf,  den  das  südliche  Spanien  schon  im  Alter- 
thum wegen  seiner  metallischen  Reichthümer  genoss. 


70 


5.  lieber  das  Vorkommen  von  Nöggcrathia  foliosa 
Stbg.  in  dem  Steinkohlengebirge  von  Obersehlesien 
und  über  die  Wichtigkeit  desselben  für  eine  Paralleli- 
sirung  dieser  Schichten  mit  denen  von  Böhmen. 

Von  Herrn  Ottokar  Feistmantel  in  Breslau. 

Hierzu  Tafel  V. 

Es  sei  mir  erlaubt ,  an  dieser  Stelle  eines  interessanten 
Vorkommens  einer  Pflanzenart  aus  dem  Ko hl  e  n g eb  i  r  g  e 
von  Ober  Schlesien  zu  gedenken,  die  nicht  nur  interessant 
als  Pflanze  selbst  ist,  da  sie  bis  jetzt  noch  nicht  mit  Sicher- 
heit in  der  lebenden  Flora  ihre  analoge  Form  und  ihre  ganz 
sichere  systematische  Stellung  gefunden  hat,  sondern  auch  be- 
sonders durch  die  Art  und  Weise  ihres  Auftretens.  Da  sie 
nämlich  in  dem  Bezirke  ihres  Vorkommens  auf  ganz  bestimmte 
Schichten  sich  beschränkt  zeigte  und  immer  unter  denselben 
Verhältnissen  auf  denselben  Schichten  auftrat ,  wurde  sie  für 
diese  bestimmten  Schiebten  ,  folgerichtig  auch  für  die  sie  ent- 
haltenden Flötzziige,  charakteristisch  und  erwies  sich  bei  der 
Parallelisirung  der  einzelnen  sie  führenden  Schichtengruppen 
als  maassgebend.  Es  ist  dies  nämlich  die  interessante  Art 
Nö  gg  er  athia  folio  sa  Stbg. 


Bevor  ich  auf  die  Thatsache  des  Vorkommens  in  Ober- 
schlesien übergehe,  muss  ich  etwas  weiter  ausholen  und  vorerst 
andere  allgemeine  Verhältnisse  betreffs  dieser  Art  erwähnen. 

1)    Vorkommen   der  N ö gg  er athia  foliosa  Stbg. 
in  Böhmen. 

Wie  bekannt,  ist  die  N ö  g  g  er  athia  foliosa  Stbg.  bis 
jetzt  bloss  aus  dem  böhmischen  Kohlengebirge  angeführt  wor- 
den und  galt  als  eine  speciell   böhmische  Art.     Es  ist  also 


um  so  interessanter,  sie  jetzt  auch  von  einer  anderen  Stelle 
kennen  zu  lernen. 

Zuerst  beschrieb  sie  Graf  Sternberg  in  seinem  grossen 
Werke  über  die  fossile  Flora  (Vers.  d.  Darst.  einer  Flora  d. 
Vorw.)  und  zwar  Bd.  I.  fsc.  2.  pag.  33.;  ferner  fasc.  4.  pag.  36. 
und  bildete  sie  t.  20.  ab. 

Doch  hat  sie  Sternberg  wohl  nicht  selbst  an  Ort  und 
Stelle  gesammelt,  da  die  Fundortsangabe  eine  bloss  ganz  all- 
gemeine und  noch  dazu  unrichtige  ist;  denn  er  sagt  betreffs 
des  Fundorts :  „in  schisto  lithanthreucum  in  circulo  Berau- 
nensi."  —  Nun  kann  sich  aber  Jeder  an  dem  Originalexem- 
plare überzeugen,  dass  es  dem  Gesteine  nach  nur  aus  dem 
Kladno-Rakonitzer  Becken  stammen  kann,  und  es  überhaupt  in 
der  Umgegend  von  Beraun  (südwestl.  von  Prag)  keine  Kohlen- 
schichten giebt ,  in  denen  Nogg  erathia  foliosa  Stbg.  je 
auch  nur  in  einem  Bruchstücke,  gefunden  worden  wäre. 

Diese  allgemeine  Fundortsangabe  ging  dann  natürlich  in 
die  folgenden  allgemeinen  Werke  über  fossile  Flora  über. 

So  finden  wir  dieselbe  bei  Göppert  in  seinen  Gattungen 
fossiler  Pflanzen,  wo  er  auf  t.  12.  f.  1.  (Lief.  5  u,  6)  aber- 
mals ein  Exemplar  abbildet  und  in  dem  Texte  Sternberg's 
Fundortsangabe  citirt.  Doch  scheint  mir  das  Originalexemplar, 
das  Herrn  Prof.  Göppert  vorlag  und  von  mir  in  seiner  jetzt 
im  mineralogischen  Museum  in  Breslau  deponirten  Sammlung 
besichtigt  werden  konnte,  aus  dem  Radnitzer  Kohlenterrain  zu 
stammen. 

^Dieselbe  unrichtige  Fundortsangabe  finden  wir  dann  noch 
bei  Unger  (Genera  et  species  plant,  foss.  pag.  103)  und  auch 
Schimper  hat  dieselbe  in  seinem  Traite  de  pal.  veget.  II.  p.  130 
wieder  citirt,  noch  dazu  mit  der  Bemerkung  „espece  tres  rare". 

Dagegen  war  sie  schon  1854  Ettingshausen  aus  dem 
Radnitzer  Kohlenterrain  bekannt,  und  führt  er  sie  in  seiner 
„Steinkohlenflora  von  Radnitz"  (pag.  3.  u.  58.)  von  Wrano- 
witz  im  sogen.  Braser Becken  an.  Doch  fügt  er  nichts  Nä- 
heres über  ihre  Lagerung  hinzu. 

Im  Jahre  1865  lieferte  Prof.  Geinitz  (N.  Jahrb.  1865  t.  3.) 
abermals  eine  Abbildung  des  Blattes  und  eines  dazu  gehörigen 
Fruchtstandes. 

Doch  erst  etwas  später  erhielt  sie  ihre  wahre  Bedeutung. 
Sie  erwies  sich  nämlich  bei  näherem  Studium  und  Vergleichen 


72 


der  einzelnen  Kohlenablagerungen  in  Böhmen  für  gewisse  die- 
ser Ablagerungen,  d.  h.  für  gewisse  Schichten  darin  als  cha- 
rakteristisch, als  bestimmend  und  ermöglichte  auf  diese  Weise 
eine  Parallelisirung  der  einzelnen  Kohlenablagerungen  unter- 
einander. 

Zuerst  wurde  sie  im  Radnitzer  Kohlenterrain  häufig 
gefunden,  und  hier  wurde  zuerst  ihre  Bedeutung  erkannt. 

Es  stellte  sich  nämlich  heraus,  dass  ihr  Vorkommen  da- 
selbst auf  ganz  bestimmte  Schichten  beschränkt  sei. 

Dazu  scheint  es  mir  nothwendig,  etwas  über  die  Glie- 
derung des  Radnitzer  Kohlen  te  rrai  ns  einzuschalten. 

Das  sogen.  Radnitzer  Kohlenterrain  ist  im  SVV.  von  Prag, 
näher  jedoch  an  Pilsen,  abgelagert  und  besteht  aus  einem 
grösseren  centralen  Becken  und  aus  mehreren  kleineren ,  die 
sich  um  das  erstere  gruppiren. 

Die  einzelnen  Schichten,  die  dieses  Kohlenterrain  zu- 
sammensetzen, ergeben  sich  folgendermaassen  (von  oben  nach 
unten)  : 

'  1.  Eine  bis  20'  mächtige  Schicht  eines  sehr  kaolin- 
reichen Sandsteins,  der  in  der  Gegend  als  Mörtel 
gebraucht  wird  und  den  Localnamen  „Moltyr" 
führt.  —  Es  ist  eine  ganz  ständige,  stets  zu  er- 
kennende Schicht. 
<  2.  Thoniger  Sandstein  und  Sandsteinschiefer,  wenig 
mächtig. 

3.  Schieferthon,  meist  weich  und  kohlenhaltig,  bis  8' 
mächtig;  dies  ist  der  Hangendschiefer  des  Ober- 
flötzes  und  sehr  petrefactenreich. 

,  4.    Das  obere  oder  Hauptflötz,  bis  6'  mächtig. 

'  5.  Eine  Reihe  fester,  feiner  Schiefer,  sogenannte 
Schleifsteinschiefer;  sie  besitzen  eine  wechselnde 
Mächtigkeit,  die  jedoch  nie  8'  übersteigt;  aber- 
mals eine  sehr  constante ,  stets  zu  erkennende 
Schicht. 

6.  Eine  gleichförmige  körnige  Sandsteinlage  von  circa 
2'  Mächtigkeit. 

7.  Das  zweite  oder  untere  Kohlen flötz,  durch- 
schnittlich 2'  mächtig. 

8.  Eine  Reihe  Sandsteine,  Conglomerathe  und  Schiefer- 
thone  ohne  Kohlenfiötz. 


73 

Die  Schichten  1.  2.  3.  4.  bilden  zusammen  die  sog.  Ober- 
flötzgruppe  und  ist  dieselbe  besonders  charakterisirt  durch 
die  „Moltyr"-Sandsteine  und  durch  ein  zweites  Merkmal,  das 
ich  alsbald  ausführen  werde. 

Die  Schichten  5-  6.  u.  7  bilden  zusammen  die  sog..Unter- 
flötzgruppe  und  ist  diese  besonders  charakterisirt  durch 
die  Schleifsteinschiefer. 

Die  Schicht  8.  endlich  bildet  die  sog.  kohlenflötz- 
le ere  Gruppe. 

Das  Vorkommen  der  N'öggerathia  foliosa  Stbg. 
ist  nun  auf  die  Oberflötzgruppe  beschränkt  und  zwar  auf 
das  Bereich  des  Oberflötzes  selbst.  In  diesem  sind  näm- 
lich mehrere  sogen.  Zwischenmittel  eingelagert,  die  sich  im 
Allgemeinen  folgendermaassen  gruppiren  : 

1.  Obere  Zwischemittel :  Oberflötzchen  und  Firstenstein, 

2.  Mittlere  Zwischenmittel :  Flicka  und  Schrammflötz. 

3.  Untere  Zwischenmittel:  die  sogen.  Sohlendecken. 
Nach   den   genauen    Untersuchungen    meines   Vaters  ist 

nun  iV ö g gerat hia  foliosa  Stbg.  fast  ausschliesslich 
auf  die  oberen  und  mittleren  Zwischenmittel  be- 
schränkt und  hiermit  für  die  Oberflötzgruppe 
charakteristisch. 

Auf  Grund  dieser  Untersuchungen  konnte  nun  dieses 
Radnitzer  Kohlenterrain  auch  mit  dem  Kladno-Rakonitzer 
in  Analogie  gebracht  werden. 

Das  Kladno-Rakonitzer  Kohlenrevier,  das  im 
Nordwesten  von  Prag  abgelagert  ist  und  das  grösste  Kohlen- 
revier Böhmens  darstellt,  gliedert  sich  ähnlich  wie  däs  Rad- 
nitzer  Kohlenterrain ,  nur  dass  hier  noch  ein  Flötzzug  hinzu- 
kommt. 

Die  Gliederung  desselben  ist  folgende: 

L  Hangendfl  ötzzug  —  enthält  ein  Kohlenflötz, 
das  von  der  sogen.  ,, Schwarte",  einem  Brandschiefer 
überlagert  wird ,  der  permische  Thierreste  enthält. 
Dieser  Zug  ist  ohne  Zweifel  dem  Rothliegenden  zu- 
zurechnen. 

2.  Liegend  flötzzug.  —  Dieser  enthält  den  Kohlen- 
reichthum  Böhmens  und  besitzt  seiner  ganzen  Aus- 
dehnung nach  ein  Kohlenflötz,  das  sog.  Haupt- 


74 


flötz;  dieses  wird  bis  5~f  mächtig,  variirt  jedoch 
in  seiner  Mächtigkeit  bedeutend.  Bis  zum  Hangend- 
zuge wird  es  überlagert  von  einer  Reihe  von  Sand- 
steinen, Conglomeraten  und  Schiefern. 

Unter  dem  Hauptflötze  folgen  nun  noch  Sandsteine  und 
sandige.  Schieferthone ,  die  zum  grössten  Theil  direct  auf  dem 
Grundgebirge  auflagern,  zum  geringeren  Theile  aber  noch  ein 
zweites  Flötz  einschliessen,  das  sogen.  Grundflötz. 

Das  Haupt  flötz  enthält,  ähnlich  wie  das  Radnitzer 
Oberflötz,  einzelne  constante  Zwischenmittel,  die  charakte- 
ristisch für  dieses  Flötz  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  sind. 
Es  sind  dies  vornehmlich  zwei,  neben  welchen  sich  natürlich 
immerhin  noch  andere  loeale  entwickeln  können. 

Diese  Z  w  i  s  c  h  en  m  i  1 1  el  führen  nun  namentlich 
in  der  Gegend  von  Rakonitz,  also  im  westlichen 
Theile  der  ganzen  Ablagerung,  einen  ziemlichen 
Reichthum  an  P  fl  anz  e  np  e  tr  e  f  ac  t  en  ,  darunter  auch 
ziemlich  zahlreiche  Exemplare  von  N'öggerathia 
foliosa  Stbg.,  die  auch  nur  auf  diese  Schichten  des  Haupt- 
flötzes  beschränkt  bleibt. 

Durch  dieses  Merkmal  wird  nun  das  Kladno-Rako- 
nitzer  HauptflÖtz  mit  der  Radnitzer  Hauptflötzgruppe 
in  gleiches  Niveau  gestellt;  das  Grundflötz,  das  einem 
Theile  des  Kladno-Rakonitzer  Terrains  abgelagert  ist,  ist  dann 
wohl  analog  dem  Radnitzer  Unterflötz. 

Die  N  ö  g  g  erathia  foliosa  Stbg.  vermittelt  also  zwischen 
diesen  beiden  Ablagerungen  die  Parallelisirung. 

Durch  zwei  andere  Merkmale  stellt  sich  dann  die  Rako- 
nitz er  Ober  flötzgruppe  analog  dem  Liegendflötzzug  der 
Pilsner  Ablagerung. 

Ich  habe  bei  der  Gliederung  des  Radnitzer  Kohlengebirges 
des  M  olt  yrsandstei  ns  als  einer  ständigen  Schicht  erwähnt; 
ausserdem  ist  von  den  Zwischenmitteln  des  Oberflötzes 
eines  derselben,  nämlich  das  sogen.  S  c  h  ram  m  flötz  ,  charak- 
terisirt  durch  das  Vorkommen  gewisser  kleiner,  wurmförmiger 
Körperchen,  die  dem  Schieferthone  ein  gewisses  körniges  Aus- 
sehen geben,  das  ganz  charakteristisch  ist. 

Diese  beiden  Merkmale  fanden  sich  nun  jüngster  Zeit 
auch  im  Li eg  e  n  d  f  1  ö  t  z  b  er  e  i  c h  e  der  Pilsner  Ablagerung, 
wodurch  dieses   mit  der   Ober  flötzgruppe   bei  Radnitz  in 


75 

Analogie  gestellt  wird ,  jedoch  zugleich  auch  mit  dem  Zuge 
des  Hauptflötzes  bei  Kl  adno-Rakonitz,  da  ja  letzteres 
durch  das  Vorkommen  der  N ögg  eratliia  foliosa  Stbg.  mit 
der  Radnitzer  O  b  e  r  f  1  ö  tz  g  r  u  p  p  e  auf  gleiches  Niveau 
gebracht  ist. 

N  ö  g  g  er  athia  foliosa  Stbg.  erwies  sich  also  für 
die  Parallelisirung  der  westlich  von  der  Moldau 
abgelagerten  Kohlenbas sains  als  maassgebend. 

2.    Vorkommen  der  N  Ö  g  g  er  athia  foliosa  Stbg.  in 
Oberschlesien. 

Die  Kenntniss  von  diesem  interessanten  Vorkommen  in 
Oberschlesien  verdanke  ich  der  Einsicht  in  die  reichhal- 
tige Sammlung  des  Herrn  Göppebt,  deren  Einordnung  in  die 
Sammlungen  des  mineralogischen  Museums  der  Universität 
Breslau  unter  Leitung  des  Herrn  Roemer  eine  für  mich  sehr 
lehrreiche  und  nutzbringende  Aufgabe  war. 

Neben  vielen  anderen  interessanten  Petrefacten  aus  Ober- 
schlesien fanden  sich  nun  bis  jetzt  auch  drei  Exemplare 
dieser  interessanten  Pflanzenart  vor;  sie  tragen  alle  ziemlich 
genaue  Angaben  betreffs  des  Fundortes  und  des  Vorkommens. 

Zwei  tragen  die  Etiquette  mit  der  Aufschrift  (von  Göppert's 
Hand  geschrieben):  ,, Leopoldsgrube  in  Oberschlesien4';  das 
dritte  trägt  die  Angabe  noch  viel  genauer  und  zwar  (auch  von 
Göppert's  Hand):  „Vom  Leopold flötz  der  Leopolds- 
grube bei  Ornontowitz  in  Oberschlesien". 

Ich  habe  zwar  bis  jetzt  nicht  Gelegenheit  gehabt,  mich 
näher  über  die  Lagerungs-  und  Gliederungsverhältnisse  des 
Leopold  fl  ötzes  der  Leopoldsgrube  zu  orientiren ,  nur 
soviel  ist  mir  bekannt,  dass  dieselbe  dem  sogen.  Nicolaier 
Revier  oder  dem  vierten  Flötzzuge  der  oberschlesischen 
Kohlenflötze  oder  den  hängendsten  Flötzen  angehört.  Es  ist 
überhaupt  in  Oberschlesien  sehr  schwer,  sich  in  der  grossen 
Anzahl  und  der  grossen  Mächtigkeit  der  Kohlenflötze  auszu- 
kennen;  doch  genügt  in  der  That  die  angeführte  Angabe,  wo- 
durch also  zunächst  nur  der  vierte  Flötzzug  (Nicolaier  Re- 
vier) in  Betracht  gezogen  werden  kann. 

Besonders  bedauere  ich ,  dass  ich  nicht  angeben  kann, 
ob  das  Gestein  ,  worauf  diese  Art  aus  Oberschlesien  erhalten 
ist,    einem  Zwischenmittel   angehört  oder   nicht  —  aber  ich 


76 


würde  nach  der  Beschaffenheit  des  Gesteins  sehr  geneigt  sein, 
zu  glauben,  dass  dasselbe  in  der  That  eine  Zwischenmittelschicht 
sei.  Dies  wird  sich  wohl  später  genauer  feststellen  lassen ; 
es  ist  interessant  genug,  wenn  das  Vorkommen  so  genau  con- 
statirt  werden  kann. 

N  ö  g  g  er  athia  foliosa  Stbg.  ist  nun  auch  in  Ober- 
schlesien in  dem  Nicolaier  Revier  vorgekommen 
und  wird  wohl  in  dem  Kohlenbereiche  Ober- 
schlesiens, wenn  sie  noch  von  anderen  Orten  be- 
kannt werden  sollte,  von  ähnlicher  Wichtigkeit  für 
diese  Ablagerung  sein,  wie  für  die  böhmischen.  — 
Ich  habe  eines  dieser  oberschlesischen  Exemplare  abgebildet 
(siehe  Tafel  V.). 

3.    Folgerungen  aus  dem  bisjetzt  Angeführten. 

Das  Vorkommen  der  N'öggerathia  foliosa  Stbg.  in 
Oberschlesien  ist  nicht  bloss  ein  local  wichtiges,  sondern  auch 
mit  Bezug  auf  die  Ablagerungen  des  benachbarten  Böhmens. 

Wenn  wir  nämlich  berücksichtigen,  dass  diese  Art  sowohl 
in  dem  ßadnitzer  K  o  h  1  e  n  te  r  r  a  i  n  als  auch  in  der 
Klad  no- Rako  ni  tz  er  Ablagerung  einen  bestimmten  Horizont 
eingenommen  hat  und  eben  dadurch  charakteristisch  für  diese 
Schichten  und  für  die  Parallelisirungen  jener  Ablagerungen, 
in  denen  sie  vorkommt,  maassgebend  wird,  so  kann  man  wohl 
für  die  obersch  lesis  ch  e  Art,  die  mit  der  böhmischen 
völlig  ident  ist,  wohl  dasselbe  annehmen;  es  wird  sich  aus 
dem  Gesagten  wohl  ergeben,  dass  jener  Antheil 
des  oberschlesischen  Ko  hl  e  n  t  err  ai  n  s  ,  welcher  die 
Schichten  enthält,  in  denen  die  N'öggerathia  foliosa 
Stbg.  erhalten  vorkommt,  mit  den  eben  betrach- 
teten K  ohl  e  n  a  bl  a  g  er  u  n  ge  n  in  Böhmen,  die  durch 
diese  Art  charakterisirt  werden,  analoger  Bildung 
sein  d ü  r fte  n. 

Es  ist  daher  das  Vorkommen  der  N'öggerathia  in  Ober- 
schlesien von  einer  nicht  geringen  Wichtigkeit. 


Bevor  ich  noch  zur  näheren  Besprechung  der  NÖgge- 
rathia  foliosa  Stbg.  aus  Oberschlesien  gelange,  will  ich 
noch  einige  allgemeine  Bemerkungen  vorausschicken. 


77 


1.  scheint  mir  die  N'ögg.  foliosa  Stbg.  neben  der  eng- 
lischen Nögg.  ßabellata  L.  u.  H.  die  einzig  gerechtfertigte 
Art  dieser  Gattung.  Alle  die  übrigen  Exemplare  mit  den  ein- 
zelnen langen,  parallel  gestreiften  Blättern,  wie  Nögg.  palmae- 
formis,  Nögg.  platynervia,  Nögg.  crassa  etc.  —  würde  ich  eher 
geneigt  sein,  zu  der  Gattung  Cordaites  zuziehen,  die  immerhin 
mit  Nöggerathia  zu  derselben  Familie  gehören  mag;  denn  die 
Stellung  von  Cordaites  ist  ebenso  unentschieden  ,  wie  die  der 
Nöggerathia.  Denn  es  hält  wohl  schwer  zu  entscheiden,  welche 
von  den  zwei  in  neuester  Zeit  vertretenen  Ansichten:  Nöggera- 
thia sei  eine  nacktsamige  Dicotyle  (Geinitz,  N.  Jahrb.  1865) 
oder  sie  sei  eine  Monocotyledone  (Weiss  1870,  Verhandl. 
des  naturhist.  Vereins  für  d.  preuss.  Rbeinl.  u.  Westf.  pag.  63), 
die  richtige  sei. 

Als  das  rationellste  würde  es  mir  scheinen  ,  sie  gleich 
hinter  den  Sigillarien  am  Anfang  der  Cycadeen,  in  einer 
eigenen  Familie  der  NÖ  g  g  erathi  eae  anzuführen,  wo  neben 
Nöggerathia  noch  Cordaites  zu  stehen  käme. 

Im  Anschluss  an  Cordaites  werden  dann  die  anderen 
oben  erwähnten  ebenfalls  als  Nöggerathia  beschriebenen  Exem- 
plare mit  den  langen  Blattern  als  ,,species  incertae44  anzu- 
führen sein. 

2.  Hess  die  Gattung  Nöggerathia  (in  dem  wahren  eigent- 
lichen Sinne)  einige  Entwickelungsverhältnisse  beobachten, 

Die  echte  N ö ggerathia  foliosa  Stbg.  hat  nämlich  keil- 
förmige abgerundete  Blätter  ,  deren  runder  Rand  höchstens 
gezahnt  ist;  man  beobachtet  auch  Exemplare  mit  ganzem 
Rande,  aber  feine  Zähnelung  ist  auch  keine  Abnormität. 

Nun  kam  seiner  Zeit  bei  Bras  ein  Exemplar  vor,  das 
im  Ganzen  an  Nöggerathia  foliosa  Stbg.  erinnerte,  aber 
dessen  Rand  bis  zum  Drittel  gespalten  war.  —  Dies  Exem- 
plar kam  nur  einmal  bei  Bras  vor,  und  zwar  in  derselben 
Schicht,  wie  die  Nögg.  foliosa  Stbg.;  mein  Vater,  der  dies 
Exemplar  aufgefunden  hatte,  nannte  es  Nöggerathia  inter- 
media K.  Fstm.,  um  anzudeuten,  dass  diese  Art  gleichsam  in 
der  Mitte  zwischen  der  nur  gezähnten  Nögg.  foliosa  Stbg. 
und  der  ganz  tief  gespaltenen  NÖgg.  speciosa  Ettgh.  steht 
(wenn  letztere  überhaupt  eine  Nöggerathia  ist).  — 
Siehe  Ettingshausen  ,  Steinkohlenflora  von  Radnitz  1854. 
pag.  58. 


78 


Später  kamen  dann  bei  Rakonitz  ebenfalls  nrit  der  Nögg. 
foliosa  Stbg.  ziemlich  zahlreiche  Exemplare  der  sog.  N'ögg. 
intermedia  vor,  die  deutlich  zeigten,  dass  diese  Art  wohl 
ebenfalls  zu  Nöggerathia  gehöre;  sie  hat  im  Grossen  und 
Ganzen  fast  dieselbe  Blattform,  nur  ist  sie  etwas  länglicher; 
die  Stellung  der  Blatter  ist  dieselbe,  aber  der  Rand  ist  bis 
zum  Drittel,  und  manchmal  noch  etwas  weiter  gespalten.  — 
Ich  bilde  ein  gutes  Exemplar  von  Rakonitz  auf  Tafel  V.  ab. 
—  Was  diese  Heste  anbelangt,  so  ist  es  immerhin  gestattet, 
sie  des  Verständnisses  wegen  unter  dem  obigen  Namen  be- 
stehen zu  lassen;  aber  mir  scheint  nicht,  dass  sie  eine  ganz 
selbstständige  Art  vorstellt ;  ich  würde  sie  eher  als  eine  Va- 
rietät,  die  durch  irgend  welche  Verhältnisse  bedingt  wurde, 
auffassen;  denn  es  ist  ja  sehr  leicht  denkbar,  dass  sie  unter 
gewissen  Bedingungen  sich  nur  kümmerlich  entwickeln  konnte 
und  dass  dann  die  Zähnelung  der  N  ögg  erat  Iii  a  foliosa 
^Stbg.  zur  tieferen  Spaltung  wurde,  die  dann  unter  der  Form 
auftritt,  wie  sie  durch  den  Namen  N'ögg.  intermedia 
K.  Fstm.  veranschaulicht  werden  soll. 

Betreffs  N'ögg.  speciosa  Ettgh.  ist  es  sehr  zweifelhaft, 
ob  sie  zu  Nöggerathia  gehört. 

Es  würde  daher  Nöggerathia  auch  in  morphologischer 
Beziehung  interessant  sein  ,  da  sie  wohl  aus  einer  Grundform 
(Nögg.  foliosa  Stbg.)  infolge  gewisser  Bedingungen  eine  an- 
dere Form  entwickelte  (Nögg.  intermedia  K.  Fstm.  ,  siehe  Ab- 
bildung). 

Fam.:  N Ögger athieae. 
Nöggerathia  foliosa  Stbg.    Taf.  V.  Fig.  1. 
1822.  Sternberg,  Vers.  I.  fsc.  2.  pag.  33. 
1825.  Sternberg,  ibid.  fsc.  4.  pag.  36  t.  20. 
1841.  Göppert,  Gattung,  foss.  Pfl.  Heft  5.  u.  6.  t.  12.  f.  1. 
1850.  Unger,  genera  et  sp.  plant,  foss.  pag.  57. 
1854.  Ettingshausen,  Steinkohlenflora  von  Radnitz  pag.  58. 
1865.  Geinitz,  Steinkohlen  Deutschlands  und  anderer  Län- 
der Europas  pag.  315. 
1865.  Geinitz,  N.  Jahrb.  t.  3.  f.  2. 

1869.  Schimper,  Traite  de  pal.  veget.  II.  p.  130.  und  Abbild. 
1869.  K.  Feistmantel,  Archiv  für  naturhist.  Durchforschung 
von  Böhmen,  geolog.  Sect.  pag.  83.  u.  89. 


79 


1870.  Weiss,  Verhandl.  des  naturhist.  Vereins   für  Rheinl. 

u.  Westf.  pag.  63. 
1874.  O.  Feistmantel,  Steinkohlen-  u.  Permablager.  im  NW 

von  Prag  pag.  101.  t.  2.  f.  1. 

Es  lagen  mir  drei  Exemplare  von  Oberschlesien  vor, 
worunter  besonders  zwei  durch  ihre  Vollkommenheit  sich  aus- 
zeichnen; das  eine  habe  ich  abgebildet. 

Das  eine  Exemplar  ist  ziemlich  gross;  es  lagen  aber  nur 
auf  der  einen  Gesteinsfläche  diese  Pflanzenreste,  aber  ziemlich 
zahlreich  zerstreut.  Unter  diesen  zeichnen  sich  aber  zwei 
nebeneinander  liegende  Blattwedel  durch  ihre  Länge  aus;  sie 
sind  10-11  Cm.  lang  und  zählen  bis  je  7  Blättchen  auf  einer 
Seite.  Die  Blättchen  haben  ganz  dieselbe  Form,  wie  die  in 
Böhmen  vorkommende  Art ,  sind  keilförmig  mit  gerundetem 
Rande,  der  in  diesem  Falle  etwas  gezahnt  ist;  die  Nerven 
laufen  gegen  den  Winkel  zusammen.  Die  Blätter  sitzen  alle 
alternirend. 

Das  zweite,  kleinere  Exemplar,  das  ich  abbilde,  stellt 
ein  .  Blattwedelstück  von  14  Cm.  Länge  dar;  auf  jeder  Seite 
sind  5  Blättchen  in  alternirender  Stellung;  das  oberste  (rechts) 
ist  zerrissen  und  es  scheinen  also  zwei  schmäler  zu  sein. 
Die  Form  ist  im  Wesentlichen  dieselbe,  wie  bei  dem  grösseren 
Exemplare,  nur  sind  sie  etwas  grösser  und  breiter,  da  das 
ganze  Stück  entweder  einer  älteren  Pflanze  angehört,  oder  der 
untere  Theil  von  einem  grösseren  Blattwedel  ist.  Ausserdem 
ist  hier  der  Blattrand  ganz  deutlich  ungezähnt. 

An  diesem  Exemplare  ist  auch  deutlicher  die  Anheftung 
der  Blätter  zu  sehen ;  es  scheint,  dass  sie  nicht  eine  derartige, 
dass  die  Blätter  bestimmt  geformte  Narben  nach  dem  Abfallen 
zurückliessen. 

Das  Gestein ,  worauf  diese  Pflanzenreste  sich  erhalten 
haben,  ist  ein  weicher,  thoniger  Schiefer,  von  sehr  geringer 
Consistenz,  so  dass  er,  mit  Wasser  in  Berührung  gebracht, 
bald  zu  einem  Brei  wird.  —  Er  ist  grau,  mit  einem  Stich  ins 
grünlich-gelbe. 

Es  ist  derselbe  Schiefer,  wie  er  auch  von  der  Agnes- 
Arn  an  da- Grube  bekannt  ist,  wo  er  ebenfalls  zahlreich  Pe- 
trefacte  enthält.  Allem  Anschein  nach  ist  es  in  beiden  ge- 
nannten Gruben  dieselbe  Schieferschicht,   und  scheint  es  mir 


80 


nach  Allein  eine  Zwisehenmittelschicht  zu  sein.  —  Vielleicht 
dürfte  sie  für  die  Parallelisirung  nicht  ohne  Wichtigkeit  sein. 

Vorkommen:  Leopoldflötz  der  Leopoldgrube  bei 
Ornontowitz  in  Oberschlesien,  ausserdem  im  Radnitz  er 
und  Kla  dno-Rakonitzer  Kohlengebiet  in  Böhmen. 

Zu  dieser  Art  dürfte  dann  als  irgend  ein  Entwickelungs- 
stadium  gehören  die 

N  ö  g  g  er  athia  intermedia  K.  Fstm.  Taf.  V.  Fig.  2. 

1868.  K.  Feistmantel,   Beobachtungen    über  einige  fossile 

Pflanzen  aus  dem  Radnitzer  Becken,  in  Abhandl. 

der  k.  böhm.  Gesellsch.  der  Wissensch,  t.  1.  f.  H. 
1874.  O.  Feistmantel,  Steinkohlen-  und  Permablager.  im 

NW  von  Prag;  Abhandl.  der  k.  böhm.  Ges.  etc. 

t.  2.  f.  2.  pag.  102. 

Bhacopteris  Raconicensis  Stur,  Samml.  d.  k.  k.  geol.  Reichsanst. 

Diese  Art  habe  ich  zum  Vergleiche  mit  der  vorigen  her- 
gezogen und  abgebildet,  da  ich  sie  ja  schon  früher  als  ein 
Entwickelungsstadium  derselben  erwähnte.  Diese  ist  bis  jetzt 
nur  auf  Böhmen  beschränkt,  kam  aber  in  denselben  Schichten 
und  A  blagerungen  vor,  wie  die  Nögg  er  athia  foliosa  Stbg., 
aber  natürlich  etwas  seltener ,  namentlich  bei  Radnitz.  Im 
Kladuo  -  Rakonitzer  Becken  kam  sie  bis  jetzt  nur  bei  Rako- 
nitz,  aber  immer  in  Gemeinschaft  mit  NÖgg.  foliosa  Stbg. 
vor.;  sie  ist  daselbst  ziemlich  häufig  und  in  einigen  schönen 
Exemplaren  aufgetreten.  Ein  grosser  Blattwedel  befindet  sich 
im  Prager  Nationalmuseum.  Ich  bilde  auch  einen  ziemlich  gut 
erhaltenen  ab  und  vervollständige  dadurch  meine  Abbildung 
in  meiner  letzten  Arbeit  (Steinkohlen-  und  Permablagerung 
im  NW.  von  Prag,  1.  c.  t.  2  f.  2.).  Ich  halte  auch  diese 
Art  für  eine  N  ö  g  g  er athia  und  nicht  für  eine  Farre, 
es  sei  denn,  d  a  s  s  au  c  h  Nö  gg  er  athia  folio  sa  Stbg. 
eine  solche  sei,  zu  der  ich  die  2\  ögg.  int  er  media 
K.  Fstm.  als  Entwickelungsstadium  stelle.  (Dafür, 
dass  es  wohl  keine  Fairen  sind,  spricht  der  Umstand,  dass 
die  Nerven  an  keiner  Stelle  sich  theilen  und  Verästelungen 
bilden.)  Uebrigens  inuss  ich  hier  ganz  ausdrücklich 
bemerken,  dass  schon  mein  Vater  diesen  Namen 
selbst   diesem  Pflanzen  reste   beilegte,   und  zwar  in 


seiner  oben  angeführten  Arbeit  auf  pag.  11.  Es  ist 
daher  irrig,  wenn  Herr  Stur  behauptet,  sie  hätte  von 
meinem  Vater  keinen  Namen  erhalten.  (Verhandl. 
d.  k.  k.  geol.  Reichs  ans t.  1874.  Nr.  11.  pag.  275. 

Vorkommen:  Selten  im  Radnitzer  Kohlengebiet,  häu- 
figer bei  Rakonitz  mit  N'ögg.  foliosa  Stbg. 

Anmerkung.  Die  Kohlenflora  von  Ober  Schlesien 
bietet  überhaupt  verschiedenes  Interessante.  Hier  will  ich  nur 
noch  ein  zweites  Petrefact  anführen ,  das  auch  auf  dieselben 
Schichten  hinweist,  wie  sie  wenigstens  dem  Hauptflötze  von 
Kladno-Rakonitz  entsprechen.  Ich  kenne  nämlich  auch 
von  der  Leopoldgrube  in  Oberschlesien  (also  dem  Fund- 
orte der  in  Rede  stehenden  Nöggerathia)  ein  Petrefact, 
das  allen  seinen  Eigenschaften  nach  auf  einen- Zapfen  hinweist. 
Aehnliche  Petrefacten  kamen  auch  nicht  gerade  selten  in  Böh- 
men vor,  und  zwar  abermals  im  Radnitzer  und  Kladno- 
Rako nitzer  Revier;  auch  Corda  waren  sie  schon  bekannt. 
Derselbe  beschreibt  nämlich  in  einem  unveröffentlichten  Werke 
zwei  Arten  von  Petrefacten  unter  dem  Gattungsnamen  Embo- 
lianthemum,  eins  mit  sechseckigen  und  eins  mit  runden 
Schuppen,  deren  jede  mehrere  Sporangien  trägt.  Lange  war 
ich  über  diese  Dinge  unklar,  doch  führten  mich  Goldberg's 
und  Schimper's  Abbildungen  von  Sigillariaestrobus  auf 
den  Gedanken,  dass  diese  Petrefacten  auch  nur  solche  Sigilla- 
riaestroben  seien,  wenn  auch  etwas  grösser.  —  Ich  stellte 
sie  geradezu  (1871,  Sitzungsber.  d.  k.  böhm.  Ges.  der  Wiss.: 
Ueber  Fruchtstadien  fossiler  Pflanzen  der  böhm.  Steinkohlenf.) 
als  solche  hin  und  bildete  zwei  Arten  :  Si  gillariaestr.  Cordai 
O.  Fstm.  (Corda1  s  Embolianthemum  sexangulare)  und  Sigilla- 
riaestr.  Feis  tmanteli  0.  Fstm.  (Embolianth.  truncatum  Corda 
mit  runden  Schuppen).  Beide  kamen  bei  Bras  vor;  letzterer, 
der  mit  runden  Schuppen,  auch  im  Kladno-Rakonitz  er 
Becken  bei  Rakonitz  und  Kladno. 

In  der  letzteren  Ablagerung  kam  dieses  Petrefact  nur  in 
denselben  Schichten  wie  -Nogg.  foliosa  Stbg.  und  Nogg. 
intermedia  K.  Fstm.  vor,  nämlich  in  den  Zwischenmitteln 
des  Hauptflötzes. 

Bei  Radnitz  bin  ich  über  das  Niveau  dieses  Petrefacts 
nicht  im  Sicheren. 

Zelts,  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1  6 


82 


Aus  Oberschlesien  kenne  ich  nun  dasselbe  Petrefact 
mit  den  runden  Schuppen  von  derselben  Grube  und  in  dem- 
selben Gestein,  wo  N'ögg.  foliosa  Stbg.  vorkam,  näm- 
lich von  der  Leopold  grübe.  Es  ist  wohl  nicht  irrig,  wenn 
man  auch  dieses  Merkmal  als  unterstützend  annimmt,  dass  die 
Schichten,  worin  diese  beiden  Petrefacten  vorkamen,  mit  den 
oben  erwähnten  böhmischen  dem  gleichen  Horizont  angehören. 


Taf  el  erklär  ung. 

Tafel  V. 

Fig.  1.  Nöggeratkia  foliosa  Stbg.;  ein  Exemplar  mit  ziemlich  grossen 
Blättern  von  der  Leopoldsgrube  in  Obersehlesien. 

Fig.  2.  Nöggeratkia  intermedia  K.  Fstm.  ;  eiu  ziemlich  vollkommenes 
Exemplar,  mit  deutlich  bis  zum  Drittel  gespaltenen  Blättern.  Stellung 
desselben  wie  bei  Nögg.  foliosa  Stbg.,  ebenso  Nervatur;  wohl  ein  Ent- 
wickelungsstadium  derselben. 

Fig.  3.  Zwei  Blättchen  von  einer  Nögg.  foliosa  Stbg.  von  Rakonitz 
in  Böhmen,  zum  Vergleich  mit  der  oberschlesischen  Art. 


6.    Heber  den  bunten  Sandstein  in  den  Vogesen, 
seine  Zusammensetzung  und  Lagerung. 


Von  Herrn  R.  Lepsius  in  Berlin. 

Hierzu  Tafel  VI. 

Die  Sandsteine  der  Vogesen  sind  deutscherseits  stets  als 
ein  Aequivalent  des  bunten  Sandsteins  angesehen  worden. 
Diese  Ansicht  wurde  zuerst  von  P.  Meriaü,  Hausmann  und 
Keferstein*)  vertreten  und  durch  ihre  Autorität  in  Deutsch- 
land für  immer  gesichert.  Die  Conglomeratschichten  an  der 
Basis  der  Sandsteine  deutete  man  wegen  ihres  Reichthums  an 
Porphyrgeröllen  und  ihrer  Verbindung  mit  Porphyren  als  Roth- 
liegendes; da  aber  der  Zechstein  als  Zwischenglied  fehlte, 
wiesen  schon  die  Herren  von  Dechen,  C.  von  Oeynhausen  und 
H.  von  LA  Roche  in  den  ,,geognostischen  Umrissen  der  Rhein- 
länder" 1825  auf  die  Schwierigkeit  einer  scharfen  Trennung 
des  Rothliegenden  und  bunten  Sandsteins  in  den  Vogesen  hin. 
Wegen  dieser  schwierigen  Trennung  nämlich  hatten  die  fran- 
zösischen Autoren  das  Rothliegende  und  die  unteren  Sand- 
steine, welche  sie  als  ,,Vogesen-Sandsteinu  (gres  des  Vosges, 
gres  vosgien)  von  den  oberen,  ihrem  ,,gres  bigarre",  abschie- 
den, zu  einer  Gruppe  zusammengefasst:  den  Vogesen-Sandstein 
sahen  sie  als  eine  dem  Zechstein  Deutschlands  analoge  Abla- 
gerung an ;  den  gres  bigarre  dagegen  betrachteten  sie  als  ein- 
zigen Repräsentanten  des  bunten  Sandsteins.  Diese  Auffassung 
der  Sandsteine  in  den  Vogesen  war  zuerst  von  Elie  de  Beau- 
mont**)    angegeben    worden    und    hat   trotz    mancher  Ein- 


*)  P.  Merian,  Beiträge  zur  Geognosie  1821.  -  Hausmann,  Göttin- 
ger gelehrte  Anzeigen  1823.  —  Keferstein  ,  in  Band  V.  der  Corresp. 
des  württemb,  landwirthsch.  Vereins  1824. 

**)  Elie  dE  Beaumont,  Terrains  secondaires  du  Systeme  des  Vosges. 
Annales  des  Mines  1827. 

6* 


84 


Sprüche*)  ihren  Platz  in  der  französischen  Literatur  be- 
hauptet. Die  mindestens  ebenso  schwierige  Trennung  von 
Vogesen-Sandstein  und  dem  gres  bigarre  glaubte  jener  fran- 
zösische Geologe  aus  stratigraphischen  Gründen  rechtfertigen 
zu  können;  eine  Untersuchung  der  Lagerung  dieser  Sandsteine 
nämlich  veranlasste  ihn  zu  der  Annahme,  dass  nach  der  Ab- 
lagerung des  Vogesen-  Sandsteins  die  Hebung  der  Schwarz- 
wald-Vogesen  und  die  Entstehung  der  Rheinspalte  eingetroffen 
sei,  eine  Umwälzung,  welche  er  in  seiner  Arbeit  über  die  Erd- 
revolutionen als  diejenige  des  ,, Systeme  du  Rhin"  bezeichnete.**) 
Er  entlehnte  diesen  Namen  von  L.  v.  Buch,  welcher  wenige 
Jahre  vorher  die  dritte  Gruppe  seiner  Gebirgsrichtungen 
Deutschlands  ,, Rhein  -  System"  benannt  hatte.***)  Elib  de 
Beaümont  trat  später  an  die  Spitze  der  geologischen  Karten- 
aufnahme Frankreichs:  die  mustergültige  Beschreibung  des 
Vogesen-Sandsteins,  wie  der  ganze  vortreffliche  Abschnitt  über 
die  Vogesen  im  Texte  zur  französischen  Karte ,  in  den  vier- 
ziger Jahren  herausgegeben ,  flössen  aus  seiner  Feder,  f) 
Seitdem  wurde  in  allen  französischen  Werken  ff)  die  Stellung 
des  Vogesen-Sandstein  neben  dem  Rothliegenden  als  Endglied 


*)  Einspruch  dagegen  erheben  z.  B. :  Voltz,  Geognosie  de  TAlsace 
1828  und  Notice  sur  le  gres  bigarre  de  Soultzbad.  Mem.  de  Strasbourg 
1835.  —  Rüzet,  Description  geolog.  de  la  partie  meridionale  de  la  chaine 
des  Vosges.  Paris  1834.  —  Omalius  d'Halloy,  Bull,  de  la  soc.  geolog. 
de  France  1834,  reunion  extraord.  a  Strasbourg.  —  Von  späteren  Ar- 
beiten ist  in  dieser  Hinsicht  nur  zu  erwähnen:  Contejean,  Descript. 
geolog.  de  l'arrondissement  de  Montbeliard  1833. 

**)  Elie  de  Beaimont,  Recherches  sur  quelques-unes  des  revolutions 
de  la  surface  du  globe,    Annal.  des  sciences  naturelles  1 8*29. 

***)  L.  v.  Büch,  Ueber  die  geognostischen  Systeme  von  Deutsch- 
land in  v.  Leonuard's  Taschenbuch  1S24.    Ein  Schreiben  an  v.  Leonhard. 

f)  Explication  de  la  carte  geologique  de  France  par  Dufrenoy  et 
Elie  de  Beaümont,  Tome  L  pag.  2b7  ff.  1841. 

-J-f)  Aus  der  reichen  französischen  Literatur  über  die  Vogesen  sind 
die  wichtigsten  Werke:  Thirria,  Statistique  mineral.  et  geolog.  du  64- 
partement  de  la  Hautc-Saöne  1S33.  —  Hogard,  Description  mineral.  et 
geol.  du  Systeme  des  Vosges  1837.  —  Delbos  et  Köchlin  -  Schlumbergeb, 
Descript.  geolog.  et  mineral.  du  depart.  Haut  -  Rhin,  2  vol.  1867,  carte 
en  1  :80ÜO0.  —  De  Billy,  Carte  geolog.  du  de'part.  des  Vosges  1850. 
1  : 80000.  —  De  Billy,  Esquisse  de  la  geologie  du  du  dep.  des  Vosges. 
—  Jac^üot,  Descript.   mineral.  et  ge'ol.  du  depart.  de  la  Moselle  18bS. 


85 


der  paläozoischen  Reihe  festgehalten,  während  die  mesozoische 
Zeit  mit  dem  gres  bigarre  begann. 

Deutsche  Arbeiten  über  die  Vogesen  liegen  seit  jenen 
ersten  obengenannten  Werken  noch  nicht  vor;  selbst  nah  be- 
nachbarte Geologen  berücksichtigten  wenig  dieses  Gebiet,  ob- 
wohl doch  die  Vogesen  für  die  angrenzenden  Gebirge  interes- 
sante Vergleichuugspunkte  darbieten.  Nur  in  einem  Punkte 
machte  sich  französischer  Einfluss  bemerkbar:  die  „revolution 
du  Systeme  du  Rhin'4  fand  ihren  Weg  über  den  Rhein,  sodass 
wir  der  Annahme  von  der  Hebung  der  Schwarzwald-Vogesen 
nach  der  Ablagerung  des  Vogesen-Sandstein  als  einen  letzten 
Rest  jener  längst  aufgegebenen  BEAUMOWT'schen  Theorie  auch 
in  deutschen  Werken  zuweilen  begegnen.*)  Bei  genauerer 
Untersuchung  des  bunten  Sandsteins  im  Schwarzwald  wird 
diese  Annahme  bald  wegfallen,  ebenso  wie  sie  für  die  Vogesen 
unhaltbar  ist. 

Anknüpfend  an  die  Untersuchungen  von  Gümbel  und 
Weiss  über  die  Sandsteine  der  Hardt  und  des  Saar-  und 
Moselgebietes**)  geben  wir  die  folgende  kurze  Besprechung 
der  Zusammensetzung  und  Lagerung  des  bunten  Sandsteins  in 
den  Vogesen.  Aus  der  Arbeit  von  Weiss  entnehmen  wir  für 
den  oberen  bunten  Sandstein,  den  gres  bigarre,  die  Bezeich- 
nung „Voltzien-Sandstein",  erinnernd  an  den  Pflanzenreichthum 
dieser  Schichten;  gerade  im  Elsass  muss  der  Name  des  Man- 
nes dem  Andenken  bewahrt  werden,  welcher  durch  seine  um- 
fassenden und  eindringenden  Beobachtungen  die  Berge  deiner 
Heimath  der  Wissenschaft  erschloss. 

Während  die  ganze  Sandstein-Ablagerung  in  den  Vogesen 
unterhalb  gegen  das  Rothliegende  durch  die  constant  auftre- 
tenden Dolomit-Bänke,  oben  gegen  den  Muschelkalk  durch  die 
fossilreichen  Wellendolomite  scharf  begrenzt  ist,  finden  wir  in 


carte  en  1:80,000.  —  Daubree,  Descript  geolog.  et  mineral.  du  depart. 
du  Bas-Rhin  185v2.  carte  en  1  :  80000.  —  Parjsot,  Esquisse  geolog.  des 
envirous  de  Beifort.  Mem.  de  la  soc.  d'emulation  de  Montbeliard  1863, 
'2  serie,  1  vol. 

*)  Aus  den  Heften  der  „Beiträge  zur  Statistik  der  inneren  Ver- 
waltung des  Grossherzogth.  Baden";  z.  B.  IL  Heft:  Geologische  Be- 
schreibung der  Gegend  von  Baden  von  Sandbergek  1861.  pag.  20.  ff. 

**)  Gümbel,  Geognost.  Verhältnisse  der  Pfalz  1865  -  Weiss,  Trias 
an  der  Saar,  Mosel  etc.  in  dieser  Zeitschr.  Bd.  XXI.  pag.  836.  1869. 


86 


derselben  nur  einen  Horizont,  den  des  Vogesen  -  Conglome- 
rats ,  wie  wir  eine  im  oberen  Vogesen-Sandstein  überall  anzu- 
treffende Zone  von  Conglomerat-Bänken  nennen  wollen.  Durch 
diesen  Horizont  können  wir  die  Sandsteine  in  zwei  Gruppen 
trennen:  den  unteren  bunten  oder  Vogesen-Sandstein  unter 
dem  Conglomerat,  und  den  oberen  bunten  oder  den  Voltzien- 
Sandstein  über  demselben. 

Das  Rothliegende  hat  in  den  Vogesen  Porphyre  zur  Basis, 
deren  Tuffe,  Conglomerate  und  Breccien  bedeckt  werden  von 
grobkörnigen ,  unregelmässig  geschichteten  Sandsteinen.  Es 
erreicht  eine  Mächtigkeit  von  100  bis  150  M.  wie  im  Weiler- 
Thal,  auf  dem  Weslabhange  des  Gebirges  bei  St.  Die  und  im 
Süden  bei  Beifort.  Muldenförmig  gelagert  keilen  sich  die 
Rothliegenden  -  Schichten  unter  dem  Vogesen-Sandstein  aus,  so 
dass  dieser  als  eine  continuirliche  Decke  ebenso  wie  über  die 
Gneisse,  Granite  und  Grauwacken  auch  über  die  Rothliegenden- 
becken sich  hinbreitet.  Die  Sandsteine  des  Rothliegenden 
unterlagern  den  Vogesen  -  Sandstein  concordant  und  könnten 
von  diesem  kaum  abgetrennt  werden,  wenn  nicht  ein  constanter 
Horizont  von  Dolomit-Bänken  eine  sichere,  wenn  auch  künst- 
liche Grenze  darböte.  Denn  die  Arcose  -  artigen  Sandsteine 
des  Rothliegenden  gehen  meist  ohne  wesentliche  Aenderung 
noch  über  den  Dolomit  -  Horizont  fort*);   sie  enthalten  unter 


*)  Eue  de  Beaumont,  Explic.  I.  pag.  424:  „le  gres  rouge  est  recou- 
vevt  par  le  gres  des  Vosges,  dont  il  n1est  qu'une  modification".  Auch 
Daubree  und  die  anderen  französischen  Geologen  legen  grosses  Gewicht 
auf  diese  innige  lithologische  und  stratigrapliische  Verbindung  zwischen 
Rothliegendem  und  Vogesen-Sandstein ,  da  sie  der  erste  Anstoss  zu  der 
Annahme  war,  den  Vogesen-Sandstein  zur  Dyas  zu  rechnen  Wenn  wir 
nun  den  Vogesen-Sandstein  als  unteren  bunten  Sandstein  ansehen,  so 
bleibt  immer  noch  die  schwierige  Trennung  zwischen  Rotbliegendein  und 
Vogesen-Sandstein  bestehen;  oder  vielmehr  man  muss  einräumen,  dass 
die  Sandsteine  und  Conglomerate  des  Rothliegenden  hier  nur  eine  Vor- 
stufe, etwa  die  ersten  zusammengeschwemmten  Strandbildungen  zu  der 
nachfolgenden  mächtigen  Sandsteinablagerung  gewesen  sind.  Der  Zech- 
stein fehlt;  wenn  wir  daher  diese  untersten  Sandsteine  über  den  Por- 
phyren und  Porphyr-Trümmergesteinen  wegen  ihrer  Porphyrgerölle  noch 
bis  zum  Dolomit-Horizont  als  Rothliegendes  ansehen  wollen,  müssen  wir 
nicht  vergessen,  dass  dieses  Rothlicgende  der  Vogesen  eine  viel  jüngere 
Bildung  ist,  als  unser  norddeutsches  Rothliegendes,  und  vielleicht  schon 
in  den  Beginn  der  Trias-Zeit  fällt. 


dieser  Zone  freilich  einen  grösseren  Reichthum  an  Porphyr- 
Gerollen,  sodass  sie  local  zuweilen  conglomeratisch  werden; 
doch  findet  man  noch  über  den  Dolomiten  genug  Stücke  von 
Porphyr,  krystallinischem  Schiefer ,  Gneiss  und  anderen  Ge- 
steinen im  Sandstein  eingelagert.  Erst  in  der  oberen  Stufe 
des  Vogesen-Sandsteins,  welche  jedoch  von  der  unteren  durch 
keine  scharfe  Grenze  getrennt  ist,  herrschen  die  Quarzgerölle 
allein.  Trotz  solcher  Uebergänge  zwischen  den  Sandsteinen 
des  Rothliegenden  und  des  Vogesen-Sandstein  müssen  wir  uns 
daher  an  diesen  Dolomit  -  Horizont  als  Grenze  halten;  man 
findet  ihn  allenthalben  im  oberen  Rothliegenden:  im  Becken 
von  Beifort  haben  die  Bänke  mit  Dolomit-Knauern  sogar  eine 
Mächtigkeit  von  7,6  M.  (siehe  Parisot  1.  c.  pag.  8.  u.  Delbos 
1.  c.  I.  pag.  214.). 

Doch  ist  es  unmöglich,  diese  Dolomit  -  Ausscheidungen 
etwa  als  Aequivalent  des  Zechsteins  anzusehen,  wie  es  von 
manchen  Geologen  geschehen  ist*),  da  niemals  Versteinerungen 
darin  entdeckt  wurden,  noch  der  unmittelbare  Zusammenbang 
dieser  Dolomite  mit  den  charakterisirten  Zechsteiubänken  bei 
Heidelberg  wegen  der  zwischenliegenden  Rheinspalte  erwiesen 
werden  kann. 

Ueber  dem  Dolomit-Horizonte  beginnen  wir  den  unteren 
bunten  oder  Vogesen-Sandstein.  Die  tiefere  Stufe  desselben, 
welche  noch  nicht  mit  den  für  den  Vogesen-Sandstein  charak- 
teristischen glitzernden  Quarzsandsteinen  beginnt,  sondern 
thonreiche,  dünngeschichtete  Bänke  enthält,  ist  nicht  so  gut 
als  die  obere  Schichtenfolge  aufgeschlossen,  weil  sie,  un- 
brauchbar als  Baumaterial,  nicht  in  Steinbrüchen  abgebaut 
wird. 

Am  besten  werden  diese  Schichten  sichtbar  in  dem  Hohl- 
wege, welcher  vom  Bergstädtchen  Saales  bei  St.  Die  den 
Voymont  hinaufführt,  hart  an  den  neuen  Grenzsteinen  entlang. 

In  der  Thaleinsenkung  zwischen  dem  Voymont  und  dem 
Climont  stehen  Felsit- Porphyre  und  deren  Tuffe  an;  darüber 
lagern  sich  bis  zur  Spitze  des  Voymont  folgende  Schichten: 

1.  Grobkörnige  Sandsteine  des  Rothliegenden  ;  darin  zahl- 
reiche Porphyr  -  Gerölle  ,  auch  Stücke  von  krystalliniscben 
Schiefern,   von  Gneissen  und  anderen  Gesteinen;   starke  Ein- 


*)  z.  B.  Glmbel.  1.  c.  pag.  43. 


88 


lagerungen  von  dünngeschichteten,  dunkelrothen  Thonschiefern. 
Etwa  80  M.  mächtig. 

2.  Dolomit  -  Horizont.  Dieselben  Sandsteine  wie  in  1. 
Von  Dolomit -Knauern  und  schwachen  Dolomit- Bänken  durch- 
zogen; in  den  Hohlräumen  Dolomit-Krystalle.  Daneben  viel 
SiO^  angeschieden,  meist  als  Chalcedon,  zuweilen  als  Quarz. 
4  bis  5  M.  mächtig. 

3.  Die  grobkörnigen  Grusssandsteine  von  1.  setzen  über 
den  Dolomit-Horizont  noch  etwa  70  M.  im  unteren  bunten 
Sandstein  fort.  Das  Korn  derselben  besteht  aus  wenig  abge- 
rundeten Quarz-  und  Feldspathstückchen  ,  welche  durch  ein 
thoniges  Bindemittel  zu  uuregelmässig  geschichteten  Bänken 
lose  vereinigt  sind;  dazwischen  fügen  sich  häufig  dünngeschich- 
tete Thonschiefer  ein.  Häufig  zeigen  sich  noch  Porphyr  und 
Quarz  in  Gerollen  und  eckigen  Stücken. 

4.  In  den  nächsten  50  Metern  werden  die  Sandsteine 
feinkörniger  und  fester,  häufig  sind  sie  durch  dunkle  Mangan- 
flecke getiegert*);  viel  thoniges  Bindemittel  und  Thonschiefer- 
einlagerungen. Glimmer  in  grosser  Menge,  besonders  auf  den 
Schichtflächen  angehäuft.  Porphyr-Einschlüsse  werden  selten, 
meist  Quarzgerölle.  Diese  Schichten  gehen  ohne  bestimmte 
Grenze  über  in  die 

5.  obere  Stufe,  den  typischen  Vogesen-Sandstein.  Glitzern- 
des Quarzkorn,  dickgeschichtete  Bänke;  nur  Kieselgerölle.  Etwa 
120  M. 

6.  In  den  mächtigen  Quadern  auf  der  Spitze  des  Berges 
häufen  sich  die  Quarzgerölle  zu  einem  conglomeratischen  vSand- 
stein ,  wie  er  an  anderen  Orten  den  Conglomerat- Horizont, 
die  Grenze  gegen  den  Voltzien-Sandstein,  beginnt. 

Eine  ähnliche  Lagerung  des  Rothliegenden  und  des  Vo- 
gesen-Sandsteins  zeigt  sich  in  der  Gegend  südlich  und  westlich 
des  Champ  du  Feu  überall:  so  im  Weilerthale  an  den  Ab- 
hängen des  Uagersberges  und  drüben  im  Becken  von  St.  Die 
in  den  Thaleinschnitten  des  Dormont. 

Im  nördlichen  Theile  des  Gebirges  ist  diese  untere  Stufe 


*)  Die  Manganflecke  können  aber  nicht  als  Kennzeichen  für  diese 
untere  Stufe  des  Vogesen-Sandsteins  gelten,  da  sie  auch  in  höheren  Ho- 
rizonten verbreitet  sind.  Dasselbe  gilt  für  die  gleichen  Schichten  im 
Schwarzwald,  den  sogen.  Tiegersandsteinen, 


89 


des  Vogesen  -  Sandsteins  gut  zu  beobachten  am  Schlossberge 
Windstein  im  Jägerthale  bei  Niederbronn.  Am  Eisenhammer 
im  Thale  steht  Syenit  an.    Darüber  folgt: 

1.  Syenit-Gruss  mit  eingemischten  Porphyrstücken.  1  M. 
mächtig. 

2.  1,5  M.  rothliegender  conglomeratischer  Sandstein  mit 
vielen  Gerollen. 

3.  0,5  M.  Dolomit  -  Bank ,  eine  durch  Dolomit  und  dolo- 
mitischen Kalk  cementirte  Breccie  von  Porphyr-,  Quarz  -  und 
anderen  kleinen  Gesteinsstücken.  In  den  Hohlräumen  Dolo- 
mit-Krystalle.    Dolomitknollen  bis  kopfgross. 

4.  Unterer  Vogesen-Sandstein ,  100  M.  Zuerst  grobkör- 
niger Sandstein  mit  vielen  Manganflecken ;  dann  feinkornige 
Thon-  und  Kaolin  -  reiche  matte  Sandsteine,  dünngeschichtet 
mit  Thonschiefer-Zwischenlagen.  ' 

In  den  Felsen  der  Ruine  und  in  losen  Blöcken  am  Ab- 
hang treten  neben  den  thonreichen  Bänken  schon  glitzernde 
Quarzsandsteine  auf,  den  Beginn  der  oberen  Stufe  des  Vo- 
gesen-Sandsteins  anzeigend.  Erst  weiter  westlich  ins  Gebirge 
hinein  trifft  man  die  höherliegende  Conglomerat-Zone  an. 

Im  Breuschthal,  wo  die  oberen  Sandsteine  ihre  bedeu- 
tendste Mächtigkeit  erlangen ,  tritt  diese  untere  Stufe  des  Vo- 
gesen -  Sandsteins  mehr  als  im  Norden  und  Süden  zurück. 
Daselbst  sieht  man  diese  Schiebten  etwa  50  M.  oberhalb  des 
Porphyrkessels  der  Niedeck  an  der  Strasse  nahe  dem  Forst- 
haus. Dann  drüben  am  Kappelhof  unterm  Katzenberg;  hier 
zeigt  der  Quellenreichthum  die  Grenze  zwischen  beiden  Stufen 
an :  denn  durch  die  porösen  Schichten  des  oberen  Vogesen- 
Sandsteins  sickert  das  Wasser  leicht  hindurch  bis  auf  die 
thonreichen  Bänke  der  unteren  Abtheilung,  auf  denen  es 
hervorquillt. 

Diese  Stufe  des  Vogesen  -  Sandsteins  schliesst  sich  also 
in  lithologischer  Hinsicht  mit  ihren  unteren  Bänken  an  die 
grobkörnigen,  lose  aufgeschütteten  Sandsteine  des  Rothliegen- 
den eng  an;  höher  hinauf  gewinneu  feinkörnige,  glimmerreiebe 
Thonsandsteine  die  Oberhand,  sodass  die  Schichten  häufig  dem 
oberen  bunten  Sandstein  petrographisch  nicht  unähnlich  wer- 
den. Endlich  zeigen  sich  häufiger  Kieselsäure-reiche  Bänke 
zwischen  den  matten  Thonsandsteinen ,  andere  als  Quarzgerölle 
werden  sehr  selten,  bis  schlisslich  an  verschiedenen  Orten,  in 


90 


verschiedener  Höhe,  in  allmäligem  Uebergange ,  die  reinen 
Quarzsandsteine  des  echten  Vogesen-Sandstein  vorherrschen 
und  die  zweite  Stufe  des  bunten  Sandsteins  beginnt. 

Die  besten  Aufschlüsse  für  den  typischen  Vogesen-Sand- 
stein finden  wir  in  den  grossen  Steinbrüchen  des  Breusch- 
thales ;  in  dem  Bruche  am  Bergabhang,  oberhalb  Mutzig,  gegen 
Diensheim  hin  am  linken  Flussufer  sind  folgende  Schichten 
angebrochen,  zu  unterst: 

1.  5  M.  mächtig,  Quarzsandsteine  in  dicken  Schichten, 
grobes  krystallinisches  Korn,  sehr  fest  zusammengefügt,  bei 
Verwitterung  in  Sand  zerfallend.  Meist  abgerundete  Qarzkörner, 
selten  Glimmer;  daneben  kleine  Stückchen  von  zersetztem  Feld- 
spath.  Die  Poren  zwischen  den  Körnern  secundär  mit  win- 
zigen wasserhellen  Quarzkrystallen  ausgekleidet,  sodass  der 
Sandstein  in  der  Sonne  stark  glitzert.  Daneben  Körnchen  von 
zersetztem  Feldspath ;  selten  ein  weisses  Glimmerblättchen. 
Meist  durch  Eisenoxyd  stark  roth  gefärbt.  Auf  den  Schicht- 
flachen  schwache  rothe  Thonlagen,  Kruste'4  oder  „Leber- 
stein'4 von  den  Arbeitern  genannt.  Häufig  Thongallen,  welche 
stets  weich  und  ohne  Si  O  2  -  Ueberzug  sind.  Selten  gerollte 
Kiesel,  mit'  winzigen  Quarzfacetten  secundär  überzogen. 

2.  0,2  M.  feinkörniger  Sandstein;  die  Schichtfläche  ist 
mit  „Wellenfurchen"  bedeckt;  nur  wenig  Thon  in  den  Thälern 
der  vorspringenden  Furchen, 

3.  6  M.  dünnschichtiger  Sandstein,  mit  mehr  oder  we- 
niger Thoncement;  nur  einzelne  Bänke  glitzernd  durch  die 
secundären  Quarzkrystalle.  Helle  dünne  Thonlagen  zwischen 
den  Schichten. 

4.  0,1  M.  der  gleiche  Sandstein  wie  in  3.  Die  Schicht- 
fläche mit  ,, Trockenleisten44  (,,bourrelets  polygonaux44)  bedeckt. 
Es  sind  dies  leistenförmige  Wülste  in  unregelmässigen  polygo- 
nalen Figuren  sich  kreuzend,  zwischen  denen  sich  rother  Thon 
lagert. 

5.  0,4  M.  zweite  Wellenfurchen-Schicht,  thonreicher,  hell- 
gelber Sandstein. 

6.  0,2  M.  wie  4. 

7.  0,05  M.  wie  5. 

8.  3  M.  glitzernder  Quarzsandstein;   Kieselgerölle  selten. 

9.  0,15  M.  locale  Einlagerung  von  gerollten  Kieseln,  wo- 
durch der  Sandstein  conglomeratisch  wird. 


91 


10.  2  M.  dünngeschichteter  mürber  Sandstein,  viel  Thon- 
cement,  ohne  Kiesel. 

11.  25  M.  nicht  mehr  durch  Steinbruch  aufgeschlossener 
Abhang.  Der  Quarzsandstein  mit  secundärem  Kieselsäure- 
absatz herrscht  vor  gegen  die  matten  Thonsandsteine.  Die 
gerollten  Kiesel  werden  gegen  oben  immer  häufiger,  bis 
zu  den 

12.  Conglomeratbänken.  10  M.  wenig  Sandsteinmasse 
zwischen  den  angehäuften  Rollkieseln ;  die  Kiesel  bestehen 
nur  aus  Quarz  und  dessen  Varietäten.  Die  Kiesel  und  Sand- 
steinkörner überzogen  mit  einer  feinen  Hülle  von  lichten 
Quarzkrystallen. 

Ueber  diesem  Conglomerat  beginnt  der  weichere  Voltzien- 
sandstein;  daher  fällt  die  Kuppe  des  Berges  allseitig  flach  ab, 
während  der  Abhang  unter  dem  Conglomerat  wegen  der 
grösseren  Härte  der  Schichten  steil  aufsteigt. 

Dieses  Profil  zeigt,  wenn  es  auch  nur  einen  geringen 
Theil  des  Vogesen  -  Sandsteins  durchschneidet,  genügend  die 
Natur  dieser  Ablagerung;  nur  die  Wellenfurchen  und  Trocken- 
leisten sind  diesem  Horizonte  eigenthümlich ,  sie  kommen  in 
den  tieferen  Schichten  nicht  vor. 

Die  Quarzsandsteine  mit  secundärem  Kieselsäure-Absatz 
charakterisiren  diese  obere  Stufe  des  unteren  bunten  Sand- 
steins; sie  rechtfertigen  den  Localnamen  „Vogesen-Sandstein". 
Jedoch  ersieht  man  aus  dem  Profil  zugleich,  dass  diese  eigen- 
tümlichen Schichten  nicht  einzig  und  allein  die  obere  Stufe 
bilden,  sondern  nur  vorwalten,  da  die  feinkörnigen  matten 
Sandsteine  mit  thonigem  Bindemittel,  wie  sie  die  Voltzien- 
Sandsteine  zusammensetzen,  durchaus  nicht  fehlen,  doch  sind 
reine  Thonschichten  nicht  häufig,  nur  schwache  „Krusten" 
trennen  die  mächtigen  Bänke. 

Die  Kieselsäure  ist  in  den  Poren  des  Sandsteins  niemals 
in  so  grosser  Menge  abgesetzt,  dass  derselbe  seine  Porosität 
verlöre  und  ein  Quarzit  entstände;  sondern  die  Quarzkryställ- 
chen  überkleiden  nur  die  Oberfläche  der  Kiesel  und  Körner. 
Das  färbende  Eisenoxyd  liegt  frei  zwischen  den  Körnern  und 
die  Sickergewässer  circuliren  ungehindert  durch  die  Schichten. 
Durch  Verwitterung  zerfällt  der  Sandstein  leicht  in  Sand.  Der 
Kieselsäure- Absatz  reichte  nicht  hin,  Klüfte  und  Hohlräume 
im  Gestein  auszufüllen,  eher  noch  finden  sich  Adern  von  Baryt 


92 


und  Pyrolusit ,  selten  Kalkspath  und  Dolomit.  Der  Kiesel- 
säure -  Ueberzug  kann  nicht  zugleich  mit  dem  Sandstein  ent- 
standen sein,  sondern  ist  erst  secundär  von  den  Tagesgewässern 
abgesetzt  worden. 

Der  gänzliche  Mangel  von  Porphyrgeröllen  unterscheidet 
den  Vogesen-vSandstein  wesentlich  von  der  unteren  Stufe  des 
unteren  bunten  Sandsteins  und  vom  Rothliegenden.  Zersetzte 
Gneiss-  und  Granitstücke  kommen  als  Seltenheit  vor.*) 

Die  Quarzgerölle  sind  meistens  einzeln  im  Sandstein  ein- 
gebacken ,  local  sammeln  sie  sich  in  vStrichen  zu  einem  con- 
glomeratischen  Sandstein;  doch  häufen  sie  sich  erst  an  der 
Grenze  zum  Voltzien  -  Sandstein  zu  einem  wahren  Conglo- 
merat  an. 

Der  untere  bunte  Sandstein  erreicht  im  Breusch  -  Gebiet 
eine  Mächtigkeit  von  400  M. ;  von  diesem  mittleren  Theile 
des  Gebirges  nimmt  er  nach  Norden  und  Süden  im  Allge- 
meinen an  Höhe  ab*,  im  Osten  verschwindet  er  mit  den  jün- 
geren Formationen  unter  der  Tertiärdecke  der  Rheinebene, 
bis  er  drüben  am  Abhänge  des  Schwarzwaldes  wieder  zu  Tage 
tritt;  im  Westen  dagegen  keilt  er  sich  unter  dem  Voltzien- 
Sandstein  aus,  wie  dieser  unter  dem  Muschelkalk  und  endlich 
in  noch  weiterer  Entfernung  von  den  Vogesen  der  Muschel- 
kalk unter  dem  Keuper  sich  auskeilt,  sodass  im  Central- 
plateau  von  Frankreich  von  den  triasischen  Ablagerungen  der 
Keuper  allein  dem  Grundgebirge  aufruht. 

Die  obere  Grenze  des  Vogesen-  gegen  den  Voltzien- 
Sandstein  oder  —  nach  französischer  Ansicht  —  der  Dyas 
gegen  die  Trias  in  den  Vogesen  war  früher  eine  sehr  unsichere, 
ja  willkürliche;  denn  man  hatte  kein  anderes  Merkmal  als  die 
petrographische  Umänderung  des  glitzerndes  Quarzkorns  des 
Vogesen  -  Sandsteins  in  die  matten,  thonreichen  Bänke  des 
Voltzien  -  Sandstein  ,  Charaktere,  nach  denen  keine  bestimmte 
Grenze,  kein  Horizont  gezogen  werden  kann  zwischen  beiden 
Ablagerungen ,  da  die  thonreichen  Bänke  des  oberen  bunten 
Sandstein  schon  im  Vogesen  -  Sandstein  häufig  sind  ,  und  die 
Quarz-Sandsteine  des  letzteren  in  den  Voltzien-Sandstein  weit 


*)  Ich  fand  ein  zersetztes  Granit-Gerölle  einmal  am  Fuss  des  Heiligen- 
berges im  Breuschthal  mitten  im  Vogesen-Snndstein.  Auch  Daubkee  1.  c. 
pag.  86  erwähnt  solche  Stücke  als  Seltenheit. 


93 


hinaufgehen ;  gerade  in  der  unteren  Stufe  des  Voltzien-Sand- 
steins,  d.  h.  in  dem  etwa  100  M.  mächtigen  Scbichtencomplex 
über  dem  Conglomerat-Horizont  ist  es  unmöglich,  eine  solche 
Grenze  festzuhalten.  Daher  wurde  denn  die  Grenze  zwischen 
dem  gres  vosgien  und  dem  gres  bigarre  auf  den  französischen 
Karten  und  Profilen  nach  Bedürfniss  bald  höher  bald  tiefer 
gelegt,  während  wir  in  den  betreffenden  Werken  kein  Wort 
über  bestimmte  Grenzmarken  hören. 

Wenn  man  die  Sandstein  -  Ablagerungen  in  den  Vogesen 
eingehender  untersucht  hätte,  würde  man  erkannt  haben  ,  dass 
jene  mächtigen  Conglomerat  -  Bänke ,  welche  wir  allenthalben 
im  Gebirge  im  oberen  Vogesen-<:andstein  begegnen,  z.  B.  auf 
der  Spitze  des  Schneebergs,  auf  den  Höhen  über  Mutzig,  auf 
dem  Odilienberg  und  Mennelstein  ,  auf  dem  Hohnack,  in  den 
Felsen  um  Philippsburg,  und  an  anderen  Orten,  nicht  wie  die 
schwachen  Striche  von  Quarzgeröllen  in  den  unteren  Schichten 
nur  locale  Bedeutung  haben ,  sondern  einen  durchgehenden 
Horizont  einhalten,  welcher  für  die  Eintheilung  der  Sandsteine 
und  für  eine  Vergleichung  derselben  an  verschiedenen  Punkten 
des  Gebirges  von  grosser  Bedeutung  ist. 

Betrachten  wir  das  angeführte  Profil  am  Mutziger  Stein, 
so  sehen  wir,  dass  in  den  mächtigen,  unteren  Bänken  nur 
locale  Einlagerungen  von  Quarzgeröllen  eingeschaltet  sind. 
Erst  oben  auf  der  Höhe  des  Berges  treffen  wir  Bänke,  in 
denen  die  Quarzgerölle  dicht  aufeinander  gehäuft  ein  wahres 
Conglomerat  in  einer  Mächtigkeit  von  circa  10  M.  bilden; 
durch  ihr  reicheres  Kieselsäure- Cement  trotzen  sie  länger  als 
die  Nachbarbänke  den  Atmosphärilien,  so  dass  sie  meist  weit 
aus  dem  Abhänge  hervorragen,  bis  ihre  eigene  Last  sie  herab- 
bricht. Ueber  diesem  Horizonte  verschwinden  die  Quarzgerölle 
fast  ganz  in  den  Uebergangsschichten  zum  Voltzien-Sandstein. 

Am  Heiligenberg,  weiter  hinauf  im  Thale  der  Breusch, 
ist  die  obere  Grenze  der  Conglomerat  -  Zone  eine  ebenso 
scharfe;  kaum  zeigen  sich  Quarzgerölle  über  derselben  am 
flachabfallenden  Hang  unterhalb  des  Dorfes.  Die  gleiche 
Beobachtung  machen  wir  im  Kronthal ,  an  allen  aufgeschlos- 
senen Punkten  im  weiten  Becken  von  Mutzig,  und  überall  im 
nordwestlichen  Kamme.  Wenn  man  eines  der  schönen  Quer- 
thäler  dieses  Kammes  oder  des  Bitscher  Landes  hinaufsteigt, 
so  durchschneidet  man  Anfangs   die  groben  Quarzbänke  des 


94 


unteren  Vogesen-Sandstein,  welche  nur  selten  Kiesel  enthalten; 
höber  hinauf,  westlicher  vordringend,  gelangt  man  zur  Con- 
glomerat- Zone,  die  sich  oben  auf  den  Höhen  oft  bis  zum 
Rande  des  Ostabhanges  durchzieht.  Endlich  erreicht  man  die 
Uebergangsschichten  zum  Voltzien-Sandstein,  welche  sich  weit 
auf  dem  Plateau  des  nordwestlichen  Gebirgszuges  ausbreiten. 

Nach  Westen  und  Süden  nimmt  mit  der  Mächtigkeit  des 
Vogesen-Sandsteins  auch  die  der  Conglomerat- Zone  ab:  man 
kann  diese  auf  dem  Sandsteinzuge  vom  Donon  südwärts  über 
die  Hautes  Chaumes  bei  Schirmeck,  zum  Climont  und  zum 
Dormont  bei  St.  Die  gut  verfolgen.  Auf  dem  Massive  der 
Belchen  (,, Systeme  des  ballons")  bedecken  nur  noch  Reste 
des  Vogesen-Sandstein  die  hohen  Kuppen ,  wo  dann  meist  die 
Conglomerate ,  oft  nur  noch  in  mächtigen  Blöcken  übrig  ge- 
blieben, die  höchste  Spitze  einnehmen:  so  liegt  der  Vogesen- 
Sandstein  auf  dem  Hohnack  in  einer  Höhe  von  980  M.,  dem 
Thannichel  in  970  M.,  dem  Climont  in  974  M.,  dem  Haut 
du  Roc  in  1016  M.  und  auf  dem  Ballon  de  Servance  in 
1140  M. ,  nur  286  M.  tiefer  als  der  höchste  Gipfel  des  Ge- 
birges, der  Gebweiler  Belchen. 

Auch  ist  die  Conglomerat-Zone  gut  zu  beobachten  in  den 
Hügelketten,  welche  dem  nordöstlichen  Fusse  des  Gebweiler 
Belchen  vorgelagert  sind,  auf  der  Höhe  über  den  Weinbergen 
von  Sultz  und  Gebweiler,  sowie  in  dem  Thale,  welches  von 
Winzfelden  und  Osenbach  herab  nach  Ruffach  die  Berge 
durchschneidet. 

Als  Horizont  wurden  diese  Conglomerate  in  den  betreffen- 
den Werken  noch  nicht  erkannt  oder  benutzt,  wohl  aber  sind 
sie  an  richtiger  Stelle  eingezeichnet  worden  in  vielen  Profilen 
Elie  de  Beaumont's  und  späterer  Bearbeiter,  so  z.  B.  in  dem 
Profil,  welches  Elie  de  Beaümont  als  Diagramm  der  Lagerung 
für  die  Trias  in  den  Vogesen  giebt  mit  der  Unterschrift:  „coupe 
figurant  la  disposition  relative  du  gres  des  Vosges  et  du  trias." 
(Explic.  I.  pag.  391  f.  1.)  und  in  dem  Profil,  welches  Jacqüot 
(1.  c.  pag.  121)  für  die  Umgebung  von  Bitsch  zeichnet 
(f.  2.)*). 


*)  Dieser  Conglomerat-Horizont  findet  sich  ebenso  im  Schwarzwalde 
zwischen  dem  unteren  und  oberen  bunten  Sandstein;  allerdings  sind 
hier  die  Quarzgerölle  nicht  in  der  Masse  als  in  den  Vogesen  angehäuft, 


95 


Ueber  diesem  Conglomerat  beginnen  wir  den  oberen 
bunten  oder  Voltzien  -  Sandstein.  Man  kann  denselben  nach 
der  petrographischen  Beschaffenheit  in  zwei  Stufen  eintheilen, 
da  Anfangs  noch  die  Quarzsandsteine  des  Vogesen  -  Sandstein 
neben  den  thonreichen  Bänken  auftreten,  erst  in  der  oberen 
Abtheilung  die  hellen  dünngeschichteten  Thonsandsteine  und 
Thonschichten  allein  herrschen ;  auch  liegt  der  Pflanzenreich- 
thum des  Voltzien- Sandstein  erst  in  der  oberen  Stufe,  unten 
sind  Pflanzenreste  noch  nicht  häufig.*) 

Profile  für  die  untere  Stufe  des  Voltzien-Sandsteins  finden 
wir  wieder  am  Besten  im  Becken  von  Mutzig;  so  in  den  durch 
ihre  fossile  Flora  berühmten  Steinbrüchen  von  Sulzbad,  von 
deren  Schichten  Voltz  folgende  Uebersicht  giebt**): 

1.  Muschelkalk,  en  haut  de  la  carriere  beaucoup  de  co- 
quillages  littoraux  appartenant  a  ce  calcaire,  et  point  de 
plantes. 

2.  Gres  bigarre  superieur  15  M.  röche  argileuse  avec  de 
petits  bancs  de  dolomie,  sans  coquillages,  mais  beaucoup  de 
plantes  et  un  peu  de  crustaces. 

3.  Gres  bigarre  moyen  35  M.  le  passage  du  gres  bigarre 
au  gres  vosgien  dans  la  carriere. 


so  dass  diese  Zone  mehr  einem  conglomeratischen  Sandstein  als  ein  Con- 
glomerat, wie  wir  es  aus  dem  Breusch-Thale  kennen,  darstellt.  Die  mir 
von  Herrn  Professor  Eck  aus  Stuttgart  freundlichst  gemachten  Mitthei- 
lungen bestätigen  meine  aus  eigener  Anschauung  gewonnene  Ansicht, 
dass  die  Bunt-Sandstein-Formation  des  Schwarzwaldes  sowohl  in  ihrer 
Gliederung  wie  in  ihrer  Lagerung  völlig  mit  der  gleichen  Ablagerung  in 
den  Vogesen  übereinstimmt,  was  gerade  in  der  Umgebung  von  Baden- 
Baden  am  Besten  wahrzunehmen  ist.  Erst  die  zur  Tertiärzeit  entstan- 
dene Rheinspalte  trennte  was  sich  vorher  als  eine  zusammende  Decke 
über  das  südwestliche  Deutschland  ausbreitete.  Sandberger  (1.  c.  pag.  18 
bis  '21)  und  die  anderen  Bearbeiter  der  Schwarzwald-Aufnahmen  verthei- 
digen  noch  die  Elib  de  BEAUiwoNT'sche  Trennung  des  Vogesen-  und 
Voltzien-Sandstein  durch  die  Revolution  des  Systeme  de  Rhin. 

*)  Im  Vogesen-Sandstein  ist  nie  eine  Spur  eines  Organismus  entdeckt 
worden,  wenn  man  den  Abdruck  von  Spirifer  speciosus  ausnimmt,  welcher 
sich  in  einem  Quarzgeröll  auf  secundärer  Lagerstätte  gefunden  hat. 

**)  In  den  Mem.  de  la  soc.  du  Museum  d'hist.  nat.  de  Strasbourg, 
tome  2  1835.  Voltz,  Notice  sur  la  gres  bigarre  de  Soultz- les- Bains, 
wo  er  pag.  2  sagt:  „le  gres  vosgien,  pue  je  considere  comme  etaut  le 
gres  bigarre  inferieur. 


96 


4.  Gres  bigarre  inferieur  —  gres  vosgien.*)  No.  3  und 
4  stellen  unsere  untere  Stufe  des  Voltzien  -  Sandstein  dar, 
da  sie  über  dem  Conglomerate  liegen;  es  sind  eben  dies  in 
petrographischer  Beziehung  Uebefgangsschiebten  von  dem  Quarz- 
sandstein des  unteren  zum  Thonsandstein  des  oberen  bunten 
Sandsteins. 

Im  gleichen  Horizonte  wird  der  Steinbruch  am  Berg- 
abhange nördlich  des  Flecken  Mutzig  gebrochen;  es  sind 
Schichten,  welche  über  dem  Conglomerat  des  Mutziger  Steins 
lagern  und  nur  durch  eine  NS. -Verwerfung  in  eine  tiefere  Lage 
versetzt  sind.    Zu  unterst  an  der  Strasse  befindet  sich: 

1.  1  M.  gelber  Saudstein,  mit  Kieselsäure  -  Ausscheidun- 
gen, besonders  viel  Karneol;  kleine  Quarzkry stalle  allenthalben 
in  den  Hohlräumen.**) 

2.  0,15  M.  Schlammsandschicht;  grauer  feiner  Thonsand 
mit  kleinen  Glimmerblättchen. 

3.  2,4  M.  sehr  feinkörniger,  mürber,  rother  Sandstein  in 
unregelmässig  dünngeschichteten  Bänken  mit  Zwischenlagen 
von  grauem  Schlammsandstein. 

4.  0,08  M.  Schlammsandsteiu. 

5.  0,1  M.  rother  Thonschiefer. 

6.  1  M.  grobkörniger  Sandstein  mit  kleinen  Quarzgeröllen, 
etwas  Kieselsäure-Cement. 

7.  0,7  31.  derselbe  Sandstein  ohne  Gerolle. 

8.  1,2  M.  feinkörniger  Quarzsandstein,  zuweilen  glitzernd 
mit  wenig  Thoncement. 

9.  0,4  M.  rother  Thonschiefer. 

10.  1,3  M.  dünngeschichteter,  feinkörniger,  mürber  Thon- 
sandstein mit  viel  weissem  Glimmer  auf  den  Schichtflächen. 

11.  1,7  M.  Quarzsandstein,  jedoch  feineres  Korn  als  im 
Vogesen-Sandstein  die  Regel  ist,  selten  einige  Quarzgerölle. 

12.  1,2  3V1.  wie  No.  10. 


*)  Daubhee  (1.  e  pag.  W'2)  reebnet  No.  4  nuch  zum  gres  bigarre', 
jedoch  als  Uebergangsschichtcn  zum  gres  vo  gien ;  er  kennt  eben  keine 
bestimmte  Grenze  zwischen  beiden  Formationen. 

**)  Diese  Schicht  mit  Karneol  hat  nichts  zu  thun  mit  der  Karneol- 
schicht von  Sandberger  und  Schalch;  diese  liegt  im  Schwarzwald  tief 
unten  im  Vogesen- Sandstein  und  ist  vielleicht  der  Dolomitzone  der  Vo- 
gesen.  an  der  Grenze  des  Rothliegenden  zum  bunten  Sandstein,  an  die 
Seite  zu  stellen. 


97 

13.  1  M.  feinkörniger  Quarzsandstein;  darüber  folgen 
unaufgeschlossen  die  Sandsteine  und  die  dolomitischen  Bänke 
des  oberen  Voltzien-Sandsteins  bis  hinauf  zum  Muschelkalk. 

Der  Wechsel  von  Thon-  und  Kieselsäure -reichen  Sand- 
steinen charakterisirt  die  untere  Stufe  des  Voltzien-Sandsteins 
als  Uebergangsschichten ;  aber  bald  walten  die  feinkörnigen 
Thonsandsteine  vor;  häufiger  und  mächtiger  stellen  sich  reine 
Thonschichten  ein ;  vor  Allem  sind  die  Bänke  durchsäht  mit 
weissem  Glimmer,  welcher  im  Vogesen-Sandstein  nur  ein  sel- 
tener Gast  war;  dabei  sind  Quarzgerölle  spärlich  und  nicht 
mehr  mit  einem  Kieselsäure-Ueberzuge  bedeckt. 

Die  Mächtigkeit  der  einzelnen  Sandsteinschichten  ist  oft 
eine  bedeutende,  daher  aus  diesem  Horizonte  die  besten  Bau- 
steine in  zahlreichen  Steinbrüchen  gewonnen  werden :  der 
Vogesen-Sandstein  ist  zu  hart  und  spröde  für  feine  archite- 
ktonische Ausarbeitung,  er  wird  nur  in  rohen  Stücken  für 
Strassenbau  und  Fundamente,  sowie  für  die  Festungswälle  ver- 
wandt. Der  obere  Voltzien-Sandstein  aber  ist  zu  dünnschichtig, 
zu  thonreich,  um  brauchbare  Steine  zu  geben.*) 

Der  obere  Voltzien  -  Sandstein ,  welchen  man  dem  Roth 
Norddeutschlands  gleichstellen  kann ,  ist  von  den  Sandsteinen 
der  Vogesen  die  am  Besten  charakterisirte  Abtheilung:  der 
grosse  Pflanzenreichthum  seiner  unteren  Bänke  gab  ihm  den 
Namen,  die  darüberliegenden  Wellendolomite  vermitteln  durch 
ihre  reiche  Fauna  den  unmittelbaren  Anschluss  an  die  Muschel- 
kalk -  Formation.  Der  grosse  Steinbruch  oberhalb  Diensheim 
im  Breuschthal  entblösst  wohl  auf  25  M.  Höhe  die  Schichten 
des  oberen  bunten  Sandsteins :  der  Mangel  an  glitzernden 
Quarzsandsteinen,  die  zahlreichen  Pflanzenreste,  der  Reich- 
thum an  Glimmer,  die  matten  Thonsandsteine  lassen  erkennen, 
dass  wir  uns  schon  bedeutend  über  den  Conglomerat-Horizont 
erhoben  haben.  Indess  erst  in  der  Höhe  am  oberen  Rande 
des  Steinbruches  finden  wir  die  dünngeschichteten  Thone  des 


*)  Beim  Bau  des  Strassburger  Münsters  gebrauchte  man  Anfangs  für 
die  Fundamente  und  den  romanischen  Theil  den  spröden  Vogesen-Sand- 
stein ;  die  Gothik  musste  für  ihre  Ornamente  zu  zarterem  Material  grei- 
fen; daher  ist  das  Münster  grösstentheils  mit  dem  unteren  Voltzien- 
Sandstein  erbaut  worden,  der  am  linken  Ufer  der  Mossig  oberhalb 
Wasselnheim  gebrochen  wurde. 

Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1 .  7 


98 


Roth ,  welche  über  den  unteren  mächtigen  Bänken  als  un- 
brauchbares Material  weggeräumt  werden;  ein  eben  ange- 
brochener Aufschluss  zeigte  hier  folgende  Schichten  des  Roth, 
von  unten  beginnend : 

1.  Pflanzenführender  gelblicher  Thon  ,  0,3  M.  wulstige, 
dünne  Lagen,  wenig  Glimmer. 

2.  0,15  M.  grauer,  reiner,  dünngeschichteter  Thon, 
graublau. 

3.  0,3  M.  rother  Thon  voller  kleiner  weisser  Glimmer- 
blättchen. 

4.  0,3  M.  gelblicher  Thon,  sandig. 

5.  0,1  M.  reiner  grauer  Thon. 

6.  1,35  M.  rother  Thon  mit  thonreichen  Sandsteineinla- 
gerungen ;  Pflanzenreste. 

7.  0,6  M.  Leller  Thon  mit  einer  harten ,  feinkörnigen 
Sandsteinlage,  glimmerreich. 

8.  0,9  M.  rother  Thonsandstein  mit  viel  Glimmer,  mit 
zwei  0,04  M.  starken  harten  Sandsteinlagen. 

9.  0,5  M.  harter  Thonsandstein,  gelblich,  mit  vielem 
Glimmer  und  kleinen  braunen  Flecken. 

10.  0,6  M.  wulstige  Thonschicht,  sandig,  gelb. 

11.  0,15  M.  reiner  dünngeschichteter  Thon. 

12.  0,5  M.  unregelmässig  geschichteter  Thonsandstein, 
allmählich  in  den  mit  Sandsteinstücken  erfüllten  Humus  über- 
gehend. 

Die  Wellendolomite  sind  hier  über  den  Pflanzen-führenden 
Thonen  und  Sandsteinen  nicht  mehr  aufgeschlossen;  erst  höher 
am  Berge  hinauf  trifft  man  den  Muschelkalk  an,  auf  den  in 
regelmässiger  Lagerung  die  Lettenkohle  und  der  Keuper  folgen. 
Besser  sind  die  Wellendolomite  in  den  Steinbrüchen  von 
Sulzbad  aufgeschlossen ,  wo  die  Schichten  folgendes  Profil 
zeigen: 

1.  Unterer  Voltzien  -  Sandstein ,  12,5  M. ;  Wechsel  von 
Thonsandstein-Bänken,  2 — 4  M.  mächtig,  und  Thonschiefern, 
0,3 — 0,5  M. ;  die  letzteren  sind  erfüllt  mit  Pflanzenresten. 

2.  Oberer  Voltzien  -  Sandstein. 

a.  Roth ,  15  M.  Abwechselnd  Thone  und  sandige 
Schichten  wie  in  dem  Profil  des  Diensheimer  Stein- 
bruchs. 


99 


b.  Wellendolomit,   5  M.     Dolomitische  wulstige  Sand- 
steine von  0,7 — 1,5  M.  Mächtigkeit,  dazwischen  Thon- 
schiefer und  Thone,  0,3 — 0,5  M. 
4.  Muschelkalk. 

Schon  im  Roth,  besonders  aber  im  Wellendolomit  finden 
sich  hier  zahlreiche  Muschelkalk-Versteinerungen ,  deren  Liste 
Daubree  (1.  c.  pag.  114  u.  115)  angiebt. 

Wenn  wir  die  Reihe  der  vorgeführten  Sandstein  -  Ablage- 
rungen überblicken,  so  lenken  wir  die  Aufmerksamkeit  beson- 
ders darauf,  dass  in  petrographischer  Hinsicht  keine  scharfe 
Grenze  zwischen  dem  Vogesen  -  und  Voltzien  -  Sandstein  ge- 
zogen werden  kann:  der  Uebergang  aus  dem  einen  in  den  an- 
deren geschieht  ganz  allmählich  in  den  unteren  Höhen  des 
Voltzien  -  Sandsteins.  Denn  auch  der  Conglomerat  -  Horizont 
bildet  nur  eine  künstliche  Grenze  ,  da  er  ohne  eine  Umände- 
rung in  der  ununterbrochenen  Folge  der  Sandsteine  zu  be- 
wirken sich  accessorisch  und  fast  zufällig  gerade  an  dieser 
Stelle  einfügt.  Trotzdem  bedingte  bisher  nur  der  petrogra- 
phische  Umschwung  des  glitzernden  Quarzkornes  in  die  fein- 
körnigen Thonsandsteine  die  Grenze  zwischen  beiden  Sand- 
steinen. Die  Folge  davon  war,  dass  diese  Grenze  in  einem 
Spielraum  von  etwa  100  JVJ.  Höhe  hin  und  her  schwankte  und 
im  einzelnen  Falle  durch  die  stratigraphische  Lagerung  ent- 
schieden wurde:  so  kam  es,  dass  durch  den  Zeitpunkt  der 
Hebung  der  Schwarzwald  -  Vogesen  die  beiden  petrographisch 
untrennbaren  Sandsteine  getrennt,  der  Zeitpunkt  der  Hebung 
aber  durch  die  petrographische  Grenze  beider  Ablagerungen 
bestimmt  werden  sollte.  Ohne  diesen  Cirkelschluss  zu  be- 
merken, berief  man  sich  bald  auf  die  eine  bald  auf  die  andere 
Ursache  der  Grenzbestimmung,  obwohl  doch  die  eine  genau 
ebenso  unsicher  war,  als  die  andere,  weil  sie  gegenseitig  von 
einander  abhingen. 

Ebensowenig  wie  die  Lithologie  giebt  die  Stratigraphie 
der  Sandsteine  der  Vogesen  einen  Grund  für  die  Trennung 
des  Vogesen-  und  Voltzien-Sandsteins  ab,  obgleich  gerade  ihre 
eigentümliche  Lagerung  die  erste  Ursache  zur  Aufstellung  der 
, Revolution  du  Systeme  de  Rhin4'  war.  Elie  de  Beaumont 
erkannte  nämlich  als  der  erste  die  Existenz  zweier  grossen 
Verwerfungen  am  Ostfusse  der  Vogesen  und  am  Westfusse 
des   Schwarzwaldes.      Er  glaubte   aber,    diese  Verwerfungen 

7* 


100 


seien  —  zugleich  mit  der  Hebung  der  Gebirge  —  entstanden 
vor  der  Ablagerung  des  Voltzien-Sandsteins,  weil  der  Vogesen- 
Sandstein  allein  den  Abhang  der  Gebirge,  die  jüngeren  For- 
mationen nur  die  Hügelketten  am  Fusse  derselben  consti- 
tuirten.*)  Ganz  abgesehen  davon,  dass  bei  dieser  Annahme 
die  Wirkungen  der  Denudation  vernachlässigt  werden  —  denn 
die  Atmosphärilien  würden  seit  den  Zeiten  der  Trias  ver- 
gebens an  der  Zerstörung  des  Vogesen  -  Sandsteins  gearbeitet 
haben**)  —  streitet  augenfällig  gegen  diese  Theorie  der  Um- 
stand, dass  die  jüngeren  Formationen  den  Vogesen-Sandstein 
überall  ccncordant  überlagern  und  ferner  auch  auf  der  Höhe 
des  Gebirges  bedecken. 

Betrachten  wir  die  (Fig.  3.  4.  5.  7.  8.  9.  10.)  durch  ver- 
schiedene Gegenden  der  Vogesen  gelegten  Profile ,  so  sehen 
wir,  dass  der  Voltzien-Sandstein  und  die  folgenden  Formationen 
den  Vogesen-Sandstein  concordant  überlagern.  Dieselbe  That- 
sache  beweisen  alle  in  den  betreffenden  Werken  gezeichneten 
Profile  sowohl  der  Vogesen  wie  des  Schwarzwaldes.  Wenn 
wir  dennoch  vom  Gegentheil  sprechen  hören,  und  sogar  in 
den  Handbüchern  von  Naumann  (Geognosie  II.  pag.  744)  und 
Alberti  (Trias  1864  pag.  4)  von  der  Discordanz  des  Voltzien- 
auf  dem  Vogesen-Sandstein  lesen,  so  ist  dies  nur  dem  Ein- 
flüsse Elie  de  Beaumont's  zuzuschreiben ;  er  brauchte  diese 
Discordanz  zur  Stütze  seiner  , Revolution  du  Systeme  du  Rhin", 
deshalb   war   er  der  erste,   welcher  von  ihr  sprach:   le  gres 


*)  Elie  de  BbaumoiNT,  Explic.  tome  I.  pag.  398:  ,,cette  raerae  falaise 
(du  bord  oriental  qui  cötoie  la  plaine  du  Rhin)  a  domine  de  presque 
toute  sa  hauteur  actuelle  la  nappe  d'eau  sous  laquelle  se  sont  deposes  le 
gres  bigarre  (Voltzien-Sandstein)  et  le  muschelkalk"  und  an  anderen 
Orten.  Die  französischen  Geologen  folgten  ihm  in  dieser  Ansicht  ohne 
Ausnahme;  ebenso  Sandbergek  in  seiner  Beschreibung  der  Umgebung 
von  Baden-Baden. 

**)  Sandb erger  (1,  c.  pag.  21  u.  22)  vergisst  auch  die  Wirkungen 
der  Denudation,  wenn  er  nach  seinem  Profil  vom  Hardtberge  sagt :  „die 
unterste  Schicht  an  diesem  Berge  ist  dieselbe,  welche  oben  auf  der  Spitze 
des  gegenüberliegenden  Fremcrsberges  Hegt ;  nach  der  Ablagerung  dieser 
Schicht  geschah  die  grosse  Hebung  des  Schwarzwaldes  und  mit  ihm  des 
Fremersberges."  —  Daraus  folgt,  dass  die  oberste  Scbicht  des  Fremers- 
berges  niemals  seit  der  Triaszeit  von  den  Atmosphärilien  denudirt  worden 
ist,  denn  sie  nimmt  noch  heutigen  Tages  dieselbe  Stelle  ein,  welche  sie 
damals  zur  Zeit  der  Hebung  des  Schwarzwaldes  erhalten  hatte. 


101 

bigarre  (Voltzien  -  Sandstein)  parait  reposer  ä  stratification 
discordante  sur  le  gres  des  Vosges"  (Annal.  des  Mines  1827 
pag.  435).  Trotzdem  beweisen  alle  Profile  Elie  de  Beaümont's, 
wie  aller  seiner  Nachfolger,  gerade  das  Gegentheil ;  selbst  in 
seinem  Diagramm  der  Lagerung  der  Trias  (Fig.  1)  liegen  die 
drei  Formationen  concordant  übereinander.*)  Wie  sollte  es 
auch  möglich  sein ,  eine  Discordanz  nachzuweisen  zwischen 
zwei  Ablagerungen,  welche  nicht  durch  eine  bestimmte  Grenze, 
sondern  durch  ein  mächtiges  Schiebteusystem  getrennt  sind. 
Nur  ein  einziges  Mal  zeichnet  Elie  de  Beaümont  ein  discor- 
dantes  Profil  (Fig.  6),  das  er  im  Chausseegraben  zwischen 
Forbach  nnd  Saargemünd  aufgenommen  hat.**)  Abgesehen 
davon  ,  dass  dieser  Ort  ausserhalb  des  Hebungssystems  der 
Schwarzwald- Vogesen  liegt,  und  dass  die  Grenzbestimmung 
zwischen  Vogesen-  und  Voltzien  -  Sandstein  hier  wie  überall 
eine  beliebige  ist,  darf  der  Thatsache  gegenüber,  dass  im 
übrigen  südwestlichen  Deutschland  noch  niemals  eine  solche 
Discordanz  nachgewiesen  worden  ist,  auf  diese  einzelne  Beob- 
achtung kein  Werth  gelegt  werden. 

Die  Concordanz  der  Lagerung  aber  von  Vogesen-  und 
Voltzien-Sandstein  spricht  selbst  am  meisten  dagegen,  dass  die 
Hebung  der  Schwarzwald-Vogesen,  die  Entstehung  der  Rhein- 
spalte und  die  Bildung  der  Verwerfungen  zwischen  beiden 
Ablagerungen  erfolgt  sei. 

Ferner  überlagern  die  jüngeren  Formationen  in  der  That 
den  Vogesen  -  Sandstein  auf  der  Höhe  der  Gebirge  sowohl  in 
den  Vogesen  wie  im  Schwarzwalde:  concordant  ruhen  sie  über 
dem  Rothliegenden  und  dem  Vogesen-Sandstein  und  fallen  mit 
derselben  geringen  Neigung,  wie  diese  nach  Westen  vom 
Kamme  der  Vogesen,  nach  Osten  von  dem  des  Schwarzwaldes 
unter  die  Jurabildungen  ein;  sie  sind  also  mit  dem  Vogesen- 


*)  Daher  sagt  Eue  de  Beaümont  selbst  einmal  in  der  Explication 
tom.  12  pag.  12:  le  gros  bigarre  repose,  en  general ,  sur  le  gres  des 
Vosges  a  stratification  concordant e. 

**)  Dieses  Profil  hat  Eme  de  Beaümont  zuerst  in  den  Ann.  des  Mines 
18:<£7  pl.  I.  f.  5.  abgebildet,  dann  wiederholt  in  der  Explic.  tom.  II. 
pag.  15.  Die  Zwischenschicht  mit  Dolomitknollen  fehlt  in  den  Vogesen; 
tritt  aber  nach  Jacqüot  (1,  c.  pag.  126)  überall  im  departem.  de  la 
Moselle  auf. 


102 


Sandstein  gehoben ,  nicht  nach  dessen  Hebung  am  Fusse  des- 
selben abgelagert. 

Allerdings  fehlt  der  Voltzien  -  Sandstein  auf  dem  System 
der  Beleben,  der  höchsten  Vogesen-Erhebung.  Wenn  man  aber 
sieht,  wie  schon  der  Vogesen  -  Sandstein  auf  diesem  System 
nur  in  kleinen  Kuppen  und  Spitzen  erhalten  ist,  so  kann  man 
sich  nicht  wundern,  dass  der  viel  weichere  und  leichter  zer- 
störbare Voltzien- Sandstein  durch  die  Wirkungen  der  Denu- 
dation über  demselben  verschwunden  ist.  Werden  doch  auch 
bald  die  wenigen  Reste  des  Vogesen  -  Sandsteins  auf  dem 
Belchen  -  System  der  Zerstörung  erlegen  sein,  wie  man  schon 
jetzt  an  den  grossen  Schutthalden,  welche  diese  letzten  Kup- 
pen umlagern,  die  Stärke  der  Denudation  ermessen  kann. 
Aber  in  den  übrigen  Theilen  des  Gebirges,  wo  auch  die  Decke 
des  Vogesen-Sandsteins  zusammenhängender  ist,  breiten  sich 
die  jüngeren  Formationen  überall  concordant  über  denselben 
aus.  Au  dem  Profil  Figur  5 ,  welches  bis  an  den  Fuss  des 
kleinen  Gebweiler  Belchen  vordringt,  kann  man  sehen,  wie 
selbst  mitten  im  höchsten  Theile  des  Gebirges  noch  Reste  der 
alten  Bedeckung  durch  die  jüngeren  Formationen  der  zerstö- 
renden Wirkung  der  Denudation  entgangen  sind:  denn  vom 
Vogesen  -  Sandstein  hinauf  durch  den  Voltzien  -  Sandstein ,  den 
Muschelkalk  und  Keuper  bis  zum  Lias  siud  Schichten  dieser 
Formationen  in  regelmässiger  concordanter  Ueberlagerung  auf 
dem  Granit  des  Grundgebirges  zurückgeblieben. 

Im  nördlichen  Theile  der  Vogesen  (Profil  Fig.  3)  bedecken 
die  jüngeren  Formationen  über  dem  Vogeeen  -  Sandstein  selbst 
den  Kamm  des  Gebirges:  nach  Westen  fallen  sie  concordant 
übereinander  unter  die  Juraformation  der  lothringischen  Hoch- 
ebene ein ,  am  Ostabhange  sind  sie  an  der  Verwerfung  her- 
untergebrochen und  bilden  hier  in  dem  Hügellande  von  Zabern 
und  Wörth  in  ebenso  concordanter  Ueberlagerung  des  Vogesen- 
Sandsteins  eine  Vorstufe  des  Gebirges,  dessen  tiefster  Absturz 
erst  weiter  nach  Osten  in  der  Rheinebene  auf  der  Linie 
Barr-Weissenburg  liegt. 

Im  mittleren  Theile  des  Gebirges,  im  Gebiete  der  Breusch 
(Profil  Fig.  4),  würde  es  wohl  am  schwierigsten  sein,  die  Wir- 
kungen einer  Gebirgshebung  nach  der  Ablagerung  des  Vogesen- 
Sandsteins  nachzuweisen.  Denn  trotz  der  vielen  Verwerfungen 
überlagern    hier  die  jüngeren  Formationen  überall  concordant 


103 


den  Vogesen  -  Sandstein.  Denselben  Conglomerat  -  Horizont, 
welchen  wir  auf  der  Spitze  des  Schneeberges  in  einer  Höhe 
von  963  M.  antreffen ,  finden  wir  wieder  am  Fusse  desselben 
in  den  Vorbergen  von  Mutzig,  concordant  überlagert  vom 
Voltzien-Sandstein ,  Muschelkalk  und  Keuper. 

Es  dürfte  demnach  wohl  aus  allen  angeführten  Thatsacben 
die  Ansicht  hervorgehen,  dass  sowohl  die  auf  den  äusseren 
Abdachungen  der  Vogesen  und  des  Schwarzwaldes,  als  die  in 
der  Rheinebene  liegenden  Schichten  der  Trias  und  des  Jura 
nur  Reste  sind  von  den  durch  eine  nachjurassische  Hebung 
der  Schwarzwald-Vogeseu  zerrissenen  Formationen ,  und  dass 
vor  diesem  Zeitpunkte  diese  Ablagerungen  über  den  ganzen 
Raum  des  südwestlichen  Deutschlands  in  concordanter  Lage- 
rung und  in  ununterbrochener  Reihenfolge  ausgebreitet  lagen. 


104 


7.  Die  granitischcn  Gänge  des  sächsischen  Granulit- 
gebirges. 

Eine  Studie  auf  dem  Gebiete  genetischer  Geologie 
von  Herrn  Hermann  Credner  in  Leipzig. 

Hierzu  Tafel  VII. 

Dasjenige  Areal,  mit  dessen  Durchforschung  und  karto- 
graphischer Aufnahrae  sich  die  geologische  Landesuntersuchung 
von  Sachsen  seit  etwa  einem  Jahre  beschäftigt,  ist  das  Gra- 
nulitgebirge  und  seine  Umgebung.  Zahlreiche  Touren 
durch  dieses  hochinteressante  Gebiet  boten  auch  mir  Gelegen- 
heit, neben  der  Verfolgung  meines  auf  allgemeine  Orientirung 
gerichteten  Hauptzweckes  eine  Reihe  von  Beobachtungen  an- 
zustellen. Namentlich  waren  es  die  granitischen  Gänge, 
welche  das  Granulitgebirge  in  ausserordentlicher  Anzahl  durch- 
schwärmen, die  eine  bedeutende  Anziehungskraft  auf  mich  aus- 
übten. Die  eingehende  Schilderung  dieser  Ganggebilde  ist  das 
Thema  der  folgenden  Abhandlung. 

Abgesehen  von  den  Zügen  des  sogenannten  Mittweida'er 
Granites,  setzen  in  den  petrographisch  zum  Theil  sehr  verschie- 
denartigen Gliedern  der  sächsischen  Granulitformation  auf : 

1.  Gänge  vom  Quarz,  Kaligliinmer  und  Turmaliu  im 
Cordieritgueiss. 

Die  Thalgehänge  der  Mulde  zwischen  dem  Göhrener  Via- 
duct  und  dem  Städtchen  Lunzenau  werden  von  Tordieritgneiss 
gebildet,  welcher  von  seiner  Oberfläche  aus  bis  zu  beträcht- 
licher Tiefe  verwittert  und  in  seiner  unveränderten  Gestalt  erst 
neuerdings  durch  die  Eisenbahneinschnitte  der  Muldethalbahn 
blossgelegt  worden  ist.  Der  Cordierit  ist  in  dem  dort  auf- 
geschlossenen Gesteine  so  reichlich  enthalten  ,  dass  die  durch 
Sprengungen    neu    geschaffenen    Felswände    und  gewaltigen 


105 


Trümmerhalden  schon  von  ferne  durch  ihre  blaugraue  Farbe 
auffallen.  Sie  sind  es,  welche  vielen  Mitgliedern  der  Deutschen 
geologischen  Gesellschaft  von  unserer  gemeinsamen  Excursion 
im  Anfang  September  1874  in  Erinnerung  geblieben  sein 
werden. 

Der  petrographische  Charakter  dieses  Cordieritgneisses  ist 
bekannt,  nur  muss  nochmals  betont  werden,  dass  der  neben 
Orthoklas,  Cordierit  und  Quarz  auftretende  Glimmer  in  dem 
frischen  Gesteine  stets  schwarzer  Magnesiaglimmer  ist. 

Die  eingetretene  Verwitterung  hat  das  Gestein  zerklüftet 
und  seine  ursprünglich  schön  blaugraue  Farbe  mit  einer 
schmutzig  braunen,  grünlich  gefleckten  vertauscht,  hat  den 
Feldspath  mürbe  und  erdig  gemacht,  dadurch  der  ganzen  ober- 
flächlichen Gesteinsmasse  ihre  Festigkeit  genommen,  und  den 
Cordierit  anscheinend  ganz  aufgezehrt,  aus  wel- 
chem nun  Glimm  erschüppchen  von  weisser  oder  grün- 
lichgrauer Farbe  hervorgegangen  sind,  die  das  Gestein  in  dün- 
nen Membranen  durchziehen,  schuppige  Partieen  oder  blätte- 
rige Trümer  bilden  oder  endlich  in  einzelnen  Blättchen  wirr 
zwischen  den  übrigen  Gesteinsbestandtheilen  eingelagert  sind. 
Ein  zweites  Zersetzungsproduct  ist  Eis  en  ox  yd  hy  drat,  wel- 
ches sich  überall  in  dem  verwitterten  Gesteine  in  Form  zarter 
Incrustate  von  gelber  oder  brauner  Farbe  ausgeschieden  hat 
und  die  bereits  hervorgehobene  schmutzigbraune  Färbung  des 
aus  der  Verwitterung  hervorgehenden  Gesteins  bedingt. 

Nach  einzelnen  Individuen  von  Cordierit  sind  Pseudo- 
morphosen  von  Glimmer  längst  bekannt.  An  den  Lunzenauer 
Cordieritgneissen  aber  sehen  wir  ganze  Gebirgsmassen 
von  diesem  Zersetzungs-  und  Neubildungsprozesse  ergriffen, 
sehen  das  Ausgehende  stundenlanger  Gesteinszüge  im  Zustande 
dieser  pseudomorphosirenden  Verwitterung.*)  Die  Bildung  des 
Kaliglimmers  geschieht  dabei  auf  Kosten  der  beiden  Haupt- 
gemengtheile  des  Cordieritgneisses,  indem  die  Zersetzung  des 
Orthoklases  das  kieselsaure  Kali,  diejenige  des  Cordierits  die 
kieselsaure  Thonerde  lieferte,  welche  zu  Kaliglimmer  zusammen- 
traten. Eisenoxydul  aber  und  Magnesia  wurden  gleichzeitig 
als  Carbonate  weggeführt,  von  denen  jedoch  ersteres  bald 
wieder  als  Eisenoxydhydrat  zur  Ausscheidung  gelangte. 


*)  Siehe  auch  v.  La?aulx,  N.  Jahrb.  IST^.  pag.  834. 


106 


Recht  interessant,  wenn  auch  nur  Bekanntes  bestätigend, 
sind  die  mikroskopischen  Erscheinungen,  welche  der  Spaltung 
des  Cordierits  in  Thonerdesilicat  und  Magnesiacarbonat ,  sowie 
der  Verbindung  des  ersteren  mit  Kalisilicat  vorausgingen.  Unter 
dem  Mikroskop  erweisen  sich  die  grossen  wasserhellen  Cor- 
dieritkörner  unseres  Gneisses  ausserordentlich  reich  an  den  farb- 
losen,  schlanksäulen-  oder  nadeiförmigen  Mikrolithen,  welche 
Zirkel  und  y.  Lasaulx*)  eingehend  beschrieben  haben.  Sie 
bilden  wirre,  oft  filzige  Haufen  oder  stromartig  sich  windende 
Nadelguirlanden  in  der  Cordieritmasse.  Unabhängig  von  ihnen 
stellt  sich  nun  jene  von  Zirkel,  neuerdings  von  Wichmann 
an  Cordieriten  von  Haddam  in  Connecticut**)  geschilderte 
Aederung  des  klaren  Minerals  durch  ein  sich  mehr  und  mehr 
ausbreitendes  Netzwerk  von  schmalen  ,  sich  kreuzenden  Zer- 
setzungszonen ein,  welche  sich  auf  Kosten  der  in  ihren  Maschen 
liegenden  frischen  Cordieritbrocken  immer  mehr  verbreitern 
und  zuletzt  das  gesammte  Cordieritkorn  in  eine  Substanz  von 
grünlichgelber  Farbe,  in  C h  1  o ro p h yl Ii t,  umwandeln.  Diese 
Pseudomorphose  besteht  in  der  Aufnahme  von  Wasser  von 
Seiten  des  Cordierits  und  repräsentirt  eins  seiner  Uebergangs- 
stadien  in  Kaliglimmer.  In  diesem  Chloropbyllit  stellen  sich 
nun  ohne  jede  weitere  Uebergänge  als  Endproduct  des  Um- 
wandlungsprocesses  lichte  Tafeln  von  Glimmer  ein.  Auch 
Wichmann ,  der  zuletzt  die  Pseudomorphosen  des  Cordierits 
mikroskopisch  untersuchte,  gelang  es  nicht,  den  allmäligen 
Uebergang  des  Chlorophyllits  in  Glimmer  zu  beobachten. 

Als  Endresultat  dieses  ganzen  schliesslich  auf  Erzeugung 
von  Glimmer  gerichteten  Vorganges  sieht  man  das  Ausgehende 
des  Cordieritgneisses  bis  zur  Tiefe  von  mehreren  Metern  in 
ein  verworren-schuppiges,  kurzflaseriges  Gestein  umgewandelt, 
welches  einem  im  Zustande  der  Verwitterung  begriffenen 
Glimmergneiss  gleicht,  und  welchem  der  Nichteingeweihte  kaum 
seine  Abstammung  von  Cordieritgneiss  ansehen  dürfte.  Zu- 
weilen erhalten  sich  grössere  rundliche  Blöcke  in  verhältniss- 
mässig  frischem  Zustande  innerhalb  des  glimmerreichen  Zer- 


*)  Siehe  Zirkel,  Mikrosk.  Beschaff,  d.  Min.  pag.  209;  v.  Lasaulx, 
N.  Jahrb.  1872.  'pag.  831. 

**)  Diese  Zeitschr.  1874.  pag.  680.  —  Zihkkl,  Mikrosk.  Beschaff, 
pag.  211. 


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setzungsproductes.  Da  nun  dieses  letztere  durch  vollständige 
Verwesung  des  Orthoklases  zu  Grus  zerfällt  und  von  den 
Tagewassern  weggeführt  wird ,  so  entstehen  ,  ähnlich  wie  bei 
der  Verwitterung  des  Granits,  freiliegende  aufeinander  gethürmte, 
wollsackartige  Blöcke  und  felsenmeerartige  Blockanhäufungen, 
wie  sie  für  die  Cordieritgneiss  -  Regionen  des  sächsischen 
Granulitgebietes,  im  Gegensatze  zu  den  scharfkantigen,  schroffen 
Felsbildungen  des  Granulits  so  charakteristisch  sind  und  z.  B. 
im  Thale  der  Chemnitz  bei  Schweizerthal  und  in  dem  der 
Mulde  zwischen  Rochsburg  und  Göhrener  Brücke  auftreten. 
Kein  Punkt  aber  des  gesammten  Granulitgebirges  liefert  eine 
deutlichere  Illustration  der  in  Folge  der  Verwitterung  eintre- 
tenden Wollsackbildung  des  Cordieritgneisses  als  der  Galgen- 
berg bei  Mitweida.  Der  Scheitel  dieser  flachen  Erhebung  ist 
gekrönt  von  einem  kühnen  Haufwerk  gewaltiger  rundlicher 
Blöcke  von  ausserordentlich  festem  und  zähem  Cordierit- 
fels,  an  ihren  Abhängen  aber,  da  wo  das  stattliche  Tech- 
nicum  sich  erhebt,  ist  ein  mürbes,  ja  mit  der  Hand  zerreib- 
liches  Gestein  aufgeschlossen ,  das  sich  durch  seinen  ganzen 
Habitus,  seinen  geringen  Zusammenhalt,  seinen  Reichthum  an 
ockerigem  Eisenoxydhydrat  direct  als  ein  Zersetzungsproduct 
ausweist.  Es  besteht  aus  sehr  viel  Glimmer,  sowie  Schmitzen 
und  Körnern  von  Quarz  und  Eisenoxydhydrat,  hat  eine  schief- 
rige  Structur  und  ist  augenscheinlich  die  nämliche  Masse,  in 
welche  am  Göhrener  Viaduct  der  Cordieritgneiss  an  seiner 
Oberfläche  zersetzt  ist.  Und  in  der  That  liegen  in  ihr  am 
Fusse  des  Galgenberges  kleine  Knollen  und  grosse  Blöcke 
von  noch  unzersetztem  festem  Cordieritfels  umschlossen.  Wie 
heut  noch  die  Gehänge  und  der  Fuss,  so  bestand  früher  auch 
der  Gipfel  des  Galgenberges  aus  solchen  mulmigen  Zersetzungs- 
producten  mit  einzelnen  noch  frischen  Blöcken.  Durch  die 
mechanische  Thätigkeit  der  atmosphärischen  Wasser  aber, 
wurden  erstere  allmälig  entfernt,  während  die  Blöcke  zurück- 
blieben und  nach  Wegführung  des  sie  bis  dahin  trennenden 
losen  Gruses  und  Mulmes  zu  jenen  auffälligen  Haufwerken 
wurden. 

Den  erst  besprochenen,  z.  Th.  verwitterten  Cordieritgneiss 
von  Lunzenau  durchziehen  regellos  und  in  ziemlich  weiten 
Abständen  Klüfte.  In  nehmlicher  Weise  nun  wie  in  der  ver- 
witterten Gesteinsmasse  selbst  an  Stelle,  des  durch  Zersetzung 


108 


theilweise  entfernten  Cordierits  und  Orthoklases:  Kaliglimmer, 
Eisenocker  und  Quarz  zur  Ausbildung  gelangten,  haben  sich 
diese  und  andere  Zersetzungsproducte  des  der  Verwesung  ver- 
fallenen Gesteins  in  jenen  Spalten  angesiedelt,  haben  diese 
ganz  oder  theilweise  ausgefällt  und  zu  M  i  n  eral  g  ä  n  ge  n  um- 
gestaltet, die  eine  weitläuftige  wirre  Durchäderung  des  Cor- 
dieritgneisses  bewirken  und  ohne  an  dessen  vollkommen  zer- 
setztes Ausgehende  gebunden  zu  sein ,  in  das  anscheinend 
vollständig  frische  Gestein  fortsetzen. 

Diese  Gänge  besitzen  der  Natur  ihrer  Entstehung  nach 
einen  sehr  unregelmässigen  Verlauf  und  eine  sehr  schwankende 
Mächtigkeit.  Es  sind  schmale  Trümer  von  2 — 5  Cm.  Dicke, 
welche  sich  zu  25  bis  35  Cm.  Mächtigkeit  aufblähen  können, 
sich  auch  wohl  hier  und  da  verzweigen  und  dort,  wo  sie  sich 
zu  mehreren  treffen,  ein  unregelmässiges  Nest  bilden. 

Die  Hauptausfüllungsmasse  dieser  Gänge  ist  Kaliglimmer 
und  Quarz,  ihnen  gesellt  sich  Eisenoxyd  und  Turmalin  zu. 
Die  Vergesellschaftung,  die  Wachsthumsverhältnisse  dieser 
Mineralien  bieten  manches  Interessante. 

In  vielen  Fällen  und  zwar  namentlich  bei  weniger  mäch- 
tigen Trümern  bildet  Kaliglimmer,  ein  blätteriges  Aggregat 
von  wirren  oder  büschelig- strahlig  verwachsenen  Individuen, 
das  ausschliessliche  Gangmineral ,  mit  dessen  weissen  oder 
gelblichen  Blättern  sich  nur  hier  und  da  ein  Bündel  von  Tur- 
malinsäulen,  oder  einige  Tafeln  von  schwarzem  Magnesia- 
glimmer, sowie  Körner  von  Quarz  verwachsen  zeigen,  in  den 
meisten  Gängen  aber  gesellt  sich  Quarz  und  Eisenoxyd  in 
sehr  beträchtlicher  Menge  dem  Glimmer  zu.  In  der  Art  und 
Weise  der  Aggregation  dieser  drei  Mineralien  herrscht  jedoch 
wiederum  sehr  grosse  Verschiedenheit.  In  manchen  Fällen 
liegen  die  hellen  Glimmertafeln  wirr  und  ungeordnet  durch- 
einander, so  dass  zwischen  ihnen  kleine  eckige  Hohlräume 
offen  bleiben  und  ein  nur  wenig  compactes  zelliges  Aggregat 
entsteht.  Alle  diese  Hohlräume  sind  nun  drusig  ausgekleidet 
oder  fast  vollständig  ausgefüllt  von  einer  Unzahl  meist  nur 
einige  Millimeter  grosser,  trüber,  bräunlich  rother  Quarz- 
kryställchen.  Sie  sind  sämmtlich  langsäulenrörmig  ausgebildet, 
tragen  an  beiden  Enden  Pyramidenflächen  und  liegen  entweder 
kreuz  und  quer  durcheinander,  wie  auf  einen  Haufen  geworfene 
Scheite  Holz,  oder  bilden  stachelige  Büschel  und  kettenförmige 


109 


Reihen.  Turmalin  in  schwarzen  Strahlenbündeln  tritt  zuweilen 
mit  Glimmer  und  Quarz  in  Vergesellschaftung.  Sie  alle  sind 
schliesslich  bedeckt  von  einem  Ueberzug  von  ockerigem  Eisen- 
oxyd.  Dieses  ist  es  zugleich,  welches  die  nur  lose  verbun- 
denen Gemengtheile  des  Quarz-Glimmer- Aggregats  verkittet. 

In  anderen  der  dortigen  Gänge  waltet  nicht  der  Kali- 
glimmer, sondern  der  Quarz  vor.  Dieser  ist  dann  grob- 
splitterig,  derb,  glasig,  milchweiss  und  umfasst  in  der  Centrai- 
zone des  Ganges  nicht  selten  parallel  den  Gangwandungen 
gestellte  Bündel  von  schwarzen  Turmalinsäulen,  während  sich 
an  den  Salbändern,  oder  wenigstens  an  einem  derselben  ein 
schuppig-blätteriges  Aggregat  von  weissem  Kaliglimmer  ein- 
stellt. Diese  symmetrische  Anordnung  der  Gangmineralien 
gestaltet  sich  in  manchen,  wenn  auch  weniger  häufigen  Fällen 
fast  so  deutlich  wie  in  den  ähnlichen  zinnsteinführenden  Quarz- 
Giimmergängen  von  Zinnwald.  Wie  dort  sind  auch  an  der 
von  uns  besprochenen  Localität  die  beiderseitigen  Salband- 
zonen zuweilen  ausschliesslich  von  rechtwinklig  auf  den  Gang- 
grenzflächen stehenden  lichtgrauen  Glimmerblättern  zusammen- 
gesetzt, während  der  mittlere  Theil  des  Ganges  nur  weissen 
Quarz  enthält. 

Diesen  sämmtlichen  Gängen  des  Cordieritgneisses  von 
Lunzenau  ist  die  Neigung  zur  Drusenbildung  gemeinsam,  eine 
ganz  naturgemässe  Erscheinung,  wenn  man  in  Erwägung  zieht, 
dass  sie  ins  Gesammt  durch  allmälige  Auskrystallisirung  ihrer 
mineralischen  Bestandtheile  von  den  Salbändern  aus  zuge- 
wachsen sind  und  dass  an  Stellen,  wo  die  Spalten  sich  aus- 
dehnen und  der  Stoff  zur  Ausfüllung  nicht  hinreichte,  Hohl- 
räume offen  bleiben  mussten,  deren  Wandungen  die  Krystall- 
enden  der  im  Wachsthum  begriffenen  Gangmineralien  bildeten. 
Wie  aus  Obigem  hervorgeht,  sind  dies  Quarz,  Kaliglimmer 
und  Turmalin. 

Vom  Quarz  dieser  Drusen  ist  nichts  weiter  zu  bemerken, 
als  dass  er  trübe,  von  einer  röthlichen  Eisenoxydhaut  über- 
zogen ist  und  nur  die  gewöhnlichsten  Formen,  aber  keine 
Rhomben-  und  Trapezflächen  aufzuweisen  hat.  Seine  Krystalle 
stehen  nicht  alle  senkrecht  auf  den  Seitenwandungeu  der 
spaltenförmigen  Drusen ,  sondern  sitzen  z.  Th.  in  deren 
Hintergründe  fest  und  ziehen  sich  den  seitlichen  Wänden  fast 
parallel  der  Länge  nach  durch  den  Drusenraum.    Dann  ist  die 


HO 


Pyramidenspitze  gewöhnlich  zu  einer  Kante  verzogen ,  womit 
eine  tafelförmige  Verzerruug  Hand  in  Hand  geht.  Die  brei- 
teren Säulenflächen  und  die  aus  der  Spitze  hervorgehende 
Kante  stehen  dann  meist  parallel  der  Längserstreckung  der 
Drusenspalte.  Von  allen  drei  Gangmineralien  ist  augenschein- 
lich der  Turmalin  zuletzt  zur  Ausbildung  gelangt,  indem  seine 
säulig-büscheligen  Aggregate  die  aus  den  Wandungen  hervor- 
ragenden Krystallenden  verbinden. 

Interessanter  als  diese  offenen  Drusenräume  sind  die 
von  losen  Krystallen  und  Krystalls  chutt  ausge- 
füllten, meterlangen  Ausweitungen  einzelner  jener 
Gänge.  Auch  sie  sind  früher  nichts  anderes  gewesen  als 
grosse  Drusenräume  und  deshalb  wie  diese  ausgekleidet  von 
Glimmer  und  Quarzen,  letztere  im  Vergleiche  mit  den  übrigen 
kaum  zollgrossen  Vorkommnissen  von  sehr  bedeutenden  Di- 
mensionen; besassen  doch  manche  der  herausgebrochenen  Indi- 
viduen bei  einer  Breite  von  15,  eine  Länge  von  20  Cm. 
x^uch  ihre  Krystallgestalt  beschränkt  sich  auf  die  Ausbildung 
von  Säule  und  Pyramide,  wobei  sich  ebenfalls  die  oben  er- 
wähnte tafelartige  Verzerrung  in  der  Richtuug  der  Drusenspalte 
einstellen  kann.  Auffällig  ist  der  ausserordentlich  geringe 
Zusammenhang  dieser  grossen  Quarze  mit  den  Drusenwan- 
dungen und  er  erklärt  es,  dass  die  Krystalle  bei  fortgesetzter 
Gewichtszunahme  oder  in  Folge  von  Erschütterungen,  denen 
das  Nebengestein  ausgesetzt  war,  sich  loslösen,  herabstürzen 
und  sich  auf  dem  Boden  der  Weitungen  anhäufen  konnten. 
So  ist  denn  der  eigentliche  Drusenraum  innerhalb  derartiger 
linsenförmiger  Erweiterungen  der  Quarz  -  Glimmer  -  Gänge  zum 
grossen  Theil  ausgefüllt  von  einem  wirren  ,  vollkommen  losen 
Haufwerk  von  Quarzen,  Glimmertafeln,  Turmalinfragmenten 
und  Eisenrahm, so  lose,  dass  man  es  ohne  Mühe  mit  der  Hand 
aus  den  Drusen  auszuräumen  vermochte. 

Die  Quarze  walten  in  ihm  vor.  Unter  ihnen  muss  man 
unterscheiden  1)  grosse,  von  den  Wandungen  herabgefallene, 
wohlerhalteue  Krystalle,  2)  ganz  frische  und  ältere  aus  deren 
Lostrennung  und  Herabsturz  entstandene  Scherben,  3)  kleine, 
nur  wenige  Millimeter  grosse,  meist  allseitig  ausgebildete,  erst 
innerhalb  des  schüttigen  Haufwerks  selbst  entstandene  Kry- 
ställchen.  Die  erstgenannten  erreichen  5  — 10  Cm.  Länge,  sind 
stets  von  Eisenrahm  überzogen  und  haben  deshalb  zwar  ebene, 


aber  matte  Flächen,  die  sich  natürlich  wiederum  auf  diejenigen 
von  Säule  und  Pyramide  beschränken.  Die  Combiuations- 
kanten  der  beiden  letzteren  sind  zuweilen  durch  eine  spitzere 
Pyramide  abgestumpft.  Die  einzige  Abwechselung  besteht  in 
der  nicht  seltenen  ungleichwerthigen  Ausbildung  der  beiden 
Rhomboeder  oder  in  der  tafelartigen  Verzerrung  der  Säule. 
Interessant  ist  eine  auch  von  G.  vom  Rath  von  gewissen 
Quarzen  der  Insel  Elba  beschriebene*)  aulfallend  topasartige 
Gestaltung  mancher  Krystalle  unseres  Fundpunktes,  welche 
dadurch  erzeugt  wird,  dass  zwei  parallele  Flächen  des  Prismas 
und  die  entsprechenden  beiden  Pyramidenflächen  fast  vollkom- 
men verschwinden.  An  ihrem  unteren  Ende  tragen  die  Quarz- 
krystalie  Glimmerpartieen  und  Turmalinfragmente,  die  sie  von 
den  Drusenwandungen  mit  losgerissen  haben;  sind  sie  jedoch 
geborsten  und  nur  theilweise  herabgebrochen,  so  sind  die 
Bruchflächen  mit  Neubildungen  von  Quarz  versehen  und  zwar 
entweder  wie  mit  einem  glänzenden  Firniss  überzogen ,  oder 
bereits  von  deutlichen  Anfängen  neuer  Krystallbildungen  be- 
deckt. Letztere  haben  sich  dann  parasitisch  auf  jedem  kleinen 
Vorsprung  des  muscheligen  Bruches  angesiedelt,  dabei  jedoch 
eine  gesetzmässige  vStellung  zu  dem  Mutterkrystall  einnehmend. 
Ist  nämlich  die  Bruchfläche  ungefähr  paral'el  oR,  so  trägt  sie 
mehr  oder  weniger  verzogene  Flächengruppen  ,  welche  solchen 
der  Pyramide  entsprechen  und  bei  fortgesetztem  Wachsthum 
augenscheinlich  das  den  alten  Krystallen  fehlende  Pyramiden- 
Ende  ersetzen  würden.  Ist  jedoch  die  Richtung  der  Bruch- 
fläche mehr  der  Hauptaxe  parallel  oder  läuft  unter  spitzem 
Winkel  durch  diese ,  so  zeigen  sich  der  Horizontalstreifung 
der  intakten  Prismenflächen  entsprechende,  flachleistenförmige 
Ansätze,  welche  sich  wellig-treppenförmig  übereinander  wieder- 
holen können  und  Combinationen  einer  Prismen-  und  einer 
Pyramidenfläche  sind.  Nicht  selten  ist  ferner  die  Erscheinung, 
dass  grosse  zerbrochene  Quarzkrystalle  durch  die  beschrie- 
benen Neubildungen  wieder  verwachsen,  nachdem  sich  die 
Bruchflächen  durch  einen  mehrere  Millimeter  breiten  Riss 
gegeneinander  verschoben  haben. 

Die  neben  solchen  ziemlich  vollständigen  Quarzkrystallen 
vorkommenden   zahlreichen  Quarzscherben  und  -Splitter  sind 


*)  Diese  Zeitschrift  1872.  pag.  650. 


112 


z.  Th.  weiss,  ja  wasserhell  und  dann  so  frisch  und  scharfkantig, 
als  stammten  sie  von  eben  erst  zerschlagenen  Quarzen  ab, 
während  andere,  jedenfalls  viel  älteren  Ursprungs,  durch  einen 
Ueberzug  von  Eisenrahm  braun  gefärbt  und  mit  parasitischen 
Neubildungen  von  Quarz  und  Ansiedelungen  von  Glimmer- 
blättchen  versehen  sind. 

Hat  man  die  grösseren  Krystalle  und  die  Scherben  aus 
dem  Haufwerke  entfernt,  so  bleibt  ein  feiner  Schutt  zurück, 
aus  welchem  zwar  die  glänzenden  Glimmerblättcheu  am  meisten 
hervortreten,  der  jedoch  vorwaltend  von  neu  gebildeten 
kleinen  Quarzkryställchen  zusammengesetzt  wird,  von  denen 
die  grosse  Mehrzahl  nur  wenige  Millimeter  misst  und  aus 
regelmässigen  dünnen  Säulchen  mit  beiderseitiger  Pyramide 
besteht.  Die  bereits  zu  1  —  2  Cm.  Grösse  herangewachsenen 
Krystalle  haben  die  Tendenz,  sich  durch  Ausdehnung  zweier 
paralleler  Prismenflächen  zu  flachen  Tafeln  zu  gestalten. 

Aus  den  oben  beschriebenen  Ansiedelungs  -  und  Aushei- 
lungserscheinungen an  den  grossen  Quarzen,  aus  der  Neubil- 
dung der  kleinen  Quarzkryställchen  geht  hervor,  dass  eine 
constante  Zufuhr  von  Kieselsäuresolution  stattgefunden  hat. 
Aus  dieser  werden  sich  gleichzeitig  mit  der  in  dem  Haufwerke 
vor  sich  gehenden  Quarzausscheidung  auch  an  den  Wandungen 
an  Stelle  der  herabgebrochenen  Krystalle  neue  Quarze  abgesetzt 
haben,  die  bei  fortdauerndem  Wachsthum  wiederum  herab- 
stürzten und  die  Schuttansammlung  auf  dem  Boden  der  Wei- 
tung vergrösserten.  Daraus  erklärt  sich  auch  das  augenschein- 
lich ganz  verschiedene  Alter  der  Krystallfragmente  innerhalb 
dieses  Haufwerkes. 

Dasselbe  besteht  neben  Quarz  aus  Tafeln  und  Schuppen 
von  Kaliglimmer,  aus  Säulenbruchstücken  und  kleinen  büsche- 
ligen Aggregaten  von  schwarzem  Turmalin  und  endlich  sehr 
beträchtlichen  Mengen  von  schuppigem  Eisenoxyd,  also  Eisen- 
rahm. Zugleich  aber  füllt  erdiges  Eisenoxyd  die  dem  Glimmer- 
Quarz-Gang  benachbarten  Klüfte  und  Spalten  aus  und  bildet 
dann  zinnoberrothe  Bestege  und  Trümer,  welche  im  Verein 
mit  den  beschriebeneu  Gängen  den  Cordieritgneiss  des  Mulde- 
thales  durchsetzen. 

Sie  alle  aber  sind  Producte  eines  Zersetzungs-  und  Aus- 
laugungsproeesses  des  Nebengesteins  und  stehen  in  demselben 
Verhältnisse  zu  dem   verwitterten  Cordieritgneissgebirge ,  wie 


113 


die  Glimme*  äderchen,  die  einen  aus  Zersetzung  eines  Cordierit- 
krystalls  hervorgegangenen  Pinit  durchziehen ,  zu  diesem  Mi- 
nerale. Es  sind  grossartige  Wiederholungen  des  nämlichen 
Vorganges,  welchen  Haidinger,  Blüm  und  Bischof  an  den 
Pseudomorphosen  von  Chlorophyllit,  Pinit  und  Glimmer  nach 
Individuen  des  Cordierits  kennen  lehrten,  und  auf  welchen  wir 
bei  Besprechung  derartiger  Pseudomorphosen  in  den  Pegma- 
titen  von  Rochsburg  zurückkommen  werden. 

An  und  für  sich  schon  lehrreich,  beweist  das  beschriebene 
Gangvorkommen  innerhalb  eines  in  Zersetzung  begriffenen 
Gesteins  mit  Bezug  auf  unsere  später  anzustellenden  Betrach- 
tungen über  die  Genesis  der  echten  granitischen  Gänge  im 
Granulitgebirge,  dass:  Quarz,  Kaliglimmer  und  Turma- 
lin,  drei  wesentliche  Bestandteile  dieser  grani- 
tischen  Gange  aus  durch  Zersetzung  einzelner  Ge- 
mengtheile  des  Nebengesteins  entstehender  mi- 
neralischer Solution  innerhalb  Gesteinsspalten 
zu  krystal  Ii  nischer  Ausscheidung  gelangen,  also 
gangförmige  Secretionen  bilden  können. 

2.   Gänge  von  l|uarz  mit  Orthoklas. 

Am  Wege  von  Penig  nach  der  Fabrik  Amerika,  am  rechten 
Ufer  der  Mulde  gegenüber  der  Carlseiche  wird  der  dortige 
typische  Granulit  von  einigen  Quarzgängen  durchsetzt.  Ihre 
Mächtigkeit  ist  nur  unbedeutend  und  beträgt  kaum  mehr  als 
8  Cm.  Sie  bestehen  aus  glasigem,  sprödem,  grobsplitterigem 
Quarz  von  weisser  bis  rauchgrauer  Farbe.  Hier  und  da  stellen 
sich  Drusenräume  ein,  deren  Wandungen  von  den  Pyramiden 
der  augenscheinlich  von  beiden  Salbandflächen  angeschossenen, 
jetzt  aber  nicht  mehr  gesonderten,  vielmehr  zu  einer  homo- 
genen Quarz-Gangmasse  verschmolzenen  Quarzkrystalle  gebildet 
werden.  Innerhalb  dieses  glasigen  Quarzes  treten  vereinzelte 
Einsprenglinge  von  fleischrothem  Orthoklas  in  körnigen 
Aggregaten  oder  in  Einzelindividuen  mit  ausgezeichnetem 
Blätterdurchgang  und  in  manchen  von  diesen  wiederum  kleine 
Blättchen  von  weissem  Kaliglimmer  auf.  Von  ihrem 
Nebengestein  werden  diese  Gänge  durch  ein  zartes  Salband 
von  dunkelgrünen  Chloritschuppen  getrennt. 

Auch    bei  Wolkenburg   und    Etzdorf  treten    im  Granulit 

Zeits.d.D.geol.  Ges.  XXVII.  1.  8 


114 


schmale  Gänge  von  hornsteiuartigem  Quarz  mit  hellröthlichen 
Feldspatheinsprenglingen  auf.  Das  schönste  Vorkommen  der 
Art  ist  durch  einen  Bahneinschnitt  direct  oberhalb  der  Thier- 
bacher Eisenbahnbrücke  aufgeschlossen.  Dieser  Gang  ist  über 
einen  Meter  mächtig  und  besteht  aus  prachtvoll  glasigem, 
schneeweissem ,  in  dünneren  Splittern  wasserhellem  Quarz  mit 
lauter  isolirten  Einsprenglingen  von  blassrothem  Orthoklas 
und  vereinzelten  Tafeln  von  schwarzem  Magnesiaglimmer.  Der 
Quarz  wird  etwa  f,  der  Orthoklas  aber  nur  {  der  Gangmasse 
betragen. 

Ganz  ähnliche  und  zwar  ebenfalls  im  normalen  Granulit 
aufsetzende  Gangbildungen  sind  an  der  Hängebrücke  bei  Krieb- 
stein  und  im  Bahneinschnitt  nördlich  von  Waldheim  aufge- 
schlossen. An  ersterem  Orte  bilden  auf  ihrem  Bruche  glän- 
zend glasige,  hellraucbgrane  Quarze  ein  körnig-stengeliges 
Aggregat,  in  welchem  vereinzelte  Tafeln  von  schwarzbraunem 
Magnesiaglimmer  und  wohlausgebildete,  vollkommen  isolirte 
weisse  Orthoklaskrystalle  inne  liegen.  Auf  dem  scharfum- 
grenzten sechsseitigen  Querbruche  mancher  dieser  Krystalle 
zeigt  sich  ihre  Natur  als  Carlsbader  Zwillinge.  Der  Quarz- 
gang in  dem  erwähnten  Bahneinschnit  nördlich  von  Waldheim 
ist  ebenfalls  durch  innige  Verwachsung  und  Verschmelzung 
grosser  Quarzindividuen  entstanden,  was  sich  darin  ausspricht, 
dass  sich  in  der  sonst  compacten  und  homogenen  Quarzmasse 
zahlreiche  eckige  Hohlräume  zwischen  den  gegeneinander  ge- 
wachsenen Quarzsäulen  offen  erhalten  haben.  Die  Wandungen 
derselben  sind  bedeckt  von  kleinen,  wohlausgebildeten  Quarzen 
und  von  Gruppen  zierlicher  fleischrother  Orthoklase ,  welche 
von  den  Flächen  oo  P  und  o  P  begrenzt,  flachen  Rhomboedern 
ähneln. 

Bemerkt  sei  hier  noch  ,  dass  in  manchen  Pegmatitgangen 
local  der  Quarz  so  vorwaltet,  dass  sie  als  Quarzgänge  mit 
eingesprengten  rothen  Orthoklasen  und  schwarzen  Turmalinen 
bezeichnet  werden  könnten ,  innerhalb  welcher  |  oder  mehr 
der  Gangmasse  auf  Rechnung  des  Quarzes  zu  setzen  ist. 

Schliesslich  sei  noch  einiger  Feldspath  -  führender  Quarz- 
gänge gedacht,  welche  im  Granulit  direct  oberhalb  Rochsburg 
durch  die  Erdarbeiten  der  Muldethalbahn  aufgeschlossen  wurden. 
Dieselben  sind  so  drusenreich ,  dass  die  Structur  ihrer  Aus- 
füllungsmasse  eine  grosszellig-drusige  genannt  werden  muss. 


115 


Aus  den  Drusenwandungen  ragen  bis  zolllange ,  meist  trübe 
Quarzkrystalle  hervor,  deren  gewöhnliche  Gestalt  zwar  die 
einfache  Combination  von  Säule  und  Pyramide  ist,  von  denen 
aber  einzelne  Individuen  die  bereits  oben  beschriebene  topas- 
ähnliche Form  durch  Verkümmerung  zweier  paralleler  Prismen- 
und  der  entsprechenden  Pyramidenflächen  erhalten  haben.  Zu 
Füssen  dieser  Krystalle  treten  aus  den  Drusenwandungen  kurze 
Orthoklase  einfachster  Form  hervor,  welche  dem  Drusenraum 
die  Flächen  P  und  x  zuwenden.  Zwischen  beiden  Mineralien 
stellt  sich  hier  und  da  eine  strahlig- blätterige  Rosette  von 
weissem  Kaliglimmer  ein. 

Die  Erscheinungsweise  der  beiden  Hauptbestandtheile  dieser 
Gänge  ist  jedoch  nicht  immer  so  einfach,  vielmehr  geben  so- 
wohl Quarz  wie  Feldspath  Veranlassung  zu  complicirten  Be- 
obachtungen. Während  letzterer  der  Ausgangspunkt  einer 
Reihe  von  interessanten  Zersetzungsproducten  geworden  ist, 
zeigen  einzelne  Individuen  des  Quarzes  eine  höchst  unge- 
wöhnliche Ausbildungsweise,  welche  durch  das  Auftreten  einer 
rauhen  „basischen44  Fläche  und  eines  in  Verbindung  damit 
stehenden  treppenförmigen  Aufbaues  bedingt  wird.  Auf  die 
Prismenflächen  einer  Anzahl  dieser  Krystalle  sind  nämlich 
schmale  Pyramidenflächen  aufgesetzt.  Diese  werden  von  einer 
rauhen,  matten,  „  b  a  s  i  s  ch  e  n  tt  Fl  äc  h  e  abgestumpft, 
ganz  ähnlich  wie  'dies  M.  Bauer  von  einem  Rauchtopas  aus 
Wallis  beschrieben  hat.*)  Ebensowenig  jedoch  wie  an  dem 
Walliser  Krystall  ist  dies  die  wirkliche  Basis,  da  sie  gegen 
die  Hauptaxe  schwach  geneigt  ist.  Einige  etwa  2  Cm.  lange 
Krystalle  schliessen  mit  dieser  eigentümlichen  Fläche  ab,  — 
andere  von  2  bis  3  Cm.  Grösse  tragen  in  der  Mitte  dieser 
letzteren  knopfartig  eine  verzogene  Quarzpyramide  mit  kurzem 
Prisma,  —  auf  noch  zwei  anderen  erheben  sich  in  treppen- 
förmiger  Aufeinanderfolge  vier  kurze  tafelförmige  Prismen,  von 
denen  jedes  obere  einen  kleineren  Durchmesser  besitzt,  als 
das  seine  Basis  bildende.  Dieselben  sind  wie  die  untersten 
Hauptkrystalle  Combinationen  einer  kurzen  Prismenfläche,  einer 
schmalen  Pyramidenfläche  und  der  rauhen  basischen  Fläche. 
Von  diesen  liegen  die  einander  entsprechenden  Pyramiden- 
flächen in  einer  Ebene,  —  denkt  man  sich  dieselben  über  die 


*)  Diese  Zeitschrift  iS7i  pag.  194. 


8* 


116 


einspringenden  Winkel  des  treppenförmigen  Aufbaues  verlängert, 
so  würden  sie  sich  zu  einer  vollständigen  Pyramide  vereinen. 
Endlich  ist  ein  Exemplar  von  2  Cm.  Höhe  in  der  Weise 
thurmförmig  aufgebaut,  dass  acht  immer  kleiner  werdende 
Prismen,  jedes  auf  der  rauhen  basischen  Fläche  des  vorigen 
aufsitzen.  Es  entsteht  also  hier  eine  sechsseitige,  oben  grade 
abgestumpfte,  in  diesem  Falle  jedoch  sehr  steile  und  hoch- 
stufige Treppe.    (Siehe  Taf.  VII.  Fig.  29.) 

Weniger  auffällig  als  sie  es  auf  den  ersten  Blick  ist, 
gestaltet  sich  diese  Erscheinung,  wenn  wir  andere  benachbarte 
Krystalle  in  Vergleich  ziehen.  An  ihnen  treten  Flächen  auf, 
welche  ganz  ähnlich ,  wie  die  beschriebene  „Basis",  nur 
schräg  und  zwar  unter  bald  mehr,  bald  weniger  spitzem 
Winkel  die  Quarzprismen  abschneiden.  Auch  auf  ihnen  erhebt 
sich  eine  Anzahl  nach  oben  zu  jedesmal  kleiner  werdender 
tafelförmiger  Prismen,  so  dass  schräge  Treppen  entstehen. 
Es  geht  daraus  hervor,  dass  diese  Endflächen  eine  gesetz- 
mässige  krystallographische  Lage  nicht  besitzen,  sondern  in 
ihrer  Richtung,  wie  in  ihrem  Auftreten  überhaupt,  durchaus 
von  Zufällen  abhängig  sind. 

M.  Bauer  erklärt  1.  c.  die  Entstehung  der  basischen  Fläche 
an  dem  von  ihm  beschriebenen  Rauchtopas  durch  Anstossen 
des  im  Wachsthum  begriffenen  Krystalls  an  eine  ihm  gegen- 
über liegende  Krystallfläche  irgend  eines  Minerals,  den  treppen- 
förmigen Aufbau  aber  des  betreffenden  Exemplars  durch  spä- 
teres nach  Auflösung  des  hemmenden  Minerals  eintretendes 
Fortwachsen  des  Rauchtopases.  Diese  Deutung  acceptiren  wir 
auch  für  unsere  Treppenquarze  mit  dem  Zusätze,  dass  es  bei 
letzteren  Täfelchen  von  Kaliglimmer  waren,  welche  sich  an- 
fänglich den  wachsenden  Quarzen  als  Hindernisse  in  den  Weg 
stellten ,  dann  zersetzt  und  dadurch  entführt  wurden  und  als 
einzige  Merkzeichen  ihrer  einstigen  Existenz  die  beschriebenen 
Endflächen  der  Quarze  hinterliessen.  Dass  dem  so  ist,  wird 
durch  den  Umstand  bewiesen,  dass  in  einem  ganz  analogen 
Quarzvorkommen  innerhalb  granitischer  Drusen  bei  Markers- 
dorf, sowie  in  einzelnen  solchen  bei  Penig  Reste  jener  Kali- 
glimmer-Tafeln innerhalb  und  an  jenen  Quarzen  noch  sichtbar 
sind,  während  die  Hauptmasse  des  zersetzten  Kaliglimmers, 
durch  dessen  Entfernung  das  unterbrochene  Wacbsthum  sich 
fortsetzen  konnte,  verschwunden  ist. 


117 


Nicht  weniger  interessant  sind  die  Resultate  gewisser 
Zerstörungs-  und  Um  w  an  d  1  u  n  g  s  v  org  än  g  e  des  Feld- 
spaths  eines  dieser  Gänge.  Man  denke  sich  zwischen  den 
Quarzgruppen  einzelne  Orthoklasindividuen  nur  so  weit  hervor- 
ragen,  dass  P  und  x,  sowie  der  in  dem  Winkel  zwischen 
beiden  Flächen  liegende  Theil  von  M ,  seltener  kleine  Par- 
tieen  der  Säule  sichtbar  sind.  An  die  beiden  KJinopinakoid- 
flächen  der  meisten  dieser  Orthoklase  unserer  Handstücke  legt 
sich  nun  je  ein  tafelförmiger  Albitzwilling  in  paralleler  Axen- 
stellung  an.  Sehr  eigenthümliche  Verhältnisse  zeigt  der  zwi- 
schen je  zwei  Albittafeln  liegende  Orthoklas.  Statt  wie  ur- 
sprünglich aus  einer  fleischrothen  homogenen  Masse ,  besteht 
er  aus  lauter  dünnen  ,  eng  nebeneinander  stehenden  wellig- 
bauchigen Lamellen  von  bräunlicher  Farbe,  welche  durch  zarte 
spaltenförmige  Zwischenräume  getrennt  werden.  Diese  La- 
mellen stehen  senkrecht  auf  M,  also  auch  auf  den  angrenzen- 
den Albittafeln  und  ebenso  auf  P  und  x  ,  liegen  also  parallel 
der  Hauptaxe  und  der  Orthodiagonale.  Basis  und  Hemidoma 
sind  demnach  wie  mit  zarten ,  aber  tiefen  horizontal  verlau- 
fenden Einschnitten  eng  liniirt,  während  das  Klinopinakoid  ver- 
tical  gestreift  erscheinen  würde,  wenn  die  darauf  liegenden 
Albittafeln  entfernt  werden  könnten. 

Nun  ist  ja  einerseits  der  Process  der  Albitextraction  aus 
natronhaltigen  Orthoklasen,  andererseits  die  Thatsache  bekannt, 
dass  gewisse  Feldspäthe  aus  einer  parallelen  Verwachsung  von 
abwechselnden  Orthoklas-  und  Albitlamelien  bestehen,  wie  wir 
dies  auch  von  vielen  Feldspäthen  der  granitischen  und  peg- 
matitischen  Gänge  des  Granulitgebiets  nachweisen  werden. 
Dasselbe  ist  nun,  nach  diesen  Analogien  zu  schliessen,  auch 
bei  dem  eben  beschriebenen  Vorkommniss  ursprünglich  der 
Fall  gewesen.  Die  leichter  zerstörbaren  Lamellen  von  Albit 
wurden  ausgelaugt ,  um  sich  anfänglich  in  Gestalt  einzelner 
Kryställchen  auf  den  Klinopinakoidflächen  des  theilweise  zer- 
störten Mutterkrystalls  anzusiedeln  und  bei  anhaltender  Sub- 
stanzzuführung allmälig  zu  einem  tafelförmigen  Individuum  zu 
verwachsen,  während  von  dem  das  Material  liefernden  Feld- 
späthe nur  die  reinen  Orthoklaslamellen  zurückblieben. 

G.  vom  Rath  beschreibt  aus  den  granitischen  Gängen  von 
Elba*),    auf  deren  Analogie  mit  den  unseren  wir  noch  öfters 


*)  Siehe  diese  Zeitschr.  1870  pag.  656. 


118 


zurückkommen  werden,  und  zwar  aus  solchen  von  S.  Piero  in 
ganz  ähnlicher  Weise  zerstörte  Feldspäthe,  deren  zerfressenes 
Aussehen  er  ebenfalls  nicht  abgeneigt  ist,  aus  ihrer  ursprüng- 
lichen ,  lamellaren  Verwachsung  von  Orthoklas  und  Albit  her- 
zuleiten. Dass  letzteres  wirklich  der  Fall  sei ,  hat  später 
Streng*)  durch  mikroskopische  Untersuchung  von  Dünn- 
schliffen nachgewiesen.  Auch  in  Elba  sitzen  kleine  Albit- 
kryställchen  in  paralleler  Stellung  auf  dem  Orthoklas,  so  dass 
sich  dort,  wie  hier  die  nämlichen  Erscheinungen  wiederholen 
und  gleicher  genetischer  Deutung  unterliegen  müssen. 

Mit  der  Albitextration  war  jedoch  der  Zerstörungsprocess 
des  Feldspaths  der  Gänge  von  Rochsburg  noch  nicht  abge- 
schlossen. Erhielten  sich  auch  einige  Orthoklas  -  Albit  -  Ver- 
wachsungen in  der  beschriebenen  Form,  so  verfiel  doch  schliess- 
lich die  Substanz  mancher  von  der  Albitauslaugung  übrig  blei- 
benden blätterigen  Orthoklase  einer  Zersetzung  und  Um- 
wandlung in  Kaliglimmer.  Hat  sich  dieser  bereits  zwi- 
schen den  Lamellen  der  zerfressenen  Orthoklase  in  einzelnen 
silberglänzenden ,  punktartigen  Schüppchen  angesiedelt,  so  bil- 
det er  auf  den  Quarzen  in  der  Umgebung  derjenigen  Feldspäthe, 
die  der  Zersetzung  fast  vollkommen  verfallen  sind,  und  von 
deren  früherer  Rrystallgestalt  kaum  irgend  welche  Andeutung 
erhalten  geblieben  ist ,  zierliche  radialschuppige  oder  rosetten- 
förmige  Gruppen  von  sehr  kleinen  gelblichweissen  Blättchen. 
Die  bei  der  Glimmerbildung  ausgeschiedene  Kieselsäure  hat 
das  Material  zur  Bildung  einzelner  Quarzkrystalle  geliefert, 
wrelche  sich  auf  den  Flächen  älterer  trüber  Quarze,  oft  in 
paralleler  Axenstellung  angelegt  haben,  sich  von  diesen  durch 
ihren  grösseren  Glanz  unterscheiden  und  z.  Th.  mit  Kali- 
glimmer in  einer  Weise  verwachsen  sind,  dass  die  Gleich- 
zeitigkeit der  Entstehung  beider  fraglos  ist. 

Nach  allem  dem  spaltete  sich  der  ursprünglich  natron- 
haltige  Orthoklas  in  Folge  fortgesetzter  Zersetzungsvor- 
gänge in  Albit  und  Orthoklas  und  letzterer  wiederum  in 
Kaliglimmer  und  Quarz,  so  dass  wir  folgenden  Stamm- 
baum erhalten: 


*)  Streng,  N.  Jahrb.  1871  pag.  720. 


119 


Kaliglimmer  Quarz 


Albit  Orthoklas 


Natronhaitiger  Orthoklas 

Im  Laufe  unserer  späteren  Betrachtungen  werden  wir  auf 
die  an  dieser  Stelle  kurz  angedeutete  Abstammung  gewisser 
Kaliglimmer  und  vieler  Albite  von  perthitartigem  Feldspath 
noch  ausführlicher  einzugehen  haben. 

Auf  unsere  genetischen  Betrachtungen  über  die 
granitischen  Gänge  des  G  ranulitgebirges  ist  das  Vor- 
kommen orthoklasführender  Quarzgänge  von  bedeutsamen  Ein- 
fluss.  Vergesellschaftet  mit  Ganggebilden  von  vollkommen  reinem, 
derbem  oder  an  Krystalldrusen  reichem  Quarz  stellen  sie  selbst 
nur  Modifikationen  derselben  dar,  die  sich  durch  accessorisch 
eingesprengte  oder  in  Drusen  auskrystallisirte  Feldspäthe  von 
jenen  unterscheiden,  —  gleichwertig  denjenigen  Quarzgängen, 
welche  local  Schwefelkies-  oder  Flussspath  -  Einsprenglinge 
führen,  und  deren  Entstehung  durch  Absatz  aus  wässeriger 
Lösung  über  jeden  Zweifel  erhaben  ist.  Das  accessorische 
Vorkommen  von  etwas  Feldspath  in  ein  oder  dem  anderen 
derartigen  Gange  wird  die  Allgemeingültigkeit  dieser  gene- 
tischen Anschauung  nicht  beschränken  ;  weiss  man  doch  längst, 
dass  Feldspath  so  gut  wie  Quarz  auf  nassem  Wege  umkrystal- 
lisirt,  von  einem  Orte  nach  dem  anderen  umsiedelt,  —  ein 
Vorgang,  der  so  trefflich  durch  die  Quarz-Orthoklas-Incrustate 
auf  den  Porphyrgeröllen  des  Euba'er  Kohlenconglomerates  illu- 
strirt  wird.*) 

Von  den  Feldspath-  und  oft  auch  etwas  Glimmer- führenden 
Quarzgängen  des  sächsischen  Granulitgebietes  unterscheiden 
sich  aber  die  granitischen  Ganggebilde  des  genannten  Ter- 
ritorii  allein  durch  das  so  wie  so  weder  bei  den  einen, 
noch  bei   den   anderen   constante   Mischungsverhältniss  ihrer 


*)  Knop,  N.  Jahrb.  für  Min.  1859  pag.  59f>.  —  Vülgkr,  ebendort 
1861  pag.  1  ff. 


120 


Gemengtheile.  Es  stehen  somit  keine  minerogenetischen  Ein- 
würfe dem  entgegen ,  die  granitischen  Gänge  des  Granulit- 
gebirges,  in  denen  der  Quarz  seine  vorwaltende  Rolle  mit  dem 
Feldspath  getauscht  hat,  für  wässerigen  Ursprungs  zu 
erklären,  falls  gewisse  höchst  charakteristische 
St  ructur  Verhältnisse  und  Wachsthumserscheinun- 
gen des  granitischen  Gangmaterials  solches  wün- 
schenswerth  machen  sollten. 

3.    Gänge  vom  Albit,  Kallglimmer  und  Quarz  im  Granulit. 

Durch  die  bereits  mehrmals  erwähnten  ausgedehnten  Erd- 
arbeiten der  Muldethalbahn  sind  in  dem  normalen  Granulit, 
oberhalb  der  letzten  Häuser  von  Rochsburg  einige  Gang- 
trümmer von  etwa  5  Cm.  Mächtigkeit  zum  Aufschluss  gelangt, 
welche  vorwaltend  aus  Albit  und  bald  in  grösserer,  bald  ge- 
ringerer Menge  beigemengtem  Kaliglimmer  bestehen. 

Der  Albit  ist  auf  frischer  Bruchfläche  weiss  mit  einem 
Stich  ins  Röthliche  ,  an  seiner  Oberfläche  jedoch  durch  Eisen- 
oxydhydrat licht  gelblichbraun  gefärbt.  Er  bildet  Krystalle 
von  0,5  Mm.  bis  1,5  Cm.  Grösse,  welche  z.  Th.  allseitig  aus- 
gebildet sind ,  z.  Th.  nur  einzelne  Flächen  tragen ,  während 
noch  andere  Körner  wie  scharfkantige  Fragmente  zerborstener 
Individuen  aussehen.  Der  Habitus  der  Albitkrystalle  ist  ent- 
weder durch  Vorherrschen  des  Brachypinakoides  ein  tafelför- 
miger, oder,  wie  es  besonders  bei  den  kleineren  Kryställchen 
der  Fall  ist,  durch  Zurücktreten  dieser  Fläche  ein  mehr  pris- 
matischer. Auf  ihren  P- Flächen  finden  sich  die  aus  der  ge- 
wöhnlichen polysynthetischen  Zwillingsverwachsung  des  Al- 
bits  resultirenden  einspringenden  Winkel,  während  die  P  ent- 
sprechenden Spaltungsflächen  der  unregelmässig  umgrenzten 
Krystallkörner  eine  ausserordentlich  zarte,  vielfache  Zwillings- 
streifung  erkennen  lassen.  Periklinartige  Verwachsung  wurde 
nicht  beobachtet.  Nicht  wenige  dieser  Albitkrystalle,  und  zwar 
kleine  sowohl  wie  grosse,  sind  hohl,  dürfen  jedoch  nicht  mit 
jenen  albitischen  Incrustaten  des  St.  Gotthardter  Adulars  ver- 
glichen werden,  sind  vielmehr  durch  unvollkommene  Raum- 
erfüllung beim  gegenseitigen  Verwachsen  von  nebeneinander 
stehenden  kleineren  Kryställchen  entstanden, 

Vergesellschaftet  mit   oft   nur   vereinzelt,   zuweilen  aber 


121 


auch  sehr  reichlich  auftretenden,  glänzenden,  weisslichgrauen 
Schuppen  von  Kaliglimmer,  bilden  derartige  Albite  ein 
wirres  Krystallaggregat,  welches  in  Folge  nur  stellenweiser, 
gegenseitiger  Berührung  und  Verwachsung  der  einzelnen  Indi- 
viduen keinen  sehr  festen  Zusammenhalt  besitzt  und  deshalb 
den  Eindruck  mancher  künstlicher  krystallinischer  Niederschläge 
aus  wässerigen  Lösungen  macht.  Local  ist  das  Korn  dieses 
Albitaggregats  ein  so  feines,  dass  man  an  ein  locker-körniges 
Dolomitgestein  erinnert  wird.  Andere  Handstücke  dieses 
Gangvorkommens  bestehen  aus  einem  Aggregat  von  vorwal- 
tenden Albitkrystallen  und  Quarzen,  während  der  Glimmer 
zurücktritt. 

Die  Deutung  der  Entstehung  dieser  Albit  -  Kaliglimmer- 
Quarz  -  Gänge  fällt  nicht  schwer,  wenn  wir,  ganz  abge- 
sehen von  zahlreichen  anderen  wohlbekannten  Albitvorkomm- 
nissen  auf  Orthoklas  und  abgesehen  von  anderweitig  beschrie- 
benen Pseudomorphosen  von  Kaliglimmer  nach  Feldspath,  nur 
die  von  uns  oben  dargelegten  und  später  noch  eingehender 
zu  verfolgende  Abstammung  gewisser  Albite,  Kaliglimmer  und 
Quarze  von  albithaltigen  Orthoklasen  ins  Auge  fassen.  Einem 
ähnlichen  Zersetzungs  -  und  Auslaugungsprocess,  wie  er  dort 
im  Kleinen  innerhalb  des  engen  Rahmens  eines  Drusenraumes 
vor  sich  ging,  verdanken  auch  die  eben  besprochenen  Gänge 
ihren  Ursprung,  nur  waren  es  hier  nicht  einzelne  perthitartig 
verwachsene  Albit-Orthoklase,  sondern  die  gesammten  Massen 
des  wesentlich  aus  natronhaltigem  Orthoklas  bestehenden  nor- 
malen Granulits ,  welche  ganz  entsprechend  dem  oben  ent- 
worfenen Stammbaume  durch  Auslaugung  den  Albit  und  durch 
Zersetzung  des  Orthoklases  den  Kaliglimmer  und  Quarz  lie- 
ferten. Dass  wir  von  ,, natronhaltigem  Orthoklas"  des  granu- 
litischen  Nebengesteins  jetzt  und  später  sprechen  dürfen,  geht 
einerseits  aus  Stelzner1  s  und  Zirkel's  mikroskopischen  Unter- 
suchungen der  Granulite*)  hervor,  nach  denen  der  feldspathige 
Gemengtheil  jenes  Gesteins  ausschliesslich  Orthoklas 
ist,  andererseits  aus  den  von  Scheerer  veröffentlichten  Ana- 
lysen**),   denen  zufolge  die  sächsischen  Granulite  im  Durch- 


*)  Stelzner,  N.  Jahrb.  1S71  pag.  '246.  —  Zirkel,  Mikroskop. 
Beschaff,  pag.  466. 

**)  N.  Jahrb.  1873  pag.  5. 


122 


schnitt  2,5  pCt.  Natron  enthalten,  welches  demnach  nur  als 
Vertreter  des  Kali  im  Orthoklas  aufgefasst  werden  kann. 

In  den  oben  beschriebenen  Gängen  haben  wir  ein  körnig« 
krystallinisches  Aggregat  von  Feldspath ,  Quarz  und  Glimmer, 
also  eine  Art  von  Granit  vor  uns,  welcher  unbedingt  eine 
wässerige  Entstehung  zukommt,  die  ihr  kein  Geologe 
abzustreiten  willens  oder  im  Stande  sein  wird. 

4.   Orauitische  Gänge  im  Granulit. 

Nebengestein  und  G  a  n  g  v  e  r  h  äl  tn  i  s  s  e.  Zu  den 
gewöhnlichsten  Erscheinungen  des  sächsischen  Granulitgebietes 
gehören  granitische  Gänge  vou  röthlichem  Orthoklas,  grün- 
lichem Oligoklas,  grauem  Quarz  und  schwarzem  oder  weissem 
Glimmer,  welche  bald  in  grösserer  Anzahl  vergesellschaftet, 
bald  vereinzelt  fast  in  jedem  Aufschlüsse  dem  Beobachter 
entgegen  treten  und  noch  mehr  Mannigfaltigkeit  in  diese  schon 
an  und  für  sich  hochinteressante  Gegend  bringen.  Erscheint 
nun  auch  das  gesammte  Granulitterritorium  von  solchen  Granit- 
gängen durchschwärmt,  so  ergiebt  doch  eine  etwas  eingehen- 
dere Beobachtung,  dass  sie  sich  wesentlich  auf  das  Gebiet  des 
eigentlichen  Granulits  beschränken,  in  den  letzterem  eingela- 
gerten Serpentin-,  Eklogit-,  Cordieritgneiss -  und  Granatfels- 
partieen  jedoch  nur  selten  auftreten  und  ebensowenig  in  die 
das  Granulitgebirge  aberlagernde  Schieferzone  hineinsetzen. 
Das  Nebengestein  unserer  granitischen  Gänge  ist  demnach 
in  bei  Weiten  den  meisten  Fällen  Granulit  in  allen  seinen 
durch  Fehlen  oder  Erscheinen  von  Glimmer  bedingten  Varie- 
täten, als  deren  extreme  Glieder  normaler,  fast  weisser,  ferner 
gneissartiger  grauer,  sowie  granitischer  röthlicher  Granulit  zu 
nennen  sind.  Von  ganz  verschiedenem  petrographischem  Cha- 
rakter sind  diejenigen  granitischen  Gänge  ,  welche  in  anderen 
Gliedern  des  Granulitgebirges  und  zwar  namentlich  in  ein- 
zelnen Vorkommen  des  Hornblendeschiefers,  des  Augitschiefers 
und  Eklogits  aufsetzen  und  deshalb  in  einem  besonderen  Ab- 
schnitt behandelt  werden  sollen. 

Die  Form  der  zu  besprechenden  granitischen  Gänge  ist 
eine  ausserordentlich  abwechslungsreiche.  In  vielen  Fällen 
sind  ihre  seitlichen  Begrenzungsflächen  so  parallel  und  eben- 
flächig  wie  nur  denkbar,   in    anderen  nähern    sich  dieselben 


123 


allseitig  allraälig ,  bis  sie  sich  schneiden,  so  dass  sie  linsen- 
förmige, jedoch  die  Granulitschichten  durchsetzende  Nester 
umschliessen.  Hier  bilden  sie  wellig  -  zackig  gewundene 
Schmitze,  welche  sich  stellenweise  bei  unbedeutender  Längen- 
ausdehnüng  zu  unverhältnissmässiger  Dicke  aufblähen,  dort 
raachen  sie  treppenförmige  Sprünge,  indem  sie  den  sich  kreu- 
zenden Klüften  des  Gesteins  folgen,  schneiden  auch  wohl  an 
diesen  plötzlich  ab  oder  zersplittern  sich  in  zahlreiche  Trümer. 

Ihre  Mächtigkeit  ist  eine  sehr  schwankende,  jedoch 
im  Durchschnitt  unbedeutende;  in  bei  Weiten  den  meisten 
Fällen  beträgt  sie  nur  3  bis  15  Cm. ,  zuweilen  noch  weniger, 
oft  aber  auch  15  bis  30,  selten  30  bis  60  Cm, ,  während  mir 
kaum  ein  Fall  einer  |  M.  mächtigen  granitischen  Gangsecretion 
bekannt  ist,  obwohl  ich  mehrere  Hundert  derartiger  Vorkom- 
men an  Ort  und  Stelle  besichtigt  habe. 

Auch  das  Anhalten,  also  die  Längenerstreckung  dieser 
Gänge  ist  kein  beträchtliches;  als  sein  Maximum  konnten 
20  M.  festgestellt  werden  ,  jedoch  ist  die  Gelegenheit  zur  Ver- 
folgung der  Gänge  in  ihrer  Horizontalausdehnung  so  selten 
geboten,  dass  die  Existenz  längerer  Gänge  nicht  unwahr- 
scheinlich ist. 

Die  beiderseitige  Begrenzung  zwischen  Gängen  und  Neben- 
gestein ist  in  vielen  Fällen  eine  sehr  scharfe,  z.  Th.  wie  mit 
der  Feder  gezogene,  und  erhält  oft  durch  Ablösungsflächen 
oder  durch  chloritisch  -  glimmerige  Salbänder  einen  noch 
bestimmteren  Ausdruck.  Dann  trennt,  besonders  bei  eintre- 
tender Verwitterung,  ein  Hammerschlag  Gang  und  Neben- 
gestein durch  eine  spiegelglatte  Begrenzungsfläche,  so  dass  es 
bei  gewissen  Vorkommnissen  schwer  hält,  beide  in  einem 
Handstück  zu  erlangen.  Oft  freilich  sind  auch  die  Mineral- 
individuen der  Gangmasse  unmittelbar  auf  denen  des  Neben- 
gesteins so  fest  aufgewachsen ,  dass  die  Ganggrenze  durch 
nicht  die  geringste  Discontinuität,  sondern  ausschliesslich  durch 
plötzlichen  Wechsel  der  Structur  und  Farbe  bezeichnet  wird. 

Fragmente  des  Nebengesteins  sind  in  diesen  gra- 
nitischen Gängen  eine  ziemlich  gewöhnliche  Erscheinung.  Nicht 
selten  lässt  sich  die  Stelle,  von  der  sie  losgebrochen  sind, 
mit  Sicherheit  nachweisen,  was  namentlich  dort  der  Fall  ist, 
wo  durch  Gabelung  oder  Zersplitterung  des  Ganges  oder 
durch  Scharung  mehrerer  Gänge   zungenförmig  in   die  Gang- 


124 


spalte  ragende  Keile  oder  scharfe  Ecken  entstanden  sind. 
Bei  der  dem  Gestein  eigentümlichen  Zerklüftung  zum  Ab- 
brechen besonders  geeignet,  finden  sich  dieselben  jetzt,  leicht 
erkennbar  an  ihren  dreiseitigen  Umrissen,  inmitten  der  Gang- 
masse durch  einen  Streifen  der  letzteren  von  der  Stelle  ihres 
einstigen  Zusammenhanges  getrennt.  Taf.  VII.  Fig  2  u.  3 
illustriren  dieses  Vorkommen.  Ferner  kann  der  Fall  eintreten, 
dass  sich  eine  Gangspalte  im  Verlaufe  ihres  Ausfüllungspro- 
cesses  durch  locales  Nachbrechen  ihres  klüftigen  Nebengesteins 
zu  einer  höhlenartigen  Weitung  ausbildet,  in  welcher  sich  jetzt 
nach  erfolgter  Ausfüllung  durch  die  Gangmineralien  die  nach- 
gestürzten Trümmer  als  Einschlüsse  in  der  Gangmasse  prä- 
sentiren,  wie  dies  z.  ß.  Fig.  1  auf  Taf.  VII.  zeigt.  Die 
Brüchigkeit  des  Nebengesteins  und  das  Loslösen  seitlicher 
Schollen  desselben  kann  auch  zur  Folge  gehabt  haben  ,  dass 
sich  der  Gang  local  in  zahlreiche  schwache  Trümer  zerschla- 
gen oder  ein  breccienartiges  Aussehen  erhalten  hat.  Derartige 
Vorkommen  von  Nebengesteinsbruchstücken  mit  einer  eruptiven 
Entstehungsweise  granitischer  Gänge  in  unbedingte  Abhängig- 
keit zu  bringen,  wie  dies  früher  wohl  geschehen,  ist  selbst- 
verständlich unstatthaft,  wiederholen  sie  sich  doch  u.  A.  und 
ganz  abgesehen  von  fast  jedem  Erzgange  auf  ähnliche  Weise 
in  den  das  Granulitgebiet  in  grosser  Zahl  durchsetzenden 
Schwerspathgängen. 

Was  die  Schichtenlage  des  den  granitischen  Gängen 
benachbarten  Granulits  betrifft,  so  ist  dieselbe  durch  die  Ge- 
sammtheit  der  mechanischen  Gangbildungsvorgänge  unberührt 
geblieben  :  die  Granulitschicbten  schneiden  scharf  an  den  Gang- 
wänden ab,  ohne  ihre  allgemeine  Richtung  zu  verändern.  Nur 
selten  machen  sich  Ausnahmen  von  dieser  Regel  in  der  Weise 
geltend,  dass  die  dem  xeinen  Salbande  des  Ganges  zugewen- 
deten Schichtenenden  auf  6  —  8  Cm.,  sehr  selten  auf  grössere 
Entfernung  in  schön  geschwungener  Krümmung  nach  oben, 
am  anderen  Salbande  aber  nach  unten  gebogen  sind,  wie 
dies  Fig.  5  Taf.  VII.  zeigt.  Nicht  die  besonders  mächtigen,  son- 
dern im  Gegentheil  nur  wenige  Centimeter  starke  Granitgänge 
sind  es,  an  denen  diese  Erscheinung  zuweilen  wahrgenommen 
wurde.  Und  es  entspricht  solches  der  genetischen  Deutung  dieser 
Schichtenstörungen.  Sind  diese  doch  nicht  etwa  eine,  vielleicht 
sogar  als   Beweismittel  für  Eruptivität  zu  betrachtende  Folge 


125 


der  Gangbildung,  sondern  derselben  lange  vorausgegangen 
und  waren  bereits  ermöglicht  durch  das  Aufreissen  der  Spal- 
ten. In  Folge  der  Zerstörung  ihres  Zusammenhanges  verloren 
gewaltige  Partieen  des  Granulits  ihren  Halt  und  rutschten  auf 
einer  Kluftfläche  langsam  in  ein  etwas  tieferes  Niveau,  wobei 
durch  die  enorme  Reibung  die  Schichtenenden  der  sich  be- 
wegenden Felsmasse  nach  oben,  diejenigen  des  die  festlie- 
liegende  Bahn  abgebenden  Gesteins  nach  unten  geschleift 
und  gekrümmt  wurden,  —  ein  Vorgang,  der  sich  besonders 
deutlich  dort  verkörpert  findet,  wo,  wie  durch  Fig.  10  Taf.  VII. 
illustrirt,  Granitgang,  Schichtenbiegung  und  Verwerfung  com- 
binirt  sind.  Letztere  tritt  in  dem  abgebildeten,  mir  von  Herrn 
Dr.  Dathe  mitgetheilten  Profile  dadurch  so  klar  hervor ,  dass 
sie  die  Schichtenenden  einer  Anzahl  sehr  glimmerreicher  und 
deshalb  dunklerer  Zwischenlagen  des  lichten  Normalgranulits 
verbogen  und  gegeneinander  verschoben  hat.  Bei  breit  klaf- 
fenden, ihre  anfängliche  Weite  bis  zu  ihrer  Ausfüllung  beibe- 
haltenden Spalten  konnten  derartige  Reibungserscheinungen  na- 
türlicherweise nicht  eintreten,  und  das  ist  der  Grund,  weshalb 
die  beschriebene  Schichtenstörung,  wo  sie  überhaupt  beobachtet 
wurde ,  meist  an  schmale  Trümer  gebunden ,  bei  mächtigen 
Gängen  aber  selten  ist. 

Dass,  wie  übrigens  selbstverständlich,  Verrückungen  und 
Rutschungen  des  durch  die  Spaltenbildung  zerklüfteten  Gra- 
nulits stattgefunden,  zeigt  das  in  Fig.  4  Taf.  VII.  abgebildete 
Gangprofil,  welches  einem  Einschnitte  der  Muldethalbahn  ober- 
halb Rochsburg  entnommen  ist.  Der  dortige  plattenförmige, 
graue,  glimmerführende  Granulit  wird  von  zwei  einander  etwa 
rechtwinklig  schneidenden  Kluftsystemeu  durchsetzt.  Dem 
einen  derselben  entspricht  ein  einige  20  Cm.  mächtiger  Granit- 
gang a  mit  haarscharfen  Salbändern  und  wunderbar  eben- 
flächiger Begrenzung.  In  das  Liegende  dieses  Ganges  läuft 
von  letzterem  aus  unter  ungefähr  rechtem  Winkel  ein  3  Cm. 
mächtiges  ,  dem  zweiten  Kluftsysteme  entsprechendes  Trum  b 
ab.  Auf  ihm  ist  nun  dessen  Hangendes  c  um  einige  Zoll 
herabgerutsebt,  so  dass  nicht  nur  eine  Verwerfung  seines 
Nebengesteins,  sondern  zugleich  auch  eine  sprungartige  Er- 
weiterung des  Hauptganges  a  stattgefunden  hat.  Unterhalb 
dieser  Rutschuug  misst  letzterer  24,  oberhalb  derselben  29  Cm. 

Weder  nach  ihrem  Streichen,  noch  nach  ihrem  Fallen 


126 


halten  die  granitisehen  Gänge  des  Granulitgebiets  ein  be- 
stimmtes Gesetz  ein,  gehören  vielmehr  den  verschiedenartigsten 
Himmels-  und  Fallrichtungen  an  und  schneiden  sich  deshalb 
im  Falle  ihrer  Vergesellschaftung  sehr  gewöhnlich.  Abgesehen 
von  vielen  anderen  Beispielen  war  es  eine  jetzt  leider  durch 
den  Bau  der  Muldebahn  verschüttete  Felswand  direct  unterhalb 
der  Spinnerei  Amerika  bei  Penig,  wo  das  wirre  Durcheinander 
dieser  Gänge  in  schönem  Profil  aufgeschlossen  war.  Ausser 
vielen  kleinen  ,  oft  wellig  gebogenen  Trümern  kamen  hier  ein 
auf  dem  Kopf  stehender,  zwei  horizontale,  ein  unter  45  Grad 
fallender  und  ein  kuppeiförmig  gewölbter  Granitgang  von  18 
bis  50  Cm.  Mächtigkeit  zum  gegenseitigen  Durchschnitt.  Jedoch 
sind  eigentliche  Durchsetzungen  oder  wirkliche  Verwerfun- 
gen eines  älteren  Ganges  durch  einen  jüngeren  nur  selten  zu 
beobachten.  Ein  solcher  Fall  ist  mir  von  der  Etzdorfer  Mühle 
im  Striegis-Thale  bekannt,  wo  ein  4  Cm.  mächtiger  Gang  von 
glasigem,  sprödem  Quarz  mit  röthlichen  Feldspath-Einspreng- 
lingen  von  einem  echt  granitischen  Gange  scharf  durchsetzt 
und  um  seine  Mächtigkeit  verworfen  wird  (siehe  Taf.  VII. 
Fig.  6),  so  dass  hier  sicher  eine  ältere  und  eine  jüngere  Gang- 
bildung vorliegt.  Im  Allgemeinen  jedoch  scheint  die  Ausfüllung 
der  verschiedener  Richtung  angehörigen  Gänge  in  den  nehm- 
lichen  Zeiträumen  vor  sich  gegangen  zu  sein.  Hierfür  spricht 
namentlich  noch  die  Erscheinung,  dass  sich  bei  vorhandenem, 
petrographisch  von  der  Hauptgangmasse  verschiedenem  Sal- 
band dieses  ununterbrochen  aus  einem  Gang  in  den  ihn  kreu- 
zenden umbiegt  und  in  ihm  weiter  forterstreckt.  Mit  wirk- 
lichen Verwerfungen  dürfen  die  kleinen  Gangauslenkungen 
nicht  verwechselt  werden,  welche  dadurch  hervorgebracht  wor- 
den sind ,  dass  entstehende  Spalten  bereits  vorhandenen  eine 
Strecke  weit  folgten ,  ehe  sie  in  ihrer  alten  Richtung  weiter 
fortsetzten. 

Die  wesentlichen  mineralischen  Gernengtheile 
dieser  Gänge  sind  Feldspath  ,  Quarz  und  Glimmer. 

Der  Orthoklas  kommt  einerseits  als  Gemengtheil  des 
granitischen  Aggregats,  andererseits  aus  diesem  in  Drusen- 
räume hineinragend  in  theilweise  entwickelter  Krystaliform 
vor.  In  ersterem  Falle  ist  er  zuweilen  schneeweiss,  meist 
aber  lichtfleischroth  oder  hellröthlichgelb,  seltener  dunkelblut- 
roth  gefärbt.     Zwillingsverwachsungen  nach   dem  Carlsbader 


127 


Gesetz  sind  nicht  selten.  Seine  in  Drusen  zur  Entfaltung 
gebrachte  Krystallgestalt  ist  einförmig  und  flächenarm.  Säule, 
Klinopinakoid,  Basis  und  Hemidoma  sind  bald  zu  tafelförmi- 
gem, bald  zu  rectangulär  säulenförmigem  Habitus  entwickelt. 
Zuweilen  tritt  noch  das  Klinoprisma  z,  ferner  das  seltene 
Orthopinakoid  k  als  schmale  Abstumpfungsflächen  der  verti- 
calen  Kanten  hinzu,  —  bei  anderen  Krystallen  hingegen  fehlen 
nicht  nur  diese,  sondern  auch  das  Klinopinakoid.  Selten  ist 
das  sonst  so  gewöhnliche  Hemidoma  y.  Wie  es  in  Elba  der 
Fall  ist*),  so  wenden  auch  in  unseren  Gängen  die  aus  dem 
Granitaggregate  in  die  Drusen  ragenden  Orthoklase  die  End- 
fläche o  P  meist  den  Drusenwandungen  zu,  so  dass  sie  häufig 
ganz  verdeckt  wird,  während  die  Hemidomen  x  und,  wo  vor- 
handen, y  die  freie,  der  Beobachtung  am  besten  zugängige 
Seite  des  Krystallendes  bilden.  Eine  fernere  Uebereinstim- 
mung  mit  den  Orthoklasen  von  Elba  zeigt  sich  darin ,  dass 
der  von  G.  VOM  Rath**)  beschriebene  silberglänzende  Schim- 
mer auch  an  manchen  unserer  Orthoklase  zu  beobachten  ist. 
Er  beschränkt  sich  hier  auf  die  Kanten  x:T  und  T :  z,  die 
dann  silberglänzend  gesäumt  sind.  Dieser  schöne  Schimmer 
scheint  daher  zu  rühren  ,  dass  auf  den  der  Verwitterung  am 
meisten  ausgesetzten  Kanten  bereits  ausserordentlich  zarte 
Schüppchen  von  Kaliglimmer  zur  Ausbildung  gelangten,  wäh- 
rend der  Rest  der  Flächen  noch  ganz  frisch  und  deshalb  glas- 
glänzend ist. 

Der  Oligoklas  kommt  nur  in  wenig  Gängen  mit  dem 
Orthoklas  grob-krystallinisch  verwachsen  vor.  Er  besitzt  dann 
eine  lichtgrüne  Farbe,  einen  ausgezeichneten  Glasglanz,  der 
den  des  Orthoklases  übertrifft,  eine  auffällig  starke  Durchsich- 
tigkeit und  endlich  eine  ausserordentlich  zarte  Zwillingsstrei- 
fung.  In  einzelnen  Gängen  (z.  B.  im  Muldethal,  direct  unter- 
halb Amerika)  wird  der  Orthoklas  local  durch  Oligoklas  voll- 
kommen ersetzt,  in  anderen  sind  die  Oligoklas  -  Individuen  so 
gestellt,  dass  sie  augenscheinlich  zuerst  von  allen  Mineral- 
bestandtheilen  des  dortigen  Granits  an  den  Salbändern  an- 
geschossen sind. 

Der  Albit  spielt  in  den  granitischen  Gängen  eine  ebenso 

*)  vom  Rath,  diese  Zeitschr.  1870.  pag.  654. 
**)  1.  c.  pag.  055. 


128 


wichtige  wie  interessante  Rolle.  Ursprünglich  mit  dem  Ortho- 
klas in  dünnen  Schwitzen  und  Lamellen  perthitähnlich  ver- 
wachsen, kann  er  durch  Auslaugung  seiner  ersten  Heimath 
entzogen  werden  und  sich  in  wohlausgebildeten  Krystallen  in 
Druseuräumen  und  zwar  meist  in  regelmässiger  Verwachsung 
mit  seinem  Mutterminerale  wieder  ansiedeln,  wie  wir  dies  im 
Verlaufe  dieses  und  des  folgenden  Abschnittes  nachweisen 
wollen. 

Der  Quarz  bietet  als  granitisches  Gemengtheil  keine 
irgendwie  auffällige  Erscheinung  dar,  höchstens  dass  sein 
Reichthum  an  Flüssigkeitseinschlüssen  bemerkenswerth  wäre. 
Auch  die  in  Drusenräumen  auskrj^stallisirten  Quarze  sind 
ausserordentlich  einförmig.  An  allen  sind  ausschliesslich  Prisma 
und  die  beiden  Rhomboeder  vorhanden,  Rhomben-  und  Trapez- 
flächen hingegen  nur  in  einem  einzigen  der  eigentlich  grani- 
tischen Gänge  beobachtet  worden.  Ausserdem  sind  auch  die 
gesammten  Krystailflächen  meist  matt  und  trübe.  Im  Mulde- 
thal unterhalb  Penig  sind  an  verschiedenen  Aufschlusspunkten 
Scepterquarze  von  grosser  Zierlichkeit  und  Klarheit  gefunden 
worden. 

Einiges  Interesse  erregt  der  Quarz  eines  Granitganges 
unmittelbar  oberhalb  Markersdorf  im  Chemnitzthal  durch  sein 
seltsam  zerfressenes  Aussehen.  Sehr  zarte  durchscheinende 
Quarzlamellen ,  deren  obere  Ränder  oft  sägeförmig  gezahnt 
sind,  ziehen  sich  vollkommen  parallel  zu  einander,  getrennt 
durch  nur  papierdünne  Zwischenräume  auf  den  Wandungen 
der  Drusenräume  jenes  Ganges  hin.  Ganz  analoge  Vorkomm- 
nisse der  Insel  Elba  haben  Breithaupt  und  G.  vom  Rath  mit 
einem  Stück  Wachs  verglichen,  welches  eine  Näherin  oft  ge- 
braucht und  durch  das  häufige  Durchziehen  der  Fäden  mit 
scharfen  tiefen  Einschnitten  versehen  hat.  Unter  ihnen  ent- 
deckte Breithaupt  die  beiden  seltenen  Mineralien  Castor  und 
Pollux,  welche  nach  G.  vom  Rath  mit  Bezug  auf  ihren  äusseren 
Habitus  nur  schwer  von  jenen  Quarzen  unterscheidbar  sind  und 
mit  diesen  selbst  von  geübtem  Auge  verwechselt  werden  kön- 
nen. Die  auffallende  A  ehnlichkeit  unserer  und  jener  Elba'er 
Quarze,  die  noch  frappantere  Analogie  ihres  Vorkommens 
erregte  die  Hoffnung,  die  genannten  seltenen  Mineralien  auch 
in  den  Granitgängen  des  sächsischen  Granulitgebiets  nachzu- 
weisen, —  eine  Hoffnung,  die  sich  bis  jetzt,  als  eitel  erwies. 


129 


Der  Magnesia  gl  immer,  meist  von  glänzendem  Braun- 
schwarz, bildet  fast  stets  unregelmässig  sechsseitig  conturirte 
dünnblättrige  Tafeln,  welche  in  sehr  vielen  Granitgängen  des 
Cranulitgebirges  eine  höchst  charakteristische  Stellung  und 
zwar  entweder  parallel  oder  rechtwinklig  zu  den  Salbändern 
einnehmen,  wie  wir  ausführlich  schildern  werden.  In  manchen 
Gängen  haben  die  Glimmertafeln  in  Folge  einseitiger  horizon- 
taler Verzerrung  eine  langbandförmige  Gestalt  angenommen, 
erreichen  bei  0,5  bis  1  Cm.  Breite  eine  Länge  von  7  bis  10  Cm, 
und  durchschiessen ,  von  den  Salbändern  ausgehend,  quer  die 
granitische  Gangmasse  (so  bei  Rocbsburg,  Carlseiche  und 
Wolkenburg  im  Muldethal). 

Der  Kaliglimmer  in  Blättchen  und  Tafeln  von  silber- 
weisser,  lichtgelblicher  oder  grauer  Farbe  vertritt  zuweilen,  so 
in  den  Gängen  an  der  Scheibe  bei  Penig,  den  Magnesiaglimmer 
vollständig,  —  häufiger  noch  nehmen  beide  Glimmerarten  ge- 
meinschaftlich an  der  Zusammensetzung  granitischer  Gänge 
Theil,  jedoch  ist  dann  häufig  der  Kaliglimmer  auf  die  centralen, 
der  Magnesiaglimmer  auf  die  seitlichen  Zonen  dieser  Gänge 
beschränkt. 

Neben  diesen  sechs  wesentlichen  Gemengtheilen  der  gra- 
nitischen Gangmasse  kommen  in  letzterer  noch  folgende  Mine- 
ralien accessorisch  vor : 

Tur malin  von  ausnahmslos  schwarzer  Farbe  in  säulig- 
strahligen  Partieen  und  zwar  fast  stets  auf  die  Centraizone  der 
Gänge  beschränkt. 

Granat  in  braunrothen,  Stecknadelkopf-  bis  kleinerbsen- 
grossen  Ikositetraedern  im  Granit  der  Scheibe  bei  Penig  und 
in  dem  von  Markersdorf. 

Braunspath  und  Kalkspath.  Die  Wandungen  der 
schmalspaltenförmigen  Centraidrusen  eines  granitischen  Ganges 
bei  Amerika  sind  überzogen  von  einer  Lage  körnigen,  licht- 
gelblichen Braunspathes,  oder  eisenschüssigen,  magnesiabaltigen 
Kalkspathes,  welcher  in  der  Richtung  nach  der  Centraispalte 
zu  in  Folge  von  dort  aus  eindringender  Oxydation  des  Eisen- 
oxyduls eine  immer  dunklere  und  zuletzt  intensiv  braune  Farbe 
annimmt  und  sich  dann  zu  erdigem  Eisenoxydhydrat  umge- 
wandelt hat.  Auf  dieser  Brauneisensteinkruste  sitzen  nun 
einzelne  bis  centimetergrosse ,  weisse,  durchscheinende  Kalk- 
spath-Rhomboeder  und  zwar  —  j  R,  und  zwischen  ihnen  stellen- 
Zeits.d,  D.geol.Ges.  XXVII.  1.  9 


130 


weise  zahlreiche  Kalkspäthchen  von  viel  unbedeutenderen  Di- 
mensionen. Der  hydrochemische  Process  der  Spaltung  eines 
durch  Beimengungen  einer  anderen  Substanz  verunreinigten 
Minerals  in  diese  seine  zwei  Bestandtheile  liegt  in  dem  eben 
beschriebenen  Falle  ausserordentlich  klar  vor  Augen.  Durch 
Einwirkung  Kohlensäure-  und  Sauerstoff  -  haltigen  Wassers, 
welches  die  Drusenwände  hinabrieselte,  wurde  dem  Urminerale 
das  Kalk-,  sowie  das  in  geringen  Mengen  vorhandene  Magnesia- 
»carbonat  entzogen  ,  während  sich  aus  dem  gleichzeitig  ent- 
stechenden Eisenoxydulbicarbonat  in  Folge  der  Gegenwart  von 
Sauerstoff  Brauneisenstein  ausschied,  auf  welchem  die  dem 
Muttermineral  entführten  erdigen  Carbonate  als  schwach 
magnesiahaltiger  Kalkspath  wieder  auskrystailisirten. 

Varietäten  der  Ganggranite.  Besteht  auch  die 
Ausfüllungsmasse  der  granitischen  Gänge  des  Grauulitgebiets 
in  bei  Weitem  den  meisten  Fällen  aus  den  Gemengtheilen  des 
normalen  Granits,  also  aus  viel  Orthoklas,  wenig  Oligo- 
klas,  Quarz  und  Glimmer,  so  fehlt  doch  das  zuletzt  genannte 
Mineral  zuweilen  vollkommen ,  oder  wird  durch  ein  anderes 
ersetzt,  so  dass  auf  diesem  Wege  gewisse  ziemlich  hervor- 
stechende Gesteinsmodificationen  erzeugt  werden.  So  entsteht 
in  gewissen  Gangen  bei  Wolkenburg  und  Amerika  durch 
Zurücktreten  des  Glimmers  ein  feinkörniges,  ausserordentlich 
gleichmässiges  und  constantes  Gemenge  von  Orthoklas  und 
Quarz,  also  Halbgranit,  ferner  durch  theil weise  oder  gänz- 
liche Stellvertretung  des  Glimmers  von  Seiten  des  Turmalins 
eine  Art  Turmalingranit,  ein  grobkörniges  Aggregat  von 
lichtfleischrothem  Orthoklas ,  grossen  Körnern  von  stark  glän- 
zendem Quarz  und  federkielstarken  kürzeren  oder  längeren 
Säulen  von  schwarzem  Turmalin,  welche  alle  in  etwa  gleicher 
Menge  vorhanden  sind.  Namentlich  schön  ist  dieser  Tur- 
malingranit in  einem  Bahneinschnitte  an  der  Nordseite  von 
Friedemannsklippe  im  Muldethal  vorgekommen.  Ferner  könnte 
man  dort,  wo  die  Gangausfüllungsmasse,  wie  unterhalb  Ame- 
rika, von  sehr  reichlichem ,  lichtgrünem  Oligoklas ,  rothem 
Orthoklas  ,  wenig  Quarz  und  schwärzlich  braunem  Magnesia- 
glimmer gebildet  wird,  während  Kaliglimmer  fehlt,  nebeu  dem 
normalen  Granit- Aggregat  einen  Granitit  unterscheiden,  um 
eine  wenn  auch  sehr  variable  Modifikation  der  granitischen 
Gänge   zu  bezeichnen.      Endlich   nehmen  letztere  auch  voll- 


w      :  - 

I 

kommen  den  Charakter  des  Pegmatits  an;  dann  fällt  ihre  Be- 
schreibung dem  nächsten  Abschnitte  dieser  Arbeit  anheim. 

Structurverhältnisse.  Bei  ihrer  verhältnissmässigen 
Armuth  an  accessorischen  Bestandteilen  und  der  Seltenheit 
der  Mehrzahl  dieser  letzteren,  würde  sich  die  Combination  der 
eben  aufgezählten  wesentlichen  Cangmineralien  an  Hunderten 
von  Gängen  in  ermüdender  Einförmigkeit  wiederholen,  wenn 
nicht  durch  die  Mannigfaltigkeit  ihrer  Aggregationsweise  ab- 
wechslungsreiche, genetisch  hoch  interessante  Structurver- 
hältnisse hervorgebracht  würden,  welche  unseren  Granit- 
gängen den  Stempel  ihrer  Entstehung  auf  das  Unverkennbarste 
aufdrücken  und  sie  als  von  den  Gängen  der  Eruptivgranite 
anderer  Gegenden  durchaus  verschiedene  Gebilde  kennzeichnen, 
ohne  bis  jetzt  hervorgehoben  und  geologisch  ausgenutzt  wor- 
den zu  sein. 

An  den  granitischen  Gängen  des  Granulitgebirges  sind 
folgende  Structurformen  beobachtet  worden:  1)  die  massig- 
granitische,  2)  die  stengelige,  3)  die  symmetrisch-lagenförmige, 
4)  die  breccienartige,  5)  die  concentrisch-lagenförmige  (cocar- 
denartige),  6)  die  zellig- cavernöse  ,  7)  die  central  -  drusige 
Structur. 

1)  Die  massige,  für  echte  Granitgänge  so  charak- 
teristische Structur  findet  sich  rein,  also  ohne  wenigstens  mit 
Andeutungen  einer  der  übrigen  genannten  Aggregationsformen 
combinirt  zu  sein,  an  den  in  das  Gebiet  unserer  Beobachtung 
fallenden  granitischen  Gangbildungen  nur  selten.  Als  typisches 
Beispiel  mag  die  Beschreibung  eines  Ganges  folgen,  welcher 
im  Muldethal  an  der  granulitischen  Felswand  direct  unterhalb 
Amerika  nach  seinem  Streichen  aufgeschlossen  war.  Seine 
Längenerstreckung  ist  eine  nur  unbedeutende  und  beträgt  nicht 
mehr  als  12  bis  13  M. ,  indem  sich  der  Gang  in  beiden 
Richtungen  seines  Streichens  auskeilt.  Im  Querschnitte  besitzt 
er  eine  höchst  unregelmässige  Gestaltung.  Bei  einer  vorwiegen- 
den Mächtigkeit  von  8  bis  10  Cm.  bläht  sich  bald  seine  han- 
gende, bald  seine  liegende  Grenzfläche  zu  welligen  oder  kuppei- 
förmigen Weitungen  auf,  wodurch  eine  Maximalmächtigkeit 
von  15  bis  18  Cm.  erreicht  wird.  Ausserdem  sendet  er  nach 
diesen  beiden  Richtungen  einige  sich  nach  kurzem  Verlaufe 
auskeilende  Trümer  ab,  wird  zu  mehreren  Malen  aus  seiner 
tlauptrichtung  von  Klüften  abgelenkt  und  umschliesst  hier  und 


132 


da  ein  von  der  Spaltenwandung  losgebrochenes  Fragment 
seines  Nebengesteins.  Die  Ausfüllungsmasse  dieses  Ganges 
besteht  aus  einem  granitischen,  prachtvoll  grobkrystallinischen 
Gemenge  von  fleischfarbigem  Orthoklas,  viel  lichtgrünem  Oli- 
goklas  mit  1,5  bis  3  Cm.  grossen,  glänzenden,  zart  zwillings- 
streifigen  Spaltungsflächen ,  grauen  ,  glasigen  Quarzkörnern, 
grossen  z.  Th.  sechsseitigen  Tafeln  von  glänzend  schwarzem 
Magnesiaglimmer,  die  oft  bandartig  verzerrt  sind  und  endlich 
selteneren  kleinen  Blättchen  von  silberweissem  Kaliglimmer. 
Die  Orthoklasindividuen  haben  nicht  selten  Krystallgestalt  und 
geben  je  nach  der  Richtung  des  Gesteinsbrucbes  breite  sechs- 
seitige oder  schmalere  leistenförmige  Durchschnitte,  nicht  selten 
mit  Carlsbader  Zwillingsverwachsung.  Grössere  Spaltungs- 
individuen sind  oft  zart  schriftgranitisch  von  Quarz  durch- 
wachsen. An  besonders  engen  Partieeu  des  Ganges  und  in 
den  Nebentrümern  desselben  verschwindet  der  Orthoklas  gänz- 
lich oder  fast  vollkommen ,  so  dass  das  Gestein  eine  durch 
das  Vorwalten  des  Oligoklas  bedingte  lichtgrüne  Färbung 
erhält;  zugleich  aber  tritt  dadurch,  dass  sich  die  Glimmer- 
blätter rechtwinklig  auf  das  Salband  stellen ,  die  Andeutung 
einer  stengeligen  Structur  ein. 

Auch  im  Scheibenbruche  oberhalb  Penig  sieht  man 
granitische  Gänge  von  massiger  Structur  den  Granulit  durch- 
setzen. Sie  sind  ebenfalls  grobkrystallinisch  und  bestehen  aus 
vorwaltenden  2  bis  4  Cm.  grossen  Individuen  und  grossen 
Körnern  von  diesmal  s ch  n  eew  ei  s  s  e m  Orthoklas  und  derben 
Partieen  von  lichtgrauem  Quarz,  welche  aus  einem  klein- 
körnigen Gemenge  von  lichtgelblichem  Oligoklas,  Quarz- 
körnern, zahlreichen  aber  kleinen  Kaliglimmerschuppen  und 
einzelnen  Granatikositetraedern  porphyrartig  hervortreten.  Die 
mikroskopische  Untersuchung  dieses  wie  des  eben  beschrie- 
benen Ganggranits  ergiebt  ausser  dem  zu  betonenden  Reich- 
thum des  Quarzes  an  Flüssigkeitseiuschlüssen  nichts  Erwäh- 
nenswerthes.  Interessant  ist  die  Erscheinung,  dass  die  grossen 
Orthoklasindividuen  nicht  selten  geborsten  sind,  und  dass  sich 
auf  den  Wandungen  der  entstandenen  Risse  kleine  Gruppen 
von  Kaliglimmer,  sowie  klare  Quarzkryställchen  angesiedelt 
haben.  Häufiger  noch  sind  die  geborstenen  Feldspäthe  durch 
glasige  Quarzsubstanz,  wie  mit  einem  glänzenden  Firniss 
wieder  verkittet.     So  vollkommen  auch   die  massig-krystalli- 


irische  Structur  dieser  Gänge  erscheint,  so  neigt  sie  doch  be- 
reits dadurch  zu  symmetrisch  -  lagenförmiger  Ausbildung  hin, 
dass  das  Korn  der  granitischen  Gangmasse  nach  den  Sal- 
bändern zu  nicht  selten  bedeutend  gröber  ist,  als  in  der 
Centraizone. 

2)  Stengelige  Structur  nehmen  die  granitischen  Gänge 
dadurch  an,  dass  sich  ein  oder  mehrere  ihrer  Bestandtheile  un- 
gefähr rechtwinklig  oder  wenigstens  quer  auf  die  Salbänder 
stellen.  Namentlich  häufig  ist  dies  beim  Magnesiaglimmer 
der  Fall  (siehe  Fig.  14,  15  u.  18),  der  ganz  gewöhnlich  von 
den  Gangwandungen  aus  nach  der  Mitte  zu  angeschossen  und 
dann  fast  stets  in  dieser  Richtung  bandförmig  verlängert 
ist.  Bei  Gängen  von  geringer  Mächtigkeit  erreichen  und  be- 
gegnen sich  die  beiderseitigen  Glimmerlamellen,  wie  dies 
z.  B.  bei  einem  in  Fig.  14  Taf.  VII.  wiedergegebenen  Gange 
des  Chemnitzthaies  unterhalb  Diethensdorf  der  Fall  ist,  —  bei 
solchen  von  bedeutender  Mächtigkeit  hingegen  beschränken  sie 
sich  auf  die  randlichen ,  dem  Salbande  zunächst  liegenden 
Zonen ,  während  die  mittlere  Gangzone  echt  granitisch-körnige 
Structur  besitzt.  In  allen  diesen  sehr  häufigen  Fällen  haben 
die  Glimmertafeln  eine  zwar  auf  der  Gangwandung  ziemlich 
rechtwinklige,  aber  unter  sich  ordnungslose  und  wirre  Stellung 
inne,  —  es  zeigt  sich  jedoch  auch  die  interessante  Erschei- 
nung, auf  die  mich  zuerst  Herr  Dr.  Lehmann  aufmerksam 
machte,  dass  dieselben  nicht  nur  unter  sich,  sondern  auch  mit 
den  Glimmerschüppchen  des  benachbarten  Gneiss  -  Granulits 
parallel  stehen  ,  ja  auf  letzteren  in  der  Weise  aufgewachsen 
sind,  dass  sie  deren  Fortsetzung  bilden  (siehe  Fig.  15  Taf.  VII.). 
Man  hat  sich  dies  so  zu  erklären,  dass  die  im  Gneissgranulit 
aufgerissene  Spalte  mit  diesem  auch  die  für  ihn  charakteristi- 
schen, parallel  gelagerten  Glimmerblättchen  durchsetzte,  welche 
nun  im  Querschnitte  auf  den  Spaltenwandungen  sichtbar  wurden 
und  beim  Eintritt  von  Mineralsolutionen  den  Impuls  und  die 
Basis  für  eine  neue  Glimmerbildung  gaben,  mit  anderen  Worten 
in  der  Richtung  ihrer  früheren  Ausdehnung  weiter  fortwuchsen. 
Diese  Parallelität  der  Gangglimmertafeln  sowohl  untereinander, 
wie  mit  dem  Granulitglimmer  hat  zur  Folge,  dass  man  beim 
Zerschlagen  des  Ganges  in  der  Richtung  der  Nebengesteins- 
schichten wie  auf  diesen  letzteren  lauter  Glimmer,  aber  wenig 
Feldspath  und  Quarz,   hingegen  auf  dem  Bruche  rechtwinklig 


134 


darauf  wie  beim  Nebengestein  nur  die  zarten  ,  linsenförmigen 
Querschnitte  der  Glimmertafeln  und  zwischen  ihnen  viel  Quarz 
und  Feldspath  erblickt,  wie  dies  in  Fig.  15  Taf.  VII.  dar- 
gestellt ist. 

Bei  vielen  anderen  nur  wenige  Centimeter  mächtigen  Gan- 
gen, welche  vorwaltend  oder  ausschliesslich  aus  Feldspath  und 
Quarz  bestehen,  sind  diese  in  langen  parallelen  und  deshalb 
stengeligen  Individuen  unter  ziemlich  rechtem  Winkel  auf  den 
Spaltenwandungen  angeschossen.  Inmitten  der  Gangspalte 
mussten  sie  gegeneinander  stossen  und  bilden  hier  nicht*  selten 
eine  so  ausgesprochene,  im  Querschnitt  schwach  zickzackför- 
mige  Verwacbsungsfläche ,  dass  solche  Gänge  leichter  auf  ihr 
zerklüften,  als  sich  auf  den  Salbändern  vom  Nebengestein  los- 
lösen. In  einzelnen  Fällen  sind  die  in  stengeliger  Aggregation 
gegeneinander  wachsenden  Quarz  -  und  Orthoklas  -  Individuen 
in  der  Symmetrie-Ebene  zusammengestossen,  ohne  miteinander 
zu  verwachsen.  Dann  läuft  die  Mitte  des  Ganges  entlang  eine 
Fläche  vollkommener  Discontinuität ,  durch  welche  der  Gang 
in  zwei  gleiche  Hälften  zerfällt,  deren  Mineralindividuen  nach  der 
Centrainaht  zu  mehr  oder  weniger  verdrückte  Krystallenden 
tragen.  Solche  Aggregate  von  ausgezeichnet  stengeliger  Structur 
besitzen  die  auffälligste  Aehnlichkeit  mit  den  Quarz-Orthoklas- 
Incrustaten  auf  den  Porphyrgeröllen  des  Kohlenconglomerats 
von  Euba  bei  Chemnitz.  Diese  bestehen  gleichfalls  aus  lauter 
stengelig  gestellten  Orthoklas-  und  Quarz-Individuen  und  kön- 
nen auf  dem  Querbruche  nicht  unterschieden  werden  von  den 
oben  beschriebenen  querstengeligen  Granitgängen  des  Granulit- 
gebietes.  Sollten  die  Incrustate  zweier  einander  zugewandter 
Porphyrgeröll-Flächen  in  Folge  fortgesetzten  Wachsthums  zu- 
sammenstossen  ,  so  würde  genau  die  eben  geschilderte  Gang- 
erscbeinung  (nämlich  Quarz- Feldspath- Ausfüllung,  stengelige 
Structur  und  mittlere  Zuwachsnaht)  hervorgebracht  werden. 
An  der  bydrochemischen  Entstehung  der  Euba'er  Orthoklas- 
Quarz-Aggregate  zweifelt  heute  kein  Sachverständiger  mehr, 
warum  soll  man  zögern,  die  vollkommen  analogen  Verhältnisse 
in  den  Spalten  des  Granulitgebirges  in  gleicher  Weise  zu 
deuten?  Wie  dort  die  Porphyrgerölle,  so  lieferte  hier  das  gra- 
nulitische  Nebengestein  die  Quarz-  und  Feldspath-Substanz. 

Die  gewöhnliche  Zuwachsnaht  der  granitischen  Gänge 
wird   dadurch    noch    viel   auffälliger,  dass   ihr   zuweilen  eine 


135 


dünne  Lage  von  oft  über  Quadratzoll  grossen  schwarzbraunen 
Magnesiaglimmer-Tafeln  entspricht,  welche  sich  ununterbrochen, 
parallel  den  Salbändern  die  Mitte  des  Ganges  entlang  zieht 
(siehe  Fig.  8  Taf.  VII.).  Im  Querschnitt  eine  schwarze  Linie 
auf  meist  lichtgelblich  -  rothem  Grunde,  spaltet  auf  ihr  der 
Gang  unter  dem  Schlage  des  Hammers  und  zeigt  die  glänzend- 
schwarze Zusammenwachsungsfläche  der  beiden  Gangzonen. 
Nicht  immer  ist  es  dunkler  Magnesiaglimmer,  sondern  zuweilen 
auch  heller  Kaliglimmer,  welcher  sich  als  centrale  Schluss- 
bildung solcher  stengeligen  Gänge  vorfindet.  So  riss  neulich 
ein  Sprengschuss  einen  nur  4  Cm.  mächtigen  Granitgang  auf 
dieser  Fläche  seines  geringsten  Zusammenhaltes  in  zwei 
symmetrische,  natürlich  an  ihrem  Salbande  mit  dem  Neben- 
gestein verwachsene  Hälften  auseinander,  deren  vollkommen 
ebene  Oberflächen  bei  einer  Breite  von  1  M.  eine  Länge  von 
1,5  M.  besassen  und  dicht  mit  grossen,  lichtgelben,  metallglän- 
zenden Tafeln  von  Kaliglimmer  belegt  waren ,  so  dass  sie, 
obwohl  im  Querschnitt  nur  als  zarte  Linie  erscheinend,  wie 
Schichtenflächen  eines  grossblätterigen  Glimmerschiefers  aus- 
sahen. Neben  Glimmer  können  in  der  Ebene  der  Centrainaht 
auch  noch  Turmalinsäulen  liegen,  wie  dies  beispielsweise 
Fig.  9  Taf.  VII.  zeigt. 

Eine  sehr  häufige  Erscheinung  innerhalb  unserer  grani- 
tischen Gänge  ist  die  s  c  hr i  f t gr a  n  it i  s  ch  e  Structur,  wenn 
sie  auch  in  ihrer  typischen  Ausbildung  auf  die  Pegmatite  be- 
schränkt ist.  Wo  vorwaltender  Orthoklas  in  Vergesellschaf- 
tung mit  Quarz  ausschliesslich  einen  Gang  oder  eine  Gangzone 
zusammensetzt,  stellt  sich  sehr  gewöhnlich  eine  schriftgra- 
nitische  Durchwachsung  des  ersteren  von  Seiten  des  letzteren 
ein  und  zwar  meist  so,  dass  die  Quarzprismen  und  Lamellen 
quer  auf  den  Gangflächen  stehen. 

Endlich  können  auch  die  gesammten  mineralischen  Be- 
standteile der  granitischen  Gänge  lamellare  oder  stengelige 
Form  besitzen  und  sämmtlich  quer  auf  die  Salbänder  gerichtet 
sein;  es  ist  dies  bei  sehr  vielen  Orthoklas-,  Oligoklas-,  Quarz-, 
Magnesia-  und  Kaliglimmmer  -  haltigen  Gängen  von  geringer, 
seltener  bei  solchen  von  grösserer  Mächtigkeit  zu  beobachten. 
Sehr  instructive  Beispiele  der  letzteren  liefert  der  Bahneinschnitt 
an  der  Carls -Eiche  bei  Penig.  Hier  wird  der  Granulit  von 
mehreren  8  bis  10  Cm.  mächtigen  Gängen  durchsetzt,  welche 


136 


vorwaltend  aus  sehr  grosskrystallinischem,  dunkelfleischrothem 
Orthoklas  bestehen ,  dessen  Hauptblätterdurchgang  sich  quer 
durch  den  Gang  zieht  und  der  von  dünnen  Quarzlamellen 
durchschossen  ist,  welche  ungefähr  rechtwinklig  auf  den  Sal- 
bändern stehen.  Namentlich  deutlich  tritt  diese  Structur  an 
den  feinkörnigeren,  schmalen,  randlichen  Zonen  hervor.  In 
Folge  derartiger  Textur  sind  die  Gänge  quer  auf  ihre  Haupt- 
ausdehnung sehr  leicht  in  säulige  oder  quaderartige  Stücke  zu 
zerbrechen.  Dazu  kommt  noch,  dass  das  Ganze  von  den 
Salbändern  aus  von  zahlreichen  0,5  bis  1  Cm.  breiten ,  aber 
4  bis  8  Cm.  langen,  glänzendschwarzen,  bandförmigen  Glimmer- 
streifen durchzogen  ist.  Letztere  sind  zuweilen  geknickt  und 
an  dieser  Stelle  in  zwei  Stücke  zerbrochen ,  deren  Zusammen- 
hang vollständig  aufgehoben  ist.  Diese  Gänge  besitzen  aus- 
gezeichnete ,  3  bis  4  Mm.  starke  Salbänder  von  prachtvoll 
dunkelgrünem,  radialschuppigem  Chlorit. 

Recht  schön  ist  die  stengelige  Structur  auch  an  den  in 
grosser  Zahl  den  Glimmer  -  führenden  Granulit  am  Bahnhofe 
von  Wittgensdorf  durchschwärmenden  Trümern  ausgeprägt  und 
wird  hier  wesentlich  durch  die  auf  den  Salbändern  rechtwink- 
lige Stellung  der  silberglänzenden  Kaliglimmerblättchen  erzeugt. 
Durch  diese  ward  natürlich  auch  die  Wachsthumsrichtung  des 
Quarzes  und  Feldspaths  bedingt.  In  der  Centraizone  dieser 
Gänge,  aber  nur  in  dieser,  finden  sich  zuweilen  kleine  büsche- 
lige Partieen  und  einzelne  Säulen  von  Turmalin.  —  Diese 
leicht  zu  vermehrenden  Beispiele  mögen  genügen. 

3)  Symmetrisch  -lagenförmige  Structur  kann 
innerhalb  der  granitischen  Gangausscheidungen  des  Granulit- 
gebirges  durch  sehr  verschiedene  Mittel  hervorgebracht  werden. 
Ein  nicht  seltener  Fall  ist  es,  dass  sich  gewisse  Bestand- 
teile des  granitischen  Ganges  den  Salbändern 
parallel  lagern.  Seiner  tafelartigen  Form  wegen  ist  hierzu 
besonders  der  Glimmer  geneigt.  Es  ist  diese  Erscheinung 
bereits  von  Gängen  mit  stengeliger  Structur  beschrieben  wor- 
den, in  denen  unter  sich  und  den  Spaltenwandungen  parallele 
Glimmerblättchen  die  Centraizone  einnehmen ,  sie  kann  sich 
jedoch  auch  bei  solchen  von  granitisch  -  körnigem  Habitus 
wiederholen  und  giebt  Veranlassung ,  dass  sich  solche  Gänge 
symmetrisch  in  eine  hangende  und  liegende  oder  rechte  und 
linke  Zone  gliedern.     Aehnlich  wie  in  der  Mitte  des  Ganges 


137 


kann  sich  eine  derartige  Ansammlung  parallel  oder  langflaserig 
gelagerter  Glimmerblätter  auch  beiderseitig  nach  den  Salbän- 
dern zu  vollziehen. 

Complicirter  gestaltet  sieb  diejenige  Structurform,  wo  sym- 
metrische Gangzonen  durch  Wechsel  der  Textur,  ver- 
schiedene Korng rosse,  Vorwalten  bald  des  einen, 
bald  des  anderen  in  den  übrigen  Lagen  schwach 
vertretenen  Gemengtheils  erzeugt  werden.  Der  ein- 
fachste Fall  ist  der  bei  Besprechung  der  granitisch  -  massigen 
Gangstructur  bereits  erwähnte,  wo  sich  in  einem  massigen 
Gange  schmale  randliche  Zonen  mit  stengeliger,  durch  die 
Richtung  der  Glimmerblättchen  bedingter  Structur  einstellen. 
Nahe  damit  verwandt  ist  die  Erscheinung,  dass  die  seitlichen 
Zonen  vollkommen  glimmerfrei  sind  und  ausschliesslich  aus 
einem  grobkrystallinischen  Aggregat  von  röthlichem  Feldspath 
und  etwas  ,  oft  sebriftgranitisch  mit  ihm  verwachsenen  Quarz 
bestehen ,  wahrend  die  bei  Weitem  mächtigere  Centraizone 
einen  echt  granitischen  Habitus  besitzt  und  ausserordentlich 
reich  an  schwarzem  Glimmer  ist.  Von  zahlreichen  solchen 
Vorkommnissen  sei  der  Felswand  unterhalb  Amerika  in  Fig.  7 
Taf.  VII.  ein  Beispiel  entnommen. 

Während,  wie  gesagt,  Gänge,  bei  denen  die  Anzahl  der 
in  ihrer  Structur  verschiedenen  parallelen  Gangzonen  auf  drei 
beschränkt  ist,  ziemlich  häufig  anzutreffen  sind,  kommen  solche 
von  fünf-  und  selbst  siebenfacher  lagenförmiger  Gliederung 
seltener  vor.  So  durchsetzt  im  Chemnitzthale  ,  gegenüber  der 
Diethensdorfer  Spinnerei  ein  granitischer  Gang  von  40  Cm. 
Mächtigkeit  den  Granulit.  Fällt  seine  haarscharfe,  eben- 
flächige Begrenzung  bereits  beim  ersten  Anblick  auf,  so  zeigt 
sorgfältige  Untersuchung,  dass  er  aus  folgenden,  freilich  gegen- 
einander nicht  scharf  begrenzten  Gangzonen  besteht:  zwei 
randlichen  von  2  Cm.  Dicke ,  reich  an  den  Salbändern  an- 
nähernd parallel  gelagerten  schwarzen  Glimmerblättchen;  zwei 
nach  Innen  zu  darauf  folgenden  Zonen  von  äusserst  feinkörni- 
gem, röthlichem  Granit  und  einer  Centraizone  von  sehr  grob- 
krystalliniscbem  ,  fleischrothem  Orthoklas  mit  grossen  schwar- 
zen Glimmertafeln. 

Siebenfache  Zonenbildung  weist  ein  fast  einen  halben 
Meter  mächtiger  Gang  im  Granulit  an  der  Strasse  nach  dem 
Bahnhof  von  Wittgensdorf  auf  (siehe  Fig.  21  Taf.  VIT.).  Seine 


138 


an  die  Salbänder  grenzenden  Zonen,  also  a,  bestehen  aus 
einem  mittelkörnigen  granitischen  Aggregat  von  weisslichem 
Orthoklas,  Quarz,  weissem  Kali-  und  schwarzem  Magnesia- 
glimmer. ■  Auf  sie  folgt  (b)  eine  Zone  von  grossen  schwarzen 
Glimmertafeln  in  vorwaltendem  röthlichem  Orthoklas,  welche 
erstere  strahlig  nach  Innen  divergiren  und  augenscheinlich  auf 
der  Oberfläche  der  älteren  granitischen  Lage  a  angeschossen 
sind.  Die  dritten  Zonen  (c)  zeichnen  sich  durch  Gruppen  von 
radialstrahligen,  weissen  Kaliglimmertafeln  aus,  die  ebenfalls 
auf  der  Oberfläche  der  vorigen  Lage  wurzeln,  während  die 
Centraizone  d  durch  ein  echt  granitisch-körniges  Gemenge  von 
Quarz ,  Feldspath  und  weissem  Glimmer  gebildet  wird. 

Kann  mau  schon  bei  den  oben  beschriebenen  Fällen  nicht 
daran  zweifeln,  dass  diese  granitischen  Gänge  vollkommen 
analog  jedem  Erzgange  durch  Auskrystallisiren  der  bis  dahin 
in  Lösung  befindlichen  Mineralsubstanzen  an  den  jeweiligen 
Wandungen  der  allmälig  zuwachsenden  Spaltenräume  entstanden 
und  nicht  etwa  aus  Gluthfluss  erstarrte  Injectionen  sind,  so 
erlaubt  der  Aufbau  eines  leider  seit  einiger  Zeit  der  Beobach- 
tung entzogenen  granitischen  Ganggebildes  an  der  mehrfach 
erwähnten  Felswand,  direct  unterhalb  Amerika,  überhaupt  kaum 
einen  Einwurf  gegen  die  Behauptung  seines  hydrochemischen 
Ursprungs.  Ein  Gangstück  dieses  interessanten  Vorkomm- 
nisses ist  in  Fig.  24  Taf.  VII.  dargestellt.  Die  hier  gegebene 
Zeichnung  wurde  etwa  einen  Monat  nach  ihrer  Aufnahme  einer 
nochmaligen  strengen  Vergleichung  mit  dem  Aufschlüsse  unter- 
worfen, ohne  dass  sich  irgend  welche  wesentlichen  Verände- 
rungen nöthig  gezeigt  hätten.  Der  betreffende  Gang  durchsetzt 
unter  steilem  Fallwinkel  mit  scharfen  Salbändern  in  einer 
Mächtigkeit  von  45  bis  50  Cm.  den  lichtgraublauen,  etwas 
Glimmer  führenden  Granulit  des  Muldethals  und  gliedert  sich 
in  7,  ja  wenn  man  will,  in  11,  z.  Th.  scharf  gegeneinander  ab- 
schneidende, z.  Th.  miteinander  innig  verwachsene,  stellenweise 
etwas  verschwommene  Gangzonen.  Von  den  Gangwandungen 
ausgehend  sind  es  folgende:  a)  röthlich-gelblicher ,  grobkry- 
stallinischer  Orthoklas  mit  wenig  Quarz ,  aber  ziemlich  viel 
Glimmertafeln ,  welche  annähernd  rechtwinklig  auf  den  Sal- 
bändern stehen,  etwa  2  Cm.  mächtig;  b)  sehr  feinkörniges 
granitisches  Aggregat,  1  bis  3  Cm.  mächtig;  c)  grobkrystalli- 
nischer,  lichtrötblicher  Orthoklas  mit  kleinen  Quarzkörnern, 
I 


durchschossen  von  grossen  schwarzen  Glimraertafeln.  Diese 
beiderseitigen  wesentlich  aus  Feldspath  bestehenden  symme- 
trischen Zonen  haben  jedenfalls  längere  Zeit  hindurch  die 
Wandungen  eines  spaltenförmigen  Drusenraumes  gebildet,  denn 
ihr  Feldspathmaterial  ist  nach  dem  Innern  zu  in  grossen  Indi- 
viduen auskrystallisirt,  welche  sich  jetzt,  nachdem  die  Drusen- 
spalte von  einem  dunklen,  feinkörnigen  Granit  ausgefüllt  ist, 
in  hellen  Flächen  mit  scharfen  Conturen  aus  dem  dunklen 
Grunde  hervorbeben  Diese  ihre  Krystallenden  der  Centrai- 
zone zuwendenden  Orthoklaskrystalle  besitzen  ziemlich  be- 
trächtliche Dimensionen;  so  maass  an  einem  derselben  P  im 
Querbruch  parallel  dem  Klinopinakoide  4  Cm.  Die  zwischen 
den  beiden  Krystallwänden  von  c  befindliche  mittlere  Gang- 
zone d  wird  von  einem  düsteren ,  feinkörnig  -  granitischen 
Aggregat  von  rötblichem  Orthoklas,  grauem  Quarz  und  ver- 
hältnissmässig  viel  schwarzem  Glimmer  gebildet.  Die  Täfel- 
chen des  letzteren  zeigen  zuweilen  das  Bestreben,  sich  in 
Flächen  anzuordnen,  welche  denen  der  hervorragenden  Ortho- 
klaskrystalle parallel  liegen  und  deren  P  und  x  haubenförmig 
überschirmen,  wie  solches  in  unserer  Zeichnung  im  Quer- 
schnitt wiedergegeben  ist.  Verwandt  damit  ist  die  Erschei- 
nung, dass  sich  nahe  jeder  der  beiderseitigen  Grenzen  dieser 
granitischen  Centraizone  ein  besonders  glimmerreicher  und 
dadurch  dunklerer  Streifen  hinzieht,  dessen  welliger  Verlauf 
den  durch  hervorspringende  Orthoklaskrystalle  bewirkten  Un- 
ebenheiten seiner  Grenzflächen  entspricht.  Durch  diese  zwei 
dunklen  Streifen  gliedert  sich  die  Centraizone  wiederum  in 
drei  Felder,  so  dass  sich  auf  dem  Querbruche  dieses  interes- 
santen Ganges  im  Ganzen  11  Zonen  und  zwar  4  sich  jeder- 
seits  wiederholende  paarige  und  eine  centrale  unpaarige  unter- 
scheiden lassen. 

Während  die  bisher  betrachteten  Gangvorkommen  symme- 
trisch-lagenförmige  Gangstructur  nur  der  zonenförmigen  Ver- 
änderung der  Textur  und  den  wechselnden  Mengungsverhält- 
nissen  des  Gangmaterials  verdanken,  kann  diese  Structur- 
erscheinung  in  noch  deutlicherer  Gestalt  durch  totale  Sub- 
stanzverschiedenheit  einzelner  Lagen  hervorgebracht 
werden. 

Der  einfachste  der  hierher  gehörigen  Fälle  ist  der,  dass 
die  beiden  randlichen  Lagen  aus  Feldspath  mit  einzelnen  Glim- 


140 


merschüppchen  bestehen,  während  die  Gangmitte  von  derbem, 
glasigem  Quarz  eingenommen  wird.  Auch  hier  stellt  sich  die 
bereits  oben  geschilderte  Erscheinung  ein,  dass  die  nach  innen 
gerichteten  haarscharfen  Begrenzungsflächen  der  Feldspath- 
zonen  die  Querschnitte  von  Krystallen  zeigen  (siehe  Fig.  12 
Taf.  VII.),  also  einstigen  Drusenwandungen  entsprechen,  so 
dass  wir  hier  innerhalb  granitischer  Gangbildungen  auf  eine 
Wiederholung  der  in  den  Bleierzgängen  des  Oberharzes  nicht 
seltenen  geschlossenen  drusenförmigen  Structur*) 
stossen.  Aehnlichen,  jedoch  etwas  complicirteren  Aufbau  be- 
sitzen gewisse  Gänge  aus  dem  Muldethal  unterhalb  Wolken- 
burg (siehe  Fig.  18  Taf.  VII.).  Bei  einer  Mächtigkeit  von 
4  bis  6  Cm.  gliedern  sie  sich  ebenfalls  in  je  eine  randliche 
und  eine  mittlere,  also  in  drei  und  zwar  scharf  von  einander 
getrennte  Lagen.  Die.  ersteren  bestehen  aus  lichtröthlichem 
Orthoklas,  hellgrünlichem  Oligoklas,  etwas  Quarz  und  schwar- 
zem Glimmer,  dessen  Tafeln  von  den  Salbändern  aus  ange- 
schossen sind  und  deshalb  eine  stengelige  Structur  der  beiden 
Zonen  hervorbringen.  Besonders  dicht  stehen  sie  direct  an  den 
Ganggrenzen,  sind  aber  dann  sehr  kurz,  während  sich  einzelne 
grössere  Tafeln  über  deren  Niveau  erheben  und  bis  an,  ja  bis 
in  die  Centraizone  ragen.  Letztere  aber  wird  -von  reinem, 
derbem,  splittrigem  Quarze  gebildet.  Ganz  ähnliche  Gang- 
gebilde sind  noch  von  anderen  Fundpunkten  aus  dem  Granulit- 
gebiet  bekannt.  Bei  einem  derselben,  ebenfalls  von  Wolken- 
burg, geht  die  beiderseitige  granitische  Zone  durch  Ueberhand- 
nehmen  des  Quarzes  in  eine  rein  quarzige  Centraizone  über. 
Solche  Vorkommnisse  sprechen  von  selbst  für  ihre  hydroche- 
mische  Genesis. 

Dem  Quarze  ganz  analog  kann  sich  Turmalin  in  der 
Gangmitte  einstellen.  Es  ist  dies  eine  sowohl  bei  Gängen  mit 
echt  granitischer,  wie  bei  solchen  mit  stengeliger  Structur  sehr 
häufige  Erscheinung.  Dann  bildet  der  stets  schwarze  Turmalin 
einzelne  Strahlen,  strahlige  Bündel  oder  büschelige  Nester, 
deren  Hauptausdehnung  der  Gangfläche  parallel  läuft,  wie  wir 
dies  in  ähnlicher  Weise  bereits  früher  von  den  Glimmertafeln 
kennen  gelernt  haben.  Seltener  tritt  auschliesslich  schwarzer 
Turmalin  in  Form  einer  selbstständigen  Centraizone  auf.  Dann 


*)  v.  Gu uDDiiCK,  diese  Zeitsehr.  1866.  Bd.  XVIII.  pag.  744. 


ereignet  es  sich  wohl ,  dass  diese  durch  eine  Median  ebene 
wiederum  in  zwei  Lagen  getheilt  wird,  deren  radialfaserige 
Structur  darauf  hinweist,  dass  das  Wachsthum  der  Turmalin- 
individuen  von  der  Drusenwandung  aus  nach  der  Mitte  zu  vor 
sich  ging,  wo  sie  bei  erfolgendem  Zusammenstoss  die  erwähnte 
Centrainaht  erzeugten. 

Nicht  nur  jedes  für  sich  allein,  auch  vereint  treten 
Quarz  und  Turmalin  inmitten  zweier  echt  granitischen  Rand- 
lagen auf  und  bilden  hier  entweder  eine  zusammenhängende 
parallelwandige  Zone,  in  welcher  der  Turmalin  wiederum  auf 
die  Mitte  beschränkt  ist  (z.  B.  Fig.  16  und  17  Taf.  VII.), 
oder  sie  bilden  ein  System  von  in  der  Symmetrie -Ebene  des 
langes  liegenden  isolirten  ,  unregelmässig  gestalteten  Nestern 
von  Quarz  mit  Bündeln  grosser  schwarzer  Turmalinsäulen, 
nicht  selten  mit  Drusenräumen  und  diese  mit  Krystallen  ein- 
fachster Form,  —  Vorkommnissen,  welche  durch  Fig.  11  u.  13 
Taf.  VII.  illustrirt  werden.  Häufig  ist  dann  der  röthliche  Ortho- 
klas und  der  graue  Quarz  der  randlichen  Zone  schriftgranitisch 
ausgebildet.  Auch  können  letztere  selbst  wieder  eine  symme- 
trisch-lagenförmige  Structur  besitzen ,  in  denen  sich  am  Sal- 
bande  stengelige,  nach  der  Mitte  zu  massig-körnige  und  dann 
schriftgranitische  Structur  einstellt,  wie  dies  z.  B.  bei  Gängen 
im  Granulit  von  Markersdorf  und  Rochsburg  beobachtet  wurde. 

Endlich  können  sich  zum  weissen  Quarz  und  schwarzen 
Turmalin  noch  fleischrother  Orthoklas  und  weisser  Kaliglimmer 
gesellen,  um  ein  grosskörniges  Aggregat  von  nuss-  bis  faust- 
grossen  Partieen,  federkieldicken  Säulen  und  über  quadratzoll- 
grossen  Tafeln,  also  einen  Pegmatit  zu  bilden  und  oft  die 
mittlere  Hauptmächtigkeit  des  Ganges  einzunehmen,  während 
die  seitlichen  Zonen  von  kleinkörnigem ,  stengeligem  oder 
lagenförmig  gesondertem  granitischem  Material  gebildet  werden. 
In  Fig.  19  und  20  Taf.  VII.  sind  solche  Gänge  dargestellt 
und  in  den  zugehörigen  Erklärungen  erläutert.  Nur  aus  dem 
Markersdorfer  Gange  (Fig.  20)  sei  noch  folgende,  in  gene- 
tischer Beziehung  nicht  uninteressante  Erscheinung  beschrieben: 
In  derselben  treten  Drusenräume  auf,  deren  Wandungen  von 
Quarz  und  dunkelfleischrothem  Orthoklas  gebildet  werden.  Die 
Oberfläche  des  letzteren  ist  z.  Th.  bedeckt  von  einer  zusam- 
menhängenden, mehrere  Millimeter  starken  Kruste  von  Albit, 
über  welche  sich  wiederum  ein    noch  jüngeres  Incrustat  von 


142 


jenen  zu  lauter  dünnen  Laraellen  zerschnittenen  Quarzen  aus- 
dehnt, welche  bereits  auf  Seite  128  Erwähnung  gefunden 
haben.  Die  einzelnen  Quarzlamelleu  bestehen  entweder  aus 
mehreren  seitlich  verwachsenen  Individuen,  die  jedoch  sämmt- 
lich  lamellar  verzerrt  sind,  und  erscheinen  dann  oben  palli- 
saden-  oder  zinnenartig  gezackt,  oder  aber  sie  bestehen  jedes- 
mal aus  nur  einem  Individuum ,  dessen  Pyramidenspitze  zu 
einer  unverhältnissmässig  langen  Kante  ausgezogen  ist.  Die 
Endflächen  dieser  Lamellen  sind  ausserordentlich  glänzend  und 
scharf  ausgebildet,  die  seitlichen  zwar  gleichfalls  eben,  aber 
matt.  Von  diesen  Quarzblättern  läuft  jedesmal  eine  Anzahl 
parallel  nebeneinander  her,  bis  sie  von  einer  anderen  Gruppe 
ähnlicher  Lamellen  geschnitten  werden.  Die  trennenden 
Zwischenräume  zwischen  je  zwei  Blättern  sind  oft  nur  papier- 
düun  ,  aber  bis  4  oder  5  Cm.  lang.  Es  lässt  sich  nicht  ver- 
kennen ,  dass  sie  früher  von  einer  festen,  in  Blättern  ange- 
schossenen Substanz  eingenommen  wurden  ,  dass  dann  die 
Hohlräume  zwischen  diesen  vom  Drusengrunde  aus  durch  in 
die  Höhe  wachsenden  Quarz  ausgefüllt  und  dann  die  ursprüng- 
lichen Blätter  weggelaugt  wurden,  so  dass  statt  ihrer  tiefe 
Einschnitte  in  der  Ausfüllungsmasse  zurückblieben,  welche 
letztere  nun  wie  zersägt  aussieht.  Die  verschwundenen  Blätter 
waren  jedenfalls  Glimmer.  So  erklärt  sich  auch  der  Umstand, 
dass  die  einander  zugewandten  Seiten  je  zweier  benachbarter 
Quarzlamellen  stets  parallel  sind,  was  bei  der  beiderseitigen 
Begrenzung  jeder  einzelnen  Lamelle  nicht  immer  der  Fall  ist. 
Diese  Erscheinung  erinnert  uns  an  die  Seite  115  beschriebene 
Basisfläche  gewisser  Quarze  von  Rochsburg.  An  beiden  Punkten 
hat  sich  der  nämliche  Vorgang  wiederholt,  nur  dass  in  dem 
eben  behandelten  Falle  die  Quarze  parallel  den  Glimmer- 
blättern gewachsen  sind  und  dadurch  eine  unnatürliche  seit- 
liche Begrenzung  erhielten,  während  bei  Rochsburg  die 
Quarze  bei  ihrem  Wachsthum  mit  ihrer  Spitze  quer  vor  eine 
Glimmertafel  stiessen  und  eine  unnatürliche  Endfläche  aus- 
bildeten. 

Andeutungen  der  oben  beschriebenen  symmetrisch  -  Iagen- 
förmigen  Structur  dürfte  man  in  den  wenigsten  granitischeu 
Gängen  des  Granulitgebietes  vermissen,  doch  ist  sie  auch  von 
G.  vom  Rath  an  den  analogen  Gängen  von  Elba*)    und  von 


*)  Diese  Zeitschr.  1870.  pag.  646. 


143 


Sterbt  Hunt  an  denen  der  neuenglischen  Staaten*)  beschrie- 
ben worden,  also  jedenfalls  eine  ziemlich  allgemeine  Erschei- 
nung. Ist  man  gezwungen,  dieselbe  in  Gemeinschaft  mit  der 
stengeligen  Structur  als  ein  Criterium  für  hydrochemiscbe  Ent- 
stehungsweise aufzufassen,  wie  es  z.  B.  bei  Erzgängen  ganz 
allgemein  geschieht,  so  wird  die  grosse  Zahl  der  bisher  als 
Eruptivinjectionen  betrachteten '  Granitgänge  sehr  beträchtlich 
reducirt  werden  müssen. 

4)  Brec  ci  e  n  artig  e  Structur  entsteht  dadurch,  dass 
sich  der  granitische  Gang  in  sehr  zahlreiche,  oft  rechtwinklig 
voneinander  ablaufende  Trümer  zerschlägt,  die  wiederum  durch 
Quergeäder  unter  sich  verbunden  sind ,  so  dass  sie  unregel- 
mässig gestaltete,  scharfkantige  Fragmente  des  granulitischen 
Nebengesteins  umschliessen  und  miteinander  verkitten.  Eine 
derartige  Durchäderung  des  Granulits  durch  ausgezeichnet  kör- 
nigen Granit  findet  z.  B.  in  dem  Bruche  an  der  Kriebethaler 
Brücke  über  die  Zschopau  statt ,  wo  ausserdem  der  Granit  in 
seiner  Centraizone  reich  an  Turmalinbündeln  und  kleinen 
Drusenräumen  ist. 

5)  Cocardenartige  Gang  structur  geht  aus  der 
Combination  der  breccienartigen  und  stengelig  -  lagenförmigen 
Structur  hervor.  Sie  ist  selten,  liess  sich  aber  in  besonderer 
Schönheit  in  einem  Steinbruche  am  Bahnhofe  von  Wittgensdorf 
beobachten.  Ein  Handstück  dieses  Vorkommens  ist  in  Fig.  22 
Taf.  VII,  bildlich  dargestellt.  Ein  granitischer  Gang  zerschlägt 
sich  hier  in  so  zahlreiche  Trümer,  dass  der  dünn-  und  scharf- 
geschichtete glimmerführende  Granulit  von  granitischem  Geäder 
völlig  durchschwärmt  ist  und  eine  breccienartige  Ausbildung 
erhalten  hat.  Jedes  dieser  Granulitfragmente  sehen  wir  nun 
rings  umhüllt  von  einer  schmalen  0,5  bis  1  Cm.  breiten  Zone 
von  deutlichst  stengeligem  Orthoklas ,  Quarz  und  Glimmer, 
während  die  Centraizone  jedes  Granittrumes  ein  ausgezeichnet 
körniges  Gefüge  besitzt.  Dadurch  entsteht  eine  im  Querbruche 
des  Gesteins  dem  Ringelerze  des  Oberharzes**)  nicht  unähn- 
liche, wenn  auch  bei  Weitem  nicht  so  scharf  ausgeprägte 
Cocardenstructur.     Da  diese   Gesteinsfragmente  allseitig  von 


*)  Amer.  Journ.  1871.  I.  pag.  89  u.  185. 
**)  v.  Groddkck,   diese  Zeitschr.  1866.  pag.  737  u.  743.  Taf.  XVI. 
Fig.  7-19. 


144 


Gangmineralien  umgeben  sind,  also  vollkommen  frei  in  der 
Grundmasse  schweben,  so  müssen  sie  ursprünglich  nur  in 
losem  Zusammenhang  mit  den  Gangwandungen  stehend,  durch 
die  Krystallisationskraft  der  in  zarten  Klüften  zwischen  ihnen 
und  dem  festen  Nebengestein  anschliessenden  Gangmineralien 
allmälig  mehr  und  mehr  in  den  Gangraum  gehoben  und  hier 
bis  zu  allseitiger  Umhüllung  festgehalten  worden  sein.  Den 
beschriebenen  in  vieler  Beziehung  ähnlich  sind  die  Structur- 
verhältnisse  des  bekannten  Kohlenconglomerats  von  Euba  bei 
Chemnitz,  dessen  bis  kopfgrosse  Porphyrgerölle  überall  dort, 
wo  offene  Lücken  den  nöthigen  Raum  boten,  von  einem  radial- 
stengeligen  Incrustat  von  Orthoklas  und  Quarz  überzogen  sind. 

6)  Zell  ig-  c  a  v  ern  Öse  Structur  wurde  nur  an  einem 
einzigen  granitischen  Gange  des  Granulitgebiets  beobachtet, 
aber  an  diesem  in  so  ausgeprägter  Weise,  dass  der  Begriff, 
den  man  gewöhnlich  mit  dem  Worte  Granit  verbindet,  nämlich 
der  einer  gleichmässig  körnigen ,  massiven  Gesteinsmasse, 
durchaus  verloren  geht.  Dieser  Gang,  auf  welchen  ich  zuerst 
von  Herrn  Dr.  Lehmann  aufmerksam  gemacht  wurde,  ist  in 
nördlicher  Richtung  von  Markersdorf  bei  Burgstädt  durch  einen 
Steinbruch  aufgeschlossen,  welcher  die  Gewinnung  eines  den 
Granulit  durchsetzenden  Granits  zum  Zweck  hat.  Letzterer 
ist  ein  normales,  festes,  mittelkörniges  Gemenge  seiner  ge- 
wöhnlichen Bestandteile  und  besitzt  in  Folge  seines  Reich- 
thums an  kleinen  Glimmerblättchen  und  der  lichtgraulichweissen 
Farbe  seines  Feldspaths  eine  graue  Färbung.  Ihn  durchsetzt 
jener  granitische  Gang,  der  wegen  seiner  zellig- cavernösen 
Structur,  sowie  wegen  einer  Reihe  anderer  interessanter  Er- 
scheinungen unsere  ganz  besondere  Aufmerksamkeit  verdient. 

Derselbe  steht  vertical ,  besitzt  eine  Mächtigkeit  von 
4  Decim.,  wird  von  vollkommen  ebenflächigen,  einander  durch- 
aus parallelen  Salbändern  begrenzt  und  hebt  sich  in  Folge 
dessen,  sowie  seiner  fleischrothen  Farbe  auf  das  schärfste  von 
seinem  grauen  Nebengesteine  ab,  von  dessen  glatten,  ebenen 
Ppaltenwandungen  er  sich  mit  Leichtigkeit  loslöst.  Im  Con- 
tact  mit  ihm  hat  der  benachbarte  Granit  seine  Festigkeit  ver- 
loren und  sich  in  einen  mulmig  -  lockeren  Gruss  verwandelt. 
Diese  Zersetzung  erstreckt  sich  von  den  Salbändern  aus  bis 
zu  einer  Entfernung  von  15  bis  18  Cm.,  wo  jedoch  horizontale 
Klüfte  das  Nebengestein   durchsetzen   und  bis  zu  dem  grani- 


145 


tischen  Gange  reichen,  wie  dies  in  kurzen  Zwischenräumen 
übereinander  der  Fall  ist,  folgt  ihnen  die  Zersetzung  mehrere 
Meter  weit  in  das  feste  Gestein  hinein.  Unser  granitischer 
Gang  kommt  demnach  mit  dem  frischen  Nebengestein  nirgends 
in  Berührung ,  sondern  ist  von  ihm  durch  eine  Zone  von  zer- 
setztem Granit  getrennt. 

Der  granitische  Gang  selbst  repräsentirt  ein  mittel- 
körniges Aggregat  von  vorwaltenden  weissen  bis  lichtfleisch- 
rothen  Orthoklasindividuen,  grauen  Quarzkörnern  und  weissen 
bis  lichtgrünlichen  Blättchen  von  Kaliglimmer.  Schon  als 
Bestandtheile  dieses  Aggregats  zeigen  die  Feldspäthe  eine 
ausserordentliche  Neigung  zur  Ausbildung  ihrer  Krystallgestalt. 
In  Folge  davon  sind  die  einzelnen  Gemengtheile  weniger  innig 
mit  einander  verwachsen,  wie  es  bei  den  echten  Graniten  der 
Fall  ist.  Stellenweise  liegen  die  Feldspathindividuen  ähnlich 
wie  künstliche  Praecipitate  aus  wässerigen  Lösungen  durch- 
und  nebeneinander,  und  sind  nur  locker  verbunden,  ohne  dass 
die  kleinen,  von  den  gegeneinander  geneigten  Flächen  meh- 
rerer benachbarter  Krystalle  gebildeten  Lücken  stets  vollkom- 
men ausgefüllt  wären.  Das  Gestein  besitzt  deshalb  einen 
verhaltnissmässig  nur  geringen  Zusammenhalt,  und  ist  stellen- 
weise so  bröckelig,  dass  man  Scherben  desselben  leicht  zer- 
brechen kann  und  dass  unter  dem  Hammerschlage  verhältniss- 
mässig  bedeutende  Quantitäten  von  Grus  abfallen.  Dazu  kommt 
noch,  dass  die  ganze  Gesteinsmasse  von  isolirten  oder  mit- 
einander in  Zusammenhang  stehenden,  rundlichen  oder  un- 
regelmässig verzerrten,  kluftartigen  oder  aufgeblähten,  sich 
verzweigenden  oder  rings  abgeschlossenen,  millimetergrossen 
bis  decimeterlangen  drusigen  Hohlräumen  durchzogen  wird, 
auf  deren  Rechnung  l  bis  \  des  vom  Gestein  eingenommenen 
Raumes  zu  setzen  ist.  Das  Gestein  erhält  dadurch  eine  aus- 
gezeichnet zellig-drusige  Structur.  Die  Wandungen  dieser  Hohl- 
räume werden  gebildet  von  den  in  ihnen  zu  freier  Krystalli- 
sation  gelangten  Gesteins  -  Bestandtheilen ,  so  namentlich  von 
kleinen  Orthoklasen  schärfster  Krystallgestalt,  deren  Anzahl 
man  an  den  vorliegenden  Handstücken  auf  mehrere  Tausend 
veranschlagen  kann.  Zwischen  ihnen ,  sie  zwar  an  Grösse 
überragend,  aber  an  Zahl  stark  zurücktretend:  Quarze,  die 
nicht  selten  —  fast  der  einzige  mir  bekannte  Fall  in  den 
gesammten  granitischen  Gängen  des  Granulitgebirges,  —  ausser 
Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1.  10 


146 


einem  spitzen  Rhomboeder,  Rhomben-  und  Trapezflächen  auf- 
weisen; endlich  Tafeln  von  Kaliglimmer.  Sie  besitzen  na- 
türlich gleiches  Alter  wie  die  Gesteinsmasse  selbst,  da  sie 
nichts  sind  ,  als  dessen  zu  freier  Krystallisation  gelangte  Ge- 
mengtheile.  Zu  ihnen  gesellen  sich  noch  Turmalinkryställcben 
und  einem  späteren  Bildungsprocesse  angehörige  Albite.  Diese 
einzelnen  Mineralien  bieten  jedoch  so  viele  interessante  Er- 
scheinungen, dass  wir  sie  specieller  betrachten  müssen. 

Die  Orthoklaskryställchen  haben  meist  nur  eine 
Grösse  von  0,3  bis  0,5,  seltener  eine  solche  von  1  Cm.,  sind 
im  Innern  weiss,  gewöhnlich  mit  einem  Stich  in's  Röthliche, 
oft  aber  auf  ihrer  Oberfläche  von  einem  hauchartigen  Ueberzug 
von  ziegelrothem  Eisenoxyd  bedeckt.  Es  sind  flächenarme 
Gestalten,  gebildet  von  Prisma,  Klinopinakoid ,  Basis,  Ortho- 
doma  x,  zuweilen  auch  y  (in  welchem  Falle  jedoch  x  stets 
vorherrscht),  seltener  mit  dem  Klinodoma  n.  Diese  höchst 
zierlichen,  ebenflächigen  Krystalle  erhalten  durch  starke  Ent- 
wickelung  von  M  einen  dicktafelförmigen  Habitus,  sind  meist 
einfache  Individuen ,  häufig  aber  auch  Zwillinge  nach  dem 
Carlsbader  Gesetz,  seltener  solche,  deren  Verwachsungsebene 
die  Basis  bildet. 

Eine  an  diesen  Orthoklasen  sehr  gewöhnliche  Erschei- 
nung ist  ihre  aus  gewissen  Quarz-Orthoklas-Gängen  (Seite  117) 
bereits  erwähnte  und  aus  den  Pegmatitgängen  noch  eingehend 
zu  beschreibende,  mehr  oder  weniger  weit  fortgeschrittene 
lamellare  Zersetzung.  Von  der  zartesten  Horizontal- 
streifung der  Flächen  P  und  x  und  den  feinsten  Verticallinien 
auf  T  und  M ,  lässt  sie  sich  bis  dahin  verfolgen,  wo  von  den 
zierlichen  Orthoklasen  nur  ein  Skelet  von  lauter  dünnen,  unter 
sich  und  dem  Orthopinakoide  parallelen ,  etwas  welligen  La- 
mellen übrig  geblieben  ist.  Besonders  bei  den  Zwillingen  giebt 
dieser  Vorgang  Veranlassung  zu  einigen  nicht  uninteressan- 
ten Beobachtungen:  Au  unseren  Carlsbader  Zwillingen  kom- 
men nur  die  schiefen  Endflächen  P  und  x,  nicht  aber  y  vor. 
Ihre  Verwachsungsnath  fällt  constant  in  die  kliuodiagonale 
Prismenkante  und  zerlegt  deshalb  den  Krystall  in  zwei  sym- 
metrische Hälften,  wobei  P  des  einen  Individuums  und  x  des 
anderen  in  einer  Ebene  zu  liegen  scheinen.*)    Auf  diese  Weise 

*)  Aehnliches  beschreibt  vom  Rath  aus  Elba,  diese  Zeitschr.  1870. 
pag.  0;')5. 


zerfällt  das  dachförmige  Endflächenpaar  in  vier  ganz  gleiche 
Felder,  ein  vorderes  und  ein  hinteres  P  und  x.  Nun  ist  es 
eine  mehrfach  gemachte  Erfahrung,  dass  sich  der  Beginn  lamel- 
larer  Zersetzung  zuerst  auf  P  zeigt,  während  alle  übrigen 
Flächen  noch  frisch  und  glänzend  bleiben.  Diese  Beobachtung 
erfährt  an  unseren  Carlsbader  Zwillingen  eine  höchst  augen- 
fällige Bestätigung,  indem  je  eine  P  entsprechende  Hälfte  der 
vorderen  und  hinteren  Endfläche  des  Zwillingskrystalls  mit 
ziemlich  tiefen  Horizontalfurchungen  versehen  ist,  während  die 
alternirenden  Flächenhälften,  also  x,  noch  spiegelnden  Glanz 
besitzen.  Durch  die  ausserordentlich  scharfe  Grenze  zwischen 
Furchung  und  Ebenflächigkeit  hebt  sich  die  Zwillingsnaht  auf 
jeder  der  Endflächen  auf  das  Deutlichste  hervor. 

Ein  anderer  kleiner  Zwillingskrystall  besteht  aus  zwei  mit 
der  sehr  ausgedehnten  Basis  verwachsenen  rectangulär-säulen- 
förmigen  Individuen.  Da  nun  bei  derartiger  Zwillingsstellung 
die  Hauptaxe  und  somit  das  Orthopinakoid  in  jeder  der  beiden 
verzwillingten  Individuen  unter  einem  Winkel  von  63°  57' 
gegen  die  P  entsprechende  Zwillingsnaht  geneigt  ist  und  die 
aus  der  besprochenen  Zersetzung  hervorgehenden  Lamellen 
parallel  dem  Orthopinakoide  sind,  so  zeigen  die  Flächen  M 
einzelner  dieser  Zwillinge  fiederartig  auf  jeder  Seite  der  Zwil- 
lingsnaht stehende,  nach  oben  mit  etwa  127°  divergirende 
Furchen ,  die  bei  fortgesetzter  Ausiaugung  sich  bis  zur  Aus- 
bildung fiederartig  gestellter  Lamellen  vertiefen  können. 

Wir  werden  später  bei  Besprechung  ganz  analoger  Zer- 
setzungsvorgänge an  den  Feldspäthen  der  Pegmatitgänge  dar- 
thun,  dass  die  ihnen  zu  Grunde  liegende  Ursache  in  perthit- 
artiger  Verwachsung  von  Albit  -  und  Orthoklaslamellen  zu 
suchen  ist.  Dass  aber  Gleiches  von  den  gefurchten  Ortho- 
klasen unserer  zelligen  Granitgänge  gilt ,  beweisen  einige 
Schliffe  derselben.  Einer  von  diesen  schneidet  einen  Zwilling 
von  dem  nämlichen  Habitus  wie  das  eben  beschriebene  Exem- 
plar mit  fiederartiger  Furchung  der  in  einer  Ebene  liegen- 
den M-Flächen.  In  dem  parallel  M  angefertigten  Schliffe  tritt 
bei  polarisirtem  Licht  eine  diesen  Auslaugungsfurchen  voll- 
kommen entsprechende,  also  gleichfalls  fiederartig  auf  der 
Zwillingsebene  stehende  bunte  Streifung  hervor,  ganz  analog 
den  perthitähnlich  von  Albitlamellen  durchwachsenen  grossen 
Orthoklasen    des    Pegmatits.     Dass  diese  zarten  Albitquer- 

10* 


148 


schnitte  eine  Zwillingsstreifung  nicht  aufzuweisen  haben  ,  be- 
ruht darauf,  dass  die  Schliffebene  parallel  M  liegt ,  zugleich 
aber  auf  bereits  in  geringem  Grade  sich  geltend  machender 
Zersetzung. 

Herr  Dr.  E.  von  Meyer  hatte  die  Güte,  durch  Herrn 
Schwartz  eine  Analyse  dieser  Orthoklase  ausführen  zu  lassen. 
Dieselbe  ergab  folgende  Resultate*): 

a.         b.       Mittel.  Dividirt  durch 

SiO,     66,88      —      66,88  die  Atomge- 

A120,  19,78  19,45  19,61  wichte: 
Cab  0,57  0,32  0,44  .  .  Ca  =  0,314  .  .  .  0,0079 
K20  —  9,95  9,95  .  .  K  =  8,256  .  .  .  0,2117 
Na,0  —  4,00  4,00  .  .  Na  =  2,968  .  .  .  0,1290 
100,88 

Auch  diese,  wie  die  mikroskopischen  Ergebnisse  weisen 
darauf  hin,  dass  die  vorliegenden  Feldspäthe  eine  Verbindung 
von  Kalifeldspath  mit  kalkhaltigem  Natronfeldspath  sind ,  und 
zwar  kommen  bei  dem  Verhältniss  der  Atomzahlen  von 

Ca     :     K      :  Na 
0,0079  :  0,2117  :  0,1290 
oder  1      :    26,8    :  16,3 

auf  5  (17)  Moleküle  kalkhaltigen  Natronfeldspaths  8  (27)  Mole- 
küle Kalifeldspath. 

Die  Resultate  mikroskopischer  und  chemischer  Unter- 
suchung, sowie  die  Analogie  mit  anderen  Feldspath-Vorkomm- 
uissen  im  Pegmatit  lassen  es  demnach  zweifellos  erscheinen, 
dass  der  Natrongehalt  des  Orthoklases  unseres  zelligen  Gra- 
nits von  Albitlamellen  herrührt,  welche  ersterem  in  ortho- 
pinakoidiscber  Lage  eingeschaltet  sind,  ferner  dass  die  beob- 
achtete Furchung  und  lamellare  Zersetzung  auf  Auslaugung 
der  Albitsubstanz  beruht. 

Eine    weite  Wanderung   hat   letztere  nicht  unternommen, 


*)  Die  Werthe  unter  a.  wurden  erhalten  nach  Aufsehluss  des  Feld- 
spaths  durch  Schmelzen  mit  kohlensaurem  Natron-Kali,  die  unter  h.  nach 
Ausschluss  durch  Flusssäure.  Zur  Bestimmung  von  Kali  und  Natron 
wurde  die  Summe  der  schwefelsauren  Alkalien  festgestellt ,  sodann 
die  Menge  der  Schwefelsäure  durch  Füllen  mit  Chlorbarium  ermittelt 


149 


sich  vielmehr  z.  Th.  in  den  zarten  Rissen,  welche  den  Mutter- 
krystall  in  unregelmässigem  Verlaufe  durchziehen ,  ausge- 
schieden ,  namentlich  aber  in  unmittelbarer  Nähe  ihrer  alten 
Heimath  zwischen  und  auf  den  theilweise  zerstörten  Ortho- 
klasen wieder  angesiedelt. 

Diese  jungen  AI  bitkry  ställch  en  haben' milchweisse 
Farbe,  Glasglanz  und  einen  dünn  tafelförmigen  Habitus.  Es 
sind  meist  einfache  Zwillinge  mit  flach  einspringendem  Winkel 
auf  oP  oder  von  polysynthetischer  Verwachsung,  so  dass  die 
Endfläche  sehr  zart  und  dicht  liniirt  erscheint.  Endlich  sind 
zuweilen  zwei  Viellinge  nach  dem  Carlsbader  Gesetz  ver- 
wachsen, während  Zwillingsbildung  nach  dem  Periklingesetz, 
also  mit  einspringendem  Winkel  auf  M,  nicht  beobachtet 
wurde.  Die  Flächen  der  von  der  Zersetzung  ergriffenen  Or- 
thoklase sind  nicht  selten  von  Albit  bedeckt,  welcher  sich  in 
Form  zarter,  weisser  Lamellen  an  das  Klinopinakoid  M  anlegt 
oder  die  durch  Zersetzung  verletzten  Ecken  und  Kanten  wieder 
ausheilt. 

Auch  die  von  der  anfänglichen  Auslaugung  nicht  berührten 
Orthoklaslamellen  verfallen  später,  wie  auch  anderwärts  aus 
den  Gängen  des  sächsischen  Granulitgebiets  von  uns  beschrie- 
ben, einer  Zersetzung  zu  Kaliglimmer  und  Quarz.  Die  silber- 
glänzenden Schüppchen  des  ersteren  siedeln  sich  auf  den  zer- 
fressenen Feldspathen  und  in  deren  Umgebung  an  und  wachsen, 
der  Zersetzung  folgend,  schmarotzend  in  deren  Inneres  hinein. 

Was  den  Quarz  unseres  drusigen  Granits  betrifft,  so 
bildet  er  bis  2  Cm.  grosse ,  klare  iichtrauchgraue  Krystalle 
von  in  unseren  Gängen  ungewöhnlich  scharfer,  gleichmässiger 
Entwicklung  der  Flächen  des  Prismas  und  des  Dihexaeders. 
Zu  ihnen  gesellen  sich  sehr  gewöhnlich  diejenigen  eines  sehr 
spitzen  Rhomboeders  und  nicht  selten  Rhomben-  und  Trapez- 
flächen. Es  ist  dies  die  flächenreichste  Combination  an  allen 
mir  bekannt  gewordenen  Quarzen  des  sächsischen  Granulit- 
gebietes.  Wir  werden  in  dem  Abschnitte  über  Pegmatitgänge 
nochmals  diesen  Punkt  zu  berühren  haben. 

Von  Werth  mit  Bezug  auf  die  Deutung  der  bereits  früher 
(Seite  115)  beschriebenen  „basischen"  Fläche  gewisser  Quarze 
ist  die  Beobachtung,  dass  in  den  granitischen  Drusen  des 
Markersdorfer  Ganges  nicht  selten  wachsende  Quarzkrystalle 
an  eine  Tafel  von  Kaliglimmer  gestossen  sind,  an  dieser  ab- 


150 


schneiden  und  dann  mit  einer  schrägen  Endfläche  abschliessen. 
Nicht  selten  ist  diese  hindernde  Glimmertafel  später  zerstört 
worden  und  dann  das  unterbrochene  Wachsthum  weiter  fort- 
geschritten. Derartigen  temporären  Unterbrechungen  ent- 
sprechen dann  mehr  oder,  weniger  hervortretende  treppenför- 
mige  Einspränge  des  Prismas.  Manchmal  aber  sind  auch 
Theile  des  Glimmerblatts  von  dem  Quarze  vollständig  über- 
wuchert und  eingeschlossen  worden. 

Von  dem  Kaliglimmer  sei  nur  erwähnt,  dass  er  centi- 
metergrosse  blätterige  Tafeln  von  silberweisser  oder  weisslich- 
grauer  Farbe  bildet,  sich  bei  eintretender  Zersetzung  lebhaft 
apfelgrün  färbt,  später  matt  zeisiggrün  wird  und  sich  zugleich 
in  ein  erdiges  Aggregat  von  kleinen  Schüppchen  auflöst.  Letz- 
tere dürften  ein  aus  wasserhaltigem  Thonerdesilicat  bestehen- 
des ,  dem  Steinmark  oder  dem  Gilbertit  ähnliches  Residuum 
des  sich  zersetzenden  Kaliglimmers  repräsentiren. 

7)  D  r  u  s  enförm  ig  e  Structur  stellt  sich  in  Folge  un- 
vollständiger, allmälig  vor  sich  gehender  Spaltenausfüllung  ein, 
und  zeigt  sich  deshalb  vorzüglich  in  Verbindung  mit  symme- 
trisch lagenförmiger  Aggregationsform  des  granitischen  Gang- 
materials. Da  nun  die  Ausfüllung  der  Gangspalten,  worauf 
stengelige  sowohl  wie  lagenförmige  Structur  hinweisen ,  von 
beiden  Salbändern  zu  nach  der  Mitte  vorschritt,  so  ist  es 
naturgemäss,  dass  die  Centraizone  der  Sitz  der  Drusen- 
räume ist.  Diese  Erscheinung  ist  bei  den  granitischen  Gängen 
des  Granulitgebirges  so  gewöhnlich ,  dass  sich  einzelne  Bei- 
spiele kaum  hervorheben  lassen.  Meist  freilich  sind  diese 
Drusen  nur  klein  und  unregelmässig  gestaltet ,  zuweilen  aber 
auch  mehrere  Decimeter  lange  Klüfte,  deren  grösste  Ausdeh- 
nung der  Gangwandung  parallel  läuft.  Sie  werden  gebildet 
von  den  frei  auskrystallisirten  Enden  der  granitischen  Gang- 
mineralien, von  einförmigen,  grauen  Quarzen,  an  welchen  nur 
Prisma  und  Dihexaeder,  nie  Rhomben-  und  Trapezflächen 
beobachtet  wurden,  von  Orthoklas  in  seiner  gewöhnlichen  Kry- 
stallgestalt ,  hier  und  da  auch  von  Glimmertafeln  oder  einigen 
kurzen  schwarzen  Turmalinsäulen.  Für  die  Genesis  der  gra- 
nitischen Gänge  am  lehrreichsten  sind  jedoch  die  Fälle,  wo 
deren  Centraizone  überhaupt  nicht  zur  Ausfüllung  gelangt, 
sondern  in  Form  einer  centralen,  der  S  y  m  m  e  t  ri  e  -  Eb  en  e 
entsprechenden   Drusen  spalte  ganz   offen  geblie- 


ben  sind.  Kein  schöneres  Beispiel  ist  mir  hierfür  bekannt, 
als  einer  der  zahlreichen  Gänge  an  einem  Promenadenwege 
am  Fusse  des  Schlossberges  von  Rochsburg.  Hier  läuft  von 
einem  0,3  M.  mächtigen  granitischen  Gange  ein  liegendes 
Trum  horizontal  ab.  In  directer  Nähe  des  Hauptganges  ist 
dasselbe  vollkommen  und  zwar  seitlich  (also  bei  der  horizon- 
talen Lage  dieses  Trums  oben  und  unten)  stengelig ,  in  der 
Mitte  körnig-granitisch  ausgefüllt;  in  seinem  weiteren  Verlaufe 
jedoch  verkümmert  die  centrale  Ausfüllungsmasse  und  es  blei- 
ben nur  die  randlichen  Zonen  von  quer  auf  den  Salbändern 
angeschossenem  weissem  Quarz,  rothlichem  Feldspath  und 
Glimmertafeln,  welche  nach  der  offenen  Centraispalte  zu,  wenn 
auch  nur  in  der  Grösse  von  1  bis  1,5  Cm.  und  in  einförmigen, 
so  doch  sehr  schönen  und  scharfen  Gestalten  auskrystallisirt 
sind,  so  dass  man  tief  in  eine  enge  glitzernde  Drusenspalte 
hineinblickt.  Wo  sich  die  nicht  ganz  ebenen,  sondern  welligen 
Krystallwandungen  nähern,  sind  strahlige  Partieen  von  schwar- 
zem Turmalin  als  locale  Ausfüllung  des  Spaltenraumes  zur 
Ausbildung  gelangt. 

In  wie  klaren  Zügen  ist  hier  die  Entstehung  der  grani- 
tischen Gänge  des  Granulitgebiets  in  den  Fels  geschrieben! 
Sie  bestätigen  uns  die  aus  den  übrigen  vStructurverhältnissen 
gezogenen  Schlüsse  auf  die  h  y  dr  och  e  m  i  s  c  h  e  Entstehung 
dieser  Gänge  unwiderleglich  und  vergegenwärtigen  unserem 
Geist  den  langsamen  Process  der  Spaltenausfüllung.  Denken 
wir  uns  die  hier  unterbrochene  oder  noch  nicht  abgeschlossene 
Feldspath-Quarz-Bildung  weiter  nach  der  Mitte  zu  fortschreiten, 
so  erhalten  wir  beim  Zusammenstoss  beider  Wachsthumsflächen 
einen  granitischen  Gang  von  stengeliger  Structur  mit  der  zick- 
zackförmigen  centralen  Zuwachsnaht,  wie  sie  oben  beschrieben 
ist.  Oder  denken  wir  uns  die  bereits  begonnene  Turmalin- 
bildung  weiter  fortgesetzt,  oder  zwischen  den  beiden  Krystall- 
wänden  der  Drusenspalte  eine  kleinkörnig  -  granitische  Gang- 
mitte zur  Ausbildung  gelangt,  wie  dies  ja  wirklich  in  einem 
Theile  unseres  Ganges  geschehen  ist,  so  resultirt  ein  symme- 
trischer, in  drei  Zonen  gegliederter,  in  seiner  Centraizone  aus 
Turmalin,  oder  aus  körnigem  Granit  bestehender,  auf  beiden 
Seiten  stengelig- granitischer  Gang,  mit  der  bereits  oben  an 
instructiven  Beispielen  erörterten  „geschlossenen  Drusen- 
structuru. 


152 


Genesis  der  granitischen  Gänge  des  Granulitgebiets  und 
analoge  Ganggebilde  ans  anderen  Gegenden.  Ueber  die  Ge- 
nesis unserer  granitischen  Gänge  können  nach  allem  dem 
oben  Gesagten  Zweifel  nicht  mehr  obwalten : 

sie  sind  hydrochemischen  Ursprungs,  so  gut 
wie  Kalkspath-,  Baryt-  und  Quarzgänge,  denn  eines  Theils 
steht  es  fest,  dass  ihre  mineralischen  Bestandtheile  unter  Be- 
theiligung des  Wassers  von  einem  Orte  zum  anderen  wan- 
dern und  sich  dort  neu  ansiedeln  können,  anderen  Theils  be- 
sitzen unsere  granitischen  Gänge  nicht  nur  die  nämliche 
Structur,  wie  die  oben  genannten  Mineralgänge,  sondern 
haben  sogar  Reste  ihres  einstigen  Lösungsmittels  in  Form  von 
Flüssigkeitseinschlüssen  aufbewahrt,  während  von  solchen  eines 
etwaigen  gluthflüssigen  Magmas  (also  Glaseiern,  glasiger  oder 
entglaster  Zwischendrängungsmasse)  nicht  die  geringste  Spur 
vorhanden  ist,  ebensowenig  wie  von  gewissen  Structurerschei- 
nungen  innerhalb  eruptiver  Gesteinsarten  (also  von  Mikroflu- 
ctuation  und  spinnenförmigen  oder  farnwedelartigen  Mikro- 
lithen); 

sie  verdanken  ihr  Material  der  Auslaugung 
ihres  Nebengesteins,  denn  sie  sind  erstens  an  ganz  be- 
stimmte Gesteinsarten  und  zwar  an  den  echten  Granulit  ge- 
bunden, während  andere  Gesteine  andere  Gangausschei- 
dungen erzeugen;  und  besitzen  zweitens  sehr  gewöhnlich 
nesterartige  Gestaltung,  keilen  sich  mit  anderen  Worten  nach 
allen  Richtungen  aus,  können  also  in  genetischer  Beziehung 
zu  aus  der  Tiefe  emporsteigenden  Mineralquellen  nicht  ge- 
standen haben  ; 

ihre  Bildung  ist  von  den  Wandungen  der  Spal- 
ten aus  vor  sich  gegangen  und  zwar  durch  Aus- 
kry  stallisiren  der  in  Lösung  zu  geführten  Gang- 
mineralien und  deren  nach  der  Mitte  gerichtetes 
Wachsthum,  denn  wir  sehen  alle  Stadien  dieses  Ausfüllungs- 
processes  in  Beispielen  verkörpert. 

Dass  uns  viele  Einzelheiten  dieser  Vorgänge  dunkel  sind, 
wie  z.  B.  der  Bildungsmodus  der  echt  granitisch  -  körnigen 
Aggregate,  ist  ebensowenig  zu  leugnen,  wie  der  Mangel  einer 
klaren  Vorstellung  von  der  Entstehungsweise  lachtermächtiger, 
grobkrystallinischer  Baryt-  oder  Kalkspatbgänge,  deren  wässe- 


153 


rigen  Ursprung  trotzdem  kein  Geologe  zu  bezweifeln  wagen 
dürfte. 

Den  unseren  ähnliche  Beobachtungen  über  granitische 
Gänge  sind  bereits  von  anderen  Geologen  gemacht  worden, 
und  haben  diese  zu  ähnlichen  genetischen  Schlussfolgerungen 
geführt. 

Nach  Lossen*)  werden  die  Sericitgneisse  und  Schiefer 
des  linksrheinischen  Taunus  von  Adern  ,  Trümern  und  fuss- 
mächtigen Gängen  von  Quarz,  Albit  und  Glimmer,  Sericit 
oder  Chlorit  durchschwärmt.  Ebenso  die  palaeozoischen 
Schichten  des  Ostharzes**)  von  gangartigen  Kluftausfüllungen 
mit  Feldspath,  Quarz  und  sericitischem  Glimmer,  welche  nicht 
selten  grössere  Fragmente  und  Splitter  des  Nebengesteins 
umschliessen,  und  welche  Lossen  naturgemässer  Weise  als 
Ausscheidungsproducte  aus  wässeriger  Lösung  ansieht. 

Sterry  Hünt  beschreibt  in  seinen  „Notes  on  granitic 
Rocks"***)  zahlreiche,  die  laurentischen  Gneisse  der  neueng- 
lischen Staaten  und  Canadas  durchsetzende  Granitgänge  z.  Th. 
mit  ausgezeichnet  symmetrisch-lagenförmiger  Anordnung  ihrer 
Gemengtheile.  Manche  derselben  bestehen  aus  reinem  wasser- 
hellem Quarz  mit  eingesprengten  zollgrossen  Orthoklaskrystallen, 
andere  an  den  Salbändern  oder  in  der  Centraizone  aus  Quarz, 
während  Orthoklas  entweder  eine  mittlere  oder  zwei  seitliche 
Lagen  bildet.  In  ähnlicher  Weise  kommt  Perthit  mit  Quarz 
vor.  Sehr  gewöhnlich  ist  die  Combination  von  Orthoklas, 
Quarz,  Magnesiaglimmer  und  schwarzem  Turmalin,  denen  sich 
zuweilen  Zirkon ,  Granat  oder  Chrysoberyll  zugesesellen ,  — 
ferner  die  von  rothem  Orthoklas  und  dunkelgrüner  Hornblende 
mit  etwas  Magneteisen.  Feldspath,  Quarz,  Glimmer,  Horn- 
blende und  Turmalin  bilden  fast  überall  die  vorwaltende  Gang- 
masse, in  dieser  stellen  sich  jedoch  mehr  oder  weniger  häufig 
noch  folgende  Mineralien  ein:  Amblygonit,  Spodumen,  Beryll, 
Zirkon,  Rutil,  Columbit,  Idokras,  Granat,  Apatit,  Epidot,  Ti- 
tanit,  Allanit,  Sahlit,  Yttrocerit  u.  a.  Für  die  Quarze  dieser 
Gänge   sind  ihre  abgerundeten    Kanten  und   Ecken  charak- 


*)  Diese  Zeitschr.  1867.  pag.  567,  578,  662. 
**)  Diese  Zeitschr.  1869.  pag.  312,  313,  314,  315,  u.  1872.  pag.  731. 
***)  Americ.  Journ  3<i  Series.  1871   Vol.  I.  pag-  82  u.  182;  sowie 
1872.  Vol.  III.  pag.  115. 


154 


teristisch ,  eine  Erscheinung,  die  sich  in  den  analogen  Gang- 
gebilden Elbas  wiederholt. 

Als  interessante  Beispiele  symmetrisch-lagenförmiger  Glie- 
derung der  nordamerikanischen  Gänge  mögen  neben  dem  be- 
reits erwähnten  zonenweisen  Wechsel  von  Quarz  und  Orthoklas 
hier  folgende  Vorkommnisse  angeführt  werden:  Beiderseitige 
Lagen  von  gelblichem  Orthoklas  mit  quer  auf  den  Wandungen 
stehenden  Bändern  von  schwarzem  Glimmer^,  Centraizone  aus 
Schriftgranit  (Biddeford) ;  —  randliche  Zonen  von  Apatit  und 
Kalkspath ,  Gangmitte  rother  Orthoklas  und  grüner  Apatit 
(Burgess);  —  Salbänder  von  Hornblende,  mittlere  Hauptzone 
von  Apatit,  in  dieser  eine  Centrailage  von  Orthoklas  und 
Quarz  (Ontario).  Apatit  sowohl  wie  Glimmer  sind  oft  an 
den  Salbändern  angeschossen  und  reichen  nicht  selten  durch 
die  randliche  Gangzone  bis  in  die  Gangmitte,  ähnlich  wie  wir 
es  vom  Gangglimmer  des  sächsischen  Granulitgebiets  beob- 
achtet haben.  Centrale  Drusenspalten  sind  gleichfalls  nicht 
selten. 

Hunt  kommt,  wie  bereits  in  der  Geology  of  Canada*), 
zu  dem  naturgemässen  Schluss,  dass  diese  granitischen  Gänge 
wässerigen  Ursprungs  und  wie  die  Erzgänge  in  Spalten- 
räumen durch  allmälige  Auskrystallisirung  aus  Lösungen  zur 
Entstehung  gelangt  seien.  Zur  Unterscheidung  von  den  erupti- 
ven Graniten  nennt  er  sie  ,, endogen". 

Ebenso  wie  die  nordamerikanischen,  so  ähneln  die  gra- 
nitischen Gänge  von  San  Piero  auf  der  Insel  Elba  in  vielen 
Beziehungen  denen  des  sächsischen  Granulitgebiets.  G.  vom 
B.ath  beschreibt  sie  in  seinen  ,,geognostischen  Fragmenten 
aus  Italien4'**)  in  gewohnt  trefflicher  Weise. 

Diese  nach  Tausenden  zählenden  Gänge  von  Turmalin- 
führendem  Granit  setzen  in  normalem  Elbagranit  auf,  laufen 
indessen  zuweilen  in  die  Schieferzone  hinein ,  welche  das 
Granitmassiv  umgürtet.  So  lange  letzteres  ihr  Nebengestein 
bildet,  sind  sie  mit  diesem  fest  verwachsen  und  zeigen  nur  in 
ihrem  Innern  unregelmässig  gestaltete  Hohlräume,  —  von  den 
Schiefern  jedoch  sind  sie  z.  Th.  durch  Klüfte  getrennt,  auf 
deren   Wänden   Sphen ,    Albit    und    Turmalin  auskrystallisirt 


*)  Geology  of  Canada  1863.  pag.  476  u.  644. 
**)  Diese  Zeitechr,  1870  pag.  644  ff. 


155 


erscheinen.  Sie  streichen  bei  steilem  Fallen  ziemlich  constant 
von  N.  nach  S.  oder  von  SSW.  nach  NNO.  und  bestehen  im 
Wesentlichen  aus  Orthoklas,  Quarz,  Magnesiaglimmer  und 
Lithionglimmer.  Allen  gemeinsam  ist  ihr  Reichthum  an  Tur- 
malin  von  den  verschiedensten  Farben.  Eisenglanz,  Granat, 
Beryll,  Zinnstein,  Petalit,  Castor ,  Pollux  und  Pyrrhit  sind 
die  übrigen ,  mehr  oder  weniger  seltenen  Gangmineralien. 
Worauf  aber  ihre  Analogie  mit  den  granitischen  Gängen  des 
sächsischen  Granulitgebiets  beruht  und  was  G.  vom  Rath  zu 
ähnlichen  Schlüssen  über  die  Genesis  dieser  Turmalingranit- 
gänge  von  Elba  führt,  sind  ihre  Xtructurverhältnisse  und  die 
Wachsthumserscheinungen  der  gangbildenden  Mineralien.  So 
stellt  sich  gewöhnlich  eine  mehr  oder  weniger  deutliche  sym- 
metrische Anordnung  der  Gemengtheile  ein,  welche  Herrn  vom 
Rath  an  die  Mineralgruppirung  gewisser  erzführender  Gänge 
erinnert,  und  welche  sich  darin  ausspricht,  dass  an  den  Sal- 
bändern gewöhnlich  schwarzer  Turmalin  auftritt,  auf  welchen 
nach  der  Mitte  zu  ein  grobkörniges  Gemenge  von  weissem 
Orthoklas  und  Oligoklas  mit  Quarz,  fast  immer  in  schriftgranit- 
artiger  Verwachsung  folgt,  dem  sich  ebenfalls  schwarzer  Tur- 
malin zugesellt.  Ein  16  Cm,  mächtiger  Gang  zeigte  an  beiden 
Salbändern  ein  Gemenge  von  weissem  Orthoklas,  Quarz  und 
viel  schwarzen  Glimmerblättchen ;  weiter  gegen  das  Innere  des 
Ganges  zu  nimmt  der  Glimmer  die  Form  linearer  Bänder  an, 
welche  quer  gegen  die  Gangfläche  gerichtet  sind.  Auf  diese 
randliche,  8  Cm.  breite  Lage  folgt  jederseits  eine  etwa  2  Cm. 
dicke  Zone  von  weissem  Schriftgranit,  den  inneren  2  bis  5  Cm. 
mächtigen  Gangraum  erfüllen  ganz  oder  theilweise  Krystalle 
von  Feldspath  ,  Quarz,  Turmalin  und  Lithion  -  Glimmer.  Bei 
grösserer  Mächtigkeit  der  Gänge  wiederholen  sich  derartige 
Zonen  symmetrisch  zu  mehreren  Malen.  Zeigen  sich,  wie 
gewöhnlich,  in  der  Centraizone  des  Ganges  spaltenartige  Klüfte 
oder  Höhlungen  ,  so  erscheinen  die  obengenannten  Mineralien 
in  prachtvollen  freien  Krystallgebilden. 

Nach  G.  vom  Rath  ist  die  Erklärung  dieser  Cranitgänge 
von  Elba  als  instantane  Injectionsgebilde,  als  „Nachgeburten 
derselben  Granitformation,  in  derem  Bereiche  sie  vorkommen4' 
(Naumann)  auf  das  Bestimmteste  ausgeschlossen.  Er  deutet 
sie  vielmehr  als  Absätze  aus  Lösungen,  welche  aus 
der  Tiefe  der  Erde  emporgeführt  wurden  ,  nicht  aber  aus  dem 


156 


Nebengestein  stammen  sollen.  G.  vom  Rath  verhehlt  sich 
jedoch  nicht  die  Bedenken ,  welche  sich  gegen  eine  Verallge- 
meinerung der  zweiten  Hälfte  dieses  Schlusses  z.  B.  an  solchen 
Punkten  erheben,  wo  wir  ringsgeschlossene,  mit  der 
Erdtiefe  also  nicht  in  Zusammenhang  stehende  Nester  und 
Drusen  von  gleichem  mineralogischen  Charakter,  wie  die  oben 
beschriebenen  antreffen. 

Der  Bonner  Geologe  bezeichnet  die  Granitgänge  von 
S.  Piero,  deren  kurze  Schilderung  wir  gegeben,  als  zu  den 
wichtigsten  und  schwierigsten  Problemen  der  Geologie  gehörig 
und  constatirt  die  grosse  Analogie,  welche  zwischen  ihnen 
und  gewissen  Gängen  von  Chesterfield  und  Goshen  in  Massa- 
chusetts, sowie  solchen  von  Brevig  und  Gulsvik  im  südlichen 
Norwegen  herrscht.  An  letzt  genannter  Localität  wird  der 
dort  herrschende  Gneiss  von  unzähligen  Gängen  des  herr- 
lichsten ,  grobkörnigen  Granits  durchsetzt.  Dieselben  haben 
einen  ausserordentlich  unregelmässigen  Verlauf,  sie  winden 
sich  bald  hier,  bald  dorthin,  schwellen  an,  schnüren  sich  zu- 
sammen, umschliessen  Fragmente  des  Nebengesteins  und  sen- 
den Apopbysen  in  letzteres.  Viele  von  ihneu  erhalten  dadurch 
einen  symmetrischen  Bau,  dass  glimmerreiche  Zonen  mit 
solchen  von  Schriftgranit  abwechseln,  während  andere  eine 
sphärische  Structur  besitzen,  indem  sonnenartige  Glimmer- 
massen von  kreisförmigen  Zonen  von  Schriftgranit  hofartig 
umgeben  werden. 

Auf  Grund  rein  theoretischer  Betrachtungen,  also  auf 
ganz  anderem  Wege  wie  vom  Rath  und  Hunt,  gelangt  Pf  äff 
in  seiner  „Allgemeinen  Geologie  als  exacte  Wissenschaft"  zu 
gewissen  die  Granitentstehung  betreffenden  Schlüssen*),  welche 
einige  Berührungspunkte  mit  den  unsrigen  haben.  Nachdem 
Pfaff  in  naturgemässem  Anschluss  au  die  Auffassung  vieler 
Geologen  die  sedimentären  Lagergranite  (Granitgneisse)  der 
laurentischen  Schichtenreihe  von  den  durchgreifenden  Gang- 
und  Stockgraniten  getrennt  hat,  macht  er  eine  Anzahl  Einwürfe 
sowohl  gegen  die  rein  pyrogene,  wie  gegen  die  hydatopyro- 
gene  Entstehungsweise  des  Ganggranits  geltend  und  unterzieht 
die  Auffassung  dieses  Gesteins  als  Spaltenausfüllung  durch 
Absatz   aus  wässerigen   Lösungen   einer  Kritik,   ohne  jedoch 


*)  1873  pag.  179. 


157 


mit  den  einschlägigen  Arbeiten  von  Hunt  (1863,  1864,  1871) 
und  vom  Rath  (1870)  bekannt  zu  sein.  Erstens  habe  diese 
hydrochemische  Theorie  weder  chemische  noch  physikalische 
Bedenken,  da  es  ein  Factum  sei,  dass  die  Mineralgemenge  des 
Granits  sich  aus  wässeriger  Lösung  bilden  können,  2)  die  sonst 
nicht  erklärliche  Granitbildung  in  feinsten  Aederchen  sei  dann 
sehr  natürlich,  3)  die  bald  vorhandene,  bald  fehlende  der  Ein- 
wirkung des  Granits  zugeschriebene  Contactmetamorphose  be- 
reite dieser  Theorie  nur  geringe  Schwierigkeiten,  4)  wir  seien 
im  Stande,  die  Bildung  der  vom  Granit  eingenommenen  Spalten- 
räume auf  die  wegführende  Thätigkeit  des  Wassers  zurückzu- 
führen, während  eine  gluthflüssige  Masse  durch  Druck  sie  nicht 
erzeugen  könne,  —  letzteres  eine  Theorie ,  gegen  deren  Zu- 
muthung  sich  viele  Geologen  mit  Recht  verwahren  werden. 

Sind  wir  auch  entfernt  davon,  uns  den  Ansichten  Pfaff's 
in  dieser  Verallgemeinerung  anzuschliessen,  so  viel  geht  doch 
aus  Beobachtungen  auf  deutschem,  italienischem,  scandina- 
vischem  und  amerikanischem  Boden  hervor,  dass  gewisse 
Granitgänge  wässerigen  Ursprungs  sind. 

5.    Gänge  von  Pegmatit. 

In  Vergesellschaftung  mit  den  granitischen  Gängen  durch- 
schwärmen solche  von  Pegmatit  den  normalen  Granulit. 
Obwohl  nach  der  mineralischen  Beschaffenheit  ihrer  wesent- 
lichen Gemengtheile  nichts  anderes  als  grosskörnige  Modifica- 
tionen  Kaliglimmer-führender  Granite,  bieten  sie  doch  in  ihrem 
Reichthum  an  accessorischen  Bestandteilen,  in  ihren  Structur- 
verhältnissen  und  Wachsthumserscheinungen  Abweichungen  von 
den  beschriebenen  Graniten,  welche  es  wünschenswerth  machen, 
sie  gesondert  von  diesen  zu  behandeln. 

Trotz  ihrer  Häufigkeit  stehen  sie  doch  an  Zahl  den  gra- 
nitischen Gängen  stark  nach,  jedoch  nur  um  sie  an  Mächtigkeit 
bei  Weitem  zu  übertreffen.  Diese  kann  2,5  bis  3  Meter  er- 
reichen, wenn  sie  sich  auch  meist  auf  etwa  0,5  bis  1  M. 
beschränkt.  In  der  Richtung  ihres  Streichens  und  Fallens 
herrscht  keine  Gesetzmässigkeit,  —  ihre  Längenausdehuung 
scheint  meistentheils  keine  sehr  beträchtliche  zu  sein. 

Die  wesentlichen  Gemengtheile  dieser  Pegmatitgänge  sind 
Orthoklas  und  Quarz,  denen  sich  fast  stets  Turmalin,  Kali- 
glimmer und  Albit  zugesellen. 


158 


Orthoklas  und  Albit.  Der  Orthoklas  als  pegmati- 
tischer  Gemengtheil  besitzt  fast  stets  fleischrothe  Farbe,  ist 
sehr  gewöhnlich  von  Quarz  schriftgranitisch  durchwachsen  und 
bildet  entweder  unregelmässig  gestaltete  ,  dann  bis  kubikfuss- 
grosse,  oder  dicktafelförmige  bis  10  Cm.  lange  Individuen, 
welche  nicht  selten  nach  dem  Carlsbader  Gesetze  verwachsen 
sind,  und  deren  Form ,  ebensowenig  wie  die  Spaltbarkeit  der 
unregelmässigen  Orthoklasklumpen,  durch  die  sie  schriftgrani- 
tisch durchschiessenden  Quarze  gestört  wird.  Die  Formen  der 
Krystalle ,  in  Gestalt  welcher  der  Orthoklas  aus  der  pegmati- 
tischen  Gesteinsmasse  in  die  Drusenräume  hineinragt,  sind 
ausserordentlich  einfach;  meist  sind  nur  T,  M,  x  und  P  ver- 
treten, ähnlich  wie  es  bei  den  Feldspathen  der  granitiscben 
Gänge  der  Fall  ist.  Das  Orthopinakoid  tritt  verhältnissmässig 
ziemlich  häufig  auf.  Die  Endfläche  y  hingegen  ist  nur  selten 
neben  x  angedeutet,  bei  Carlsbader  Zwillingen  gar  nicht  ent- 
wickelt. Von  solchen  nach  dem  Bavenoer  Gesetz  liegt  nur 
ein  einziges  etwa  7  Cm.  hohes  Exemplar  vor,  dessen  eigen- 
thümliche  Oberflächenbeschaffenheit  uns  später  beschäftigen 
soll.  Ebenso  wie  die  als  Bestandtheile  des  Pegmatits  auftre- 
tenden Orthoklaspartieen ,  sind  auch  die  in  Drusenräume  ra- 
genden und  hier  zur  Krystallbildung  gelangten  Feldspäthe  fast 
ste's  in  ihrem  Innern  schriftgranitisch  von  Quarzlamellen 
durchwachsen;  jedoch  reichen  diese  nur  selten  bis  zur  Ober- 
fläche, beschränken  sich  vielmehr  auf  den  Kern,  so  dass  in 
der  Nähe  der  Flächen  meist  reine  Feldspathsubstanz  vorhanden 
ist,  —  ganz  ähnlich  wie  es  z.  B.  Streng*)  von  Harzburger 
Orthoklasen  beschreibt. 

Schon  bei  Besprechung  der  granitischen  sowie  der  Ortho- 
klas-Quarz-Gänge des  Granulitgebietes  haben  wir  (Seite  117, 
128  u.  146)  auf  einen  gewissen  Zersetzungsprocess  des  Ortho- 
klases aufmerksam  gemacht ,  dem  zu  Folge  der  letztere  sich 
schliesslich  in  lauter  der  Hauptaxe  und  Orthodia- 
donale  parallele  Lamellen  trennt,  während  gleich- 
zeitig Alb  i  tn  e  üb  ild  u  ng  en  vor  sich  gehen.  Die  näm- 
liche Erscheinung  tritt  uns  noch  viel  deutlicher  und  häufiger 
an  den  grossen  Orthoklasen  der  Pegmatitdrusen  entgegen. 
Dann    ist    ihre   Basis    und    ihr  Hemidoma    mit   tiefen ,  der 


*)  N.  Jahrb.  für  Miner.  1871.  pag.  719. 


159 


Kante  P:x  parallelen,  furchenartigen  Einschnitten  versehen, 
ihre  Seitenflächen  erscheinen  vertical  gereift,  kleine  Schuppen 
von  Kaliglimmer,  namentlich  aber  Kryställchen  von  Albit 
wachsen  zwischen  den  auf  diese  Weise  entstehenden  Lamellen 
hervor  und  erheben  sich  kammförmig  über  die  ursprünglichen 
Flächen  ihres  Mutterkrystalls. 

Um  zu  constatiren,  ob  diese  mit  Albitbildung  verbundene 
Jamellare  Zersetzung  des  Feldspaths  durch  eine  perthitähn- 
liche  Verwachsung  von  Orthoklas-  und  Albit- 
lamellen  und  eine  später  eintretende  Auslaugung 
der  letzteren  bedingt  sei,  wurde  u.  a.  aus  einem  der  Basis 
parallelen  Spaltungsstück  eines  auf  seiner  Oberfläche  bereits 
tief  gereiften  Orthoklaskrystalls  aus  der  Druse  eines  Pegmatits 
von  Göppersdorf  ein  Dünnschliff  gefertigt  und  untersucht. 
Bereits  bei  Betrachtung  mit  der  Lupe  zeigte  dieser  eine  Zu- 
sammensetzung aus  abwechselnden  zarten  klaren  und  breiteren 
trüben  Streifen  von  schwach  welligem,  im  Wesentlichen  unter 
sich  und  der  Horizontalkante  von  oP  parallelem  Verlauf. 
Unter  dem  Mikroskop  ergab  es  sich,  dass  die  Undurchsichtig- 
keit  des  einen  Theils  dieser  Lamellen  davon  herrührt,  dass 
sie  eine  Unzahl  ausserordentlich  kleiner,  unregelmässig  gestal- 
teter Einschlüsse  bergen,  die  in  lauter  der  P  :  x-Kante  parallele 
Zonen  angeordnet  sind.  Zirkel  beschreibt*)  streifige  Ortho- 
klase, deren  anscheinend  perthitartige  Verwachsung  mit  Albit 
sich  bei  mikroskopischer  Untersuchung  auf  eine  derartige 
zonenvveise  Trübung  durch  mikroskopische  Poren  und  Läpp- 
chen reducirte.  Sind  nun  auch  die  abwechselnden  Feldspath- 
zonen  unserer  Schliffe  durch  solche  fremde  Einschlüsse  ver- 
unreinigt, so  ergiebt  sich  doch  bei  Anwendung  der  Nicols 
direct,  dass  die  dazwischen  liegenden  klaren  Feldspathzonen 
anders  gefärbt  erscheinen  als  die  getrübten.  Da  sie  gegen 
letztere  an  Breite  zurücktreten ,  erblickt  man  das  Gesichtsfeld 
auf  einfarbigem  Grunde  von  zarten,  schwach  welligen,  bald 
kürzeren,  bald  längeren  anders  gefärbten  Schmitzen  und  Bän- 
dern gestreift.  Wir  haben  es  demnach  hier  mit  einer  Ver- 
wachsung von  verschiedenartigen  Feldspathlamellen  zu  thun. 
Dass  es  die  klaren  schmäleren  Zonen  sind,  die  aus  Albit 
bestehen,  geht  bei   dem  Mangel   an   deren  Zwillingsstreifung 


*)  Mikroskop.  Beschaffenh.  d.  Mineralien  pag  131. 


160 


aus  der  Uebereinstimmung  ihrer  Gestalt  und  ihres  Verlaufes 
mit  den  oberflächlichen  Auswitterungsfurchen  des  betreffenden 
Feldspathkrystalls  hervor. 

Vollkommen  sicher  gestellt  wird  die  Albitnatur  der  ein- 
geschalteten zarten  Lamellen  durch  einige  andere  Vorkomm- 
nisse. Die  Drusen  innerhalb  eines  durch  Bahnbauten  auf- 
geschlossenen metermächtigen  Pegmatitganges  an  dem  linken 
Gehänge  des  Muldethals  zwischen  Friedemanns  Klippe  und 
Rochsburg  waren  ausgekleidet  von  grossen  Orthoklaskrystallen, 
deren  P:x- Kante  8  bis  12  Cm.  maass.  Sie  ragten  unter 
spitzem  Winkel  aus  den  Drusenwandungen  und  zwar  wiederum 
in  einer  solchen  Stellung,  dass  die  Basis  den  letzteren,  x  hin- 
gegen dem  offenen  Drusenraum  zugewandt  war,  wie  wir  dies 
bereits  an  den  Orthoklasen  der  granitischen  Gänge  als  Regel 
kennen  gelernt  haben.  Ausser  den  genannten  beiden  End- 
flächen ist  nur  noch  das  Klinopinakoid  und  das  Prisma  aus- 
gebildet, so  dass  wir  Feldspäthe  des  einfachsten  Habitus  vor 
uns  sehen.  Ihre  Oberfläche  bietet  uns  die  Erscheinung  lamel- 
larer  Auslaugung  in  einer  aussergewöhnlichen,  der  Grosse  der 
Individuen  proportionalen  Deutlichkeit  dar.  Bis  zur  Höhe 
von  mehreren  Millimetern  ragen  die  stehengebliebenen  Ortho- 
klaslamellen über  das  Niveau,  bis  zu  welchem  die  Zersetzung 
der  übrigen  Substanz  bereits  vor  sich  gegangen  ist,  hervor, 
so  dass  die  50  bis  100  Cm.  grossen  Flächen  von  einer  tiefen 
und  dichten,  schwachwelligen  Furchung  bedeckt  sind,  welche, 
wie  immer  in  solchen  Fällen,  in  ihrer  Hauptrichtung  parallel 
den  Kanten  des  Orthopinakoids  verläuft.  Dünnschliffe  von 
Spaltungsstücken  parallel  oP  zeigen  zwischen  den  Orthoklas 
in  orthopinakoidischer  Lage  eingeschaltete,  langgezogene,  flach- 
wellige Streifen,  kurze  Schmitzen  und  spitzkeilförmige  Bänder 
von  Albit  in  überraschender  Frische,  welche  zugleich  die  deut- 
lichste Erhaltung  deren  Zwillingsstreifung  bedingte.  Natürlich 
ist  diese  in  rechtem  Winkel  auf  die  Längenerstreckuug  der 
einzelnen  Lamellen  -  Querschnitte  gerichtet,  da  jeder  der  letz- 
teren einer  schmalen,  unverhältnissmässig  in  die  Breite  ge- 
zogenen P-Fläche  entspricht.  Diese  plagioklastische  Streifung 
tritt  im  Dünnschliff  des  oben  beschriebenen  kleineren  Ortho- 
klases von  Göppersdorf  augenscheinlich  deshalb  nicht  hervor, 
weil  derselbe  von  seiner  allseitig  der  Verwitterung  exponirten 


161 


Oberfläche  aus  bereits  bis  in  sein  Inneres  hinein  von  dieser 
gelitten  hat. 

Herr  Dr.  von  Meyer  hatte  die  Gefälligkeit,  durch  Herrn 
Schwartz  eine  Analyse  des  im  Dünnschliff  perthitartige  Ver- 
wachsung zeigenden  Feldspaths  von  Rochsburg  ausführen  zu 
lassen.    Dieselbe  ergab  folgende  Resultate: 


SiO, 

A1,03 

CaO 

K20 

Na20 

MgO 


a. 
64,65 
19,82 
0,41 


Spur 


b. 

19,44 
0,20 

14,15 
2,05 


Mittel*) 

64,65 

19,63 

0,30  . 
14,15  . 

2,05  . 


Ca  =  0,214  . 
K  =  11,72  . 
Na  =    1,52  . 


Dividirt  durch 
die  Atomge- 
wichte 
.  .  0,0054 
.  .  0,3005 
.  .  0,0661 


100,78. 


Entsprechend  dem  Atomverhältniss 


Ca     :  K 
0,0054  :  0,3005 
oder     1       :  55,6 


Na 
0,0661 
12,2 


würden  mit  13  Molekülen  kalkhaltigen  Natronfeldspaths  etwa 
56  Moleküle  Kalifeldspath  verbunden  sein..  Halten  wir  dies 
Ergebniss  zusammen  mit  den  Resultaten  der  mikroskopischen 
Unsersuchung,  so  geht  daraus  hervor,  dass  unser  ,,Orthoklasu 
aus  einer  perthitartigen  Verwachsung  von  etwa  4  Theilen 
Orthoklas  und  1  Theil  Albit  besteht. 

Ausser  den  beschriebenen  Krystallen  wurden  noch  Feld- 
späthe  aus  dem  Rochsburger  Pegmatite  selbst,  also  nicht 
frei  ausgebildete  Individuen,  sondern  eigentliche  Gemengtheile 
dieses  Gesteins  mikroskopisch  untersucht.  Auch  bei  ihnen 
zeigte  sich  eine  perthitartige  Verwachsung  von  Orthoklas  und 
Albit,  sowie  ebenfalls  eine  sehr  deutliche  Zwillingsstreifung 
der  Albitlamellen. 

Eine  weitere  interessante  Erscheinung,  welche  diese  sämmt- 
lichen  Schliffe,  jedoch  nur  stellenweise  bieten,  ist  die  der  netz- 
artigen Durchwachsung  des  Orthoklases  von  Seiten  des  Al- 
bits  in  einer  an  die  von  Kreischer  und  Stelzner  beschriebenen 
Pegmatolithe  von  Arendal   erinnernden  Weise.     An  einzelnen 


*)  Siehe  Anmerkung  auf  Seite  148. 
Zeits.  a.D.  geol.  Ges.  XXVII.  1. 


11 


162 


Stellen  des  Schliffs  sieht  man  nämlich  je  zwei  oder  mehrere 
flach  wellig  geschlängelt  nebeneinander  herlaufende  Lamellen 
des  Albits  durch  rechtwinklig  auf  ihnen  stehende,  also  dem 
Klinopinakoid  parallele  Querriegel  untereinander  verbunden, 
die  sich  in  unbestimmten  Zwischenräumen  wiederholen,  ja  hier 
und  da  machen  die  sonst  dem  Perthitgesetze  folgenden  Albit- 
lamellen  eine  rechtwinklige  Knickung  und  nehmen  dann  erst 
ihre  alte  Richtung  wieder  an.  In  ganz  vereinzelten  Fällen 
besitzen  diese  dem  Klinopinakoide  parallelen  Albite  viel  be- 
deutendere Dimensionen  als  die  dem  Orthopinakoide  ent- 
sprechenden Albitlamellen.  Die  Querstreifung  der  letzteren 
setzt  ohne  Unterbrechung  als  Längsstreifung  in  die  klinopina- 
koidische  Lage  besitzenden  Verbindungslamellen  fort.  Wir 
haben  es  also  hier  mit  einer  im  Querschnitt  natürlicher  Weise 
netz-  oder  leiterförmig  erscheinenden,  höchst  unregelmässig 
bienenwabenartigen  Durchwachsung  des  Orthoklases  mit  Albit 
zu  thun,  wobei  die  verzwillingten  Individuen  des  letzteren 
unter  sich,  sowie  mit  den  durch  sie  getrennten  Orthoklas- 
Lamellen  und  -Leisten  durchweg  eine  parallele  Stellung  inne- 
haben. 

Rosesbüsch  ,  Stelzner  und  Zirkel  haben  diese  ebenso 
interessante  wie  schöne  Verwachsungserscheinung  von  einer 
Reihe  anderer  Fundpunkte  kennen  gelehrt.  *)  Ueberraschend 
aber  ist  die  Uebereinstimmung  unserer  und  der  von  Streng**) 
geschilderten  perthitartigen  Albit  -  Orthoklase  aus  Drusen  der 
Schriftgranitgänge  im  Radauthale. 

Aus  Obigem,  zusammengehalten  mit  der  Häufigkeit  der 
beschriebenen  Furchung  der  Feldspäthe  geht  hervor,  dass  die 
lamellare  Verwachsung  von  Orthoklas  und  mehr  oder  weniger 
Albit  eine  in  den  Pegmatitgängen  des  sächsischen  Granulit- 
gebiets  ganz  gewöhnliche  Erscheinung  ist.  Trotzdem  darf  sie 
als  eine  neue  Bestätigung  der  Feldspath-Theorie  Tschermak's 
nicht  bezeichnet  werden,  da  die  natronhaltigen  Kalifeldspäthe 
des  granulitischen  Nebengesteins  keine  Spur  lamellarer  Ver- 
wachsung zeigen,  also  isomorphe  Mischungen  sind. 
Erst  bei   Auslaugung    der   Feldspathsubstanz  aus 


*)  Siehe  Zirkel,   Mikrosk.   Beschaffenh.  der  Min.  pag.  130,  und 
Rosenbüsch,  Mikrosk.  Fhysiogr.  pag.  3'29. 
**)  N.  Jahrb.  für  Min.  1871.  pag.  719. 


163 


dem  Nebengestein  tritt  eine  Spaltung  und  Iudivi- 
dualisirung  des  kalkhaltigen  Natronfeldspathes 
und  des  Ka  1  if  el  ds  p  a  th  es  u  n  d  bei  gleichzeitiger 
Wiederausscheidung  eine  gegenseitige  Durchwach- 
sung beider  ein.  Ferner  ergiebt  es  sich,  dass  die  Furchung 
auf  der  Oberfläche  dieser  Feldspäthe  das  Resultat  beginnender 
Auslaugung  der  lamellar  zwischen  den  Orthoklas  eingeschal- 
teten Albitsubstanz  ist.  Noch  muss  hinzugefügt  werden,  dass 
die  sich  einstellende  Furchung  zugleich  die  Zersetzung  des 
zurückbleibenden  Orthoklases  einleitet  und  beschleunigt,  wes- 
halb die  ursprünglichen  den  A  Ibitschmitzen  entsprechenden 
zarten  Einschnitte  sich  auf  Kosten  der  Orthoklassubstanz  bald 
verbreitern. 

Derartige  Auslaugungs-  und  Zersetzungsfurchen  auf  den 
Flächen  der  Feldspathkrystalle  geben  vorzüglich  bei  Zwillings- 
bildungen der  letzteren  Veranlassung  zu  recht  auffälligen  und 
der  Erwähnung  werthen  Erscheinungen.  So  sind  an  dem  oben 
erwähnten,  etwa  7  Cm.  langen  Bavenoer  Zwilling,  wenn  man 
I  die  vier  Flächen  P  und  M  vertical  und  zwar  die  beiden  P 
nach  hinten  stellt,  die  beiden  letztgenannten  Flächen  horizontal 
und  die  beiden  vornliegenden  M  -  Flächen  schräg  nach  vorn 
geneigt  gereift ,  während  das  obere  Ende  des  Krystalls  da- 
durch kastenartig  aus  lauter  zarten  Lamellen  aufgebaut  er- 
scheint, dass  die  jeder  Zwillingshälfte  angehörigen  ,  natürlich 
rechtwinklig  aufeinander  stehenden  Reifen  auf  x  und  T,  in 
der  Zwillingsnath  aneinander  stossen. 

Dass   die  zarten,   fast  linearen  Flächen,    welche  die  der 
Basis  eines  einfachen   Feldspaths  zugehörigen  Lamellen  nach 
oben  begrenzen,   mit  dieser,  also  mit  oP  spiegeln,  ist  selbst- 
verständlich,   sind  sie  doch  nichts  als  durch  Einschnitte  ge- 
trennte Partieen  dieser  letzteren.    Dahingegen  fällt  es  im  ersten 
Augenblick  sehr  auf,  dass  die  Lamellenendflächen,  welche  dem 
Hemidoma  x  angehören,  ebenfalls  in  der  Richtung  der  Basis 
oP  liegen  und  gleichfalls  mit  dieser  spiegeln,  also  keine  stehen- 
!      gebliebenen  von  der  Zersetzung  verschonten  Theile  der  Fläche  x 
i      sind,  wie  man  es  hätte  erwarten  sollen.    Es  ergiebt  sich  viel- 
i      mehr,    dass  diese  zarten  glänzenden  Flächen    nur  Spaltungs- 
flächen und  dadurch  entstanden  sind ,   dass  die  scharfen  hori- 
zontalen   Endkanten   der  Lamellen,    gebildet   von   der  durch 
Auslaugung  des  Albits  hervorgebrachten   Orthopinakoid-  und 

11* 


164 


der  ursprünglichen  Hemidomafläche  x,  auf  dem  Hauptblätter- 
durchgang abbrachen.  In  Folge  davon  trat  an  Stelle  ihrer 
eigentlichen,  nach  hinten  geneigten  Endfläche  x  die  nach  vorn 
geneigte  Spaltungsfläche  P.  Sehr  auffällig  gestaltet  sich  diese 
Erscheinung  an  zwei  nach  dem  Carlsbader  Gesetze  verwach- 
senen Orthoklasen,  an  welchen,  wie  meist  in  den  Gängen  des 
Granulitgebiets,  von  Endflächen  nur  P  und  x,  in  diesem  Falle 
tief  gefurcht,  entwickelt  sind.  Von  diesen  beiden  Krystallen 
hält  der  eine  grössere  den  anderen  in  der  Weise  umschlossen, 
dass  das  Hemidoma  x  des  kleineren  in  die  Ebene  der  Basis 
des  grösseren  fällt,  was  durch  eine  bekanntlich  nicht  unge- 
wöhnliche Abweichung  vom  normalen  Kantenwinkel  ermög- 
licht wird,*)  Die  Grenzlinien  zwischen  den  beiden  Individuen 
treten  auf  der  Fläche  des  grossen  Krystalls  dadurch  so  haar- 
scharf hervor,  dass  die  der  letzteren  entsprechenden  Lamellen- 
endflächen des  grossen  Feldspaths  ausserordentlich  glänzend 
spiegeln,  während  diejenigen  des  kleineren  Individuums,  ob- 
wohl eigentlich  in  derselben  Ebene  liegend,  dunkel  bleiben 
und  bei  vorgenommener  Drehung  erst  gleichzeitig  mit  dessen 
Spaltungsflächen  spiegeln.  Sie  besitzen  also  die  Lage  des 
Hauptblätterdurchganges  oP  des  kleinen  Feldspathes,  sind  also 
nach  hinten  geneigt.  Wäre  eine  derartige  Verletzung  der  ho- 
rizontalen Lamellenkanten  nicht  eingetreten,  so  würden  an  dem 
beschriebenen  Zwilling  die  in  einer  Ebene  liegenden  Lamellen- 
endflächen von  x  des  einen  Krystalls  gleichzeitig  mit  P  des 
anderen  spiegeln  müssen. 

Was  übrigens  die  Albitn eubil d u ng  auf  Kosten  gewisser 
Bestandteile  unserer  perthitartigen  Feldspäthe  betrifft,  so  ist 
dieselbe  nicht  auf  die  Oberfläche  dieser  letzteren  beschränkt, 
sondern  zieht  sich  nicht  selten  auf  Rissen  in  das  Innere  der 
als  eigentliche  Gemengtheile  des  Pegmatits  auftretenden  Ortho- 
klasmassen hinein  ,  deren  randliche  Zonen  dann  noch  frisch 
und  unzersetzt  erscheinen;,  während  einzelne  Stelleu  ihres 
Innern  in  Folge  eintretender  Verwitterung  ein  lockeres ,  kör- 
niges Gefüge  angenommen  haben.  In  ihnen  stellen  sich  un- 
regelmässig löcherige  Hohlräume  ein  ,  welche  theilweise  aus- 
gefüllt sind  von  einem  Haufwerke  kleiner  klarer  Albite,  von 
erdigem  Eisenoxydhydrat  und  von   grünlichweissen  Täfelchen 

*)  vom  Rath,  diese  Zeitsehr.  1870.  pag.  05 1  und  655. 


165 


von  Kaliglimmer ,  welche  sich  ausserdem  bereits  in  den  von 
diesen  Hohlräumen  ausgehenden  Rissen  angesiedelt  haben. 

Endlich  kann  auch  die  Albitsubstanz  verhältnissmässig 
grössere  Wanderungen  antreten  und  sich  in  Drusenräumen  oder 
Klüften  ganz  unabhängig  von  den  das  ursprüngliche  Material 
liefernden  Feldspäthen  in  Form  mehrerer  Millimeter  bis  Centi- 
meter  dicker  Krystallkrusten  auf  der  Oberfläche  von  Quarzen 
oder  frischen  Orthoklasen  ansiedeln.  Die  auf  solche  Weise 
gebildeten  Krystalle  übertreffen  den  parasitisch  auf  seinem 
Muttermineral  wuchernden  Albit  sehr  beträchtlich  an  Grösse 
und  sind  nicht  selten  mit  Quarz  schriftgranitisch  verwachsen. 
Aus  der  Nähe  von  Rochsburg  liegen  Albitkrystalle  von  1,5 
bis  2  Cm.  Höhe  und  Breite  vor,  an  welchen  die  Flächen  oo  P, 
qüPoo,  oP,  Poe  und  P  in  grösster  Schärfe  entwickelt  sind. 
Die  Zwillingsbildung  hat  immer  nach  dem  Brachypinakoide 
stattgefunden.  —  Zuweilen  haben  sich  auf  den  frischen  End- 
flächen oP  des  Orthoklases  kleine  Albite  angesiedelt.  Die- 
selben besitzen  dann  in  Folge  nnverhältnismässig  starker  Aus- 
bildung von  oP  eine  ausserordentlich  flache  Tafelform,  deren 
Umgrenzung  von  den  sehr  zarten  Flächen  des  Prisma,  Brachy- 
pinakoid  und  der  hinteren  Endfläche  x  bewirkt  wird.  Diese 
Täfelchen  sitzen  nun  auf  oP  des  Orthoklases  in  der  Weise 
dachziegelartig  auf,  dass  die  Px- Kante  der  kleinen  Albite 
derjenigen  des  grossen  Orthoklaskrystalls  parallel  läuft,  soweit 
dies  bei  der  Ungleichheit  der  Axenwinkel  überhaupt  mög- 
lich ist. 

Die  Zersetzung  des  pegmatitischen  Feldspaths  kann  jedoch 
noch  in  einer  anderen  als  ausschliesslich  auf  Extraction  und 
Neubildung  der  Albitsubstanz  hinzielenden  Richtung  vor  sich 
gehen,  indem  sie  auf  eine  Umwandlung  des  Ortho- 
klases in  Kali  glimm  er  hinwirkt.  Wir  haben  zwar  bereits 
diese  beiden  Vorgänge  vereint  an  einzelnen  Krystallen  der 
Orthoklas-Quarzgänge  beobachtet  (Seite  118),  ja  gesehen,  dass 
Albitextraction  und  Zersetzung  des  Orthoklasresiduums  zu 
Glimmer  und  Quarz  Veranlassung  zu  selbstständigen  Gangbil- 
dungen  gegeben  hat  (Seite  120);  aus  dem  Pegmatit  jedoch 
liegen  besonders  instruetive  Fälle  vor,  an  denen  man  die 
Pseudomorphosirung  des  Orthoklases  zu  Glimmer  und  Quarz 
zu  verfolgen  im  Stande  ist.  Das  unserer  Beschreibung  zu 
Grunde  gelegte  Orthoklasindividuum,    durch  Vorwalten  von  P 


166 


und  M  zu  einer  rectangulären  Säule  gestaltet,  hat  eine  Länge 
von  gegen  6  und  eine  Breite  und  Dicke  von  3  Cm.  Der 
Kern  dieses  ursprünglich  in  Pegmatit  eingewachsenen  Krystalls 
besteht  aus  frischem,  auf  seinen  Spaltungsflächen  stark  glän- 
zenden, fleischrothem  Orthoklas,  nach  aussen  zu  aber  geht  die 
rothe  Farbe  in  eine  lichtgelbliche  über,  die  Spaltbarkeit  verliert 
mehr  und  mehr  an  Schärfe,  an  ihre  Stelle  tritt  ein  feinkörniges, 
poröses  Gefüge,  die  Feldspathhärte  des  Centrums  weicht  einer 
gewissen  Mürbe,  unter  der  Lupe  wahrnehmbare  silberglänzende 
Punkte  stellen  sich  ein ,  bis  endlich  als  äusserste  Grenzzone 
des  ursprünglichen  Orthoklasindividuums  ein  schuppig-blumiges 
Aggregat  von  im  Durchschnitt  0,5  Cm.  grossen,  silberweissen 
Glimmerblätteben  erscheint,  welches  den  ganzen  Krystall  rings 
umkleidete.  Die  Grenzen  zwischen  mürber  Feldspathsubstanz 
und  Glimmerüberzug  sind  keine  scharfen,  vielmehr  drängen 
sich  Blättchen  des  letzteren  in  alle  kleinen  Risse  und  Kluft- 
flächen des  ersteren ,  vergleicblich  den  Wurzeln  einer  Rasen- 
decke im  Erdreich. 

Vollkommen  ähnliche  z.  Tb.  auf  Kosten  des  frischen 
Kernes  bereits  noch  weiter  vorgeschrittene  Pseudomorphosen 
von  Glimmer  nach  Orthoklas  sind  von  Rose,  namentlich  aber 
von  G.  vom  Rath  aus  Lomnitz  in  Schlesien,  von  Blum  aus 
Warrensteinach  im  Fichtelgebirge  und  von  Bischof  beschrieben 
und  genetisch  gedeutet  worden.*)  G.  vom  Rath  analysirte  die 
einzelnen  Zersetzungsproducte  des  in  Pseudomorphosirung  be- 
griffenen schlesischen  Feldspaths  und  zeigte,  dass  letzterem, 
um  zur  Bildung  von  Glimmer  zu  gelangen,  etwa  35  pCt. 
Kieselsäure  und  5,5  pCt.  Kali  und  Natron  entführt,  dahingegen 
in  dem  betreffenden  Falle  4,91  pCt.  Eisenoxyd  und  Wasser 
zugeführt  worden  sind.  Aehnliches  wird  von  dem  eben  be- 
schriebenen neuen  Vorkommen  gelten,  —  jedenfalls  ist  auch 
hier  ein  Theil  der  Alkalisilikate  des  ursprünglichen  Ortho- 
klases in  Lösung  direct  entführt,  ein  anderer  zersetzt  und  in 
Form  von  Carbonaten  und  Kieselsäure  entfernt  worden. 

In  gleicher  Deutlichkeit  ist  die  Umbildung  zu  Glimmer 
an  einem  Orthoklaskrystall  zu  beobachten,  welcher  ganz  isolirt 


*)  Rose,  diese  Zeitschr.  II.  pag.  10.  —  vom  Rath,  Pogg.  Ann.  XCVIII. 
pag.  190.  —  Blum,  Pseudom.  I.  Nachtr.  pag.  '25.  —  Bischof,  Lehrb.  d. 
ehem.  u.  phys.  Geol.  II.  pag.  4lv2u,  737. 


167 


auf  dem  oberen  rhomboedrischen  Ende  eines  2,5  Cm.  starken 
und  gegen  5  Cm.  langen,  schwarzen  Turmalinprismas  aufsitzt. 
Erhalten  ist  nur  wenig  mehr  als  der  in  der  Turmalinmasse 
innesitzende  Theil  des  Feldspaths,  der  Rest  hingegen  in  Folge 
zersetzender  Einflüsse  verschwunden.  Letztere  haben  sich 
selbst  bis  in  die  noch  übrig  gebliebene  Partie  des  Orthoklases 
hinein  geltend  gemacht,  so  dass  diese  ein  zerfressenes,  löche- 
riges Aussehen  erhalten  hat.  Die  verschwundene  Orthoklas- 
substanz aber  ist  zu  Kaliglimmer  geworden.  Dieser  überzieht 
die  vollkommen  unverletzten,  stark  glänzenden  Turmalinfiächen 
in  einer  so  charakteristischen  Weise,  dass  seine  genetische 
Abhängigkeit  von  dem  Feldspathindividuum  unverkennbar  ist. 
Der  Kaliglimmer  ist  nämlich  auf  denjenigen  Theil  der  Turmalin- 
fiächen beschränkt,  welcher  den  zerfressenen  Orthoklas  un- 
mittelbar umgrenzt,  zieht  sich  aber  von  hier  aus  noch  in  die- 
jenigen durch  Verwachsung  mehrerer  Prismen  entstandenen 
Vertikalrinnen  hinab,  welche  auf  den  sich  zersetzenden  Feld- 
spath  treffen.  Man  kann  sich  hieran  ganz  deutlich  vergegen- 
wärtigen, wie  der  aus  der  Zersetzung  hervorgehende  mineralische 
Saft,  aus  welchem  sich  der  Kaliglimmer  bildete,  in  jenen 
Rinnen  an  dem  Turmalin  hinabgelaufen  ist. 

Derartige  Glimmerbildungen  auf  Kosten  der  Orthoklas- 
substanz stellen  sich  nun  nicht  nur  bei  frei  ausgebildeten 
Krystallen,  sondern  noch  viel  häufiger  bei  den  uuregelmässig 
umgrenzten  Feldspathpartieen  des  pegmatitischen  Aggregats 
ein.  Jede  Spaltungs  -  und  Kluftfläche  solcher  Orthoklase  er- 
scheint von  einem  Ueberzug  zarter  Kaliglimmerschüppchen  wie 
angehaucht,  —  auf  den  Sprüngen,  von  welchen  jene  durch- 
zogen werden  ,  haben  sich  lichtgraue  glänzende  Glimmerblätt- 
chen  und  radialblättrige  Rosetten  dieses  Minerals  angesiedelt, 
—  die  schmalen  Klüfte  haben  sich  gangartig  mit  blätterigem 
Glimmer  ausgefüllt.  Von  ihnen  aus  hat  sich  die  Zersetzung 
beiderseitig  weiter  ausgebreitet,  so  dass  quer  durch  den  Ortho- 
klas oder  bis  tief  in  denselben  zeitig  -  löcherige  Zersetzungs- 
zonen von  Glimmerblättchen  und  mulmigem  Eisenoxydhydrat, 
dieses  mit  kleinen  Körnchen  und  Kryställchen  von  jungem 
Quarz  hineinreichen.  Hier  finden  wir  demnach  die  den  Alkali- 
silikaten durch  Zersetzung  zu  Carbonaten  entführte  Kieselsäure 
als  Quarz,  sowie  den  Eisengehalt  des  Orthoklases  als  Eisen- 
ocker wieder. 


168 


Von  dem  Quarz  als  eigentlichem  Gemengtheil  des  Peg- 
matits  lässt  sich  nur  erwähnen,  dass  er  entweder  milchweisse, 
rauchgraue  oder  fast  ganz  wasserhelle  Partieen  von  Nuss-  bis 
Kopfgrösse  bildet,  welche  reich  an  mikroskopischen  Flüssig- 
keitseinschlüssen sind.  Stellenweise  kann  er  auch  als  bei 
Weitem  vorwaltende  Ausfüllungsmasse  der  Gänge  auftreten, 
in  welcher  dann  Orthoklas  und  Turmalin  als  isolirte  Indivi- 
duen eingesprengt  sind.  Seine  Krystalle  z.  Th.  tief  rauchgrau, 
z.  Th.  tief  schwarz  gefärbt,  erreichen  Centnerschwere  und 
mehr  als  Fusslänge,  sind  jedoch  meist  von  ziemlich  einför- 
miger Gestalt  und  besitzen  vorwiegend  nur  die  Flächen  von 
Prisma  und  Dihexaeder,  seltener  ausser  diesen  noch  diejenigen 
eines  sehr  spitzen  Dihexaeders.  Sämmtliche  Flächen  sind 
sehr  häufig  von  Eiseuoxydhydrat  oder  jüngerem  Quarz-,  Feld- 
spath-  oder  Glimmergebilden  überzogen,  oder  sonst  rauh 
und  matt. 

Nicht  ungewöhnlich  und  zwar  dann  fast  stets  in  Combi- 
nation  mit  den  Flächen  eines  sehr  spitzen  Rhomboeders  treten 
grosse,  matte  und  zwar  bald  linke,  bald  rechte  Trapez- 
flächen  auf  (so  in  den  pegmatitischen  Drusen  von  Waldheim, 
Göppersdorf,  Friedemanns  Klippe,  Wolkenburg,  Penig),  ja  es 
kann  vorkommen,  wie  bei  Göppersdorf,  dass  von  zwei  be- 
nachbarten Quarzen  der  eine  linke,  der  andere  rechte  Trapez- 
flächen aufzuweisen  hat.  Gewöhnlich  sind  die  beiden  Rhorn- 
boeder  R  ziemlich  gleichmässig,  sehr  selten  nur  die  Flächen 
des  einen  entwickelt.  In  einem  solchen  Falle  treten  unter  den 
drei  R- Flächen  und  den  drei  dazwischen  liegenden  Kanten 
6  matte  Flächen  zweier  sehr  spitzer  Rhomboeder  und  6  grosse 
rauhe  Trapezflächen  auf. 

Das  Vorkommen  der  letzteren  am  Quarze  turmalinfüh- 
render  Pegmatitgänge  ist  keine  besonders  auffällige,  ja  voll- 
kommen normale  Erscheinung,  wenn  wir  in  Betracht  ziehen, 
dass  die  Paragenesis  des  Quarzes  mit  Turmalin  ,  Kaliglimmer, 
Apatit  und  Topas  an  vielen  anderen  Fundpunkten  ganz  regel- 
mässig das  Auftreten  von  Trapezflächen  bedingt.  Aus  dieser 
constanten  Verknüpfung  zog  Stelzner*)  den  Schluss,  dass 
wenn  Quarz  in  Gegenwart  von  fluor-,  chlor-  und  borhaltigen 
Verbindungen  auskrystallisirte,  diese  letzteren  die  Veranlassung 


*)  N.  Jahrb.  f.  Miner.  1871.  pag.  45  u.  49. 


169 


zur  Entwicklung  des  trapezoedrischen  Habitus  des  Quarzes 
gewesen  seien,  —  eine  Folgerung,  welche  ich  um  so  freudiger 
acceptirte,  als  ich  durch  Experimente  dargethan  hatte,  dass 
die  Krystallgestalt  des  kohlensauren  Kalkes  durch  gewisse 
fremdartige  Beimengungen  zu  ihrer  ursprünglichen  Lösung 
beeinflusst  werde.*)  Nach  den  Beobachtungen  Stelzner's  an 
analogen  Quarzvorkommnissen  war  die  Folgerung  eine  gerecht- 
fertigte, dass  auch  die  stets  mit  Fluor-  und  Borsäure  -  haltigem 
Turmalin,  mit  Fluor-haltigem  Kaliglimmer,  zuweilen  mit  Topas 
und  Apatit  vergesellschafteten  Quarze  der  Pegmatitgänge  des 
sächsischen  Granulitgebirges  unter  dem  Einflüsse  des  Fluor-, 
Bor-  und  Chlorgehalts  der  Mineralsolutionen  ,  aus  welchen 
ausser  dem  Quarze  die  genannten  Drusenmineralien  auskrystal- 
lisirten,  ebenfalls  Trapezflächen  entwickelt  hätten.  Im  Allge- 
meinen betrachtet,  entsprechen  die  Krystallverhältnisse  der 
Quarze  innerhalb  der  beschriebenen  und  noch  zu  beschreiben- 
den Gänge  diesen  Schlussfolgerungen.  Die  Quarze  der  Ortho- 
klas-Quarz-Gänge zeigen  keine  Trapezflächen,  ebensowenig 
diejenigen  der  turmalinfreien  Granite,  dahingegen  sind  die 
betreffenden  Flächen  vorhanden  an  dem  Quarze  des  turmalin- 
führenden  zelligen  Granits  von  Markersdorf,  sowie  an  dem 
Rauchtopas  und  lichten  Quarz  der  turmalinreichen  Pegmatite. 
Fassen  wir  jedoch  statt  dieser  Gruppen  Einzelindividuen  ins 
Auge,  so  stellen  sich  Abweichungen  von  der  anscheinenden 
Regel  ein.  Es  ergiebt  sich  nämlich ,  dass  in  den  Pegmatit- 
gängen  neben  den  trapezoedrischen  Quarzen  solche  ohne 
Trapezflächen  viel  häufiger  sind,  ferner  dass  selbst  an  mit 
Turmalinkrystallen  verwachsenen  und  augenscheinlich  mit  ihnen 
gleichalterigen  Quarzen  die  betreffenden  Flächen  nicht  immer, 
vielmehr  nur  in  vereinzelten  Fällen  zur  Ausbildung  gelangt  sind. 

Schliesslich  sei  noch  einiger  interessanter  Wachsthums- 
erscheinungen des  Quarzes  gedacht.  So  wuchsen  eine  Anzahl 
von  Quarzkrystallen  von  einer  Drusenwandung  aus  auf  die 
gegenüberliegende  zu  und  stiessen  hier  auf  die  Prismenfläche 
eines  grossen  Orthoklases.  Die  Pyramiden  der  Quarze ,  in 
ihrem  Fortwachsen  in  der  Richtung  der  Hauptaxe  verhindert, 
verwendeten  nun  die  ihnen  zuströmende  Kieselsäure-Solution 
zu  ihrer  allmäligen  Ausdehnung  in   die  Breite,   indem  sie  zu 


*)  Journal  für  practische  Chemie  1870  Bd.  II.  pag.  t. 


170 


einer  Säule  anwuchsen ,  welche  schräg  an  der  Prismenfläche 
des  Orthoklases  abschneidet.  Diesen  Vorgang  sieht  man  sehr 
deutlich  an  zwei  in  ihrem  Wachsthum  etwas  zurückgebliebenen 
Quarzen  illustrirt,  welche  mit  ihrer  Spitze  gerade  gegen  die 
Feldspathfläche  stossen  und  bereits  begonnen  haben,  den  Raum 
zwischen  ihren  Pyramidenflächen  und  dem  quer  davorliegenden 
Orthoklas  auszufüllen  und  dadurch  die  Pyramide  zur  Säule  zu 
gestalten. 

Ganz  analog  ist  die  Erscheinung,  dass  eine  Anzahl  Quarze 
einen  Orthoklaskrystall  pallisadenartig  umstanden  haben  und 
dann  seitlich  zu  einem  einzigen  Individuum  miteinander  ver- 
schmolzen sind,  dem  die  Spitze  noch  fehlt  und  dessen  centrale 
Axe  von  dem  Feldspath  eingenommen  wurde.  In  Folge  ein- 
getretener Kaolinisirung  ist  letzterer  fast  vollständig  ver- 
schwunden, so  dass  man  in  eine  seinen  einstigen  Umrissen 
entsprechende  Höhlung  hinein  blickt. 

Von  der  Ansiedelung  jüngerer  Quarzgebilde  auf  älteren 
Quarzkrystallen  liefern  einige  grosse  dunkele  Rauchtopase 
von  Friedemanns  Klippe  instructive  Beispiele:  Durch  Ver- 
witterung des  Orthoklases,  auf  dem  sie  früher  festgesessen 
hatten,  waren  Theile  dieser  ihrer  A  ufwachsfläche  frei  geworden, 
auf  welchen  sich  nun  ein  Incrustat  von  weissem ,  gelblich 
irisirendem  jungem  Quarz  ansiedelte.  Obwohl  nun  dieses  die 
Form  eines  ununterbrochenen  Ueberzuges  von  homogener 
Quarzmasse  besitzt,  ist  es  doch  an  seiner  Oberfläche  zu  lauter 
unter  sich  parallel  stehenden  Krystallflächen  und  Flächen- 
gruppen ausgebildet.  Wo  die  unregelmässig  verlaufende,  jetzt 
blossgelegte  Aufwachsfläche  zufälliger  Weise  fast  senkrecht 
steht,  ist  sie  durch  den  Quarzüberzug  zu  einer  Prismenfläche 
ausgebildet;  wo  sie  schräg  zur  Hauptaxe  des  alten  Haupt- 
krystalls  verläuft,  ist  die  incrustirende  Lage  von  jungem  Quarz 
zu  lauter  gleichzeitig  spiegelnden  Pyramidenflächen  oder  Flächen- 
paaren ausgebildet ;  schneidet  sie  die  Axe  flach,  so  erheben 
sich  auf  ihr  treppenförmig  oder  dachziegelartig  übereinander 
emporragende  Pyramidenspitzen,  —  kurz  das  Incrustat  ist  als 
ein  im  Wachsthum  begriffenes  Quarzindividuum  zu  betrachten, 
welches  schliesslich  einen  normalen,  von  geschlossenen  Flächen 
begrenzten  Krystall  bilden  würde,  trotzdem  es  augenblicklich 
in  gegen  hundert  Krystallspitzen  ausläuft.  Die  Abstammung 
der  jungen  Krystallsubstanz  ist  offenbar  in  den  durch  Kohlen- 


171 

säure  theilweise  zu  Carbonaten  zersetzten  benachbarten  Ortho- 
klasen zu  suchen. 

Der  Tu  r  mal  in  besitzt  als  Gemengtheil  des  Pegmatits 
stets  eine  schwarze  Farbe.  .  In  bleistift-  bis  zu  mehreren 
centimeter-,  ja  armdicken,  glänzend  schwarzen  Säulen  durch- 
schiesst  er  den  Quarz  und  Feldspath  ,  ist  also  eher  als  beide 
zur  Auskrystallisirung  gelangt  und  bildet  fast  stets  radial- 
strahlige  Bündel.  Zuweilen  sind  die  Säulen  gebogen,  geknickt 
oder  in  zahlreiche  Querglieder  gebrochen,  welche  durch  weissen 
Quarz  wieder  zusammengeheilt  sind.  In  Drusenräumen  ist  der 
Turmalin  auskrystallisirt ,  zuweilen  an  beiden  Enden  frei  aus- 
gebildet und  zeigt  dann  die  gewöhnlichen,  auch  von  Frenzel*) 
aufgezählten  Combinationen. 

Die  Kali  glimm  er  mancher  Pegmatite ,  sowie  einiger 
Turmalingranite  und  grobkrystallinischen  Granite  unseres  Ge- 
bietes sind  nicht  selten  durch  die  eigenthümliche  Feder- 
streifung  ausgezeichnet,  welche  bis  dahin  so  gewöhnlich 
als  ein  Beweis  von  Zwillingsbildung  aufgefasst ,  erst  von 
M.  Bauer  als  Wirkungen  des  Drucks  ,  welchem  sie  innerhalb 
der  granitischen  Gesteine  ausgesetzt  waren,  richtig  gedeutet 
wurde.**)  Die  in  unseren  Gängen  eingewachsenen  Tafeln 
von  Kaliglimmer  besitzen  meist  unregelmässige  Umrisse,  an 
denen  nur  zwei  sich  unter  spitzem  oder  unter  stumpfem 
Winkel  schneidende  Flächen  des  Prismas  und  eine  solche  des 
Brachypinakoides  zur  Ausbildung  gelangt  sind.  Von  ihnen  geht 
in  senkrechter  Richtung  die  erwähnte  zarte  Streifung  des  ba- 
sischen Blätterbruches  aus,  und  zwar  erstreckt  sich  die  auf 
00P0C'  stehende,  also  makrodiagonale  Streifung  über  die  ganze 
Fläche,  während  die  vom  Prisma  ausgehenden  Linien  nur  bis 
zu  dem  eben  beschriebenen  Hauptsystem  reichen,  an  ihm  ab- 
schneiden und  so  eine  federartige  Streifung  der  Spaltungsfläche 
bewirken.  Zuweilen  fehlt  jedoch  die  makrodiagonale  Streifung, 
dann  erscheinen  nur  die  beiden  anderen  Streifungssysteme, 
werden  jedoch  mit  ihrer  Entfernung  vom  Rande  undeutlich 
und  verlieren  sich  nach  der  Mitte  zu  ganz,  so  dass  dieser  ihre 
ursprüngliche  Glattheit  erhalten  bleibt.  Also  die  nämlichen 
Erscheinungen,  wie  sie  Bauer  von  den  uralischen  Muscowiten 


f)  Min.  Lex.  von  Sachsen,  pag.  329. 
**)  Diese  Zeitschr.  1874.  pag.  159  ff. 


172 


1.  c.  beschreibt  und  Taf.  II.  Fig  8,  9  und  11  abbildet.  Auf 
den  Werth ,  den  diese  Streifung  für  die  krystallographische 
Orientirung  bei  Glimmertafeln  von  regelloser  Umgrenzung  oder 
unvollständiger  Ausbildung  haben,  ist  von  Bauer  1.  c.  pag.  162 
und  163  hingewiesen  worden. 

Arn  zierlichsten  gestaltet  sich  die  beschriebene  Erschei- 
nung auf  den  Spaltungsflächen  gewisser  Glimmertafeln  aus 
dem  Granit  von  Markersdorf,  welche  gewöhnlich  nur  von  drei 
Flächen,  nämlich  von  zwei  den  stumpfen,  seltener  den  spitzen 
Prismenwinkel  bildenden  Säulenflächen  und  einer  des  Brachy- 
pinakoids  begrenzt  werden.  Diese  äusseren  Conturen  unserer 
Tafeln  wiederholen  sich  nun  im  Abstände  von  1  bis  2  Mm. 
in  einer  tiefgrünen,  zarten,  aber  haarscharfen  Linie,  bis  zu 
welcher  die  äussere  Umgrenzungszone  etwas  dunkler  gefärbt 
erscheint  als  der  centrale  Kern ;  sie  ist  es  zugleich ,  welche 
die  rechtwinklig  auf  den  Flächen  stehende  Streifung  in  solcher 
Deutlichkeit  und  Dichtheit  zeigt,  dass  diese  wie  eine  asbest- 
artige Faserung  erscheint.  In  viel  geringerem  Grade  setzt  sie 
in  die  lichte  Partie  der  Spaltungsfläche  fort,  und  hier  ist  es 
namentlich  die  makrodiagonale  Streifung,  die  sich  durch  ihre 
Eigenschaft,  quer  über  den  ganzen  Blätterbruch  fortzusetzen, 
kenntlich  macht  und  zu  sofortiger  Orientirung  dient.  Diese 
Faserung  tritt  besonders  schön  bei  Anwendung  des  Polarisa- 
tions-Apparats hervor.  Zugleich  ergiebt  das  Mikroskop,  dass 
zahlreiche  sechsseitige  Täfelchen  von  Eisenoxyd  in  den  Glim- 
mertafeln  eingelagert  sind,  dass  aber  ausserdem  auch  noch 
auf  den  Faserungsklüften  Eisenoxyd  eingewandert  ist  und  sich 
zwischen  ihnen  angesiedelt  hat.  Auch  bei  einigen  zu  Zwil- 
lingen verwachsenen  Individuen  lässt  sich  eine  derartige  durch 
Druck  hervorgebrachte  Streifung  ziemlich  deutlich  beobachten. 
So  kommen  bei  Wolkenburg  radialblätterige  Gruppen  von 
Kaliglimmertafeln  vor,  deren  schwalbenschwanzartig  ausge- 
zackte Zwillingsenden  in  das  umgebende  Quarz  -  Feldspath- 
Aggregat  hineinragen.  Jede  dieser  verzwillingten  Platten  hat 
drei  Streifensysteme  aufzuweisen  und  zwar  je  ein  makro- 
diagonales, welche  von  der  gemeinsamen  Spitze,  unter  60  Grad 
divergirend,  ausgehen,  und  sich  über  jede  der  beiden  ver- 
wachsenen Glimmerindividuen  bis  in  die  beiden  Spitzen  des 
Schwalbenschwanzes  fortsetzen  ,  —  ferner  die  zwei  recht- 
winklig auf  den   Prismenkanten   stehenden  Systeme,   so  dass 


173 


jede  Schwalbenschwanzspitze  eine  federartige  Streifung  be- 
sitzt. Ausser  Markersdorf  und  Wolkenburg  boten  die  Eisen- 
bahneinschnitte von  Rochsburg  und  Amerika,  ferner  die  Um- 
gegend von  Göppersdorf  Fundpunkte  streifiger  Kaliglimmer- 
tafeln. 

Magnesiaglimmer  kommt  in  schwarzbraunen  Tafeln 
an  einigen  Stellen  als  seltener  Gemengtheil  des  Pegmatits  vor. 
Ganz  eigenthümlich  ist  sein  Auftreten  in  einem  Pegmatitgange 
direct  oberhalb  Waldheims.  Hier  bildet  er  dünne  Lamellen 
von  grünlich-brauner  Farbe,  welche  eine  Länge  und  Breite  von 
12  bis  15  Cm.  besitzen  und  den  Gang  in  allen  möglichen 
Richtungen  schräg  durchsetzen,  so  dass  ein  unregelmässig 
bienenwabenartiges  Fachwerk  von  Glimmerlamellen  entsteht. 
Ausgefüllt  ist  dasselbe  von  röthlichem  Orthoklas  und  glasigem 
grauem  Quarz,  so  dass  bald  die  grossen  Feldspäthe,  bald 
grosse  Quarzpartien  haarscharf  und  vollkommen  ebenflächig 
von  den  Glimmerlamellen  abgeschnitten  werden.  Die  Gang- 
masse lässt  sich  demnach  auf  diesen  Glimmerflächen  in  lauter 
bis  faustgrosse  prismatische  Stücke  oder  Tafeln  trennen,  welche 
auf  jeder  Seite  von  einer  Glimmertafel  begrenzt  sind  und  des- 
halb auf  der  ganzen  Oberfläche  glänzend  schwarz  erscheinen, 
während  sie  im  Innern  aus  lauter  rothem  Orthoklas  oder 
grauem  Quarz  oder  aus  beiden  bestehen.  Es  ist  klar,  dass 
zuerst  die  Glimmerlamellen  anschössen,  und  dann  der  Raum 
zwischen  ihnen  von  Feldspath  und  Quarz  ausgefüllt  wurde. 

Neben  Orthoklas,  Quarz,  Turmalin  und  Glimmer  kommen 
accessorisch  in  den  Pegmatitgängen  des  Granulitgebiets 
folgende  Mineralien  vor: 

Andalusit,  röthlicbgrau  bis  dunkelfleichroth  in  radial- 
stengeligen  Büscheln  von  6  bis  10  Cm.  Radius,  deren  Aus- 
gangspunkte oft  so  nahe  nebeneinander  liegen,  dass  sich  die 
einzelnen  Strahlenbündel  gegenseitig  abschneiden.  In  der  Nähe 
ihrer  Ausgangspunkte  ausschliesslich  aus  lauter  eng  aneinander 
liegenden,  quadratischen  Andalusitprismen  bestehend,  werden 
diese  in  ihrem  späteren  Verlaufe  durch  keilförmig  zwischen 
sie  dringende  Quarz  -  und  Feldspathmasse  voneinander  ge- 
trennt. Die  Oberfläche  dieser  stengeligen  A ndalusitindividuen 
ist  oft  mit  einem  hauchartigen  Ueberzug  von  lichtgelblichem 
Kaliglimmer  bedeckt  und  zwar  namentlich  dort,  wo  die  Büschel 
divergiren  und  Orthoklas  sich  zwischen  sie  drängt.     Sind  die 


174 


Glimmerschüppchen,  wie  es  hier  scheint,  secundärer  Entste- 
hung, so  dürfte  sie  richtiger  einer  Zersetzung  des  benach- 
barten Kalifeldspaths,  als  einer  Umbildung  des  Andalusits  zu- 
zuschreiben sein.  Gümbel  beschreibt*)  Andalusite  von  Zwiesel 
und  Bodenmais,  die  in  ganz  ähnlicher  Weise  von  lichten 
Glimmerschuppen  bedeckt  sind  und  bestreitet  mit  einleuchten- 
den Gründen  die  secundäre  Entstehung  der  letzteren,  die  er 
in  diesem  Falle  vielmehr  für  dem  Andalusit  gleichzeitige  Ge- 
bilde hält. 

Apatit  von  spargelgrüner  Farbe  in  bis  nussgrossen,  kör- 
nigen Aggregaten  mit  Orthoklas  verwachsen,  so  im  Eisenbahn- 
einschnitt durch  Friedemanns  Klippe,  unterhalb  Amerika.  Von 
Aufschlüssen  früherer  Zeiten  herstammend,  kennt  man  aus  der 
Gegend  von  Penig,  Chursdorf  und  Rochsburg  Apatite  von 
weisser,  grünlicher  und  indigoblauer  Farbe  und  den  gewöhn- 
lichen einfachen  Combinationen.  **) 

Topas  in  seltenen  lichtgrünen,  bis  fingergiiedlangen, 
prismatischen  Einsprenglingen  im  schriflgranitisch  vom  Quarz 
durchwachsenem  Orthoklas  an  Friedemanns  Klippe.  Früher  in 
blassblauen  und  grünlichen  Krystallen  bei  Limbach,  Mylau, 
Chursdorf,  Hartmannsdorf  und  Arnsdorf  gefunden.  Ihre  stark 
entwickelte  Basis  ist  gewöhnlich  drusig.***)  Im  kiesigen  Di- 
luviallehm eines  kleinen  Thälchens  bei  Neugepülzig  (in  der 
nördlichen  Hälfte  des  Granulitgebiets)  fand  Herr  Dr.  Dathe 
einen  vollkommen  klaren,  blassgrünen  Topaskrystall  von  2,5  Cm. 
makrodiagonaler  Breite  und  gleicher  Höhe.  Die  Kanten  des 
längsstreifigen  Prismas  oc  P  sind  durch  Rollung  etwas  abge- 
rieben, weshalb  man  ooP2  nicht  nachweisen  kann,  falls  es 
etwa  angedeutet  war.  Die  ausserdem  erhaltene  Endfläche  o  P 
ist  nur  auf  ihrer  einen  Hälfte  spiegelglatt,  während  die  andere 
in  zahlreiche  parallele  Krystallspitzen  ausläuft.  Da  der  ganze 
Habitus  dieses  Geschiebes  ganz  derjenige  des  dem  Pegmatite 
des  Granulitgebiets  selbst  entstammenden  Topases  ist,  so  kann 
kaum  bezweifelt  werden  ,  dass  der  beschriebene  Krystall  dem 
Bereiche  unserer  Betrachtungen  angehört. 

Pinit  habe  ich  in  kurzsäulenförmigen  Partieen  von  4  Cm. 


*)  Ostbaier.  Grenzgeb.  B.  1.  pag.  318. 
**)  Frenzkl,  Mineral.  Lex.  von  Sachs,  pag.  t7. 
***)  1.  c.  pag.  323. 


175 


Durchmesser,  eingewachsen  in  dem  röthlichen  Orthoklase  eines 
Pegmatitganges,  eine  Viertelstunde  oberhalb  Rochsburg  aufge- 
funden. Er  besitzt  grünlichgraue  Farbe ,  ist  sehr  leicht  zu 
ritzen  und  zeigt  eine  ausgezeichnete,  der  Basis  parallele  blät- 
terige Absonderung;  die  durch  sie  hervorgebrachten  Flächen 
sind  von  zarten  Glimmersehüppchen  belegt  uud  erhalten  da- 
durch Perlmutterglanz.  In  seinem  ganzen  Habitus  ähnelt  er 
dem  Gigantolith  aus  Finnland  ausserordentlich.  Wie  bei  ander- 
weitigen Vorkommen  dieser  Mineralsubstanz  (Aue,  Schneeberg, 
Penig,  Pardoux)*)  ist  auch  hier  der  Pinit  aus  einer  Um- 
wandlung des  Cordierits  hervorgegangen.  Dafür  spricht  ausser 
jenen  Analogien  namentlich  mit  den  Piniten  des  benachbarten 
Penig  der  kurzsäulenförmige  Habitus  dieser  Pseudomorphosen, 
deren  Prismenwinkel,  soweit  Messungen  an  ihrer  rauhen  und 
zerfressenen  Oberfläche  zulässig,  mit  dem  des  Cordierits  über- 
einstimmt. Mikroskopische  Untersuchung  lehrt,  dass  der  Rochs- 
burger  Pinit,  ganz  ähnlich  dem  von  Penig**),  aus  einem 
filzigfaserigen,  büscheligen,  stellenweise  radialstrahligen  Aggre- 
gate von  Nädelehen  besteht,  aus  welchem  hie  und  da  ein  un- 
regelmässig  umgrenztes  Fleckchen  einer  ziemlich  lebhaft  pola- 
risirenden  Substanz ,  augenscheinlich  Reste  des  Cordierits 
hervortreten.  Dass  aber  die  Pinitbildung  nur  ein  Zwischen- 
stadium in  der  fortschreitenden  Umwandlung  des  Cordierits 
vorstellt,  dass  diese  jedoch  auf  Herstellung  von  Glimmer  hin- 
arbeitet, zeigt  sich  auch  bei  vorliegenden  Handstücken.  Nicht 
nur  die  Absonderungsflächen,  sondern  auch  die  Aussenseite 
unserer  Pinite  und  zwar  vorzugsweise  diese,  also  lauter  Punkte, 
zu  denen  die  umwandelnden  Wasser  den  ersten  und  leichtesten 
Zutritt  hatten,  sind  von  weissen  Glimmersehüppchen  bedeckt, 
von  wo  aus  sie  einerseits  auf  Rissen  in  das  Innere  der  Mineral- 
masse eingedrungen  sind ,  andererseits  sich  auf  Klüftchen  des 
benachbarten  Orthoklases  angesiedelt  haben.  Zugleich  hat  eine 
ziemlich  reichliche  Ausscheidung  von  Eisenoxydhydrat  statt- 
gefunden. Wir  begegnen  also  hier  im  kleinsten  Maassstabe 
den  nämlichen  Erscheinungen,  welche  sich  in  grossen  an  den 
früher  (Seite  107)  beschriebenen  Glimmer  -  Quarz  -  Eisenoxyd- 
hydratgängen im  Cordieritgneiss  von  Lunzenau  wiederholen. 


*)  Wichmann,  diese  Zeitschr.  1874.  pag.  675. 
**)  1.  e.  pag  698. 


176 


Was  nun  den  Umwandlungsvorgang  des  Cordierits  betrifft, 
aus  welchem  Pinit  und  Kaliglimmer  resultirten,  so  muss  dieser 
nach  Bischof*)  und  Blüm**)  darin  bestanden  haben,  dass 
dem  ursprünglichen  Thonerde  -  Magnesia  -  Eisensilicate  durch 
Kohlensäure  und  kieselsaure  Alkalien  -  haltige  Sickerwasser, 
Magnesia  als  Carbonat  entführt  und  Alkalien  sowie  Wasser 
zugeführt  wurden. 

Amblygonit;  dieses  sehr  seltene  Mineral  hat  sich  in 
den  neuerdings  in  grosser  Anzahl  aufgeschlossenen  Pegmatit- 
gängen  nicht  wiedergefunden,  trotzdem  dieselben  in  directer 
Nachbarschaft  der  alten  im  ersten  Drittel  dieses  Jahrhunderts 
ausgebeuteten  Fundstellen  aufsetzen.  Die  aus  jener  Zeit  stam- 
menden Handstücke  von  Chursdorf,  Arnsdorf  und  Friedemanns 
Klippe  (sämmtlich  unweit  Penig)  zeigen  den  Amblygonit  in 
derben,  unregelmässig  umgrenzten  Partieen  oder  rundlichen 
Klumpen,  zuweilen  mit  bräunlichrother  Umgrenzung,  ver- 
wachsen mit  typischem  rechlichem  Orthoklas ,  glasigem  licht- 
grauem Quarz,  schwarzem  Turmalin  und  lichtröthlichgrauem 
Kali-  und  Lithionglimmer,  denen  sich  zuweilen  grünlichweisser 
Topas  und  bläulichweisser  Apatit  zugesellen  können.  Eine  der 
vorliegenden  A  mblygonitpartieen  is't  selbst  von  einem  Topas 
durewachsen. 

Die  Structur  der  Pegmatitgänge  kann  zwar  im  Allge- 
meinen mit  Recht  als  eine  ausserordentlich  grosskörnige  be- 
zeichnet werden,  jedoch  erleidet  sie  fast  ausnahmslos  gewisse 
Modificationen,  welche  an  die  besprochenen  Structurverhältnisse 
der  granitischen  Gänge  erinnern  und  von  der  gleichen  gene- 
tischen Bedeutung  sind.  In  Combination  mit  der  erst  erwähn- 
ten m assig- grosskrystallinischen  Structur  findet  sich 
nämlich  stets  eine  symmetrisch-lagenförmige ,  eine  querstenge- 
lige  oder  eine  drusenförmige  Aggregationsweise,  und  endlich 
erhält  die  erstgenannte  einen  ganz  bezeichnenden  Habitus  da- 
durch ,  dass  die  Mehrzahl  der  pegmatitischen  Gemengtheile 
zu  radialstrahliger  Ausbildung  gelangt  sind.  Schliesslich  kann 
der  Quarz  local  in  manchen  Granitgängen  eine  so  vorwaltende 
Rolle  spielen,  dass  er  mehr  als  |-  des  gesammten  Ganges  ein- 
nimmt.   In  dieser  Grundmasse  von  glasigem  Quarz  treten  dann 


*)  Lehrb  der  ehem.  u.  physik.  Geologie  II.  pag.  576. 
**)  Pseudom.  I.  Nachtr.  pag.  48. 


lauter  einzelne  Einsprenglinge  von  Orthoklas,  Turmalin  und 
Kaliglimmer  auf. 

Die  Bezeichnung  „grosskörnig"  entspricht  der  Structur 
der  sächsischen  Pegmatite  nur  dann ,  wenn  man  allein  die 
richtungslose  Anordnung  der  grossen  Quarz-  und  Orthoklas- 
individuen in's  Auge  fasst.  Zieht  man  jedoch  die  übrigen 
ebenso  constanten  Gemengtheile,  also  Turmalin  und  Glimmer, 
ferner  die  mit  dem  Feldspath  schriftgranitisch  durchwachsenen 
Quarze,  sowie  die  in  gewissen  Gängen  häufigen  Andalusite 
mit  in  Betracht,  so  tritt  uns  die  durchweg  strahlige  Aggre- 
gationsweise dieser  Gesteinselemente  als  höchst  charakteristisch 
für  sämmtliche  Pegmatitgänge  des  Granulitgebiets  entgegen: 
Turmalin  durchschiesst  in  bis  fusslangen  Strahlenbündeln  die 
Gangmasse,  Glimmer  bildet  blätterig-strahlige  Partieen,  Quarz- 
nadeln und  -lamellen  durchziehen  die  Ortboklasindividuen  in 
radiären  Bündeln  und  die  Andalusitprismen  sind  zu  radial- 
strahligen  Gruppen  angeordnet.  Da  ausserdem  Drusenräume 
zu  den  gewöhnlichen  Erscheinungen  der  besprochenen  Peg- 
matitgänge gehören,  so  kann  man  die  Structur  der  letzteren 
als  combinirt  grosskörnig,  radialstrahlig  und  drusenreich  be- 
zeichnen. 

Nur  selten  jedoch  ist  dieses  Structurverhältniss  der  ge- 
sammten  Ausfüllungsmasse  der  Pegmatitgänge  zu  eigen, 
meist  stellt  sich  neben  ihm  eine  sy  m  m  etris  ch  -  lag enf  ö  r  - 
mige  Anordnung  des  Gangmaterials  ein.  Dann  werden  die 
beiden  Randzonen  gewöhnlich  von  Schriftgranit ,  seltener  von 
einem  stengeligen  Aggregat  von  Orthoklas,  Quarz  und  schwar- 
zem,  bandartig  verzogenem  Magnesiaglimmer  gebildet,  denen 
sich  zuweilen  noch  grünlicher  Oligoklas  zugesellt,  während 
die  Haupt-  und  Centraizone  entweder,  und  zwar  meist,  aus 
echtem,  grosskörnigem  Pegmatit  besteht,  oder  sich  wiederum 
symmetrisch  in  zwei  seitliche  Lagen  von  rothem  grobkrystal- 
linischem  Orthoklas  und  eine  mittlere  Zone  von  schneeweissem 
Quarz  gliedert,  der  dann  in  manchen  Gängen  rein,  meist  aber 
von  Glimmer  und  Turmalin  durchwachsen  ist.  Ein  sehr 
schönes  Beispiel  solcher  symmetrisch-lagenförmiger  Pegmatite 
liefert  ein  1,3  Meter  mächtiger  Andalusit  -  führender  Gang, 
welcher  in  einem  kleinen  Bruche  im  Muldethal  direct  oberhalb 
Rochsburg   aufgeschlossen  war  und  in  Fig.  25  Taf.  VII.  ab- 

Zeits.d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1 .  12 


178 


gebildet  ist.  Seine  etwa  10  Cm.  mächtigen  Randzonen  (a)  be- 
stehen aus  einem  sehr  zähen  Schriftgranit,  dessen  quer  aut 
den  Salbändern  stehende  Quarzuadeln  zwar  ausserordentlich 
zart  sind,  aber  den  röthlichen  Orthoklas  in  sehr  beträchtlicher 
Anzahl  durchziehen  und  ihm  dadurch  seine  grosse  Zähigkeit 
verleihen.  Auf  diesen  Schriftgranit  folgt  jederseits  nach  innen 
zu  (b)  ein  Aggregat  von  kopfgrossen ,  rothen  Orthoklasen, 
deren  nach  der  Gangmitte  gerichtete  Begrenzungsfläche  zwar 
haarscharf  ist,  aber  höchst  unregelmässig  in  die  Ceutralzone 
eingreift.  In  ihrer  Nähe  ist  der  Feldspath  durchwachsen  von, 
radialstrahligen  Andalusitbüscheln,  deren  divergirende  Enden 
stets  nach  Innen  gerichtet  sind,  die  also  auf  die  nämliche 
Weise,  wie  die  lagenförmig  aufeinander  abgesetzten  Orthoklase 
und  Schriftgranite  an  den  Wandungen  der  jeweiligen  centralen 
Drusenspalte  auskrystallisirten.  Letztere  ist  jetzt  von  schnee- 
weissem  Quarz  (c)  ausgefüllt.  In  diesem  Pegmatitgange  ist 
also  grosskörnige  (beim  Orthoklas),  stengelige  (beim  Schrift- 
granit), radialstrahlige  (beim  Andalusit)  und  lagenförmige 
Structur  combinirt;  in  jeder  einzelnen  derselben,  wie  in  ihrer 
Gesamrntheit  ist  der  allmälig  und  von  den  Spaltenwandungen 
aus  vor  sich  gehende  Krystallisationsprocess  verkörpert.  Wenn 
der  Augenschein  und  die  Analogie  mit  den  beschriebenen  gra- 
nitischen Gängen  es  nicht  bereits  lehrten,  die  Fl  üs s i g k  e i  ts - 
einschlüsse  innerhalb  ihres  Hauptgemengtheils  des  Quarzes 
beweisen,  dass  er  aus  wässeriger  Lösung  erfolgte. 

Für  viele  Gesteine  gelten  Flüssigkeitseinschlüsse  als  Be- 
weise dafür,  dass  erstere  aus  einem  mit  Wasser  impräg- 
nirten  gluthflüssigen  Gemenge  hervorgegangen,  also 
hydatopyrogen  seien.  Und  mit  Recht,  sobald  sich  neben 
der  durch  die  Flüssigkeitsporen  erwiesenen  dermaligen  Gegen- 
wart des  Wassers,  auch  ihre  frühere  Gluthflüssigkeit ,  sei  es 
durch  Glaseier,  Fluctuationserscheinungen  oder  glasige  Zvvischen- 
drängungsmasse  constatiren  lässt.  So  liegt  in  dem  gleichzei- 
tigen Auftreten  von  Flüssigkeitseiuschlüssen  und  Glassubstanz 
in  den  Quarzen  der  Felsitporphyre  der  Beweis,  dass  das 
betreffende  Mineral  und  somit  auch  das  Gestein,  als  dessen 
wesentlicher  Bestandtheil  es  zu  gelten  hat,  sich  bei  Gegen- 
wart von  Dämpfen  oder  überhitzten  Wassern  aus  Glasfluss 
ausschied.     Nun  sind  aber  in  unseren  Pegmatiten  und  in  un- 


179 


seren  granitischen  Gängen  (wie  überhaupt  in  denen  aller  übri- 
gen Länder)  zwar  überall  zahllose  Wasserporen,  also  eben- 
soviel Beweise  für  Betheiligung  des  Wassers  bei  der  Ent- 
stehung jener  Gesteine,  aber  noch  nie  einer  oder  mehrere 
oer  oben  erwähnten  und  bei  keinem  echten  Eruptivgestein 
fegenden  Kriterien  früheren  Schmelzflusses  durch  das 
Mikroskop  nachgewiesen.  Muss  sich  da  unbefangenes  Urtheil 
nicht  dem  von  rein  p  e  t  r  ograp  h  i  s  ch  e  m  Standpunkte 
vollkommen  unberechtigten  Herbeiziehen  vulkanischer 
oder  plutonischer  Gluthen*)  widersetzen? 

Aber  weiter.  Als  wesentliches  Gemengtheil  des  Pegmatits 
und  der  früher  besprochenen  granitischen  Gesteine  findet  sich 
Alb  it.  Albit  jedoch  ist  ein  Mineral,  welches  sonst  nur  als 
Auskleidung  von  Drusenräumen,  als  Inkrustat  von  Spalten- 
wänden, eingesprengt  in  Quarztrümern,  als  parasitischer  Ueber- 
zug  auf  anderen 1  Mineralien ,  als  Pseudomorphose  an  deren 
Stelle,  ferner  als  accessorischer  Bestandtheil  gewisser  Kalk- 
steine und  Chloritschiefer,  sowie  als  wesentliches  Gemengtheil 
einer  Anzahl  geschichteter  Silicatgesteine**),  nirgends  aber  als 
solcher  von  Eruptivgesteinen  bekannt  ist.  Albit  repräsentirt 
somit  für  die  betreffende  Mineralassociation,  deren  Theilnehmer 
er  ist,  also  für  die  betreffende  Gangformation,  ein  ,, Leitmineral" 
für  wässerige  Entstehung.  Nun  ist  aber  Albit  mit  dem  Haupt- 
bestandteile unserer  Pegmatit-  und  Granitgänge,  dem  Ortho- 
klas, auf  innigste  Weise  verwachsen,  —  wie  der  eine,  so 
muss  auch  der  andere  dieser  beiden  Feldspäthe,  zugleich  aber 
auch  der  sie  schriftgranitisch  durchschiessende  Quarz,  ent- 
standen sein.  Incrustiren  nun  gar  Orthoklase  von  fast  Zoll- 
grösse  die  Gerolle  benachbarter  Conglomerate  (z.  B.  bei  Euba), 
so  ist  kein  anderer  Schluss  gerechtfertigt,  als  der,  dass  sich 
diese  Gänge  von  symmetrischem  Bau  und  stengeliger  Structur 
auf  hydrochemi  schein  Wege  gebildet  haben. 

Eine  ähnliche  Regelmässigkeit,  wie  sie  im  Allgemeinen 
die  Anordnung  der  Gemeugtheile  des  Pegmatits  im  Granulit- 
gebiet  zu  beherrschen  pflegt,  beobachtete  Gümbel  an  den  Peg- 
matitgängen  des  ostbayerischen  Grenzgebirges.***)  Innerhalb 


*)  Siehe  auch  Zirkel,  Mikrosk.  Beschaffenh.  d.  Gest.  pag.  3:20. 
'*)  Siehe  auch  Lossen,  diese  Zeitschr.  1867.  pag.  684. 
'*)  Geogn.  Bcsehr.  des  ostbayer.  Grenzgeb.  pag.  6  i3, 

12* 


180 


dieser  nehmen  deren  Bestandteile  mit  der  Entfernung  von  den 
Ganggrenzen,  also  in  der  Richtung  nach  der  Mitte  an  Grösse 
zu,  während  sich  gleichzeitig  eine  zonenartige  Sonderuug  der 
Gemengtheile  in  der  Weise  bemerklich  macht ,  dass  gegen 
Aussen  die  feldspathigen  Gemengtheile,  dann  der  Glimmer  mit 
etwas  Quarz,  auf  der  Grenze  zwischen  beiden  Zonen  Turmalin, 
Granat,  Beryll,  Andalusit,  Zwieselit,  Triplit,  Triphylin ,  Co- 
lumbit  und  Apatit  und  endlich  als  Centraizone  Quarz  mit  ein- 
zelnen grossen  Feldspathkrystallen  und  Glimmerputzen  auftritt. 
Häufig  stehen  ausserdem  die  Krystallsäulen  der  Mineralien 
senkrecht  zu  den  Gangwänden,  ebenso  wie  Drusenräume  zu  den 
gewöhnlichsten  Erscheinungen  gehören.  Ueberhaupt  herrscht, 
abgesehen  von  dem  grösseren  Mineralreichthum  der  bayerischen 
Pegmatite  eine  auffallende  Aehnlichkeit  zwischen  ihnen  und 
den  sächsischen. 

6.    Gang  von  Turmalingranit  mit  bunten  Turmalinen. 

Dort,  wo  sich  das  schöne  Thal  der  Mulde  in  kurzem 
Bogen  um  den  felsigen  Berg  schlingt,  der  das  Wolkenburger 
Schloss  trägt,  werden  für  die  in  Bau  begriffene  Eisenbahn 
einige  tiefe  Felseinschnitte  gesprengt.  Dieselben  übten  von 
Beginn  der  Arbeiten  an  eine  besondere  Anziehungskraft  auf 
mich  aus,  da  sie  eine  hochinteressante  Reihe  von  Granulit- 
varietäten  entblössten  und  in  diesen  eine  so  grosse  Anzahl 
von  Quarz-,  Granit-  und  Pegmatitgängen  der  verschiedensten 
Structur  und  Mächtigkeit  erschlossen,  dass  ich  nie  ohne  Aus- 
beute und  Belehrung  von  dannen  zog.  So  oft  ich  nun  auch 
gemeinschaftlich  mit  Herrn  Dr.  Lehmann,  in  dessen  Kartirungs- 
gebiet  jene  Gegend  fällt,  oder  jeder  von  uns  für  sich  diese 
gewaltigen  Schürfe  besucht  hatte,  der  seltenste,  interessanteste 
und  das  geologische  Auge  entzückendste  Erfund  wäre  dennoch, 
vielleicht  bis  auf  einige  Krystalle ,  unserer  Kenntnissnahme 
entgangen,  hätten  mich  nicht  die  Herren  Ingenieure  Donath 
und  Josupeit  davon  unterrichtet,  dass  in  den  besprochenen 
Einschnitten  rosenfarbiger  Turmalin  gefunden  worden  sei.  Ich 
eilte  an  Ort  und  Stelle  und  fand  statt  der  erwarteten  einzelnen 
Krystalle  eine  Vergesellschaftung  Hunderter  von  Rosaturma- 
linen !    Herr  Dr.  Lehmann  löste  mich  am  folgenden  Tage  ab 


setzte  die  Beobachtung  und  Ausbeutung  des  Vorkommens 
fort,  dessen  Beschreibung  folgt: 

Die  z.  Th.  glimmerführenden,  steilaufgerichteten  Granu- 
lite  von  Wolkenburg  werden  in  einem  der  oben  erwähnten 
Einschnitte,  abgesehen  von  einer  grossen  Anzahl  schwacher. 
granitischer  Gangtrümer ,  durchsetzt  von  einigen  Gängen  von 
Turm  ali  ngrani  t.  Derjenige,  dem  unsere  Aufmerksamkeit 
speciell  gewidmet  werden  soll,  besitzt  eine  Mächtigkeit  von 
durchschnittlich  2  Meter.  Seine  Salbänder  sind  z.  Th.  wellig, 
stets  aber  scharf.  Er  selbst  besteht  aus  einem  grosskörnigeu, 
grellfarbigen  Gemenge  von  Orthoklas,  Oligoklas,  Quarz,  Kali- 
glimmer und  viel  Turmalin. 

Der  Orthoklas  hat  lichtfleischrothe  Farbe,  bildet  bis 
10  Cm.  grosse ,  unregelmässig  umgrenzte  Individuen  ,  welche 
sehr  gewöhnlich  von  fast  wasserhellem  Quarz  schriftgranitisch 
durchwachsen  sind. 

Der  Oligoklas  ist  trübe  weiss,  mit  einem  Stich  in's 
Gelblichgrüne,  bildet  Aggregate  von  bedeutend  geringerer 
Individuengrösse ,  wie  sie  der  Orthoklas  erreicht.  Dieselben 
umfassen  grössere  Individuen  des  letzteren,  welche  dann  por- 
phyrartig aus  dem  Oligoklasaggregate  hervortreten.  Die 
Zwillingsstreifung  des  Oligoklas  ist  eine  ausserordentlich  zarte 
und  dichte. 

Der  Quarz  hat  lichtgraue  Farbe,  tritt  an  Menge  gegen 
jeden  der  Feldspäthe  zurück  und  bildet  entweder  unregelraässige, 
bis  erbsengrosse  eingesprengte  Körner  oder  langgezogene  Sten- 
gel, an  denen  hie  und  da  pyramidale  Endflächen  wahrnehmbar 
sind,  ferner  durchwächst  er  den  Orthoklas  weitläuftig  schrift- 
granitartig,  und  endlich  ist  er  mit  dem  Turmalin  in  einer 
Weise  vergesellschaftet,  welche  wir  weiter  unten  genauer  in's 
Auge  fassen  werden. 

Der  Kaliglimmer,  der  am  meisten  zurücktretende  Ge- 
mengtheil unseres  Turmalingranits ,  tritt  in  diesem  entweder 
in  einzelnen  blätterigen  Tafeln  auf,  oder  bildet  in  Gemeinschaft 
mit  Quarz  bis  zu  10  Cm.  grosse  radialstrahlige  Blätteraggre- 
;  gate,  wrobei  der  Quarz  in  Form  langer  stengeliger  Lamellen 
zwischen  den  einzelnen  Glimmerblättchen  lagert  und  sie  zu 
einem  festen  Bündel  vereint.  Die  Farbe  des  Kaliglimmers 
ist  in  frischem  Zustande  ein  reines  Silberweiss,  sein  Glanz 
ausgezeichnet  perlmutterartig;    bei    eintretender  Verwitterung 


182 


erhält  erstere  einen  Stich  iu's  Goldgelbe ,  während  sich  der 
Perlmutterglanz  in  einen  Metallglanz  verwandelt.  Manche 
dieser  Glimmertafeln,  aber  nicht  alle,  schmelzen  leicht  vor 
dem  Löthrohr,  sind  also  lithionhaltig  und  besitzen  dann 
einen  rosigen  Schein.  Auf  den  Spaltungsflächen  vieler  dieser 
schönen  Kaliglimmertafeln  ist  die  bei  Beschreibung  des  peg- 
matitischen  Glimmers  erwähnte,  federartige,  rechtwinklig  auf 
der  ßracbydiagonale ,  sowie  auf  den  Prismenflächen  stehende 
Streifung  zu  beobachten. 

Einen  besonders  prachtvollen  Anblick  gewähren  diese  blät- 
terigen Aggregate  von  zollgrossen  Glimmertafeln  dadurch,  dass 
diese  letzteren  mit  Büscheln  von  lichtgrünem  Turmalin 
verwachsen  sind.  Dieselben  liegen  in  parallelfaserigen  oder 
radialstrahligen  Säulenbündeln  in  der  Masse  der  Glimmer- 
tafeln selbst  und  zwar  mit  ihrer  Längenaxe  in  der  basischen 
Spaltungsfläche  des  Glimmers,  so  dass  jeder  Blätterbruch  des 
letzteren  die  grasgrünen  Tnrmalinbündel  auf  weissem,  atlas- 
glänzendem Untergrunde  erblicken  lässt.  Manche  derselben 
liegen  in  der  Makrodiagonale  des  Glimmers,  also  parallel 
dessen  durchgehender  Streifung  und  reichen  ebenso  wie  diese 
ganz  durch  die  Tafel. 

Der  Turmalin  besitzt,  soweit  er  als  Gemengtheil  dieses 
Ganggranits  auftritt,  also  abgesehen  von  den  eben  beschrie- 
benen grasgrünen  Turmalineinschlüssen  des  Glimmers,  constant 
eine  tief  sammtschwarze  Farbe  und  bildet  bleistift-  bis  über 
zollstarke  sechsseitige  Säulen  von  10,  20,  in  einzelnen  Fällen 
bis  gegen  40  Cm.  Länge.  Dieselben  durchspicken  die  gra- 
nitische Gangmasse  in  Einzelindividuen  wirr  und  ordnungslos, 
oder  durchschiessen  diese  in  radialstrahligen  Büscheln. 

Höchst  auffällig  ist  die  in  diesem  Turmalingranit  sehr 
gewöhnliche  Erscheinung  der  gegenseitigen  steten  Vergesell- 
schaftung und  gesetzmässigen  Verwachsung  von  Tur- 
malin und  Quarz.  Dieselbe  bethätigt  sich  darin ,  dass  die 
schwarzen  Turmalinsäulen  einen  weissen  Quarzkern  von  rund- 
lichem oder  sechsseitigem  Querschnitt  haben,  dessen  Prismen- 
flächen in  letzterem  Falle  denen  des  Turmalins  entsprechen 
(Fig.  28  Taf.  VII.).  Dann  stellt  letzterer  einen  hohlen  sechs- 
seitigen Cylinder  mit  bald  schwächeren  bald  stärkeren  Wan- 
dungen vor,  dessen  Inneres  mit  Quarz,  zuweilen  aber  auch 
mit  einem  Gemenge  von  diesem  und  Feldspath,  also  mit  fein- 


183 


körnigem  Nebengestein  ausgefüllt  ist,  ähnlich  wie  die  Chiasto- 
lithe  mit  Thonschiefermasse.  Complicirter  wird  dieser  Aufbau, 
sobald  sich  in  der  Axe  des  Quarzkernes  ein  centraler  Stengel 
von  Tormalin  einstellt  (Fig.  28  a.  Taf.  VII.)  oder  wenn  eine 
zartwandige,  von  Quarz  und  Feldspath  ausgefüllte  sechsseitige 
Turmalinröhre  wiederum  von  einer  dünnen  Quarzlage  und 
diese  von  einem  zweiten  Turmalincylinder  umhüllt  wird ,  so 
dass  auf  dem  Querbruche  derartiger  Säulen  zwei  schwarze 
concentrische  Sechsecke  von  Turmalinsubstanz  auf  weissem 
Grunde  hervortreten.  Endlich  ist  die  Erscheinung  nicht  selten, 
dass  solche  Turmaline  von  mehrfach  cylindrischem  Bau  um- 
geben sind  von  einer  im  Querschnitt  ebenfalls  sechsseitigen 
Zone,  welche  sich  aus  lauter  der  Hauptaxe  der  Zone  paral- 
lelen dünnen  Stengeln  von  Quarz  und  Nadeln  von  schwarzem 
Turmalin  zusammensetzt  (Fig.  28b.  Taf.  VII.).  Turmalinsäulen 
von  solch  complicirtem  Aufbau  durchschiessen  in  0,5  bis  2  Cm. 
starken  und  10  bis  15  Cm.  langen  Strahlen  das  granitisch- 
körnige  Aggregat. 

Dieselben  gehören  unter  die  Rubrik  der  „Perimorphosen" 
oder  besser  der  Kern  k  ry  stalle  Scheerer's,  reihen  sich  also 
den  Feldspäthen  mit  Epidot  -  Quarz  -  Kalkspath  -  Kernen  von 
Arendal,  dem  Granat  mit  Epidot-Kalkspath-Kernen  ebendaher, 
dem  Granat  mit  Epidot  -Hornblende  -Albit-  Kalkspath  -Quarz- 
Kern  von  Auerbach  an  der  Bergstrasse  und  anderen  ähnlichen 
Vorkommnissen  an.  Von  letztgenanntem  Fundorte  hat  Knop*) 
zugleich  Turmaline  mit  Quarz-Albit-Kern  beschrieben,  welche 
den  einfacheren  unserer  Kernkrystalle  vollkommen  entsprechen. 
Man  hat  längst  aufgehört,  derartige  Kernkrystalle  als  begin- 
nende Pseudomorphosen  aufzufassen,  vielmehr  ist  es  augen- 
scheinlich, dass  sich  die  Krystallisationskraft  des  anschiessen- 
den  Turmalins  der  sich  zu  gleicher  Zeit  ausscheidenden  Quarz- 
und  Feldspathmolekule  bemächtigte  und  sie  in  dessen  Formen 
zwang,  —  ein  Vorgang,  der  seit  Anwendung  des  Mikroskops 
bei  Gesteinsuntersuchungen  zahlreiche  Illustrationen  gefunden 
hat.  Knop  kam  bereits  bei  Deutung  der  Auerbacher  Granat- 
und  Turmalinkernkrystalle  zu  diesem  Schlüsse.  Er  sagt:  „Die 
verschiedenen  Stoffe  zur  Fortbildung  der  verschiedenartigen 
mineralischen  Individuen  der  Kernkrystalle  müssen  gleichzeitig 


*)  N.  Jahrb.  f.  Mitter.  1858.  pag.  33  ff. 


184 


in  derselben  Flüssigkeit  in  Lösung  gewesen  sein,  um  gleich- 
zeitig jedes  einzelne  Individuum  mit  homogener  Substanz  näh- 
reu zu  können.  Es  gehören  deshalb  alle  zu  Kernkrystallen 
verbundenen  Mineralien  derselben  Bildungszeit  an,  in  welcher 
zugleich  auch  alle  anderen  Mineralkörper  desselben  Ganges 
ausgeschieden  wurden.  Die  Kernkrystalle  aber  sind  Penetra- 
tionen verschiedener  Mineralkörper  mit  Behauptung  je  ihrer 
Individualität  durch  den  stetigen  Zusammenhang  ihrer  in  dem- 
selben Sinne  krystaliographisch  orientirten  Masse-Theilchen." 

Unter  den  von  Herrn  Dr.  Lehmann  gesammelten  Hand- 
stücken befand  sich  eine  Anzahl  solcher,  in  denen  der  Tur- 
malin  in  basisch  -  blätterigen  Pinit  umgewandelt  war.  Die- 
selben stammen  direct  von  den  Salbändern  des  Turmalingranit- 
ganges ,  auf  welchen  die  atmosphärischen  Wasser  Gelegenheit 
fanden ,  einzusickern  und  die  erwähnte  Pseudomorphosirung 
vorzunehmen.  Die  aus  ihr  resultirenden  Pinite  haben  einen 
Durchmesser  von  0,5  bis  3  Cm.  und  bilden  meist  lange  Säulen, 
welche  das  schriftgranitische  oder  körnige  Aggregat  von  Or- 
thoklas und  Quarz  kreuz  und  quer  durchspicken.  Die  äusseren 
Conturen  sind  diejenigen  ihres  Urminerals ,  des  Turmalins, 
geblieben.  Dahingegen  hat  sich  eine  ausgezeichnete  basische 
Blätterung  eingestellt,  der  zu  Folge  die  Säulen  aus  lauter 
horizontalen  Tafeln  aufgebaut  erscheinen.  Die  Farbe  dieser 
Pinite  ist  ein  trübes  Oelgrün,  welche  auf  den  basischen  Ab- 
sonderungsflächen einer  dunkelrauchgrünen  Platz  macht.  Jede 
dieser  Flächen  ist  von  einem  zarten  Glimmerhäutchen  bedeckt, 
wodurch  sie  den  ausgezeichneten  Glanz  dieses  Minerals  erhält. 
Der  Querbruch  des  Pinits  ist,  seiner  basischen  Blätterung 
wegen,  treppenförmig,  zwischen  je  zwei  horizontalen  Abson- 
derungsflächen matt,  aber  geradflächig  und  zwar  rechtwinklig 
auf  der  Basis.  Durch  die  Querschnitte  der  zwischengelagerteu 
Glimmerhäutchen  erscheint  er  wie  von  glänzenden  Linien  ho- 
rizontal gestreift.  Auch  die  benachbarten  Feldspäthe  sind 
bereits  in  Zersetzung  begriffen,  denn  das  Gestein  ist  bröckelig, 
der  Orthoklas  trübe  und  glanzlos  und  auf  seinen  Klüften  von 
Eisenoxydhydrat  überzogen. 

Die  Umwandlung  des  Turmalins  in  Pinit  ist  keine  häufige 
Erscheinung ,  wenigstens  führt  Blüm  in  seinen  Pseudomor- 
phosen  kein  Beispiel  derselben  an ,  —  Bischof  erwähnt  nur 


185 


ganz  kurz,  dass  Tamnau*)  die  theilweise  Zersetzung  eines 
grossen  Turmalinkrystalls  zu  einer  pinitartigen  Masse  beob- 
achtet habe,  —  Frenzel  giebt**)  die  kurze  Notiz,  dass  bei 
Penig  Pinit  als  Pseudomorphose  nach  Cordierit,  aber  auch 
nach  Turmalin  vorgekommen  sei ,  dass  ferner  der  sogenannte 
Pinit  eines  Schriftgranits  bei  Neustadt-Stolpen  als  aus  Tur- 
malin hervorgegangener  Glimmer  aufzufassen  sei ,  während 
Wichmar  in***)  zeigte,  dass  der  angebliche  Turmalinkern  nicht 
aus  diesem ,  sondern  aus  einem  mit  keinem  anderen  iden- 
tificirbaren  Minerale  bestehe,  der  Neustädter  Micarell  deshalb 
nicht  aus  der  Umwandlung  von  Turmalin  abgeleitet  werden 
dürfe.  Dahingegen  beschrieb  Gümbel  f )  gigantolithähnliche 
Pinite  mit  ausgezeichneter  basischer  Spaltbarkeit  ,  welche 
stellenweise  von  Glimmerblättchen  bedeckt  sind  und,  wie  die 
genau  stimmenden  Winkel  beweisen,  als  Pseudomorphosen  nach 
Turmalin  aufgefasst  werden  müssen.  Hier  liegt  also  ein  dem 
Wolkenburger  ganz  ähnliches  Vorkommniss  vor. 

Altersfolge  der  Gemengtheile  des  Turmalin- 
granits.  Wenn  auch  nicht  bezweifelt  werden  kann,  dass  die 
Ausscheidung  der  zum  Turmalingranit  aggregirten  Gangmine- 
ralien eine  ziemlich  gleichzeitige  war,  so  ist  doch  andererseits 
nicht  zu  verkennen  ,  dass  die  Krystallisation  des  Turmalins 
und  des  mit  ihm  verwachsenen  Quarzes  der  Bildung  der  Feld- 
späthe  und  Glimmer  stets  um  einen  Schritt  voraus  war,  und 
dass  letztere,  jenen  im  Wachsthum  folgend,  die  von  ihnen  leer- 
gelassenen Räume  ausfüllten.  Nur  so  lässt  es  sich  erklären, 
dass  der  Turmalin  in  fusslangen  Strahlen  die  übrige  Gang- 
masse durchschiesst.  Dieser  Vorgang  kann  uns  nicht  über- 
raschen, da  wir  ihn  bei  der  Entstehung  jedes  Schriftgranits 
sich  vollziehen  sehen.  Hier  sind  es  die  Stengel  und  Lamellen 
des  Quarzes,  welche  vorauswachsen,  während  das  Wachsthum 
des  sie  umhüllenden  Feldspaths  direct  nachrückt,  jene  an  Zu- 
nahme in  die  Breite  hindert  und  sie  zur  Ausdehnung  in  der 
Richtung  der  Längenaxe  zwingt.  In  unserem  Gange  folgten 
der  Turmalin  -   und  Quarzausscheidung  diejenige  des ,  wie  er- 


*)  Diese  Zeitschr.  1848.  pag.  12. 
**)  Min.  Lex.  von  Sachs,  pag.  £23"2. 
***)  Diese  Zeitschr,  1874.  pag.  698. 

f)  Ostbayev.  Grenzgeb.  I.  pag.  319. 


186 


wähnt,  ebenfalls  oft  mit  Quarzlamellen  verwachsenen  Kali- 
glimmers, dann  diejenige  des  von  Quarz  durchschossenen  Or- 
thoklases und  endlich  die  des  wiederum  mit  Quarzkörnern 
aggregirten  Oligoklases.  Aus  dieser  constanten  Vergesellschaf- 
tung des  Quarzes  mit  dem  Turmalin  ,  dem  Glimmer  und  den 
beiden  Feldspäthen  geht  hervor ,  dass  gleichzeitig  mit  der 
Krystallisation  jedes  dieser  Gangmineralien  im  Ueberfluss  vor- 
handene und  freiwerdende  Kieselsäure  sich  ausschied. 

Ga  n  g  s  truc  tur.  In  dem  bisher  beschriebenen  Gang- 
material macht  sich  dadurch  die  Andeutung  einer  symmetriscb- 
lagenförmigen  Gangstructur  bemerklich,  dass  die  Turmalin- 
säulen  in  den  beiden  den  Salbändern  benachbarten  seitlichen 
Gangzonen  kreuz  und  quer  das  übrige  grobkrystallinische 
Mineralaggregat  durchspicken  ,  während  sie  sich  nach  der 
Gangmitte  zu  in  fächerartige  Büschel  gruppiren ,  welche  von 
beiden  Seiten  jedesmal  in  der  Richtung  nach  der  Centrainaht 
divergiren  (siehe  Fig.  23  Taf.  VII.) ,  also  wie  die  Finger  ge- 
spreizter Hände  gegeneinander  gerichtet  sind.  Der  Augen- 
schein lehrt,  wie  hier  eine  von  den  Salbändern  nach  der  Mitte 
zu  fortschreitende  Krystallisation  stattgefunden  hat. 

Nester  von  bunten  Tur  malinen  und  Lepidolitb. 
Die  ebengenannte  Centrainaht  ist  nun  nicht  in  ihrem  ganzen 
Verlaufe  verwachsen,  thut  sich  vielmehr  stellenweise  zu  ur- 
sprünglich spaltenförmigen  Central-Drusenräumen  auf,  welche 
jedoch  durchweg  von  Mineralgebilden  jüngeren  Ursprungs  aus- 
gefüllt und  dadurch  zu  Nestern  von  Lepidolith,  jüngerem  Quarz, 
Orthoklas  und  farbigen  Turraalinen  umgestaltet  wurden. 

Es  sind  grobblätterige  Aggregate  von  richtnngslos  ver- 
wachsenen,  vorwaltenden,  dicken,  glänzenden,  röthlichgrauen 
bis  pflrsichblüthrothen  Li  t  h  i  o  n  gl  im  m  er  t  af  e  1  n  und  zwar 
centimetergrosse  und  etwa  halb  so  hohe  Prismen  mit  geringer 
Abstumpfung  der  scharfen  Seitenkanten,  ferner  graulichweisser 
Quarz  in  regelmässigen,  nuss  -  bis  eigrossen  Partieen ,  bis 
faustgrosse,  lichtgraue  oder  blassröthliche  Orthoklase  und 
endlich  Turmalin  von  licht-  bis  dun  kelro  s  enroth  er, 
selbst  kirsch  rother,  aber  auch  grüner  und  gelb- 
licher Farbe,  in  radialstrahligen  Büscheln  und  einzelnen 
säulenförmigen  Individuen  alle  übrigen  Gemengtheile  durch- 
schiessend.  In  Folge  der  auffällig  leichten  Zersetzbarkeit 
dieses  Orthoklases  ,  sowie  des  verhältnissmässig  geringen  Zu- 


187 


sammenhaltes ,  welchen  Aggregate  von  vorwaltenden  Glimmer- 
tafeln stets  besitzen,  zerbröckelt  dieses  Mineralaggregat  ziem- 
lich leicht. 

Zwischen  dem  Lithionglimmer  und  dem  Quarze  stellen 
sich  nicht  selten  kleine  Drusenräume  ein,  deren  Wandungen 
dann  zuweilen  bedeckt  sind  von  den  zierlichsten,  freilich  meist 
nur  1  bis  3  Mm.  grossen  A  p  a  ti  tkr  y s  tä  1 1  ch  e  n.  Dieselben 
sind  lichtweisslichgrau  gefärbt,  theilweise  durchscheinend  und 
besitzen  durch  starke  Entwicklung  der  Endfläche  einen  tafel- 
oder  kurzsäulenförmigen  Habitus.  Neben  oP  ist  das  kurze 
sechsseitige  Prisma  mit  durch  die  zweite  Säule  abgestumpften 
Kanten  vertreten,  ferner  die  schmalen,  oft  nur  linearen  Flächen 
der  ersten  und  die  ausgedehnteren  der  zweiten  Pyramide. 
Diese  sehr  scharfen  glänzenden  Kryställchen  bilden  trauben- 
förmige  Ansiedelungen  auf  Glimmer  und  Quarz. 

Gewisse  von  den  in  früheren  Jahren  ausgebeuteten  Fund- 
stellen bei  Penig  stammende  Handstücke  von  vorwaltendem 
Lepidolith  und  Quarz  gleichen  den  unserigen  zum  Verwechseln 
und  erhalten  dadurch  besonderes  Interesse,  dass  sie  Ambly- 
gonit  in  unregelmässig  conturirten,  mit  dem  Glimmer  innig 
verwachsenen  und  von  demselben  durchzogene  Partieen  um- 
fassen. 

Die  bekannte  Neigung  des  Quarzes,  sich  in  Krystallform 
auszuscheiden,  kommt  auch  hier  zur  Geltung.  Er  bildet  trübe, 
kurze  Säulen  mit  Pyramide,  welche  jedoch  nur  selten  frei 
hervorragen,  sondern  meist  in  dem  schuppigen  Glimmer- 
aggregat verborgen  stecken.  Im  Innern  lichtgrau  und  glasig, 
besitzen  sie  dünne  äussere  Umhüllungen  von  milchweisser 
Farbe  und  sind  ausserdem  stellenweise  bedeckt  von  noch 
jüngeren  Quarzkryställchen ,  welche  auch  die  mit  den  grossen 
Quarzen  verwachsenen  Glimmertafeln  und  Turmaline  mit  einem 
dichten  Incrustate  überziehen.  Ein  besonderes  Interesse  er- 
halten diese  Quarze  dadurch ,  dass  sie  sehr  gewöhnlich  von 
radialstrahligen  Säulenbündeln  eines  dunkelrosa-  bis  car- 
moisinrothen  Turmalins  durchwachsen  sind ,  dessen  dun- 
kele Farbentöne  für  diese  Art  seines  Vorkommens  geradezu 
charakteristisch  sind.  Zuweilen  ragt  das  Ende  eines  solchen 
Turmalins  aus  einem  Quarze  hervor,  oder  es  liegt  ein  solcher 
in  einer  Pyramidenfläche  des  letzteren.  Dann  hat  er  sich  zu 
dem  herrlichsten  Krystall   entwickelt,    dessen  oberes  Ende  in 


188 


den  vorliegenden  Fällen  von  der  glänzenden  Endfläche  oR 
mit  kleinen  randlichen  Abstumpfungen  durch  das  Hauptrhom- 
boeder  gebildet  wird.  Spiegelnder  Glanz  der  gesammten 
Flächen,  die  Schönheit  der  Farbentöne  und  die  Gleichmässig- 
keit  der  intensiv  rosarothen  Färbung  zeichnen  derartige  Tur- 
maline  aus.  Einzelne  ihrer  im  Quarz  eingewachsenen  Säulen 
erreichen  einen  Durchmesser  von  1,5  Cm. 

Sind  Turmaline  von  dunklerem  Roth  der  Vergesellschaftung 
mit  Quarz  eigen,  so  scheint  die  tief  grüne  Färbung  des  Tur- 
malins  an  den  Orthoklas  gebunden  zu  sein.  In  dem  Feld- 
spath  des  eben  beschriebenen  Mineralaggregats,  und  zwar 
ausschliesslich  in  ihm,  treten  nämlich  Turmalinsäulen  einge- 
wachsen auf,  welche  sich  von  allen  übrigen  Varietäten  dieses 
Minerals ,  soweit  sie  in  der  Centraizone  unseres  granifischen 
Ganges  vorkommen,  unterscheidet  1)  durch  ihre  Grösse,  indem 
einzelne  Individuen  einen  Säulendurchmesser  von  2  Cm.  er- 
reichen ;  2)  durch  ihren  meist  ausgezeichnet  trigonalen  Quer- 
schnitt; 3)  durch  ihre  in's  Schwärzliche  übergehende,  tiefgrüne 
Farbe  von  so  dunkeler  Nüancirung,  dass  sie  erst  an  Splittern 
und  an  den  Rändern  der  Krystalle  ganz  deutlich  wird;  4)  durch 
ihre  ausserordentliche  Rissigkeit  und  Sprödigkeit,  in  Folge 
deren  die  Krystalle  bei  geringer  Erschütterung  in  zahlreiche 
muschelige  Scherben  und  Fragmente  von  starkem  Pechglanze 
zerbersten;  5)  durch  ihre  nicht  seltene  Ausbildung  zu  Kern- 
krystallen,  wobei  sie  in  ihrer  Centralaxe  ein  scharfes  sechs- 
seitiges Prisma  von  schneeweissem  Quarz  umschliessen. 

Zuweilen  sind  diese  kurzen ,  dicken ,  schwärzlicbgrünen 
Turmalinsäulen  verwachsen  mit  stengeligen  Aggregaten  von 
rothem  Turmalin.  Dann  beginnt  sowohl  das  dunkle  Grün  wie 
das  tiefe  Roth  jederseits  in  der  Richtung  nach  der  gemein- 
samen Berührungsfläche  lichteren  Farbtönen  zu  weichen,  so 
dass  sie  sich  nicht  direct  berühren,  sondern  eine  schmale  Zone 
von  blassem  Lauchgrün  und  lichtem  Roth  zwischen  sich  haben. 

Besitzt  das  bisher  beschriebene,  bunte  Turmaline  führende 
Mineralaggregat  in  Folge  des  Vorwaltens  des  dunkelröthlich- 
grauen  Lithionglimmers  eine  etwas  düstere  Färbung,  so  zeichnet 
sich  eine  andere  Modification  der  nämlichen  Mineralvergesell- 
schaftung, so  lange  sie  sich  in  frischem  Zustande  befindet, 
durch  die  Lieblichkeit  und  Zartheit  ihrer  Farbtöne  aus.  Man 
denke  sich  ein   schuppiges  Lepidolith- Aggregat  von  makellos 


189 

silberweisser  Farbe  und  dem  prächtigsten  Perlrautterglanz, 
durchsetzt  von  Büscheln  zarter  Nädelchen,  von  Strahlenbündeln 
zolllanger  Säulen  und  von  schlanken  Einzelprismen  eines  bald 
lichtrosa,  bald  tiefrosenrothen  oder  carmoisinfarbigen  Turma- 
lins!  Wo  sich  zwischen  den  silberweissen  Blättchen  des  Le- 
pidoliths  ein  kleiner  Hohlraum  zeigt,  da  ragt  nicht  selten  das 
Ende  eines  Turmalins  hinein  und  trägt  hier  eine  glänzende, 
also  obere  Endfläche  mit  schmalen  randlichen  Abstumpfungen 
durch  das  Hauptrhomboeder  und  — 2R,  oder  aber  die  glän- 
zenden Flächen  von  R. 

Eine  dritte  Varietät  der  Rosaturmalin  führenden  Gesteins- 
bildung entsteht  dadurch,  dass  Quarz,  Feldspath  und  Litbion- 
glimmer  sehr  stark  in  den  Hintergrund  treten,  ja  fast  gänzlich 
verschwinden.  Dann  setzt  sich  das  Mineralaggregat  fast  aus- 
schliesslich aus  rothen  Turmalinen  zusammen,  die  in  einer 
Grundmasse  eingebettet  liegen ,  welche  in  frischem  Zustande 
aus  einem  feinkörnigen ,  innigem  Gemenge  von  Quarz  und 
lichtgraulichweissem  Orthoklas  Desteht.  Jedoch  tritt  dieselbe 
meist  in  einem  solchen  Grade  zurück,  dass  nur  etwa  ein 
Drittel  oder  gar  nur  ein  Fünftel  des  Volumens  des  gesammten 
Mineralaggregats  von  ihr  eingenommen  wird.  Man  hat  also 
im  Wesentlichen  ein  Aggregat  von  Rosaturmalinen  vor  sich, 
von  welchem  eine  Anzahl  über  faustgrosser  Belegstücke,  an 
deren  Oberfläche  man  Hunderte  von  Turmalinindividuen  zählen 
kann,  diesen  Beobachtungen  zu  Grunde  liegen.  Die  betreffen- 
den Turmaline  sind  nicht  etwa,  wie  man  es  von  ihnen  als 
Hauptbestandtheilen  eines  gesteinsartigen  Aggregats  erwarten 
sollte,  trübe  und  sich  gegenseitig  in  ihrer  Formausbildung 
gehindert  habende  krystallinisehe  Individuen,  —  vielmehr  sind 
es  zum  grossen  Theile  die  klarsten  ,  schönsten  Krystalle  mit 
glänzenden  Prismenflächen  ,  sehr  häufig  auch  mit  Endflächen, 
erreichen  4  bis  6  Cm.  Länge  bei  einem  Durchmesser  von 
einem  Centimeter  und  liegen  kreuz  und  quer  übereinander, 
jedoch  ohne  sich  gegenseitig  zu  berühren ,  da  die  erwähnte 
Quarz  -  Feldspath  -  Masse  sie  von  einander  trennt.  Nicht  etwa 
aus  Drusen,  sondern  fast  allein  aus  diesem  wenig  festen  Aggre- 
gate stammen  die  später  zu  beschreibenden  Krystalle  und 
konnten  demselben  mit  ziemlicher  Leichtigkeit  entnommen 
werden.  Wir  haben  oben  bereits  betont,  dass  der  junge  Or- 
thoklas  dieser  turmalinreichen    Centraizone  sehr   leicht  ver- 


190 


wittert;  so  auch  hier.  Es  verwandelt  sich  deshalb  das  fein- 
körnige Quarz  -  Feldspath  -  Cement  unseres  Aggregates  in  eine 
erdige,  kaolinartige  Substanz,  welche  im  Wasser  ihren  Zu- 
sammenhalt verliert,  so  dass  das  ganze  Turmalin  -  Aggregat 
zerfällt.  Leider  bleiben  dabei  die  Turmalinkrystalle  nur  selten 
in  ihrer  ganzen  Länge  erhalten,  lösen  sich  vielmehr,  wie  dies 
die  zahlreichen  Querrisse  bereits  vcrher  ahnen  Messen,  in  eine 
grössere  oder  geringere  Anzahl  von  Quergliedern  auf.  Solche 
zuweilen  am  oberen  oder  unteren  Ende,  seltener  beiderseitig 
ausgebildete  Krystalle,  namentlich  aber  bis  zu  mehreren  Centi- 
metern  lange,  z.  Th.  prachtvoll  klare  Säulenbruchstücke  von 
farbigen  Turmalinen  lagen  uns  über  Tausend  vor.  Herrschten 
unter  diesen  auch  die  rosarothen  bei  Weitem  vor,  so  fanden 
sich  doch  ueben  ihnen  auch  solche  von  dunkelkirschrother, 
gelblicher  und  lichtgrüner  Farbe,  sowie  fast  vollkommen 
wasserhelle  und  andererseits  mehrfarbige  Krystalle. 

An  den  rosa  Turmalinen  sind  alle  Farbtöne  vom  blassen 
bis  zum  intensiven  Rosenroth*  vertreten.  Die  Länge  der  freien 
Exemplare  schwankt  zwischen  0,5  und  2 ,  ihr  Durchmesser 
zwischen  0,1  und  1,5  Cm. ,  ein  solcher  von  0,5  Cm.  ist  sehr 
gewöhnlich.  Von  mit  oberen  oder  unteren  Endflächen  verse- 
henen Krystallen  liegen  etwa  250,  von  beiderseitig  ausgebil- 
deten Individuen  12  Exemplare ,  ausserdem  zahlreiche  pris- 
matische Bruchstücke  vor.  An  allen  ist  die  zweite  Säule 
oo  P2  vorherrschend,  deren  alternirende  Kanten  durch  das 
mehr  oder  weniger  entwickelte  trigonale  Prisma  oo  R  abge- 
stumpft werden.  Zuweilen  sind  die  Prismenflächen  durch  das 
Auftreten  dihexagonaler  Säulen  gewölbt,  noch  gewöhnlicher  in 
Folge  prismatischer  Parallelverwachsung  gereift  und  nicht  selten 
von  tiefen  einspringenden  Verticalrinnen  unterbrochen. 

Bei  der  grossen  Mehrzahl  der  mit  einseitiger  Endfläche 
versehenen  Exemplare  ist  das  untere  Ende  ausgebildet  und 
weist  entweder  ausschliesslich  die  matte  Basis  oR  oder,  und 
das  ist  das  Gewöhnliche,  letztere  vorwaltend  und  in  Combi- 
nation  mit  — jR,  seltener  auch  noch  mit  R,  in  einem  Falle 
ausser  mit  diesen  beiden  Rhomboedern  noch  mit  —  2  R  auf. 
Eine  Anzahl  dieser  Krystalle  wurde  auf  ihr  thermoelectrisches 
Verhalten  geprüft  und  erwies  sich  bei  sinkender  Temperatur 
als  negativ. 

Bei  eiuigen  70  Exemplaren   ist  das  obere,  nach  ther- 


191 


moelectrischer  Prüfung  positive  Ende  zur  Ausbildung  gelangt 
und  zwar  meist  in  Form  des  glänzenden  Rhomboeders  R ; 
dazu  gesellen  sich  ziemlich  häufig  die  schmalen,  oft  fast 
linearen  Flächen  des  Skalenoeders  t,  ebenso  oft  — 2R.  Auch 
kann  die  glänzende  Basis  oR  ausschliesslich   oder  nebst  R, 

—  2R  und  — jR  das  obere  Krystallende  abschliessen.  Bei 
der  rhomboedrischen  Ausbildung  des  letzteren  kommt  die,  wie 
schon  erwähnt,  nicht  seltene  prismatische  Parallelverwachsung 
der  Turmaline  zu  einem  deutlicheren  Ausdruck,  als  bei  vor- 
waltender Basis.  Während  nämlich  die  o  R  -  Flächen  sämmt- 
licher  verwachsenen  Individuen  natürlicher  Weise  in  eine  Ebene 
fallen,  befinden  sich  die  Rhomboeder-Enden  der  Einzelprismen 
zwar  in  paralleler  Stellung,  sind  aber  in  einer  Mehrzahl  vor- 
handen ,  so  dass  derartige  Krystallenden  den  Eindruck  des 
Unfertigen,  des  noch  im  Wachsthum  Begriffenen  machen. 

Die  vorliegenden  beiderseitig  ausgebildeten  Rosaturma- 
line  zeichnen  sich  sämmtlich  durch  scharfe,  glatte  und  glän- 
zende Prismenflächen  aus,  an  denen  die  sonst  so  häufige  ver- 
ticale  Reifung  nicht  vorhanden  ist.  Im  einfachsten  Falle  ist 
am  oberen  Ende  das  glänzende  Rhomboeder,  am  unteren  die 
matte  Basis,  oder  statt  deren  — jR  entwickelt.  Ein  anderer 
Krystall  zeigt  oben  glänzend  R,  unten  die  matte  Basis  nebst 

—  ^R,  noi'h  ein  anderer  oben  R  und  — 2  R,  unten  oR  nebst 
R,  und  die  letzten  zwei  oben  R  und  das  Skalenoeder  t,  unten 
die  Basis  nebst  — \  R  und  R. 

Turmaline  von  dunkelkirschrother  Farbe,  die  dann 
an  den  Kanten  prachtvoll  purpurn  durchschimmern,  sind  selten, 
von  den  fünf  Exemplaren,  welche  vorlagen,  erreichte  der 
grösste  bei  einem  Durchmesser  von  0,7  Cm.  eine  Höhe  von 
1,0  Cm.  Sie  waren  sämmtlich  mit  dem  oberen  Ende  und  zwar 
mit  dem  glänzenden  Rhomboeder  R,  einer  ausserdem  mit  dem 
Skalenoeder  t  ausgebildet. 

Häufiger  ist  die  blassoliven  grüne  Färbung  der  Tur- 
malinkrystalle.  Dieselben  sind  bei  einem  Durchmesser  von 
0,3  bis  0,4  Cm.  vollkommen  klar  und  sehr  scharf  ausgebildet. 
Durch  Vorwalten  des  trigonalen  Prismas  ist  der  Habitus  ihrer 
Säulen  ein  mehr  dreiseitiger;  oben  tragen  sie  glänzende  Rhom- 
boeder-, unten  matte  Basisflächen.  Von  zwei  beiderseitig  aus- 
gebildeten Krystallen  weist  der  eine  am  oberen  Ende  neben  R 
zarte  Flächen  des  Skalenoeders  t,   das  untere  neben  oR  noch 


192 


—  \  R  auf.  Nach  den  beiderseitigen  Enden  zu  nehmen  die 
Krystalle  einen  Stich  in's  Röthliche  an,  der  direct  an  den  End- 
flächen am  intensivsten  ist. 

Eine  Anzahl  anderer  Turmaline  besitzt  eine  weingelbe 
Farbe,  welche  jedoch  durch  Uebergänge  mit  der  eben  erwähnten 
in  Verknüpfung  steht.  Deshalb  ist  auch  ihre  krystallogra- 
phische  A usbildungsweise  genau  dieselbe.  Einige  licht- 
n elkenbraune  Krystalle  sind  an  ihrem  oberen  Ende  von 
R  begrenzt.  Vollständig  farblose,  wasserhelle  Turmaline 
sind  meist  nur  0,5  Cm.  lang,  ausnahmsweise  bis  0,4  Cm.  dick, 
zeichnen  sich  durch  Schärfe  ihrer  Krystallform  und  Glanz  ihrer 
Flächen  aus.  Gewöhnlich  ist  das  obere  Ende  von  glänzendem 
R,  zuweilen  mit  den  zarten  Flächen  des  Skalenoeders  t  und 
eines  spitzen  Rhomboeders,  das  untere  durch  mattes  oR,  zu- 
weilen mit  — ^R  gebildet. 

Mehrfarbige  Turmaline  gehören  zu  den  Seltenheiten 
des  Wolkenburger  Granitganges.  Von  den  hierher  zu  zählen- 
den Funden  sind  vier  bis  1,5  Cm.  lange  Krystalle  in  ihrer 
oberen  in  R  auslaufenden  Hälfte  rosaroth ,  in  ihrer  unteren 
weingelb  oder  fast  farblos  und  werden  hier  sämmtlich  von 
der  matten  Basis  begrenzt.  Die  Grenze  beider  Farbtöne  liegt 
in  der  Mitte  der  Krystalllänge.  In  ganz  ähnlicher  Weise  ist 
bei  einem  1,3  Cm.  langen,  dreifarbigen  Turmalin  an  die 
matte  Basis  eine  untere  Schicht  von  weingelber  Farbe  ge- 
bunden j  welche  nach  der  Mitte  zu  einer  intensiv  rosenrothen 
Platz  macht,  welche  nach  dem  oberen  Pol  zu  wiederum  einer 
olivengrünen  weicht.  Ueberhaupt  tritt  an  allen  der  vorliegen- 
den ,  mehrfarbigen  Turmaline  mit  lichtgelblicher  Endschicht 
diese  an  dem  negativen  Ende  auf  und  hat  die  Bildung  eines 
matten  o  R  im  Gefolge.  Ein  anderes  0,6  Crn.  starkes  Prisma 
ist  rosafarbig,  nur  eine  oberste  scharfabselzende,  haubenartige 
Schicht  ist  dunkelcarmoisinroth  gefärbt  und  zu  einem  glän- 
zenden Rhomboeder  ausgebildet.  Endlich  ist  die  Erscheinung 
nicht  selten  ,  dass  der  Kern  der  Turmalinsäulen  eine  andere 
Farbe  besitzt  als  deren  äussese  Zonen.  So  kommen  licht- 
kirschrothe  Kerne  mit  rosenrother  Umhüllung,  hyacinthrothe 
Kerne  mit  lichtcarmoisinrother  Umhüllung,  rosafarbige  Kerne 
mit  gelblichgrüner  Umhüllung,  lichtrosarothe  Kerne  mit  na- 
mentlich an  den  prismatischen  Kanten  intensiv  hyacinthrother 
Umhüllung  vor. 


193 

Die  mineralischen  Schätze  der  alten ,  jetzt  längst  ausge- 
beuteten und  verschütteten  Chursdorfer,  Peniger  und  Lim- 
bacber  Fundpunkte  bunter  Turmaline  sind  das  Object  vielfäl- 
tiger mineralogischer,  physikalischer  und  chemischer  Unter- 
suchungen gewesen.*)  Mit  Bezug  aber  auf  ihr  geologisches 
Auftreten  gestattet  die  Analogie  mit  dem  eben  beschriebenen 
Mineralvorkommen  den  Schluss  auf  ganz  ähnliche  Verhältnisse. 

Genetische  Betrachtungen.  Nachdem  wir  an  un- 
zweideutigen ,  dem  sächsischen  Granulitgebirge  entnommenen 
Beispielen  dargethan,  dass  sich  Feldspäthe,  Kaliglimmer,  Quarz 
und  Turmalin,  jedes  für  sich  allein  oder  zu  mehreren,  ja 
sämmtlich  vergesellschaftet  aus  wässerigen  Solutionen  ausge- 
schieden und,  sobald  dies  in  Spalten  geschah ,  gangförmige 
Mineralaggregate  gebildet  haben ,  ist  die  nämliche  Möglichkeit 
auch  für  den  eben  beschriebenen  Turmalingranit  gegeben.  Diese 
Möglichkeit  gestaltet  sich  zur  Wahrscheinlichkeit,  wenn  wir 
folgende  Erscheinungen  in's  Auge  fassen: 

1)  Die  symmetrische  Structur  des  Ganges  (beiderseitig 
wirres  Aggregat  der  Gemengtheile ,  dann  beiderseitige  Zonen 
mit  radial-strahligen  schwarzen  Turmalinen ,  Centraizone  von 
bunten  Turmalinen  und  Lepidolith),  eine  Structur,  die  für 
Bildung  auf  nassem  Wege ,  also  von  beiden  Seiten  nach 
Innen  zu  erfolgte  Ausfüllung  spricht.  ,,Sie  ist,  um  Bischof's 
Worte**)  zu  gebrauchen,  eine  Schichtung,  nicht  aber  eine  ho- 
rizontale, wie  aus  stehenden  Gewässern  auf  ebenem  Boden, 
sondern  eine  solche  in  mehr  oder  weniger  geneigter  Lage,  wie 
sie  statthaben  muss,  wenn  Gewässer  an  Spaltenwandungen 
langsam  herabsickern  und  das  Aufgelöste  absetzen. u 

2)  Die  eben  erwähnte  radial-strahlige  Stellung  der  Tur- 
maline, des  Kaliglimmers  und  der  Quarze  zu  Bündeln,  deren 
Individuen  von  beiden  Seiten  des  Ganges  aus  nach  der  Mitte 
zu  divergiren,  eine  Aggregations  form,  welche  voraussetzt,  dass 
der  Centrairaum  des  Ganges  offen  war  und  einer  mineralischen 
Lösung  den  Zutritt  verstattete,  wodurch  einerseits  das  An- 
schiessen  der  Krystalle  an  den  jeweiligen  Gangwandungen, 
andererseits  ihr  fortgesetztes  Wachsthum  ermöglicht  wurde. 


*)  Frenzel,  Min.  Lexik,  v.  Sachsen  pag.  328  ff.  —  Jentzsch,  Min. 
u.  geol.  Literatur  v.  Sachsen  pag.  65  u.  66. 

**)  Bischof,  Lehrbuch  der  ehem.  u.  phys.  Geologie  II.  pag.  551. 
Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  1  13 


194 


3)  Die  mineralogische  Verschiedenheit  der  äusseren  Gang- 
zonen  und  der  local  entwickelten  Centraizone  ,  welche  in  die- 
sem gegebenen  Falle  darauf  hinweist,  dass  das  von  beiden 
Salbändern  aus  nach  der  Mitte  zu  wachsende  und  sich  in  einer 
centralen  Symmetrie -Naht  treffende  Gangmaterial  hie  und  da 
centrale  Klüfte  offen  gelassen,  also  sich  nicht  vollständig  ge- 
schlossen hat  und  dass  in  späterer  Zeit  eine  von  der  bishe- 
rigen verschiedene  Mineralsolution  die  schliessliche  Ausfüllung 
dieser  Centraidrusen  mit  Rosaturroalin  und  Lepidolith  be- 
wirkt hat. 

7.   fränkische  Clangausscheidungen  im  Augitschiefer  von 
Schweizerthal. 

Am  linken  Ufer  des  Chemnitzflusses ,  eine  kurze  Strecke 
unterhalb  der  grossen  Garnspinnerei  Schweizerthal  tritt  zwi- 
schen den  Granuliten,  welche  die  dortigen  Felsgehänge  bilden, 
eine  15  bis  20  Meter  mächtige  Einlagerung  von  im  Zustande 
bereits  weit  fortgeschrittener  Verwitterung  befindlichem,  schwärz- 
lichgrünem sogenanntem  „Trappgran ulitu  auf.  Durch  Anlage 
einer  Chausse ,  welche  stromabwärts  nach  Stein  und  Cossen 
führt,  ist  dieses  Gestein  ziemlich  tief  angeschnitten  und  in 
einer  steilen  Wand  biosgelegt  worden  ,  an  deren  weniger  ver- 
witterten Stellen  in  Folge  regelmässig  lagenweise  abwechseln- 
der hellerer  und  dunklerer  Färbung  eine  deutliche,  mit  45  Grad 
gegen  Süd  geneigte  Schichtung  hervortritt. 

Das  Gestein  besitzt  eine  grauschwarze  Färbung  mit  einem 
Stich  in's  Grüne,  ist  sehr  zähe,  höchst  feinkörnig  und  besteht, 
mit  blossem  Auge  oder  mit  der  Lupe  betrachtet ,  aus  einem 
gleichmässigen  Gemenge  von  glänzenden ,  hellen  Feldspath- 
pünktchen,  dunkelgrünen  Körnchen  von  Augit  und  fein  ein- 
gestreutem Magneteisenstein.  Es  ist  eines  der  der  Granulit- 
formation  untergeordneten  Gesteine,  für  welche  bisher  der 
Name  ,,Trappgranulitu  gebräuchlich  war,  von  denen  jedoch 
durch  einschlägige  Arbeiten  der  geologischen  Landesunter- 
suchung von  Sachsen  gezeigt  werden  wird,  dass  sie  einer 
Anzahl  von  durchaus  verschiedenen,  nur  durch  ihre  düstere 
Färbung  einander  ähnlichen  Gesteinsarten  angehören. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  der  Dünnschliffe  des 
schweizerthaler  Trappgranulits  lehrt,   dass  das  Hauptgeineng- 


195 


tfaeil  dieses  Gesteins  Plagioklas  ist.  Derselbe  bildet  vollkom- 
men klare,  durchsichtige  Partieen ,  welche  durchaus  frei  von 
Glas-  und  Flüssigkeitseinschlüssen  sind  und  sich  bei  Anwen- 
dung des  Polarisationsapparats  als  sehr  kleinkörnige  Aggre- 
gate von  durchweg  zwillingsstreifigen  Individuen  erweisen. 
Zwischen  diesen  Feldspäthen  tritt  hier  und  da  ein  Körnchen 
von  Quarz  auf,  welches  dann  nicht  selten  von  Flüssigkeits- 
einschlüssen strotzt,  deren  Libellen  sich  mit  grosser  Leb- 
haftigkeit bewegen.  Nur  wenig  steht  dem  Plagioklas  der 
Augit  an  Menge  nach  und  bildet  unregelmässig  rundliche  Hau- 
fen oder  kettenartige  Zonen  kleiner ,  stark  durchscheinender 
Körner,  welche  eine  vollkommen  reine  ,  blassgrünlichgraue 
Farbe  besitzen  und  von  unregelmässigen  Sprüngen  durchzogen 
werden.  Sie  polarisiren  grell  und  zeigen  kaum  eine  Spur  von 
Dichroismus.  Wie  der  Plagioklas  ist  auch  der  Augit  frei  von 
fremden  Einschlüssen.  Zu  diesen  dreien  gesellt  sich  als  viertes 
Gesteinselement  Magneteisen  in  Körnern,  die,  wenn  auch 
bei  Weitem  nicht  an  Zahl,  so  doch  an  Grösse  denen  des  Augit 
gleichkommen  und  eine  unregelmässig  verzogene  und  verzweigte 
Gestalt  besitzen.  Sie  sind  in  der  Gesteinsmasse  nicht  gleich- 
mässig  vertheilt,  sondern  halten  sich  mehr  in  der  Nähe  der 
Augitaggregate.  Dem  Feldspath  oder  dem  Augit  beigemengte 
staubartige  Magneteisenpartikelchen  sind  nicht  vorhanden. 

Die  Mikrostructur  dieses  Gesteins  ist  eine  ausgezeichnet 
krystallinisch-  körnige,  ohne  jedoch  einen  typisch  -  granitischen 
Habitus  zu  besitzen.  Die  einzelnen  Feldspathkörner  sind 
nämlich  nicht  direct  mit  Augitindividuen  zu  einem  feinkörnigen 
Aggregat  verwachsen ,  vielmehr  bilden  im  Allgemeinen  zahl- 
reiche Individuen  dieser  beiden  ßestandtheile  untereinander 
unregelmässig  conturirte  Gruppen,  und  diese  spielen  die  Rolle 
individueller  Gemengtheile ,  Aggregate  vertreten  also  Einzel- 
krystalle,  wenn  sich  auch  hie  und  da  eine  individuelle  Men- 
gung einstellt.  Eine  derartige  Aggregationsform  ist  nicht  die 
den  Eruptivgesteinen  eigenthümliche,  vielmehr  charakteristisch 
für  gewisse  krystallinische  Schiefer,  was  mit  den  Lagerungs- 
formen und  der  geschichteten  Structur  des  Gesteins  überein- 
stimmt. 

Eine  analytische  Untersuchung  des  letzteren  führte  Herr 
Alpr.  Schwarz  im  Universitäts-Laboratorium  des  Herrn  Prof. 
Wiedemakn  aus  und  erzielte  folgende  Resultate: 

13* 


196 


Si02 . 
A1203 
CaO  . 
MgO  . 
Fe203 
FeO  . 
Na„0 
K2Ö  . 


52,23 
11,83 
11,43 
7,41 
7,80 
6,95 
2,34 
0,21 


100,20 

Die  chemische  Zusammensetzung  unserer  Augit-Plagioklas- 
Schiefer  ist  somit  derjenigen  der  Basalte  ähnlich,  ihr  höherer 
Kieselsäuregehalt  erklärt  sich  aus  der  Gegenwart  von  etwas 
freiem  Quarz.  Wir  werden  auf  diese  Analyse  noch  zurückzu- 
kommen haben. 

Im  Zustande  der  Verwitterung  wird  das  ursprünglich  fast 
schwarze  Gestein  rostgelb,  röthlichbraun  gefleckt.  Indem  die 
Verwitterung  den  Klüften  folgt,  die  Ecken  und  Kanten  der 
polyedriscben  Gesteinsstücke  am  intensivsten  angreift  und  dann 
gleichmässig  in  deren  Inneres  vorschreitet,  entstehen  rundliche 
Blöcke  von  ausgezeichnet  concentrisch-schaliger  Structur.  Die- 
selben sind  oft  so  dicht  aneinander  gedrängt,  dass  einzelne 
Stellen  der  betreffenden  Gesteinswand  den  Anblick  bieten,  als 
wenn  sie  besetzt  wären  mit  eng  aneinander  gestellten,  grösseren 
und  kleineren  eben  im  Begriff  des  Aufbrechens  befindlichen 
Rosenknospen.  Hier  sind  die  einzelnen  Kugeln  nuss-  bis 
faustgross  und  bestehen  aus  lauter  nur  1  bis  2  Mm.  dicken 
Schalen,  welche  nach  der  Fläche  des  Aufschlusses  zu,  also 
nach  der  Seite,  wo  die  Atmosphärilien  am  kräftigsten  wirken 
konnten,  aufgeplatzt  sind,  so  dass  man  in  den  concentrisch- 
schaligen  Aufbau  der  Kugeln  hineinblickt,  wie  in  eine  eben 
aufgebrochene  Rose.  An  derartigen  ellipsoidischen  Knollen 
von  5  bis  6  Cm.  Länge  kann  man  auf  diese  Weise  15  bis 
16  Schalen  von  je  1  Mm.  Dicke  zählen.  Diese  Verwitterungs- 
schalen sind  äusserst  mürbe  und  lösen  sich  durch  fortgesetzte 
Verwitterung  in  einen  gelblichbraunen,  feinkörnigen,  eckigen 
Grus  auf,  der  sehr  bald  zu  einem  mulmigen  Sande  zerfällt. 

Bei  dem  Mangel  an  Analysen,  an  welchen  sich  diese 
Umwandlungsvorgänge  verfolgen  Hessen,  ist  es  gestattet,  die- 
selben nach  analogen,  wissenschaftlich  erforschten  Zersetzungs- 
processen  ähnlicher  Mineralaggregate  zu  deuten.     Es  ist  na- 


197 


mentlich  der  Feldspathbasalt ,  der,  wenn  wir  ausschliesslich 
seine  mineralische  Zusammensetzung  in's  Auge  fassen,  in  seiner 
Constitution  eine  grosse  Aehnlichkeit  mit  unseren  Augitschie- 
fern  besitzt.  In  beiden  treten  Plagioklas ,  Augit  und  Magnet- 
eisen als  Hauptgemengtheile  auf.  Man  ist  deshalb  zu  dem 
Schluss  berechtigt,  dass  die  unter  dem  Einflüsse  der  Atmosphä- 
rilien vor  sich  gehende  Zersetzung  dieser  zu  den  genannten 
beiden  Gesteinen  vergesellschafteten  Mineralien  eine  vollkom- 
men analoge  ist.  Beim  Basalt  aber  besteht  dieselbe  in  einer 
Auslaugung  des  frischen  Gesteins  und  zwar  in  der  Entführung 
von  mehr  oder  weniger  Kieselsäure,  Thonerde,  Magnesia, 
Eisenoxyd  und  -oxydul,  Kalk,  Kali  und  Natron,  in  Folge 
deren  bei  verhältnissmässig  geringerem  Verluste  von  Thonerde 
und  Eisenoxydul  eine  relative  Anreicherung  dieser  beiden  Sub- 
stanzen und  bei  gleichzeitiger  Aufnahme  von  Wasser  schliess- 
lich ein  wasserhaltiges ,  eisenschüssiges  Thonerdesilicat  als 
Residuum  zurückgelassen  wird.  *)  Auf  das  Plagioklas-Augit- 
Magneteisen-Aggregat,  als  welches  wir  unsere  Schiefer  erkannt 
haben,  werden  die  Atmosphärilien  in  der  nämlichen  Weise  ein- 
gewirkt haben ,  wie  auf  das  basaltische  Plagioklas  -  Augit- 
Magneteisen-Aggregat,  mit  anderen  Worten  ebenfalls  bestrebt 
sein,  denselben  unter  Zurücklassung  von  wasserhaltigem  Thon- 
erdesilicat die  obengenannten  Substanzen  zu  entführen. 

Die  unserem  Gestein  entzogenen  Bestandtheile  sind  jedoch 
nicht  spurlos  verschwunden ,  sondern  haben  nur  eine  geringe 
Ortsveränderung  vorgenommen:  in  den  Spalten  und  Klüf- 
ten des  verwitterten  Muttergesteins  finden  wir  sie 
als  deren  granitische  Ausfüllung  wieder,  und  zwar 
in  Gestalt  unregelmässig  gangförmiger  und  nest-  oder  schmitz- 
artiger Trümer  zwischen  den  mit  einer  mehr  oder  weniger 
dicken  Verwitterungskruste  bedeckten,  oder  bereits  durch  und 
durch  mürben  und  bröckeligen  Gesteinsblöcken  und  den  da- 
zwischen liegenden  Grus-  und  Sandmassen.  Dieselben  winden 
sich  zwischen  jenen  Blöcken  hindurch  und  passen  sich  überall 
an  deren  Oberflächenform  an,  sind  also  erst  nach  bereits  ein- 
getretener Verwitterung,  welcher  die  Blöcke  ihren  Ursprung 
und  ihre  Form  verdanken ,  zur  Ausbildung  gelangt  (siehe 
Fig.  26  Taf.  VII.). 


*)  Bischof,  Geologie  III.  pag.  424  ff. 


198 


Ihrer  mineralischen  Zusammensetzung  und  Structur  nach, 
lassen  sich  folgende  Modifikationen  dieser  Gänge  unterscheiden: 

1)  Gang-  und  nesterartige  Trümer,  8  bis  20  Cm.  mäch- 
tig, welche  aus  einem  düsterfarbigen,  ausgezeichnet  granitisch- 
körnigen  Gemenge  von  grünlichgrauem  Plagioklas,  sehr  wenig 
weissem  Orthoklas,  viel  grauem  Quarz  und  unverhältnissmässig 
viel  schwarzem  Magnesiaglimmer  bestehen.  Seinen  eigentüm- 
lichen Charakter  erhält  das  Gestein,  im  Gegensatz  zu  den 
orthoklasreichen  und  plagioklasarmen  granitischen  Gängen  des 
echten  Granulits,  namentlich  durch  seinen  Reichthum  an  trübem 
Plagioklas  und  Magnesiaglimmer,  welcher  letztere  sowohl  in 
zahlreichen  grossen  schwarzen  Tafeln  und  Bändern  die  Gesteins- 
masse wirr  durchschiesst ,  als  auch  in  kleinen  schwarzen 
Schüppchen  zwischen  den  übrigen  Bestandtheilen  in  Menge 
vertheilt  ist.  Die  reichliche  Vertretung  des  Magnesiagliramers 
und  Plagioklases  erklärt  sich  durch  den  hohen  Gehalt  des  ver- 
witternden, das  Gangmaterial  geliefert  habenden  Nebengesteins 
an  Magnesia,  Kalk  und  Natron,  bei  gleichzeitiger  grosser  Ar- 
muth  an  Kali.  Unter  dem  Mikroskop  tritt  die  granitisch-kör- 
nige Structur  dieses  Ganggesteins  noch  deutlicher  hervor, 
ebenso  die  Plagioklasnatur  der  bei  Weitem  meisten  Feldspath- 
körner.  Sind  diese  auch  insgesammt  durch  beginnende  Zer- 
setzung schwach  gekörnelt  und  getrübt,  so  sind  doch  bei  fast 
allen  mehr  oder  weniger  deutliche  Reste  der  Zwillingsstreifung 
vorhanden.  Nur  einzelne  sind  trotz  ihrer  geringen  Verwitte- 
rung vollkommen  einfarbig  und  dürften  deshalb  Orthoklase 
sein.    Die  Quarze  strotzen  von  Flüssigkeitseinschlüssen. 

2)  Schmitzartige  4  bis  6  Cm.  mächtige  Trümer,  welche 
fast  ausschliesslich  aus  schwarzem  Glimmer  mit  einzelnen 
Körnern  von  Quarz  und  OligoklaS  bestehen.  Die  Blätter  des 
Magnesiaglimmers  bilden  zwar  ein  ziemlich  wirres  Aggregat, 
sind  aber  doch  meist  quer  auf  die  Salbänder  gestellt. 

3)  Trümer,  welche  in  der  Art  eine  symmetrische  An- 
ordnung ihrer  Gemengtheile  zeigen,  dass  die  beiderseitigen  Sal- 
bänder bis  zu  einer  Stärke  von  mehreren  Millimetern  aus- 
schliesslich aus  schwarzen,  wirr  durcheinander  liegenden 
Magnesiaglimmerblättchen  bestehen.  Auf  jede  der- 
selben folgt  nach  Innen  zu  eine  etwa  2  Cm.  dicke  düster- 
farbige  Zone  von  trübem,  ölgrünem,  zwillingsstreifigen  Oli- 
goklas,  ziemlich  viel  schwarzem  Glimmer  und  etwas  Quarz, 
während  die  helle,   5  bis  8  Cm.  mächtige  Centraizone  des 


199 


Ganges  durch  ein  Aggregat  von  z.  Th.  rein  weissen,  z.  Th. 
lichtfleischfarbigen  glänzenden  Orthoklaskörnern  gebildet 
wird,  welche  von  dünnen  Quarznadeln  und  -lamellen  schwach 
schriftgranitisch  durchwachsen  sind.  Glimmer  fehlt  in  dieser 
mittleren  Zone  fast  ganz.  Von  den  Ergebnissen  der  mikrosko- 
pischen Untersuchung  ist  für  unsere  Zwecke  der  grosse  Reich- 
thum des  Quarzes  an  mit  beweglicher  Libelle  versehenen 
Flüssigkeitseinschlüssen ,  sowie  die  Bestätigung  der  plagio- 
klastischen  Natur  der  Feldspäthe  der  seitlichen  Gangzonen 
hervorzuheben. 

4)  Zollmächtige  Gangtrümer  von  ausgezeichnet  symme- 
trischer Anordnung  ihrer  Bestandtheile,  indem  die  beiden  seit- 
lichen Zonen  von  1  Cm.  langen ,  stengeligen ,  grünlichgrauen 
zwillingsstreifigen  Oligoklasindividuen,  grauen  Quarz- 
säulen und  einzelnen  Glimmertafeln  gebildet  werden,  welche 
ziemlich  rechtwinklig  auf  den  Salbändern  stehen,  was  na- 
mentlich bei  letztgenannten  Gemengtheilen  besonders  deutlich 
hervortritt.  Die  beiderseitig  scharf  abschneidende,  bis  2  Cm. 
mächtige  Centraizone  hingegen  besteht  aus  einem  sehr  fein- 
körnigen,  echt  granitiscben  Gemenge  von  röthlichem  Ortho- 
klas und  grauem  Quarz  und  sticht  grell  von  den  trüben  seit- 
lichen Oligoklaszonen  ab.  Noch  deutlicher  wie  im  Handstück 
tritt  die  ausgezeichnet  combinirt  stengelig  -  symmetrisch  -lagen- 
förmige  Structur  dieser  Gänge  am  Dünnschliff  bereits  ohne 
Anwendung  des  Mikroskops  hervor.  Zwischen  den  Quer- 
schnitten der  grossen,  von  beiden  Seiten  quer  nach  der  Gang- 
mitte gerichteten  fast  wasserhellen  Quarze  und  durch  Zer- 
setzung leicht  getrübter  und  geäderter  Plagioklase  erscheint 
die  Centraizone  im  zartesten  Mosaik  äusserst  feiner  grani- 
tischer Structur.  Bei  mikroskopischer  Untersuchung  der  beiden 
seitlichen  Gangzonen  erweisen  sich  zwar  manche  der  Plagio- 
klase in  Folge  beginnender  Zersetzung  bereits  von  zahlreichen 
Sprüngen  durchzogen,  längs  deren  die  Feldspathsubstanz  trübe 
und  körnig  geworden  ist,  viele  andere  jedoch  sind  vollkommen 
klar  und  haben  ihre  Zwillingsstreifung  noch  nicht  verloren. 
Im  Gegensatz  zu  ihnen  strotzen  die  Quarze  von  Flüssigkeits- 
einschlüssen der  verschiedensten  Grösse  und  Gestalt,  fast  alle 
mit  meist  festliegenden,  zuweilen  zitternden,  aber  durch  schwache 
Erwärmung  in  Bewegung  zu  setzenden  Libellen,  welche  in 
reihenförmigen  Zügen  voreinander  liegend,  in  förmlichen  Schich- 
ten  die  Quarze  durchziehen.     Während  die  Querschnitte  der 


200 


Plagioklase  und  Quarze  der  randlichen  Zonen  im  Dünnschliff 
so  grosse  Flächen  einnehmen,  dass  man  unter  dem  Mikroskop 
auch  bei  schwacher  Vergrösserung  jede  einzelne  derselben  nur 
zum  geringen  Theile  übersehen  kann,  bietet  die  kleinste  Partie 
der  Centraizone  ein  ausserordentlich  bunt  zusammengewürfeltes 
Aggregat  von  röthlichen  Orthoklas  -  und  Quarzkörnern,  mit 
einzelnen  braunen  Glimmerblättchen ,  wobei  der  Quarz  nicht 
nur  in  selbstständigen  Körnern,  sondern  auch  in  feinster, 
schriftgranitischer  Durchwachsung  des  Feldspaths  auftritt.  Wie 
in  den  Seitenzonen  ist  jedes  Quarzkorn  reich  an  Flüssigkeits- 
einschlüssen,  ausserdem  aber  auch  noch  an  langen,  zarten 
Nadeln  eines  schwarzen,  dunkelgrün  durchscheinenden  Minerals, 
augenscheinlich  Hornblende.  Der  Gegensatz  zwischen  der  mitt- 
leren und  den  seitlichen  Zonen  dieser  Gänge  ist  der  schroffste, 
der  mir  aus  den  gesammten  granitischen  Gängen  des  Granulit- 
gebiets  bekannt  ist  und  tritt  bei  der  geringen  Mächtigkeit  dieser 
Trümer  in  besonderer  Schärfe  hervor. 

Genetische  Betrachtungen.  Nicht  leicht  lässt  sich 
ein  anderes  Beispiel  finden ,  an  welchem  man  die  Entstehung 
granitischer  Gänge  durch  Auslaugung  ihrer  Bestandtheile  aus 
dem  in  Verwitterung  begriffenen  Nebengestein  so  überzeugend 
darlegen  könnte,  wie  an  dem  eben  beschriebenen  von  Schweizer- 
thal.   Der  Vorgang  war  folgender: 

1)  Das  Plagioklas-Augit-Gestein  wird  unter  dem  Einfluss 
der  Atmosphärilien  von  einem  Zersetzungsprocess  ergriffen, 
durch  welchen  ihm,  ganz  ähnlich  wie  den  analog  zusammen- 
gesetzten Basalten,  Kieselsäure,  Thonerde,  Magnesia,  Eisen- 
oxyd und  -oxydul,  Kalk,  Kali  und  Natron  in  wässeriger  Lö- 
sung entführt  werden. 

2)  In  Folge  der  diese  Verwitterung  einleitenden  Zerklüf- 
tung und  der  mit  ihr  Hand  in  Hand  gehenden  Grusbildung  ent- 
stehen zwischen  den  Gesteinsblöcken  klaffende  Spalten,  die  in 
ihrer  Form  und  in  ihrem  Verlaufe  von  der  Lage  und  Gestal- 
tung der  Blöcke  abhängig  sind. 

3)  Die  dem  Nebengestein  entzogenen  Miueralsolutionen 
ziehen  sich  nach  diesen  Klüften ,  in  welchen  sich  entweder 
direct  oder  durch  Wechselwirkung  die  gangbildenden  Mineralien 
ausscheiden. 

Durch  diese  Vorgänge  sind  folgende  Erscheinungen 
bedingt  und  erklärt: 


201 


1)  Die  granitischen  Gänge  von  Schweizerthal  bestehen 
aus  den  nämlichen  Stoffen,  wie  die  dem  Gestein  entführten, 
nämlich  aus  Kieselsäure,  Thonerde,  Magnesia,  Eisenoxydul, 
Kali  und  Natron,  während  ein  Theil  des  Kalkes  entführt 
worden,  ein  anderer  vielleicht  im  Plagioklas  enthalten  ist. 
Diese  Substanzen  lieferten  das  Material  zur  Neubildung  von 
Feldspath,  Quarz  und  Magnesiaglimmer,  während  die  in  an- 
deren benachbarten  Gängen  mit  abweichendem  Nebengestein 
vorkommenden  Titanite ,  Zirkone,  Apatite,  Turmaline,  Lepi- 
dolithe  und  Topase  hier  fehlen. 

2)  Im  Gegensatz  zu  dem  Orthoklasreichthum  der  Granit- 
und  Pegmatitgänge,  welche  in  dem  benachbarten  normalen,  im 
Verhältniss  zu  Kali  wenig  Natron  haltenden  Granulite  auf- 
setzen, waltet  in  den  schweizerthaler  Gängen  bei  Weitem  der 
wahrscheinlich  kalkhaltige  Oligoklas  vor,  weil,  wie  die  oben 
angeführte  Analyse  zeigt,  der  Natron-  und  Kalkgehalt  des 
Nebengesteins  ein  viel  bedeutenderer  ist,  als  der  an  Kali 
(Na :  K  —  2,3 : 0,2).  Die  mineralische  Beschaffenheit  der 
Gänge  steht  somit  in  einem  Abhängigkeitsverhältniss  von  der 
petrographischen  und  substantiellen  Zusammensetzung  des 
Nebengesteins.  Durch  Entführung  des  grossen  Magnesiagehalts 
des  ursprünglichen  Gesteins  bei  dessen  Umwandlung  zu  einem 
wasserhaltigen  Thonerde-Silicat  erklärt  sich  zugleich  der  grosse 
Reichthum  der  Gänge  an  Magnesiaglimmer,  während  der 
für  die  im  Granulit  aufsetzenden  Gänge  so  charakteristische 
Kaliglimmer  vollständig  fehlt. 

3)  Die  mineralischen  Bestandtheile  mancher  dieser  Gänge 
von  Schweizerthal  sind  wie  diejenigen  gewisser  Erzgänge 
symmetrisch  zu  nach  ihrer  mineralischen  und  chemischen  Con- 
stitution verschiedenen  Lagen  angeordnet  oder  stehen  quer 
auf  den  Salbändern,  —  Erscheinungen  ,  welche  wir  als  un- 
trügliche Kriterien  für  eine  Ausscheidung  aus  wässeriger,  an 
den  Spaltenwandungen  hinabsickernder  Lösung  erkannt  haben. 

4)  Die  betreffenden  gangartigen  Ausscheidungen  setzen 
nicht  in  die  Tiefe  fort,  sondern  keilen  sich  wenigstens  zum 
Theil  allseitig  aus,  haben  also  keinen  Zusammenhang  mit  irgend 
einem  Eruptionsheerde  oder  einer  aus  der  Tiefe  emporsteigenden 
Mineralquelle. 


202 


8.   Gänge  von  Zirkou  -  führendem  Syeuitgranit  im  Eklogit  rou 
Waldheim. 

Der  Hofraum  der  Restauration  „Zur  Erholung"  in  un- 
mittelbarer Nähe  des  Waldheimer  Bahnhofs  ist  in  den  anste- 
henden Fels  des  dahinter  liegenden  Hügels  in  der  Weise  ein- 
gesprengt ,  dass  eine  steil  abstürzende  Gesteinswand  den  Hof 
nach  hinten  abgrenzt.  Mit  ihr  ist  zugleich  ein  höchst  interes- 
santer Aufschlusspunkt  geschaffen. 

Wie  ein  grosser  Theil  des  Hügels  selbst,  so  besteht  die 
Gesteinswand  aus  Eklogit,  und  zwar  einem  mittelkörnigen 
Aggregate  von  vorwaltendem,  kurzstengeligem ,  dunkellauch- 
grünem  Augit  und  kleinen  röthlichen  Granatkörnern.  Im  All- 
gemeinen den  Eindruck  eines  massigen  Gesteins  machend, 
erhält  dasselbe  durch  das  Auftreten  einer  schwachen,  band- 
artig abwechselnden  helleren  und  dunkleren  Färbung  die  An- 
deutung einer  nach  Norden  einfallenden  Schichtung.  Dieser 
entspricht,  wie  solches  namentlich  am  Dünnschliff  schon  dem 
blossen  Auge  sichtbar  wird,  eine  Abwechselung  granatreicher 
und  fast  granatfreier  Eklogitzonen.  Die  mikroskopische  Unter- 
suchung dieses  Gesteins  zeigt,  dass  sein  vorwaltender  Bestand- 
teil in  der  That  ein  im  Dünnschliff  lichtlauchgrüner ,  sehr 
wenig  dichroitischer  Augit  ist,  dessen  Körner  von  Sprüngen 
und  diesen  folgenden  gelblichbraunen,  z.  Th.  wolkig  -  gekör- 
nelten  oder  faserigen  Bändern  durchzogen  sind.  Zwischen 
diesen  Augiten,  au  Zahl  jedoch  bei  Weitem  geringer  als  diese, 
liegen  blassrosaroth  durchscheinende  Granatkörner  von  un- 
regelmässiger, z.  Tb.  rundlicher,  z.  Th.  verzogen-eiförmiger 
Gestalt,  sowie  Körnchen  und  lappige  Partieen  von  Magnet- 
eisen eingestreut.  Eine  sehr  zierliche  Structur  wird  dadurch 
erzeugt ,  dass  viele  der  Granatkörner  rings  umgeben  sind  von 
einer  Zone  radialgestellter,  im  Querschnitt  wellig  oder  wurm- 
förmig  gebogener ,  blassgrüner  Augite  und  zwischen  ihnen  ge- 
lagerter, opaker  Körner  und  Stäbchen  von  Magneteisen. 

Dies  Gestein  ist  nach  allen  Richtungen  im  höchsten  Grade 
durchklüftet  und  dadurch  in  rundliche  Blöcke  und  polyedrische 
Stücke  von  unregelmässiger  Gestalt  und  Grösse  zertheilt.  Mit 
dieser  Zerklüftung,  welche  den  Tagewassern  ihren  Weg  und 
ihre  zersetzende  Thätigkeit  erleichterten  ,  ist  nun  eine  Um- 
wandlung des  Eklogits  Hand  in  Hand  gegangen,  welche  sich 


203 


bereits  der  vorwaltenden  Masse  des  aufgeschlossenen  Gesteins, 
wenn  auch  in  verschieden  weit  fortgeschrittenem  Grade  be- 
mächtigt und  nur  den  geringeren  Theil  des  Eklogits  in  seinem 
ursprünglichen  Zustande  gelassen  hat.  Schon  äusserlich  macht 
sich  diese  Zersetzung  durch  die  Bleichung  des  Gesteins  kennt- 
lich. Seine  dunkelgrüne  Farbe  weicht  einer  lichteren  und 
wandelt  sich  schliesslich  in  ein  ganz  helles  Grünlichgrau  um. 
Hand  in  Hand  mit  dem  Verluste  der  ursprünglichen  Farbe  geht 
derjenige  der  Festigkeit  in  dem  Maasse,  dass  aus  dem  dunklen, 
zähen,  schwerzersprengbaren  Eklogit  zuletzt  ein  lichtes,  mür- 
bes, leicht  zerbröckelndes,  zu  mulmigem  Grus  zerfallendes  Zer- 
setzungsproduct  wird. 

Wie  oben  gesagt,  ist  dieser  Eklogit  und  der  aus  ihm 
hervorgehende  mulmige  Grus  von  ausserordentlich  zahlreichen 
Klüften  durchsetzt.  Diese  aber  sind  heute  ausgefüllt  von 
mineralischen  Substanzen  und  zu  einem  unregelmässi- 
gen, z.  Th.  engmaschigen  körperlichen  Netz  von  Mineral- 
gängen geworden.  In  schwer  verfolgbarem  Gewirre  durch- 
ädern dieselben  das  Nebengestein  (siehe  Fig.  27  Tai.  VII.), 
bald  vollkommen  geradlinig  dasselbe  durchsetzend,  bald  in 
unregelmässigen  Biegungen  sich  zwischen  den  rundlichen 
Gesteinsblöcken  hindurch  windend,  sich  gabelnd  und  wieder 
vereinend,  verknüpfende  Ausläufer  von  einem  Hauptstamme 
nach  dem  anderen  sendend,  sich  knorrig  verdickend  und  dann 
wieder  zur  grössten  Zartheit  zusammenziehend,  hier  nur  so 
stark  wie  ein  Messerrücken,  dort  0,3  bis  0,5  Meter  mächtig. 

Ihrer  mineralischen  Ausfüllung  nach  sind  diese  Gänge 
und  Schnüre  1)  solche  von  Hornblende,  2)  solche  von  derbem 
Granat,  3)  solche  von  vorwaltendem  Feldspath.  Die  erst- 
genannten sind  meist  nur  1  bis  2  Cm.  dick  und  bestehen  aus 
schwärzlichgrüner,  verworren  faseriger  Hornblende,  lassen 
in  ihrer  Centraizone  zuweilen  kleine  Drusen  offen,  in  welchen 
Säulenflächen  von  Hornblendeindividuen  freiliegen ,  oder  um- 
schliessen  eine  mittlere,  nur  wenige  Millimeter  mächtige  Lage 
von  körnigem,  röthlichgelbem  Feldspath.  Andere  etwa  finger- 
breite Schnüre  bestehen  aus  derbem,  kleinmuscheligem  Granat 
von  brauner  Farbe,  dem  hier  und  da  Körner  von  Pistazit  bei- 
gemengt sind.  Noch  andere  mehr  nesterartige,  unregelraässige 
Schmitzen  werden  wesentlich  von  körnigem  Pistazit  ge- 
bildet,   dem   sich   etwas  fleischrother  Orthoklas   und  einzelne 


204 


röthliche  Granatkörner  zugesellen ,  an  denen  sämmtlich  glän- 
zende Flächengruppen  auftreten. 

Eine  viel  wichtigere  Rolle  spielen  die  feldspathreichen, 
granitischen  Gänge,  sowohl  was  ihre  Zahl  und  Mächtigkeit, 
wie  ihr  Reichthum  an  interessanten  mineralischen  Gemeng- 
theilen  anbetrifft.  Sie  sind  es ,  die  dem  Beschauer  zunächst 
in's  Auge  fallen,  wie  ein  fleischrothes  Geäder  treten  sie  ihm 
grell  aus  dem  grünlichen  Nebengestein  entgegen  (Fig.  27 
Taf.  VII.).  Auf  sie  bezieht  sich  deshalb  auch  wesentlich  die 
vorhin  gegebene  Beschreibung  der  äusseren  Formen  der  dort 
überhaupt  aufsetzenden  Gänge. 

An  ihrer  Zusammensetzung  nehmen  folgende  Mineralien 
Theil:  Orthoklas  von  fleischrother  bis  lichtröthlichgrauer 
Farbe,  der  vorwaltende  Gemengtheil,  bildet  in  Form  eines 
mittel-  bis  grobkörnigen  Aggregats  die  Hauptausfüllungsmasse 
der  Gänge,  in  welcher  die  übrigen  Gangmineralien  in  grösserer 
oder  geringerer  Häufigkeit  eingesprengt  sind.  Oligoklas  in 
wenigen,  trüben,  zwillingsstreifigen  Individuen.  Wasserheller 
bis  lichtrauchgrauer  Quarz,  mit  diesem  in  kleinen,  sehr  ver- 
einzelten, silberglänzenden  Blättchen  verwachsen  Kaliglim- 
mer, noch  seltener  Lamellen  von  braunem  Magnesia- 
gl  immer.  Dunkelgrüne  Hornblende,  gewöhnlich  in  3  bis 
6  Cm.  langen,  säulenförmigen  Individuen  mit  ausgezeichneten, 
sehr  stark  glänzenden ,  prismatischen  Spaltungsflächen  und 
dann  in  Gestalt  vereinzelter  Einsprenglinge  den  Feldspath 
durchschiessend ,  zuweilen  jedoch  auch  in  kleinereu  Körnern 
als  gleichwerthiger ,  ja  vorwaltender  Gemengtheil  der  dann 
syenitgranitiscben  Gangmasse.  Die  qualitative  Analyse  dieser 
Hornblende  ergab  einen  nicht  unbedeutenden  Kali-, 
namentlich  aber  Natrongehalt,  wodurch  sie  sich  der 
arfv  e  d  s  o  n  i  tä  h  n  1  i  c  h  en  Hornblende  des  norwegischen  Zir- 
konsyenits  nähert.  Titanit  in  ausserordentlich  zahlreichen, 
bis  1,5  Cm.  grossen,  fast  diamantartig  glänzenden  Krystallen 
von  rothbrauner  bis  hyacinthrother  Farbe,  durch  starkes  Vor- 
walten der  Hemipyramide  n  langsäulenförmig,  ausserdem  mit 
P,  r  und  y,  wie  Figur  5  in  Näumakn's  Mineralogie  pag.  530. 
Nach  einer  Analyse,  welche  Herr  Schmöger  in  Prof.  Kolbe's 
Laboratorium  ausführte,  hat  dieser  Titanit  folgende  Zusammen- 
setzung: 


205 


Ti02.    .  . 

.  37,45 

Si02  .    .  . 

.  31,37 

AI  /~k 

A1203    .  . 

a  na 

Fe2Oa    .  . 

.  3,13 

Yttererde  . 

.  0,88 

CaO  .    .  . 

.  22,38 

100,00 

Das  analysirte  Mineral  ist  demnach  kein  reiner,  sondern 
ein  Thonerde,  Yttererde  und  Eisenoxyd  haltiger  Titanit,  wel- 
cher dem  Yttrotitanit  von  Arendal  uud  dem  Grothit*)  des 
Plauenschen  Grundes  nahe  steht.  Epidot  in  grellgrünen, 
körnigen,  bis  erbsengrossen  Einsprenglingeu.  Apatit  in 
zarten ,  wasserhellen  oder  lichtweingelben  hexagonalen  Na- 
deln, welche  Quarz,  Feldspath  und  Hornblende  durchspicken. 
Orthit  in  sehr  vereinzelten,  bis  linsengrossen  unregelmässig 
gestalteten,  kleinmuscheligen  Einsprenglingen,  z.  Th.  umgeben 
von  einem  braunrothen  Hof.  Zirkon  in  allseitig,  ausser- 
ordentlich scharf  und  ebenflächig  ausgebildeten,  bis  2,5  Mm. 
grossen  Kryställchen ,  welche  entweder  isolirt  im  Feldspathe 
eingewachsen  sind ,  oder  als  selbstständige  Gemengtheile  des 
in  diesem  Falle  kleinkörnigen  Aggregats  des  übrigen  Gang- 
materials auftreten.  Sie  besitzen  eine  röthlichbraune  bis  nelken- 
braune Farbe  und  einen  so  starken  diamantartigen  Glanz,  dass 
sie  sich  durch  diesen  auch  an  grösseren  Handstücken  leicht 
kenntlich  machen  und  aus  dem  zu  grobem  Sand  zermalmten 
Gestein,  trotz  der  glänzenden  Orthoklasspaltungsstückchen, 
durch  ihr  Funkeln  hervorscheinen.  Der  Habitus  der  Krystalle 
ist  ein  mehr  oder  weniger  langsäulenförmiger.  Gewöhnlich 
ist  dann  ausschliesslich  das  Protoprisma,  zuweilen  das  Deu- 
teroprisma  als  schmale  Abstumpfungsfläche,  selten  im  Gleich- 
gewicht mit  dem  ersteren,  zur  Ausbildung  gelangt.  Von  Pyra- 
miden treten  P  und  die  ditetragonale  3P3  auf,  letztere  meist 
nur  als  Zuschärfung  -der  Combinationsecken ,  selten  so  vor- 
herrschend, dass  die  Protopyramide  daneben  stark 
zurücktritt. 

Den  im  Bereiche  Sachsens  bekannten  Fundstellen  des 
Zirkons  im  Granit  von  Boxdorf  bei  Dresden,  des  Malakons 


*)  Frenzel,  Min.  Lexik,  von  Sachsen  pag.  322. 


206 


im  Syenit  des  Plauen'schen  Grundes  und  des  Hyacinths  im 
Schwemmlande  des  Elbthalgebirges  reiht  sich  das  beschriebene 
Vorkommen  des  Zirkons  in  den  Gängen  von  Syenitgranit  bei 
Waldheim  an.  Zugleich  aber  erinnert  die  Mineralcombinatiou 
von  natronhaltiger,  dadurch  arfvedsonitähnlicher  Hornblende, 
yttererdebaltigem,  dadurch  yttrotitanitähnlichem  Titanit,  ferner 
Orthit  und  Zirkon  lebhaft  an  die  berühmten  skandinavischen 
Vorkommnisse. 

Die  Structur  dieses  Gänge  ist  eine  ausgezeichnet  kör- 
nige, doch  macht  sich  stets  die  Tendenz  zu  schriftgranitischer 
Verwachsung  des  Feldspaths  und  Quarzes  geltend.  Selbst 
dort,  wo  diese  beiden  Gemengtheile  mit  den  übrigen  oben 
aufgezählten  ein  echt  granitisch-körniges  Aggregat  bilden,  sind 
die  Feldspathindividuen  oft  von  nadelartigen ,  in  jedem  Korne 
parallelstehenden  Quarzsäulehen  durchwachsen ,  die  dann  auf 
den  glänzenden  Spaltungsflächen  des  Orthoklases  als  rauch- 
graue Punkte  hervortreten.  In  manchen  der  weniger  mäch- 
tigen Gänge,  wo  der  Feldspath  bei  Weitem  vorwaltet,  ist  er 
von  federkielstarken  Quarzprismen  durchschossen,  so  dass  eine 
dem  echten  Schriftgranit  ähnliche  Gesteinsvarietät  erzeugt 
wird.  In  diesem  leicht  in  Spaltungsstücke  von  mehreren 
Kubikzoll  Grösse  zerschlagbaren  Schriftgranit  liegen  dann 
ordnungslos  vereinzelte  glänzende  Hornblendesäulen  und  Titan- 
krystalle  eingesprengt.  Ist  auch  die  gesammte  Gesteinsmasse 
unserer  Gänge  und  namentlich  die  echt  granitisch-körnige  Va- 
rietät derselben  reich,  stellenweise  sehr  reich  an  Titanit- 
krystallen ,  so  findet  doch  gewöhnlich  nach  den  beiderseitigen 
Grenzflächen  der  Gänge  zu  eine  derartige  Concentrirung  dieses 
Minerals  statt,  dass  sich  0,2  bis  0,5  Cm.  mächtige  Salband- 
zonen von  ziemlich  dicht  aneinander  liegenden 
Titani  tkry  stall  en  herausbilden.  Diese  Titanitsalbänder 
stellen  sich  auch  dann  ein ,  wenn  die  Hauptgangmasse  das 
genannte  Mineral  sehr  spärlich  oder  gar  nicht  führt.  In  beiden 
Fällen  aber  wird  durch  diese  Erscheinung  ein  symmetrischer 
Bau  der  Gänge  bedingt.  Die  Titanitkrystalle  der  Salbänder 
sind  fast  immer  mit  zwei  Flächen  der  vorherrschenden  Hemi- 
pyramide  auf  die  Wandungen  der  einstigen  Spalten  aufge- 
wachsen, so  dass  diese  stellenweise  wie  mit  flachen  Titaniten 
gepflastert  erscheinen  ,  welche  letzteren  dem  Spaltenraume, 
also  der  jetzigen  granitischen  Gangmasse  jedesmal  zwei  glän- 


zende  Flächen  von  n ,  eine  von  P  und  die  eines  Hemidomas 
zuwenden. 

Schliesslich  sei  an  dieser  Stelle  noch  darauf  hingewiesen, 
dass  in  keiner  anderen  Gesteinsart  des  Granulitgebirges  Gänge 
ähnlicher  Art  aufsetzen  und  dass  kein  einziger  der  Hunderte 
von  granitischen  Gängen,  wie  sie  dem  echten  Granulit,  dem 
Cordieritgneiss  u.  s.  w.  angehören,  eine  derartige  Combination 
von  Titanit,  Zirkon,  Hornblende,  Feldspath  und  Quarz  aufweist. 
Es  ergiebt  sich  dasaus ,  dass  die  mineralische  Zusam- 
mensetzung der  in  den  verschiedenartigen  Ge- 
birg s  glie  d  e  r  n  der  Gr  anuli  tf  o  rmation  aufsetzenden 
granitischen  Gänge  abhängig  ist  von  der  petro- 
graphischen  Beschaffenheit  des  Nebengesteins. 

1 

9.  Granat  und  Epidot  fahrende  Qnarz-Feldspath-Trümer  im  Horn- 
hlendeschiefer  von  Thierbach. 

Zwischen  Thierbach  und  Wolkenburg  ist  durch  den  tiefen 
Thaleinschnitt  der  Mulde  ein  der  hangenden  Grenze  der  eigent- 
lichen Granulitformation  angehörige  Einlagerung  von  Horn- 
blendeschiefern entblösst.  Letztere  sind  aus  dunkelgrünen, 
faserigen  Hornblendeindividuen  zusammengesetzt,  enthalten  ein- 
zelne Einsprenglinge  von  Feldspath,  Granat,  Quarz  und  Glim- 
mer und  werden  von  zahlreichen  Gangtrümern  netzartig 
durchädert. 

Dieselben  besitzen  eine  durchschnittliche  Mächtigkeit  von 
2  bis  5  Cm.,  bilden  jedoch  locale  Anschwellungen  von  dop- 
pelter Dicke,  sind  mit  ihrem  Nebengestein  auf  das  Innigste 
verwachsen  und  bestehen  aus  Quarz,  Oligoklas,  Epidot,  Granat 
und  Hornblende,  denen  sich  accessorisch  Schwefelkies  und 
Titanit  zugesellt. 

Der  Quarz  ist  z.  Th.  glasig  und  klar  mit  einem  Stich 
in's  Braune,  z.  Th.  körnig  und  dann  weiss.  Der  Epidot 
besitzt  eine  intensiv  pistaziengrüne  Farbe,  bildet  körnige  und 
wirr-stengelige  Aggregate,  aus  denen  einzelne  grössere  Krystall- 
individuen  oder  deren  glänzende  Spaltungsflächeu  hervor- 
treten. In  offene  Drusenräume  ragen  zuweilen  einfache  hori- 
zontal-säulenförmige Epidotkrystalie,  gebildet  von  der  schiefen 
Basis  und  den  Orthopinakoid ,  an  dem  freien  Ende  mit  einer 
Hemipyramide  hinein.      Der   Oligoklas  ist    weiss,  körnig 


208 


und  ausserordentlich  zart  zwillingsstreifig.  Granat  von 
röthlich  nelkenbrauner  Farbe  ist  entweder  in  stecknadelkopf- 
grossen Krystallen  (oc  O.  202)  im  Epidot,  Oligoklas  oder 
Kalkspath  eingesprengt,  oder  aber  bildet  für  sich  oder  mit 
Kalkspathindividuen  ein  körniges  Aggregat.  In  letzterem  Falle 
sind  beide  Mineralien  zuweilen  zu  kernkrystallartigen  Formen 
verwachsen,  indem  glänzend  weisse  Kalkspathkörner  von  brau- 
ner Granatmasse  rings  umgeben  und  wiederum  von  Lamellen 
derselben  durchzogen  sind.*)  —  Der  Kalkspath  ist  weiss 
bis  wasserhell,  füllt  die  Spältchen,  Ecken  und  Drusenräume 
innerhalb  der  übrigen  Gangmasse  aus  oder  bildet  mit  ihnen 
ein  krystallinisch  körniges  Aggregat.  Mit  dem  Epidot  ver- 
wachsen treten  säulige  Partieen  dunkellauchgrüner  Horn- 
blende auf.  Die  seltenen  Titanitkrystalle  von  hori- 
zontal-säulenförmigem Habitus  besitzen  eine  lichtgelblichgrüne 
Farbe  und  fallen  durch  ihren  ausgezeichneten  Diamantglanz 
in's  Auge.  Schwefelkies  kommt  hier  und  da  derb  einge- 
sprengt vor. 

Was  die  Structur  des  kurz  beschriebenen  Gangmaterials 
betrifft,  so  ist  dieselbe  z.  Th.  zwar  eine  granitisch  -  körnige, 
meist  jedoch  eine  symmetrisch  -  lagenförmige.  Dann  bildet 
stellenweise  Epidot  die  beiden  äussersten ,  Quarz  die  beider- 
seitig darauf  folgenden,  Granat,  Kalkspath  und  Oligoklas  die 
centralen  Zonen,  ohne  dass  diese  Reihenfolge  constant  bliebe, 
die  sich  sogar  zu  der  umgekehrten  gestalten  kann. 

Die  kurze  Darstellung  dieses  Gangvorkommens  hat  deshalb 
hier  Platz  gefunden,  weil  letzteres  eine  gewisse  Bedeutung  für 
unsere  Betrachtungen  über  die  Genesis  der  granitischen  Gänge 


*)  In  seinem  dem  kgl.  sächs.  Oberbergamte  zu  Freiberg  erstatteten 
Berichte  über  die  von  ihm  im  Sommer  1865  ausgeführten  Untersuchungen 
im  südwestlichen  Theile  des  sächsischen  Granulitgebietes  giebt  Si'elznek 
u.  a.  eine  Beschreibung  dieser  Gangvorkommnisse,  sowie  gewisser,  den 
letzteren  angehöriger  „Granatperimorphosen,  die  unter  einer  ausserordentlich 
dünnen,  aus  Granatsubstanz  bestehenden  Hülle  ein  Gemenge  von  Pistazit, 
Granat  und  Kalkspath  als  Ausfüllung  des  Krystallraumes  erkennen  lassen." 

Zugleich  gestehe  ich  dankbar  ein,  dass  die  eingehenden  Vorunter- 
suchungen und  kartographischen  Aufnahmen  des  sächsischen  Granulit- 
gebiets  von  Seiten  des  Herrn  A.  Stelznek  sowohl  den  diesem  Aufsatze 
zu  Grunde  liegenden  geognostischcn  Beobachtungen,  wie  den  Aufnahmen 
der  geologischen  Landesuntersuchung  in  dem  von  Stelzner  behandelten 
Gebiete  einen  wesentlichen  Vorschub  geleistet  haben. 


209 


des  Granulitgebirges  hat.  Aus  Obigem  geht  nämlich  Folgendes 
hervor : 

1)  Quarz,  Epidot,  Kalkspatb,  Granat,  Hornblende,  Oli- 
goklas  und  Schwefelkies  führende  Trümer  gehören  zu  den  ge- 
wöhnlichen Vorkommnissen  innerhalb  der  Hornblende- 
gesteine  vieler  Gegenden. 

2)  Dahingegen  sind  dergleichen  Gangvorkommen  in  dem 
normalen  und  glimmerführenden  Granulit,  im  Cordieritgneiss 
und  Trappgranulit  des  sächsischen  Granulitgebirges  nicht 
bekannt,  ebensowenig  wie  auf  der  anderen  Seite  die  Pegmatite, 
Turmalingranite  oder  granitischen  Gänge  des  Granulits  in  den 
ihm  auflagernden  Hornblendefels  hineinreichen. 

3)  Die  oben  beschriebenen  Epidot  -  Granat  -  Gänge  sind 
somit  gebunden  an  ein  bestimmtes  Nebengestein  ,  in  welchem 
sich  die  Bedingungen  zu  ihrer  Entstehung  gegeben  finden, 
nämlich  an  die  Hornblendeschiefer,  die  umgekehrt  nicht  im 
Stande  waren,  das  MateriaLzu  den  kalireichen  Granitgängen, 
wie  sie  an  den  Granulit  gebunden  sind,  zu  liefern.  Dahin- 
gegen haben  unter  allen  übrigen  Gesteinen  des  Granulitgebirges 
die  Eklogite  die  meiste  Aehnlichkeit  in  ihrer  chemischen  Con- 
stitution mit  den  Hornblendeschiefern  von  Thierbach.  Die- 
selbe offenbart  sich  namentlich  in  dem  Reichthum  beider 
Gesteinsarten  an  Kalkerde  und  in  deren  Armuth  an  Kali  und 
Natron.  Deshalb  sind  auch  die  aus  der  Zersetzung  beider 
Gesteinsarten  hervorgegangenen  Mineralvergesellschaftungen  von 
allen  mineralischen  Gängen  des  Granulitgebiets  am  nächsten 
miteinander  verwandt:  in  jeder  derselben  spielen  Epidot, 
Hornblende,  Titanit  und  Granat  neben  Feldspath  und  Quarz 
eine  Hauptrolle. 


Gedrängter  Rückblick. 

I.  In  dem  sächsischen  G  ra  n  u  1  i  t  g  e  bi  r  g  e  treten 
Hunderte  von  granitischen,  syenitischen  und  peg- 
m  atitischen  Gängen  auf.  Ihre  Mächtigkeit  ist  unbedeu- 
tend, ihr  Verlauf  unregelmässig,  ihre  Ausdehnung  unbeträcht- 
lich, ihre  Streichrichtung  gesetzlos. 

Zeits.  d.D.geol.  Ges.  XXVII.  1.    "  14 


210 


II.  An  ihrer  Zusammensetzung  nehmen  fol- 
gende Mineralien  Theil: 

Metall  oxyde: 

Quarz, 
H  al o  id  e: 

Amblygonit, 

Apatit, 

Kalkspath, 

Braunspath, 
G  eolithe : 

Orthoklas, 

Perthitartiger  Feldspath, 
Oligoklas, 
Albit, 
Andalusit, 
Topas, 
Zirkon, 
A  mphoterolitbe: 
Turmalin, 
Granat, 
Orthit, 
Epidot, 

Hornblende,  z.  Tb.  arfvedsonitartig, 

Magnesiaglimmer, 

Kaliglimmer, 

Lithionglimmer, 

Chlorit, 

Pinit, 
Tantaloide: 

Titanit,  z.  Th.  yttererdehaltig, 
Metalloxyde: 

Eisenglanz,  Eisenrahm,  Eisenocker, 
Kiese: 

Eisenkies. 

III.  Einige  dieser  Gangmineralien  weisen 
aussergewöhnliche  oder  sonst  interessante  Er- 
scheinungen auf: 

Der  Quarz  in  seiner  Krystallgestalt  meist  auf  Prisma 
und  Pyramide  beschränkt,  ist  zuweilen  durch   das  Auftreten 


211 


von  Rhomben  -  und  Trapezflächen  ausgezeichnet  und  zwar 
fällt  die  Entwicklung  des  trapezoedrischen  Habitus  meist 
mit  der  Vergesellschaftung  von  Turmalin  zusammen.  Es  scheint 
hierin  eine  Bestätigung  des  Satzes  zu  liegen,  dass  die  Krystall- 
gestalt  des  Quarzes  durch  den  Bor-  und  Fluorgehalt  der  Mineral- 
solution  beeinflusst  .worden  sei,  aus  welcher  sich  neben  Quarz 
gleichzeitig  Turmalin  ausgeschieden  hat.  Jedoch  ergiebt  es 
sich ,  dass  in  den  an  Turmalinen  reichen  Drusen  neben  trape- 
zoedrischen Quarzen  solche  von  einfachster  Form  viel  häu- 
figer sind,  ja  dass  mit  Turmalin  verwachsene  und  sicher  mit 
ihm  gleichaltrige  Quarze  die  erwähnten  Trapezflächen  nur  in 
vereinzelten  Fällen  aufweisen. 

Bei  geringem  Zusammenhang  grosser  Quarze  mit  den 
Wandungen  der  Gangspalten  konnten  sich  dieselben  durch 
fortgesetztes  Wachsthum  und  damit  verbundene  Gewichts- 
zunahme, oder  in  Folge  von  Erschütterungen,  welchen  das 
Nebengestein  ausgesetzt  war,  loslösen,  herabstürzen,  zu  Frag- 
menten zersplittern  und  ein  loses  Haufwerk  auf  dem  Boden 
der  Weitungen  bilden.  Dann  stellt  sich  die  Erscheinung  ein, 
dass  die  Bruchflächen  der  von  den  Wandungen  herabgestürzten 
Krystalle  sich  mit  Neubildungen  von  Quarz  bedecken,  welche 
sich  auf  jeden  kleinen  Vorsprung  des  muscheligen  Bruches 
ansiedeln,  dabei  jedoch  sowohl  untereinander  wie  zu  dem 
Hauptkrystall  eine  parallele  Axenstellung  einnehmen  und  augen- 
scheinlich bestrebt  sind,  das  fehlende  Krystallende  zu  ersetzen. 
Die  verstümmelten ,  ja  oft  zu  dünnen  Scherben  zersplitterten 
Quarze  suchen  demnach  ihre  Verletzung  auszugleichen  und 
eine  ,öormale,  geschlossene  Krystallgestalt  wieder  zu  gewinnen. 

Nicht  selten  sind  Drusenquarze  bei  ihrem  Wachsthum  an 
irgend  eine  ihnen  entgegen  tretende  Krystallfläche  gestossen 
und  haben  dann  eine  abnormale,  z.  B.  „basische"  Endfläche 
ausgebildet.  Erfolgte  nach  Zersetzung  dieses  Hemmnisses  ein 
Fortwachsen  des  Quarzes  in  der  Richtung  der  Hauptaxe  und 
wiederholen  sich  diese  Ereignisse ,  so  entstand  ein  treppen- 
fö'rmiger  Aufbau  aus  lauter  aufeinander  gesetzten  kurzen 
Prismen. 

Perthitartig  verwachsene  Feldspäthe.  Die  frei- 
lich erst  mit  Benutzung  des  Mikroskops  nachweisbare  Erschei- 
nung, dass  zarte  zwillingsstreifige  Lamellen  und  Schmitzen  von 
Albit  zwischen   stärkeren  Lamellen  von  Orthoklas  in  ortho- 

14* 


212 


pinakoidischer  Lage  eingeschaltet  sind,  ist  in  den  granitischen 
Gängen  des  Granulitgebirges  sehr  gewöhnlich.  Nicht  selten 
stellen  sich  zugleich  zarte  Albitlamellen  in  klinopinakoidischer 
oder  prismatischer  Lage  ein,  so  dass  eine  unregelmässig  bienen- 
wabenähnliche Durchwachsung  des  Orthoklases  mit  Albit  hervor- 
gebracht wird,  welche  im  Querschnitt  natürlich  in  Form  einer 
netz  -  oder  leiterähnlichen  Zeichnung  erscheint.  Diese  die 
Krystallgestalt  des  Orthoklases  besitzende  Association  von 
Orthoklas  und  Albit  kann  in  Folge  der  Gegenwart  des  letzt- 
genannten Feldspaths  einen  Natrongehalt  von  4  pCt.  auf- 
weisen. Durch  Auslaugung  und  Umsiedelung  des  Albits  wer- 
den sehr  interessante  Erscheinungen  hervorgerufen.  Jedoch 
sind  dergleichen  perthitartige  Verwachsungen  von  Orthoklas 
und  Albit  innerhalb  des  Granulitgebirges  auf  die  Gangspalten 
beschränkt ,  während  die  natronhaltigen  Kalifeldspäthe  des 
Nebengesteins  keine-Spur  lamellarer  Zusammensetzung  zeigen, 
sondern  isomorphe  Mischungen  sind.  Erst  bei  Auslaugung 
der  Feldspathsubstanz  aus  dem  Nebengestein  kann  eine  Spal- 
tung und  Individualisirung  des  Natronfeldspaths  und  des  Kali- 
feldspaths  und  bei  gleichzeitiger  Wiederausscheidung  eine  gegen- 
seitige Durchwachsung  eintreten. 

Zirkon  war  bisher  in  den  Gängen  des  Granulitgebirges 
noch  nicht  bekannt.  An  einzelnen  Kryställehen  des  neuen 
Vorkommnisses  ist  die  vorwiegende  Entwicklung  der  ditetra- 
gonalen  Pyramide  bemerkenswerth. 

Schwarze  Turmali  ne  bilden  einen  Hauptbestandteil 
vieler  Gänge,  neben  ihnen  spielen  jedoch  auch  solche  von 
dunkellauchgrüner ,  lichtsmaragdgrüner ,  blassölgrüner  ,  car- 
moisinrother ,  intensiv-  oder  lichtrosarother  und  weingelber 
Farbe  eine  wichtige  Rolle.  Auch  mehrfarbige  Krystalle  sind 
von  dem  nämlichen  Fundpunkte  bekannt.  Rosaturmaline  mit 
wenigstens  einseitiger  Endausbildung  können  fast  ohne  Bethei- 
ligung eines  anderen  Minerals  zu  einem  grobkrystallinischeu 
Aggregat  zusammentreten.  In  einem  der  granitischen  Gänge 
ist  die  Mehrzahl  der  das  Gestein  durchschiessenden  Turmaline 
mit  Quarz  oder  Orthoklas  und  Quarz  zu  Kernkrystallen  und 
zwar  z.  Th.  solchen  von  complicirterem  Aufbau  verwachsen. 

Viele  der  Kaliglimmer  und  manche  der  Lithion- 
gl  immer  zeichnen  sich,  ganz  ähnlich  wie  die  uralischen 
Muskowite ,  durch  ihre  Federstreifung  aus ,   welche  als  trelf- 


liches  Mittel  zu  krystallographischer  Orientirung  besondere 
Aufmerksamkeit  verdient. 

Gewisse  Hornblenden  nähern  sich  durch  ihren  Gehalt  an 
Natron  und  Kali  dem  Arfvedsonit,  gewisse  Titanite  durch 
ihren  Gehalt  an  Ytter  -  und  Thonerde  dem  Yttrotitanit; 
beide  sind  vergesellschaftet  mit  Zirkon,  Apatit  und  Orthit  und 
erinnern  dadurch  lebhaft  an  nordische  Mineralcombinationen. 

IV.  Gewisse  der  oben  aufgezählten  Gangmine- 
ralien sind  Pseudomorpho  sen  oder  anderweitiger 
secundärer  Entstehung: 

Die  Albitkrystalle  innerhalb  der  Drusenräume  ver- 
danken ihren  Ursprung  der  Auslaugung  des  Natronfeldspaths 
aus  dem  perthitartigen  Orthoklas ,  in  welchem  derselbe  zarte, 
flachwellige  Schmitzen  und  Lamellen  bildete.  Die  ersten  Sta- 
dien dieser  Albitextraction  offenbaren  sich  in  einer  dem  Ortho- 
pinakoide  parallelen  Streifung  und  dann  allmälig  immer  tiefer 
und  tiefer  werdenden  Furchung  der  Krystallflächen  des  perthi- 
tischen  Orthoklases.  In  Folge  fortgesetzter  Vertiefung  dieser 
Furchen  verfällt  letzterer  einer  lamellaren  Zersetzung ,  welche 
noch  dadurch  beschleunigt  wird,  dass  die  stehenbleibenden 
Orthoklaslamellen  den  zersetzenden  Einflüssen  mehr  Angriffs- 
punkte bieten  wie  bisher.  Derartige  auf  oP  horizontal,  auf 
den  Flächen  des  Prismas  und  Klinopinakoides  vertikal  gereifte 
und  gefurchte  Orthoklase  sind  innerhalb  der  granitischen 
Gänge  des  Granulitgebiets  sehr  häufig.  Bei  Carlsbader,  ßa- 
venöer  und  nach  o  P  verwachsenen  Zwillingen  giebt  die  gesetz- 
mässig  verlaufende  Furchung  der  Flächen  zu  ebenso  zierlichen, 
wie  interessanten  Oberflächenerscheinungen  Veranlassung.  Die 
aus  dem  perthitartigen  Feldspath  extrahirte  Albitsubstanz  sie- 
delt sich  in  anfänglich  kleinen,  allmälig  wachsenden  Krystallen 
und  Krystallincrustaten  entweder  auf  der  Oberfläche,  am  Fusse 
oder  in  der  weiteren  Umgebung  des  Mutterminerals,  in  ersterem 
Falle  in  paralleler  Stellung  zu  diesem  an. 

Ein  Theil  des  Kaliglimmers  ist  aus  der  Zersetzung 
des  Orthoklases  hervorgegangen  und  bildet  dann  auf  der  Ober- 
fläche oder  in  der  Nähe  der  in  Zersetzung  begriffenen  Feld- 
späthe  radialschuppige  oder  rosettenförmige  Gruppen ,  —  auf 
den  Spaltungs-  und  Kluftflächen  oft  nur  hauchartige,  z.  Th. 
aber  auch  derbere  Ueberzüge  von  zarten  Schüppchen,  innerhalb 
der  mürben  Feldspathsubstanz  silberglänzende  Punkte,  in  Rissen 


216 


anschiessenden  Mineralien  dadurch,  dass  sie  sich  gegenseitig 
in  ihrer  normalen  Ausdehnung  in  die  Breite  hinderten,  zu 
unverhältnissmässiger  Entwicklung  in  die  Länge,  also  zu  sten- 
geligen Formen.  Dieselben  müssen  bei  fortdauernder  Zufuhr 
der  mineralischen  Losung  in  der  Mitte  gegen  einander  stossen 
und  bilden  dann  hier,  ohne  miteinander  zu  verwachsen,  eine 
centrale  Naht  (also  stengelige  Structur  mit  centraler  Naht). 
Zuweilen  aber  hörte  der  Zufluss  der  Lösung  auf,  ehe  die  von 
beiden  Salbändern  aus  aufeinander  zu  wachsenden  Mineral- 
individuen zu  gegenseitiger  Berührung  gelangten  und  lassen 
dann  eine  von  den  Krystallenden  der  granitischen  Bestand- 
teile gebildete  Drusenspalte  offen,  —  oder  es  ändert  sich 
die  substantielle  Beschaffenheit  der  Mineralsolution,  dann  wird 
die  centrale  Drusenspalte  von  einer  anders  beschaffenen  Mineral- 
masse ausgefüllt,  in  welche  die  Krystallenden  der  bisherigen 
Centraidruse  hineinragen,  es  entsteht  die  geschlossene  Druseu- 
structur  (z.  B.  Fig.  12  u.  24).  Die  symmetrisch-lageuförmige 
Structur  ist  nichts  Anderes,  als  eine  der  Unterlage  der  sich 
ausscheidenden  Bestandteile  parallele,  in  diesem  Falle  geneigte 
oder  vertikale  Schichtung  und  für  Gänge  das  nämliche  Krite- 
rium wässerigen  Absatzes,  wie  für  die  sedimentären  Schichten- 
reihen. Jede  Lage  entspricht  einer  periodischen  Zuströmung 
von  mineralischer  Lösung,  jeder  Wechsel  in  der  Structur  und 
in  den  Gemengtheilen  dieser  Lagen  einer  Aenderung  der  zu- 
fliessenden  Lösung.  Nur  als  eine  Modification  der  symme- 
trischen ist  die  concentrisch-lagenförmige  Structur  aufzufassen; 
—  es  ist  überall  das  Nebengestein,  auf  welchem  die  Gang- 
mineralien anschössen ,  mochte  dasselbe  nun  seine  ebenen 
Spaltenwandungen  oder  in  den  Spaltenraum  hineinragende, 
sich  später  losziehende  Ecken  als  Basis  für  die  Krystallbildung 
bieten.  Hierbei  bethätigt  sich  zuweilen  die  nämliche  Erschei- 
nung, die  wir  an  verletzten  künstlichen  Krystallen  wahrnehmen, 
nämlich  die  energische  Tendenz,  die  erlittene  Verletzung  aus- 
zuheilen und  deshalb  an  der  betreffenden  Stelle  besonders  reich- 
lich Masse  anzuhäufen.  Innerhalb  unserer  Gangspalten  wieder- 
holt sich  dieser  Vorgang  in  der  Gestalt,  dass  die  von  den 
Spalten  geschnittenen  Glimmerblättchen  als  Ausgangspunkte 
für  eine  neue  Glimmerbildung  dienten ,  also  nach  langem  Zu- 
stande der  Ruhe  in  den  aufgerissenen ,  mit  mineralischen  Lö- 
sungen angefüllten  Spaltenraum  hinein  fortzuwachsen  begannen. 


217 

Aehnlich  wie  die  erwähnten,  nur  an  den  Salbändern  mit 
einer  granitischen  Krystallkruste  bedeckten  Spalten ,  reprä- 
sentiren  sowohl  die  zahlreichen  mit  kleineren  oder  grösseren 
Mediandrusen  versehenen,  wie  jene  zellig-drusigen  Gänge  eine 
noch  nicht  abgeschlossene,  mehr  oder  weniger  unfertige  Gang- 
bildung. Jede  dieser  Krystalldrusen  stellt  die  Wachsthums- 
fläche einer  Granitpartie  vor,  —  ihre  Krystalle  sind  nichts  als 
die  noch  freien ,  vorgeschobenen  Enden  der  weiter  hinten  zu 
granitischem  Aggregat  verbundenen  Gesteinsbestandtheile ,  sie 
sind  nichts  als  die  granitischen  Keime,  welche  in  die  nährende 
Mineralsolution  der  Drusen  -  und  Spaltenräume  eindringen. 
Werden  letztere  in  Folge  des  nach  Innen  vorschreitenden 
Wachsthums  so  eng,  dass  die  am  weitesten  vorgeschobenen 
Krystalle  auf  solche  der  gegenüber  liegenden  Seite  stossen, 
so  werden  sie  in  ihrem  Fortwachsen  gehindert  und  erhalten 
abnormale  Endausbildung,  so  z.  B.  die  Quarze  ,, basische'4  oder 
schräge  Endflächen.  Die  sämmtlichen ,  oben  aufgeführten 
Structurformen  der  granitischen  Gänge  weisen  demnach  darauf 
hin,  dass  letztere  nur  als  Producte  einer  allmäligen,  von  den 
Spaltenwandungen  aus  vor  sich  gehenden  Ausscheidung  aus 
wässeriger  Lösung  betrachtet  werden  können. 

2)  Reste  dieser  letzteren  sind  uns  in  Form  zahlloser 
Flüssigkeitseinschlüsse  innerhalb  der  Bestandtheile  der  gra- 
nitischen Gänge  überliefert  worden.  Der  nicht  unübliche  Schluss: 
„der  Granit  ist  reich  an  Flüssigkeitseinschlüssen,  folglich  sind 
bei  seiner  E  r  u p  ti  on  Wasserdämpfe  oder  überhitzte  Wasser  be- 
theiligt gewesen",  dieser  Schluss  ist  durchaus  ungerechtfertigt, 
so  lange  nicht  auch  Reste  des  Schmelzflusses,  also  Glaseier 
und  glasige  Zwischendrängungsmasse  nachgewiesen  werden, 
was  bis  jetzt  noch  nicht  der  Fall  gewesen  ist.  Für  unsere 
Gange  lässt  sich  nur  die  Gegenwart  von  Wasser  bei  deren 
Entstehung  beweisen. 

3)  Zugleich  aber  ist  durch  anderweitige  Einzelvorkommen 
von  fast  sämmtlichen  Bestandtheilen  der  granitischen  Gänge 
des  sächsischen  Granulitgebirges  constatirt ,  dass  sie  sich  in 
der  That  aus  wässerigen  Lösungen  auszuscheiden  im  Stande 
sind,  —  haben  sich  doch  z.  B.  die  Porphyrgerölle  des  Kohlen- 
conglomerats  von  Euba  mit  einer  Kruste  der  Hauptbestand- 
teile des  Granits,  also  von  Orthoklas,  Quarz  und  etwas 
Glimmer  bedeckt. 


218 


IX.  Das  mineralische  Material  unserer  grani- 
tischen Gänge  stammt  nicht  von  aus  der  Teufe 
e  inp  o  r  d  r  ing en  d  en  ,  vielleicht  sogar  heissen  Mi- 
neralquellen, sondern  von  partieller  Zersetzung 
und  Auslau gung  des  Nebengesteins  durch  sich  all- 
mälig  zu  Min  eral  solutio  n  umgestaltende  Sicker- 
"wasser;  und  zwar  aus  folgenden  Gründen: 

1)  Viele  der  granitischen  Gänge  keilen  sich  nach  unten, 
oder  wenn  sie  schwebende  Lage  besitzen ,  beiderseitig  aus, 
stehen  also  mit  Quellcanälen  in  keiner  Verbindung. 

2)  Viele  der  granitischen  Gänge  (z.  B.  Fig.  26)  schmiegen 
sich  an  die  Verwitterungsformen  ihres  Nebengesteins  an,  neh- 
men also  Räume  ein,  deren  Entstehung  mit  der  theilweisen 
Zerstörung  des  Nebengesteins  verknüpft  war. 

3)  Einzelne  der  beschriebenen  Gänge  sind  grossartige 
Wiederholungen  der  an  den  individuellen  Bestandtheilen  des 
Nebengesteins  vor  sich  gehenden  Pseudomorphosen.  So  wan- 
deln sich  die  Cordieritkörner  des  Cordieritgneisses  von  Lun- 
zenau  durch  Aufnahme  des  von  der  Zersetzung  des  Orthoklases 
herrührenden  kieselsauren  Kalis  in  Kaliglimmer  um,  wobei 
gleichzeitig  Eisenoxydhydrat  und  Kieselsäure  ausgeschieden 
werden  und  Magnesiacarbonat  entführt  wird.  Wie  an  Stelle 
der  durch  Zersetzung  theilweise  entfernten  Orthoklas  -  und 
Cordieritindividuen ,  so  haben  sich  die  Producte  des  pseudo- 
morphosirenden  Processes  auch  in  den  das  Gestein  durch- 
ziehenden Spalten  angesiedelt  und  bilden  jetzt  Gänge  von  Kali- 
glimmer, Quarz  und  Eisenoxyd.  Ferner  wissen  wir,  dass  aus 
natronhaltigem  Orthoklas  albitische  Substanz  ausgelaugt,  der 
übrig  bleibende  reine  Kalifeldspath  aber  in  Kaliglimmer  und 
Quarz  umgewandelt  werden  kann.  Die  aus  dieser  Metamor- 
phosirung  resultirenden  Mineralsubstanzen  können  aber  auch 
eine  etwas  grössere  Ortsveränderung  vornehmen,  Spaltenräu- 
men zugeführt  werden,  diese  allmälig  ausfüllen  und  zu  Gängen 
von  Albit,  Kaliglimmer  und  Quarz  umgestalten. 

4)  Jede  als  selbstständiges  Glied  des  Granulitgebirges 
auftretende  Gesteinsart  hat  im  Allgemeinen  ihre  besonderen 
Gangformationen : 

der  normale  und  glimmerführende  Granulit:  echte 
Granit-  und  Pegmatitgänge,  sowie  Quarzgänge  mit  Ortho- 
klaseinsprenglingen  ; 


219 


der  Augitschiefer:  an  Magnesiaglimmer  und  Oligoklas 
sehr  reichen  Granit; 

der  Eklogit:  Epidot,  Titanit,  Zirkon  haltigen  Syenit- 
granit; 

der  Hornblendeschiefer:  Epidot,  Granat,  Kalkspath- 
gänge; 

der  Cordieritgneiss :  Quarz,  Kaliglimmer,  Turmalin- 
gänge ; 

der  Glimmerschiefer:  Quarzgänge. 

Ausnahmen  sind  selten  und  lassen  sich  meist  auf  eine 
locale  Ursache  zurückführen.  Dahingegen  ist  nicht  ein  ein- 
ziger Fall  beobachtet  worden ,  wo  Gänge  einer  Mineralcombi- 
nation  von  solchen  einer  anderen  durchsetzt  werden. 

5)  Der  mineralische  Inhalt  der  Gangspalten  steht  in 
einem  gewissen  Abhängigkeitsverhältniss  zu  der  chemischen 
Zusammensetzung  des  Nebengesteins: 

Der  Kalireichthum  ,  der  geringere  Natrongehalt ,  die 
Magnesia-  und  Kalkarmuth  des  Granulits  finden  darin  ihren 
Ausdruck,  dass  die  Hauptbestandtheile  der  in  ihnen  auf- 
setzenden Gänge  Kalifeldspath  und  Kaliglimmer  sind,  während 
Natronfeldspath  und  2  bis  4  pCt.  Natron  haltiger  Perthit,  in 
vielen  Fällen  auch  Magnesiaglimmer,  zurücktreten  und  endlich 
Kalkmineralien  wie  Hornblende  und  Epidot  gar  nicht,  andere 
wie  Granat  und  Kalkspath  nur  in  seltenen  und  geringfügigen 
Mengen  vorkommen. 

Dahingegen  sind  die  Plagioklas- Augitschiefer  verhältniss- 
mässig  reich  an  Natron,  sehr  reich  an  Magnesia,  aber  arm 
an  Kali,  deshalb  enthalten  auch  die  in  ihnen  aufsetzenden 
Gänge  im  Gegensatz  zu  denen  des  Granulits  sehr  viel  Magnesia- 
glimmer, viel  Plagioklas,  weit  weniger  Orthoklas  und  gar  keinen 
Kaliglimmer. 

Ferner  beträgt  bei  den  Eklogiten  der  Gehalt  an  Magnesia 
7  bis  8  pCt. ,  an  Kalk  10  bis  13  pCt.  und  ebensoviel  der- 
jenige an  Eisenoxyden,  deshalb  führen  seine  Gänge  die  Kalk- 
Eisen-Mineralien  Hornblende,  Epidot,  Granat  und  Titanit. 

In  ähnlicher  Weise  wiederholt  sich  der  Reichthum  der 
Hornblendeschiefer  an  Kalkerde  und  Eisenoxyden  in  den 
eisenkiesführenden  Epidot,  Granat,  Hornblende,  Kalkspath, 
Titanit-Trümern,  welche  dieselben  durchziehen. 

Aus  dem  Obigen  (sub  VIII.  und  IX.)  ergiebt  sich ,  dass 


220 


die  granitischen  Gänge  des  sächsischen  Granulitgebirges  Aus- 
scheidungen aus  wässerigen,  dem  Nebengestein  entstammenden 
Mineralsolutionen  sind,  —  ein  Resultat,  auf  welches  der 
etwaige  Nachweis,  dass  irgend  eine  andere  Gruppe  von  Granit- 
gängen eruptiver  Entstehung  ist,  nicht  den  geringsten  Einfluss 
ausüben  wird;  lag  es  doch  auch  uns  fern,  die  aus  Beobach- 
tungen im  Granulitgebirge  gezogenen  Schlussfolgerungen  auf 
die  Genesis  der  gesammten  Granite  zu  verallgemeinern. 


Erklärung  der  Abbildungen. 

Tafel  VII. 
Profile  g  raniti  sch  e  r  G  änge. 

Fig.  1.  Von  der  Spaltenwandung  losgebrochene  Fragmente  des 
Nebengesteins  in  der  Gangmasse.    Seite  124. 

Fig.  2  u.  3.  Keilförmig  in  die  ursprüngliche  Gangspalte  ragende 
Partieen  (a)  des  Nebengesteins  sind  losgebrochen  und  von  Gangmasse 
allseitig  umschlossen.    Seite  124. 

Fig.  4.  Das  Hangende  c  des  Trumes  b  ist  gerutscht,  wodurch 
Gang  a  an  Mächtigkeit  gewonnen  hat.    Oberhalb  Rochsburg.    Seite  125. 

Fig.  5.  Die  Schichtenenden  des  Hangenden  einer  Gangspalte  sind 
nach  oben,  diejenigen  des  Liegenden  nach  unten  geschleift.  Oberhalb 
Rochsburg.    Seite  124. 

Fig.  6.  Ein  Feldspath  führender  Quarzgang  wird  von  einem  gra- 
nitischen Gange  durchsetzt  und  verworfen.  Striegis  Thal,  Etzdorfer 
Mühle.    Seite  126. 

Fig.  7.  Ein  granitischer  Gang  in  seiner  mittleren  Mächtigkeit  aus 
einem  echten  granitischen  glimmerreichen  Aggregat  bestehend,  in  den 
beiderseitigen  Zonen  ohne  Glimmer.    Spinnerei  Amerika.    Seite  137. 

Fig.  8.  Granitischer  Gang  mit  centraler  Verwachsungsnaht  von  den 
Salbändern  parallel  liegenden  Magnesiaglimmer- Tafeln.  Unterhalb  Penig. 
Seite  135. 

Fig.  9.  Granitischer  Gang  mit  stengeliger  Structur  und  Centrainaht 
Beiderseitig  Schriftgranit,  dessen  Stengel  rechtwinklig  auf  den  Salbändern 
stehen,  in  der  Centrainaht  Kaliglimmer -Tafeln  und  Turmalin  -  Säulen. 
Carl's  Eiche  unterhalb  Penig.    Seite  135. 

Fig.  10.  Krümmung  der  hangenden  Schichten  eines  Granittrumes 
nach  oben,   der  liegenden  nach  unten,    combiniit  mit  Verwerfung;  be- 


221 


sonders  deutlich  durch  die  Wechsellagerung  glimmerfreier  und  glimmer- 
reicher Schichten.    Lauenhainer  Mühle.    Seite  125. 

Fig.  11.  Granitischer  Gang  mit  seitlichen  Zonen  von  vorwaltendem 
röthlichen  Feldspath  und  Centraizone  von  weissem  Quarz  mit  schwarzem 
Turmalin.  15  Cm.  mächtig.  Gegenüber  dem  Rochsburger  Schloss. 
Seite  141. 

Fig.  12.  Granitischer  Gang  mit  symmetrisch-lagenförmiger  und  zwar 
geschlossen-drusenförmiger  Structur.  2  Cm.  mächtig.  Unterhalb  Wolken- 
burg.   Seite  140. 

Fig.  13.  Granitischer  Gang  mit  beiderseitiger  Zone  von  dunkel- 
fleischfarbige  in,  von  Quarz  durchwachsenem  Orthoklas.  In  der  Centraizone 
Nester  von  schneeweissem  Quarz  und  schwarzem  Turmalin.  20  Cm. 
mächtig.    Rochsburger  Schlosspark.    Seite  141. 

Fig.  14.  Granitischer  Gang  mit  stengeliger  Structur.  Lamellen  von 
Magnesiaglimmer  sind  auf  den  beiderseitigen  Spaltenwandungen  ange- 
schossen und  begegnen  sich  in  der  Centraizone.  Chemnitzthal  unterhalb 
Diethensdorf.     Seite  133. 

Fig.  15.  Granitischer  Gang.  Die  Lamellen  des  Gangglimmers  bil- 
den die  Fortsetzung  der  von  der  Gangspalte  geschnittenen  Glimmer- 
schuppen des  Nebengesteins.    Bei  Wolkenburg.    Seite  133. 

Fig.  16.  Gang  mit  beiderseitiger  granitiscber  Zone ,  die  breite 
Centraizone  aus  Quarz  mit  strahlig  -  büscheligem  Turmalin.  18  Cm. 
mächtig.    Oberhalb  Göhrener  Viaduct.    Seite  141. 

Fig.  17.  Aehnlicher  Gang,  nur  mit  seitlichen  Zonen  von  lichtgelb- 
lichem Orthoklas  und  Quarz.    Unterhalb  Wolkenburg.    Seite  141. 

Fig..  18.  Granitischer  Gang  ebenfalls  mit  symmetrisch-lagenförmiger 
Structur,  und  zwar  mit  seitlichen  Zonen  von  vorwaltendem  Orthoklas, 
Quarz  und  viel  quergestellten  Glimmertafeln.  Die  centrale  Zone  reiner 
Quarz.    4  Cm.  mächtig.     Unterhalb  Wolkenburg.    Seite  140. 

Fig.  19.  Granitischer  Gang  mit  symmetrisch-lagenförmiger  Structur 
und  zwar  Zone  a  =  stengeliger  Feldspath  und  Quarz ,  quer  auf  Sal- 
band gestellt;-  b  =  feinkörniger  Granit  mit  viel  schwarzem  Glimmer; 
c  =  a;  d  =  b;  e  =  breite  Centraizone  mit  grossen  röthlichen  Ortho- 
klasen, weissem  Quarz,  schwarzem  Turmalin,  sehr  grobkrystallinisch,  in 
der  Medianebene  mit  spaltenförmigem  Drusenraum.  20  Cm.  mächtig. 
Rochsburger  Schlossberg.    Seite  141. 

Fig.  20.  Granitischer  Gang  mit  lagen  förmiger  Structur  und  zwar 
beiderseitiger  Zone  a  —  hellrother  stengeliger  Orthoklas  mit  wenig  Quarz; 
b  =  röthlicher  Feldspath,  Quarz,  grünlicher  Glimmer  grobkörnig  aggre- 
girt;  c  =  Schriftgranit  nach  innen  zu  strahlig:  d  =  Centraizone  mit 
weissem  Glimmer,  Quarz,  schwarzem  Turmalin,  röthlichem  Orthoklas ;  in 
der  Medianebene  mit  spaltenförmigen  Drusenräumen.  Diese  mit  „ge- 
sägtem" Quarz  und  grossen  Glimmertafeln.  15  Cm.  mächtig.  Oberhalb 
Markersdorf.    Seite  141. 

Fig.  21.  Granitischer  Gang  am  Bahnhofe  zu  Wittgensdorf  mit 
symmetrisch-lagenförmiger  Structur  und  zwar  siebenfacher  Zonenbildung. 
45  Cm.  mächtig.    Seite  137. 


222 


Fig.  22.  Cocardenartige  Gangstructur ;  a  —  Granulitfragment .  um- 
geben zunächst  von  einer  Zone  stengeligen  Granits,  dessen  Glimmer- 
blättchen  quer  auf  der  Oberfläche  der  Granulitbruehstücke  stehen.  Witt- 
gensdorf bei  Burgstaedt.    Seite  143. 

Fig.  23.  Gang  von  Turmalingranit  bei  Wolkenburg.  2  Meter 
mächtig.  Beiderseitig  mit  schwarzen  Turmali nsäulen,  welche  sich  nach 
der  Mitte  zu  radialstrahlig  gruppiren.  In  der  schmalen  Centraizone  mit 
Nestern  von  Lepidolith  und  bunten,  namentlich  rosenfarbigen 
Turmalinen.    Seite  186. 

Fig.  24.  Granitischer  Gang  im  Muldethal  unterhalb  Amerika.  45  bis 
50  Cm.  mächtig,  mit  symmetrisch-lagenförmiger  Structur  und  zwar  elf- 
facher Zonenbildung.    Seite  138. 

Fig.  25.  Pegmatitgang  oberhalb  Rochsburg.  1,3  M.  mächtig,  mit 
combinirt  symmetrisch-lagenförmiger  und  strahlig -stengeliger  Structur. 
a  —  Schriftgranit ;  b  =  röthlicher  Orthoklas  mit  Andalusitbüscheln, 
c  =  weisser  Quarz.    Seite  177. 

Fig.  26.  Granitische,  sehr  glimmerreiche  Gangsecretionen  im  block- 
artig verwitterten  Augitschiefer  von  Schweizerthal.    Seite  197. 

Fig.  27.  Trümer  von  Zirkon  und  Titanit  führendem  Syenitgranit 
im  zersetzten  Eklogit  hinter  der  „Erholung"  bei  Waldheim.    Seite  203. 

Fig.  28  a  und  b.  Querschnitte  durch  Kernkrystalle  von  schwarzem 
Turmalin  und  weissem  Quarz,  aus  dem  Turmalingranitgang  bei  Wolken- 
burg.   Seite  183. 

Fig.  29.  Schematische  Darstellung  zweier  Quarze  mit  treppenför- 
migem  Aufbau.  Aus  einem  Quarz  -  Orthoklas  -  Gang  bei  Rochsburg. 
Seite  115. 


223 


Inhalt. 

Seite. 

Einleitende  Bemerkung   104 

1.  Gänge  von  Quarz,  Kaliglimmer  und  Turmalin  im  Cordierit- 
gneiss  von  Lunzenau   104 

2.  Gänge  von  Quarz  mit  Orthoklas   113 

3.  Gänge  von  Albit,  Kaliglimmer  und  Quarz  im  Granulit    .    .  120 

4.  Granitische  Gänge  im  Granulit   122 

5.  Gänge  von  Pegmatit   157 

6.  Gang  von  Turmalingranit  mit  bunten  Turmalinen  ....  180 

7.  Granitische     Gangausscheidungen    im     Augitschiefer  von 
Schweizerthal   194 

8.  Gänge    von  zirkonführendem   Syenitgranit  im  Eklogit  von 
Waldheim   202 

9.  Granat  und  Epidot  führende  Quarz  -  Eeldspath  -  Trümer  im 

Hornblendeschiefer  von  Thierbach   207 

Gedrängter  Rückblick  .    .    .    .  •   209 

Erklärung  der  Tafel  VII   220 


224 


B.  Briefliche  Mitteilungen. 


1.    Herr  F.  Hilgendorf  an  Herrn  E,  von  Martens. 

Toiko  (Japan),  den  23.  November  1874. 

Aus  einer  Aprilnummer  des  Naturforschers  ersehe  ich 
etwas  spät,  dass  Herr  Prof.  F.  Sandberger  in  den  Verhand- 
lungen der  physik.  -  medic.  Gesellschaft  zu  Würzburg  N.  F. 
Bd.  5  eine  Revision  meiner  Untersuchungen  über  den  Planorbis 
mulliformis  von  Steinheim,  die  er  an  Ort  und  Stelle  unternahm, 
veröffentlicht  hat,  und  dass  er  zu  ganz  anderen  Ansichten  als 
den  von  mir  ausgesprochenen  gelangt  ist.  Zu  einem  gleichen 
Resultat,  theilt  er  mit,  sei  auch  Herr  Prof.  Hyatt  in  Boston 
gekommen  und  die  Herren  Professoren  Leydig  und  Weissmann 
hätten  sich  durch  das  von  ihm  gesammelte  Material  von  der 
Unnahbarkeit  meiner  Ansichten  überzeugt.  Der  Hauptdifferenz- 
punkt ist  offenbar,  ob  die  einzelnen  von  mir  beschriebenen 
Formen  nach  Schichten  gesondert  sind  oder  nicht,  insbesondere, 
ob  schon  in  den  Discoideus  -  Schichten  PL  multif.  trocM/orrnis 
zu  finden  ist,  oder  mit  anderen  Worten,  ob  es  wirkliche  Dis- 
coideus-Schichten  giebt.  Herr  Sandberger  hat  beide  Varietäten 
stets  vermischt  gefunden  und  leugnet  eine  Scheidung  der 
Schichten  nach  diesen  Varietäten  mit  grosser  Entschiedenheit. 

Wie  in  meiner  Abhandlung  (Monatsber  d.  königl.  preuss. 
Akad.  d.  Wiss.  1866  pag.  480)  zu  lesen  ,  habe  ich  in  einem 
einzigen  Profil  27  deutlich  unterschiedene  Lagen  in  einer 
Gesammtstärke  von  10',  im  einzelnen  von  1"  bis  42"  stark, 
beobachtet  und  über  ihre  petrographischen  Verhältnisse  und 
ihre  Mächtigkeit  genauere  Angaben  gemacht.  In  allen  diesen 
27  Schichten  habe  ich  nie  einen  einzigen  PL  multif.  trochiformis 
gefunden ,   trotzdem  dass   ich   die  Wichtigkeit  dieses  Punktes 


225 


von  vornherein  erkannt  und  ihn  von  Anfang  an  im  Auge  ge- 
habt habe.  Ein  Irrthum  hierin  oder  ein  Uebersehen  ist  bei 
der  leichten  Unterscheidbarkeit  und  der  Grösse  der  betreifenden 
Formen  undenkbar.  Auch  die  Lagerung  war  durch  die  zwischen 
die  Sandschichten  geschobenen  Kalkbänke  völlig  klar.  Da  ich 
nun  etwa  2  Monate  in  den  Sandgruben  gesteckt  habe  und  fast 
Tag  für  Tag  diese  Schichten,  die  durch  das  stetige  Wegführen 
des  Sandes  immer  erneute  Profil  -  Oberflächen  zeigten,  beob- 
achten konnte ,  so  habe  ich  viele  tausend  Exemplare  des  PI. 
multif.  discoideus  darin  in  situ  gesehen  und  auch  Tausende  in 
sorgfältiger  Weise  für  spätere  Beobachtung  gesammelt,  jedoch 
nie  darunter  ein  einziges  Stück  der  kegelförmigen  Varietät 
angetroffen.  Die  zweite  Grube  am  östlichen  Abhänge  lieferte 
einen  ganz  gleichen  Befund.  In  jeder  Sulcatus  -  Schicht  oder 
in  einer  Tenuis-Schicht  fehlte  der  trochiformis  ebenfalls  absolut. 
Es  könnte  mir  daher  ebenfalls  ganz  unbegreiflich  sein ,  wie 
Herr  Sandberger  finden  kann,  dass  in  den  tiefsten  Bänken 
schon  alle  (?)  Formen  meiner  Hauptreihe  nebeneinander 
liegen.  Wie  es  scheint,  hat  Herr  Sandberger  auch  keine 
Oxvstomus  -  Lage ,  d.  h.  eine  ausschliesslich  oder  doch  fast 
ausschliesslich  mit  oxystomus  gefüllte  Schicht  ohne  irgendwie 
wesentliche  Beimischung  von  trochiformis  oder  discoideus  sehen 
können,  und  auch  die  Tenuis  -  Zone  ist  ihm  unbekannt  ge- 
blieben. 

Was  folgt  nun  aus  diesen  Widersprüchen?  Ich  denke 
einfach  das,  dass  Herr  Sandberger  ein  anderes  Material  unter- 
sucht hat,  als  ich.  Und  dies  ist  mir  auch  von  vornherein 
höchst  wahrscheinlich.  Ich  selbst  habe  während  meiner  Ar- 
beiten den  Verlust  verschiedener  Schichten  zu  beklagen  gehabt; 
so  z.  B.  war  die  Schicht  mit  dem  PI,  multif.  denudatus  schon 
zu  meiner  Zeit  völlig  verschwunden.  Eine  einzige  Düte  Sand 
hatte  mir  1862  wenigstens  20  Stücke  dieser  Form  geliefert, 
die  einzigen  Exemplare  die  ich  erhalten  habe;  später  habe 
ich  trotz  wochenlanger  Bemühung  nie  ein  einziges  Stück  wie- 
der erlangen  können.  —  Die  ganze  Ablagerung  ist  wenig  aus- 
gedehnt; dabei  bezieht  nicht  nur  Steinheim,  sondern  die  ganze 
Umgegend  ihren  Sand  zum  Mauern  und  zu  anderem  Bedarf 
von  der  berühmten  Fundstelle.  Seit  10  Jahren  dürfte  sich 
daher  sehr  viel  geändert  haben.  Meiner  Ansicht  nach,  so  viel 
ich  vorläufig  beurtheilen  kann,  hat  Herr  Sandberger  nur  noch 

Zeits.  d.D.  geol.  Ges. XXVII.  1.  15 


226 


Trochiformis  -  Schichten  und  die  von  mir  (pag.  496)  geschil- 
derte „Schutt-Schicht",  eine  secundäre  Bildung,  oder  vielleicht 
gar  nur  die  letzte  allein,  einer  Untersuchung  unterwerfen  kön- 
nen oder  doch  unterworfen.  Dann  würden  unsere  Angaben 
ganz  in  Uebereinstimmung  sein. 

Ich  muss  allerdings  gestehen,  dass  diese  Lösung  der 
Disharmonie  eine  so  einfache  ist,  dass  sie  auch  von  den 
Herren  Sandberger  und  Hyatt  hätte  gefunden  werden  können ; 
ich  werde  daher  auf  jeden  Fall,  wenn  ich  nach  Deutschland 
zurückgekehrt  bin,  durch  eine  erneute  Untersuchung  in  Stein- 
heim selbst  eine  Aufklärung  zu  geben  mich  bemühen.  In- 
zwischen verweise  ich  auf  eine  Stelle  in  meines  Freundes,  des 
Herrn  Prof.  Fraas,  Werk  „Vor  der  Sündfluth",  wo  er  mit- 
theilt, dass  er  (unabhängig  von  mir)  die  Sonderung  der  Formen 
nach  Tiefezonen  gleichfalls  aufgefunden.  Ausserdem  müssen 
sich  in  verschiedenen  Sammlungen  Proben  der  Kalkplatten  mit 
PI,  multif.  discoideus  befinden,  sowie  die  thonigen  Platten  mit 
Fischen,  die  häufig  der  Sulcatus -  Zone  entstammen.  Daran 
wird  sich  jeder  Zweifler  leicht  von  der  Richtigkeit  meiner 
Angabe ,  dass  es  Sichten  ohne  trochiformis  giebt ,  überzeugen 
können.  Auch  das  von  mir  im  Berliner  königl.  Petrefacten- 
Cabinet  niedergelegte  Material  muss  für  den  fraglichen  Punkt 
ziemlich  beweisend  sein. 

Entsprechend  würde  sich  dann  wohl  auch  die  Stelle  des 
Herrn  Sandberger  erledigen :  „Es  ist  mir  daher  unbegreiflich, 
wie  Hilgendorf  aus  solchem  (d.  h.  dem  von  Sandb.  gesam- 
melten) Materiale  eine  aus  angeblich  aufeinander  folgenden 
Formen  bestehende  Entwickelungsreihe  mit  seitlichen  Ausläufern 
hat  construiren  können. tt  Ich  habe  eben  nicht  „solches"  Ma- 
terial gehabt. 

Die  anderen  Süsswasserschnecken  anlangend,  so  habe  ich 
über  die  Limnaeen  ausführlicher  berichtet  (Sitzungsber.  d. 
Ges.  naturf.  Freunde,  Berlin,  16.  April  1867).  Es  findet  sich 
keine  ähnliche  ausgesprochene  Entwickelung  im  Laufe,  der  Zeit 
wie  bei  dem  Planorbis;  dagegen  wird  sich  aus  meinem  Ma- 
terial für  die  sogen.  Paludina  globulus  vielleicht  der  Nachweis 
einer  derartigen  Umgestaltung  führen  lassen.  Ich  habe  zu 
dieser  Untersuchung  sowie  zu  der  der  mikroskopischen  Krebs- 
schalen noch  nicht  Zeit  gefunden,  und  vielleicht  wird  es  durch 
die   unglücklichen    Verhältnisse    der   Steinheimer   Grube  un- 


227 


möglich  gemacht  werden,  je  diese  wichtige  Ergänzung  zu 
meinen  Untersuchungen  zu  liefern.  Daruber,  dass  die  Er- 
forschung der  letztgenannten  beiden  Thierreste  dringend  wüu- 
schenswerth ,  habe  ich  mich  Herrn  J.  Barrande  gegenüber  in 
einem  Briefe  (März  1872)  ausgesprochen.  —  Der  Grundriss 
der  Grube,  wie  ich  ihn  seiner  Zeit  aufgezeichnet,  muss  sich 
unter  meinen  Papieren  in  Deutschland  noch  vorfinden,  und  er 
wird  leicht  die  Stärke  der  Veränderungen ,  die  in  Steinheim 
eingetreten  sind,  beweisen. 

Dem  Interesse  und  dem  anerkennenden  Urtheil  gegenüber, 
welche  meine  Arbeit  bei  namhaften  Gelehrten ,  Quenstedt, 
Schleiden,  Haeckel,  C.  Vogt  (Lehrb.  d.  Geologie  u.  Petre- 
factenkunde) ,  Leydig,  Weissmann  und  den  Herren  Gelehrten, 
die  mich  in  Berlin  bei  der  Bearbeitung  in  freundlichster  Weise 
unterstützten,  Beyrich,  Braun,  v.  Martens,  gefunden  hat, 
glaube  ich  die  Versicherung  schuldig  zu  sein,  dass  von  einem 
Irrthume  meinerseits,  wie  er  vielleicht  aus  dem  Widerspruche 
Sandberger's  gefolgert  werden  könnte,  nicht  die  Rede  sein 
kann.  Wo  in  den  Lagerungsverhältnissen  oder  in  der  Voll- 
ständigkeit der  Uebergangsreihen  ein  Zweifel  obwalten  konnte, 
da  ist  dies  in  genügender  Weise  von  mir  selbst  zum  Ausdruck 
gekommen. 


2.    Herr  Gotische  an  Herrn  Beyrich. 

Würzburg,  den  15.  Februar  t875. 
Erlauben  Sie  mir ,  Ihnen  kurz  über  ein  Tertiärgeschiebe 
zu  berichten,  welches  durch  das  Niveau,  dem  es  angehört, 
interessant  sein  dürfte.  Dasselbe  stammt  aus  einer  Kiesgrube 
von  Eimsbüttel  bei  Hamburg,  befindet  sich  in  Folge  dessen 
im  Besitze  des  Hamburger  naturw.  Museums  und  ist  ein  san- 
diger Kalkstein,  der  ganz  von  den  Steinkernen  einer  Paludina 
erfüllt  ist,  in  welcher  ich,  da  die  Abdrücke  scharf  genug  wa- 
ren ,  um  Guttaperchaabgüsse  davon  zu  machen ,  durch  Ver- 
gleichung  mit  englischen  Originalen,  welche  Herr  Sandbreger 
mir  freundlichst  zur  Verfügung  stellte,  mit  Bestimmtheit  die 
echte  Paludina  lenta  Brand  sp.  (Sandb.,  „Land  -  u.  Süssw.- 
Conch."  pag   267.  t.  15.  f.  11.)  erkannte.    Ueberdies  enthält 

15* 


228 


dasselbe  noch  Melanopsis  carinata  Sow.  (Sandb.  pag.  315.  t.  20. 
f.  10.  u.  t.  14.  f.  19.),  Planorbis  euomphalus  Sow.  (Sanbd.  p.  262. 
t.  15.  f.  22.) ,  Limnaeus  sp.  äff.  longiscatus  und  Unio  Solandri 
Sow.  (Sandb.  pag.  262.  t.  15.  f.  3.).  Abgesehen  von  der  Me- 
lanopsis ,  welche  ins  Mitteloligocän  hinaufreicht ,  und  von  dem 
Limnaeus,  der  keine  sichere  Bestimmung  zuliess,  sind  die  drei 
übrigen  Petrefacten  auf  die  Headon-series  beschrankt,  Unio 
Solandri  sogar  auf  die  untere  Abtheilung  derselben  ,  während 
Planorbis  euomphalus  und  Paludina  lenta  zwar  in  allen  Niveau's 
der  Headon-series  vorkommen,  aber  in  den  direct  darauf  fol- 
genden Osborne-Schichten  bereits  durch  andere  Formen  ersetzt 
sind;  denn  was  bisher  —  selbst  in  den  „Land-  und  Süss- 
wasser-Conchylien"  —  als  Pal.  lenta  von  Bembridge,  Hemp- 
stead  und  anderen  mittel oligocänen  Localitäten  figurirte,  ist 
nach  Sandberger's  mündlicher  Mittheilung  =  splendida  Lüdw. 
Ich  stehe  deswegen  nicht  an,  dies  Geschiebe  mit  den  bra- 
kischen Headon-series  zu  parallelisiren,  welche,  trotz  der  merk- 
würdigen Uebereinstimmung  in  der  Fauna  der  middle  Headon- 
series  von  Brockenhurst  und  des  belgisch  -  deutsehen  Unter- 
oligocäns,  welche  von  Koenen  im  Quart.  Journ.  1864  pag.  97 
bis  102  und  später  in  Zeitschr.  d.  deutschen  geol.  Ges.  1867 
pag.  29  nachwies,  von  Sadnbreger,  gestützt  auf  die  Lagerungs- 
verhältnisse, noch  zum  Obereocän  gerechnet  werden.  Sei  dem 
nun  wie  ihm  wolle,  viel  wichtiger  scheint  mir,  dass  dies  Ge- 
schiebe eine  Schicht  repräsentirt ,  welche  wir  bisher  in  Nord- 
deutschland nicht  anstehend  kennen.  Da  sich  indessen  alle 
übrigen  Tertiärgeschiebe  unseres  Diluviums  auf  ein  Ursprungs- 
gebiet innerhalb  der  norddeutschen  Ebene  zurückführen  lassen, 
und  da  ein  Transport  aus  Westen ,  wie  er  für  unsere  basal- 
tischen Geschiebe  wohl  angenommen  werden  muss,  bei  einem 
so  leicht  zerreiblichen  Gestein  sehr  unwahrscheinlich  ist,  ist 
vielleicht  die  Hoffnung  nicht  unberechtigt,  dass  wir  auch  diese 
Schicht  noch  irgendwo  in  Norddeutschland  auffinden. 


229 


C.  Verhandlungen  der  Gesellschaft. 


1.    Protokoll  der  Januar- Sitzung. 


Verhandelt  Berlin,  den  6.  Januar  1875. 


Vorsitzender:  Herr  Beyrich. 

Das  Protokoll  der  December  -  Sitzung  wurde  vorgelesen 
und  genehmigt. 

Der  Vorsitzende  legte  die  für  die  Bibliothek  der  Gesell- 
schaft eingegangenen  Schriften  vor. 

Mit  dem  Bemerken,  dass  mit  der  heutigen  Sitzung  ein 
neues  Geschäftsjahr  beginne,  forderte  der  Vorsitzende  unter 
Abstattung  eines  Dankes  für  das  dem  Vorstandes  von  der  Ge- 
sellschaft geschenkte  Vertrauen  zur  Neuwahl  desselben  auf. 
Der  Vorsitzende  und  die  beiden  Stellvertreter  desselben  wur- 
den durch  Stimmzettel  gewählt.  Die  übrigen  Mitglieder  des 
Vorstandes  wurden  durch  Acclamation  auf  Vorschlag  eines 
Mitgliedes  wiedergewählt. 

Der  Vorstand  besteht  demnach  aus  folgenden  Herren : 


Herr  Bauer,  J 
Herr  Hauchecorne,  als  Archivar, 
Herr  Lasard,  als  Schatzmeister. 


als  stellvertretende  Vorsitzende, 


230 


Der  Gesellschaft  ist  als  Mitglied  beigetreten: 

Herr  Bergassessor  Viedenz  von  Beuthen  i.  O.-Schl., 
vorgeschlagen   durch  die   Herren  Hauchecorne, 
Lossen  und  Bauer. 

Herr  Hauchecorne  legte  die  von  Herrn  vom  Rath  ver- 
fasste  und  der  Gesellschaft  eingesandte  Erinnerungsschrift  an 
Dr.  Fr.  Hessenberg  vor  und  besprach  deren  Inhalt. 

Herr  Max  Bauer  legte  eine  Stufe  von  Kjerulfin  vor,  die 
Herr  Kjerülp  in  Christiania  der  Gesellschaft  eingesandt  hatte. 
Dieses  neue  Mineral  wurde  von  Herrn  Apotheker  Rode  zu 
Porsgrund  in  Norwegen  benannt,  der  es  bei  Bamle  auffand 
und  eine  Probe  davon  an  Herrn  von  Kobell  in  München 
sandte ,  welcher  eine  Analyse  davon  machte ,  die  in  den 
Sitzungsberichten  der  raathematisch  -  naturwissenschaftlichen 
Klasse  der  königl.  bair.  Akademie  der  Wissenschaften  in 
München,  1,  März  1873  pag.  106  publicirt  ist.  Das  Mineral 
ist  derb  und  zeigt  zwei  Blätterbrüche,  von  denen  der  eine 
leichter  darstellbar  ist,  als  der  andere.  Beide  Blätterbrüche 
machen  ungefähr  90  0  mit  einander  und  sind  nicht  beson- 
ders deutlich.  Der  Bruch  ist  splitterig.  Der  Glanz  geht 
etwas  in's  Fette ,  auf  dem  deutlicheren  Blätterbruch  in's  Perl- 
mutterartige. Die  Farbe  ist  eine  blassrothe  oder  gelbe,  dünne 
Stücke  sind  durchscheinend.  G  —  3,15,  H  — 4 — 5  (diese  Be- 
stimmungen nach  von  Kobell  h  c,  nach  dessen  Angaben  beim 
Erwärmen  schwache  Phosphoresceuz  mit  weissem  Schein  ein- 
tritt). Vor  dem  Löthrohr  schmilzt  der  Kjerulfin  ziemlich 
leicht,  etwa  wie  der  rothe  Granat  des  Zillerthals  (3.  Grad  der 
KoBELL'schen  Schmelzbarkeitsskala)  mit  etwas  Blasenwerfen 
zu  einem  kleinblasigen  Email.  Das  feine  Pulver  wird  von 
warmer  Salzsäure  leicht,  von  warmer  Salpetersäure  etwas  we- 
niger leicht  aufgelöst.  Durch  Schwefelsäure  erfolgt  keine 
vollkommene  Lösung,  sondern  Entwicklung  von  Flusssäure 
und  Abscheidung  von  schwefelsaurem  Kalk. 

Bei  der  Aualyse ,  bei  welcher  das  Fluor  direct  bestimmt 
und  auf  die  Bestimmung  der  Alkalien  besondere  Aufmerk- 
samkeit werwendet  wurde,  fand  von  Kobell: 


231 


Phosphorsäure   42,22 

Magnesia   37,00 

Kalk   7,56 

Natron  mit  wenig  Kali.    .    .  1,56 

Fluor   4,78 

Kieselsäure   1,50 

Thonerde  und  Eisenoxyd  .    .  5,40 

Spur  von  Schwefelsäure    .    .  — 

100,02. 

Bei  dieser  Analyse  ist  es  auffallend ,  dass  kein  Ueber- 
schuss  vorhanden  ist,  da  ja  in  der  Verbindung  offenbar  das 
Fl  mit  einem  Theil  des  Mg  etc.  vereinigt  ist,  welcher  Theil 
sich  erst  nachher  bei  der  Zersetzung  durch  die  Analyse  mit 
einer  dem  Fl  äquivalenten  Menge  O  verbindet,  die  vorher 
gar  nicht  in  dem  Mineral  vorhanden  war,  die  aber  doch  neben 
dem  Fl  mitgewogen  wird  und  dann  bei  der  Aufstellung  der 
Formel  mit  in  der  Rechnung  berücksichtigt  werden  muss. 

Sieht  man  aber  davon  ab  und  bedenkt  ferner,  dass  die 
Kieselsäure  nebst  Eisenoxyd  und  Thonerde  wahrscheinlich  als 
Verunreinigung  in  dem  Mineral  vorhanden  ist,  so  hat  man 
als  wahre  Zusammensetzung: 


Phosphorsäure . 

42,22 

Magnesia 

37,00 

Kalk.    .    .  . 

7,56 

Natron   .  . 

1,56 

Fluor.    .    .  . 

4,78 

93,12. 

Berechnet  man  daraus  die  Menge  jedes  einzelnen  Ele- 
ments, zieht  die  der  Menge  des  Fl  äquivalente  Menge  O  ab 
und  reducirt  auf  100,  so  hat  man: 


Phosphor  . 

.  20,23 

Magnesium  . 

.  24,36 

Calcium  . 

.  5,93 

Natrium  . 

.  1,27 

Sauerstoff  . 

.  42,96 

Fluor.    .  . 

.  5,25 

100,00, 

232 


woraus  sich  dann  weiter  die  Formel  des  Minerals  berechnen 
lässt.    Diese  ist: 

2  (3  RO.  P2  05)  +  RF12,  oder 
2  R3  P2  08  +  RF12,  worin 

R  =  Mg,  Ca,  Na2,  und  wobei  sich  die  Anzahl  der  Atome  von: 

Mg :  Ca :  Na2  =  34  :  5 : 1 

verhält. 

Die  Uebereinstimmung  von  Analyse  und  Formel  zeigt  die 
folgende  Zusammenstellung: 


Analyse.  Formel. 


Phosphor  .  . 

.  20,23 

20,53 

Magnesium 

.  24,36 

23,66 

Calcium     .  . 

.  5,93 

5,80 

Natrium 

.  1,27 

1,33 

Sauerstoff  .  . 

.  42,96 

42,39 

Fluor    .    .  ♦ 

.  5,25 

6,29 

100,0 

100,0. 

Eine  bedeutendere  Differenz  ist  nur  beim  Fluor,  wo  die 
Formel  ca.  1  pCt  mehr  giebt.  Diese  Differenz  kann  aber 
nicht  auffallen ,  wenn  man  bedenkt,  dass  bei  der  Bestimmung 
des  Fluors  in  der  Analyse  leicht  ein  Verlust  entsteht. 

Bei  Betrachtung  der  Zusammensetzung  des  Kjerulfins  wird 
man  an  ein  anderes  Mineral  erinnert,  das  eine  ganz  ähnliche 
Zusammensetzung  zeigt,  nämlich  an  den  seltenen  Wagnerit 
vom  Radelgraben  bei  Werfen  im  Salzburgischen,  welche  Aehn- 
lichkeit  auch  von  Kobll  (1.  c.)  hervorhebt. 

Auch  von  diesem  Mineral  hat  Herr  von  Kobell  eine  neue 
Analyse  gemacht,  welche  in  bemerkenswerther  Weise  von  den 
früheren  von  Nepomuk  Fuchs  und  Rammelsberg  herrührenden 
Analysen  abweicht,  dadurch,  dass  sie  einen  früher  nicht  an- 
gegebenen Gehalt  von  Natron  (5,21  Na2  O)  zeigt.  Auch  hier 
ist  der  Fluorgehalt  direct  bestimmt  worden. 

Diese  Analyse  gab  (Sitzungsber.  der  königl.  bair.  Akad., 
3.  Mai  1873  pag.  155): 


Phosphorsäure    ....  40,30 

Magnesia  32,78 

Kalk  2,24 

Natron  (mit  etwas  Kali)  .  5,12 

Eisenoxyd  8,00 

Thonerde  1,11 

Fluor  10,00 

Wasser   0,50 

100,05. 

Auch  diese  Analyse  giebt  also  trotz  des  noch  grösseren 
Fluor-Gehalts  von  10,00  pCt.  keinen  Ueberschuss.  Betrachtet 
man  Eisenoxyd,  Thonerde  und  Wasser  als  Verunreinigungen 
und  berechnet  wie  oben,  so  hat  man  (Reihe  L): 


I. 

II. 

III. 

Phosphor  . 

.  20,41 

18,51 

20,49 

Magnesium 

.  22,81 

24,76 

23,98 

Calcium 

.  1,86 

2,17 

2,10 

Natrium 

.  4,43 

4,99 

4,84 

Sauerstoff  . 

.  38,89 

38,22 

42,31 

Fluor    .  . 

.  11,60 

11,34 

6,28 

100,0 

100,0 

100,0, 

woraus  man  die  Formel  erhält: 

3  RO.  P2  05  +  RF13,  oder 

R3  P2  08     +    RFV  WOrin 

R  —  Mg,  Na2,  Ca  und  wo  sich  die  Anzahl  der  Atome  von 
Mg:  Na,  :  Ca  19:2:1 

verhält. 

Diese  Formel  giebt  die  in  der  Reihe  II.  angeführte  Zu- 
sammensetzung. Man  sieht,  dass  diese  Zahlen  nicht  unerheb- 
lich von  den  aus  der  Analyse  entnommenen  und  in  der  I.  Reihe 
angeführten  abweichen. 

Dies  legt  den  Gedanken  nahe,  ob  nicht  auch  für  den 
Wagnerit  die  für  den  Kjerulfin  oben  angenommene  Formel: 

2  (3  RO.  P2  05)  +  RF12 


angewendet  werden  kann ,  wobei  aber  die  Anzahl  der  Atome 


234 


von  Mg,  Na.,  und  Ca  in  dem  beim  Wagnerit  angegebenen 
Verhältniss  stehen.  Diese  Formel  giebt  die  Zusammensetzung, 
welche  in  der  Reihe  III.  aufgeführt  ist. 

Vergleicht  man  nun  die  Zahlen  der  Reihen  II.  und  III. 
mit  den  Zahlen  der  Reihe  I.,  so  sieht  man,  dass  bei  P  die 
zweite  Formel  eine  fast  vollkommene  Uebereinstimmung  mit 
der  Analyse  zeigt ,  während  die  erste  eine  nicht  unerhebliche 
Abweichung  (1,90  pCt.)  erkennen  lässt.  Bei  Mg  zeigt  die 
zweite  Formel  eine  Abweichung  von  1,17,  die  erste  von 
1,95  pCt.,  die  zweite  Formel  also  eine  geringere  Abweichung, 
als  die  erste,  wenngleich  auch  die  bei  der  zweiten  Formel 
vorhandene  Abweichung  schon  eine  nicht  unerhebliche  ist. 
Bei  Calcium  und  Natrium  stimmen  beide  Formeln  fast  gleich 
gut  mit  der  Analyse  überein.  Ganz  beträchtlich  ist  aber  die 
Abweichung  der  zweiten  Formel  von  der  Analyse  im  O-  and 
Fl-Gehalt  (bei  Fl :  5,23  pCt.),  welche  beide  in  der  ersten  Formel 
eine  fast  vollkommene  Uebereinstimmung  mit  der  Analyse  er- 
kennen lassen.  Ich  nehme  darnach  keinen  Anstand,  mich  vor- 
läufig für  die  erste  Formel: 

3  RO.  P2  05  -f  RF12, 

deren  Ergebnisse  in  der  Reihe  II.  dargestellt  sind,  zu  ent- 
scheiden, soweit  die  vorliegende  Analyse  einen  sicheren  Schluss 
erlaubt.  Denn  wenn  auch  der  Mg-Gebalt  der  zweiten  Formel 
besser  mit  der  Analyse  stimmt  als  der  der  ersten,  so  ist  doch 
auch  für  diese  noch  eine  starke  Abweichung  vorhanden, 
welche  auf  eine  nicht  ganz  genügende  Beschaffenheit  der  Ana- 
lyse oder  des  Materials  deutet;  wenn  auch  beim  P  -  Gehalt 
dasselbe  der  Fall  ist,  so  würde  doch  bei  der  zweiten  Formel 
bei  dem  Fl-Gehalt  eine  Differenz  sich  herausstellen,  welche 
gewiss  unzulässig  ist.  Bei  der  Fl-Bestimmung,  die  hier  direct 
geschah,  sind  Fehler  nicht  zu  vermeiden,  aber  5  pCt.  und 
darüber  dürfen  diese  doch  wohl  nicht  betragen.  Auch  giebt 
die  Analyse  stets  weniger,  nie  mehr  Fl  als  in  Wirklichkeit 
vorhanden  ist.  Dazu  kommt,  dass  alle  Wagnerit  -  Analysen 
Rammelsberg's  ebenfalls  den  hohen  Fl-Gehalt  von  ca.  10  pCt. 
geben,  der  also  sicher  annähernd  richtig  und  eher  etwas  zu 
klein  ist,  wie  sich  auch  schon  Rammelsberg  für  die  hier  an- 
genommene Formel 

3  RO.  P2  05  +  RF12  oder  R3  P2  08  +  RF1„ 


auf  die  alle  früheren  Analysen  führen,  entschieden  hat.  v.  Kobell 
hat  (Sitzungsber.  d.  kgl.  bair.  Ak.  1873  pag.  158)  die  andere, 
mit  der  Kjerulfinformel  übereinstimmende  Formel  angegeben; 
nach  den  a.  a.  O.  angegebenen  Vergleichungszahlen  meint  er 
wohl  auch  die  andere  hier  angenommene  Formel. 

Sind  die  angegebenen  Analysen  unzweifelhaft  und  unan- 
tastbar richtig  und  für  die  Beurtheilung  der  vorliegenden  Mi- 
neralien genügend,  so  hat  man  also  für  diese  beiden  folgende 
zwar  ähnliche,  aber  nicht  übereinstimmende  Formeln,  und 
zwar  für: 

Wagnerit:  3  RO.  P,  05  +  RF12  od.  R3  P;  08  +  RF12 
Kjerulfin:   2  (3  RO."  P^OJ  +  R  Fl 2  od.'  2  R3  P2  Os  +  RF12 

Es  ist  aber  doch  zu  bezweifeln  ,  ob  die  bis  jetzt  vorlie- 
genden chemischen  Untersuchungen  der  beiden  Stoffe,  und 
besonders  des  Kjerulfin  zur  Aufstellung  von  definitiven  For- 
meln hinreichen,  vielmehr  erscheint  es  gar  nicht  unmöglich, 
dass  sieb  eines  Tages  für  beide  Mineralien  dieselbe  Formel 
herausstellt  und  dass  dann  beide  unter  dem  älteren  Namen 
„Wagnerit"  vereinigt  werden  müssen ,  wenn  nicht  bedeutende 
Unterschiede  im  Verhältniss  von  Mg:  Ca:  Na  doch  die  Tren- 
nung beider  wünschenswerth  machen  sollten.  Für  die  Gleich- 
heit der  beiden  Stoffe  spricht  jedenfalls  das  speeifische  Gewicht, 
das  bei  beiden  gleich  ist.  Für  Wagnerit  ist  G  —  3,0 — 3,15, 
für  Kjerulfin  G  ~  3,15.  Dagegen  ist  in  der  Härte  ein  kleiner 
Unterschied  ;  für  Wagnerit  H  —  5—5,5,  für  Kjerulfin  —  4 — 5. 

Es  kann  somit  über  die  Verschiedenheit  oder  Identität  der 
genannten  beiden  Mineralien  nicht  definitiv  entschieden  wer- 
den ,  ehe  nicht  neue  Analysen  die  Zusammensetzung  beider 
vollkommen  klar  gelegt  haben.  Vielleicht  hilft  auch  der  Zufall 
zur  Lösung  dieser  Frage ,  indem  er  gut  messbare  Krystalle 
von  Kjerulfin,  der  bisher  bloss  in  derben  Massen  vorgekommen 
ist,  den  Mineralogen  in  die  Hände  spielt,  die  dann  mit  den 
Wagneritkrystallen  verglichen  werden  können. 

Mit  dem  Kjerulfin  zusammen  kommt  ein  anderes  interes- 
santes Mineral  vor,  nämlich  ein  Feldspath.  Dieser  findet  sich 
in  ziemlich  grossen  derben  Stücken,  ist  graulich  weiss ,  an  der 
Oberfläche  mit  einer  grünen  Schicht  bedeckt  und  hat  auf  dem 
Hauptblätterbruch  P  sehr  deutlich  die  Zwillingsstreifung  der 
triklinen  Feldspäthe.     Nach  von  Kobell  und  Hawes  (siehe 


236 


unten)  ist  P/M  ==  94°.  H  =  6,  G  =  2,64.  Das  Mineral 
phosphorescirt  beim  Erwärmen  mit  weisslichem  Licht.  Vor 
dem  Löthrohr  schmilzt  es  ruhig  wie  der  rothe  Granat 
(3.  Schmelzgrad  der  von  KoBELL'schen  Skala)  zu  einem  durch- 
scheinenden Glase  und  wird  von  Säuren  nicht  angegriffen: 
Die  Analyse  ergab  folgendes  Resultat : 

Kieselsäure  .  .  66,57 

Thonerde  .  .  .  15,80 

Magnesia  .  .  .  8,00 

Natron     .  .  .      6,80  (mit  einer  Spur  von  K20) 

Wasser     .  .  2,70 

99,87. 

Dieser  Feldspath  zeichnet  sich  darnach  durch  einen  be- 
deutenden Mg -Gehalt  aus,  neben  welchem  das  sonst  in  den 
triklinen  Feldspäthen  das  Na  begleitende  Ca  vollständig  fehlt. 
Ein  kleiner  Mg -Gehalt  ist  auch  sonst  den  Feldspäthen  nicht 
fremd,  er  tritt  aber  gegen  den  Ca -Gehalt  doch  stets  sehr 
zurück.  Wir  hätten  es  also  hier  mit  einem  ganz  neuen  und 
sehr  interessanten  Glied  der  so  zahlreichen  Feldspathgruppe 
zu  thun,  das  der  Entdecker,  Herr  von  Kobell,  mit  dem  Na- 
men „Tschermakit"  belegt  hat. 

Geht  man  näher  auf  obige  Analyse  ein  und  sucht  den 
vorliegenden  Feldspath  nach  der  TscHERMAK'schen  Theorie 
als  eine  isomorphe  Mischung  zweier  Glieder,  eines  Na  -  hal- 
tigen (Albit)  und  eines  Mg  -  haltigen  zu  berechnen,  so  ist 
zunächst  zu  sehen,  welche  Formel  dem  Na-freien  Mg-haltigen 
Glied  zukommen  wird,  das  man  selbstständig  noch  nicht  kennt. 
Analog  dem  reinen  Barytfeldspath  wird  es  wohl  am  natur- 
gemässesten  sein,  anzunehmen,  dass  auch  der  reine  Magnesia- 
feldspath  die  allgemeine  Formel  des  Anorthits  haben  werde. 
Er  wäre  dann  =  Mg  AI  Si2  08.  Dann  wäre  der  Tschermakit 
nach  der  TsCHERMAKSchen  Theorie,  die  bisher  sich  uberall 
bewährt  hat: 

]  m  (Na2  AI  Si6  Ole)| 
1   n  (Mg  AI  Si8  08)  ! 

Es  lassen  sich  aber  keine  zwei  Werthe  für  m  und  n  be- 
stimmen ,   für  die  die  Formel  auch   nur   annähernd    mit  der 


237 


Analyse  im  Einklang  wäre,  da  für  das  Verhältniss  MgO:Na20, 
wie  es  die  Analyse  angiebt,  ein  viel  zu  grosser  Si02 -Gehalt 
gefunden  wurde  oder  umgekehrt,  da  der  hohe  Kieselsäure- 
gehalt einen  bedeutend  höheren  Natrongehalt  erfordern  würde, 
neben  viel  weniger  Magnesia. 

Ebensowenig  erhält  man  eine  Uebereinstimmung  zwischen 
der  Analyse  und  der  Theorie,  wenn  man  die  a  priori  höchst 
unwahrscheinliche  Annahme  macht,  der  Magnesiafeldspath  habe 
die  dem  Albit  entsprechende  Formel: 

Mg  AI  Si.  016. 

Der  Umstand  nun,  dass  dieser  Feldspath  sich  in  keiner 
Weise  der  TscHERMAK'schen  Theorie  fügen  will ,  die  sich  bis 
jetzt  immer  als  richtig  erwiesen  hat ,  wenn  auch  scheinbare 
Ausnahmen  zuweilen  vorkamen,  führt  zu  einem  gewissen  Zwei- 
fel an  der  Richtigkeit  der  Ergebnisse  der  von  KoBELi/schen 
Analyse: 

In  der  That  haben  auch  andere  Analysen  von  der  er- 
wähnten ganz  abweichende  Resultate  ergeben.  Diese  Analysen 
stammen  von  W.  Hawes  (Am.  Journ.  Sc.  Arts.  III.  VII.  p.  579 
1874)  und  von  Pisani  (Comptes  rendus  LXXX.  1875)  und 
stimmen  ganz  befriedigend  überein,  so  dass  man  nicht  zweifel- 
haft sein  kann,  dass  der  Feldspath,  der  diesen  beiden  Analy- 
tikern vorgelegen  hat,  wirklich  die  von  ihnen  angegebene,  un- 
abhängig von  einander  gefundene  Zusammensetzung  habe. 
Hawes  sagt  ausdrücklich ,  dass  der  von  ihm  analysirte  Feld- 
spath mit  Kjerulfin  vorkommt,  alle  die  von  von  Kobell  für 
seinen  „Tschermakit"  angegebenen  Eigenschaften  besitze  und 
dass  er  von  ihm  in  grossen  reinen  Stücken  zur  Analyse  ver- 
wendet worden  sei,  so  dass  also  an  eine  Verwechselung  der 
Fundorte  und  des  Vorkommens  nicht  zu  denken  ist,  und  auch 
Des  Cloizeaux,  auf  dessen  Veranlassung  Pisani  seine  Analyse 
machte ,  spricht  ausdrücklich  das  Zusammenvorkommen  mit 
Kjerulfin  in  Bamle  aus,  wie  Hawes. 

Die  Ergebnisse  dieser  Analysen  sind  nun  die  folgenden: 


238 


I. 

II. 

III. 

IV. 

V. 

Kieselsäure  . 

.  .  66,04 

66,05 

66,37 

66,15 

66,06 

Thonerde  .  . 

.  .  20,33 

20,41 

22,70 

21,15 

21,24 

Eisenoxyd  .  . 

.  .  0,29 

0,28 



0,19 

Kalk  

.  .  1,29 

1,30 

1,40 

1,33 

2,78 

Magnesia    .  . 

.  .  1,11 

1,08 

0,95 

1,04 

Kali  

.  .  0,21 

0,21 

0,14 

Natron  .... 

.  .  10,01 

9,81 

9,70 

9,84 

9,92 

Glühverlust  . 

.  .  0,95 

0,96 

0,70 

(HaO)  0,87 

100,23  100,10  101,82 

100,71  100,00 

.  .  2,67 

2,60 

2,635 

I.  und  II.  Analysen  von  Hawes  ;  III.  von  Pisam;  IV.  das 
Mittel  aus  diesen  3  Analysen;  V.  dieses  Mittel  nach  Weg- 
lassung des  Wassers  und  Umrechnung  des  3?e03,  MgO  und 
K20  in  die  äquivalenten  Mengen  von  A103,  GaO  und  Na.,0, 
auf  100  berechnet. 

Was  die  Deutung  dieser  Analysen  anbelangt,  so  sagt 
Hawes  (1.  c),  dass  das  Mineral  jedenfalls  dem  Oligoklas  nahe 
stehe,  wenn  es  nicht  mit  dieser  Species  ident  sei,  Des  Cloi- 
zeaux  erklärte  es  auf  Grund  von  optischen  Erscheinungen  für 
Albit,  beide  machen  nicht  den  Versuch,  die  Zusammensetzung 
nach  Tschermak's  Theorie  zu  berechnen.  Führt  man  dies  aus, 
so  erhält  man  nach  Bunsen's  Tabelle  (Ann.  Ch.  Pharm.  VI. 
Sppl.-Bd.  188)  eine  Mischung  von  1  Gew. -Th.  Anorthit  mit 
9  Gew.-Th.  Albit,  und  man  hat  dann  zwischen  der  hieraus 
berechneten  Zusammensetzung  und  der  obigen  Analyse  V. 
folgende  Uebereinstimmung : 


Analyse  Mischungsformel  Differenz 

Kieselsäure    .    .    66,06  66,01  +  0,05 

Thonerde  .    .    .    21,24  21,35  —  0,11 

Kalk   2,78  2,01  +  0,77 

Natron  .    .    .    .      9,92  10,63  —  0,71 

100,00  100,00 


Der  Feldspath  ist  also  ein  echter  Oligoklas ,  der  sich 
allerdings  der  Grenze  nach  dem  Albit  hin  ziemlich  nähert,  da 
er  4  Moleküle  Albit  mit  1  Molekül  Anorthit  gemischt  enthält, 
was  nach  Tschermak's  Annahme  die  Mischung  des  natron- 
reichsten Oligoklases  ist.     Dazu   stimmt  auch  sehr  gut  das 


239 


spec.  Gewicht,  das  im  Mittel  =  2,64  ist,  was  dem  berechneten 
Gewicht  des  natronreichsten  Oligoklases  gerade  entspricht  und 
was  von  Kobbll  bei  seinen  Versuchen  direct  beobachtet  hat. 
Des  Cloizeaux  giebt  auch  die  optischen  Verhältnisse  dieses 
Feldspaths  an,  die  nach  ihm  genau  dieselben  sind  wie  beim 
Albit.  Wegen  der  Details  verweise  ich  auf  Des  Cloizeaux' s 
Abhandlung,  C.  r.  1875  Bd.  LXXX.*) 

Es  ist  also  nach  Allem  dem  wohl  der  Tschermakit  aus 
der  Reihe  der  Mineralspecies  zu  streichen ,  wie  schon  von 
vornherein  wegen  der  Widersprüche  mit  der  Tschermak' sehen 
Theorie  zu  erwarten  war.  Denn  jedenfalls  ist  es  sehr  un- 
wahrscheinlich, dass  zwei  chemisch  verschiedene,  aber  ganz 
gleich  aussehende  trikline  Feldspäthe  mit  dem  Kjerulfin  zu- 
sammen vorkommen,  von  denen  der  eine  Tschermakit,  der 
andere  Oligoklas  wäre.  Dass  die  Analysen  von  Hawes  und 
Pisam  richtig  sind,  folgt  aus  der  Uebereinstimmung  derselben 
untereinader  und  mit  der  TscHERMAK'schen  Theorie.  Es  ist 
also  die  von  KoBELi/sche  Analyse  zu  beanstanden,  bis  weitere 
Aufklärungen  darüber  vorliegen. 

Ferner  folgt,  dass  es  nicht  möglich  ist,  nach  den  von 
Herrn  Des  Cloizeaux  angegebenen  Kennzeichen  die  verschie- 
denen triklinen  Feldspathgruppen,  wie  sie  die  TsCHERMAK'sche 
Theorie  annimmt,  von  einander  zu  sondern,  welch  letztere 
Des  Cloizeaux  allerdings  dieser  optischen  Differenzen  wegen 
nicht  annehmen  will.  Da  aber  die  sämmtlichen  guten  Ana- 
lysen von  triklinen  Feldspäthen  sich  nach  der  TscHERMAK'schen 
Theorie  als  isomorphe  Mischungen  der  Endglieder  Albit  und 
Anorthit  berechnen  lassen  ,  wie  es  jetzt  Pisani's  und  Hawes's 
Analysen  auf's  Neue  bestätigen,  so  kann  man  nur  schliessen, 
dass  eben  die  von  Des  Cloizeaux  beobachteten  optischen 
Unterschiede  bei  den  Gliedern  einer  isomorphen  Mischungs- 
reihe vorkommen  können,  wie  das  eben  die  triklinen  Feld- 
späthe sind.    Uebrigens  sind  diese  Unterschiede  in  der  Haupt- 


*)  Die  Resultate  der  Untersuchungen  von  Des  Cloizkaux  wurden 
zwar  erst  in  der  Märzsitzung  vorgetragen,  da  aber  das  Protokoll  der 
Januarsitzung  noch  nicht  gedruckt  war,  so  wurden  sie  hior  mit  aufge- 
nommen, um  die  Bemerkungen  über  den  Tschermakit  nicht  zu  zerreissen, 
sondern  sie  im  Zusammenhang  zu  geben.  D.  Red. 


240 


sache  solche,  wie  sie  sogar  bei  verschiedenen  Krystallen  einer 
und  derselben  Mineralspecies  vorkommen  und  können  daher 
gegen  die  TsCHERMAK'sche  Theorie  umsoweniger  in's  Gewicht 
fallen.  Ueberhaupt  lässt  sich  diese  rein  chemische  Frage  wohl 
schwerlich  auf  optischem  Wege  entscheiden. 

Herr  von  Richthofen  gab  eine  Uebersicht  der  letzten 
Forschungen  des  betrauerten  i)r.  Stoliczka  in  Ost-Turkestan, 
und  hob  die  Bedeutung  hervor ,  welche  diese  neuesten  und 
zugleich  vollkommen  zuverlässigen  Beobachtungen  in  den 
grossartigsten  Gebirgsländern  der  Welt  für  die  Kenntniss  des 
Baues  von  Central  -  Asien  überhaupt  haben.  Der  Vortragende 
resümirte  kurz  die  von  ihm  in  einer  früheren  Sitzung  ruitge- 
theilten  Resultate  von  Stoliczka's  Reisen  vom  Indus -Thal 
über  den  Karakorum  und  das  Kwen  -  lun  -  Gebirge  nach  dem 
grossen  Becken  von  Ost  -  Turkestan.  Es  hatte  sich  dabei 
herausgestellt:  1.  dass  in  dieser  ungeheuren  Massenanschwel- 
lung eine  bestimmte  Altersfolge  herrscht,  indem  der  Kwen-lun, 
dessen  Formationen  nicht  über  die  ältesten  paläozoischen 
hinausgehen,  das  älteste  ist.  Der  Karakorum,  in  welchem  die 
alpine  Trias  repräsentirt  ist,  im  Alter  folgt,  und  der  Himalaya, 
dessen  Gebirgsbau  mit  Tertiärschichten  am  Indus -Thal  endet, 
das  jüngste  Glied  und  gewissermassen  den  älteren  Gebirgs- 
massen  später  angewachsen  ist;  2)  dass  die  Gesteine  in  dem 
Becken  von  Ost-Turkestan  von  denen  des  Kwen-lun  unab- 
hängig sind.  Denn  dort  beginnt  in  einem  tiefen  Niveau  die 
Anlagerung  der  Steinkohlenformation,  und  in  einem  noch  tie- 
feren das  Auftreten  von  Kreide- Sandsteinen ,  welche  das  we- 
sentliche Material  zu  den  Sandmassen  der  Wüste  Takla  Makän 
gegeben  zu  haben  scheinen.  —  Nachdem  Stoliczka  mit  der 
Expedition  von  Herrn  Forsytt  in  Kashgar  angekommen  war, 
unternahm  er  zunächst  mit  einigen  Herren  derselben  einen 
Ausflug  nach  dem  Tshatyr-Kul-See  im  Tien-shan-Gebirge,  und 
später  über  die  Pamin-Pässe  hinweg  nach  Wakhan  am  Ober- 
lauf des  Amu  Darya.  Der  frühzeitige  Tod  des  ausgezeich- 
neten deutschen  Gelehrten  hat  genauere  Berichte  über  den 
letzteren  Ausflug  verhindert;  aber  über  denjenigen  nach  dem 
Tshatyr-Kul  sind  höchst  werthvolle  Aufzeichnungen  vorhanden. 
Nachdem  Redner  die  von  Stoliczka  entlang  dem  Weg  beob- 
achtete Gebirgsstructur  geschildert  hatte,  hob  er  die  wesent- 
lichen Ergebnisse  unter  den  folgenden  Gesichtspunkten  hervor: 


241 


1.  Das  Vorkommen  von  Vulcanen  jüngster  Perioden  in 
Tien-shan  ist  von  Stoliczka  mit  Sicherheit  erwiesen  worden. 
Humboldt  hatte  dasselbe  aus  chinesischen  Berichten  gefolgert 
und  stets  an  seiner  Ansicht  festgehalten,  trotz  des  energischen 
Widerspruchs ,  den  sie  insbesondere  durch  die  russischen  For- 
schungsreisenden  erfahren  hat,  und  der  bis  in  die  neueste  Zeit 
häufig  wiederholt  worden  ist.  Zwischen  den  Ketten  des 
Koktan  und  des  Terek-tagh,  der  einen  Wald  von  Gipfeln  von 
16,000  bis  17,000  Fuss  Höhe  bildet,  ist  eine  mit  erloschenen, 
aber  wohlerhaltenen  Vulcanen  besetzte  Hochfläche  von  un- 
gefähr 12,000  Fuss  Höhe. 

2.  Den  Antheil,  welchen  die  Triasformation  am  Gebirgs- 
bau  des  Tien-shan  nimmt,  indem  die  Koktan  -  Kette  daraus 
besteht.  Nach  den  vorhergehenden  Untersuchungen  hatte  es 
geschienen,  als  ob  Steinkohlenformation  das  jüngste  Gebilde 
in  diesem  Gebirge  sei. 

3.  Die  Zusammensetzung  des  südlichen  Tien-shan  aus 
Parallelketten,  welche  von  Wz  S  nach  Oz  N  gerichtet  sind, 
und  dadurch  in  ihrer  Richtung  von  derjenigen  des  Kwen-lun 
(Wz  N  —  Oz  S)  abweichen.  Von  Kashgar  aus  verquert  man 
bis  zum  Tshatyr-kul  drei  solche  Ketten  (Artush-,  Koktan-, 
Terek-tagh-Kette) ,  welche  allmälig  an  Höhe  zunehmen,  und 
denen  als  höchste  die  Hauptkette  des  Tien-shan  jenseits  des 
Sees  folgt. 

4.  Das  Auftreten  jugendlicher  Ablagerungen,  welche 
Stoliczka  für  neogen  hält,  im  Becken  von  Ost- Turkestan. 
Es  sind  sehr  mächtige  Schotterbänke,  welche  die  Anwesenheit 
des  Meeres  in  der  centralasiatischen  Depression  in  einer  ver- 
hältnissmässig  jugendlichen  Zeit  erweisen  und  Pumpelly's  weiter 
östlich  gemachte  Beobachtungen  ergänzen. 

5.  Den  Umstand,  dass  durch  alle  drei  Parallelketten  ein 
Einfallen  der  jüngeren  Schichtgebilde  unter  die  älteren  statt- 
findet,  welches  Stoliczka  dadurch  erklärt,  dass  das  ost-turke- 
stanische  Becken  sich  an  der  Seite  des  Tien  -  shan  allmälig 
eingesenkt  habe. 

Als  ein  ferneres  Resultat  der  Untersuchungen  von  Sto- 
liczka und  seiner  Collegen  folgert  der  Vortragende,  dass,  wie 
schon  die  Forschungen  von  Fedschenko  und  anderer  Reisen- 
den in  dem  Becken  des  Syr-darya  und  des  Amu-darya  schlie- 
ssen  Hessen,  die  Ketten,  welche  die  Pamir-Pässe  einschliessen, 

Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  i .  16 


242 


und  welche  Humboldt  als  ein  Meridiangebirge  betrachtet  und 
mit  dem  Namen  Bolor-tagh  bezeichnet,  ganz  und  gar  dem 
System  des  Tien-shan  angehören,  und  dass  dasselbe  für  den 
Hindukush  gilt. 

Herr  A.  Sadebeck  sprach  zunächst  über  Resultate,  welche 
sich  beim  Studium  der  Krystallotektonik  des  regulären  Systems 
ergeben  haben.  Erläutert  wurde  der  Vortrag  durch  eine  mit 
bekannter  Meisterschaft  von  Herrn  Laue  lithographirte  Tafel, 
welche  für  den  demnächst  zu  publicirenden  II.  Theil  der  Ele- 
mente der  Krystallographie  angefertigt  wurde. 

Naumann  hat  in  seinem  Lehrbuch  der  reinen  und  ange- 
wandten Krystallographie  gezeigt,  dass  sich  rein  theoretisch  die 
Formen  mit  einfachen  Parameterverhältnissen  als  Grenzzonen 
solcher  mit  complicirten  Axenabschnitten  betrachten  lassen. 
Eine  nothwendige  Folge  dieser  Erwägung  war,  dass  bei  den 
hemiedrischen  Formen  die  mit  ihnen  zusammen  auftretenden 
holoedrischen  Formen  auch  als  Grenzgestalten  zu  betrachten 
sind,  mithin  nur  scheinbar  holoedrische  Formen  und  zwar 
solche  1.  oder  2.  Stellung  sind. .  G.  Rose  hat  zuerst  beim 
Boracit  nachgewiesen,  dass  diese  Auffassung  der  holoedrischen 
Formen  in  hemiedrischen  Krystallreihen  eine  praktische  Be- 
deutung hat,  indem  die  scheinbar  holoedrischen  Formen  eine 
verschiedene  Oberflächenbeschaffenheit  haben,  je  nachdem  sie 
Formen  1.  oder  2.  Stellung  sind;  dies  Verhalten  wurde  vom 
Redner  beim  Kupferkies,  Fahlerz  und  Blende  bestätigt,  und 
von  G.  Rose  beim  Eisenkies. 

Die  Unterschiede  in  der  Oberflächenbeschaffenheit  beruhen 
auf  der  Tektonik  der  Krystalle;  daraus  folgt,  dass  auch  For- 
men in  holoedrischen  Krystallreihen  derartige  Unterschiede 
zeigen  müssen,  wenn  sie  Grenzgestalten  verschiedener  Formen 
sind.  Dies  bestätigt  sich  in  der  Natur  vollkommen.  Beispiels- 
weise sind  die  auf  den  Hexaederflächen  hervortretenden  Sub- 
individuen  verschiedene,  je  nachdem  das  Hexaeder  die  Grenz- 
gestalt eines  Ikositetraeders  oder  eines  Tetrakishexaeders  ist. 
Die  Hexaeder  des  Flussspaths  und  Steinsalzes  erweisen  sich 
als  aufgebaut  aus  Tetrakishexaedern ,  die  des  Bleiglanzes  aus 
Ikositetraedern.  Was  vom  Hexaeder  gilt ,  ist  auch  beim 
Oktaeder  und  Dodekaeder  der  Fall. 

Eine  genauere  Betrachtung  der  Subindividuen  lehrt  ferner, 
dass  die  Flächen  gebrochen  sind,  dass  es  also  im  Grunde  ge- 


243 


nommen  Hexakisoktaeder  sind  und  zwar  solche ,  welche 
Websky  vicinale  genannt  hat.  Die  vicinalen  Hexakisoktaeder 
sind  die  eigentlichen  Grundgestalten  der  Subindividuen.  Sind 
sie  nur  in  Bezug  auf  eine  Kante  vicinal,  so  entstehen  Formen, 
welche  dem  Ikositetraeder ,  Tetrakishexaeder  oder  Triakis- 
oktaeder  im  Aussehen  ausserordentlich  nahe  stehen.  Aus  die- 
sen dreierlei  Formen,  als  Zwischengestalten,  bauen  sich  dann 
die  letzten  Grenzgestalten,  Hexaeder,  Oktaeder  und  Dode- 
kaeder, auf.  Durch  diese  drei  Formen  sind  die  dreierlei 
krvstallographischen  Axen  gegeben ,  nach  denen  überhaupt, 
wie  schon  Knop  gezeigt  hat,  der  Aufbau  der  Krystalle  vor 
sich  geht. 

Ferner  sprach  Hedner  über  Zwillingsstreifen  beim  Eisen- 
glanz. 

In  der  Einnerung  an  die  mannigfaltigen  und  schätzbaren 
Beobachtungen,  welche  G.  Rose  bei  den  Vorbereitungen  zu 
den  Vorlesungen  und  nach  denselben  anzudeuten  pflegte,  theilte 
er  mit,  dass  G.  Rose  auf  diese  Streifen  beim  Eisenglanz 
immer  besonderes  Gewicht  gelegt  hatte.  Es  war  dessen  Ab- 
sicht, diese  Streifen  genauer  zu  bearbeiten  und  in  Folge  dessen 
hat  er,  da  er  vorläufige  Mittheilungen  nicht  liebte,  bei  der 
Beschreibung  des  Eisenglanzes  von  Beresowsk  in  seiner  Reise 
nach  dem  Ural  derselben  keine  Erwähnung  gethan.  Herr 
Bauer  hat  kürzlich  in  dieser  Zeitschrift  die  Streifen  beschrieben, 
wobei  er  sagt,  dass  sie  G.  Rose  nicht  erwähnt  hat,  obgleich 
sie  ausserordentlich  deutlich  wahrzunehmen  sind.  Der  Grund, 
warum  G.  Rose  dies  nicht  gethan  hat,  ist  nun  leicht  aus 
dem  Gesagten  ersichtlich.  Auch  beim  Titaneisen,  von  welchem 
Bauer  angiebt,  dass  die  Streifen  nicht  oder  jedenfalls  nicht 
deutlich  wahrzunehmen  sind,  hat  sie  G.  Rose  schon  beob- 
achtet und  einzelne  Krystalle  von  Snarum  in  Norwegen  lassen 
sie  ausserordentlich  deutlich  wahrnehmen.  Schliesslich  wurde 
noch  erwähnt,  dass  sie  auch  bei  einem  Krystall  von  Elba  im 
Berliner  Museum  vorhanden  sind. 

Hierauf  wurde  die  Sitzung  geschlossen. 

v.  w.  o. 

Beyrich.        Dames.  Bauer. 


16* 


244 


2.    Protokoll  der  Februar- Sitzung. 

Verhandelt  Berlin,  den  3.  Februar  1875. 
Vorsitzender:  Herr  Beyrich. 

Das  Protokoll  der  Januar  -  Sitzung  wurde  vorgelesen  und 
genehmigt. 

Der  Gesellschaft  sind  als  Mitglieder  ^beigetreten: 

Herr  von  Gellhorn,  königl.  Bergmeister  in  Neustadt- 
Eberswalde, 

vorgeschlagen  durch  die  Herren  Lindig,  Hauche- 
corne  und  Dames; 
Herr  Carl  Gottsche  aus  Altona,  z.  Z.  stud.  min.  in 
Würzburg, 

vorgeschlagen   durch    die   Herren  Sandberger, 
A.  Streng  und  A.  von  Koenen; 
Herr  Gustav  Pohlitz  aus  Schwenda  bei  Stolberg  (Harz), 
z.  Z.  stud,  min.  in  Würzburg, 

vorgeschlagen  durch  die  Herren  von  Koenen, 
Streng  und  Bücking. 
Herr  Beyrich  verlas  eine  briefliche  Mittheilung  von  Herrn 
Neumayr   in   Wien    über    seine   Reise    in    den  griechischen 
Archipel. 

Herr  Weiss  legte  die  für  die  Bibliothek  der  Gesellschaft 
eingesandten  Schriften  und  Karten  vor. 

Herr  Lepsius  gab  eine  Uebersicht  über  die  Schichten  der 
Trias  und  des  Jura  im  Elsass. 

Herr  Dames  legte  einige  Exemplare  von  Eophyton  Linnea- 
num  Torell  aus  den  cambrischen  Schiefern  von  Luganas  in 
Westgothland  vor,  welche  Herr  Lündgreen  dem  hiesigen 
Mineraliencabinet  geschenkt  hat.  —  Die  von  Torell  und 
Linnarsson  behauptete  organische  Natur  dieser  Abdrücke  ist 
neuerer  Zeit  durch  Nathorst  in  seinem  Aufsatz:  Om  nagra 
förmodade  växtfossilier*)  durchaus  in  Abrede  gestellt  worden. 
Nathorst  führt  die   auf  der  Unterseite   der  Schichten  er- 


*)  Öfversigt  af  kongl.  Vetenskaps-Akademiens  Foihandlingar  1873. 

No.  9. 


245 


scheinenden  Erhabenheiten  mit  längsgestreifter  Oberfläche  auf 
die  Ausfüllung  von  Vertiefungen  zurück;  diese  sollen  durch 
Fucoiden,  die  durch  Fluthen  auf  dem  Strande  hingezogen 
werden ,  hervorgebracht  werden.  Er  erläutert  seine  Ansicht 
durch  mehrere  Abbildungen,  welche  derartige  Eindrücke,  wie 
er  sie  an  den  Küsten  beobachtet  hat,  zur  Darstellung  bringen. 
Herr  Lundgreen,  der  übrigens  die  NATHORST'sche  Ansicht 
über  Eophyton  theilt,  richtete  nun  brieflich  an  den  Vortragen- 
den die  Frage,  ob  demselben  auch  aus  anderen  Formationen 
derartige  Eophyton-'&hnhche  Dinge  bekannt  seien,  denn  selbst- 
verständlich müssten  sich ,  die  Richtigkeit  der  NATHORST'schen 
Behauptungen  vorausgesetzt,  überall  derartige  Abdrücke,  resp. 
Ausgüsse  derselben  bilden,  wo  dieselben  petrographischen  Ver- 
hältnisse, nämlich  ein  Wechsel  von  sandigen  Schiefern  und 
Letten,  vorhanden  seien.  Es  lag  nun  nahe,  derartige  Gebilde 
im  bunten  Sandstein  aufzusuchen,  und  in  der  That  besitzt  die 
Sammlung  der  hiesigen  Bergakademie  mehrere  Stücke  aus  der 
oberen  Abtheilung  des  bunten  Sandsteins,  welche  mit  Erhaben- 
heiten bedeckt  sind ,  die  durchaus  mit  Eophyton  ident  sind. 
Der  i.  J.  1865  mit  der  geologischen  Kartirung  der  Gegend  von 
Artern  beauftragte,  leider  verstorbene  Bergassessor  Giebelhausen 
hat  in  dem  Steinbruche  nahe  bei  der  sogen.  „Kneipe*4  an  der 
Strasse  zwischen  Bottendorf  und  Ziegelrode,  östlich  von  Artern, 
in  den  oberen  Lagen  des  unteren  bunten  Sandsteins  Stücke 
gesammelt,  welche  von  Eophyton  ununterscheidbare  Erhaben- 
heiten tragen.  Auf  der  Schichtfläche  der  dünnschiefrigen  Sand- 
steine liegen  ca.  60  Mm.  lange,  10  Mm.  breite  Erhabenheiten 
mit  Längsstreifen,  von  denen  der  Streifen  zunächst  dem  einen 
Rande  der  stärkste  ist,  während  die  anderen  schwächeren 
unter  sich  beinahe  gleich  sind.  Dieselben  stimmen  gut  mit 
Torell's  Abbildungen  von  Eophyton  und  ebenso  mit  der  von 
Nathorst  (1.  c.  t.  XVI.  f.  6)  veranschaulichten  Fucoidenspur 
im  Strandsande,  natürlich  als  Ausguss  des  letzteren.  Dadurch, 
dass  sich  nun  auch  in  der  Trias  derartige  sogen.  Eophyton 
gefunden  haben,  gewinnt  die  NATHORST'sche  Behauptung  noch 
mehr  Boden,  und  die  nichtorganische  Natur  der  Eophyton,  Pa- 
laeochoria,  Butotrephis  etc.  genannten  Dinge  steht  danach  wohl 
ausser  Zweifel. 

Herr  Bauer  sprach  über  die  Kry  stallform  des 
Speisskobalts  Folgendes: 


246 


In  Poggendoeff's  Ann.  Bd.  152  p.  249  1874  erschien  eine 
Arbeit  von  Herrn  P.  Groth  in  Strassburg  über  die  Krystall- 
form  des  Speisskobalts  (und  Chloantbits) ,  die  den  Verfasser 
zu  folgenden  Resultaten  führten:  1.  der  Speisskobalt  ist  py- 
ritoedrisch;  2.  die  Krystalle  des  Speisskobalt  sind  thermo- 
elektrisch  theils  positiv,  theils  negativ,  wie  Eisenkies  und 
Kobaltglanz  und  diese  Eigenschaften  in  Verbindung  mit  der 
pyritoedrischen  Hemiedrie  beweisen,  dass  die  erwähnten  drei 
Mineralien  vollkommen  isomorph  sind,  und  dass  demnach  der 
Speisskobalt  die  Formel:  (Co,  Ni,  Fe)  As.,  hat.  Da  sich 
hieraus  Folgerungen  von  gewisser  allgemeiner  Wichtigkeit 
ergeben ,  so  lohnt  es  sich  der  Mühe ,  diese  Sätze  und  die  zur 
Begründung  derselben  dienenden  Beobachtungen  etwas  näher 
zu  prüfen. 

Was  zunächst  die  Krystallform  betrifft,  so  führt  Groth 
folgende  Thatsachen  an,  welche  für  die  pyritoedrische  He- 
miedrie beweisend  sein  sollen :  Speisskobalt  aus  dem  Kinzig- 
thal zeigt  neben  Würfel  scheinbare  Oktaederflächen,  welche 
aber  aus  je  drei  Facetten  zusammengesetzt  sind,  die  sich  in 
sehr  stumpfen ,  unsymmetrisch  liegenden  Kanten  schneiden, 
und  demnach  Flächen  eines  Diploeders  sein  sollen.  Bei  Kry- 
stallen  von  Riechelsdorf  zeigen  die  Flächen  des  Würfels  (in 
Combination  mit  dem  Oktaeder)  durch  Rundung  an  zwei 
gegenüberliegenden  Kanten  die  Andeutung  eines  Pentagon- 
dodekaeders. Unter  den  Krystallen  von  Wolkenstein  waren 
Würfel,  die  schöne  pentagonaldodekaedrische  Streifung  zeigten, 
wie  häufig  die  Würfelflächen  des  Schwefelkieses,  welche  her- 
rühren von  den  Flächen  zweier  Pyritoeder,  die  nach  ungefähren 

iVlessungen   die  Ausdrucke:  — - — |   und  |^ — ^  — 

Andere  Würfel  ebendaher  zeigen  ausser  der  Streifung  eine  be- 
trächtliche Rundung  an  den  Kanten  ,  so  dass  bei  Messung 
mittelst  des  Lichtschimmers  während  einer  längeren  Drehung 
fast  fortwährend  einzelne  Flächentheile  Licht  reflectiren.  Das 
Einstellen    auf   die   Schimmermaxima    ergab   die  Pyritoeder 

[°°2^3]  ~  ^erner  %  ^'  unc*  ^'  ^ocn  sm^  die  Messun- 
gen zu  ungenau,  um  das  Auftreten  dieser  Formen  als  sicher 
festgestellt  erscheinen  zu  lassen.  Unter  den  Krystallen  von 
Schneeberg  ist  besonders  eine  flächenreiche  Combination,  die 


haben. 


247 


1.  c.  t.  5.  f.  1.  abgebildet  ist.     Diese  zeigt  u.  a.  Flächen  des 


Ausdruck.  Die  Neigung  der  Flächen  des  Pyritoeders  gegen 
die  des  Würfels  sind  mit  dem  Anlegegoniometer  bestimmt. 
Die  Diploederflächen  liegen  in  einer  bekannten  Zone  und 
machen  mit  den  Pyritoederflächen  stumpfe  Winkel,  aus  denen 


Man  sieht  also ,  dass  die  sämmtlichen  angeführten  Beob- 
achtungen keine  deutlichen  und  scharf  messbaren  Formen  des 
pyritoedrischen  Systems  mit  völlig  klar  und  unzweideutig  be- 
stimmten Ausdrücken  ergeben  haben,  sondern  es  sind  nur 
Flächenkrümmungen  und  Knickungen  nebst  Streifungen,  deren 
Richtungen  auf  jene  Formen  zur  Noth  gedeutet  werden  können. 
Diese  Flächen  selbst  machen  mit  den  Würfelflächen  sehr 
stumpfe  Winkel,  und  die  Messungen,  die  alle  ganz  annähernd 
sind,  ergeben  meist  complicirte  Ausdrücke,  die  zum  grössten 
Theil  nicht  sehr  wahrscheinlich  sind.  Auch  die  erwähnte 
Figur  ist  wenig  beweisend,  da  man  nicht  ersieht,  ob  es  eine 
ideale  Zeichnung  oder  eine  getreue  Abbildung  des  betreffenden 
Krystalls  sein  soll,  da  sie  in  einigen  nicht  unwesentlichen 
Punkten  jedenfalls  falsch  ist.  Ehe  nicht  weitere  Beobachtun- 
gen von  deutlicheren  Formen  des  pyritoedrischen  Systems  vor- 
liegen,  halte  ich  die  hier  beschriebenen  für  bloss  scheinbar 
diesem  System  angehörige.  Betrachtet  man  nämlich  die  Speiss- 
kobaltkrystalle,  wie  sie  z.  B.  im  hiesigen  mineralogischen  Mu- 
seum in  grosser  Anzahl  vorliegen,  so  sieht  man,  dass  nur  die 
kleinsten  davon  ebene  Flächen  und  scharfe,  gerade  Kanten 
besitzen ,  alle  grösseren  Krystalle  sind  Verwachsungen  von 
hypoparallelen  Subindividuen,  und  es  entstehen  dadurch  auf 
den  Flächen  unregelmässige  Krümmungen  und  Knickungen. 
Besonders  die  Würfelflächen  sind  bei  einigermaassen  ansehn- 
licheren Krystallen  stark  gekrümmt  und  stets  ganz  matt, 
schuppig  und  unregelmässig  gestreift.  Wenn  auch  die  Oktaeder- 
flächen ,  wo  sie  nicht  sehr  ausgedehnt  sind,  meist  glänzender 
und  ebener  sind,  so  knicken  und  runden  sie  sich  doch  auch, 
wenn  sie  etwas  grösser  werden  und  zeigen  ebenfalls  nicht 
selten  unregelmässige  Streifungen.  Die  unebenen  Würfelflächen 
zeigen  meistens  eine  Abruudung  nach  den  anderen  Würfelflächen 


Pyritoeders 


und  eines  Diploeders  von  unbestimmtem 


sich  ungefähr  der  Ausdruck 


248 


hin,  seltener  nach  den  Oktaederflächen,  und  es  entstehen  da- 
durch oft  Formen,  die  an  flache  Pyramidenwürfel  erinnern. 
Ist  die  Krümmung  nach  zwei  gegenüberliegenden  Würfelflächen 
grösser  als  nach  dem  anderen  Paar  von  gegenüberliegenden 
Würfelflächen,  so  entsteht  ein  scheinbares  Pyritoeder  und  bei 
einer  Messung  in  einer  solchen  Würfelkantenzone  kann  es  nicht 
schwer  sein,  aus  den  bei  längerer  Drehung  fast  fortwährend 
erscheinenden  Lichtreflexen  einige  Schimmermaxima  heraus- 
zugreifen ,  aus  denen  sich  dann  auch  immer  ein  Ausdruck  für 
eine  solche  scheinbare  Pyritoederfläche  berechnen  lässt.  Es 
dürfte  sich  demnach  empfehlen,  auch  ferner  noch  vorläufig  den 
Speisskobalt  für  holoedrisch  regulär  krystallisirt  zu  halten. 

Dem  widerspricht  durchaus  nicht  das  thermoelektrische 
Verhalten  des  Speisskobalts,  wie  es  von  Groth  festgestellt 
und  oben  angegeben  worden  ist.  Zwar  sollte  es  nach  den 
interessanten  und  wichtigen  Untersuchungen  von  G.  Rose  am 
Schwefelkies  und  Glanzkobalt,  von  denen  er  leider  vor  seinem 
Tode  nur  die  allgemeinen  Resultate,  nicht  aber  die  Details 
veröffentlichen  konnte,  scheinen,  als  sei  allgemein  mit  diesen 
thermoelektrischen  Unterschieden  eine  krystallographische  Dif- 
ferenz in  der  Art  verbunden,  dass  die  Hernieder  der  einen 
Stellung  positiv,  die  der  anderen  Stellung  negativ  sind,  aber 
weitere  Untersuchungen  haben  ergeben  ,  dass  dies ,  jedenfalls 
allgemein,  nicht  richtig  ist,  denn  unzweifelhaft  holoedrische 
Krystalle  haben  dieselben  thermoelektrischen  Unterschiede 
ergeben.  So  hat  schon  1865  Stefan  nachgewiesen,  dass  der 
Bleiglanz  theils  positiv,  theils  negativ  ist,  und  neuerer  Zeit 
haben  Schrauf  und  Dana  dasselbe  vom  Glaukodot  und  Danait? 
Arsenkies,  Selenkupferblei  und  Tesseralkies  nachgewiesen, 
ganz  abgesehen  vom  Tetradymit,  dessen  rhomboedrische  Form 
ja  vielfach  auch  als  hemiedrisch  gedeutet  wird  (Sitzungsber. 
der  Wiener  Akad.  12.  März  1874).  Alle  oben  erwähnten 
Mineralien  haben  noch  keine  Anzeichen  von  hemiedrischer 
Ausbildung  erkennen  lassen,  und  es  folgt  somit,  dass  auch  beim 
Speisskobalt  das  thermoelektricche  Verhalten  keineswegs  not- 
wendig auf  ein  hemiedrisches  Krystallsystem  hinweist. 

Was  endlich  die  chemische  Zusammensetzung  der  unter 
dem  Namen  ,, Speisskobalt"  hier  zusammengefassten  Mineralien 
betrifft,  so  ist  es  noch  zweifelhaft,  ob  ihnen  wirklich  allen  die 
Formel:  RAs2  (wo  R  =  Co,  Ni,  Fe,  alle  in  den  wechselndsten 


249 


Verhältnissen)  zukommt.  Nach  dem  Obigen  fällt  jeder  theo- 
retische Zwang  zu  dieser  Annahme  weg,  da  die  Glieder  der 
Pyritgruppe  nicht  so  zweifellos  mit  Speisskobalt  isomorph 
sind.  Die  vorhandenen  Analysen  sind  dieser  allerdings  sehr 
einfachen  Formel  eher  ungünstig,  da  sie  in  ihrer  Mehrzahl 
mehr  oder  weniger  Arsen  ergeben  ,  als  die  Theorie  erfordert, 
und  zwar  sind  diese  Unterschiede  oft  ziemlich  beträchtlich. 
Dabei  findet  sich  nicht  selten  ein  kleiner  Schwefelgehalt.  Die 
z.  Th.  beträchtlichen  Unterschiede  in  der  Menge  des  vorhan- 
denen Arsens  sucht  Groth  durch  fremde  Beimischungen  zu 
erklären,  und  zwar  soll  bei  arsenarmen  Speisskobalten  Kupfer- 
nickel (Ni  As)  oder  das  angeblich  von  Kenngott  beobachtete 
Einfach  -  Arsenkobalt  (Co  As)  beigemengt  sein.  Der  Arsen- 
überschuss  soll  von  einer  Beimischung  von  Tesseralkies 
(CoAs3)  herrühren.  In  der  That  sieht  man  den  Kupfernickel 
häufig  in  grösserer  Menge  in  dem  Speisskobalt  eingesprengt, 
und  sich  durch  seine  kupferrothe  Farbe  von  dem  letzteren 
auch  in  kleineren  Füttern  scharf  abheben.  Es  ist  aus  diesem 
letzten  Grunde  nicht  anzunehmen  ,  dass  ein  sorgfältiger  Che- 
miker grössere  Mengen  dieses  so  leicht  erkennbaren  Erzes  mit 
analysirt  haben  sollte.  Kleine  Unterschiede  mögen  aber  immer- 
hin eingesprengtem  Kupfernickel  ihren  Ursprung  verdanken, 
aber  nur  bei  Ni  -  haltigen  Speisskobalten,  bei  Ni- freien  lässt 
einen  der  Kupfernickel  ganz  im  Stich ,  da  kommt  als  Retter 
in  der  Noth  das  von  Kenngott  angegebene  Einfach-Arsenkobalt. 
Diese  Beobachtung  von  Einfach  -  Arsen kobalt  (vergl.  Viertel- 
jahrsschr.  der  naturf,  Ges.,  Zürich  1869  pag.  704,  und  daraus 
beinahe  wörtlich:  Jahrbuch  1869  pag.  753)  ist  aber  eine  der 
mangelhaftesten,  die  man  sich  denken  kann,  und  es  fehlt  na- 
mentlich eine  Analyse;  nur  das  Löthrohr  hat  bei  der  hier- 
hergestellten Substanz  (die  ich  für  nichts  anderes  als  Speiss- 
kobalt halte,  soweit  man  nach  der  Beschreibung  und  Verglei- 
chung  mit  anderen  Stücken  urtheilen  kann)  Reactionen  auf  Co 
und  As  ergeben.  Kenngott  hat  sich  auch  äusserst  verklau- 
sulirt  ausgesprochen  und  hinter  ,, Einfach  -  Arsenkobaltu  ein 
dickes  Fragezeichen  gesetzt.  Das  alles  hindert  aber  Groth 
nicht,  diese  Verbindung  als  wirklich  existirend  anzunehmen 
und  als  dem  Speisskobalt  beigemischt  darzustellen,  bloss  um 
den  As -Mangel  Ni- freier  Speisskobalte  durch  Verunreinigung 
erklären  zu  können.     Das   heisst  doch  wirklich  in  mehr  als 


250 


kühner  Weise  Hypothesen  auf  Hypothesen  stellen,  um  weitere 
Hypothesen  zu  stützen. 

Aehnlich  ist  es  mit  der  Einmengung  des  Tesseralkieses, 
der  allerdings  an  Farbe  etc.  wenigstens  den  eisenarmen,  minder 
den  eisenreichen  Speisskobalten  gleicht.  Der  Tesseralkies  hat 
sich  bis  jetzt  nur  bei  Skutterud  gefunden,  und  zwar  nicht  mit 
Speisskobalt,  sondern  mit  Glanzkobalt  zusammen.  Es  ist  also 
eine  zum  mindesten  willkürliche  Annahme,  ihn  als  eingesprengt 
in  die  sämmtlichen  arsenreicheren  Speisskobalte  aller  Fundorte 
voraussetzen  und  dadurch  den  Ueberschuss  an  Arsen  erklären 
zu  wollen ,  wenngleich  bei  metallischen  Substanzen  natürlich 
für  vollkommene  Reinheit  keine  Gewähr  geleistet  werden  kann, 
besonders  bei  den  zur  Analyse  meist  verwandten  derben 
Massen.  Es  sind  aber  doch  nicht  bloss  solche  analysirt  wor- 
den,  sondern  auch  Krystalle,  die  man  jedenfalls  als  reiner 
voraussetzen  darf,  da  man  häufig  beobachtet,  dass  der  die 
derbe  Masse  durchziehende  Kupfernickel  nicht  oder  jedenfalls 
lange  nicht  so  reichlich  in  die  darauf  aufsitzenden  Krystalle 
hineinreicht,  welches  Verhalten  man  wohl  auch  für  die  hypo- 
thetisch eingewachsenen  unsichtbaren  Verunreinigungen  Arsen- 
kobalt und  Tesseralkies  annehmen  darf.  Um  nur  beispiels- 
weise eines  zu  erwähnen,  so  hat  Rammelsberg  Krystalle  von 
Speisskobalt  vom  Markus  Rohling  bei  Annaberg  und  von 
Usseglio  in  Piemont  analysirt,  und  zwar  mit  der  speciellen 
Absicht,  die  Zusammensetzung  dieses  Minerals  festzustellen, 
so  dass  man  jedenfalls  annehmen  muss,  er  habe  auf  Verun- 
reinigungen scharf  und  sorgfältig  geachtet.  Er  hat  dabei  resp. 
76,26  und  76,55  pCt.  As  gefunden,  statt  71,8  pCt. ,  wie  die 
Formel  RAs2  verlangt,  eine  Differenz,  die  schon  bedeutende 
Mengen  von  verunreinigender  Substanz  voraussetzen  würde. 

Es  zeigt  sich  somit  kein  Verhalten  des  Speisskobalts, 
weder  in  krystallographischer ,  noch  in  physikalischer  und 
chemischer  Beziehung,  was  dieses  Mineral  der  Pyritgruppe  zu- 
weisen würde,  und  er  wird  deshalb  wohl  zunächst  noch  ge- 
trennt davon  zu  halten  sein,  bis  einst  bessere  Krystalle  un- 
zweifelhaft pyritoedrische  Formen  und  weitere  Analysen  oder 
sonstige  Beobachtungen  die  Richtigkeit  der  Formel  RAs,  dar- 
gethan  haben.  Das  thermoelektrisehe  Verhalten  kommt  dabei 
gar  nicht  in  Betracht. 

Herr  Kayser  sprach  über  Versteinerungen ,    welche  Herr 


251 


Stelzner  von  Südamerika  mitgebracht  hat,  und  die  der  Pri- 
mordialfauna  und  der  Fauna  des  Untersilur  angehören. 

Herr  Lasrad  legte  ein  durch  Grösse  ausgezeichnetes  Stück 
Bernstein  vor,  welches  im  Alluvialsand  auf  dem  im  Neustettiner 
Kreise  gelegenen  Gute  Buchwald  des  Banquier  von  Krause 
gefunden  und  von  diesem  der  geologischen  Landesanstalt  als 
Geschenk  überwiesen  worden  ist. 

Hierauf  wurde  die  Sitzung  geschlossen. 

v.  w.  o. 

Beyrich.       Websky.  Bauer. 


3.    Protokoll  der  März  -  Sitzung. 

Verhandelt  Berlin,  den  3.  März  1875. 
Vorsitzender:  Herr  Beyrich. 

Das  Protokoll  der  Februar-Sitzung  wurde  vorgelesen  und 
genehmigt. 

Der  Gesellschaft  sind  als  Mitglieder  beigetreten  : 
Herr  Kreisvicar  Bronder  in  Beuthen  i.  O.-Schl., 

vorgeschlagen  durch  die  Herren  Viedenz,  Kayser 
und  Lossen; 
Herr  Dr.  von  Tsoharner  aus  Bern, 

vorgeschlagen  durch  die  Herren  Beyrich,  Roth 
und  Dames; 

Herr  August  Frenzel,  Hüttenchemiker  in  Freiberg  i.  8., 
vorgeschlagen   durch    die  Herren    G.  vom  Rath, 
von  Dechen  und  Dames. 
Der  Vorsitzende  verlas  nachstehendes  Schreiben  des  Herrn 
Göppert  in  Breslau : 

Hochgeehrte  Herren!  Die  freundliche  Erinnerung  und 
überaus  gütigen  Glückwünsche,  welche  Sie  Ihrem  alten  Mit- 
gliede  an  seiner  Promotionsfeier  widmen ,  hat  mich  sehr 
erfreut,  aber  auch  sehr  nachdenklich  gemacht  über  alles  das 
Schöne,  was  Sie  von  meinen  etwaigen  Leistungen  sagen, 
die,  ganz  aufrichtig  gesprochen  ,  während  der  Arbeit  selbst 
weniger ,  aber  nach  der  Fertigstellung  stets  hinter  meinen 
Wünschen  zurückgeblieben ,  also  sicher   von   Ihnen  als  zu 


252 


nachsichtig  beurtheilt  worden  sind.     Empfangen  Sie  meinen 
herzlichen  Dank  für  diesen  Beweis  Ihrer  Aufmerksamkeit 
und  genehmigen  Sie  den  aufrichtigen  Wunsch,    mich  noch 
recht  oft  in  Ihren  stets  für  mich  belehrungsreichen  Kreisen 
bewegen  zu  können.     Unter  hochachtungsvollsten  Empfeh- 
lungen ganz  ergebenst  Göppert. 
Breslau,  den  8.  Februar  1875. 
Sodann  theilte  derselbe  aus   einer  brieflichen  Mittheilung 
des  Herrn  v.  Fritsch  in  Halle  das  Vorkommen  einer  Cyrena, 
wahrscheinlich  consobrina  oder  fluminalis  bei  Lyell  im  Dilu- 
vium von  Teutschenthal  bei  Halle  mit   und  fügte  bei,  dass 
ihm  auch  von  Bromberg  einmal  eine  Cyrena  aus  dem  Diluvium 
zugekommen  sei. 

Derselbe  legte  dann  die  eingegangenen  Schriften  vor  und 
besprach  besonders  das  Werk  über  die  geologische  Beschaffen- 
heit von  Oesterreich  von  Fr.  von  Hauer. 

Herr  Jül.  Schmidt  aus  Athen  gab  eine  kurze  Uebersicht 
über  die  Hergänge  während  der  Eruption  auf  Santorin,  1866 
bis  1872,  wobei  die  Orte  der  Ausbrüche  seit  20  Jahrhunderten 
und  die  Terrainänderungen  während  der  letzten  Eruption  durch 
Zeichnungen  an  der  Tafel  erläutert  wurden.  Der  alte  Ring- 
wall der  Insel,  in  unbekannter  Vorzeit  entstanden,  besteht 
jetzt  aus  den  drei  Abtheilungen:  Santorin  oder  Thera,  The- 
rasia  und  der  sehr  kleinen  westlichen  Insel  Aspronisi.  Der 
Schauplatz  der  bekannten  Eruptionen  seit  dem  Jahre  200 
vor  Chr.  war  im  Mittelpunkte  des  alten  Kraters,  in  der  Mitte 
des  jetzigen  Golfes  von  Santorin,  und  nur  ein  sicher  bekannter 
submariner  Ausbruch  ausserhalb  des  Golfes  hat  gegen  1650 
stattgefunden.  Ungefähr  200  vor  Chr.  ward  die  südlichste  der 
centralen  Kaymenen  oder  „verbrannten"  Inseln  gebildet,  die 
Paläa  Kaymeni;  1570 —  1573  entstand  Mikra  Kaymeni,  die 
nördlichste,  und  1707 — 1711,  zwischen  den  Vorigen,  die  Nea 
Kaymeni.  Am  Südrande  der  letzteren  haben  sich  die  Eruptio- 
nen von  1866  —  1872  ereignet.  Sie  begannen  zu  Eude  des 
Januars  1866  mit  wenig  lebhaften  submarinen  Erscheinungen. 
Zu  Anfang  des  Februar  traten  solide ,  schon  sehr  abgekühlte 
Lavamassen,  Blöcke  und  Trümmer  über  die  Seefläche  hervor, 
und  zwar  in  dem  kleinen  südlichen  Hafen,  dessen  braunes 
Wasser  vormals  die  Eigenschaft  hatte,  die  Kupferbelegung  der 
Schiffe  zu  reinigen.     Um  diesen  kleinen  Hafen,  besonders  an 


253 


der  Ostseite,  lag  die  50  oder  60  Häuser  und  2  Kirchen  zäh- 
lende Ortschaft  Vulcano,  die  jetzt  bis  auf  geringe  Trümmer 
gänzlich  verschwunden  ist.  Verlassen  ward  der  Ort  von  den 
Bewohnern  schon  am  Anfange  des  Februar  1866,  als  wegen 
Senkung  des  Bodens  und  wegen  anderer  drohender  Erschei- 
nungen es  nöthig  ward,  diese  Gegend  zu  meiden.  Der  neue 
Lavahügel  im  Vulcano-Hafen  erhielt  den  Namen  „Georg";  der 
zweite  am  13.  Februar  über  See  erschienene  Hügel,  südwestlich 
vom  vorigen,  ward  „Aphroessa"  genannt,  nach  dem  Schiffe 
der  Athener  Commission,  welche  von  der  griechischen  Regie- 
rung nach  Santorin*  beordert  ward.  Bis  19.  Februar  waren 
alle  Erscheinungen  ohne  lebhaften  Charakter.  Das  Aufsteigen 
der  submarinen  Lavamassen  geschah  langsam  und  ruhig,  bei 
massiger  Entwicklung  von  Wasserdämpfen  und  mit  nur  ge- 
ringem Getöse.  Nach  Maassgabe  der  Entfernung  von  der  Lava 
fand  man  das  Meer  von  80°  bis  20°  Celsius  erhitzt.  Ein- 
zelne Explosionen  des  Georghügels  förderten  wenig  glühende 
Schlacken,  Steine  und  Asche  zu  Tage,  und  zwar  aus  der 
Gipfelregion,  welche  keinen  Krater  zeigte.  Mit  dem  20.  Fe- 
bruar begannen  die  grossen ,  oft  furchtbaren  Aschen-  und 
Steineruptionen,  mehrfach  bis  8000  Fuss  hoch  gemessen,  und 
der  Vulkan  trat  nun  in  die  zweite  Phase  seiner  Entwicklung, 
der  zu  Folge  sich  ein  normaler  Aufschüttungskegel  mit  30 0 
geneigten  Flächen  bildete,  stets  ohne  eigentlichen  Krater,  und 
mehr  und  mehr  sich  vergrössernd ,  bis  er  1872  mehr  als  300 
par.  Fuss  Höhe  erreicht  hatte  und  den  ganz  ähnlichen  Conus 
von  1707  wenig  überragte.  Seit  1868  ward  oft  wahrgenommen, 
wie  das  Terrain  des  Gipfels  sich  abwechselnd  hob  und  senkte, 
wenn  die  Eruptionen  nicht  mächtig  genug  waren,  um  eine  all- 
seitige Sprengung  zu  bewirken.  —  Durch  den  Erguss  der  sub- 
marinen Lava  wurden  grosse  Strecken  des  Meeres  ausgefüllt, 
und  nach  fünfjähriger  Wirksamkeit  waren  im  Osten,  Süden  und 
Westen  der  Nea  Kaymeni  sehr  ausgedehnte  rauhe  Lavafelder 
über  See  getreten  ,  deren  Ränder  schroff  gegen  die  See  ab- 
fallen. Da  die  Ausfüllung  des  Meeres  die  Hundertfaden-Linie 
überschritt,  und  die  Seehöhe  des  sichtbaren  Lavagebiets  (ab- 
gesehen vom  Georg-Conus)  gegen  100  Fuss  beträgt,  so  kann 
man  die  Dicke  der  Lava  im  Maximo  zu  700  Fuss  annehmen. 
Ueber  dem  Lavaterrain   steigt   der  Georg-Conus  noch  gegen 


254 


200  Fuss  an,  lediglich  aus  Asche,  Blöcken  und  Bimsteiuen, 
zu  sehr  geringem  Theile  aus  geflossener  Lava  bestehend. 

Noch  im  Herbst  1873  sah  man  den  Gipfel  des  Georg- 
hügels dampfen,  und  an  ihm,  sowie  im  nahen  Meere  fand  man 
noch  hohe  Temperaturen. 

Die  frühesten  Beobachtungen  verdankt  man  dem  Dr.  med. 
Dekigala  auf  Sautorin.  Am  11.  Februar  begannen  die  Mit- 
glieder der  Athener  Commission  ihre  Beobachtungen.  Später 
kamen  die  französischen  Gelehrten  Foüqüe  und  de  Verneüil, 
die  deutschen  Geologen  von  Seebach,  Reiss,  Stübel  und 
von  Fritsch.  Foüqüe  besuchte  Santorin  später  nochmals, 
und  ebenso  war  der  Vortragende  zum  zweiten  Male  auf  San- 
torin im  Januar  1868.  Durch  Mittheilungen  der  Capitäne  und 
Officiere  von  Kriegsschiffen  ward  die  Sammlung  von  Docu- 
menten  über  Beobachtungen  und  Messungen  sehr  ansehnlich. 
Das  jüngst  erschienene  Werk  des  Vortragenden,  „Vulkanstudien", 
giebt  darüber  nähere  Kunde. 

Herr  Kayser  legte  ein  Exemplar  von  Goniatites  intu- 
mescens  von  ca.  60  Mm.  Durchmesser  vor ,  welches  sich  in 
einer  grossen  von  der  Bergakademie  vor  Kurzem  angekauften 
Sammlung  von  Eifeler  Versteinerungen  gefunden  hatte.  Der 
Erhaltungsart  nach  kann  das  Stück  —  ein  aus  weisslichem, 
zerreiblichen  Dolomit  bestehender  Steinkern  —  wohl  nur  aus 
den  hellfarbigen,  z.  Th.  stark  dolomitisirten  Mergelkalken 
stammen,  welche  bei  Büdesheim  im  Hangenden  der  Stringo- 
cephalenkalke  auftreten  und  sich  durch  Lagerung  und  Fauna 
(Spirifer  Verneuili,  Rhynchonella  cuboides ,  CamaropJioria  for- 
mosa  etc.)  als  ein  Aequivalent  der  belgischen  sogen.  Cuboides- 
sehiehten  (Ibergerkalk)  erweisen.  So  viel  dem  Vortragenden 
bekannt,  ist  es  das  erste  Mal,  dass  sich  in  diesen  Schichten 
in  der  Eifel  auch  Gon.  iniumescens  gefunden  hat,  bekanntlich 
der  typische  Repräsentant  der  für  die  ältere  Oberdevon-Fauna 
so  bezeichnenden  crenaten  (oder  primordialen)  Goniatiten. 

Derselbe  Redner  legte  weiter  einen  kleinen,  aber  sehr 
wohl  erhaltenen  vererzten  Steinkern  eines  sehr  dicken  Gonia- 
titen mit  überaus  weitem  und  tiefem  Nabel  und  einer  mit  der 
von  Gon.  lateseptatus  fast  genau  übereinstimmenden  Sutur  vor. 
Auch  dies  Stück  war  der  Akademie  mit  der  vorerwähnten 
Sammlung  zugegangen  und  hatte  sich  in  einer  Schachtel  mit 
Büdesheimer  Goniatiten  vorgefunden.    Diese  Goniatiten  kom- 


255 


men  bekanntlich  in  graulichen  Mergel  schiefern  vor,  welche  im 
Hangenden  der  oben  genannten  Cuboideskalke  liegen.  Sollte 
der  in  Rede  stehende  Steinkern  in  der  That  aus  den  Büdes- 
heimer Goniatitenschiefern  stammen  —  wofür  die  Erhaltungs- 
art allerdings  zu  sprechen  scheint*)  —  und  nicht  etwa  von 
einer  noch  unbekannten  Eifeler  Localität,  so  wäre  derselbe 
von  grossem  Interesse.  Denn  während  es  Regel  ist,  dass  die 
nautilinen  Goniatiten  nicht  über  die  obere  Grenze  des  Mittel- 
devon hinausgehen ,  die  crenaten  aber  sich  auf  das  untere 
Oberdevon  beschränken,  so  ist  ein  Zusammenvorkommen  beider 
durchaus  ungewöhnlich.  Ja,  obige  Regel  hat  im  grossen 
Ganzen  eine  so  allgemeine  Geltung,  dass  der  Vortragende  noch 
im  vorigen  Jahre  Angaben,  die  mit  ihr  im  Widerspruch  stehen, 
in  Zweifel  ziehen  zu  müssen  glaubte.  Solcher  Angaben  sind 
indess  nur  wenige.  Nach  den  Brüdern  Sandberger  ist  Gon. 
suhnautilinus  bei  Madfeld  unweit  Brilon  (nach  v.  Dechens 
Karte  das  gleiche  Niveau  wie  Nehden)  gefunden  worden 
(Rhein.  Schichtensystem  in  Nassau  pag.  117).  Weiter  kommen 
nach  Herrn  v.  Groddeck  in  der  Gegend  von  Clausthal  crenate 
und  nautiline  Goniatiten  in  ein  und  derselben  Schicht  vor, 
und  neuere ,  sorgfältige  Untersuchungen  des  Herrn  Halfar 
scheinen  jene  Angabe  in  der  That  zu  bestätigen.  Darf  nun 
der  in  Rede  stehende  kleine  Goniatit  wirklich  als  von  Büdes- 
heim stammend  angesehen  werden,  so  würden  wir  bereits  drei 
Localitäten  haben,  wo  die  im  Uebrigen  für  die  Verbreitung 
des  Goniatiten  im  Devon  geltende  Regel  eine  Ausnahme 
erleidet. 

Herr  K.  A.  Lossen  sprach  über  eigentümliche,  theils 
makro-  theils  mikroskopische  Trümer,  welche  Quarz-  und 
Feldspathkrystallkörner  in  den  Porphyroiden  des  Harz  schein- 
bar durchsetzen  und  ein  Mittel  an  die  Hand  geben  zu  der  oft 
sehr  schwierigen  Unterscheidung  krystallinischer  und  klastischer 
Mineralkörner  in  den  Gesteinen,  besonders  in  den  normalen 
oder  metamorphen  Sedimentgesteinen.  Diese  meist  kaum 
1  Mm.  bis  0,1  Mm.  und  darunter  weiten  Trümer  bestehen  wie 
die  erwähnten  porphyroidischen  Einsprenglinge,  aus  Quarz  und 


*)  Dem  Material  nach  könnte  der  fragliche  Steinkern  auch  von 
Nehden  stammen,  soweit  aber  bis  jetzt  bekannt,  kommt  dort  ein  ähn- 
licher Goniatit  nicht  vor. 


256 


Feldspath.  Beim  ersten  Anblick  mit  der  Lupe  oder  unter  dem 
Mikroskop  im  gewöhnlichen  Licht  rufen  sie  häufig  den  Ein- 
druck von  nachträglich  in  dem  festen  Gestein  entstandenen 
und  wieder  ausgefüllten  Spältchen  hervor,  was,  abgesehen  von 
der  trumartigen  Form,  oft  noch  besonders  darin  seinen  Grund 
hat,  dass  ihre  Mineralsubstanz  klarer  ist,  als  diejenige  der 
scheinbar  durchsetzten  Einsprenglinge.  Hiernach  könnten  diese 
letzteren  ebensowohl  krystallinischer  als  klastischer  Natur  sein. 
Dass  dem  indessen  nicht  so  sei,  dass  vielmehr  eine  genauere 
Untersuchung  dafür  spricht,  sowohl  die  Substanz  der  Trümer, 
als  die  der  dem  Gestein  eingesprengten  Körner  seien  an  Ort 
und  Stelle  in  dem  nach  der  Sedimentation  in  der  Verfestigung 
begriffenen  Gestein  erfolgte  Krystallisationsbildungen  wesent- 
lich ein  und  desselben  Bildungsprocesses ,  dafür  bringt  der 
Redner  folgende  Gründe  bei: 

1.  Spricht  dafür  der  Umstand,  dass  die  Körner  wie  die 
Trümer  aus  derselben  Mineralsubstanz,  Quarz  und  Feldspath, 
bestehen,  und  in  der  Regel,  wenn  auch  nicht  stets,  ein  Trum 
innerhalb  der  Grenzen  eines  Quarzkornes  Quarz ,  innerhalb 
eines  Feldspathkornes  Feldspath  enthält. 

2.  Ist  eine  bestimmte  Grenze  zwischen  der  Trumsubstanz 
und  der  Substanz  der  Körner  innerhalb  dieser  letzteren  selbst 
bei  starker  Vergrösserung  und  bei  verschiedener  Klarheit  der 
Substanz  nicht  wahrnehmbar, 

3.  Die  Verschiedenheit  der  Klarheit  der  Substanz  an- 
langend, die  am  meisten  die  gegentheilige  Auffassung  befür- 
wortet, so  ist  hervorzuheben,  dass,  wenn  auch  vorzugsweise 
eine  klare  Bahn  innerhalb  der  Mineralkörner  der  Fortsetzung 
des  Trumes  ausserhalb  entspricht,  meistens  sogar  ohngefähr 
in  gleicher  Breite  mit  diesem  letzteren  ,  es  dennoch  nicht  an 
klaren  Stellen  in  den  Krystallkörnern  auch  neben  dieser  fort- 
gesetzten Richtung  oder  an  unregelmässigen  seitlichen  Erbrei- 
terungen der  klaren  Bahn,  oder  endlich  an  ganz  klaren  Kry- 
stallen  fehlt,  wo  also  jener  Unterschied  in  der  Klarheit  ausser 
Betracht  fällt. 

4.  Die  ganz  klaren  Krystalle  rufen  denn  auch  schon  beim 
ersten  Anblick  den  Eindruck  hervor,  als  seien  sie  nur  seit- 
liche Erweiterungen  des  Trums  und  leiten  so  unmittelbar  auf 
die  Vorstellung  der  einheitlichen  Bildung  von  Krystallkörnern 
und   Trümern  hin;   dieselbe   Auffassung   befürworten  solche 


257 


Krystalle ,  in  welche  von  zwei  Seiten  die  zugespitzten  Enden 
zweier  sich  begegnenden,  aber  in  ihrer  Richtung  nicht  genau 
aufeinander  treffenden  Trümer  einmünden  und  in  der  Krystall- 
substanz  aufgehen. 

5.  Weiterhin  ist  aber  auch  die  Substanz  der  zumeist 
wasserklaren  Trümer  keineswegs  allerwärts  klar,  vielmehr  an 
einzelnen  Stellen  ebenso  licht  bräunlich  oder  graulich  gefärbt, 
wie  die  meisten  Krystallkörner  zum  grössten  Theil. 

6.  Ganz  besonders  aber  befürwortet  ein  bereits  an  an- 
derer Stelle  (cfr.  diese  Zeitschr.  Bd.  XXI.  pag.  316  —  319, 
wo  jedoch  die  Beschreibung  in  mancher  Hinsicht  zu  verbessern 
ist)  mitgetheiltes  Vorkommen  die  vom  Redner  vertretene  Auf- 
fassung: Es  giebt  bei  Rübeland  Porphyroide ,  welche  dunkel- 
grau bis  tintenfarbig  pigmentirte  Quarz  -  und  Orthoklas  -  Ein- 
sprenglinge  neben  den  helleren  Krystallkörnern  besitzen  und 
in  diesen  sind  auch  die  bereits  makroskopisch  deutlich  sicht- 
baren Trümer  theils  klar,  theils  ebenso  dunkel  pigmentirt,  wie 
die  Einsprenglinge  und  es  verhalten  sich  die  dunklen  Trümer 
zu  den  dunklen  Krystallen  ganz  ebenso,  wie  die  klaren  Trü- 
mer zu  den  vollständig  klaren  Krystallen.  Dabei  nimmt  man 
unter  dem  Mikroskop  deutlich  wahr,  dass  das  noch  näher  zu 
prüfende,  höchst  wahrscheinlich  kohlige  und  der  dunklen 
Substanz  in  den  Couseraniten ,  Chiastolithen  und  anderen  Mi- 
neralien vergleichbare  Pigment,  da  wo  es  weniger  dicht  ver- 
theilt ist,  nur  eine  schwache  Bräunung  hervorruft,  wie  sie  die 
helleren  Krystalle  meist,  nur  in  noch  geringerem  Maasse,  zeigen. 

7.  Zu  allen  diesen  Momenten  tritt  der  wichtige  Um- 
stand, dass  bei  Anwendung  von  polarisirtem  Licht  fast  an 
allen  Stellen,  wo  ein  solches  Trum  einen  Quarz  -  oder  Ortho- 
klaskrystall  scheinbar  durchsetzt  oder  in  ihm  endigt,  die  Pola- 
risationsfarbe des  Krystalls  und  des  Trums  bei  gekreuzten 
Nicols  und  jeglicher  Drehung  des  Schliffs  in  seiner  Ebene 
durchaus  dieselbe  ist.  Während  im  polarisirten  Licht  die 
Trümer  da,  wo  sie  die  Grundmasse  durchlaufen,  aus  einem 
sehr  bunten  Mosaik  kleinster  Kryställchen  bestehen,  herrscht 
fast  stets  mit  einem  Male  bei  dem  Eintritt  in  das  porphyroidische 
Krystallkorn  auf  die  ganze  Erstreckung  ein  und  dieselbe  Farbe, 
wie  schon  gesagt,  diejenige  des  scheinbar  durchsetzten  Kry- 
stalls. Ja  man  sieht  gar  nicht  selten ,  dass  die  Farbe  der 
Krystallkörner   nicht   nur   innerhalb    des    normalen  Krystall- 

Zeits.  d.D.geol.  Ges.  XXVII.  1.  .  17 


258 


umrisses  constant  bleibt,  sondern  auch  darüber  hinaus  in  das 
von  Grundmasse  umgebene  Trum  eine  kleine  Strecke  weit 
hinein  fortsetzt,  so  dass  der  Krystall  nach  diesem  Bilde  im 
polarisirten  Licht  Ausläufer  in  den  Trumweg  hineinsendet. 
Bei  genauer  Beobachtung  sieht  man  denn  auch  schon  bei  ge- 
wöhnlichem Licht  eine  ganz  scharfe  Grenze  da,  wo  die  ein- 
heitliche Farbenerscheinung  aufhört,  so  dass  gar  kein  Zweifel 
sein  kann  ,  dass  in  der  That  auf  dem  Trumweg  ein  einheit- 
liches Quarz-  oder  Feldspathindividuum  in  dem  porphyroi- 
dischen  Einsprengling  mitsammt  seinen  Ausläufern  vorliegt. 

Aus  der  Summe  dieser  Gründe,  welche  einzeln  genommen, 
auch  die  aus  den  Polarisationserscheinungen  hergeleiteten, 
nicht  für  einen  vollgiltigen  Beweis  zureichend  erscheinen  kön- 
nen, folgert  der  Redner  im  Zusammenhange  mit  dem  geolo- 
gischen Vorkommen  der  in  Rede  stehenden  Gesteine,  dass 
das  scheinbare  Durchsetzen  der  Trümer  durch  die  Krystalle 
vielmehr  auf  einer  eigenthümlichen  Vertheilung  jenes  Pigments 
(und  vielleicht  noch  anderer  Einschlüsse,  wie  z.  Th.  ebenfalls 
pigmentisch  dunkel  gefärbter  Flüssigkeitsporen  mit  beweg- 
licher Libelle)  beruhe,  wonach  jene  kleinen  Trümer,  die  hie 
und  da  vielmehr  ein  vielfach  in  der  Grundmasse  verästeltes 
und  darin  capillarisch  endigendes  Adernetz,  als  regelmässige 
Spältchen  darstellen,  die  Hauptzuführungswege  bildeten,  auf 
denen  eine  Silicatlösung  in  dem  in  Krystallisation  begriffenen 
Gestein  circulirte  und  die  von  der  verunreinigenden  Substanz 
sowohl,  als  von  anderen  Einschlüssen  vielleicht  um  deswillen 
freier  geblieben  sind,  weil  die  Bewegung  der  Lösung  deren 
Fixirung  nicht  gestattete.  Nur,  wenn  das  Pigment  sehr  dicht 
gedrängt  eingebettet  liegt,  erfüllt  es  gleichmässig  die  Trümer 
und  die  grösseren  Krystalle,  die  als  seitliche  Erweiterungen  der 
erstereu,  hervorgebracht  durch  Bildung  eines  besonders  grossen 
Krystallindividuums,  gelten  müssen.  Wenn  übrigens  eine  Zer- 
spaltung  und  nachträgliche  Ausfüllung  des  festen  Gesteins 
zurückgewiesen  werden  muss  ,  so  gilt  dies  doch  nicht  in 
gleicher  Weise  für  eine  Spaltenbildung,  die  vor  oder  unter 
der  Verfestigung  des  Gesteins  durch  Austrocknen  des  ursprüng- 
lichen Sediments  oder  Krystallisationsspannung  stattgefunden 
haben  mochte  und  welche  dann  zum  natürlichen  Weg  für  die 
in  Circulation  begriffenen  Lösungen  und  zum  Sitz  reinerer 
Krystallisation  wurde.     Derartige  Spältchen  mögen  denn  auch 


259 


grössere  Krystalle  in  statu  nascendi  zertheilt  haben  ,  wonach 
aber  unmittelbar  darauf  die  Ausheilung  mit  zu  dem  Krystall 
optisch  gleichartig  oder  seltener  ungleichartig  orientirter  Sub- 
stanz erfolgt  sein  muss.  Redner  lenkt  die  Aufmerksamkeit  auf 
diese  Beobachtungen  in  der  Hoffnung,  es  werden  sich  bei  sorgfäl- 
tiger weiterer  Verfolgung  derselben  sichere  Kriterien  zur  Unter- 
scheidung krystallinischer  und  klastischer  Gesteinselemente 
finden  lassen ,  auch  wenn  die  äussere  Form  oder  andere 
Umstände  kein  Mittel  zur  Unterscheidung  an  die  Hand  geben. 
Er  ist  der  Ansicht,  dass  derartige  Trümer  gar  nicht  so  selten 
sein  werden  in  allen  den  Sedimenten,  welche  nach  ihrer  Ab- 
lagerung einen,  gleichviel  ob  diagenetischen  oder  metamor- 
phischen ,  Krystallisationsprocess  erlitten  haben ,  und  führt 
dafür  an ,  dass  ein  zufällig  vorliegender  Dünnschliff  einer 
Harzer  Grauwacke  darauf  geprüft  analoge  Erscheinungen  dar- 
bot, wonach  es  den  Anschein  gewinnt,  dass  nicht  alle  Quarz- 
und  (?)  I?eldspathkörner  in  der  Grauwacke  klastischer  Natur  sind. 
Weitere  eingehendere  Mittheilungen  über  den  Gegenstand  sollen 
folgen. 

Derselbe  theilte  aus  einem  von  Herrn  F.  Zirkel  in  Leipzig 
an  ihn  gerichteten  Briefe  mit,  dass  dieser  unermüdliche  Mi- 
kroskopiker  in  amerikanischen  Gesteinen  Leucit,  „unendlich 
viel  schöner,  als  ihn  das  alte  Europa  gebiert",  aufgefunden 
habe. 

Herr  Kosmann  referirte  über  einen  im  Februarhefte  der 
Comptes  rendus  etc.  enthaltenen  Aufsatz  von  Des  Cloizeaux 
über  die  optischen  doppelbrechenden  Eigenschaften  der  tri- 
klinen  Feldspäthe.  Des  Cloizeaux  behauptete,  durch  die  ge- 
nauere Untersuchung  dieser  Eigenschaften  am  Albit,  Oligoklas, 
Labrador  und  Anorthit  zu  Ergebnissen  gelangt  zu  sein,  welche 
der  vor  einigen  Jahren  aufgestellten  Theorie  Tschermak's, 
dass  die  intermediären  triklinen  Feldspäthe  als  isomorphe 
Mischungen  der  Grenztypen,  nämlich  des  Albits  und  Anorthits, 
zu  betrachten  seien,  hinfällig  machen»  Die  optische  Mittel- 
linie des  Albits  ist  positiv,  die  Axenzerstreuung  ergiebt  p  <!  o, 
und  ergiebt  sich  gleiches  für  den  Anorthit,  wenngleich  die 
Orientation  der  Axenebene  des  letzteren  keine  so  bestimmte, 
wie  an  ersterem  und  ebenso  wie  am  Oligoklas  und  Labrador. 
Die  Bestimmung  der  positiven  oder  negativen  Beschaffenheit 
der  optischen  Mittellinie  im  Oligoklas  erleidet  Schwankungen, 


260 


die  Zerstreuung  für  die  negative  Mittellinie  des  spitzen  Axen- 
winkels  zeigt  p  >  u.  Am  Labrador  dagegen  zeigt  sich  die 
optische  Mittellinie  stets  positiv  und  die  Axenzerstreuung  in 
den  Farben  p  >  u. 

Es  wird  .hieraus  gefolgert :  1.  dass  gewisse  Mineral- 
varietäten ,  wie  der  Mondstein  von  Mineral  Hill ,  der  Tscher- 
makit  vom  Bamle  in  Norwegen  auf  den  Albit,  der  Kalkoligo- 
klas  oder  Hafnefjordit  auf  den  Labrador  zurückzuführen  seien; 
2.  dass  die  TsCHERMAK'sche  Theorie  mit  Bestimmtheit  für  den 
Labrador  zurückgewiesen  werden  müsse,  insofern  bei  dem 
Zusammentreten  zweier  Minerale ,  deren  Mittellinie  negativen 
Charakter  und  deren  Axenzerstreuung  den  Index  p  <*  u  habe, 
nicht  ein  anderes  Mineral  resultiren  könne ,  welches  eine 
Mittellinie  von  positivem  Vorzeichen  und  einer  Axenzerstreuung 
p  ;>  u  aufweise. 

Herr  Bauer  besprach  die  Analyse  des  Tschermakits  von 
Pisani  ,  die  in  derselben  Arbeit  von  Des  Cloizeaux  angeführt 
ist,  und  die  mit  der  Analyse  von  Hawes  vollkommen  überein- 
stimmt und  ebenso  mit  der  Tschermak' sehen  Theorie ,  nach 
welcher  der  Tschermakit  ein  Na- reicher  Oligoklas  ist.  Des 
Cloizeuax  erklärte  ihn  auf  Grund  seiner  optischen  Unter- 
suchungen für  Albit.  Diese  Untersuchungen  dürften  aber  kaum 
geeignet  sein,  die  TsCHERMAK'sche  Theorie  als  unzutreffend  zu 
kennzeichnen,  da  diese  Frage  wesentlich  vom  chemischen  Stand- 
punkt aus  entschieden  werden  muss,  und  da  hat  man  doch 
gefunden,  dass  bei  allen  guten  Analysen  Theorie  und  che- 
mischer Befund  durchaus  übereinstimmen. 

Herr  Schmidt  legte  einige  Blätter  der  photographischen 
Copie  seiner  Mondkarte  vor. 

Hierauf  wurde  die  Sitzung  geschlossen. 

V.  w.  o. 

Betrich.         Dames.  Bauer. 


c 


Druck  von  J.  F.  Starcke  in  Berlin. 


Inhalt  des  1.  Heftes. 


A.  Aufsätze. 

Seite. 

f.  Geologie  der  Morgenberghornkette  und  der  angrenzenden 
Flysch-  und  Cypsregion  am  Thunersee.  Von  Herrn 
Madrice  von  Tribolet  in  Neuchätel.  (Hierzu  Tafel  I.)  .  1 

2.  üeber  die  Schichtenfolge  des  oberen  Jura  bei  Ahlem  unweit 

Hannover  und  über  das  Vorkommen  der  Exogyra  virgula 
im  oberen  Korallen  -  Oolith  des  weissen  Jura  daselbst. 
Von  Herrn  C.  Strcckmann  in  Hannover  30 

3.  Geognostisch  -  chemische  Mittheilungen    über    die  neuesten 

Eruptionen  auf  Vulcano   und    die    Producte  derselben. 

Von  Herrn  A.  Baltzer  in  Zürich.  (Hierzu  Tafel  II  — IV.)  36 

4.  Ueber  die  Eisenerzlagerstätten  von  El  Pedroso  in  der  Pro- 

vinz Sevilla.   Von  Herrn  Ferd.  Roemer  in  Breslau    .    .  63 

5.  Ueber  das  Vorkommen  von  Nöggerathia  foliosa  Stbg.  in  dem 

Steinkohlengebirge  von  Oberschlesien  und  über  die  Wich- 
tigkeit desselben  für  eine  Parallelisirung  dieser  Schichten 
mit  denen  von  Böhmen.  Von  Hrn.  Ottokar  Feistmantel 
in  Breslau.  (Hierzu  Tafel  V.)  70 

6.  Ueber  den  bunten  Sandstein  in  den  Vogesen,  seine  Zusam- 

mensetzung und  Lagerung     Von  Herrn  R.  Lepsius  in 
Berlin.    (Hierzu  Tafel  VI.)  83 

7.  Die   granitischen  Gänge  des   sächsischen  Granulitgebirges. 

Von  Herrn  H.  Crednrr  in  Leipzig.    (Hierzu  Tafel  VII.)  104 

B.    Briefliche  Mittheilungen 
der  Herren  Hilgendorf  und  Gottsche  224 

C.    Verhandlungen  der  Gesellschaft. 

1.  Protokoll  der  Januar-Sitzung,  vom  6.  Januar  1875    .    .    .  229 

2.  Protokoll  der  Februar-Sitzung,  vom  3.  Februar  1S75  ...  244 

3.  Protokoll  der  März-Sitzung,  vom  3.  März  1875     .    .    .    .  251 


Die  Autoren  sind  allein  verantwortlich  für  den  Inhalt  ihrer  Abhandlungen. 


Einsendungen  für  die  Bibliothek  der  Gesellschaft,  Beiträge  für 
die  Zeitschrift,  Briefe  und  Anfragen,  betreffend  die  Versendung  der 

Zeitschrift,  Reclamationen  nicht  eingegangener  Hefte,  sowie  Anzei- 
gen etwaiger  Veränderungen  des  Wohnortes  sind  an  Dr.  Dames  (Lust- 
garten No.  6.)  zu  richten.  Die  Beiträge  sind  pränumerando  an  die 
Bessersche  Buchhandlung  (Marienstrasse  10.)  einzureichen.  Die 
Herren  Mitglieder  werden  ersucht,  diese  Einzahlung  nicht  auf  buch- 
j  händlerischem  Wege,  sondern  durch  directe  Uebersendung  an 
I    die  BeSMersche  Buchhandlung  zu  bewirken. 


Zeitschrift 


der 


Deutschen  geologischen  Gesellschaft. 


XXVII.  Band. 

2.  Heft. 

April  bis  Juni  1875. 


(Hierzu  Tafel  VIII  — XI.) 


Berlin,  1875. 

Bei  Wilhelm  Hertz  (Bessersche  Buchhandlung). 

Marienstrasse  No.  10. 


Zeitschrift 

der 

Deutschen  geologischen  Gesellschaft. 

2.  Heft  (April,  Mai  und  Juni  1875). 


A.  Aufsätze, 


1.  Aus  dem  Thüringischen  Schieferg*birge. 

Von  Herrn  R.  Richter  in  Saalfeld. 

Hierzu  Tafel  VIII. 
V.*) 

Nachdem  es  gelungen,  die  von  dem  königl.  bayer.  Ober- 
bergrath Herrn  Dr.  C.  W.  Gümbel  zuerst  bei  Gräfenthal  und 
bei  Steinach  unterschiedenen  graptolithenreichen  Schiefer  im 
Hangenden  der  obersilurischen  Kalklager  Thüringens  (vergl. 
diese  Zeitschr.  XXIII.  pag.  782)  auf  der  ganzen  Strecke  von 
Saalfeld  bis  Hämmern  als  ein  constantes,  wenn  auch  mehrfach 
bis  -zum  Verschwinden  verdrücktes  Glied  des  obersilurischen 
Systems  im  Thüringer  Walde  zu  erkennen ,  zerlegt  sich  das 
ganze  System  am  einfachsten  in  eine  untere  graptolithenreiche 
Abtheilung  (Graptolithenschichten) ,  welche  aus  den  basalen 
Kiesel  -  und  Alaunschiefern  (3.  des  umstehenden  Profils, 
welches  dem  südlichen  Theile  der  Umgegend  von  Saalfeld 
entnommen  ist),  den  mittleren  Kalklagern  mit  Orthoceras  bohe- 
micum  Barr,  und  Cardiola  interrupta  Brod.  (4.  des  Profils) 
und  aus  den  hangenden  Kiesel-  und  Alaunschiefern  (5.  des 
Profils)  besteht;    und  in  eine  obere  tentaculitenreiche  (Tenta- 


*)  Vergl.  diese  Zeitschr.  XIII.  pag.  231  ff. 

Zeits.d.D.geoI.  Ges.  XXVII.  2.  18 


262 


culitenschichten) ,  welche  aus  den  Knotenkalken  mit  Ktena- 
kanthusstacheln ,  Tentaculites  acuarius  und  Favosites  gottlandica 
Goldf.  (6.  des  Profils),  ferner  den  Nereitenschichten  (7.  des 
Profils)  und  den  Schiefern  mit  Tentaculites  cancellatus  (8.  des 
Profils) ,  endlich  den  alaunschieferartigen  Grenzschiefern ,  in 
denen  bis  jetzt  Petrefacten  nicht  aufgefunden  sind  (9.  des  Profils), 
sich  aufbaut. 


12.  Schotter. 
11.  Zechstein. 
10-  Cypridinenschiefer. 
9.  Grenzschiefer. 

8.  Cancellatusschichten  (Tentacu- 

litenschiefer).  ***) 
7.  Nereitenschichten. 


6.  Ktenakanthuschichten  (Tentacu- 

litenschichten  (Gein.)*). 

5.  Oberer  Graptolithenschiefer. 

-4.  Interruptakalk.  **) 

3.  Untere  Graptolithenschiefei'. 

2.  Untersilur, 

t.  Phycodesschichten. 


Ihrer  petrographischen  Beschaffenheit  nach  sind  die  in 
Rede  stehenden  oberen  Graptolithenschiefer,  die  selbstver- 
ständlich mit  den  liegenden  Interruptakalken  und  den  hangen- 
den Ktenakanthusschichten  in  vollkommener  Concordanz  sich 
befinden  ,  mit  den  unteren  Graptolithenschiefern  fast  ganz 
gleichartig  und  Handstücke  aus  beiden  Horizonten  lassen  sich 
nur  bei  genauer  Vergleichung  unterscheiden.  Wie  die  unteren, 
so  constituiren  die  oberen  Graptolithenschiefer  in  ihrem  tiefsten 
Theile  einen  Kieselschiefer,  der  nach  aufwärts  mehr  und  mehr 
mit  Alaunschieferlagen  abwechselt  und  endlich  ganz  und  gar 
zurücktritt;   wie  jene,   gestatten  sie  dem  unbewaffneten  Auge 


*)  Der  Name  ist  gewählt  worden ,  um  das  Formationsglied  als 
das  tiefste,  in  welchem  Wirbclthicrrcste  vorkommen,  auszuzeichnen. 

**)  Der  in  dieser  Zeitschr.  Bd.  XXIII.  pag.  782  gebrauchte  Name 
Ockerkalk  würde  ebenso  den  Zechstcinkalken  zukommen,  aus  denen  hier 
Ocker  in  weit  grösserer  Menge  gewonnen  wird,  als  aus  dem  Interrupta- 
kalk. 

***)  Nach  dem  vorherrschenden  Tentaculites  cancellatus. 


263 


eine  Unterscheidung  der  Gemengtheile  nicht;  wie  jene  besitzen 
sie  eine  regelmässige  Schieferung ,  die  sich  von  centimeter- 
starken  Tafeln  bis  zu  papierdünnen  Blättern  verfolgen  lässt; 
wie  diese  sind  sie  tiefschwarz  und  nehmen  erst  nach  längerer 
Einwirkung  der  Atmosphärilien  graue  und  weissliche  Nuancen 
an  und  unterscheiden  sich  nur  dadurch  ,  dass  ihr  Korn  etwas 
weniger  rauh  und  ihre  Härte  etwas  geringer  ist,  was  auf 
einen  grösseren  Gehalt  von  Thonerde  hinweist,  vermöge  dessen 
sie  an  manchen  Punkten ,  wie  bei  Steinach  und  Gebersdorf, 
bei  der  Verwitterung  in  thonige  Blätter  und  Splitter  zerfallen. 
Fast  scheint  es,  als  ob  Engelhardt  das  Vorkommen  dieser 
Schiefer  in  der  Partschengasse  zu  Steinach  meine,  wenn  er 
(diese  Zeitschr.  Bd.  IV.)  gewisser  Thonschiefer  gedenkt,  die 
in  Folge  von  Anfeuchtung  plastisch  werden. 

Auch  ist  die  Beimengung  von  Eisenkies  eine  geringere, 
weshalb  diese  oberen  Graptolithenschiefer ,  obgleich  auch  ihre 
Petrefacten  nicht  selten  verkiest  sind,  doch  wenig  Neigung  zur 
Erzeugung  jener  Efflorescenzen  zeigen  ,  die  in  den  unteren 
Graptolithenschiefern  so  häufig  und  nutzbar,  der  Erhaltung  der 
Petrefacten  dagegen  so  nachtheilig  sind.  Nur  an  einem  Punkte, 
im  Rothenbach  unweit  Saalfeld ,  sind  sie  eine  Zeit  lang  zur 
Vitriolbereitung  verwendet  worden.  Dagegen  sind  ebenso  wie 
dort  die  Abdrücke  der  Petrefacten  mit  einem  Pyrophyllit- 
häutchen  überzogen  und  die  Verkiesungen  von  diesem  Mineral 
umhüllt. 

Ein  mehr  als  nur  gradueller  Unterschied  scheint  der  zu 
sein,  dass  die  oberen  Graptolithenschiefer  fast  überall  und  am 
meisten  bei  grösserer  Mächtigkeit  eine  Streckung  in  der  Rich- 
tung des  Streichens  und  eine  Stauchung  in  der  Richtung  des 
Fallens  wahrnehmen  lassen,  die  am  deutlichsten  in  der  Be- 
schaffenheit der  Petrefacten  zum  Ausdrucke  gelangt ,  indem 
diese  in  der  ersten  Richtung  länger  und  schlanker,  in  der 
zweiten  kürzer  und  breiter  erscheinen ,  als  in  den  zwischen- 
liegenden Richtungen,  in  denen  allein  sie  die  mittleren  natür- 
lichen Dimensionen  beibehalten. 

Die  paläontologischen  Unterschiede  lassen  sich  vorläufig 
noch  nicht  mit  Sicherheit  bezeichnen ,  da  die  Untersuchung 
unseres  oberen  Graptolithenhorizonts  gerade  in  dieser  Richtung 
noch  zu  wenig  eingehend  hat  geschehen  können.  Im  Allge- 
meinen sind  in  dem  oberen  Horizont  bisher  nur  zwei  Grapto- 

18* 


264 


lithenformen  aufgefunden  worden ,  die  mit  jenen  des  unteren 
Horizonts  nicht  übereinstimmen.  Das  Vorkommen  ausschliess- 
lich geradliniger  monoprionidischer  Graptolithen  (diese  Zeitschr. 
Bd.  XXIII.  pag.  782)  bestätigt  sich  nicht,  sondern  beschränkt 
sich  nur  auf  einzelne  Fundorte  ,  wie  es  nicht  selten  auch  in 
den  unteren  Graptolithenschiefern  der  Fall  ist,  während  ander- 
wärts auch  gekrümrate  und  gewundene  Formen  sich  jenen  bei- 
gesellen. Wenn  bisher  diprionidische  Formen,  die  doch  selbst 
den  Nereitenschichten  und  den  Cancellatusschiefern  nicht  ab- 
gehen, noch  nicht  beobachtet  worden  sind,  so  würde  ein  Schluss 
auf  das  gänzliche  Fehlen  derselben  innerhalb  dieses  Horizontes 
doch  umsomebr  verfrüht  sein,  als  einestheils  bis  jetzt  nur  an 
wenigen  Punkten  gesammelt  worden  ist,  anderntheils  diese 
zweizeiligen  Graptolithen  auch  in  dem  unteren  Horizonte  oft 
auf  weite  Strecken  hin  vermisst  werden. 

Desto  auffallender  ist  das  Vorkommen  eines  Dicranograptus, 
da  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  diese  Gattung  nur  den 
relativ  älteren  Formationen  anzugehören  schien  und  deshalb 
ihre  Abwesenheit  in  den  unteren  Graptolithenschiefern  Thü- 
ringens nicht  überraschte.  Um  so  merkwürdiger  dieses  Wieder- 
aufleben der  Gattung.  Aber  auch  noch  in  anderer  und  sehr 
beachtenswerther  Weise  weicht  die  Fauna  der  oberen  Grapto- 
lithenschiefer  von  jener  der  unteren  und  zwar  darin  ab ,  dass 
wenigstens  an  zwei  Stellen  (Adriansthal  bei  Saalfeld  und 
Gissera  bei  Reschwitz)  mit  den  Graptolithen  zugleich  Tenta- 
culiten  der  Ktenakanthusschichten  vorkommen,  während  ausser- 
dem in  dem  ganzen  Gebiete  der  Graptolithenschichten  noch 
nie  eine  Spur  von  diesen  kleinen  Pteropoden  entdeckt  worden 
ist.  Diese  Tentaculiten ,  eine  kleine  Discina  und  Graptolithen 
nebst  einigen  Formen  incertae  sedis  machen  vorläufig  den  gan- 
zen Bestand  der  Fauna  des  oberen  Graptolithenhorizontes  aus. 


Das  unmittelbar  Hangende  des  oberen  Graptolithenhori- 
zontes, also  das  Tiefste  der  Ktenakanthusschichten,  besteht  aus 
schwarzen  Schiefern,  deren  ebenfalls  schwarze  Kalkconcretionen 
von  bedeutender  Grösse  und  oft  plattenförmiger  Absonderung 
sind.  Bei  der  Verwitterung  bräunt  sich  theilweise  das  Gestein 
und   lässt   sowohl  daran   als   auch   an  der  rothen  Färbung, 


265 


welche  die  Oberfläche  der  aus  weissem  Kalkspath  bestehenden 
Tentaculiten  bedeckt,  einen  gewissen  Eisengehalt  erkennen. 
Manchmal  sind  auch  diese  weissspäthigen  Tentaculiten  mit 
einer  dünnen  Markasitrinde  umgeben ,  die  an  die  Stelle  des 
Schälchens  getreten  ist  und  alle  Ornamente  des  Petrefacts  bis 
in  die  feinsten  Einzelheiten  conservirt  hat.  Neben  diesen  dem 
Formationsgliede  eigenen  Tentaculiten  findet  sich  noch  die  für 
Thüringen  neue  Pterinaea  lineatula  d'Orb.  (Ludlow)  und  Car- 
diola  striata  Sow. ,  die  bisher  in  diesen  Schichten  noch  nicht 
gefunden  worden  war,  in  ausgezeichnet  grossen  Exemplaren. 
Erst  darunter  folgen  die  oberen  Graptolithenschiefer  mit  ihrer 
besonderen  Fauna  —  Pflanzenreste  haben  sich  noch  nicht  ent- 
decken lassen. 

Nach  ihrem  Erhaltungszustande  sind  die  Petrefacten  der 
oberen  Graptolithenschiefer  theils  Abdrücke,  theils  Verkiesungen, 
aber  nur  die  Graptolithen  zeigen  in  beiden  Fällen  regelmässig 
den  schon  erwähnten  Ueberzug  von  Pyropbyllit,  der  manchmal 
eine  ansehnliche  Stärke  hat  und  auf  den  ausgebleichten  Schie- 
fern ein  silberweisses  und  endlich  ein  mattes  kalkartiges  Aus- 
sehen hat.  Andere  Petrefacten  sind  nur  ausnahmsweise  von 
Pyropbyllit  begleitet  und  gestatten  den  Schluss  auf  eine  Be- 
schaffenheit der  petrificirten  Reste,  die  jener  der  Graptolithen 
entsprochen  haben  möchte. 

1.  Tentaculites  ferula. 

Vergl.  diese  Zeitschr.  Bd.  XVIII.  pag.  410,,  Taf.  V.  Fig.  1.  2. 

2.  T.  acuarius. 

3.  T.  Geinitzianus. 

4.  T.  infundibulum. 

5.  T.  subconicus  Gein. 

Vergl.  diese  Zeitschr.  Bd.  VI.  pag.  285  ff.,  Taf.  III.  Fig.  2-9  und 
17  -  19. 

6.  Discina  dissimilis  n.  sp. 

Taf.  VIII.  Fig.  1. 

Fast  regelmässig  eirund,  8  —  10  Mm.  lang,  6  —  7  Mm. 
breit.  Die  sehr  fein  punktirte,  aber  sonst  glatte  Ventralklappe 
hat  einen  engen  Schlitz  mit  wenig  hervortretender  Randwulst. 
Die  mützenförmige  Dorsalklappe  mit  länglichem ,  nach  hinten 
und  oben  excentrischem  Scheitel  ist  mit  starken  radialen  Rip- 


266 


pen ,  die  gegen  den  Rand  hin  durch  Einschiebung  sich  ver- 
mehren, und  einigen  ziemlich  entfernt  stehenden  Anwachs- 
streifen versehen.  Der  Rand  scheint  leistenartig  verdickt  ge- 
wesen zu  sein ,  da  oft  nur  der  vertiefte  Eindruck  desselben 
erhalten  ist  und  bei  Erhaltung  der  ganzen  Schale  diese  immer 
innerhalb  der  Randleiste  eingedrückt  ist ,  so  dass  zwischen 
diesem  Rande  und  dem  Scheitel  eine  ringförmige  Vertiefung 
entsteht,  in  welcher  die  Radialrippen  selten  erkennbar  bleiben, 
und  in  diesem  Falle  es  den  Anschein  hat,  als  ob  ein  glattes 
Band  zwischen  Rand  und  Scheitel  liege. 

In  den  obersten  Lagen  unseres  Horizonts  die  Schicht- 
flächen dicht,  wie  ein  Pflaster  bedeckend,  so  dass  kaum  ein 
Tentaculit  oder  Graptolith  dazwischen  Raum  findet. 

Dicrano  graptus  Hall  z.  Th. 

Der  kurze  verkehrtkegelförmige  Fuss  verbreitert  sich  nach 
oben  und  bildet  so  die  Basis  für  die  zwei  monoprionidischen 
Arme  des  Stockes,  welche  in  einem  weitgeöffneten  Winkel 
divergiren  und  einander  ihre  Dorsalseiten  zukehren,  während 
die  Ventralseite  mit  den  Zellen  nach  aussen  und  unten  ge- 
wendet ist.  Nach  diesen  Charakteren  gehört  hierher  ausser 
dem  typischen  D.  divaricatus  Hall  nur  noch  die  unten  zu 
beschreibende  Form ,  denn  Ciadograptus  Forchammeri  Gein., 
den  Hall  mit  der  Gattung  vereinigt,  hat  in  der  Abbildung  bei 
Geinitz  (Graptolithen  Taf.  V.  Fig.  29 —  31)  einen  Fuss,  nach 
dessen  Stellung  die  Arme  einander  die  Ventralseite  zukehren 
und  gehört  demnach  zu  Didymo  graptus. 

Von  der  Beschaffenheit  der  Zellen,  die  Hall  als  blosse 
Einsenkungen  in  den  Canal  ohne  becherförmigen  oder  anders- 
gestalteten Rand  charakterisirt,  wird  um  so  eher  abgesehen 
werden  dürfen,  als  auch  in  anderen  Gattungen,  namentlich  in 
der  Gattung  Monograptus  Formen  wie  M.  cliorda  und  die  übrigen 
Rastriten  (diese  Zeitschr.  Bd.  XXIII.  p.  240.  Taf.  V.  Fig.  2—4.) 
vorkommen,  deren  Zellen  auch  bloss  in  den  Canal  eingelassen 
und  nur  durch  Ornamente  oder  Bewaffnungen  ausgezeichnet 
sind.  Die  unmittelbar  aus  dem  Fusse  entspringende  Diver- 
genz der  beiden  Arme  des  Stockes  ist  an  der  Basis  nicht 
durch  den  Scheitel  eines  Winkels,  sondern  durch  eine  ziemlich 
weite    und    völlig    glatte   Ausrundung   markirt   und  schliesst 


267 


deshalb  Formen,   wie  D.  sextans  Hall.   D.  ramosus  Hall, 

D.  furcatus  Hall  und  D.  Clingani  Carr.  ,  die  am  Grunde  des 
Stockes  diprionidisch  erscheinen  und  dann  erst  in  zwei  mono- 

prionidische  Aeste  zerfallen,  aus  der  oben  definirten  Gat- 
tung aus. 

7.    D.  posthumus  n.  sp. 
Taf.  VIII.  Fig.  2.  3. 

Fuss  einfach ,  wenigstens  lässt  sich  bis  jetzt  keine  Spur 
der  Nebenfüsse  des  D.  divaricatus  Hall  erkennen.  Canal  eng 
mit  einer  Axe,  die  in  dem  normalen  Verhältniss  zu  demselben 
steht.  Die  Linien,  die  in  der  Substanz  des  Fusses  zum  Vor- 
schein kommen ,  sind  nicht  bei  allen  Exemplaren  dieselben 
und  lassen  sich  deshalb  nicht  mit  Sicherheit  auf  die  x\nfänge 
der  Axe  beziehen.  Bei  dem  vorliegenden  Erhaltungszustande 
sind  am  Canal  weder  die  gewöhnlichen  schiefen  Querrunzeln, 
noch  auch  die  Knötchen  nachzuweisen  ,  welche  bei  D.  divari- 
catus Hall  erscheinen ,  obgleich  einzelne  Andeutungen  der- 
selben vorhanden  sind.  Die  Zellen  entspringen  in  solcher 
Entfernung  von  einander ,  dass  die  Basis  der  folgenden  Zelle 
mit  der  Spitze  der  vorhergehenden  auf  gleicher  Höhe  steht; 
legen  sich  eng  an  den  Canal  an,  von  dessen  Richtung  sie  nur 
um  ca.  20 0  abweichen ,  haben  die  vierfache  Länge  des  Quer- 
durchmessers und  stellen  enge  Becherchen  dar,  deren  Aussen- 
wand  etwas  schneppenförmig  vorgezogen  ist.  Die  Mündung 
liegt  zwischen  dieser  Schneppe  und  dem  Canal  und  scheint 
mit  einem  verdickten  und  abgerundeten  Saume  versehen  zu 
sein.  Der  Pyrophyllitüberzug,  der  sich  ohne  Verletzung  des 
Petrefacts  nicht  abheben  lässt,  verbirgt  manche  Details. 

Hauptsächlich  im  mittleren  Theile  des  Horizonts. 

8.    Mono  graptus  colonus  Barr. 

Qraptolithus  colonus  Barrandk,  Graptol.  de  Boh.  pag.  42.  PI.  II. 
f.  1  —5. 

9.    M.  nuntius  Barr. 
Grapt.  nuntius  Barr.  1.  c.  pag.  45.  PI.  II  f.  6 — 8. 

10.    M.  cf.  sa gittarius  His. 

Prionolus  sagittarius  Hisinger,  Leth.  suec.  Suppl.  p.  114.  t.  35.  f.  6. 
Monograptus  sagittarius  His. ,    Geinitz,  Graptol.  t.  2  f.  3.  4.  und 
t.  3  f.  9.  10. 


268 

11.  M.  Nilsso  ni  Barr. 

Grapt.  Nilssoni  Barr.  1.  c.  pag.  51.  PI.  II.  f.  16.  17. 

Neben  der  echten  Form  Barrande's  findet  sich  auch  die 
robustere,  die  Nicholson  (Quart.  Journ.  of  the  Geol.  Soc.  1868. 
PI.  XX.  f.  20.  21.)  als  var.  major  unterscheidet.  Abgesehen 
von  den  Dimensionen  bleiben  die  Relationen  der  einzelneu 
Theile  zu  einander  gleich,  da  die  Stärke  des  Canals  jener  der 
Zellen  gleich  ist,  die  Stellung  der  letzteren  um  15°  von  der 
Richtung  des  Canals  abweicht  und  die  Länge  der  Zellen,  deren 
jede  mit  ihrer  Spitze  nur  die  Basis  der  nächstfolgenden  er- 
reicht, 2,5  mal  grösser  ist,  als  ihr  Querdurchmesser.  Die 
Axe ,  die  auch  in  vielen  Abdrücken  aus  Eisenkies  besteht, 
zerfällt  öfters  in  ganz  kurze  cylindrisehe  oder  kugelförmige 
Fragmente. 

12.  M.  microdon  n.  sp. 
Taf.  VIII.  Fig.  4.  5.  6. 

Schlank  und  sehr  langsam  an  Stärke  zunehmend.  Der 
einfache  Fuss  ist  meist,  wie  bei  den  monoprionidischen  For- 
men überhaupt,  aufwärts  zurückgeschlagen.  Der  nicht  selten 
leicht  hin  und  hergebogene  Canal  ist  stärker  als  die  Zellen 
mit  einer  Axe  von  normaler  Stärke  und  an  den  Seiten  da, 
wo  der  Boden  der  Zellen  zu  vermuthen  ist,  mit  einem  Orna- 
ment, das  bald  als  eingedrückter  Punkt,  bald  als  Knötchen 
erscheint.  Die  schiefen  Querrunzeln  des  Hautskelets,  die 
anderen  Formen  selten  fehlen,  lassen  sich  hier  vielleicht  in 
Folge  der  Pyrophyllithülle  nicht  erkennen.  Die  Zellen  be- 
schreiben mit  dem  Canal  einen  Winkel  von  15°,  stehen  um 
ihre  eigene  Länge  von  einander  ab,  so  dass  die  Spitze  der  un- 
teren Zelle  nur  wenig  über  die  Basis  der  darüber  stehenden 
hinaufreicht,  sind  am  Grunde  bauchig,  nach  oben  fast  hals- 
artig verengt  und  der  Mundsaum  tritt  nur  sehr  wenig  nach 
aussen  und  unten  aus  dem  Umrisse  der  Ventralseite  hervor. 

Vermöge  der  verhältnissmässigen  Stärke  des  Canals  und 
der  damit  zusammenhängenden  Abplattung  der  Zellen  scheint 
der  Stock  eine  gewisse  Rundung  besessen  zu  haben,  was  auch 
daraus  hervorgeht,  dass  scalariforme  Exemplare  oder  solche, 
deren  Axe  in  der  Medianlinie  liegt,  ziemlich  häufig  vorkommen. 


269 


13.    M.  priodon  Bronn. 

Lomatoceras  priodon  Bronn,  Leih,  geogn.  I.  pag.  56.  t.  1.  f.  13. 
Grajtt.  priodon  Barr.,  Grapt.  pag.  38.  PI.  I.  f.  1  — 14, 

Taf.  VIII.  Fig.  7. 

Häufig  nur  im  oberen  Theile  des  Horizonts  und  zwar 
nieist  verkiest  in  Gesellschaft  der  Tentaculiten ,  der  Pterinaea 
lineatula  d'Orb.  ,  der  Cardiola  striata  Sow.  und  der  Discinen. 
Eins  dieser  verkiesten  Exemplare  zeigt  an  dem  stärkeren  Theile 
des  zurückgeschlagenen  Fusses  eine  deutlich  erkennbare  Zellen- 
mündung und  unterstützt  somit  die  Anschauung,  dass  der  Fuss 
eigentlich  nur  das  erste  Individuum  des  Graptolithenstockes 
sei,  welches  nach  Bildung  der  ersten  Knospe  zu  Grunde  geht 
und  fortan  nur  noch  zur  Befestigung  der  Colonie  dient. 

14.   M.  Ludensis  Murchison. 
Gr.  Ludensis  Murcb.,  Sil.  Syst.  pag.  694.  PI.  XXVI.  f.  i.  la. 

Taf.  VIII.  Fig.  8.  9.  10.  11. 

Die  Artbestimmung  beruht  zunächst  auf  der  fast  vollkom- 
menen Uebereinstimmung  des  hiesigen  Petrefacts  mit  der  Ab- 
bildung bei  Murchison.  Die  einzige  Abweichung  besteht  darin, 
dass  in  der  vergrösserten  Figur  la  die  Zellenmündungen  nicht 
angedeutet  sind,  ein  Mangel,  der  1839,  zu  einer  Zeit,  in  der 
Barrande's  bahnbrechendes  Werk  über  die  böhmischen  Gra- 
ptolithen  noch  nicht  erschienen  war,  wohl  Entschuldigung  finden 
wird.  Eine  weitere  Stütze  für  unsere  Bestimmung  gewähren 
Exemplare  aus  nordischen  Geschieben,  die  in  der  Umgebung 
von  Rostock  gesammelt  worden  sind. 

Der  Stock  erreicht  eine  ansehnliche  Länge  und  ist  im 
Jugendzustande  leicht  rückwärts  gekrümmt,  wächst  aber  dann 
in  gerader  Richtung  fort.  Der  Canal  erscheint  im  Profil  we- 
niger stark,  als  die  einzelne  Zelle  und  zeigt  eine  nur  sehr 
langsame  Zunahme.  Die  Axe  ist  von  normaler  Beschaffenheit 
und  «conservirt  sich  oft  noch  auf  eine  bedeutende  Länge,  wenn 
auch  die  jüngsten  Zellen  des  Stockes  gänzlich  zerstört  und 
verschwunden  sind.  Die  diehtanstossenden  Zellen,  deren  Reihe 
0,6  von  der  Profilbreite  des  Petrefacts  einnimmt,  stehen  um 
30 0  vom  Canale  ab ,  haben  die  doppelte  Länge  ihres  Quer- 
durchmessers und  sind  am  Grunde  bauchig,  oben  verengert 
mit  schief  nach  aussen  gewendeter  Mündung,  deren  Saum  sich 


270 


nach  vorn  zu  einer  abwärts  geneigten  Spitze  verlängert.  Die 
zahlreichen  scalariforraen  Exemplare  lassen  auf  eine  gewisse 
Rundung  des  Stockes  oder  auf  Abplattung  der  Dorsalseite 
schliessen. 

Der  häufigste  Graptolith  des  Horizonts,  aber  so  vielfach 
auch  alle  Schichtflächen  völlig  von  demselben  bedeckt  werden, 
so  gehören  doch  längere  Individuen  zu  den  Seltenheiten,  wäh- 
rend die  Stücke  bis  zu  3  Cm.  Länge  (Taf.  VIII.  Fig.  4)  die 
Hauptmenge  des  Vorkommens  ausmachen,  ganz  in  ähnlicher 
Weise  wie  in  den  Handstücken  nordischer  Kalkgeschiebe,  in 
denen  zugleich  M.  tenuis  Portlock  (sicher  von  M.  Nilssoni 
Barr,  verschieden)  *)  sich  findet. 

15.    M.  convolutus  Hisinger. 

Prionotus  convolutus  His.,  Leth.  suec.  Suppl.  p.  114.  t.  35.  f.  7. 
Graptol.  spiralis  Barr.,  Grapt.  pag.  54.  PI.  IV.  f.  10 — 13. 
M.  convolutus  Gein.,  Grapt.  pag.  45.  t.  4.  f.  30-35. 

Nach  einigen  Kieskernen  von  leider  unvollkommener  Er- 
haltung scheinen  die  Zellen  auf  dem  bandförmigen  Canal  eine 
ähnliche  Stellung  zu  haben,  wie  bei  M.  turriculatus  Barr. 

16.   M.  gemmatus  Barr. 

Grapt.  gemmatus  Barr.,  Grapt  pag.  68  PI.  IV.  f.  5. 

—  —    diese  Zeitschr.  V.  pag.  462  Taf.  XII.  Fig.  34. 

—  —    diese  Zeitschr.  XXIII.  pag.  240.  Taf.  V.  Fig.  2. 

17.    M.  fugax  Barr. 

Rastrites  fugax  Barr.,  Grapt.  pag.  66.  PJ.  IV.  f.  1. 

M.  spina,  diese  Zeitschr.  V.  pag.  462.  Taf.  XII.  Fig.  32,  33. 

—  —    diese  Zeitschr.  XXIII.  pag.  235. 

Taf.  VIII.  Fig.  12. 

Wie  die  vorhergehende  Art  ein  echter  Rastrit,  dessen 
Zellen  als  kleine  umgekehrt  kegelförmige  Becher  mit  weiter 
Mündung  gleichsam  in  den  Achseln  stehen,  welche  die  hier 
ziemlich  geradlinigen  appendiculären  Theile  des  äusseren  Zell- 
randes mit  dem  Canale  bilden. 

*)  Vergl.  dazu  Dames,  Beitrag  zur  Kenntniss  der  Gattung  Dictyonema, 
diese  Zeitschr.  XXV.  pag.  383. 


271 


Aus  dem  einfachen  meist  zurückgeschlagenen  Fusse  ent- 
springt der  sehr  enge,  entfernt  quergerunzelte  Canal  mit  einer 
Axe  von  entsprechender  Feinheit  und  beschreibt  eine  ziemlich 
weite  Spirale  von  nur  wenigen  Umgängen ,  die  aber  meist 
etwas  in  die  Länge  gezogen  ist  und  den  Anschein  hat,  als  ob 
sie  nicht  in  einer  und  derselben  Ebene  gelegen  ,  sondern  sich 
in  umgekehrter  Kegelform  erhoben  hätte.  Die  Zellen  befinden 
sich  auf  der  Aussen-  und  Oberseite  der  Windungen  des  Canals, 
sind  wie  bei  M.  gemmatus  in  den  an  diesen  Stellen  verdickten 
Canal  eingelassen  und  um  die  Länge  ihrer  appendiculären 
Spitzen  von  einander  entfernt.  Wo  die  Krümmung  des  Canals 
stärker  ist,  stehen  diese  Ornamente  rechtwinklig  ab,  je  flacher 
dagegen  die  Krümmung  ist ,  desto  steiler  richten  sie  sich  auf 
und  liegen  am  Canal  an,  so  dass  solche  Stücke  wie  Theile 
des  M.  Nilssoni  erscheinen.  Sie  lassen  sich  jedoch  leicht,  am 
besten  in  den  Verkiesungen  von  diesem  unterscheiden ,  da  sie 
spitz  sind,  während  die  Zellen  des  M.  Nilssoni  bis  an's  obere 
Ende  gleich  stark  bleiben  oder  sich  sogar  etwas  verdicken. 

Mit  den  beiden  vorigen  Arten  besonders  im  mittleren 
Theile  des  Horizonts,  wo  centimeterstarke  Lagen  von  Kiesel- 
schiefer mit  solchen  von  Alaunschiefer  wecbsellagern. 

Taf.  Vitt.  Fig.  13. 

In  den  Alaunschiefern  des  Schwefellochs  bei  Schmiedefeld 
hat  sich  einmal  ein  Petrefact  gefunden ,  das  nach  Krümmung 
und  Verästelung  des  Stämmchens  sich  nur  mit  Cyrtoyraptus 
Murchisoni  Carrüthers  (Brit.  Graptol.  Geol.  Mag.  1868.  p.  72. 
PI.  V.  f.  17.)  vergleichen  lässt,  sofern  dabei  von  den  Zellen, 
die  an  dem  britischen  Fossil  so  ausserordentlich  scharf  aus- 
geprägt sind ,  abgesehen  wird.  Denn  beide  Ränder  des  hie- 
sigen Petrefacts  sind  vollkommen  glatt,  und  auch  die  minutiö- 
seste Untersuchung  zeigt  weder  hier  eine  Spur  von  Zellen, 
noch  auch  innerhalb  dieser  Ränder  eine  Andeutung,  dass  ein 
scalariformer  Erhaltungszustand  vorliege.  Allerdings  ist  die 
Untersuchung  dadurch  erschwert,  dass  die  beiden  Spaltflächen 
des  Stückes,  welches  nicht  so  flach,  wie  die  Abdrücke  der 
mitvorkommenden  Graptolithen  auf  dem  Schiefer  liegt,  son- 
dern ungefähr  0,5  Mm.  in  das  Gestein  eingedrückt  ist,  mit  klei- 
nen Eisenkieskrystallen  bedeckt  sind.  Die  vertiefte  Mittellinie, 
die  durch  einen  Theil  des  Stückes  hinläuft,  scheint  Folge  davon 


272 


zu  sein,  dass  die  an  den  Wänden  des  Hohlraums,  der  nach 
Zersetzung  des  ursprünglich  vorhanden  gewesenen  Körpers 
zurückblieb,  sich  bildenden  Krystalle  den  Raum  nicht  vollkom- 
men ausfüllten.  Die  an  der  Aussenseite  des  Stammes  befind- 
lichen Aeste  stehen  in  regelmässigen  Entfernungen  von  9,  2x9 
und  (in  der  Verlängerung  des  Stammes,  welche  die  Abbildung 
nicht  mehr  wiedergiebt)  3x9  Mm.  von  einander  ab. 

Taf.  VIII.  Fig.  14.  15. 

Ungleich  dem  unteren  Graptolithenhorizonte ,  in  welchem 
bisher  ausser  den  Graptolithen  nur  ein  kleiner  Nautilus  (N.  veles, 
vergl.  diese  Zeitschr.  XXIII.  pag.  243.)  und  neuerlich  ein  Or- 
thoceratit  als  grosse  Seltenheiten  gefunden  worden  sind,  enthält 
der  obere  Horizont  gar  nicht  selten  Formen,  die  den  Grapto- 
lithinen  nicht  angehören  ,  aber  freilich  ihres  unvollkommenen 
Erhaltungszustandes  wegen  vorläufig  incertae  sedis  bleiben 
müssen.  Manche  derselben  gestatten  einen  Vergleich  mit 
Hinterleibssegmenten  und  Steuerapparat  von  Ceratiocaris ,  an- 
dere mit  Conularia,  wieder  andere  sind  wurmförmig  und  mit 
starken  auf  der  concaven  Seite  der  Abdrücke  gespaltenen 
Rippen  versehen,  noch  andere  schlauchförmig  mit  äusserst 
feinen  Querrunzeln,  deren  Zwischenräume  mit  Pyrophyllit  aus- 
gefüllt sind  und  in  Folge  davon  ein  eigentümliches  flimmerndes 
Ausseben  darbieten. 

Etwas  deutlicher,  aber  trotzdem  unbestimmter  sind  Ab- 
drücke, wie  Figur  14  u.  15  unserer  Tafel,  welche  innerhalb 
eines  spateiförmigen  Umrisses  mit  kleinen  nach  aussen  dicht 
gedrängten ,  nach  innen  entfernter  stehenden  Furchen  bedeckt 
sind,  die  meist  nur  eine  hakenförmige  Gestalt  zeigen,  bei  bes- 
serer Erhaltung  aber  als  scharf  eingeschnittene  geschlossene 
Ovale  erscheinen,  deren  Innenraum  von  quincuncial  geordneten 
Knötchen  oder  Spitzchen  eingenommen  wird.  Ein  Vergleich 
mit  lebenden  Formen  lässt  sich  kaum  finden. 


273 


Erklärung  der  Tafel  VIII. 


Figur  1.  Discina  dissimiUs  n.  sp.  Dorsalklappe,  \  n,  Gr.  Gissera. 

Figur  2.  Dicranograptus  posthumus  n.  sp.    ^  n.  Gr.  Kreunitz 

Figur  3.  Derselbe  £  n.  Gr. 

Figur  4.  Monograplus  microdon  n.  sp.    \  n.  Gr.  Kreunitz. 

Figur  5.  Derselbe,    f  n.  Gr. 

Figur  6  Derselbe,  Fussstück,    f  n.  Gr. 

Figur  7.  M.  priodon  Bronn,  Fussstück,    f  n.  Gr.  Adriansthal. 

Figur  8.  M.  Ludensis  Mürch.,  mit  entblösster  Axe.  |  n.  Gr.  Jagd- 
stiegelwand. 

Figur  9.  Derselbe,  gewöhnliches  Vorkommen.   |  n.  Gr.  Gräfenthal. 
Figur  10.    Derselbe,  halbscalariform.    |  n.  Gr.  Kreunitz. 
Figur  Ii.    Derselbe,    f  n.  Gr. 

Figur  12.    M.  fugax  Barr.    {  n.  Gr.  Rothenbach 
Figur  13.    ?  Cyrtograptus.    |  n.  Gr.  Schmiedefeld. 
Figur  14.    Inc.  sedis.   |  n.  Gr.  Kreunitz. 
Figur  15.    Hakenfurchen  desselben  Stücks.    'T°  n.  Gr. 


274 


2.  Beriebt  über  eine  Reise  nach  dem  Quilotoa  und  dem 
Cerro  hermoso  in  den  ecuadorischen  Cordilleren. 

Von  Herrn  VV.  Reiss  aus  Mannheim. 

(Aus  dem  Spanischen*)  übersetzt  von  Herrn  Gr.  vom  Rath.) 

Nachdem  ich  den  Iliniza  untersucht  und  meine  Beobach- 
tungen über  den  Cotopaxi  abgeschlossen  hatte ,  bot  sich  mir 
als  fernere  Aufgabe  meiner  den  Vulcanen  Ecuadors  gewid- 
meten Studien  die  Untersuchung  zweier  sehr  berufener,  aber 
wenig  bekannter  Berge  dar.  Den  Quilotoa,  über  dessen  Eru- 
ptionen der  Pater  Velasco  einen  so  seltsamen  Bericht  giebt, 
musste  ich  in  der  westlichen  Cordillere  aufsuchen,  während  in 
gleicher  Weise  meine  Aufmerksamkeit  auf  die  Gebirge  von 
Llanganates  in  der  östlichen  Cordillere  gelenkt  wurde,  da  die- 
selben verschiedenen  Berichten  zufolge  sowohl  reich  an  Gold 
als  auch  an  thätigen  Vulkanen  sein  sollten  —  eine  sehr  un- 
gewöhnliche Vereinigung  geologischer  Tbatsachen. 

Zunächst  beschloss  ich,  mich  nach  dem  Quilotoa  zu  wen- 
den, von  welchem  nur  bekannt  war,  dass  er  der  Westcordillere 
zwischen  Sigchos  und  Tigua  angehöre,  über  dessen  genaue 
Lage  aber  Nichts  zu  erfahren  war. 

Von  Toacaso  führt  bis  zum  Dorfe  Sigchos  ein  leidlich 
guter  Weg,  welcher  über  das  nördliche  Gehänge  der  Cordillere 
von  Guangaje  und  Tsinlivi  in  einer  ansehnlichen  Höhe  über 
dem  Flusse  Hatuncama  hinzieht  und  Gelegenheit  bietet,  sowohl 
die  geologische  Beschaffenheit  jener  Cordillere,  als  auch  die 
Gestaltung  des  Thals  zu  beobachten. 

Viele  kleine  Bäche  rinnen  von  den  Schneeflächen  des 
Iliniza  (10  Wegestunden  SSW.  von  Quito)  herab,  sie  vereinigen 
sich   in  einem  tiefen  und  breiten  Thal   und  bilden   den  Fluss 


*)  Carta  del  Dr.  W.  Reiss  ä  S.  E.  el  Presidente  de  la  Repüblica, 
sobre  sus  viajes  a  las  montanas  del  Sur  de  la  Capital,  Quito,  187J. 


275 


Hatuncama,  welcher  bis  zu  seiner  Vereinigung  mit  dem  Rio 
Toache  unfern  des  Fleckens  Sigchos  von  Ost  nach  West 
durch  Gebirge  älterer  Formationen  seinen  Lauf  nimmt.  Von 
Sigchos  bilden  die  vereinigten  Gewässer  einen  grossen  Fluss 
(Toache),  welcher  gegen  NW.  strömt  und  alle  von  den  west- 
lichen Gehängen  des  Corazon  ,  Atacatzo  und  Pichincha  herab- 
kommenden Rinnsale  sammelt,  um  sich  schliesslich  unferti 
der  Küste  des  Stillen  Oceans  mit  dem  Rio  Guaillabamba, 
welcher  das  Hochthal  von  Quito  entwässert,  zu  vereinigen. 
So  verbinden  sich  die  Abflüsse  beider  Gehänge  der  West- 
cordillere  zum  Rio  Esmeraldas.  Nur  zwei  Bäche ,  der  Rio 
blanco  und  Razuyacu,  welche  dem  Gebirgssysteme  des  Uiniza 
angehören,  bilden  eine  Ausnahme,  indem  sie  sich  nicht  zum 
Stillen  Ocean  wenden ,  sondern  mit  südlichem  Laufe  dem 
grossen  Stromgebiet  des  Amazonas  angehören. 

Der  Rio  Toache  fliesst  von  seiner  Quelle  bis  zu  seiner 
Vereinigung  mit  dem  Hatuncama  von  Süd  nach  Nord  in  einem 
breiten  und  tiefen  Thale  ,  welches  von  den  Hochebenen  Lata- 
cunga's  durch  die  Cordillere  von  Guangaje  und  Tsinlivi  ge- 
schieden und  gegen  Westen  durch  die  Cordillere  von  Chug- 
chillan  und  Sigchos  begrenzt  wird.  Beide  Gebirgsketten 
bestehen  aus  Gesteinen  älterer  Bildungen.  Schichten  von 
Sandstein,  quarzige  Conglomerate ,  bituminöse  Schiefer  stehen 
mit  fast  verticaler  Schichtenstellung  im  Thalgrunde  an ,  wäh- 
rend die  nackten  Felsen  der  höheren  Gehänge  aus  plutonischen 
Gesteinen  bestehen.  Nur  auf  dem  hohen  Kamme  und  an 
einigen  Punkten  der  östlichen  Gehänge  der  Cordillere  von 
Guangaje  und  Tsinlivi  finden  sich  einige  zerstörte  Reste  von 
Lavadecken.  Die  beiden  genannten  Cordilleren  verbinden  sich 
gegen  Süd  mit  einem  hohen  unter  dem  Namen  „Cordillere 
von  Zumbagua  und  Angamarca"  bekannten  Gebirgsknoten. 

Bereits  im  Hatuncama  -  Thale  erblickt  man  mit  Bewun- 
derung die  ungeheuren  Ablagerungen  von  vulkanischen  Tuffen 
und  Breccien,  welche  das  Thal  bis  zu  erstaunlicher  Höhe  an- 
gefüllt haben  und  die  ausgedehnten  Plateaus  der  Meierei  Pongo 
bilden.  Während  das  Vorhandensein  solcher  Tuffmassen  An- 
gesichts des  Iliniza  an  dessen  Basis  sich  erklärt,  so  erscheinen 
jene  Tuffplateaus  im  Thale  des  Rio  Toache  doch  schwer  er- 
klärlich ,  da  sich  kein  hochragender  Gipfel  im  oberen  Thal- 
gebiet  erhebt.      Jene   neuvulkanischen   Ablagerungen  dehnen 


276 


sich  durch  das  ganze  Thal  des  Toache  aus,  von  dem  Flecken 
Sigchos  bis  über  die  Meiereien  Zumbagua  und  Tigua  hinaus, 
sich  fast  unmerklich  von  Nord  nach  Süd  erhebend,  unter- 
brochen von  tiefen  Spalten,  welche  durch  die  Thätigkeit  des 
Wassers  bis  zur  alten  Sohle  des  Flusses  und  des  Thals  ero- 
dirt  wurden.  Alle  Dörfer  dieses  Thals  sind  auf  den  Tuff-  und 
Bimsteinplateaus  erbaut  und  leiden  sehr  durch  Wassermangel, 
da  die  Flüsse  in  einem  viel  tieferen  Niveau  fliessen,  und  die 
Oberfläche  aus  porösen  lockeren  Massen  bestehend  das  Wasser 
durchlässt,  bis  es  auf  dem  Grunde  der  Schluchten  als  Quellen 
zum  Vorschein  kommt. 

Von  welchem  Berge  wurde  jene  erstaunliche  Menge  vul- 
kanischer Auswürflinge  ausgeschleudert?  jene  von  den  Laven 
des  Uiniza  so  verschiedenen  trachytischen  Massen?  jene  Bim- 
steinschichten  ,  welche  die  Hochflächen  der  Paramos  bedecken 
und  wie  Schnee  erglänzen  auf  den  dunklen  Gehängen  der 
älteren  Gebirge? 

Die  Lösung  dieser  Fragen  bietet  sich  unfern  Chugchilan 
dar,  wo  eine  Felswand  über  den  Tuffen  emporsteigt  und  quer 
von  West  nach  Ost  fast  über  das  ganze  Thal  des  Toache 
hinüberstreicht,  so  dass  nur  ein  schmaler  Durchbruch  für  den 
Fluss  übrig  bleibt.  Wenn  man  diese  Felsen,  dem  Wege  nach 
Tigua  folgend  ,  erklettert ,  so  gelangt  man  auf  die  Pampa  von 
Hatalö.  Auf  dem  Joche,  welches  dieselbe  mit  der  Cordillere 
von  Chugchilan  verbindet,  öffnet  sich  plötzlich  dem  Blick  ein 
ungeheurer  Kraterkessel ,  dessen  Tiefe  der  See  (das  Maar) 
von  Quilotoa  einnimmt.  Es  stellt  sich  jener  Thalabschluss, 
welcher  von  Chugchilan  gesehen  lediglich  als  eine  Felswand 
erschien ,  nun  als  das  nördliche  Gehänge  eines  grossen  ab- 
gestumpften Kegels  dar.  Die  fast  verticalen  Felsen,  aus  Trachyt 
und  weissen  Tuffen  bestehend,  bilden  einen  überraschenden 
Contrast  mit  der  stillen  Oberfläche  der  grünen  geheimnissvollen 
Lagune. 

Ich  umschritt  den  Krater,  dem  hohen  Rande  folgend,  in- 
dem ich  auf  der  einen  Seite  stets  den  Absturz  bis  zum  Maar, 
auf  der  anderen  das  äussere,  zuweilen  sehr  steile  Gehänge 
des  Kegels  hatte.  Man  erfreut  sich  auf  dem  Rundgang  um  den 
Krater  bezaubernder  Ansichten:  das  ganze  Toache -Thal  liegt 
zu  den  Füssen;  die  Pyramiden  des  Uiniza  erheben  sich  in 
grösster  Nähe,  und  die  schneebedeckten  Kuppeln  des  Cotopaxi 


277 


und  Chimborazo  ragen  etwas  über  die  näheren  Cordilleren 
empor;  doch  der  interessanteste  Blick  liegt  gegen  Norden,  wo 
sich  zur  Seite  des  Corazon  die  Caldera  und  der  Krater  des 
Pichincha  in  ihrer  ganzen  Breite  darstellen.  Ohne  Zweifel 
muss  man  den  Quilotoa  auch  vom  Guanga  Pichincha  sehen 
können.  Da  er  aber  kein  hochragender  Gipfel,  sondern  ein 
abgestumpfter,  in  einem  breiten  Thal  verborgener,  von  höheren 
Bergen  umgebener  Kegel  ist,  so  wird  es  nicht  leicht  sein,  ihn 
in  der  grossen  Zahl  von  Kämmen  und  Höhen  herauszufinden, 
welche  die  Aussicht  vom  Pichincha  umfasst,  zumal  wenn  man 
nicht  genau  Lage  und  Form  des  Quilotoa  kennt. 

Ziegen  und  Schaafe  vermögen  allerorts  die  das  Maar  um- 
gebenden Felsen  zu  erklettern;  auch  finden  sich  einzelne  kleine 
Pfade,  auf  denen  man  zur  Wasserfläche  hinabsteigen  kann. 
Leicht  ist  indess  der  Abstieg  nur  auf  der  Westseite,  weil  dort 
das  Gehänge  in  Folge  eines  Felssturzes ,  welcher  sich  vom 
hohen  Rande  bis  in  die  Lagune  hinein  erstreckt,  weniger  steil 
ist.  Hier  kann  man  auch  dem  Rande  der  Wasserfläche  eine 
Strecke  weit  folgen,  während  an  den  meisten  anderen  Stellen 
das  Wasser  jäh  abstürzende  Felsen  bespült.  An  der  Küste 
macht  sich  ein  Geruch  nach  Schwefelwasserstoff  bemerkbar, 
und  ein  schwarzer  schwerer  Schlamm  bedeckt  den  weissen 
Sand  an  den  wenigen  Punkten,  wo  die  Felsen  nicht  jäh  zur 
Tiefe  abstürzen.  Längs  der  ganzen  Küste  beobachtet  man 
eine  Gasentwicklung.  Die  ohne  Unterbrechung  aufsteigenden 
Gasblasen  bewegen  die  Oberfläche  des  Wassers  und  veran- 
lassten das  Volk  zu  dem  Glauben,  das  Wasser  siede.  In  der 
That  besitzt  die  Lagune  eine  etwas  erhöhte  Temperatur  (16°  C.) 
und  ist  salzig.  Sie  hat  keinen  sichtbaren  Abfluss;  doch  rinnt 
das  Wasser  durch  die  lockeren  Fels-  und  Tuffmassen  und  tritt 
am  äusseren  Fuss  des  Kegels  als  laue  salzige  Quellen  wieder 
hervor,  in  deren  Wasser  die  Prenadillas  (Pimelodes  Cyclopum) 
mit  Vorliebe  leben. 

Kein  anderer  Vulkan  Ecuador's  besitzt  eine  so  eigen- 
thümliche  Lage  wie  der  Quilotoa ,  und  von  keinem  ist  es  so 
leicht,  eine  Vorstellung  seiner  Bildung  zu  gewinnen. 

Ohne  Zweifel  hat  das  Wasser  das  tiefe  und  breite  Thal 
des  Toache  in  der  aus  alten  sedimentären  und  aus  plutonischen 
Gesteinen  gebildeten  Cordillere  ausgehöhlt,  bevor  die  vulka- 
nischen Kräfte   in  diesem  Gebiet  hervorbrachen.     Die  ersten 

Zeits.  d.D.geol.  Ges.  XXVII.  2.  19 


278 


Eruptionen  fanden  in  der  Cordillere  von  Guangaje  und  Isinlivi 
statt,  doch  nicht  in  ununterbrochener  Folge  und  ohne  grössere 
Massen  von  Lava  und  Tuffen  zu  bilden.  Eine  lange  Ruhezeit 
trennt  diese  erste  Aeusserung  vulkanischer  Kräfte  von  der  Eru- 
ption des  Quilotoa,  denn  jene  älteren  Laven  befinden  sich  in 
einem  mehr  vorgeschrittenen  Zustande  der  Verwitterung  in 
dem  Maasse,  dass  es  auf  den  ersten  Blick  nicht  immer  leicht 
ist,  sie  von  den  älteren  Gesteinen  zu  unterscheiden.  Als  das 
Thal  bereits  in  gleicher  Weise  ausgetieft  war,  wie  wir  es  jetzt 
sehen  würden,  wenn  wir  uns  alle  dasselbe  erfüllenden  vulka- 
nischen Massen  entfernt  denken,  begannen  die  Eruptionen  im 
Thalgrunde  selbst  und  zwar  in  seiner  Mitte,  zwischen  seinem 
Ursprünge  und  der  Vereinigung  mit  dem  Thal  des  Hatun- 
cama.  Zähflüssige  trachytische  Laven  häuften  sich  auf  um 
den  Eruptionsschlund,  ohne  indess  zu  breiteren  oder  schmalen 
Bändern  sich  auszudehnen,  ohne  Lavaströme,  ähnlich  denen 
des  Vesuvs,  des  Cotopaxi  oder  des  Antisana,  zu  bilden.  Viel- 
mehr thürmte  sich  die  Lava  in  ähnlicher  Weise  auf,  wie  es 
im  Jahre  1866  in  den  Kaimeni- Inseln  des  Archipels  von 
Santorin  zu  beobachten  war.  Oftmals  müssen  sich  diese  Eru- 
ptionen wiederholt  haben,  begleitet  von  heftigen  Gas-  und 
Wasserdampf-Entwickelungen ,  welche  die  Lava  zertrümmerten, 
zerstäubten  und  als  Aschenmassen,  mit  Bimstein  vermischt, 
ausschleuderten.  Diese  feinen  Auswurfsmassen  verbanden  sich 
mit  den  grösseren  Blöcken  zu  Conglomeraten  und  Tuffen  und 
lieferten  das  Material  zu  den  vulkanischen  Bildungen  des 
Toachethals.  Ohne  Zweifel  stauten  die  in  der  Mitte  der  Thal- 
erstreckung  aufgethürmten  vulkanischen  Produkte  den  Lauf 
der  Gewässer  auf,  welche  von  Zeit  zu  Zeit,  vermischt  mit 
Aschen  und  Gerollen,  Schlammfluthen  erzeugten,  die  den  un- 
teren Theil  des  Thals  heimsuchten.  Regengüsse  und  Wolkeu- 
brüche ,  welche  den  gewaltigen  Dampfexhalationen  ihre  Ent- 
stehung verdanken  mochten ,  stürzten  an  den  Berggehängen 
herab  und  trugen  zur  Bildung  jener  das  Thal  hoch  erfüllenden 
Tuffplateaus  bei,  in  dem  sie  die  vulkanischen  Aschen  von  den 
höheren  Theilen  des  Gebirges  zum  Thale  herabführten.  Zu 
Anfang  bildete  sich  in  der  Thalfläche  wohl  nur  ein  kleiner 
Kegel ,  welcher  die  beiden  Thalgehänge  nicht  berührte.  All- 
mälig  vergrösserte  sich  derselbe  und  nahm  die  ganze  Thal- 
breite   ein,  sich  mit  der  westlichen  Gebirgskette  verbindend. 


279 


Wahrscheinlich  dauerten  beim  QuiJotoa,  wie  bei  vielen  anderen 
Vulkanen  die  Aschenauswürfe  nach  dem  letzten  Lavaerguss 
noch  lange  fort  und  so  zerstörten  die  damit  verbundenen 
Explosionen  einen  grossen  Theil  des  Kegels,  schleuderten  den 
Gipfel  fort  und  bildeten  schliesslich  jenen  grossen  und  tiefen 
Krater,  welcher  jetzt  die  Lagune  lauwarmen  und  salzigen 
Wassers  birgt.  So  erklärt  sich  die  Thatsache,  dass  der  Kegel 
so  tief  gleichsam  begraben  ist  von  Tuff-  und  Bimsteinmassen. 
Die  Lagune  bildete  sich  in  dem  ringsumschlossenen  Becken 
durch  Regenwasser,  da  in  diesen  Höhen  die  Verdunstung  dem 
Niederschlage  nicht  das  Gleichgewicht  hält.  Ohne  die  unter- 
irdischen Abflüsse  müsste  sich  der  Spiegel  des  Sees  höher  und 
höher  füllen.  In  der  That  hebt  sich  allmälig  der  Spiegel  des- 
selben aus  einer  anderen  Ursache,  nämlich  in  Folge  der 
zahlreichen  Felsstürze,  welche  von  den  jähen  Felswänden  fort 
und  fort  sich  lösen,  den  Grund  des  Kraters  ausfüllen  und  so 
die  Tiefe  desselben  vermindern. 

Die  letzten  Anzeichen  jener  Entwicklung  von  Gasen  und 
Dämpfen ,  welche  eine  so  grosse  Rolle  in  der  Geschichte  des 
Quilotoa  gespielt  haben,  erkennt  man  in  der  höheren  Tem- 
peratur der  Lagune  und  in  den  erwähnten  Gasblasen ,  welche 
aus  der  Wasserfläche  aufsteigen.  Ich  halte  es  für  sehr  wahr- 
scheinlich, dass  die  verschiedenen  Ausbrüche,  welche  in  histo- 
rischer Zeit  stattgefunden  haben  sollen,  sich  auf  eine  Zunahme 
jener  Gasexhalationen  beschränken ,  in  Folge  deren  die  ganze 
Wasserfläche  im  Sieden  zu  sein  schien.  Der  Tod  verschie- 
dener Thiere  und  die  schwarze  Färbung,  welche  alsbald  ihr 
Fleisch  annahm ,  sowie  das  Verdorren  der  Gräser  auf  ver- 
schiedenen Theilen  des  Felskranzes  und  ähnliche  Erscheinungen 
erklären  sich  unschwer  durch  starke  Entwickelungen  von 
Kohlensäure  und  Schwefelwasserstoff.  Die  Flammen ,  welche 
aus  dem  Krater  aufgestiegen  sein  sollen,  sind  wohl  unzweifel- 
haft eine  Erfindung  der  Indianer;  denn  niemals  war  ein  Weisser 
Augenzeuge  einer  Eruption  des  Quilotoa.  Nicht  einmal  im 
Zustande  völliger  Ruhe,  in  welchem  der  Berg  sich  jetzt  be- 
findet, wagen  die  Weissen  zum  Krater  hinabzusteigen,  aus 
Furcht,  das  Maar  möchte  sie  an  sich  ziehen,  während  doch  die 
Indianer  alle  Tage  hinabgehen,  um  ihre  Schaafe  mit  dem  Salz- 
wasser zu  tränken.  Die  wenigen  Weissen ,  welche  eine  Eru- 
ption gesehen  zu  haben  behaupten,  haben  sich  erst  sechs  oder 

19* 


280 


acht  Tage  nach  dem  Ende  des  Phänomens  bis  zum  Krater- 
rande gewagt. 

Es  scheint,  dass  die  von  der  westlichen  Kraterwand  durch 
einen  (bereits  oben  erwähnten)  Felssturz  losgelösten  Massen 
ehemals  sich  weiter  in  die  Lagune  erstreckten,  sodass  sie, 
nach  der  Aussage  einiger  älterer  Landbewohner,  Weidegrund 
für  einige  Thiere  boten.  Da  sie  indess  grösstentheils  aus 
lockeren  und  durch  den  Sturz  von  der  Höhe  zerstörten  Tuffen 
bestanden,  so  wurden  sie  allmälig  durch  das  bewegte  Wasser 
der  Lagune  zerstört  und  verschwanden  schliesslich  ganz.  Dies 
ist  die  grosse  „Insel"  des  Pater  Velasco,  welche  verschwand, 
als  der  Spiegel  des  Wassers  sich  um  70  Varas  erhob.  Die 
unbestimmten  Angaben  des  Pater  Velasco  verdienen  nicht 
mehr  Glauben ,  als  die  sich  oft  widersprechenden  Traditionen 
der  Indianer,  welche  ich  in  der  Umgebung  des  Quilotoa  sam- 
meln konnte,  und  von  denen  ich  das  Wesentlichste  und  Wahr- 
scheinlichste berichtet  habe.  Gewiss  scheint  mir,  dass  der 
Berg  seit  Menschen  Gedenken  keine  Eruption  gehabt  habe, 
denn  man  findet  weder  Aschen  noch  Schlacken  aus  historischer 
Zeit.  Die  Uebertreibungen  der  aus  der  Nähe  des  Vulkans 
entspringenden  Gefahren  erklären  sich  meiner  Ansicht  nach 
leicht  aus  der  Erwägung  des  Charakters  und  der  gegenseitigen 
socialen  Stellung  der  beiden  das  Land  bewohnenden  Rassen, 
von  denen  die  eine  absoluter  Herr  der  Ländereien  und  der 
Bewohner,  die  andere  Sclaven  ohne  Eigenthum  ist.  Man 
muss  die  Schlauheit  kennen  ,  mit  welcher  die  Schwachen  und 
Unterdrückten  aus  den  Vorurtheilen  ihrer  Unterdrücker  Gewinn 
ziehen. 

Die  kurze  Schilderung,  welche  ich  vom  Quilotoa  und  der 
Geschichte  seiner  Bildung  gegeben  habe,  erklärt  nicht  nur  die 
Tuffplateaus  im  Toache-Thal,  die  Verbindung  von  tracby- 
tischen  Massen  mit  Tuffen  zum  Aufbau  des  Kegels,  die  Aus- 
höhlung des  tiefen  Kraters  und  die  Ansammlung  von  lau- 
warmen salzigen  Wasser  in  demselben,  sondern  lehrt  auch, 
dass  niemals  hier  ein  hochragender  Vulkankegel  vorhanden 
war,  durch  dessen  Einsturz  die  Gesammtheit  der  angeführten 
Erscheinungen  sich  erklären  liessen.  Diese  Vorstellung  des 
Einsturzes  eines  hohen  Vulkans  hat  gleich  wenig  Begründung 
für  den  Quilotoa,  den  Altar,  den  Carihuairazo,  den  Mujnnda, 
den  Pichincha  oder  den  Cuicocha;  und  ebenso  unbegründet  ist 


281 


die  Furcht,  es  möchte  früher  oder  später  der  Chimborazo  und 
der  Cotopaxi  einstürzen.  Wie  der  Quilotoa  dem  Geologen 
grossartige,  der  Erforschung  würdige  Erscheinungen  darbietet, 
so  gewährt  der  Berg  und  seine  Umgebung  auch  dem  Mine- 
ralogen nicht  geringeres  Interesse.  Die  Laven  mit  den  grossen 
ausgeschiedenen  Feldspathkrystallen  gehören  zu  den  schönsten 
und  merkwürdigsten  Trachyten  Ecuadors  und  bieten  zudem  so 
zahlreiche  verschiedene  Varietäten  dar,  wie  bei  wenigen  an- 
deren Bergen  der  Welt.  Vom  krystallinisch-körnigen  Trachyt 
bis  zum  Bimstein  ,  ja  bis  zum  Obsidian  finden  sich  alle 
Zwischenstufen..  Häufig  liegen  die  Feldspath-  und  Hornblende- 
krystalle  parallel  und  geben  dem  Gestein  ein  schiefriges  Ge- 
füge, so  dass  man  nicht  sowohl  eine  Lava  als  vielmehr  einen 
Hornblendeschiefer  vor  sich  zu  haben  glaubt.  Dieselben  Tra- 
chyte  finden  sich  mit  Eisenkies  imprägnirt  am  Rande  des 
Maars.  Die  Diorite  und  die  anderen  plutonischen  Gesteine 
wechseln  ihr  Ansehen  beinahe  mit  jedem  Schritte  und  um- 
schliessen  —  was  bei  Gesteinen  dieser  Formation  ungewöhn- 
lich —  eine  bauwürdige  Schwefellagerstätte.  Eigenthümlich 
ist  dies  Schwefelvorkommen.  Gegenüber  der  Meierei  Pilapujin 
erblickt  man  in  der  Cordillere  von  Isinlivi  und  Guangaje  die 
Trümmer  eines  grossen  Bergsturzes,  welcher  vom  hohen  Kamm 
bis  zum  Toache-Fluss  sich  erstreckte,  mit  seinen  Trümmern 
die  Berggehänge  bedeckend.  Diese  Trümmer  bestehen  zum 
grossen  Theil  aus  sehr  hartem,  schwefelreichem  Gesteine. 
Wahrscheinlich  erklärt  sich  der  Bergsturz  und  die  Gegenwart 
des  Schwefels  durch  die  Zersetzung  des  Eisenkieses  in  den 
die  Cordillere  bildenden  alten  Gesteinen.  Jene  Schwefellager- 
stätte wurde,  wie  man  mir  versicherte,  früher  mit  Vortheil 
bearbeitet.  Gründe,  welche  mit  der  Grube  in  keiner  Bezie- 
hung standen,  veranlassten  den  Unternehmer,  die  Arbeit  auf- 
zugeben. *) 

Um  meinen  Bericht  über  die  Gebirge  in  der  Umgebung 
des  Quilotoa  zu  vervollständigen,  füge  ich  einige  Worte  über 
die  Cordillere  von  Zumbagua  und  Angamarca  hinzu,  obgleich 
ich  dieselbe  erst  viel  später,  nämlich  nach  meiner  Reise  zum 
Cerro  hermoso,  besucht  habe. 


*)  Nach  den  Hühenmessungen  von  Reiss  und  Stübel  beträgt  der 
höchste  Gipfel  des  Quilotoa  4010  M. 


282 


Es  wurde  bereits  erwähnt,  dass  die  das  Toache-Thal  zu 
beiden  Seiten  begleitenden  Gebirgszüge  sich  zu  einem  hohen 
Bergknoten  oberhalb  der  Meiereien  Tigua  und  Zumbagua  ver- 
einigen. Diese  Berggruppe,  welche  zum  grossen  Theile  aus 
alten  Gesteins-  und  Schichtenmasseu  besteht  und  mit  vulka- 
nischen Producten  nur  bedeckt  ist,  erstreckt  sich  von  der 
Quelle  des  Toache  bis  zum  Fusse  des  Carihuairazo  und  von 
den  Paramos  von  Cusubamba  bis  zum  Flecken  Angamarca. 
Die  kulminirenden  Punkte  sind  die  Kämme  Michacala  und  Tigsan 
und  die  Berge  von  Cuchihuasi  und  Guagua  aparishca  rumi, 
welche  häufig  von  Schnee  bedeckt  sind.  Die  Schluchten  sind 
sehr  tief  und  breit  und  nur  durch  schmale  Kämme  geschieden, 
die  kaum  Raum  für  einen  Saumpfad  gewähren.  Schiefer, 
Sandsteine,  Conglomerate,  Porphyre  und  Melaphyre  setzen  das 
Gebirge  in  seinem  nördlichen  und  westlichen  Theile  bis  zu 
einer  Höhe  von  4000  M.  zusammen,  während  die  die  Höhen 
der  Cordillere  bedeckenden  vulkanischen  Bildungen  gegen  Sü- 
den sich  hinabsenken  ,  um  sich  mit  den  Laven  des  Carihuai- 
razo zu  verbinden.  Gegen  Osten  erstreckt  sich  die  vulkanische 
Formation  bis  zu  den  Ufern  des  Cutuche-FJusses,  welcher  dort 
den  Namen  Rio  Pulapuchan  führt.  Breccien  und  trachytische 
Conglomerate  und  Bimsteintuffe,  in  mächtige  Bänke  gesondert, 
zuweilen  mit  trachytischen  Massen  wechselnd,  charakterisiren 
in  diesem  Gebiet  die  vulkanische  Formation,  deren  Laven  theils 
denen  des  Quilotoa  gleichen,  theils,  eine  perlitische  Structur 
annehmend,  an  die  Gesteine  von  Guamanies  erinnern,  wäh- 
rend die  Lavaströme  in  der  Gegend  von  Llangagua  sich  den 
Trachytvarietäten  des  Carihuairazo  nähern.  Die  Strasse  (camino 
real)  von  Latacunga  nach  Angamarca  überschreitet  diese  Cor- 
dillere, indem  sie  mehr  als  eine  halbe  Legua  in  einer  Höhe 
von  4300  bis  4400  M.  auf  einem  schmalen  nackten  Felskamm 
fortläuft.  Dieser  Uebergang  von  Michacala  und  Angamarca  ist 
wegen  der  Schneewehen  und  Stürme,  gegen  welche  sich  kein 
Schutz  bietet,  sehr  gefürchtet.  Ohne  Zweifel  ist  dieser  Hoch- 
pass  viel  schutzloser  als  der  so  gefürchtete  Pass  des  Azuay. 

Als  einen  Punkt  von  besonderem  Interesse  muss  ich  noch 
Chambullas  erwähnen  auf  dem  höchsten  Punkte  des  Weges, 
welcher  von  der  Hacienda  Tigua  nach  Pugili  führt.  Dort  ent- 
weicht aus  mehreren  Oeffnungen  im  Boden  und  unter  ziemlich 
starker  Spannung  eine  grosse  Menge  von  Kohlensäure. 


283 


Nachdem  ich  drei  Wochen  auf  die  Untersuchung  des  Qui- 
lotoa  und  seiner  Umgebung  verwendet,  kam  ich  am  Weih- 
nachtstage nach  Latacunga.  Von  dort  begab  ich  mich  in  den 
ersten  Tagen  des  Januar  nach  Pillaro,  von  welchem  Punkte 
bereits  mehrere  Reisen  nach  Llanganates  unternommen  worden 
waren.  Unterstützt  durch  die  Behörden  gelang  es  mir,  in 
wenigen  Tagen  eine  hinlängliche  Zahl  von  Bauern  zu  gewin- 
nen ,  welche  das  für  einen  dreiwöchentlichen  Aufenthalt  in 
völlig  unbewohnten  Landstrichen  unumgänglich  nüthige  Gepäck 
auf  den  Schultern  trugen.  Doch  war  damit  erst  wenig  ge- 
wonnen, da  es  unmöglich  war,  einen  Führer  zu  finden.  Bisher 
hatten  alle  Reisen  in  jener  Richtung  den  Zweck,  die  reichen 
Erzlagerstätten  aufzusuchen,  von  denen  das  Routier  (Derra- 
tero)  spricht,  oder  um  eine  Hacienda  des  Tieflandes  (tierra 
caliente)  im  Stromgebiet  des  (  ururay  zu  bearbeiten;  während 
ich  selbst  einen  mehr  südlichen  Weg  nehmen  wollte,  um  den 
einzigen  Schneeberg  zu  untersuchen,  welcher  sich  über  der 
gesammten  Cordillere  von  Llanganates  erhebt.  Die  Existenz 
dieses  Schneegipfels  war  den  Bewohnern  von  Pülano  wohl 
bekannt,  und  alle  bezeichneten  ihn  als  „Cerro  hermoso".  Da 
indess  Niemand  bisher  auch  nur  dem  Fusse  des  Gebirges  nahe 
gekommen ,  so  wichen  die  Ansichten  über  den  einzuschlagen- 
den Weg  sehr  von  einander  ab.  Die  Einen  suchten  mich  für 
den  nördlichen  Weg  zu  bestimmen,  welcher  zunächst  zu  den 
erwähnten  Hacienden  führt,  um  zum  Tiefland  (Tierra  caliente) 
niederzusteigen  und  dann  wieder  zum  Gebirge  mich  zu  erheben. 
Andere  schlugen  mir  vor ,  zunächst  nach  Taramillo  zu  gehen, 
einer  alten  Hirtenwohnung  (Hato)  in  Päramo ,  von  der  man 
den  Cerro  hermoso  gesehen  habe  und  von  wo  derselbe,  aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  ,  nicht  mehr  sehr  ferne  sein  konnte. 
In  der  Absicht,  wenn  möglich,  den  Abstieg  zur  Waldregion 
zu  vermeiden,  und  einen  Pfad  über  den  Paramo  zu  suchen, 
entschloss  ich  mich  zu  dem  letztgenannten  Wege,  welcher 
ausserdem  den  Vortheil  bot ,  bis  Jaramillo  —  eine  starke 
Tagereise  von  Piliaro  entfernt  —  auch  für  Pferde  gangbar 
zu  sein.  ^ 

Der  Aufbruch  war  auf  den  8.  Januar  6  Uhr  Morgens 
festgesetzt.  Da  es  indess  nöthig  war ,  die  Bauern  durch 
Polizei  -  Patrouillen   herbeizuholen,  so  verzögerte   sich  unsere 


284 


Reise  bis  9  Uhr.  Die  Expedition  bestand  aus  30  Menschen 
und  11  Maulthieren. 

Die  Gebirge ,  welche  sich  östlich  von  Pillaro  erheben, 
sind  die  Fortsetzung  der  Cordillere,  welche  sich  vom  Coto- 
paxi  und  Quilindaöa  bis  zum  Rio  Pastaza  erstreckt,  eine  breite 
Kette  ohne  ragende  Gipfel  und  mit  einer  schnellen  Abdachung 
gegen  West;  während  in  östlicher  Richtung  die  Queräste  des 
Gebirges  eine  ansehnliche  Erstreckung  gewinnen,  bis  sie  end- 
lich in  den  Llanos  des  weiten  Amazonenthals  sich  verlieren. 
Eine  grosse  Zahl  von  Schluchten,  alle  von  geringer  Bedeutung, 
öffnet  sich  gegen  West,  um  sich  mit  dem  Cutuche  -  Thale  zu 
verbinden.  Nur  ein  einziger  grosserer  Fluss ,  der  Rio  Gua- 
pante,  nimmt  gegen  West  seinen  Lauf,  indem  er  die  Gewässer 
vieler  Päramos  sowohl  des  nördlichen  Gebiets  um  Latacunga, 
als  auch  des  südlichen  Hochgebirgs  in  der  Umgebung  von 
Pillaro  sammelt.  Alle  anderen  grösseren  Flussthäler  wenden 
sich  gegen  Ost.  In  denselben  vereinigen  sich  die  wasser- 
reichen Quellbäche  der  Flüsse  Cururay  und  Bombonazo,  Neben- 
flüsse des  Napo  und  des  Pastaza.  Von  so  hohem  Alter  und 
bereits  durch  die  Erosion  in  dem  Maasse  zerstört  ist  jene 
Cordillere,  dass  nur  schmale  Schneiden  die  Thalgründe  tren- 
nen, welche,  mit  Seen  und  Mooren  erfüllt,  die  Quellen  der 
Flüsse  bergen. 

Steigt  man  von  Pillaro  am  westlichen  Gehänge  des  Ge- 
birges empor,  so  erreicht  man  bald  den  Kamm,  welcher  die 
gegen  Süd  und  die  gegen  Nord  gerichteten  Thäler  scheidet. 
Diesem  Kamme  folgend,  welcher  mit  ostwestlichem  Streichen 
die  tiefen  Thäler  Guagrahuazi ,  Cruzsacha,  Yanacocha  und 
Pujin  trennt,  kann  man  zu  Pferde  alle  Gebirge  überschreiten, 
welche  unter  dem  Namen  der  Cordillere  von  Pillaro  bekannt 
sind,  bis  zum  Thale  von  Taramillo.  Hier  liegt  die  Grenze 
zwischen  der  genannten  Cordillere  und  derjenigen  von  Llan- 
ganates.  Während  man  nämlich  von  Piliaro  bis  zum  Rio 
verde,  welcher  die  Päramos  von  Taramillo  entwässert,  nur 
älteren  vulkanischen  Gesteinen  begegnet,  verschwinden  dieselben 
gegen  Ost  vollständig  und  Glimmerschiefer  und  Gneiss  er- 
heben sich  bis  zu  den  höchsten  Gipfeln.  Es  fällt  demnach 
hier  die  herkömmliche  Provinzialgrenze  mit  der  geologischen 
Grenze  zusammen.  Ohne  Zweifel  verbergen  sich  auch  in  der 
Cordillere  von  Pillaro  unter  den  Lavamassen  und  vulkanischen 


285 


Auswürflingen  die  alten  Schiefergesteine.  Ich  habe  sie  indess, 
da  mein  Weg  über  den  hohen  Kamm  führte,  ohne  in  die 
Thaltiefen  hinabzusteigen,  nicht  wahrgenommen.  Mächtige 
Lavabänke  treten  am  westlichen  Gehänge ,  um  Pillaro  und 
Quimbana,  auf.  während  die  Felsen,  welche  die  oberen  Theile 
der  Schluchten  trennen,  vorzugsweise  aus  vulkanischen  Tuffen 
und  Conglomeraten ,  durchsetzt  von  Gängen ,  bestehen.  Die 
mehr  zersetzten  Laven  der  höheren  Gebirgstheile  sind  zuweilen 
mit  Eisenkies  imprägnirt ,  die  Hohlräume  anderer  sind  mit 
Quarzkrystallen  erfüllt.  Die  Salbänder  der  Gänge  bestehen 
zuweilen  aus  obsidianähnlichem  Gestein. 

In  so  grosser  Begleitung  kommt  man  stets  nur  langsam 
vorwärts,  und  obgleich  ich  bis  Taramillo  das  Gepäck  auf  Maul- 
thieren  transportiren  liess,  brauchten  wir  doch  drei  und  einen 
halben  Tag,  bis  wir  einen  hohen  Kamm  erreichten,  von  wel- 
chem wir  des  Schneegipfels  ansichtig  wurden.  Unser  Weg 
führte  uns  bald  über  die  Hochflächen  der  Paramos,  bald 
mussten  wir  uns  Bahn  brechen  durch  das  dichtverwachsene 
Riedgras,  bald  stiegen  wir  wieder  hinab  auf  den  Grund,  uns 
durch  den  dichten  ,  die  Gehänge  bedeckenden  Wald  hindurch- 
arbeitend. Die  von  den  Thieren  getretenen  Pfade  erleichterten 
uns  sehr  die  Arbeit.  Das  Wetter  war  uns  indess  nicht  günstig, 
denn  es  regnete  und  schneite  fast  ununterbrochen  und  das 
Gewölk  verhüllte  uns  den  Anblick  von  9  Uhr  des  Morgens 
an.  So  war  ich  genöthigt,  die  Zelte  schon  vor  Abend  auf- 
schlagen zu  lassen  aus  Furcht,  mich  in  diesem  Gebirgslaby- 
rinth  zu  verirren.  Trotz  aller  Vorsicht  fehlte  nicht  viel ,  dass 
wir  uns  verirrt  hätten  und  den  Schneegipfel  gegen  Süden  las- 
send ,  ohne  ihn  zu  erblicken  ihn  immer  weiter  gegen  Osten 
gesucht  hätten. 

Sechs  Tage  verweilten  wir  am  steilen  Gehänge  eines 
Glimmerschieferkamms  inmitten  eines  fast  undurchdringlichen 
Dickichts  von  hohem  Riedgras,  in  Wolken  gehüllt,  unter 
immerwährenden  Regengüssen  und  Schneegestöbern,  bis  es 
uns  gelang,  für  einige  Augenblicke  des  Schneebergs  ansichtig 
zu  werden,  um  seine  Höhe  messen  zu  können.  Nachdem  diese 
Arbeit  vollendet,  erstieg  ich  mit  einigen  Begleitern  den  west- 
lichen Abhang  des  Cerro  hermoso  bis  zur  unteren  Schnee- 
grenze, um  mir  über  die  Gesteinsbeschaffenheit  der  Gipfel- 
felsen Gewissheit  zu  verschaffen. 


286 


Die  Aussicht  von  unserem  Lagerplatz  an  den  Glimmer- 
schieferfelsen, welchen  wir  Toldafilo  nannten,  umfasst  die 
ganze  östliche  Cordillere  zwischen  dem  Antisana  und  Coto- 
paxi  bis  zum  Sangay.  Ich  konnte,  mich  vergewissern,  dass 
weder  jene  Kegel  und  Vulkane,  welche  Herr  Guzmasn  auf 
seine  Karte  eingetragen  bat,  noch  überhaupt  vulkanische  Ge- 
bilde in  jenem  Theile  der  Cordilleren  vorhanden  sind.  Der 
Antisana  und  Sangay  sind  die  beiden  am  meisten  gegen  Ost 
gerückten  Vulkankegel.  Die  Eruptionen ,  welche  in  diesem 
Zwischenraum  stattgefunden ,  haben  lediglich  das  Schiefer- 
gebirge mit  einer  dünnen  Aschenschicht  bedeckt,  welche  vom 
hohen  Gebirgsgewölbe  (Cumbre)  bis  zu  den  Hochebenen  reicht, 
welche  sich  zwischen  den  beiden  Hauptzweigen  der  grossen 
Cordillere  ausbreiten.  Doch  scheint  eine  Ausnahme  zu  be- 
stehen ,  denn  ich  erblickte  einmal  vom  Antisana  aus  gegen 
Osten ,  und  wiederum  vom  Cerro  hermoso  aus  gegen  Nord- 
osten schon  weit  abwärts  am  östlichen  Crdillerengehänge ,  wo 
schon  die  niederen  Hügel  beginnen ,  einen  Kegel  von  gleich 
regelmässiger  Gestalt,  wie  die  des  Cotopaxi  oder  des  Sangay, 
sich  völlig  isolirt  erhebend  über  die  waldbedeckten  Höhen, 
welche  ihm  zur  Basis  dienen.  Es  wurde  mir  versichert,  dass 
der  Weg  von  Papallacta  zum  Napo  am  Fusse  jenes  Kegels, 
welcher  Cuyufa  heisse,  vorbeiführe.  Es  ist  befremdlich,  dass 
Villavivencio ,  obgleich  er  einige  Zeit  am  Napo  lebte,  jenes 
Kegelbergs  in  seiner  Geographie  keine  Erwähnung  thut,  wenn 
derselbe  nicht  etwa  identisch  ist  mit  dem  Berg  Sumaco,  unfern 
San  Jose  de  Mote.  Dem  sei  indess  wie  ihm  wolle,  seine 
Untersuchung  wird  immerhin  grosses  Interesse  darbieten,  denn 
er  scheint  von  vulkanischer  Bildung  zu  sein. 

Die  Schieferberge,  namentlich  diejenigen  östlich  des  Flusses 
Topo,  sind  sehr  steil,  schneidige  Formen  bildend,  mit  nackten 
Gehängen.  Die  Schieferungsflächen  stehen  fast  vertical  und 
erglänzen  unter  den  Strahlen  der  Sonne  in  Folge  der  die 
Schieferungsebene  bedeckenden  Glimmerblätter  wie  Silber. 
Doch  erreichen  jene  jähen  Berggestalten  keine  grössere  Höhe 
als  4200 — 4300  M.  und  überragen  den  hohen  Kamm  der  Cor- 
dillere nicht.  Nur  der  Cerro  hermoso  steigt  zu  grösserer 
Höhe  empor*),   was  mit  seiner  besonderen  geologischen  Bil- 

*)  Nach  den  Höheniessuugen  von  Beiss  und  Stlbei.  beträgt  die 
Gipfelhöbe  des  Cerro  hermoso  (trigonometrische  Messung)  4576.  Die 
Schneegrenze  liegt  auf  der  Westseite  des  Berges  in  4242  M.  Höhe. 


287 


dung  zusammenhängt.  Der  untere  Theil  des  Schneebergs  be- 
steht gleichfalls  aus  Glimmerschieferschichten.  Anstatt  aber 
mit  einem  sägeförmigen  scharfen  Kamm  zu  gipfeln ,  trägt 
der  Berg  über  den  aufgerichteten  Schieferstraten  horizontale 
Schichten.  Wenn  schon  der  untere  Theil  des  Berges  kaum 
ersteiglich  scheint,  so  stellt  sich  die  Gipfelmasse  —  wenigstens 
auf  der  westlichen  Seite  —  in  Folge  des  Abbruchs  der  hori- 
zontalen Schichten  wie  eine  Mauer  dar,  über  welcher  ein  grosser 
Gletscher  herabhängt,  der  sich  mit  den  Firnmassen  am  Fusse 
der  schwarzen  Felsen  vereinigt.  Die  horizontalen  Schichten 
bestehen  aus  bituminösen  Kalkschiefern,  welche  in  dem  Maasse 
mit  Eisenkies  imprägnirt  sind,  dass  man  die  glänzenden 
Krystallkörner  —  nach  den  Worten  meiner  Begleiter  —  wie 
Gold  glänzen  sieht.  Vielleicht  sind  die  berufenen  grossen 
Goldschätze  von  Llanganates  nichts  Anderes  als  Massen  von 
Eisenkies,  welcher  den  unerfahrenen  Erzgräbern  Ecuador's 
schon  so  viel  Geld  gekostet  hat. 

Wenn  man  den  Cerro  hermoso  nur  von  der  Westseite  be- 
trachtet, so  begreift  man  nicht,  wie  auf  dem  Gipfel  sich  ein 
Gletscher  bilden  kann.  Derselbe  nimmt  seinen  Ursprung  in 
den  grossen  Firnmassen,  welche  sich  auf  einem  etwas  gegen 
Süd  geneigten  Plateau  anhäufen.  Der  Gipfel  ist  nämlich  von 
West  nach  Ost  ausgedehnt,  wie  man  deutlich  von  einem  mehr 
südlich  gelegenen  Punkte,  z.  B.  von  Mocha  sehen  kann.  Schon 
Dr.  Stübel  hob  die  interessante  Thatsache  hervor,  dass  die 
Schneegrenze  in  der  Cordillere  tiefer  hinabsinkt  in  dem  Maasse 
als  man  gegen  Ost  fortschreitet.  So  erreicht  der  Cerro  her- 
moso die  Höhe  von  4600  M.  nicht,  welche  die  allgemeine 
Schneegrenze  in  der  westlichen  Cordillere  bezeichnet,  und 
dennoch  ist  jener  Gipfel  nicht  nur  mit  ewigem  Schnee  bedeckt, 
sondern  ein  grosser  Schneeberg,  welcher  wahre  aus  kom- 
paktem Firn  und  Eis  bestehende  Gletscher  erzeugt.  —  Von 
jenen  feuchten  und  kalten  Höhen  zurückkehrend,  beschleu- 
nigten wir  unseren  Marsch  und  erreichten  in  2\  Tag  Pillaro, 
von  wo  ich  mich  ohne  Aufenthalt  nach  Ambato  und  dann  auf 
der  fahrbaren  Strasse  nach  Latacunga  begab. 

Ich  verwandte  nun  drei  Wochen  zu  trigonometrischen 
Operationen ,  überstieg  dann  die  westliche  Cordillere  südlich 
des  Flusses  Toache,  wandte  mich  dann  von  Angamarca  zurück 
nach  Ambato  (21.  Februar),  wo  ich  mit  Dr.  Stübel,  welchen 


288 


ich  ein  volles  Jahr  nicht  gesehen,  zusammentreffen  sollte. 
Ueber  diese  letztere  Reise  habe  ich  bereits  oben  einige  An- 
deutungen gemacht,  als  ich  von  der  Cordillere  von  Zumbagua 
und  Angamarca  sprach. 

Noch  bleibt  mir  übrig,  raeine  Reise  zum  Azuay  und  nach 
Cuenca  zu  schildern.  Am  7.  März  brach  ich  zum  Sangay  auf. 
Während  eines  schrecklichen  Schneegestöbers  gestattete  mir 
in  Calcitpungo  das  Wetter  dennoch,  einige  Male  den  Berg  zu 
erblicken.  Indess  störte  das  überaus  schlechte  Wetter  und 
namentlich  die  starken  Winde  meine  Reise  nicht  wenig,  so 
dass  die  gewonnenen  Resultate  der  Höhenbestimmungen  einem 
Zweifel  Raum  geben,  weil  sie  nur  auf  schmaler  Grundfläche 
mit  bedeutender  absoluter  Höhe  gewonnen  sind.  Ich  hoffe, 
meine  Messungen  bald  unter  günstigeren  Bedingungen  wieder- 
holen zu  können. 

Da  die  gute  Jahreszeit,  welche  in  diesem  Jahre  unge- 
wöhnlich lange  angedauert,  sich  bereits  zum  Ende  neigte,  und 
ich  des  Lebens  in  den  Paramos  müde  war,  entschloss  ich  mich, 
einen  Ausflug  nach  Cuenca  zu  machen,  um  zu  untersuchen, 
wie  weit  in  jener  Richtung  die  vulkanischen  Bildungen  reichen. 

Wenig  südlich  von  Riobamba  endet  die  deutliche  Thei- 
lung,  welche  die  Cordillere  in  nördlicher  Hälfte  von  Ecuador 
erkennen  lässt,  und  tritt  erst  in  der  Gegend  von  Cuenca  wieder 
hervor.  Der  ganze  Zwischenraum  zwischen  Riobamba  und 
Guamote  wird  von  Gebirgen  eingenommen,  welche  aus  kry- 
stallinischen  Schiefern  (pizarros) ,  Syeniten ,  Dioriten  und  an- 
deren plutonischen  Gesteinen  bestehen  und  vielfach  von  vul- 
kanischen Massen  bedeckt  sind.  Die  Fahrstrasse  benutzt  eine 
im  westlichen  Theile  des  Gebirges  befindliche  Senkung  um 
dasselbe  —  welchem  Dr.  Stübel  den  Namen  Gebirge  von 
Yaruqui'es  gegeben  hat  —  zu  überschreiten.  Mehrere  andere 
Wege  führen  über  dies  Gebirge,  welche  sich  sämmtlich  im 
Flecken  Guamote  vereinigen.  Unter  den  vulkanischen  Formen 
dieses  Gebirges  sind  wegen  ihrer  charakteristischen  Gestaltung 
namentlich  die  Kegel  Tulabug  und  Aulabug  hervorzuheben, 
während  unter  den  Gesteinsarten  die  losen  Blöcke  von  quarz- 
führendem Trachyt  in  der  Gegend  von  Pulucate  besonders  be- 
merkenswerth  sind. 

Im  Süden  des  Flusses  von  Guamote,  welcher  sich  mit 
dem  Flusse  von  Cebadas  vereinigt,   beginnen  Gebirgshöhen, 


289 


welche  aus  Schiefern  und  alten  Gesteinen  bestehen.  Diese 
steigen  empor  zu  den  Paramos  von  Zula  und  bilden  die  Basis 
des  Azuay.  Es  giebt  zwei  Wege  nach  Cuenca:  der  eine  führt 
über  die  Höhe  des  Azuay,  der  andere,  längere,  zieht  ani  west- 
lichen Gehänge  desselben  Gebirges  hin  und  verbindet  sich, 
ohne  zu  bedeutenden  Höhen  anzusteigen,  mit  der  königlichen 
Strasse  bei  dem  Flecken  Canar.  Auf  der  Hinreise  wählte  ich 
die  letztere  der  erwähnten  Strassen,  welche  die  Flecken  Tigsan 
und  Alausi  berührt,  dem  Thale  des  Sucus- Flusses  bis  zu 
seiner  Vereinigung  mit  dem  B'lusse  Chanchan  folgt,  sich  dann 
nach  Chunchi  erhebt,  wo  der  Uebergang  durch  Waldterrain 
beginnt.  Bei  jeder  Jahreszeit  ist  dieser  Weg  schlecht;  doch 
fast  ungangbar  im  Winter,  so  dass  ich  mehr  als  20  Stunden 
gebrauchte,  um  die  zehn  Wegestunden  zwischen  Chunchi  und 
Canar  zurückzulegen.  Auf  der  Rückreise  wählte  ich  die  könig- 
liche Strasse,  so  dass  ich  auf  diesen  beiden  schnellen  Reisen 
doch  eine  allgemeine  geologische  Uebersicht  des  Azuay  ge- 
winnen konnte.  Zu  einem  gründlichen  Studium  dieses  Ge- 
birges würden  mehrere  Monate  erforderlich  sein,  eine  Zeit, 
welche  mir  jetzt  nicht  zur  Verfügung  steht.  Doch  wage  ich 
zu  hoffen,  dass  die  wenigen  Andeutungen,  welche  ich  geben 
konnte,  andere  Reisende  veranlassen  werden,  jenes  bis  jetzt 
fast  ganz  unbekannte  Gebirge  eingehender  zu  untersuchen. 

Der  grosse  Gebirgsknoten  Azuay  besteht  in  seiner  nörd- 
lichen Hälfte  aus  alten  Gesteinen:  Schiefern,  Porphyren,  Dio- 
riten  u.  s.  w. ,  während  die  Südhälfte  durch  Sandsteine  gebildet 
wird.  Diese  Massen  sind  von  vulkanischen  Bildungen  bedeckt. 
Die  Schiefer  und  Sandsteine,  die  letzteren  häufig  als  Con- 
glomerate  entwickelt  (Nagelfluh),  treten  in  fast  senkrechter 
Schichtenstellung  und  mit  nordsüdlichem  Streichen  ,  unbedeckt 
von  der  vulkanischen  Ueberschüttung  auf  den  Höhen  und  in 
den  Schluchten  bis  zu  einer  Höhe  von  3600  —  3800  M.  auf. 
Von  diesem  Niveau  beginnend  bis  zu  den  Gipfeln  trifft  man 
auf  dem  südlichen  Gehänge  nur  Laven,  vulkanische  Breccien, 
Conglomerate  und  Tuffe  auf  der  Südseite.  Im  Centrum  des 
Gebirges  werden  diese  Massen  von  Lavagängen  durchsetzt. 
Trachytische  Conglomerate  und  Bimsteintuffe  sind  in  der  Um- 
gebung des  Azuay  weit  verbreitet.  Sie  bilden  mächtige  Schich- 
ten in  den  Paramos  von  Zula,  gegen  West  bis  zur  Waldregion 
sich  hinabsenkend  und  erfüllen  auch  das  ganze  Thal  des  Mo- 


290 


lobog-Flusses  unfern  Canar,  so  dass  es  oft  schwierig  ist,  sich 
über  das  anstehende  Gestein  zu  vergewissern.  Vielleicht  kön- 
nen die  Eruptionen  von  Ticsan  als  Vorboten  und  Ausläufer 
des  grossen  vulkanischen  Centrum  Assuay  gedeutet  werden ; 
und  vielleicht  sind  von  derselben  Art  die  trachytischen  Tuffe 
und  Breccien  von  Deleg,  Sidcay  und  Turi  unfern  Cuenca. 

Auf  dem  Wege  von  Canar  und  Ingapirca  nach  Cuenca 
habe  ich  keine  anstehenden  Lavafelsen  oder  Berge  vulkanischer 
Bildung  beobachtet,  wohl  aber  an  den  bezeichneten  Orten 
Trachyttuffe  und  Bimsteinsande.  Der  District  von  Cuenca, 
wenigstens  der  von  der  königlichen  Strasse  durchschnittene 
Theil  unterscheidet  sich  sehr  von  den  nördlichen  Landschaften 
der  Republik  Ecuador :  die  Thäler  sind  breit,  die  Höhen  niedrig, 
nicht  steil  und  ohne  ausgezeichnete  Gestalten.  Schon  auf  den 
ersten  Blick  erkennt  man,  dass  hier  sedimentäre  Schichten 
herrschen.  Einige  Porphyrgipfel  überragen  die  sanften,  aus 
leichter  verwitterbaren  Gesteinen  bestehenden  Höhen.  Die 
Flussgerölle  deuten  an,  dass  auch  plutonische  Gesteine  an  der 
Zusammensetzung  des  Landes  theilnehmen.  Unter  den  Porphyr- 
bergen verdient  namentlich  der  Cerro  Molobog  Erwähnung, 
an  dessen  Fuss  ein  Weg  von  Canar  nach  Azögues  vorbeiführt. 
Mit  dem  Porphyr  verbunden  findet  sich  nämlich  an  jenem 
Berge  Pechstein  in  grosser  Verbreitung. 

Nur  in  dem  weiten  Thale  von  Cuenca  scheinen  sedimen- 
täre Gebilde  zu  herrschen,  denn  die  von  der  westlichen  Cor- 
dillere  herabströmenden  Flüsse  führen  nur  Quarzite  und  viele 
Varietäten  plutonischer  Gesteine.  Die  fahrbare  Strasse  nach 
Guayaquil  überschreitet  bei  Sayausi  die  Schiefer  und  tritt  dann 
sogleich  in  das  Gebiet  jener  plutonischen  Gesteine  ein. 

Die  Umgebung  von  Cuenca  ist  reich  an  warmen  Quellen, 
deren  Kalktuffbildungen  bei  Guapan  und  Barlos  die  Gebirgs- 
abhäuge  bedecken.  Ich  zweifle  nicht  daran,  dass  die  bunten 
Marmore  von  Banos  und  diejenigen  von  Tejar  bei  Cuenca  Bil- 
dungen gleicher  Art  sind. 

Ich  besuchte  die  alte  Quecksilbergrube  bei  Huaishun,  un- 
fern des  Fleckens  Azögues  (Quecksilber),  doch  war  es  mir 
nicht  möglich,  Anzeichen  des  Erzes  zu  entdecken,  obgleich 
mehrere  Einwohner  des  Fleckens  mich  versicherten,  dass  sie 
bei  Bestellung  ihrer  Felder  oftmals  bedeutende  Quantitäten 
von  flüssigem   Quecksilber  fänden,  und  die  bedeutenden  Aus- 


291 

grabungen,  welche  noch  sichtbar  sind,  von  dem  einstigen  Reich- 
thum  der  Grube  Zeugniss  ablegen. 

In  Cuenca  endete  meine  Reise,  und  ich  kehrte,  nachdem 
ich  die  Ostertage  dort  zugebracht,  nach  Riobamba  zurück,  wo 
ich  in  den  letzten  Tagen  des  April  anlangte.  Nur  bei  Achu- 
pallas  bog  ich  von  der  Strasse  ab ,  um  die  Niederschläge  der 
Mineralquelle  von  Zula  zu  sehen,  welche  wegen  ihres  Stron- 
tiangehalts  so  merkwürdig  sind.  Einige  der  von  mir  durch- 
reisten Districte  müssen  zur  Zeit  der  Conquista  eine  sehr 
grosse  Wichtigkeit  gehabt  haben,  wie  man  aus  den  Trümmern 
merkwürdiger  Bauten  schliessen  kann,  welche  noch  heute  die 
Aufmerksamkeit  des  Wanderers  auf  sich  ziehen.  Andere  Ge- 
biete, durch  welche  mein  Weg  mich  führte,  haben  in  Folge 
der  zahlreichen  in  der  jüngsten  Zeit  vorgekommenen  Erdbeben 
eine  traurige  Berühmtheit  erlangt.*) 

Das  Erdbeben  vom  24.  October  1872,  dessen  Verwüstun- 
gen Dr.  Stübel  in  den  Llanas  von  Riobamba  bis  auf  die 
Höhen  der  östlichen  Cordillere  beobachten  konnte,  machte  sich 
fühlbar  bis  Quito  und  bis  Canar,  ja  vielleicht  bis  Cuenca. 
Die  stärkste  Erschütterung  wurde  auf  dem  westlichen  Abhang 
der  Cordillere  zwischen  Pallatanga  und  Alausi  gefühlt.  Sie 
war  der  Beginn  einer  langen  Reihe  mehr  oder  weniger  starker 
Bewegungen ,  welche  sich  anhaltend  wiederholten  vom  ge- 
nannten Tage  an  bis  in  die  ersten  Monate  des  Jahres  1873 
hinein.  Nach  den  Mittheilungen  des  Pfarrers  von  Tigsan 
zählte  man  während  jenes  Zeitraums  in  seinem  Sprengel 
120  Erschütterungen,  fast  alle  auf  den  bezeichneten  District 
beschränkt.  Die  Erdbebenstösse ,  welche  im  Laufe  des  No- 
vember sehr  zahlreich  gewesen,  nahmen  allmalig  ab,  sowohl 
an  Häufigkeit  als  auch  an  Stärke  —  bis  zum  Monat  Januar, 
in  welchem  sie  fast  vollständig  verschwanden.  Der  erste  Stoss 
war  der  heftigste  von  allen ,  warf  die  Kirchen  und  mehrere 
Häuser  in  den  Städten  und  Dörfern  um,  verwüstete  Meiereien 
an  den  Ufern  der  Flüsse  Sucus  oder  Pumachaca  und  Canchan, 
sowie  ihrer  Nebenflüsse.  Da  die  Erschütterung  am  Tage 
erfolgte,  so  forderte  sie  nur  wenige  Opfer  (1  oder  2  Todte 
und  einige  Verwundete).     Die  folgenden  Stösse  waren  nicht 


*)  Es  folgt  hier  im  Original  eine  Schilderung  der  alten  Inea-Bauten 
von  Ingapirca,  am  südöstlichen  Abhang  des  Azuay. 


292 


mehr  sehr  heftig;  indem  sie  sich  indess  beständig  wieder- 
holten, brachten  sie  allmälig  viele  Häuser  zu  Fall.  In  Tigsan 
erblickte  ich  die  Wirkungen  dieser  Erschütterungen :  der  grösste 
Theil  der  Kirche  war  eingestürzt,  sowie  viele  Mauern;  eine 
ansehnliche  Zahl  von  Häusern  wurde  beschädigt.  Gleiches 
beobachtete  man  in  Alausi.  Die  ärgste  Verwüstung  bot  sich 
mir  in  der  Meierei  Bugnac  dar,  nahe  der  Vereinigung  der 
Flüsse  Sucus  und  Chanchan ,  woselbst  die  Zuckermühlen  voll- 
ständig zusammengestürzt  waren.  Die  merkwürdigste  That- 
sache  ist,  dass  einige  Meiereien,  welche  etwas  höher  über 
dem  Flusse  liegen,  aber  näher  bei  Bugnac,  nicht  bemerkbar 
gelitten  haben  und  ebensowenig  der  Flecken  Chunchi,  welcher 
in  der  Höhe  auf  der  linken  Seite  des  Flusses  Chanchan  liegt. 
Grösseren  Schaden  litt  der  Flecken  Pallatanga ,  wo  die  Er- 
schütterungen —  wie  mir  erzählt  wurde  —  mit  grösserer  Ge- 
walt auftraten.  Jenes  Centrum  der  Erschütterungen  habe  ich 
bis  jetzt  nicht  selbst  besucht,  hoffe  aber  bald  dorthin  zu  kom- 
men. In  denjenigen  Landstrichen,  welche  ich  bis  jetzt  durch- 
wandert habe,  bemerkte  ich  keine  grösseren  Bergstürze  oder 
Abrutschungen  gleich  denjenigen,  welche  durch  das  Erdbeben 
von  Imbabura  verursacht  worden  sind.  Doch  ist  es  wohl 
möglich  ,  dass  einige  Felsblöcke  von  den  hohen  Wänden  des 
Cerro  Patarata  bei  Alausi  herabgestürzt  sind.  —  Von  beson- 
derem Interesse  sind  diese  auf  ein  enges  nichtvulkanisches 
Gebiet  beschränkten  Erdbeben.  Jenes  Gebiet  ist  wegen  seiner 
hohen  und  steilen  Berge  nur  schwer  zugänglich;  während  in 
den  Thalgründen  bereits  Zuckerrohr  cultivirt  wird,  erheben  sich 
die  hohen  Berggewölbe  bis  zur  Region  der  Gräser  (des 
Pajonals). 

Es  ist  begreiflich,  dass  man  in  einem  Lande,  welches 
den  Erdbeben  so  sehr  unterworfen  ist,  wie  Ecuador,  Alles  mit 
Interesse  aufnimmt,  was  sich  auf  die  Theorie  der  Erdbeben 
bezieht.  So  kann  es  auch  nicht  Wunder  nehmen,  dass  selbst, 
nachdem  die  Folgerungen  des  Herrn  Falb  sich  als  trügerisch 
erwiesen ,  man  den  scheinbar  wissenschaftlichen  Darlegungen 
desselben  Glauben  beigemessen  hat,  jenen  Folgerungen,  welche 
ein  allmäliges  Sinken  der  Cordilleren  beweisen  sollten ,  und 
welche  sich  auf  den  Vergleich  neuerer  Messungen  mit  den- 
jenigen älterer  Reisenden  gründen  sollten.  Indess  ,  trotz  des 
Verlockenden,  welches  diese  Vorstellung  für  die  Bewohner  der 


293 


rauben  Hochebenen  haben  musste,  wurde  es  mir  doch  nicht 
schwer,  dieselben  davon  zu  überzeugen,  wie  hinfällig  jene 
Folgerungeu  sind.  Bevor  ich  diesen  Bericht  schliesse,  sei  es 
mir  noch  gestattet,  eine  Thatsache  zu  erwähnen,  welche  ich 
glaube  auf  den  wenig  zahlreichen  Ausflügen  beobachtet  zu 
haben ,  welche  ich  in  solche  Päramos  unternahm ,  die  noch 
nicht  von  Menschen  betreten  waren. 

Die  höheren  Theile  der  Cordilleren  sind  von  unermess- 
lichen  Pajonales  (gleichsam  Alpenwiesen ;  indess  nicht  gebildet 
durch  niedere  Rasen  und  Kräuter,  wie  in  den  europäischen 
Alpen,  sondern  aus  3  bis  4  Fuss  hohem  Büschelgras  —  An- 
dropogon,  Stipa  etc.  —  bestehend,  welches  erhöhte  Rasen  und 
Polster  bildet;  nach  Th.  Wolf)  bedeckt,  welche  man  für  die 
ursprüngliche  Vegetationsdecke  der  Cordilleren  halten  könnte. 
Indess  wo  auch  immer  ich  mich  aus  den  Gebieten  der  Meie- 
reien und  der  Viehzucht  entfernte  und  in  solche  Hochebene 
vordrang,  welche  niemals  weder  von  Hirten  noch  von  Jägern 
besucht  waren,  fand  ich  fast  undurchdringliche  Jucales*)  oder 

*)  Ueber  die  oben  genannten  Pflanzen  Jucales ,  Achupallas  und 
Chusque  erhielt  ich  durch  die  Güte  des  Herrn  Consul  Carl  Ochsenius  in 
Marburg  folgende  Mittheilung:  Iucales,  richtiger  zu  schreiben  Yucales, 
kommt  her  von  Yuca.  Das  angedeutete  1  deutet  an,  dass  sich  die 
Pflanze  in  grosser  Menge  bei  einander  findet ;  z.  B.  trigo  Weizen,  trigal 
Weizenfeld  etc. ,  also  auch  Yucal  —  plur.  Yucales  =  grosse  Flecken, 
bedeckt  von  Yuca ,  lat.  yucca.  —  Die  hier  gemeinte  Species  ist  wahr- 
scheinlich Y.  acaulis  oder  eine  verwandte  Species  (Familie  der  Liliaceen). 
Wildwachsend  im  nördlichen  Südamerika,  schwertförmige  Blätter,  sehr 
harter  Blattrand,  Spitzen  sehr  scharf.  Wurzel  von  den  Eingeborenen  zu 
Mehl  benutzt.  —  Achupalla,  plur.  A — s.  Er'mgium  aquaticum  (Um- 
bellifere)  ,  aber  wohl  nicht  Er.  aquaticum ,  welches  Cavanilles  aus  Chile 
angiebt.  Dieses  ist  nach  Hooker  Er.  peniculatum  Laroch,  welches  vom 
33°  südlich  geht;  wird  seinem  ecuadorianischen  Verwandten  aber  sehr 
ähnlich  sehen.  Er.  penic.  gleicht  ohne  Blüthen  ganz  einer  kleinen  Agave 
oder  einer  Bromeliacee.  Stachlich  starr,  rauh,  auch  grosse  Flächen  be- 
deckend, sogar  vom  Vieh  gemieden  —  Landplage.  Blüthenstengel  bis 
l,b  M.  hoch.  Pflanze  ohne  denselben  etwa  0,5  M.  —  Chusque. 
Wahrscheinlich  der  südamerikanische  Namen,  welcher  Kunih  veranlasste, 
das  Genus  der  hierhin  gehörigen  Pflanzen  Chusquea  zu  nennen ,  das 
charakteristisch  für  Südamerika  ist.  —  Astgräser ,  von  strauchartiger 
Species  bis  zu  solchen,  die  bis  zu  den  höchsten  Bäumen  gehen  und  von 
da  überhängen.  —  Arge  Plage  für  den  Reisenden;  undurchdringliche 
Dickichte.  Durchgehauene  Wege  gefährlich  für  Menschen  und  Pferde.  Auf 
kalten  Hochflächen  niedrig,  ja  kriechend  und  dann  sich  sehr  ausbreitend. 
Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII,  2.  20 


294 


Achupallas ,  Chusque  und  andere  Stachelgewächse ,  so  dicht 
verwachsen ,  dass  ich  mir  immer  mit  dem  Waldmesser  einen 
Weg  bahnen  musste.  Woher  rührt  diese  auffallende  Verschie- 
denheit der  Vegetation,  warum  setzen  die  Pajonales  (die  Rasen- 
flächen) nicht  auch  über  diejenigen  Theile  der  Päramos  fort, 
welche  vom  Menschen  früher  nicht  betreten  wurden?  Meiner 
Ansicht  nach  muss  man  die  Ursache  in  dem  Gebrauche  suchen, 
diejenigen  Päramos,  welche  für  die  Viehzucht  bestimmt  sind,  zu- 
nächst abzubrennen.  Dieser  Ansicht  zufolge  sind  die  Päramos  ur- 
sprünglich mit  Jucas  ,  Chusque,  Achupallas  und  anderen  ge- 
selligen Pflanzen,  nicht  aber  mit  Gräsern  (Pajonales)  bedeckt 
gewesen.  Nachdem  diese  ursprüngliche  Pflanzendecke  abge- 
brannt war,  entwickelte  sich  überall  das  Gras  in  schnellem 
Wachsthum.  Durch  wiederholte  Brände  wurden  allmälig  alle 
anderen  Pflanzen  zerstört  und  durch  das  aufschiessende  Gras 
erstickt,  welches,  mehr  und  mehr  Land  einnehmend,  Licht 
und  Luft  den  langsamer  wachsenden  Pflanzen  raubte.  So 
wurde  der  Vegetations-Charakter  der  Päramos  vollständig  durch 
die  Thätigkeit  des  Menschen  verwandelt  und  einer  Pflauzen- 
gattung  das  Uebergewicht  verschafft,  welche  ursprünglich  auf 
jenen  Hochflächen  nur  in  geringer  Menge  wuchs.  Die  nutz- 
losen und  fast  undurchdringlichen  Einöden  der  Jucales  wurden 
in  Grasflächen  umgewandelt,  welche  unzählbaren  Viehheerden 
Nahrung  geben.  Diese  Ansicht  wird  auch  durch  die  Thatsache 
gestützt,  dass  diejenigen  Päramos,  welche  lange  Zeit  nicht  ab- 
gebrannt sind,  sich  von  Neuem  mit  wildem  Gestrüpp  bedecken. 


3.   Beiträge  zur  Petrographie. 


Von  Herrn  G.  vom  Rath  in  Bonn. 

Hiezu  Tafel  IX.  und  X. 

I.  TJeber  einige  Andesgesteine, 

mit  besonderer  Berücksichtigung  der  in  ihnen  auftretenden  tri» 
klinen  Feldspathe. 

Durch  die  Güte  des  Herrn  Theodor  Wolf,  Professor  der 
Geologie  in  Quito,  erhielt  ich  eine  Sammlung  von  Gesteinen, 
welche  mehrere  der  ausgezeichnetsten,  theils  erloschenen,  theils 
noch  thätigen  Vulkane  des  Hochlandes  von  Ecuador  zusammen- 
setzen. Diese  werthvolle  Sammlung,  von  Herrn  Wolf  mit 
grosser  Hingebung  unter  vielen  Mühen  und  Gefahren  zusammen- 
gebracht,  bot  mir  Veranlassung,  die  Kenntniss  einiger  dieser 
Gesteine  durch  Untersuchung  der  sie  konstituirenden  Feldspathe 
zu  fördern.  Die  meisten  Felsarten  jenes  erhabensten  Schau- 
platzes vulkanischer  Thätigkeit  sind  zwar  in  solchem  Grade 
feinkörnig  und  dicht,  dass  es  nicht  gelingt,  den  Plagioklas 
zum  Zwecke  der  gesonderten  Analyse  auszusuchen.  Bei 
einigen  Andesiten  indess  war  es  möglich ,  wenngleich  meist 
nur  mit  grossem  Zeitaufwand,  den  ausgeschiedenen  Plagioklas 
von  der  Grundmasse  zu  trennen,  der  gesonderten  Analyse  zu 
unterwerfen  und  so  eine  sichere  Grundlage  für  die  Deutung 
der  ecuadorischen  Gesteine  zu  gewinnen.  In  solcher  Weise 
konnte  ich  die  Zusammensetzung  der  Plagioklase  aus  der 
Sphärolithlava  des  Antisana  ermitteln,  sowie  der  Andesite  vom 
südlichen  Abbange  des  Vulkans  Mojanda,  des  Kraters  Pu- 
lulagua,  des  Guagua  Pichincha,  des  Tunguragua, 
sowie  eines  trachytischen  Einschlusses  aus  den  sogenannten 
Calicalituffen  von  Pomasqui,  endlich  des  grossen  Lava- 
stromes von  La  n gl  an  geh i  (zwischen  Riobamba  und  dem 
Tunguragua).  Der  Untersuchung  dieser  Plagioklase  reihen  sich 
an:  diejenigen  des  Trachyts  von  Toluca  in  Mexico,  des 
obsidianähnlichen  Trachyts  von  Conejos  am  Rio  grande  del 
Norte  in  Colorado,  sowie  der  Hauyn-führenden  Lava  von  Palma. 

20* 


296 

Die  Sphärolithlava  des  Antisana. 

Der  Antisana  erhebt  sich  über  der  Ostcordillere,  6^  d.  M. 
gegen  Südost  von  Quito  entfernt,  bis  zur  Meereshöhe  von 
5756  M.  (nach  Dr.  Reiss),  2906  M.  über  der  Hauptstadt. 
Dieser  gewaltige  Vulkan  steigt  nicht  auf  der  östlichen  Cor- 
dillerenkette  selbst  empor,  sondern  bildet  ein  gegen  Osten  der- 
selben angelagertes,  gewaltiges  Plateaugebirge,  welchem  gleich 
einer  ungeheuren  silberweissen  Kuppel  der  hohe  Vulkangipfel 
aufgesetzt  ist.  „Unter  den  Vulkanen  der  ecuadorischen  Anden, 
sagt  Wolf  in  Briefen  an  seinen  Vater,  Herrn  Oberlehrer 
Wolf  in  Altshausen,  muss  man  sich  nicht  einfache  Bergkegel 
vorstellen.  Jedes  dieser  Vulkansysteme  bildet  eigentlich  ein 
ganzes  Gebirge,  welches  sich  meilen-  und  tagereisenweit  aus- 
dehnt und  aus  vielen  hohen  Bergen ,  ausgedehnten  Paramos, 
grossen  Lavaströmen  u.  s.  w.  besteht;  im  Centrum  erhebt  sich 
dann  gewöhnlich  der  Hauptkegel  als  hoher  Schneeberg.  So 
ist  es  besonders  am  Antisana.  In  der  Hacienda  Yurac  (unfern 
des  Dorfes  Pintac)  war  ich  vom  eigentlichen  Antisana  -  Kegel 
noch  eine  ganze  Tagereise  weit  entfernt,  aber  doch  schon  auf 
seinem  Vulkangebiet.  Schon  hier  an  seinem  Fusse  waren 
grosse  Lavaströme  ausgeflossen  und  hohe  Andesitlavaberge 
aufgethürmt,  welche  dem  geologischen  Studium  reichlichen 
und  interessanten  Stoff  bieten.  Ich  machte  gerade  hier  (am 
Berge  Achupallas,  s.  Neues  Jahrb.  f.  Min.  von  Leonhard  und 
Geinitz  1874  pag.  380)  einige  für  die  Vulkanologie  wichtige 
Entdeckungen  in  den  Obsidian-  und  Perlitlaven,  ganz  besonders 
die  Entdeckung  merkwürdiger  Quarzlaven.  —  Von  der  Ha- 
cienda Pinantura  (3142  M.  Reiss)  am  westlichen  Fusse  des 
Antisana  ritten  wir  von  Morgens  früh  bis  Abends  spät  immer 
aufwärts  steigend  durch  rauhe  trostlose  Paramos,  die  an  vielen 
Stellen  sehr  sumpfig  und  schwer  zu  passiren  waren.  Grosse 
Ausdehnung  und  sumpfiges  Terrain  ist  für  die  Paramos  der 
Ostcordillere  charakteristisch  im  Gegensatze  zur  Westcordillere. 
—  Wenn  man  sich,  an  diesen  Gebirgen  emporsteigend  ,  müh- 
sam durch  die  Wald  -  und  Buschregion  durchgearbeitet  hat, 
betritt  man  in  der  Höhe  von  ungefähr  12000  Fuss  das  Pa- 
jonal  oder  den  Päramo;  Alpen  wiesen,  wenn  man  so  sagen 
darf,  welche  in  einem  breiten  Gürtel  bis  zur  Höhe  von  14000  F. 
die  Gebirge  umsäumen.     Aber  denken  Sie  nur  nicht  an  jene 


597 


lieblichen  Triften  und  Matten,  welche  in  den  europäischen 
Alpen  das  Auge  des  Wanderers  durch  ihr  frisches  Grün  und 
den  Schmelz  ihrer  Blumen  ergötzen.  Statt  eines  gleichmässi- 
gen ,  von  niederen  Grasarten  und  Alpenkräutern  gebildeten 
Rasens,  über  den  man  leichten  Fusses  hinwegschreitet,  steht 
man  hier  bis  an  die  Hüften  und  oft  bis  an  die  Arme  zwischen 
dem  groben,  3  bis  4  F.  hohen  Büschelgras,  welches  erhöhte 
Rasen  und  Polster  bildet.  Zu  Pferde  und  zu  Fuss  kommt 
man  nur  sehr  langsam  und  immer  strauchelnd  voran.  Nach 
Erdbeben,  welche  den  Boden  durch  tausend  Risse  und  Spalten 
zerklüften,  wird  eine  Wanderung  im  Paramo  sogar  gefährlich 
und  gleicht  dann  etwa  der  über  einen  zerklüfteten,  mit  frischem 
Schnee  bedeckten  Gletscher.  —  Bei  der  Besteigung  der  ecua- 
dorianischen  Vulkane  wandert  man  gewöhnlich  2  bis  3  Stunden 
durch  diese  Päramos,  bevor  man  in  die  vegetationslose  Schnee- 
region kommt;  doch  auf  denjenigen  Gebirgen,  welche  die  Höhe 
von  13500  F.  nicht  übersteigen ,  irrt  man  tagelang  in  diesen 
trostlosen  Einöden  und  Graswüsten  umher,  in  welchen  kein 
Baum  oder  Strauch  dem  Auge  eine  Abwechselung  bietet,  und 
woselbst  mau  keine  Spur  des  animalischeu  Lebens,  ge- 
schweige denn  eine  menschliche  Ansiedlung  entdeckt.  Das 
Wort  Päramo  ist  selbst  für  den  Eingeborenen  der  Inbegriff 
aller  Mühsale  und  alles  Elends.  —  Nirgends  erschliesst  sich 
hier  dem  Geognosten  durch  anstehendes  Gestein  der  Bau  des 
Gebirges.  —  In  der  Höhe  von  ca.  12500  F.,  wo  ich  nun  in 
einem  Hato  (Hirtenwohnung)  für  acht  Tage  mein  Standquartier 
nahm ,  hat  dies  Antisanagebirge  eine  ganz  eigene  Physiogno- 
mie und  stellt  sich  als  eine  besondere  abgeschlossene  Welt 
dar:  es  befinden  sich  da  stundenweit  ausgedehnte  Ebenen, 
grosse  mit  merkwürdigen  Sumpf-  und  Schwimmvögeln  bevöl- 
kerte Seen,  eine  Menge  krystallheller  Quellen  und  Bäche,  die 
nicht  wild  über  Felsen  stürzen ,  sondern  sich  sanft  dahin- 
schlängeln  und  erst  am  Rande  dieser  breiten  Zone  sich  in 
Wildbäche  verwandeln.  Dann  wieder  ganz  gesonderte  kleine 
Gebirge  für  sich,  welche  Ebenen  und  Seen  umschliessen,  oder 
isolirte  Vulkane  und  Krater,  welche  ganz  bedeutend  sind  und 
nur  an  der  Seite  des  gewaltigen  Centraikegels  klein  erscheinen, 
—  es  sind  die  Seiteneruptionskegel  des  Antisana.  Dieser  hebt 
sich  nun  mit  königlicher  Majestät  aus  dem  Centrum  der  ihn 
umgebenden  Landschaft  zu  der  colossalen  Höhe  von  5756  M. 


298 


—  So  flach  die  Basis  des  Vulkankegels  ist,  so  steil  steigt  er 
dann  von  der  Schneegrenze  an  empor  und  an  den  meisten 
Punkten  wäre  wohl  ein  Besteigungsversuch  vergeblich.  Von 
den  ungeheuren  Schnee  -  und  Eismassen ,  die  den  Berg  be- 
decken, kann  man  sich  kaum  einen  Begriff  machen;  nur  an 
wenigen  Punkten  schaut  eine  schwarze,  nackte  Felsenspitze 
heraus.  Wenn  der  Riese  im  hellen  Sonnenschein  oder  im 
Vollmondglanz  in  so  unmittelbarer  Nähe  frei  vor  einem  steht 
oder  plötzlich  aus  einer  Wolkenumhüllung  tritt  und  sich  am 
azurblauen  Himmel  scharf  abhebt,  kann  man  sich  an  diesem 
Anblick  kaum  satt  sehen:  diese  duftigblauen  oder  meergrünen, 
mehrere  hundert  Fuss  dicken  Eisterrassen  und  Eisblöcke! 
diese  blendend  weissen ,  von  dunklen  Spalten  durchfurchten 
Schneefelder!  dieser  Contrast  mit  den  ernsten  schwarzen  Lava- 
feldern am  Fusse!  —  Der  Antisana  hat  einen  ungeheuren 
Krater,  der  nach  Südost  offen  ist,  von  welcher  Seite  man  auch 
ziemlich  leicht  hineingehen  kann;  er  gilt  jetzt  für  erloschen, 
war  aber  am  Ende  des  vorigen  und  noch  am  Anfang  dieses 
Jahrhunderts  thätig,  und  es  ist  gar  nicht  unmöglich,  dass  er 
wieder  aus  seiner  Ruhe  mit  gesteigerter  Energie  sich  auf- 
raffe/ 

Ueber  die  geologischen  Forschungen  von  Prof.  Wolf  auf 
der  Westseite  des  Antisana,  am  Kegel  Achupallas  und  im  Thale 
von  Ansango  oder  Pinantura  s.  Neues  Jahrb.  1874  pag.  380 
bis  384.  Ueber  den  Anlisana  und  seine  Lavaströme  s.  von 
Humboldt,  Kosmos  Bd.  IV.  pag.  354 — 359.  —  Die  Sphäro- 
lithlava,  von  welcher  in  der  Sammlung  Stücke  von  etwas 
verschiedenen  Varietäten  sich  finden ,  bildet  einen  grossen 
Lavastrom,  welcher  westlich  unterhalb  des  Hauptkegels  her- 
vorgebrochen ist.  Diese  Lavaströme  des  Antisana,  welche 
strahlenförmig  vom  Vulkan  ausgehen  und  sich  über  die  weiten 
fast  unmerkbar  ansteigenden  Hochebenen  hinziehen ,  stellen 
sich  dar  als  meilenlange  Gesteinsgerölle ,  bis  33  M.  hoch, 
bis  700  JV1.  breit,  mit  schrundiger,  jeder  Vegetation  entbeh- 
render Oberfläche.  Die  Spbärolithlava  ist  von  röthlicher  oder 
grauer  Farbe  und  besteht  aus  Sphärolithen ,  quarzähnlichen 
Obsidiankörnern  und  Plagioklas,  zu  welchen  als  seltenerer 
Gemengtheil  sich  noch  Biotit  gesellt.  Das  Verhältniss  der 
Gemengtheile  wechselt,  so  dass  das  Gestein  bald  fast  aus- 
schliesslich aus   Sphärolithen,    bald  zu  gleichen  Theilen  aus 


299 


diesen  und  Obsidiankörnern  besteht.  —  Die  Sphärolithe  sind 
bis  3  Mm.  gross,  zeigen  meist  im  Innern  einen  mehr  grauen, 
aussen  einen  mehr  röthliehen  Farbenton.  Häufig  umschliessen 
sie  im  Innern  einen  weissen  Plagioklaskrystall,  zuweilen  auch 
ein  kleines  Biotitblättchen. 

Unter  dem  Mikroskop  zeigt  das  Gestein  ein  ausgezeichnet 
sphärolithisches  Gefüge;  es  besteht  aus  lauter  mehr  oder  we- 
niger kugeligen  Concretionen  von  radialfasriger  Zusammen- 
setzung. Man  unterscheidet  deutlich  eine  zweifache  Bildung 
von  Sphärolithen ,  die  eine  etwas  ältere  von  röthlichbrauner 
Farbe  und  gradfaseriger  Zusammensetzung,  die  andere,  jüngere, 
von  mehr  grauer  Farbe  und  verworren  -  fasriger  Zusammen- 
setzung. Die  letztere  Spbärolithmasse  bildet  theils  die  peri- 
pherische Zone  der  älteren  Gebilde,  theils  selbstständige  Con- 
cretionen. Häufig  sind  die  geradfasrigen  älteren  Spbärolith- 
kugeln  zertrümmert,  und  zwischen  ihren  Spalten  haben  sich  die 
jüngeren  Concretionen  mit  eigentümlicher,  verworrener  Faser- 
zusammensetzung gebildet.  Die  Sphärolithe ,  deren  Fasern 
schwach  doppelbrechend  wirken ,  haben  eine  von  den  vorra- 
genden feinsten  Prismen  herrührende  rauhe  Oberfläche.  Die 
Gestalt  der  Sphärolithe  ist  nicht  immer  kugelig,  sondern  oft 
in  die  Länge  gezogen  oder  keulenförmig.  Die  Zusammen- 
setzung der  Sphärolithe  ist  die  folgende.    Spec.  Gew.  2,386. 


Glühverlust  0,45. 

Kieselsäure   77,01 

Thonerde   12,90 

Eisenoxyd ......  1,88 

Kalk   0,21 

Magnesia   0,29 


Alkalien  .(Verlust)   .    .  7,71 

100,00 

Zwischen  den,  Sphärolithen  ziehen  nun  die  eigentüm- 
lichen Gestalten  der  Obsidiankörner  hin;  theils  von  schwärz- 
lichgrauer, theils  von  lichtgrauer  Farbe,  muschligem  Bruch, 
rauher,  fast  feindrusiger  Oberfläche.  Diese  Körner  haben  eine 
ganz  seltsame,  oft  zackige  Gestalt  und  bilden  zuweilen  ein 
wahres  Skelett,  welches  zwischen  den  Sphärolithen,  sich  leicht 
von  denselben  ablösend,  in  zackigen  Apophysen  fortsetzt. 
Wenn  sie  reichlich  vorhanden,  verbinden  sich  diese  Körner  zu 


300 


zusammenhängenden  Lagen  und  das  Gestein  besteht  aus  wech- 
selnden Straten  von  sphärolithischer  Masse  uud  Obsidian.  In 
manchen  Handstücken  werden  die  Obsidiankörner  dem  Quarz 
so  ähnlich,  dass  ich  sie  in  der  That  Anfangs  dafür  hielt  und 
mich  erst  ihre  Schmelzbarkeit  in  Betreff  ihrer  wahren  Natur 
belehrte.  Spec.  Gew.  2,320  (bei  20°  C.).  Glühverlust  0,24. 
Die  Analyse  ergab: 


Kieselsäure  . 

77,76 

Thonerde  .    .  . 

13,14 

Kalk  .... 

0,63 

Eisenoxyd .    .  . 

.  1,47 

Alkalien  (Verlust) 

.  7,00 

100,00 

Diese  Obsidiankörner  aus  dem  Antisana-Sphärolith  zeigen 
demnach  eine  fast  gleiche  Zusammensetzung,  wie  jene  quarz- 
ähnlichen Glaskörner  aus  dem  Trachyt  des  Monte  Amiata 
(s.  diese  Zeitschr.  Jahrg.  1865  pag.  413).  —  Ein  Vergleich 
der  Obsidiankörner  mit  den  Sphärolithen  ergiebt,  dass  beide 
sehr  nahe  die  gleiche  Zusammensetzung  besitzen.  Es  könnte 
demnach  die  Obsidianmasse  durch  Krystallisation  ohne  Rest- 
ausscheidung völlig  in  Sphärolith  sich  umwandeln.  Der  Pla- 
gioklas  der  Sphärolithlava  ist  weiss.  Die  Krystalle  1 — 3  Mm. 
gross  liegen  theils  im  Innern  der  Sphärolithe,  theils  zwischen 
denselben  und  den  Glaskörnern.  In  letzterem  Falle  sind  sie 
zuweilen  fast  ringsum  ausgebildet  und  haben  sogar  messbare 
Flächen.  Es  macht  nicht  den  Eindruck,  als  ob  die  Krystalle 
sich  aus  der  Lava  ausgeschieden  hätten. 

Spec.  Gew  2,603;  2,594  (in  zwei  Versuchen  bei  18°  C.). 
Glühverlust  0,11  pCt. 

Analyse  I.  wurde  durch  Schmelzen  mit  kohlensaurem  Na- 
trium, II.  mittelst  Fluorwasserstoffsäure  ausgeführt. 
I.          II.  Mittel 
Kieselsäure  .  64,27      —      64,27  Ox.  34,277 
Thonerde   .  .  22,19    22,41    22,30  10,412 

Kalk   3,01     3,23     3,12  0,891  ] 

Kali   —       2,11     2,11         0,358  1  3,288 

Natron  ....     —       7,90     7,90  2,039  J 

99,70 

Sauertoffproportion  0,947  :  3  :  9,876. 


301 


Vorstehende  Mischung  gehört  demnach  einem  Oligoklas 
an  und  kann  im  Sinne  der  TscHERMAK'schen,  stets  neu  bestä- 
tigten Theorie  aufgefasst  werden  als  eine  Mischung  von  3  Mol. 
Albit  und  1  Mol.  Anorthit,  für  welche  sich  folgende  Zusammen- 
setzung berechnet:  Kieselsäure  64,75,  Thonerde  22,20,  Kalk 
3,02,  Natron  10,03;  in  naher  Uebereinstimmung  mit  dem  Re- 
sultat der  Analyse,  wenn  wir  eine  kleine  Menge  des  Natrons 
durch  Kali  vertreten  denken.  Durch  vorstehende  Analyse  ist 
wohl  zum  ersten  Mal  in  den  trachytischen  Gesteinen  der 
Anden  Oligoklas  nachgewiesen.  Es  ist  bekanntlich  nur  sehr 
selten  möglich  gewesen,  die  Krystallformen  der  Kalknatron- 
Feldspathe  genau  zu  bestimmen.  Als  einen  besonders  glück- 
lichen Zufall  musste  ich  es  demnach  ansehen,  dass  ich  in  der 
Antisana-Lava  einen  3  Mm.  grossen,  ringsum  ausgebildeten 
messbaren  Oligoklaskrystall  auffand.  Die 
nebenstehende  Figur  giebt  ein  Vorstellung 
des  interessanten  Krystalls*),  eines  Doppel- 
zwillings nach  zwei  Gesetzen :  1)  Dre- 
hungsaxe  die  Normale  zum  Brachypina- 
koid  M  (resp.  Zwillingsebene  M)  und  2)  Dre- 
hungsaxe  die  makrodiagonale  Axe  b  oder 
(was  hier  identisch)  die  Normale  zur  brachy- 
diagonalen  Axe  a  in  der  Basis  (s.  Pogg. 
Ann.  Bd.  138  pag.  473). 

Ich  beobachtete  folgende  Flächen: 

P  —  (ooa:oob:c),  oP 
M  =  (oc  a :  b  :  oo  c),  ooPoo 
y  =  (a  :  x  b  :  2  c),  2^00 
e  =  (ooa:b:  2  c),  2yP'oo 
n  =  (oca:b':2c),  2'Poo 
1  =  (a  :  b  :  oo  c),  oo  P' 
T  =  (a:b':ooc),  oo 'P 
f  =  (a:|b:ooc),  oo  P'3 
z  =  (a:^b':ooc),  oo  'P  3 
m  =  (a:b:c),  P' 


*)  In  der  Zeichnung  ist  das  nach  dem  „Albitgesetz"  angewachsene 
Krystallstück  fortgelassen;  man  denke  sich  dasselbe  der  linken  Seite  des 


302 


Mit  Ausnahme  von  m  ,  einer  am  Anorthit  nicht  seltenen 
Fläche,  wurden  alle  oben  aufgeführten  Formen  auch  am  Oli- 
goklas  vom  Vesuv  (s.  a.  a.  O.)  beobachtet.  Sehr  schön  konnte 
an  der  Zwillingsgruppe  beobachtet  werden,  dass  die  Zwillings- 
kanten der  beiden  nach  dem  Gesetze  2)  verbundenen  Indivi- 
duen ringsum  parallel  den  Kanten  der  betreffenden  Flächen 
mit  der  Basis  P  laufen;  genau  in  gleicher  Weise  wie  es  früher 
für  den  Oligoklas  nachgewiesen  wurde,  —  im  Gegensatze  zu 
den  Zwillingen  des  Anorthits.  Die  Messung  des  kleinen  Kry- 
stalls  konnte  zwar  am  grossen  Goniometer,  doch  nicht  mit 
völliger  Genauigkeit  geschehen,  da  die  Bilder  theils  etwas 
verwaschen,  theils  doppelt  waren.  Nichtsdestoweniger  ist  die 
Uebereinstimmung  mehrerer  Winkel  mit  den  betreffenden  des 
vesuvischen  Oligoklas  gewiss  sehr  bemerkenswerth. 


Antisana 

Ves 

UV 

T:M  = 

118°  26' 

118° 

20' 

20 

1:M  = 

121  0 

120 

P:T  = 

[110  27 

111 

12 

2  Bilder 

\111  20 

P:T'  = 

69°  3 

68 

48 

M:P  = 

86  19 

86 

32 

So  liefert  der  kleine  Krystall  vom  fernen  amerikanischen 
Feuerberg  eine  unerwartete  Bestätigung  der  an  den  Krystallen 
eines  vesuvischen  Auswürflings  erhaltenen  Resultate. 

Der  Quarz-Andesit  (Dacit)  des  Vulkans  Mojanda. 

Der  Vulkan  Mojanda  (4294  M.)  liegt  (unfern  des  Yana 
Urcu,  4272  M.)  etwa  4  d.  Meil.  nordöstlich  von  Quito.  Nach 
Wolf's  Forschungen  (s.  Neues  Jahrb.  d.  Min.  1874  pag.  377) 
bildet  das  in  Rede  stehende  Gestein  mit  anderen  älteren 
Eruptivgesteinen  die  ausgedehnte  Basis,  auf  welcher  sich  jene 
beiden  Vulkane  erhoben  haben.  Wolf  beobachtete  den  Dacit 
unfern  Puellaro  in  über  100  M.  mächtigen,  dem  vulkanischen 
Tuff  eingeschalteten  Bänken,   am  steilen  nördlichen  Gehänge 


oberen  Individuums  angeiugt;  so  dass  oben  der  einspringende  Winkel 
P  :  P  liegt.  Auch  fehlen  in  der  Zeichnung  die  Flächen  e.  n,  sowie  m, 
welch  letztere  die  Kante  P  :  1  abstumpft. 


303 


der  fast  1000  M.  tiefen  engen  Schlucht  des  Rio  Guallabamba*), 
welcher  in  seinem  Unterlaufe  Rio  Esmeraldas  heisst,  und  die 
Vulkane  Mojanda  und  Yana  Urcu  („Schwarzer  Kopf")  im 
Norden  von  dem  Vulkan  Pululagua  im  Süden  trennt.  Die 
Entdeckung  des  Dacits  im  ecuadorischen  Hochlande  durch 
Herrn  Wolf  ist  um  so  wichtiger,  als  dies  durch  die  Association 
von  Quarz  und  Plagioklas  charakterisirte  Gestein  bisher  fast 
allein  aus  Siebenbürgen  und  Ungarn  bekannt  war. 

Der  Dacit  von  Puellaro  enthält  in  einer  rauhen  oder  fein- 
porösen bräunlichgrauen  Grundmasse  sehr  zahlreiche,  schnee- 
weisse  Plagioklaskörner  (meist  bis  5  Mm.,  selten  bis  10  Mm. 
gross),  welche  auf  der  vollkommenen  Spaltungsfläche  stets 
deutlich  die  Zwillingsstreifung  zeigen;  ferner  weniger  zahl- 
reiche gerundete  Dihexaeder  von  wasserhellem  Quarz  (bis 
5  Mm.  gross).  Nach  Wolf  besitzt  der  Quarz  zuweilen  auch 
einen  gelblichen  oder  rosenrothen  Farbenthon.  Zuweilen  ist 
er  milchig  getrübt,  irisirend  und  erinnert  etwas  an  Opal.  Als 
mehr  untergeordnete  Gemengtheile  sind  zu  nennen:  sehr  spär- 
liche kleine  Prismen  von  schwarzer  Hornblende  und  hexa- 
gonale  Täfelchen  von  schwärzlich-braunem  Biotit,  sowie  fein 
zertheiltes  Magneteisen.  Unter  dem  Mikroskop  löst  sich  das 
Gestein  zum  allergrössten  Theil  in  ein  körniges  Mineral- 
Aggregat  auf.  Diese  weissen  rundlichen  Krystallkörner,  welche 
sich  nur  unrein  aus  dem  glasigen  Magma  ausgeschieden  haben 
und  kaum  farbengebend  auf  das  polarisirende  Mikroskop  wir- 
ken, haben  eine  gewisse,  wenn  auch  nur  entfernte  Aehnlich- 
keit  mit  Leucit.  Es  muss  dahin  gestellt  bleiben,  welchem 
Mineral  sie  angehören.  Plagioklas  scheinen  sie  nicht  zu  sein, 
da  sie  keine  Zwillingsstreifung  im  polarisirten  Lichte  zeigen. 
In  diesem  körnigen  Aggregat  liegen  nun  porphyrartig  einge- 
mengt Plagioklase ,  von  denen  selbst  die  kleinsten  deutliche 
Zwillingslamellen  zeigen,  ferner  Quarzkörner,  welche  theils 
sich  auf  Durchschnitte  gerundeter  Dihexaeder  parallel  der  Haupt- 
axe  beziehen  lassen,  theils  ganz  unregelmässig  gestaltet,  theils 
offenbare  Bruchstücke  sind.  Zuweilen  bemerkt  man  an  den 
Quarzkörnern  die  schönsten  Anwachshüllen.    Gewöhnlich  wird 


*)  Bei  dem  Dorfe  Guallabamba  (6482  p.  F.  h.  nach  Humboldt), 
3  Wegestunden  südöstlich  von  Puellaro  fand  v.  Humboldt  bis  68  F.  hohe, 
3  F.  dicke  Basaltsäulen. 


304 


der  Quarz  von  Sprüngen  durchsetzt,  in  welche  nicht  selten 
die  Grundmasse  eindringt.  Der  Quarz  in  diesem  Dacit  gleicht 
in  seinem  mikroskopischen  Verhalten  in  hohem  Grade  dem 
Quarz  mancher  Porphyre.  —  Die  feinen  Magneteisenpunkte 
sammeln  sich  vorzugsweise  um  die  Hornblendekrystalle. 

Der  Kieselsäuregehalt  dieses  Gesteins  beträgt,  nachdem 
die  grösseren  Gemengtheile  ausgeschieden  waren, 

=  69,78  pCt. 

Der  Plagioklas,  welcher  einen  konstituirenden  Bestand- 
teil dieses  Dacits  ausmacht,  besitzt  folgende  Zusammen- 
setzung: 

Spec.  Gew.  2,666  (bei  15°  C.).    Glühverlust  0,04. 


I. 

m 

Mittel 

Kieselsäure  . 

.  60,48 

60,48  Ox.  - 

32,256 

Thonerde  .  . 

.  25,07 

25,63 

25,35 

11,836 

.  7,30 

7,20 

7,25 

2,071 

Kali  

0,08 

0,08 

0,014 

Natron    .  .  . 

7,28 

7,28  . 

1,879 

.  100,44 

Sauerstoifproportion  1,005  : 3  :  8,175. 


Der  Plagioklas  vom  Mojanda  ist  demnach  ein  Andesin 
und  kann  im  Sinne  der  TscHERMAK'schen  Theorie  durch  eine 
Verbindung  von  1  Mol.  Albit  mit  1  Mol.  Anorthit  dargestellt 
werden.  Derselben  würde  folgende  Zusammensetzung  ent- 
sprechen : 

Kieselsäure  59,73,    Thonerde  25,59,    Kalk  6,97, 
Natron  7,71. 

Der  Andesit  vom  Vulkan  Pululagua. 

Der  erloschene  Vulkan  Pululagua  liegt  2  bis  3  d.  Meil. 
nördlich  von  Quito,  unfern  des  Ortes  S.  Antonio  de  Lulubamba*), 
auf  der  linken  oder  südlichen  Seite  des  Rio  Guallabamba. 


*)  Etwas  Genaueres  über  diesen  Vulkan,  welchen  ich  sonst  nirgends 
erwähnt  finde ,  konnte  ich  bis  jetzt  nicht  in  Erfahrung  bringen,  da  ein 
Brief  von  Prof.  Wolf  mit  näheren  Nachrichten  über  diesen  und  andere 
vulkanische  Punkte  leider  verloren  gegangen  ist. 


305 


Prof.  Wolf  schlug  dies  Gestein  „von  grossen  Blöcken, 
welche  von  den  Kraterwänden  herabgestürzt  sind",  unfern  des 
Ortes  Niebli.  Dieser  Andesit,  gleichfalls  von  schön  porphyr- 
artigem Gefüge,  ähnlich  dem  Mojanda-Gestein  (also  ein  Sara- 
Rumi  der  Indianer),  enthält  in  einer  rauhen,  bald  röthlichen, 
bald  hellgrauen  Grundmasse  sehr  zahlreiche,  schneeweisse, 
mit  deutlicher  Zwillingsstreifung  versehene  Plagioklaskörner. 
Hornblende,  Biotit,  Magneteisen  sind  in  der  röthlichen  Gesteins- 
varietät in  etwas  geringerer  Menge  ausgeschieden ,  während 
die  Varietät  mit  lichtgrauer  Grundmasse  zahlreiche  überaus 
deutliche  schwarze  Hornblendeprismen  zeigt  und  demnach  als 
ein  eigentlicher  Hornblende-Andesit  bezeichnet  werden  kann. 

Unter  dem  Mikroskop  erscheint  die  Grundmasse  der  grauen 
Varietät  wesentlich  als  ein  Gemenge  kleinster  Plagioklase, 
welche  von  einer  amorphen  Grundmasse  umschlossen  sind; 
darin  sind  grössere  Plagioklase  ausgeschieden,  sowie  die  zier- 
lichsten grünen  Hornblendekryställchen  ,  welche  stets  von 
feinsten  Magneteisenkörnchen  umsäumt  werden.  Diese  graue 
Varietät  ist  nach  Wolf  das  anstehende  Gestein  des  Pululagua. 
Die  nördlichen  und  westlichen  Kraterwände  (besonders  da,  wo 
der  Krater  gegen  Niebli  offen  ist)  bestehen  daraus.  Es  ist  in 
dicke ,  gegen  das  Innere  des  Kraters  aufgerichtete  Bänke  ab- 
gesondert. —  Die  Grundmasse  der  röthlichen  Varietät  ist  der 
vorigen  ähnlich;  doch  ist  die  Hornblende  von  brauner  Farbe, 
auch  Biotit  und  einzelne  Augite  sind  vorhanden.  Die  grösseren 
Plagioklase  zeigen  bei  polarisirtem  Lichte  eine  polysynthetische 
Zusammensetzung:  neben  der  gewöhnlichen  Zwillingsstreifung, 
entsprechend  den  Zwillingslamellen  parallel  dem  Brachypina- 
koid  (M),  bemerkt  man  häufig  auch  Streifen,  welche  jene  erste 
Richtung  annähernd  unter  rechtem  Winkel  schneiden  und  wahr- 
scheinlich auf  eine  Verwachsung  nach  dem  Gesetze:  Zwillings- 
axe  die  in  der  Basis  (P)  liegende  Normale  der  Brachydiago- 
nale  zurückzuführen  sind.  Zahlreiche  concentrische  Anwachs- 
streifen zeichnen  gleichfalls  diese  Krystalle  aus.  Ausser  den 
genannten  Gemengtheilen  weist  das  Mikroskop  auch  sehr  ver- 
einzelte Quarzkörnchen  auf,  welche,  wenn  sie  auch  sehr  viel 
spärlicher  sind,  wie  in  dem  oben  geschilderten  Dacit  des  Mo- 
janda,  doch  beweisen,  dass  beide  Felsarten  nicht  durchaus 
verschieden  sind. 


306 


Den  Kieselsäuregehalt  der  Grundmasse  des  röthlichen 
Andesits  vom  Krater  Pululagua  bestimmte  ich 

=  65,16  PCt. 

Der  Flagioklas  aus  derselben  röthlichen  Gesteinsvarietät 
ergab : 

Spec.  Gew.  2,659  (bei  16°  C).    Glühverlust  0,12. 


I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure  .  . 

59,39 

59,39  Ox.- 

31,675 

Thonerde  .  .  . 

25,88 

26,27 

26,08 

12,177 

Kalk  

8,11 

8,29 

8,20 

2,325 

Kali  

0,22 

0,22 

0,037 

6,74 

6,74 

1,739 

100,63 

Sauerstoffproportion  1,010  :  3  :  7,804. 

Auch  dieser  Plagioklas  ist  demnach  ein  Andesin ,  dessen 
Zusammensetzung  annähernd  durch  die  obige  Mischung  von 
1  Mol.  Albit  und  1  Mol.  Anorthit  dargestellt  wird. 

Im  Pululagua  -  Krater  sammelte  Prof.  Wolf  auch  dunkle, 
schlackenähnliche  A  ndesitvarietäten  mit  sehr  kleinen  weissen 
Andesinen  und  grünen  Augiten.  Ferner  besitzt  die  Sammlung 
Andesit-Bimstein  aus  der  Gegend  von  S.  Antonio,  ^  Stunde 
vom  Kraterrande  entfernt,  ein  Produkt  des  Vulkans.  Grössere 
und  kleinere  Blöcke  dieses  Plagioklas-  und  Hornblende-  füh- 
renden Bimsteins  bilden  mächtige  Schichten.  ,,Die  grösseren 
Blöcke  werden  als  vortrefflicher  Baustein  benutzt."'  —  Von 
Pululagua  stammt  ferner  einer  der  schönsten,  durch  schnee- 
weisse  Andesine  und  schwarze  Hornblendeprismen  ausgezeich- 
neten Andesite  der  WoLF'schen  Sammlung.  In  ziemlich  spär- 
licher dunkler  Grundmasse  liegen  in  grosser  Menge  die  ge- 
nannten beiden  Bestandteile.  Während  das  Gestein  selbst  in 
schwarzer,  scheinbar  dichter,  krystallinischer  Grundmasse  An- 
desin und  Hornblende  zeigt,  sind  die  obere  und  untere  Fläche 
des  Hahdstücks  mit  hellgrauer,  fast  bimsteinähnlicher  Masse 
bedeckt.  ,, Diese  stammt  von  Gängen ,  einige  Linien  dick, 
welche  das  Gestein  durchsetzen.4' 


307 


Der  Andesit  des  Guagua  Picbincba. 

Die  beiden  Gesteinsvarietäteri ,  deren  Plagioklase  der  ge- 
sonderten Analyse  unterworfen  wurden,  sammelte  Prof.  Wolf 
theils  auf  der  äusseren  Südostseite  des  Gipfels  in  4600  M. 
Höbe  (rötbliche  Varietät),  theils  im  unteren  Krater  des  Guagua 
Pichincba  (dunkle  Varietät).  Wolf  bemerkt,  dass  v.  Hum- 
boldt in  allen  seinen  Schriften  die  Namen  Ruccu-  und  Gua- 
gua-Piehincha  verwechsle.  „Der  Ruccu-Pichincha  (der  Vater 
oder  Alte)  ist  der  erloschene  nördliche  Kegel  (4737  M.  Reiss), 
Guagua  Pichincha  (das  Kind)  der  noch  thätige  südliche  Krater 
(4787  M.  Reiss).  Bei  Humboldt  stets  umgekehrt.4'  Es  darf 
hier  auf  die  schöne  Ansicht  und  Karte  des  Pichincha  ver- 
wiesen werden,  welche  wir  dem  grossen  Reisenden  und  Natur- 
forscher verdanken  (v.  Hümb.  Atlas  zu  den  kleiner.  Schriften 
Taf.  1  und  10).  Der  Pichincha  bildet  eine  2  d.  Meil.  lange 
Mauer,  in  welcher  man  von  Poingasi  (3104  M.  Reiss)  aus  in  dem 
Höhenzuge,  welcher  das  Hochthal  von  Quito  in  zwei  Theile 
trennt  (einen  östlichen  mit  den  Thalebenen  von  Puembo 
(2484  M.  Reiss)  und  Chillo;  und  einen  westlichen  mit  den 
rauheren  Grasfluren  von  Inaquito  und  Turabamba),  hauptsächlich 
vier  von  Nordost  nach  Südwest  aneinander  gereihte  Gipfel 
unterscheidet:  1)  einen  ungenannten  Kegelberg,  von  Humboldt 
„Condorgipfel"  genannt*);  2)  Ruccu  Pichincha  (bei  v.  Humb. 
Guagua  P.),  ein  kastellartiger  Fels;  3)  Picacho  de  los  La- 
drillos  (Ziegelberg);  4)  Guagua  P.  (bei  v.  Humb.  Ruccu  P.). 
Dieser  letztere  trägt  den  grossen  noch  entzündeten  Krater 
und  den  höchsten  Gipfel  des  ganzen  Gebirges.  In  v.  Hum- 
boldt's  schöner  Ansicht  ist  der  Guagua  Pichincha  der  mit 
Schnee  bedeckte  Gipfel.  Nur  einige  wenige  Male  ist  der  ge- 
waltige Kraterboden  von  Menschen  betreten  worden :  zuerst  1845 
durch  Seb.  Wisse  und  seinen  „ausgezeichnetsten  Schüler" 
Garcia  Moreno,  den  jetzigen  Präsidenten  der  Republik,  dann 
1870  durch  die  Herren  Reiss  und  Stübel,  endlich  in  demsel- 
ben Jahre  durch  Wolf.  —  Bouguer  und  La  Condamike,  welche 
7  Jahre  mit  den  Arbeiten   der  Gradmessung   beschäftigt  auf 


*)  fm  Kosmos  IV.  Band  pag.  285  nennt  v.  Humboldt  offenbar  irr- 
thümlich  den  Cunturguachana  (den  Condorgipfel)  den  südwestlichsten  in 
der  Reihe. 


308 


dem  Hochlande  von  Quito  lebten ,  gelangten  1742  nach  vielen 
Bemühungen  bis  zum  hohen  Kraterrande  und  blickten  in  den- 
selben hinab.  Als  Humboldt  60  Jahre  später  (14.  April  1802) 
den  Versuch  machte,  an  den  Krater  zu  gelangen,  war  jede  ge- 
nauere Kenntniss  über  die  Lage  desselben  verloren  gegangen,  so 
dass  der  grosse  Reisende  bei  seiner  ersten  Besteigung  gegen  den 
mittleren  kastellartigen  Gipfel  emporstieg,  von  wo  er  den  noch 
mehr  als  4  Kilom.  entfernten,  durch  unüberschreitbare  Schluch- 
ten getrennten  Krater  nicht  erreichen  konnte.  Bei  seinen  beiden 
anderen  Expeditionen  (s.  kleinere  Schriften  pag.  55  u.  66),  am 
26.  u.  28.  Mai  1802,  erreichte  er  einen  Altan-ähnlichen  Felsen 
des  Kraterrandes.  „Das  furchtbare,  tiefe,  schwarze  Becken  war 
ausgebreitet  vor  unseren  Augen,  in  schauervoller  Nähe.  Ein 
Theil  des  hier  senkrecht  abgestürzten  Schlundes  war  mit  wir- 
belnden Dampfsäulen  erfüllt." 

Die  erste  genaue  Erforschung  des  Pichincha  verdankt  die 
Wissenschaft  den  Herren  Wisse  und  Moreno  (s.  klein.  Schrift, 
pag.  77 — 97).  Nach  Wisse's  Bericht  beträgt  der  obere  Durch- 
messer des  grossen  Kraterrandes  1500  M.  Derselbe  wird 
durch  eine  von  NNO-SSW  gerichtete  Felsmauer  in  zwei  Ab- 
theilungen geschieden.  Der  Boden  des  östlichen  Kraters  hat 
eine  absolute  Höhe  von  4447  M.  und  ist  328  M.  unter  den  Pik 
des  hohen  Kraterrandes  eingesenkt,  er  ist  ohne  Fumarolen 
und  völlig  erloschen.  Der  Boden  des  westlichen  Kraters  hat 
eine  absolute  Höhe  von  4172  M.,  liegt  also  325  M.  tiefer  als 
der  östliche*);  in  demselben  erhebt  sich  ein  mit  vielen  Fu- 
marolen versehener,  150  M.  hoher  Eruptionskegel.  —  Nach- 
dem wir  uns  so  der  allgemeinen  Gestaltung  des  Pichincha- 
gebirges  und  seines  grossen  Kraters  erinnert,  werden  einige 
Stellen  aus  den  Briefen  Wolf's  von  besonderem  Interesse 
sein.  Auf  der  Höhe  von  Poingasi  stehend,  schildert  er  die 
herrliche  Gebirgsansicht :  „Gegen  Westen  hat  man  die  schönste 
Ansicht  von  Quito  ,  weil  man  zugleich  mit  der  ganzen  Stadt 
auch  den  ganzen  grossartigen  Hintergrund  überblickt ,  ich 
meine  die  Berggruppe  des  Vulkans  Pichincha  mit  seinen  ma- 
lerischen Schluchten  und  Felsenzacken ,  aus  denen  sich  drei 
fast  immer  mit  Schnee  bedeckte  Hauptgipfel   erheben.  Nur 


*)  Im  Kosmos  IV.  Band  pag.  '280  heisst  es  zufolge  einer  Verwechs- 
lung: „der  östliche  Krater  liegt  über  1000  Fuss  tiefer  als  der  westliche.'' 


309 


der  südlichste  der  drei  Gipfel,  ein  abgestumpfter  Kegel,  zeigt 
gegenwärtig  vulkanische  Thätigkeit  und  trägt  einen  der  inter- 
essantesten Krater  der  Welt  von  kolossalen  Dimensionen,  aus 
welchem  weisse  Wolken  von  Wasserdampf,  gemengt  mit  an- 
deren vulkanischen  Gasen,  aufsteigen.  Dieser  Vulkan,  dessen 
300jährige  Geschichte  ich  voriges  Jahr  gründlich  zu  studieren 
Gelegenheit  hatte,  als  ich  die  Chronik  der  Vulkan  -  Ausbrüche 
und  Erdbeben  für  das  Programm  *)  unserer  Hochschule  schrieb, 


*)  Cronica  de  los  fenomenos  volcanicos  y  terremotas 
en  el  Ecuador  con  algunas  noticias  sobrc  otros  paises  de 
la  America  central  y  meridional  desde  1533  hasta  1797. 
Quito  1873.  Im  Verfolge  seiner  vulkanischen  Studien  im  äquatorialen 
Amerika  konnte  es  Herrn  Wolf  nicht  verborgen  bleiben,  dass  die  bis- 
herigen Angaben  über  vulkanische  Phänomene  und  Erdbeben  in  Ecuador 
allzusehr  der  Zuverlässigkeit  entbehren  (compilados  sin  critica  ninguna). 
Es  stellte  sich  heraus,  dass  Mittheilungen  über  den  causalen  Zusammen- 
hang vulkanischer  Phänomene,  welche  die  weiteste  Verbreitung  gefunden 
haben,  ohne  jeden  thatsächlichen  Anhalt  sind,  dass  andere  Angaben 
ausserordentliche  Uebertreibungen  aufweisen.  So  entschloss  sich  Wolf 
aus  den  Originalquellen,  und  zwar  vorzugsweise  aus  den  Archiven  Quito's 
und  anderer  ecuadorischer  Städte,  alle  Nachrichten  über  jene  Ereignisse 
zusammenzustellen ,  bei  welcher  mühevollen  Arbeit  er  sich  der  Unter- 
stützung eines  mit  der  Landesgeschichte  genau  vertrauten  Mannes,  des 
Dr.  Pablo  Herrera,  erfreute,  welcher  ihm  viele  alte  Handschriften  zur 
Verfügung  stellte.  Diese  verdienstvolle  und  wichtige  Arbeit  wurde  da- 
durch möglich,  dass  die  Archive  Quito's  von  allen  politischen  Revolu- 
tionen, welche  seit  der  Unabhängigkeit  des  Landes  einander  gefolgt  sind, 
unberührt  geblieben  sind.  In  einem  Appendix  sind  die  Originalauszüge 
aus  den  alten  Geschichtschreibern  des  Landes,   Oviedo  y  Valdes,  Lopez 

DE    GOMARA,    ClEZA   DE  LEON,  AGUSTIN  DE  ZäRATE,  AnT.   DE  HERRERA,  SOwie 

aus  den  Archiven  mitgetheilt. 

Es  mögen  hier  einige  wenige  Ergebnisse  der  WoLF'schen  Forschun- 
gen mitgetheilt  werden,  aus  denen  hervorgeht,  wie  vieler  Berichtigungen 
die  bisher  allgemein  verbreiteten  und  geglaubten  Schilderungen  und  An- 
gaben bedürfen. 

Viel  verbreitet  in  den  Büchern  ist  die  Angabe  vom  Einsturz  des 
Altar  oder  Capac-Urcu  (Königs  der  Berge),  welcher  14  Jahre  vor  der 
Invasion  Huayna-Capac's  des  Sohnes  Tupac-Yupanqui's  (also  ungefähr 
im  Jahre  1461)  soll  stattgefunden  haben.  Ueber  ein  solches  Ereigniss 
existirt  indess  weder  eine  allgemeine  Sage  der  Indianer ,  noch  berichtet 
darüber  ein  alter  Geschichtschreiber ,  namentlich  auch  nicht  der  mit  den 
Traditionen  der  Eingeborenen  so  vertraute  Pat.  Velasco.  „Parece  que 
aqui  Humboldt  confiö  con  demasiada  credulidad  en  las  palabras  de  un 
sol  individuo,  del  Indio  Zefla  en  Riobamba." 

Nach  allgemein   geglaubten    Angaben  soll    der  Vulkan  Imbabura 
Zeits.d.D.geol.Ges.XXVII.2.  21 


310 


befindet  sich  gegenwärtig  im  sogenannten  Zustande  der  Ruhe 
und  von  ferne  scheint  er  in  der  That  ganz  harmlos.  Besteigt 
man  aber  zum  ersten  Male  seinen  Kraterrand,  so  ist  der  den 
Blicken  entgegengähnende  Schlund  wohl  geeignet,  den  Zustand 
der  Gemüthsruhe  etwas  zu  erschüttern.  Man  vernimmt  ein 
dumpfes  Getöse  wie  von  fernem  Donner  oder  von  einem 
grossen  Wasserfall,  und  der  Wind  trägt  von  Zeit  zu  Zeit  die 
Schwefeldämpfe  empor.  In  der  Tiefe  wogen  grosse  weisse 
Ballen  von  Wasserdampf  hin  und  her  und  vertheilen  sich 
dann  aufsteigend  als  Gewölk  an  den  düstern  fast  senkrechten 
Kraterwänden.  Nur  hin  und  wieder  erblickt  man  durch  eine 
Wolkenspalte  ein  Stück  des  eigentlichen  Kraterbodens ,  der 
dann  der  Phantasie  noch  tiefer  erscheint  als  er  wirklich  ist. 
Ich  hatte  an  einem  wunderschönen  Septembertage  den  höchsten 
Gipfel  des  Kraterrandes  erreicht.  Das  Hinabklettern  in  den 
Schlund  ist  äusserst  mühsam  und  an  den  meisten  Stellen  nur 
mit  Hülfe  der  Hände  möglich  :  theils  geht  es  über  steile  Hal- 
den von  Bimsteinschutt ,  der  jedem  Tritte  nachgiebt,  theils 
über  abschüssige  Eisflächen,  in  die  erst  mit  dem  geologischen 
Hammer  Stufen  gehauen  werden  müssen,  um  einen  sonst 
sicheren  Fall  zu  vermeiden;  jetzt  muss  man  einem  vom  Frost 
losgesprengten  Felsblock  ausweichen,  der  donnernd  von  oben 


(ca.  S  d.  Meil.  nordöstlich  von  Quito)  in  den  Jahren  1691  und  1765 
grosse  Schiammei  uptionen  gehabt  haben,  bei  welchen  eine  solche  Menge 
kleiner  Fische  (Prenadillas)  Pimelodes  Cyclopum,  ausgespieen  wurde, 
dass  sie  faulend  die  Luft  verpesteten  und  unter  den  Umwohnenden  bös- 
artige Fieber  erzeugten.  Aller  Wahrscheinlichkeit  zufolge  hat  indess  der 
Imbabura  in  historischer  Zeit  niemals  weder  einen  Feuer  -  noch  einen 
Schlammausbruch  gehabt.  Nicht  ganz  selten  ereignen  sich  indess  —  na- 
mentlich in  Folge  von  Erbeben  —  am  Imbabura  Erdschlipfe  seiner  steilen  Ge- 
hänge. Die  Regenströme  führen  die  gelockerte  und  aulgehäufte  Erde 
fort  und  erzeugen  die  „Schlammströme",  welche  mit  den  fischreichen 
Bächen  und  Flüssen  sich  vereinigend  wohl  den  Tod  von  Fischen  hervor- 
rufen können.  Ganz  unglaublich  und  unverbürgt  ist  es  aber,  dass  ihre 
Menge  hinreichend  gewesen  sein  soll,  um  bei  der  Verwesung  Krankheiten 
zu  erzeugen. 

In  gleicher  Weise  sind  die  bisherigen  Berichte  über  das  grosse  Erd- 
beben von  Riobamba  (4.  Febr.  1707)  ausserordentlich  übertrieben.  Nicht 
40,(300  Menschen  verloren  durch  dies  schreckliche  Ereigniss  ihr  Leben, 
sondern  5000  bis  6000.  Zu  den  Erscheinungen  bei  diesem  Erdbeben,  welche 
durch  übertriebene  .Berichte  eine  unverdiente  Berühmtheit  erlangt  haben, 
gehört  auch  die  „Moya"  von  Pelileo. 


311 


rollt  und  lavinenartig^anderes  Geröll  in  Bewegung  setzt,  jetzt 
sich  dem  in  Bewegung  gerathenen  Bimsteinsand  mit  dem 
Rücken  entgegenstemmen.  Nach  zwei  Stunden  hatte  ich,  von 
einem  eiuzigen  Indianer  begleitet,  einen  breiten  Absatz,  den 
sog.  oberen  Krater  erreicht,  welcher  von  dem  unteren  allein  noch 
thätigen  durch  einen  Felsgrat  geschieden  ist.  Wir  überstiegen 
den  Grat  an  seiner  niedrigsten  Stelle  und  standen  nun  Anfangs 
ganz  rathlos  vor  dem  fast  senkrechten  Abgrund;  aber  was 
begonnen  war,  sollte  vollendet  werden.  Dieser  zweite  Theil 
des  Hinabsteigens  war  viel  schwieriger  als  der  erste ,  nicht 
nur  wegen  der  Steilheit  der  Felswände,  an  denen  wir  hie  und 
da  wie  an  den  Zacken  eines  gothischen  Thurmes  hingen,  son- 
dern auch,  weil  wir  meist  schon  in  die  Dampfwolken  gehüllt 
waren  und  so  kaum  ein  paar  Schritte  weit  sehen  konnten. 
Das  Getöse  verstärkte  sich  immer  mehr,  die  Schwefeldämpfe 
wurden  beschwerlicher  und  nach  abermals  zwei  Stundeu  grosser 
Anstrengung  befanden  wir  uns  auf  dem  Kraterboden  ,  einer 
ausgedehnten,  wenig  geneigten  Ebene,  die  einen  furchtbar 
wilden  und  chaotischen  Anblick  bietet:  grosse  und  kleine 
Lavablöcke  liegen  in  grausiger  Unordnung  umher,  Bimsteine 
und  Bimsteinsand,  mit  Schwefel  gemischt,  bilden  kleine  Hügel, 
die  dann  wieder  durch  tiefe  Schluchten  von  einander  getrennt 
sind.  Selbst  am  Mittag  herrschte  in  diesem  beinahe  2500  Fuss 
tiefen ,  von  himmelhohen  schwarzen  Felswänden  eingeschlos- 
senen und  beständig  von  Dampfwolken  überdeckten  Kessel 
ein  unheimliches  Halbdunkel.  Obgleich  ganz  müde  und  er- 
schöpft, eilte  ich  zwischen  rauchenden  und  dampfenden  klei- 
neren Schlünden,  aus  denen  mir  eine  starke  Hitze  wie  aus 
glühenden  Oefen  entgegenwehte,  dem  Punkte  der  Hauptthätig- 
keit  zu,  von  wo  ich  das  stärkste  Getöse  vernahm.  Ich  gelangte 
am  Rande  des  Kraterbodens  an  eine  breite  und  tiefe  Felsen- 
spalte ,  die  sich  auch  nach  oben  zwischen  zwei  senkrechten 
Felswänden  fortsetzt.  Dies  ist  gegenwärtig  die  stärkste  Fu- 
marole;  aus  ihr  werden  die  Dampf  ballen  mit  furchtbarer  Ge- 
walt ausgestossen.  Der  Boden  ringsum  zittert  wie  bei  einem 
Erdbeben,  und  der  verursachte  Höllenlärm  ist  so  stark,  dass 
man  zwischen  dem  Tosen,  Krachen,  Zischen  sein  eigenes 
Wort  nicht  mehr  vernimmt.  Von  den  Felswänden  träufelt 
warmes  Wasser,  der  condensirte  Dampf.  Die  Felsen  sind 
mit  dicken  Krusten  gelben  Schwefels  ,   weissen  Salmiaks  und 

21* 


312 


Alauns  überzogen.  Unterdess  fühlte  ich  meine  Fusssohlen 
sehr  heiss  werden;  ich  konnte  den  Boden  und  die  Felswände 
nicht  mit  den  Händen  berühren.  Zwei  Tage  und  eine  Nacht 
verweilte  ich  im  Krater.  —  Die  kleineren  Fumarolen  sind  sehr 
zahlreich  und  gruppenweise  vertheilt,  besonders  an  einem 
kleinen  Kegel  mitten  im  Krater,  welcher  ohne  Zweifel  der 
beim  letzten  grossen  Ausbruch  des  Vulkans  gebildete  Eruptions- 
kegel ist.  Die  Dampföffnungen  sind  oft  mit  wunderschönen 
zolllangen  Sehwefelkrystallen  ausgekleidet,  die  dann,  wenn 
sich  die  Hitze  steigert,  schmelzen  und  abfliessen  und  ringsum 
kleine  Schwefelhügelchen  bilden.  Eigentliche  Feuer-  oder 
Lichterscheinungen  habe  ich  nicht  beobachtet,  selbst  nicht  bei 
Nacht,  wo  sie  sich  deutlicher  hätten  zeigen  müssen.'4 

Das  röthliche  Gipfelgestein  des  Guagua  Pichincha 
zeigt  in  einer  fleischrothen  Grundmasse  sehr  kleine  bis  1  Mm. 
grosse  weisse  Plagioklase,  sehr  deutliche  bräunlichschwarze 
Hornblendeprismen.  Unter  dem  Mikroskop  erkannte  ich  ausser 
den  genannten  von  einer  amorphen ,  durch  feinste  Mikrolithe 
unreinen  Grundmasse  umhüllten  Gemengtheilen  auch  kleine 
Augite,  in  weit  geringerer  Menge  als  Hornblende. 

Der  Kieselsäuregehalt  des  Gesteins 
=  62,99  pCt. 

Von  dem  Plagioklas  dieses  Andesits  konnte  nur  0,3525  Gr. 
zur  Analyse  ausgesucht  werden;  es  musste  deshalb  von  einer 
Bestimmung  der  Alkalien  abgesehen  und  der  Verlust  der 
durch  Aufschliessen  mit  kohlensaurem  Natrium  ausgeführten 
Analyse  als  Natron  in  Rechnung  gezogen  werden. 

Spec.  Gew.  2,647  (bei  22 °C).    Glühverlust  0,27. 
Kieselsäure  ....  58,15  Ox.  =  31,01 

Thonerde  26,10  12,20 

Kalk   9,05  2,59 

Natron   .     6,70  1,73 

100,00 

Sauerstoffproportion  1,06  :  3  :  7,62. 

Die  dunkle  A  nd  e  s  i  t  -  V  a  r  i  e  tä  t  aus  dem  unteren  oder 
westlichen  Krater  des  Guagua  Pichincha  bildet  dort  das  herr- 
schende Gestein.  Die  geschlossene,  nicht  poröse  Grundmasse 
von  einem  pechsteinähnlichen  Ansehen  umhüllt  sehr  zahlreiche 


313 


weisse  Plagioklase  (1  bis  2  Mm.  gross),  schwarze  Hornblende, 
bräunliche  gerundete  Körnchen  von  Augit  und  Magneteisen 
(vielleicht  auch  etwas  Olivin).  Unter  dem  Mikroskop  gewährt 
das  Gestein  einen  sehr  schönen  Anblick.  Die  glasige,  im 
Dünnschliff  durchsichtige  Grundmasse  besitzt  eine  durch  feinste 
schwarze  Punkte  angedeutete  Fluidalstructur.  Bei  sehr  starker 
Vergrösserung  offenbaren  sich  diese  schwarzen  Punkte  als 
sternförmig  oder  dendritisch  aneinander  gefügte  Mikrolithe, 
wahrscheinlich  von  Magneteisen.  Letzteres  bildet  ausser  diesen 
kleinsten  Gebilden  auch  grössere  Krystallkörner.  Jene  amorphe 
Grundmasse  umschliesst  nun  sehr  zahlreiche  Plagioklase  mit 
schönsten  concentrischen  Anwachsstreifen  und  polysynthe- 
tischer Zusammensetzung.  Neben  vorherrschender  Hornblende 
sind  auch  Augite  sehr  deutlich  zu  erkennen;  nicht  ganz  sicher 
Olivin.  Schon  hier  mag  bemerkt  werden,  dass  eine  Trennung 
der  Andes-Trachyte  in  Hornblende-  und  Augit- Andesite  nicht 
durchführbar  ist,  da  nicht  nur  an  denselben  Vulkanen  beide 
Varietäten,  sondern  auch  häufig  in  ein  und  demselben  Gesteine 
Hornblende  sowohl  als  auch  Augit  vorkommen. 

Der  Kieselsäuregehalt  des  dunklen  Andesits  aus  dem 
Pichincha  -  Krater 

*  64,55  pCt. 

Die  geringe  Grösse  der  ausgeschiedenen  Plagioklase  ge- 
stattete auch  hier  nur  eine  kleine  Menge  auszusuchen;  zu  jeder 
der  beiden  folgenden  Analysen  wurde  ca.  0,5  Gr.  verwandt. 


Spec.  Gew. 

2,620  (bei 

16° 

C).    Glühverlust  0,01. 

I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure 

.  .  59,1 

59,1    Ox.  =  31,54 

Thonerde  . 

.  .  25,9 

26,3 

26,1  12,20 

Kalk 

.  .  9,0 

8,7 

8,85  2,53 

Kali   ,  ,  , 

0,5 

0,5  0,08 

5,5 

5,5  1,42 

100,05 

Sauerstoffquotient  0,99  :  3  7,75. 

Beide  untersuchten  Plagioklase  sind  demnach  Andesine 
von  der  Zusammensetzung,  welche  man  durch  eine  isomorphe 
Mischung  von  1  Mol.  Albit  und  1  Mol.  Anorthit  erhält,  — 
gleich  den  Plagioklasen  des  Mojanda  und  des  Pululagua. 


314 


Noch  von  einigen  anderen  Punkten  des  Pichincha-Gebirges 
verdanke  ich  Herrn  Wolf  Gesteinsproben:  Vom  Gipfel  des 
Rucu-Pichincha,  Südostseite,  in  4500  M.  Höhe  :  ein  schwarzes, 
feinkörniges,  fast  dichtes  Gestein,  in  welchem  nur  hin  und 
wieder  ein  deutlicher  Plagioklas-  und  Augitkrystall  erkennbar 
ist.  Es  ist  dies  wohl  dasselbe  (oder  ein  ähnliches)  Gestein, 
dessen  v.  Humboldt  in  den  kleineren  Schriften  pag.  26  u.  27 
erwähnt  unter  Hervorhebung  der  Kastell-  und  Pfeiler-ähnlichen 
Felsgestaltung.  Das  von  Humboldt  mitgebrachte  schwarze 
„pechsteinähnliche"  Gestein  wurde  von  Abich  analysirt  (Ueber 
d.  Natr.  u.  d.  Zusammenhang  d.  vulk.  Bildungen  1841  pag.  58): 
Kieselerde  67,07,  Thonerde  13,19,  Eisenoxyd  4,74,  Mangan- 
oxyd 0,32,  Kalk  3,69,  Magnesia  3,46,  Kali  2,18,  Natron  4,90, 
Glühverlust  0,30.  Diese  Analyse,  welche  durch  ihren  Kiesel- 
säurereichthum die  trachytische  Natur  des  Gesteins  beweist, 
bewahrheitet  nicht  die  Worte  „Wir  haben  am  Pichincha  wie 
am  Aetna  ein  Dolerit  -  Gestein  mit  vorwaltendem  Labrador" 
(a.  a.  O.  pag.  27)*).  Vom  Gipfel  des  Rucu-Pichincha,  Süd- 
seite, 4520  M.  Höhe :  ein  lichtgelbliches  Gestein.  Die  sehr 
zahlreichen  kleinen  Plagioklase  heben  sich  nur  wenig  deutlich 
aus  der  feinkörnigen  Grundmasse  ab.  Zahlreiche  äusserst 
zierliche,  1  bis  2  Mm.  grosse,  schwarze  Augite  zeichnen  das 
Gestein  aus. 

„Andesit  aus  der  Cantera  (Steinbruch),  in  unmittelbarer 
Nähe  der  Stadt",  nahe  bei  dem  Panecillo  (Javirac),  „einer  freiste- 
henden rundlichen  Kuppe,  unter  der  die  Inca's  einen  Stollen 
(Durchgang)  nach  Turubamba  gesucht  haben."  (a.  a.  O.  pag.  37.) 
Nach  Wolf  scheint  dieser  Hügel  durch  eine  Seiteneruption 
des  Rucu-Pichincha  gebildet.  Dem  blossen  Auge  fast  körnig 
erscheinend,  zeigt  das  lichtgraue  Gestein  unter  dem  Mikroskop 
in  einer  nur  spärlichen  amorphen  Grundmasse  sehr  zahlreiche, 
bis  1  Mm.  im  Maximum  grosse  Plagioklase  und  —  weniger 
zahlreich  —  grüne  Augite.  Dieser  Andesit  dient  als  Bau- 
und  Pflasterstein  für  die  Stadt  Quito.  Die  drei  erwähnten 
Gesteine  des  Rucu-Pichincha  enthalten  demnach  Augit  (keine 
Hornblende),  während  diejenigen  des  Guagua  Pichincha  Horn- 
blende (und  sehr  wenig  Augit)  enthalten. 

*)  Eine  neue  Analyse  eines  von  Humboldt  am  Pichincha  in  2430 
Toisen  geschlagenen  Gesteins  (mit  02,35  pCt.  Kieselsäure)  gab  Artope 
(N.  Jahrb.  1874  pag.  93). 


315 


In  Bezug  auf  den  Feldspath  -  Geraengthei]  der  Pichincha- 
Gesteine  sind  die  beiden  obigen  Analysen  wohl  geeignet,  die 
frühere  Ansicht  zu  berichtigen,  zufolge  welcher  der  Trachyt 
des  Pichincha  Oligoklas  enthalten  solle  (s.  Kosmos  Bd.  IV. 
pag.  471). 

Bevor  wir  die  Betrachtung  der  Pichincha  -  Gesteine  ver- 
lassen, wird  es  von  Interesse  sein  ,  die  Eruptionen  dieses 
Vulkans  nach  der  Cronica  von  Wolf  aufzuzählen.  Historisch 
beglaubigt  sind  nur  drei  Ausbrüche  des  Berges:  17.  u.  18.  Oct. 
1566,  8.  Sept.  1575,  27.  Oct,  1660.  Die  Eruptionsproducte  des 
Pichincha  bestehen  wesentlich  in  ungeheuren  Massen  von  vul- 
kanischem Sand  und  Staub.  —  Die  bisher  in  den  Schriften 
angegebene  älteste  Pichincha  -  Eruption  1534,  durch  deren 
Staubregen  der  Marsch  des  Conquistadors  Pedro  de  Alvarado 
von  den  Küsten  der  Südsee  zum  Plateau  von  Quito  gehemmt 
wurde,  beruht  höchst  wahrscheinlich  auf  einem  Irrthum.  Nach 
Wolf  war  es  der  Cotopaxi ,  oder  einer  der  zahlreichen  an- 
deren Vulkane  des  ecuadorischen  Hochlandes,  welcher  jene 
Asche  auswarf. 

Der  Andesit  des  Tunguragua. 

Der  Tunguragua  (4927  M.  hoch  nach  Stübel)  gehört  der 
östlichen  (  ordillere  an  und  liegt  dem  Chimborazo  gerade  gegen- 
über. Vor  Kurzem  haben  wir  über  diesen  merkwürdigen  Berg 
neue  Nachrichten  erhalten  durch  den  verdienstvollen  Reisenden 
Dr.  Stübel  (s.  Zeischr.  für  die  ges.  Naturwissenschaften 
Bd.  XLI.  1873  pag.  476),  welcher  den  Vulkan  von  Barlos 
(1800  M.  hoch),  vom  Pastazathal  aus,  erstieg.  Nach  Stübel 
liegt  das  Eigenthümliche  der  Lage  des  Tunguragua  vorzugs- 
weise darin,  dass  er  mit  seinem  Nordgehänge  ein  enges  Thal 
begrenzt,  dessen  gegenüberliegende  Wand  nicht  zur  vulkanischen 
Formation  gehört,  sondern  aus  sehr  altem  Gestein  (Glimmer- 
schiefer) besteht.  *)    Durch  dies  malerische  Thal,  Namens  Valle 


*)  v.  Humboldt  gebührt  das  Verdienst,  zuerst  das  von  den  ecua- 
dorischen Vulkanen  durchbrochene  Grundgebirge  erkannt  zu  haben.  „Da 
in  der  vulkanischen  Hochebene  von  Quito  alles  mit  Trachyt ,  Trachyt- 
Conglomerat  und  Tuffen  bedeckt  ist,  so  war  es  mein  eifrigstes  Bestreben, 
irgend  einen  Punkt  zu  entdecken,  an  dem  man  deutlich  erkennen  könne, 
auf  welcher  älteren  Gebirgsart  die  mächtigen  Kegel  und  Glockenberge 
aufgesetzt  sind,    oder  um  bestimmter  zu  reden,  welche  sie  durchbrochen 


316 


de  Banos,  nimmt  zwischen  beiden  verschiedenen  Bildungen  der 
Pastazafluss  seinen  Lauf.  Den  ebenen  Boden  des  Pastazathals 
bildet  ein  einziger  Lavastrom ,  welcher  seinen  Ursprung  un- 
gefähr 700  M.  über  Banos  am  Gehänge  des  Tunguragua  hat 
und  3  bis  4  Leguas  (1  ecuador.  Legua  =  5573  M.)  thalabwärts 
bis  zum  Fluss  Verde  grande  reicht.  Der  Pastaza  musste  sich 
auf  der  Grenze  zwischen  Lava  und  Glimmerschiefer  ein  neues  Bett 
suchen ;  an  anderen  Stellen  durchbrach  der  Fluss  den  festen 
Lavafels.  Gegen  den  Rio  Verde  hin  hat  der  Pastaza  den  im 
Mittel  30 — 50  M.  mächtigen  Lavastrom  so  zerstört,  dass  davon 
nur  an  den  Einmündungen  der  kleinen  Nebenthäler  Plateau- 
reste sich  erhalten  haben.  (Dies  erinnert  vollkommen  an  den 
Strom  von  Bertrieh).  Jener  grosse  Lavastrom  hat  am  Fusse 
des  Tunguragua  stattgefunden,  während  die  letzte  Eruption 
am  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  aus  dem  Gipfelkrater 
erfolgte  (Stübel).  Die  Form  des  Kraters  ist  fast  kreisrund, 
er  hat  einen  Durchmesser  von  ungefähr  500  M.  und  eine 
Tiefe  von  einigen  80  M.  Nur  im  nördlichen  Theil  des 
Kraterrandes  bemerkt  man  eine  —  und  zwar  recht  beschränkte  — 
vulkanische  Thätigkeit,  indem  hier  an  vielen  Punkten  Wasser- 
dampf-Fumarolen,  mit  schwefeliger  Säure  geschwängert,  empor- 
steigen. 

Bei  dem  hohen  Interesse,  welches  dem  Vulkan  Tungu- 
ragua und  seinen  Lavaströmen,  die  zuerst  keinen  Zweifel 
an  ihrer  wahren  Natur  als  geflossene  Laven,  übrig  Hessen, 
innewohnt,  war  es  mein  Bestreben,  auch  die  chemische  Zu- 
sammensetzung des  constituirenden  Feldspaths  zu  ermitteln. 
Es  schien  dies  um  so  wichtiger,  da  neben  Plagioklas  und 
Augit  in  den  Tunguragua-Laven  auch  Olivin  zur  Ausscheidung 
gelangt,  welches  Mineral  den  bisher  betrachteten  Andesiten 
entweder  ganz  fehlt,  oder  in  ihnen  nur  in  geringster  Menge 
vorhanden  ist.  Es  musste  die  Frage  beantwortet  werden ,  ob 
in  den  Andesiten  neben  reichlichem  Olivin  sich  auch  Andesin 
ausscheiden  könne,  oder  ob  der  constituirende  Feldspath  La- 
brador sei. 

Für  fast  alle  in  der  Sammlung  befindlichen  Tunguragua- 


haben.  Einen  solchen  Punkt  bin  ich  so  glücklich  gewesen  aufzufinden, 
als  ich  im  Monat  Juni  1802  von  Riobaraba  nuevo  aus  eine  Ersteigung 
des  Tunguragua  versuchte",  etc.,  s.  Kosmos  IV.  pag.  462. 


317 


Laven  war  eine  gesonderte  Analyse  des  Plagioklas  ganz  un- 
möglich; nur  bei  einem  einzigen  Handstücke,  durch  Wolf 
geschlagen  „von  grossen  Blöcken  im  Bette  des  Rio  Puela  bei 
Banos,  vom  Bache  heruntergeführt  (System  des  Tunguragua)" 
gelang  es ,  zu  einer  Analyse  das  Material  (0,336  Gr.)  mit 
Aufwand  vieler  Zeit  und  Geduld  zu  sammeln. 

Der  Andesit  von  Rio  Puela  (Tunguragua)  enthält  in  einer 
schwarzgrauen,  dichten  oder  feinscblackigen  Grundmasse  zahl- 
reiche, im  Mittel  kaum  1  Mm.  grosse  Plagiokiase,  kleine 
dunkelgrüne  Augite,  sowie,  spärlicher,  Olivin.  Der  Gegenwart 
des  letzteren  Minerals  in  den  Tunguragua  -  Laven  erwähnen 
auch  bereits  die  Herren  Wolf  und  Stübel.  —  Der  Kiesel- 
säuregehalt dieses  Andesits  wurde  bestimmt 

=  61,48  pCt. 
Der  Plagioklas  des  Tunguraguagesteins  ergab: 

Spec.  Gew.  2,627  (bei  26°  C.).    Glühverlust  0,15. 

Kieselsäure  57,8   Ox.  =  30,84 

Thonerde   26,75  12,49 

Kalk   9,05  2,59 

Natron  (Verlust)  .  .    6,4  1,64 
100,00 

Sauerstoffproportion  1,016  :  3  :  7,408. 

Auch  dieser  Plagioklas  ist  demnach  ein  Andesin,  wenn- 
gleich in  demselben  die  Mischung  des  Kalkfeldspaths  etwas 
mehr  überwiegt  als  es  bei  den  Andesinen  des  Pichincha,  des 
Pululagua  und  des  Mojanda  der  Fall  ist.  Der  Andesin  des 
Tunguragua  stellt  sich  dar  als  eine  Mischung  von  2  Mol. 
Albit  und  3  Mol.  Anorthit,  welcher  Zusammensetzung  folgende 
Zahlen  entsprechen : 

Kieselsäure  57,26.    Thonerde  27,26.     Kalk  8,91. 
Natron  6,57. 

Die  Gesteine  des  Tunguragua  sind  bereits  mehrfach  Gegen- 
stand der  Untersuchung  gewesen.  Abich  bestimmte  den  Kiesel- 
säuregehalt eines  homogenen,  durch  zahlreiche  kleine  gestreifte 
Plagioklaskrystalle  porphyrartigen,  rothbraunen  Andesits  von 
diesem  Vulkan  =  57,40  pCt. 

Dass    die    am   Tunguragua  vorkommenden  vulkanischen 


318 


Gesteine  recht  verschieden  sind,  beweisen  zwei  genaue  und 
vollständige  Analysen  Artope's  (Neues  Jahrb.  f.  Min.  1874 
pag.  93)  Während  das  eine,  ein  schwarzes  Gestein,  mit  dem 
spec.  Gewicht  2,548  einen  Kieselsäuregehalt  von  66,06  pCt. 
ergab,  wurden  in  dem  andern,  von  rother  Farbe,  spec.  Gewicht 
2,746,  nur  55,35  pCt.  gefunden.  Der  constituirende  Plagioklas 
des  ersteren  ist  gewiss  Andesin  ,  derjenige  des  letzteren  wohl 
unzweifelhaft  Labrador.  Das  Vorkommen  doleritähnlicher  An- 
desite  am  Tunguragua  steht  demnach  wohl  ausser  Zweifel. 
Ein  Gestein  von  diesem  Feuerberg  (zu  welchem  Wolf  bemerkt: 
„körniges  Gemenge  von  Plagioklas  und  Augit,  wurde  öfters  für 
Basalt  gehalten;  Olivin;  \  Stunde  unterhalb  ßanos ,  rechts 
vom  Wege,  anstehend  in  schönen  basaltartigen  Säulen,  deren 
Köpfe  zwischen  Tuff  und  Schlacken  hervorschauen.  Am  Wege 
selbst  liegen  viele  herabgestürzte  Blöcke")  ist  in  der  That  von 
einem  ätnäischen  Dolerit  kaum  zu  unterscheiden.  Unter  dem 
Mikroskop  löst  sich  dasselbe  fast  vollständig  in  ein  Gemenge 
kleinster  Plagioklase  auf,  durch  eine  äusserst  geringe  amorphe 
Grundmasse  verbunden,  und  grössere  gestreifte  Plagioklase  um- 
schliessend.  Ein  zweites  schwarzes  Gestein  „vom  Lavastrome 
des  Tunguragua,  über  welchen  der  Rio  Pastaza  fliesst,  von 
der  Brücke  unterhalb  Banos44  zeigt  kleine  ausgeschiedene  Kry- 
stalle  von  Plagioklas,  Augit,  Olivin,  die  Grundmasse  besteht 
fast  ausschliesslich  aus  kleinsten  Plagioklasen. 

Die  Analysen  der  Plagioklase  aus  den  Andesiten  des 
Mojanda,  des  Pululagua,  des  Pichincha  und  des  Tunguragua 
lehren  nun  ,  dass  in  der  That  Andesin  diejenige  constituirende 
Varietät  der  Kalknatronfeldspäthe  ist,  welche  mehrere  der  aus- 
gezeichnetsten Vulkane  des  ecuadorischen  Hochlandes  zu- 
sammensetzt. 

Erinnern  wir  uns  der  eigentümlich  wechselnden  Ansichten 
über  die  Berechtigung  des  Namens  Andesit  und  über  die  Exi- 
stenz des  Andesin-Feldspaths.  L.  von  Buch  bezeichnete  (1835) 
mit  dem  Namen  ,,  Andesit"  diejenigen  Trachyte,  in  denen 
Albit  die  Stelle  des  Sanidins  vertreten  sollte.  Auf  G.  Rose's 
Untersuchungen  der  feldspatbäbnlichen  Mineralien  in  den  von 
v.  Humboldt ,  Meten,  Pöppig  und  Erman  mitgebrachten  vul- 
kanischen Gesteine  glaubte  v.  Büch  die  Behauptung  begründen 
zu  können ,  dass  ,,kein  einziger  der  fast  zahllosen  Vulkane 
der  Anden"    aus  Sanidin  -  Trachyt  bestehe,   vielmehr  alle  aus 


319 


„Albit  -  haltigem  Andesit"  aufgebaut  wären.  Als  G.  Rose 
später  den  gestreiften  Feldspath  vieler  Gesteine  als  Oligoklas 
erkannte  (in  Bezug  auf  den  Granit  des  Kiesengebirges  geschah 
es  1842)  und  das  Vorkommen  des  Albits  als  Gemengtheil  von 
Gesteinen  überhaupt  in  Frage  stellte,  schien  der  Audesit  in 
der  von  v.  Büch  gegebenen  mineralischen  Definition  seine 
Begründung  zu  verlieren,  in  dem  Maasse,  dass  Humboldt  im 
Kosmos  von  der  „nun  schon  veralteten  Mythe  des  Andesits" 
spricht  und  anführt,  dass  auch  er  ,,das  Unrecht  begangen 
habe,  sich  zwei  Mal  dieses,  viele  Verwirrung  anrichtenden 
Namens  bedient  zu  haben.'4  (Kosmos  Bd.  IV.  pag.  634,  636). 
Jetzt  ist  der  v.  Bucja'sche  Name  Andesit  allgemein  wieder  zur 
Geltung  gekommen ,  um  diejenigen  Trachyte  zu  bezeichnen, 
welche  des  Sanidins  entbehren  und  statt  desselben  einen 
Kalknatronfeldspath  enthalten.  —  Ein  ähnlicher  Wechsel  der 
Ansichten  hat  auch  über  demAndesin  gewaltet.  Fünf  Jahre 
nachdem  v.  Buch  die  neue  Gebirgsart  aufgestellt,  bezeichnete 
Abich  den  Feldspath  eines  Gesteins  von  Marmato  bei  Po- 
payan  (Columbien)  mit  dem  Namen  Andesin.  Abich's  Analyse 
ergab  annähernd  die  Sauerstoffproportion  1:3:8  und  wies  dem 
neuen  Feldspath  seine  Stellung  zwischen  Oligoklas  und  La- 
brador an.  Dieser  Bezeichnung  Andesin  lag  indess  die 
irrthümliche  Voraussetzung  zu  Grunde,  dass  jenes  Gestein  von 
Marmato  ein  Andesit  sei,  während  es  in  Wahrheit  ein  Diorit- 
porphyr  ist.  Doch  auch  abgesehen  von  diesem  Irrthum,  wel- 
cher die  Wahl  des  Namens  als  nicht  zutreffend  erscheinen 
liess ,  wollte  es  lange  nicht  gelingen ,  die  von  Abich  ange- 
gebene Mischung  ausser  Zweifel  zu  stellen.  Erst  durch  die 
schöne ,  leider  noch  in  der  allerjüngsten  Zeit  verkannte 
(s.  Neues  Jahrb.  f.  Min.  1874  pag.  89)  Theorie  Tschermak's 
gewann  der  Andesin  ein  neues  Bürgerrecht,  wenn  auch  nicht 
als  Mineralspecies ,  so  doch  als  eine  Subspecies  der  Kalk- 
natronfeldspathe.  —  Die  oben  mitgetheilten  Analysen  beweisen 
nun,  dass  in  mehreren  der  ausgezeichnetsten  Andesite  des 
Hochlandes  von  Quito  Andesin  —  nicht  Oligoklas,  wie  man 
bisher  glaubte*)  — •  als  constituirender  Gemengtheil  vorhanden 


*)  Für  das  Chimborazo-Gestein  wurde  bereits  früher  durch  Deville 
der  Kieselsäuregehalt  des  Plagioklas  r=  58/26  bestimmt,  und  hierdurch  die 
Zugehörigkeit  desselben  zum  Andesin  bewiesen.    Kosmos  Bd.  IV.  p.  ö"29. 


320 


ist.  Der  von  Abich  im  Dioritporphyr  von  Popayan  zuerst 
nachgewiesene  Plagioklas,  welchen  er  —  einer  irrthümlichen 
Voraussetzung  zufolge  —  Andesin  nannte,  ist  also  in  der  That 
dasselbe  Mineral,  welches  die  wichtigsten  Andesvulkane  zusam- 
mensetzt, und  jener  Name  erweist  sich  somit  auf  Grund  der 
oben  mitgetheilten  Analysen  als  vollkommen  zutreffend. 

Dass  in  dem  ausgedehnten  äquatorialen  Vulkangebiet  Ame- 
rikas ausser  dem  herrschenden  Andesin,  dem  bisher  nur  in 
den  Perliten  des  Antisana  nachgewiesenen  Oligoklas  auch  mehr 
basische  Plagioklase,  namentlich  Lab rado  r,  vorkommen,  wird 
durch  die  mineralogischen  Untersuchungen  in  anderen  Vulkan- 
gebieten wahrscheinlich;  wie  denn  auch  die  Gegenwart  des 
Labradors  als  constituirenden  Plagioklases  in  der  Lava  des 
Vulkans  von  Purace  durch  Deville  (Kieselsäurebestimmung 
des  ausgeschiedenen  Plagioklases  =55,40;  des  Gesteins  60,80) 
nachgewiesen  worden  ist. —  Der  Labrador  constituirt  im  Hoch- 
lande von  Ecuador  theils  Auswürflinge,  welche  den  Tuffen 
inneliegen,  theils  Laven.  Ein  Beispiel  des  ersteren  Vorkom- 
mens bietet  ein  trachy  ti  s  cb  er  Auswürfling  aus  den 
„Tuffen  von  Calacali",  unfern  Pomasqui,  2  d.  Meil. 
nördlich  von  Quito.  Die  Bimsteintuffe  von  Calacali  (4  d.  Meil. 
nördlich  der  Hauptstadt,  auf  der  linken  südwestlichen  Seite 
des  Rio  Esmeraldas  gelegen),  welche  sich  bis  in  die  Gegend 
von  Pomasqui  verbreiten,  schliesseu  faust-  bis  kopfgrosse  Blöcke, 
Bomben  jenes  Andesits  ein,  aus  welchem  die  untersuchten 
Plagioklase  stammen,  —  ein  schönes  Gestein,  welches  in  einer 
feinkörnigen  lichtgrauen  Grundmasse  weisse  gestreifte  Plagio- 
klase (bis  6  Mm.  gross),  zahlreiche  schwarze  Hornblende- 
prismen und  Magneteisenkörnchen  enthält.  Kieselsäuregehalt 
des  Gesteins  ==  62,03  pCt. 

Es  wurde  nur  eine  Analyse  ausgeführt  und  das  Natron 
aus  dem  Verluste  bestimmt.  Plagioklas  aus  dem  Andesit  von 
Pomasqui: 

Spec.  Gew.  2,644  (bei  15^°  C.).    Glühverlust  0,11. 
Kieselsäure  .  .  55,86    Ox.  =  29,79 
Thonerde  .  .  .  28,10  13,13 

Kalk   10,95  3,13 

Natron.  .  .  .  .    5,09  1,31 
100,00 

Sauerstoffproportion  1,014  :  3  :  6,807. 


Diese  Mischung  entspricht  einem  aus  1  Mol.  Albit  und 
2  Mol.  Anortbit  gebildeten  Plagioklas  ,  d.  h.  einem  Labrador, 
dessen  berechnete  Mischung  die  folgende  sein  würde: 

Kieselsäure  55,53.     Thonerde  28,49.     Kalk  10,35. 
Natron  5,73. 

In  der  von  Wolf  mir  verehrten  Gesteinssammlung  befindet 
sich  aus  denselben  trachytischen  Tuffen  von  Calacali  ein  recht 
merkwürdiges  Trachytgestein  mit  der  Etiquette  ,,Einschluss 
in  einem  Trachytblock  aus  den  Tuffen  (in  einer  Que- 
brada- Schlucht)  östlich  von  Pomasqui."  Es  ist  ein  Ge- 
steinsstück, welches  gleich  den  vesuvischen  Auswürflingen  von 
1872  zwar  nicht  dem  ersten  oberflächlichen  Blick,  wohl  aber 
der  genauen  Betrachtung  mittelst  der  Lupe  eine  sehr  inter- 
essante Mineralassociation  darbietet.  Das  Gestein,  von  röthlich- 
grauer  Farbe,  ist  von  körnig-drusiger  Beschaffenheit,  hierin 
den  Auswürflingen  anderer  Vulkangebiete,  z.  B.  des  Laacher 
Sees  verwandt.  Das  Pomasqui-Gestein  ist  feinkörnig,  sodass 
die  einzelnen  krystallinischen  Theile  nur  etwa  1  Mm.  Grösse 
erreichen  ,  und  besteht  aus  Plagioklas,  Sanidin,  röthlichbraunen, 
nicht  glänzenden  kleinen  Prismen  von  Hornblende,  Eisenglanz 
und  Tridymit.  Letzteres  Mineral  ist,  zwar  vorzugsweise  deut- 
lich ausgebildet  in  den  kleinen  Drusenräumen,  doch  auch  in 
der  Grundmasse  vorhanden,  von  schneeweisser  Farbe  und  zier- 
lichster Bildung  in  einfachen,  Zwillings-  und  Drillingstafeln, 
überaus  häufig,  so  dass  es  einen  wesentlichen  Theil  der  Masse 
constituirt.  Die  Bestimmung  der  röthlichbraunen  Prismen  ist 
schwierig,  da  eine  scharf  begrenzte  äussere  Form  nicht  vor- 
handen ,  vielmehr  durch  Rundung  undeutlich.  Deutlich  kann 
man  schon  mit  der  Lupe  wahrnehmen,  dass  die  röthlichbraune 
Färbung  nur  der  in  unzählige  feinste  Fasern  sich  auflösenden, 
mit  Magneteisen  -  Punkten  innig  gemengten  Hülle  der  Horn- 
blendekrystalle  angehört,  während  das  Innere  dunkel  und  glän- 
zend im  Bruch  erscheint.  Unter  dem  Mikroskop  erkennt  und 
unterscheidet  man  leicht  den  Sanidin  und  den  Plagioklas,  wäh- 
rend der  Tridymit  und  die  Hornblende  unser  besonderes  Interesse 
auf  sich  ziehen.  Nachdem  ich  das  mikroskopische  Verhalten 
des  Tridymits  an  losgelösten  Täfelchen  beobachtet,  fand  ich 
ihn  leicht  allenthalben  in  der  Grundmasse  auf.  Der  Tridymit 
stellt  sich  unter  dem  Mikroskop  bei  450facher  Vergrösserung 


322 


als  ei»  feinmaschiges  Netz  dar,  dessen  einzelne  Maschen  ge- 
rundet, ziemlich  unregelmässig,  nur  zuweilen  einen  hexagonalen 
Umriss  erkennen  lassen.  Die  einzelnen  kleinsten  Täfelchen, 
welche  als  Maschen  des  Netzes  erscheinen ,  sind  zuweilen 
gleich  Schuppen  übereinander  gelegt.  So  bestätigt  sich  hier 
in  überraschender  Weise  die  mikroskopische  Charakteristik  des 
Tridymits,  welche  wir  Zirkel  verdanken  (F.  Zirkel,  die  mi- 
krosk.  Beschaffenh.  d.  Min.  u.  Gest.  pag.  111).  Einen  recht 
eigentümlichen  Anblick  gewähren  unter  dem  Mikroskop  die 
Hornblendekrystalle.  Sie  besitzen  nur  einen  kleinen,  durch- 
scheinenden, braunen  Kern,  welcher  beim  Drehen  des  Nicols 
eiuen  lebhaften  Farbenwechsel  zeigt,  während  die  äussere 
Hülle,  an  Masse  den  Kern  mehrfach  übertreffend,  schwarz  und 
undurchsichtig  ist  und  sich  als  ein  Aggregat  kleinster  Magnet- 
eisenkörnchen (vielleicht  mit  Eisenglanz  gemengt)  darstellt. 
Diese  Verunreinigung  der  Hornblendekrystalle  mit  Magnet- 
eisenpunkten ist  nach  Herrn  Prof.  Zirkel,  welcher  die  Güte 
hatte,  das  in  Rede  stehende  Präparat  zu  prüfen,  zwar  eine 
gewöhnliche  Erscheinung  in  den  Trachyten  ,  doch  in  dem 
Maasse,  wie  es  hier  in  dem  Tridymit  -  führenden  Einschluss 
vorliegt,  wohl  noch  nicht  beobachtet. 

Nicht  auf  diesen  Block  aus  den  Calacalituffen  ist  der 
Tridymit  beschränkt  (wenngleich  das  Mineral  hier  in  grösster 
Menge  vorkommt),  vielmehr  fand  Wolf  ihn  (1872)  gleichfalls 
in  einem  Trachytblock  im  Thal  von  Tumbaco  auf  (24  d.  Meil. 
ONO  von  Quito).  Auch  enthält  ein  rother  Andesit  vom  Chimbo- 
razo  in  Poren  sehr  kleine  weisse  aus  Täfelchen  bestehende  Zu- 
sammenhäufungen, welche  —  bereits  durch  Wolf  vermutungs- 
weise als  Tridymit  bestimmt  —  durchaus  an  die  Erscheinungs- 
weise dieses  Alinerais  in  vesuvischen  Auswürflingen  vom 
Jahre  1822  (Pogg.  Ann.  Bd.  147  pag.  280)  erinnern. 

An  den  Plagioklas  von  Pomasqui  reiht  sich  in  Bezug  auf 
seine  Zusammensetzung  sehr  nahe  an  derjenige  aus  einer 
„andesitischen  Lava  von  einem  grossen  Lavastrom  zwischen 
Riobamba  und  dem  Tunguragua,  linke  Seite  des  Rio  Chamba, 
von  Langlangchi;  Strom  säulenförmig  zerklüftet,  die  Säulen 
in  dünne  Platten  abgesondert44.  Ueber  das  Vorkommen  giebt 
Wolf  in  einem  Briefe  folgende  nähere  Nachricht.  „Wo  der 
Weg  von  Riobamba  nach  dem  Tunguragua  sich  in  dem  vulka- 
nischen  Tuffe   stark   abwärts  nach   dem    Rio  Chambo  ueigt, 


323 


steht  plötzlich  links  eine  hohe  senkrechte  Lavawand  an,  das 
Ende  eines  Stromes,  der  sich  als  langgezogener,  mit  Tuff  be- 
deckter Rücken  weit  gegen  Westen  auf  das  Plateau  von  Rio- 
bamba  hinauf  verfolgen  lässt.  Die  Ausbruchsstelle  ist  mit 
Tuff  bedeckt,  aber  der  Strom  scheint  von  keinem  der  hohen 
Berge  der  Gegend  herzukommen,  sondern  in  der  Ebene  aus- 
gebrochen zu  sein.  Der  gewaltige  Strom  hat  in  der  Mitte  die 
Höhe  von  wenigstens  30.  M.  und  eine  sehr  bedeutende  Breite 
(fast  -  Stunde);  er  ist  unten  in  2  bis  3  M.  dicke  Pfeiler  ab- 
gesondert, die  sich  nach  oben  in  dünnere  Pfeiler  spalten.  Die 
Oberfläche  des  Stroms  ist  ganz  unregelmässig  in  kleine  Stücke 
zerklüftet.  Er  zeigt  mit  einem  Worte  die  Absonderung  der 
Niedermendiger  Mühlsteinlava.  Unten  und  noch  in  der  Mitte 
hat  der  Andesit  porphyrartige  Textur,  nach  oben  wird  er 
immer  dichter  und  damit  dunkler  (mit  sehr  kleinen  Feldspathen), 
bis  er  zuletzt  an  der  Oberfläche  in  poröse  schlackige  Lava 
übergeht.  Der  ganze  Höhenzug  auf  der  linken  Seite  des  Rio 
Chambo,  von  dem  grossen  Lavastrom  an  bis  eine  Stunde  weiter 
unten,  heisst  Langlangchi ,  die  Felswand  selbst  nannten  die 
Indianer  Pungaltuz." 

Die  Lava  enthält  in  einer  schwärzlichgrauen  Grundmasse 
sehr  zahlreiche  wasserhelle,  tafelförmige  Plagioklase,  welche 
mit  der  Fläche  des  Brachypinakoids  M  annähernd  parallel 
liegen.  Die  Gesteinsmasse  schliesst  nicht  unmittelbar  fest  an 
diese  Plagioklase  an,  sie  lässt  vielmehr  einen  feinen  Zwischen- 
raum, welcher  mit  fasriger,  fast  bimsteinähnlicher  Masse  erfüllt 
ist.  So  liegen  auch  die  Sanidine  in  der  trachytischen  Lava 
des  Arsostroms ,  Ischia.  —  Ausserdem  ist  bräunlichschwarze 
Hornblende  (fest  von  der  Grundmasse  umschlossen)  vorhanden 
und  fein  zertheiltes  Magneteisen;  weder  Augit  noch  Olivin. 
Unter  dem  Mikroskop  löst  sich  die  Grundmasse  in  ein  äusserst 
feinkörniges  Gemenge  von  Plagioklas  neben  nur  wenig  amor- 
pher Grundmasse  auf. 


324 


Plagioklas  aus  der  Andesitlava  von  Langlangchi: 
Spec.  Gew.  2,604.    Kein  Glühverlust. 


I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure  . 

.  55,64 

55,64 

Ox.  =  29,67 

Thonerde   .  . 

.  2&,23 

^28,15 

28,19 

13,16 

Eisenoxydul  . 

.  0,82 

0,92 

0,87 

0,19 

Kalk  

.  10,07 

9,52 

9,79 

2,80 

Magnesia.  .  . 

.  0,19 

nicht  best. 

0,19 

0,07 

Kali  

0,63 

0,63 

0,11 

5,48 

5,48 

1,41 

100,79 


Wenn  wir  vom  Eisen  absehen,  welches  von  eingernengtem 
Magneteisen  (vielleicht  nebst  etwas  Eisenglanz)  herrührend 
der  Constitution  des  Plagioklas  nicht  angehört,  so  ergiebt 
sich  die 

Sauerstoffproportion  1,00  :  3  :  6,76. 

Es  stimmt  die  gefundene  Zusammensetzung  sehr  nahe 
überein  mit  einer  isomorphen  Mischung  von  1  Mol.  Albit  -f- 
2  Mol.  Anorthit.  Der  Plagioklas  von  Langlangchi  ist  dem- 
nach ein  Labrador,  fast  genau  von  der  Zusammensetzung  des- 
jenigen von  Pomasqui.  Die  beiden  letzteren  Analysen  liefern 
den  Beweis ,  dass  auch  Labrador  in  den  ecuadorischen  Ande- 
siten  als  constituirender  Gemengtheil  auftrete.  Es  bestätigt 
sich  demnach  für  diese  Gesteine  die  von  Prof.  J.  Roth  ge- 
äusserte Ansicht  (s.  Beiträge  z.  Petrogr.  der  pluton.  Gesteine, 
Sep.-Abdr.  pag.  192),  „dass  eine  stetig  fortlaufende  Reihe 
(zwischen  Andesit  und  Dolerit)  vorhanden  ist."  Die  Verbrei- 
tung des  Labradors  in  den  Andesiten  und  in  den  Daciten 
oder  Quarz- Andesiten  ist  vorzugsweise  durch  Dr.  Dölter  in 
seinen  mühevollen  und  wichtigen  Arbeiten  über  die  quarzfüh- 
renden Andesite  in  Siebenbürgen  und  Ungarn  (Miner.  Mittheil., 
ges.  von  Tschermak,  1873  2.  Heft)  und  über  die  Trachyte  des 
Siebenbürgischen  Erzgebirges  (ibid.  1874  1.  Heft)  nachgewiesen 
worden. 

Die  Frage  liegt  nahe,  weshalb  wir  die  dunkle  Labrador- 
führende Lava  von  Langlangchi  nicht  gleich  den  Aetnalaven 
zu   den   doleritischen  Gesteinen   rechnen?    Indess   durch  die 


325 


zahlreichen  Hornblendekrystalle,  sowie  das  Fehlen  von  Augit 
und  Olivin ,  welche  neben  Labrador  die  Aetnalaven  charak- 
terisiren,  unterscheidet  sich  die  ecuadorische  Lava  sehr  we- 
sentlich von  der  ätnäisehen. 

Der  Andesit  von  Toluca  in  Mexico. 

Das  Vulkangebirge  von  Toluca  mit  seinem  Kratersee  und 
seinen  beiden  in  die  Schneeregion  aufragenden  Gipfeln  —  der 
Pico  del  Fraile  erreicht  nach  v.  Humboldt  4620  M. ,  nach 
Burkart  15,262  engl.  Fuss  —  liegt  in  der  Mitte  jenes  durch  von 
Humboldt's  Arbeiten  so  berühmten  „Parallel's  der  mexika- 
nischen Vulkane'4,  etwa  10  d.  M.  SO.  von  der  Hauptstadt.  (Ueber 
den  Nevado  de  Toluca,  vergl.  Jos.  Bürkart,  „ Aufenthalt  und 
Reisen  in  Mexico  in  den  Jahren  1825 — 1834"  Bd.  I.;  sowie 
Pieschel,  „Ueber  die  Vulkane  von  Mexico44  in  Zeitschr  für 
allgem.  Erdkunde  Bd.  VI.  pag.  80 — 91 ;  v.  Humboldt,  Kosmos 
Bd.  IV.  pag.  313,  470.)  Das  Gestein,  welches  mir  zur  Unter- 
suchung diente,  stammt  nicht  vom  hohen  Vulkankegel  selbst, 
sondern  aus  dem  Thale  von  Toluca,  woselbst  es  von  dem  ver- 
ewigten, verdienstvollen  Geh.  Bergrath  Dr.  Burkart  2  Stund, 
östl.  von  Istlahuaca ,  am  Wege  nach  Mexico  geschlagen  wurde 
(s.  Burkart  a.  a.  O.  pag.  179).  —  Das  Gestein  ist  ein  An- 
desit von  ungewöhnlicher  Schönheit.  In  der  lichtgrauen  dichten 
Grundmasse  heben  sich  die  schneeweissen,  bis  5  Mm.  grossen 
Plagioklase  vortrefflich  ab;  sie  tragen  eine  deutliche  Streifung; 
ausserdem  schwarzer  Biotit  und  bräunlichschwarze  Hornblende; 
einzelne  gelbe  Olivinkörner  und  ganz  vereinzelte  rundliche 
Quarzkörner.  Schon  G.  Rose  erkannte,  dass  der  Feldspath 
des  Toluca  -  Gesteins  gestreifte  Spaltungsflächen  darbietet  und 
stellte  dasselbe  zu  seiner  dritten  Abtheilung  der  Trachyte, 
„welche  viele  kleine  Oligoklas-Krystalle  mit  schwarzer  Horn- 
blende und  braunem  Magnesiaglimmer  enthalten44. 

Kieselsäuregehalt  des  Gesteins 
=  66,85  pCt. 


Zeits.d.  D.geol.  Ges.  XXVII.  2. 


22 


326 


PJagioklas  aus  dem  Andesit  von  Toluca: 

Spec.  Gew.  2,615  (19  0  C).    Glühverlust  0,06. 


I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure  . 

.  59,79 

59,79 

Ox.  -  31,888 

Thonerde  .  . 

.  25,54 

25,33 

25,43 

11,406 

Kalk  

.  7.37 

7,46 

7,41 

2,117 

Kali  

0,64 

0,64 

0,109 

Natron  . 

7,24 

7,24 

1,869 

100,51 

Sauerstoffproportion  1,077  :  3  :  8,387. 


Dieser  Plagioklas  ist  demnach  als  ein  Andesin  zu  be- 
trachten, dessen  Mischung  sehr  nahe  durch  eine  Verbindung 
von  1  Mol.  Albit  mit  1  Mol.  Anorthit  dargestellt  wird.  Siehe 
oben  Plagioklas  von  Mojanda. 

Der  Obsidian-ähnliche  Andesit  von  Conejos 
am  Rio  grande  del  Norte,  Colorado. 

Wo  der  Rio  grande  den  37.  Grad  nördlicher  Breite,  d.  h. 
die  Grenze  zwischen  den  Territorien  Colorado*)  und  New 
Mexico  überschreitet ,  dehnt  sich  ein  Gebiet  vulkanischer  Ge- 
steine aus,  von  denen  ich  mehrere  Proben  durch  die  Gefällig- 
keit des  Herrn  G.  Jung  jun.  aus  Köln  erhielt.  —  Der  Rio 
grande,  etwa  unter  37°  40'  nördl.  Breite  und  106°  35'  westl. 
Länge  von  Greenwich  entspringend,  fliesst  zunächst  ca.  15  d. 
Meil.  gegen  Südost,  wendet  sich  dann,  nachdem  er  in  eine 
weite  Thallandschaft,  den  San  Luis  Park,  eingetreten,  gegen 
Süd  bis  zur  Grenze  der  Republik  Mexico,  um  dann  in  länder- 
scheidendem Laufe  gegen  Südost  den  mexikanischen  Golf  zu 
erreichen.  Etwas  unterhalb  jener  Stromwendung,  noch  im 
Gebiete  des  San  Luis  Park  nimmt  der  Strom  drei  von  Osten 
kommende  Nebenflüsse  auf,  den  Rio  Trenchera,  Culebra  und 
Costilla.  Vor  ihrer  Vereinigung  mit  dem  Rio  grande  treten 
diese  drei  Flüsse  in  das  Gebiet  der  vulkanischen  Bildungen 
ein,  ein  Territorium,  welches  vorzugsweise  aus  Trachyt  in 
meist  vertical  stehenden  ,  mehrere  Fuss  bis  wenige  Zoll  im 
Durchmesser  haltenden  Säulen  besteht.  In  diesem  eigenthüm- 
lichen  Gebiete  versinken  die  genannten  Flüsse,   so  dass  nur 


*)  Anmerkung  bei  der  Correctur:  „jetzt  ein  Staat". 


327 


ihre  Canons  —  Felsenschluchten  — ,  welche  mit  Ausnahme 
einiger  Tage  im  Frühjahr  wasserleer  sind,  zu  dem  mehrere 
hundert  Fuss  in  die  Ebene  eingeschnittenen  Thale  des  Rio 
grande  ziehen.  Das  Gestein  dieser  säulenförmigen  Trachyt- 
bilduug  ist  Andesit.  Aehnliche  vulkanische  Gesteine  finden 
sich  zwischen  der  Stadt  la  Costilla,  welche  den  neuesten  Mes- 
sungen zufolge  genau  auf  der  Grenze  zwischen  Colorado  und 
New -Mexico  liegt,  und  Elizabethtown ,  einem  Städtchen,  in 
dessen  Nähe  reiche,  von  einer  englischen  Gesellschaft  betrie- 
bene Goldwäschen  sich  befinden.  An  dem  bezeichneten  Punkte 
bildet  der  Andesit  einen  300  bis  400  Fuss  hohen ,  in  senk- 
rechte Säulen  abgesonderten  Kegel ,  den  Comanche  Rock ,  an 
dessen  Fuss  sich  zwei  Bäche  vereinigen  und  den  Rio  Costilla 
bilden.  Einige  Meilen  weiter  in  der  Richtung  auf  Elizabeth- 
town erscheint  der  Andesit  in  äusserst  zierlichen,  nur  2  bis 
10  Cm.  dicken  Säulen.  —  Der  obsidianähnliche  Andesit,  dessen 
ausgeschiedene  Plagioklaskrystalle  eine  gesonderte  Analyse 
gestatteten,  steht  an  auf  der  rechten  Seite  des  Rio  del  Norte, 
4  engl.  Meilen  von  der  Mündung  des  Rio  Culebra  entfernt, 
unfern  des  Städtchen  Sant'  Antonio.  Dies  Gestein  zeigt  in 
schwarzer,  obsidianartiger  Grundmasse  zahlreiche  weisse,  deut- 
lich gestreifte  Oligoklase,  2  bis  3,  selten  bis  10  Mm.  gross. 
Ausserdem  sind  wenig  zahlreiche,  2  bis  3  Mm.  grosse  bräunlich- 
schwarze Biotitblättchen  wahrnehmbar.  —  Unter  dem  Mikro- 
skop zeigt  die  Grundmasse  dieses  Gesteins  in  ausgezeichneter 
Weise  jene  Bewegungs  -  Erscheinungen ,  welche  zuerst  von 
E.  Weiss  an  einem  Perlstein  von  Ungarn  erkannt  und  dar- 
gestellt (s.  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Feldspathbildung.  Ge- 
krönte Preisschr.  Harlem  1866.  pag.  142.  143,  Taf.  I.  f.  15.), 
dann  selbstständig  von  dem  früh  vollendeten  Prof.  H.  Vogelsang 
aufgefunden  und  unter  dem  Namen  Fluidalstructur  ausführlich 
beschrieben  wurde  (s.  Philosophie  d.  Geol.  u.  mikrosk.  Ge- 
steinsstudien, 1867  pag.  138  Taf.  I  —  IV.).  Die  bräunliche 
amorphe  Grundmasse,  welche  durch  kleinste  Mikrolithe  und 
Magneteisenpunkte  eine  fluthende  und  strömende  Bewegung 
andeutet,  umschliesst  ausser  Plagioklasen  mit  deutlichster 
Zwillingsbildung  Biotit,  Augit  und  Hornblende.  Die  Associa- 
tion dieser  beiden  letzteren  Mineralien  (hier  mit  vorwiegendem 
Augit)  reiht  sich  demnach  den  oben  mitgetheilten  Beobach- 
tungen über  ecuadorische  Andesite  an. 

22* 


328 


Kieselsäuregehalt  des  Gesteins 

=  63,73  pCt. 

Plagioklas  aus  dem  obsidianähnlichen  Andesit  von  Conejos: 


Spec.  Gew.  2,631.    Glühverlust  0,16. 


I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure  . 

.  61,88 

61,88 

Ox.  =  33,003 

Thonerde  .  . 

.  23,96 

24,41 

24,18 

11,290 

Kalk  

4,62 

4,79 

1,369 

Kali  

2,50 

2,50 

0,424 

Natron    .  .  . 

6,95 

6,95 

1,794 

100,30 

Sauerstoffproportion  0,958  :  3  :  8,77. 


Dieser  Plagioklas  ist  demnach  ein  Oligoklas ,  welcher 
allerdings  sich  etwas  dem  Andesin  (1  Mol.  Albit  -j-  1  Mol. 
Anorthit  =  1:3:8)  nähert.  Wir  erhalten  eine  der  gefundenen 
ähnliche  Mischung  durch  eine  isomorphe  Verbindung  von  3  Mol. 
Albit  +  2  Mol.  Anorthit  =. 

Kieselsäure  61,915.      Thonerde  24,12.      Kalk  5,25. 
'  Natron  8,725. 

Wie  Vieles  wird  die  Kenntniss  der  vulkanischen  Gesteine 
gewinnen,  wenn  die  Trachyte  New  Mexico's,  Nevada's,  Cali- 
fornien's  und  Oregon's  einer  eingehenden  mineralogischen  und 
chemischen  Untersuchung  dereinst  unterworfen  werden,  für 
welche  die  wichtigen  Arbeiten  v.  Richthofen's  (s.  diese  Zeit- 
schrift Bd.  XX.  pag.  663 — 726)  den  Grund  gelegt  haben. 

Anmerkung.  Wenig  bekannt  dürfte  es  sein ,  dass  der 
granitische  Pike's  Peak  in  Colorado  (14216  F.),  einer  der 
höchsten  und  am  Weitesten  gegen  Ost  vorgeschobenen  Gipfel 
des  Felsengebirges ,  reich  ist  an  schönen  Mineralien.  Herr 
G.  Jung,  welchem  ich  auch  die  obigen  Mittheilungen  verdanke, 
hatte  die  Güte,  mir  grosse  Orthoklaszwillinge  nach  dem  Carls- 
bader Gesetze  von  fleischrother  Farbe  zu  zeigen,  sowie  schöne 
Krystalle  von  grünem  Feldspath,  sogen.  Amazoneustein  (einen 
ca.  4  Cm.  grossen  Krystall  mit  den  Flächen  T  =  ocP ,  z  — 
(ocP3),  M  =  (ooPoo),  P  =  oP  ,  y  =  2Poo).  Noch  über- 
raschender war  mir  das  Vorkommen  von  grossen  Epidot- 
krystallen,  welche  denjenigen  von  Arendal  sehr  ähnlich  sind. 


329 


Diesen  zehn  Plagioklasen  aus  amerikanischen  Trachyten 
reihen  wir  zwei  andere  an :  aus  dem  Trachyt  der  Perlenhardt 
im  Siebengebirge  und  aus  einer  hauynführenden  Lava  von 
Palma  (Canarische  Inseln). 

Trachyt  der  Perlenhardt. 
Nachdem  für  eine  Reihe  von  Trachyten  aus  fernen  Län- 
dern die  chemische  Natur  des  constituirenden  Plagioklases 
ermittelt  war,  schien  es  geboten,  die  gleiche  Aufgabe,  wenig- 
stens für  eine  der  ausgezeichnetsten  Varietäten  der  Sieben- 
gebirgsgesteine  zu  lösen,  damit  nicht  das  Ferne  genauer  be- 
kannt sei  als  das  Heimische.  Bisher  war  durch  gesonderte 
Analyse  noch  für  keinen  Plagioklas,  welcher  als  wesentlicher 
Gemengtheil  eine  Trachytvarietät  des  Siebengebirges  bildet,  die 
chemische  Mischung  erforscht  worden.  Die  Annahme  eines 
sogen.  ,,Kali-  Albits  vom  Drachenfels4'  durch  Abich*)  beruht 
nämlich  nicht  auf,  der  Analyse  ausgesuchter  Krystallkörner, 
sondern  der  mit  Chlorwasserstoffsäure  zuvor  behandelten 
Grundmasse.  Besondere  Schwierigkeiten  bieten  sich  allerdings 
bei  dem  Versuche,  die  Plagioklaskörner  unserer  Trachyte 
mechanisch  zu  sondern.  Für  die  Andesite  von  der  Wolken- 
burg und  dem  Stenzelberg  erscheint  wegen  ihrer  Feinkörnig- 
keit die  Aufgabe  fast  unmöglich.  Günstiger  liegt  die  Sache 
bei  dem  so  ausgezeichnet  porphyrartigen  „Sanidin  -  Oligoklas- 
oder  Drachenfelser  Trachyt",  welcher  ausser  dem  berühmten, 
burggekrönten  Fels  am  Rhein  den  Gebirgskamm  vom  Schallen- 
berge bis  zum  Lohrberge  und  namentlich  den  östlichsten 
Vorhügel  des  Gebirges,  die  Perlenhardt,  bildet.  Die  lichte 
Grundmasse  des  Trachyts  vom  Drachenfels,  von  welcher  sich 
die  weissen  Plagioklaskörner  nur  wenig  abheben,  macht  auch 
für  diese  Gesteinsvarietät  die  Aussonderung  schwierig.  Leichter 
ist  es  bei  der  Varietät  der  Perlenhardt ,  aus  deren  grauer 
Grundmasse  die  Plagioklase  deutlich  hervortreten.  Durch 
ausserordentliche  Grösse  der  Sanidine  (bis  6  Cm.)  ist  zudem 
dies  Gestein  das  ausgezeichnetste  unter  den  Trachyten  unseres 
Gebirges.  Die  Plagioklaskörner  erreichen  zuweilen  eine  Grösse 
von  5  Mm.  und  lassen  nicht  selten  eine   deutliche  Streifung 


*)  Abich,  „Ueber  die  Natur  und  den  Zusammenhang  der  vulkanischen 
Bildungen",  Tabelle  zu  pag.  7.    (Braunschweig  1841.) 


330 


erkennen.  Neben  Biotit  und  Hornblende  ist  schwärzlich- 
grüner Augit  vorhanden  und  im  mikroskopischen  Schliff  auf 
das  deutlichste  zu  erkennen.  Die  Hornblende  von  brauner 
Farbe  ist  mit  einem  Saume  von  Magneteisenpunkten  umgeben, 
welche  den  lichtgrünen  Augitdurchschnitten  fehlt.  Viel  Titanit. 
In  sehr  zahlreichen  Drusen  und  kleinsten  Hohlräumen :  Quarz*) 
Tridymit,  Magneteisen,  Eisenglanz;  dazu  auch  kleine,  frei  aus- 
gebildete, leider  mattflächige  Plagioklase. 

Tridymit  und  Quarz  finden  sich  in  Drusen  dieses  Trachyts 
stets  gemeinsam,  als  eine  scheinbar  gleichzeitige  Bildung.  Das 
Gestein  ist  reich  an  Einschlüssen  feinkörniger  Trachytvarie- 
täten,  und  um  diese  Einschlüsse  sind  namentlich  die  eben  ge- 
nannten Mineralien   in  sehr  kleinen  Krystallen  ausgebildet. 

Der  Kieselsäuregehalt  des  Gesteins  beträgt 

=  64,56  pCt. 

Es  konnten  zu  der  folgenden  Analyse  nur  0,3345  gr. 
angewendet  werden. 


*)  Die  zierlichen  Quarze  in  den  Hohlräumen  des  Trachyts  der 
Perlenhardt  haben  gewöhnlich  eine  recht  symmetrische  Ausbildung .  ihr 
Typus  ist  dihexaedrisch,  mit  niedrigem  Prisma  (xR),  Die  Kanten  zwi- 
schen Dihexaeder  und  Prisma  sind  fast  stets  durch  glänzende  Flächen 
abgestumpft.  Die  Neigung  dieser  ein  vollflächiges  Dihexaeder  bildenden 
Abstumpfungsflächen  zu  den  Flächen  R  resp.  — R  beträgt  169-]°;  woraus 
das  Zeichen  *R,  — |  R.  Es  sind  dies  zwei  von  Des  Cloizeaüx  aufge- 
fundene Formen,  und  zwar  ^R  =  e8  an  zwei  Krystallen  von  Traver- 
sella, einem  aus  Brasilien  und  einem  von  Ala;  —  §R  =  ef,  an  vielen 
Krystallen  von  Traversella  und  aus  dem  Wallis.  —  Die  Ausbildung  die- 
ser Krystalle  aus  dem  Trachyt  der  Perlenhardt  ist  sehr  ähnlich  derjenigen 
der  kleinen  Quarze  in  Schmelzdrusen  einiger  Laven  des  Laacher  Gebiets, 
welche  von  Dr.  Joh.  Lehmann  aus  Königsberg  aufgefunden,  bestimmt  und 
in  seiner  wichtigen  Schrift  „Ueber  die  Einwirkungen  eines  feurigflüssigcu 
basaltischen  Magma's  auf  Gesteins-  und  Mineraleinschlüsse"  (s.  Verhandl.  d. 
naturh.  Vereins  d.  preuss  Rheinl.  u.  Westf.,  31.  Jahrg.  p.  1 — 40)  beschrieben 
worden.  Auch  jene  kleinen  Laven-Quarze  bieten  das  spitze  durch  dieRhom- 
boeder  rb£R  gebildete  Dihexaeder  dar.  Sehr  treffend  sagt  Joh.  Lehmann 
über  ihre  Bildung:  „An  eine  Infiltration  kieselsäurehaltiger  Wasser  in 
diese  Drusenräume  ist  hier  nicht  zu  denken,  da  die  Quarze  in  engster 
Verbindung  mit  grünen  Augitnädelchen  vorkommen,  zum  Theil  von  ihnen 
überlagert  werden  und  in  diesen  Drusenräumen  sich  überhaupt  keine 
Spur  der  gewöhnlichen  Infiltrationsproducte  findet."  Auf  die  Analogie 
der  Laacher  Laven-Quarze  mit  denjenigen  aus  dem  Trachyt  der  Perlen- 
hardt weist  bereits  Herr  Jon.  Lehmann  hin. 


331 


Plagioklas  aus  dem  Trachyt  der  Perlenhardt: 

Spec.  Gew.  2,576.    Glühverlust  0,44. 

Kieselsäure  ....  62,18    Ox.  -  33,16 

Thonerde   23,52  10,98 

Kalk   5,33  1,52 

Natron  ....  .  .  (8,97)»*)  2,31 

100,00 

Sauerstoffproportion  1,048  :  3  :  9,065. 

Dieser  Feldspath  ist  demnach  ein  Oligoklas  von  nahe 
gleicher  Mischung  wie  derjenige  aus  dem  obsidianähnlichen 
Trachyt  von  Conejos  (s.  oben  pag.  328).  Der  Trachyt  der 
Perlenhardt  und  so  ohne  Zweifel  auch  das  durchaus  ähnliche 
Gestein  des  Drachenfels  sind  demnach  in  der  That  „Sanidin- 
Oligoklas-Trachyte". 

Hauynf  ü  hr  end  e  Lava  von  der  Insel  Palma. 

Unter  den  Gesteinsproben  der  Canarischen  Inseln,  welche 
das  naturhistorische  Museum  unserer  Universität  dem  Herrn 
Dr.  Reiss  verdankt,  befindet  sich  ein  sehr  interessantes  Ge- 
stein von  der  Insel  Palma,  welches  theils  durch  seinen  Gehalt 
an  tiefblauem  Hauyn ,  theils  durch  deutlich  auskrystallisirten 
Plagioklas  ein  ungewöhnliches  Interesse  beansprucht.  Dr.  Reiss 
erwähnt  in  seiner  verdienstvollen  Beschreibung  der  Insel  („Die 
Diabas-  und  Lavenformation  der  Insel  Palma44,  1861)  pag.  32 
das  in  Rede  stehende  Gestein  mit  folgenden  Worten:  „In 
einer  schwarzen ,  glasigen  ,  von  vielen  kleinen  Poren  durch- 
zogenen Grundmasse  liegt  eine  grosse  Menge  tafelförmiger 
Krystalle  eines  gestreiften  Feldspath's  (Labradorit  oder  Oligo- 
klas?); viel  Hauyn  in  kleinen  Körnern  und  Hornblende  finden 
sich  eingesprengt,  selten  Titanit.  Die  Grundmasse  dieses 
Gesteins  gleicht  vielen  Tenerife- Laven;  —  sollte  es  vielleicht 
eine  Oligoklaslava  sein,  die  ja  Deville  auf  Tenerife  nachge- 
wiesen hat?"  Dies  Gestein  findet  sich  in  losen  Blocken  in 
grosser  Menge  auf  den  basaltischen  Strömen,  welche  von  der 
Cumbre  vieja,  dem  bis  6500  Fuss  emporsteigenden ,  den  süd- 
lichen Theil  der  Insel   durchziehenden  Gebirgsrücken  herab- 


')  Aus  dem  Verluste, 


332 


stürzen.  Das  Gestein  dieser  Lavaströme  enthält  nach  Dr. 
Reiss  in  poröser  etwas  glasiger  Grundmasse:  Olivin,  Horn- 
blende und  Magneteisen.  Ueber  die  hauynführenden  Laven 
von  Palma  s.  ferner  v.  Fritsch  und  Reiss,  Geolog.  Beschreib, 
von  Tenerife  pag.  367  —  370.  Die  Plagioklaskrystalle  mit 
deutlich  gestreiften  Spaltungsflächen  erreichen  eine  Grösse  bis 
3  Mm.  Die  Hauynkörner,  bis  £  Mm.  gross,  zeigen  einzelne 
lebhaft  glänzende  Krystallflächen  (oo  0).  Besonders  gerne 
scheiden  sie  sich  innerhalb  oder  in  Berührung  der  Plagioklase  aus. 
Unter  dem  Mikroskop  stellt  sich  die  Grundmasse  der  Lava  we- 
sentlich aus  Plagioklas-Mikrolithen  gebildet  dar,  welche  schöne 
Fluidalstructur  zeigen.  Darin  liegen  grosse  zwillingsgestreifte 
Plagioklase  und  prachtvoll  lichtblaue  Hauyne,  Hornblende  und 
Magneteisen.  Die  Hauyne  verhalten  sich  im  polarisirten  Lichte 
ganz  wie  amorphe  Körper;  keine  Spur  von  Strichsystemen  (wie 
sie  von  Rosenbüsch  als  charakteristisches  Kennzeichen  der 
Noseane  nachgewiesen  wurden  ;  s.  Dessen  vortreffliche  „Mi- 
kroskop. Physiographie'4  pag.  177)  ist  sichtbar.  Die  Hauyne 
sind  im  Gegensatz  zu  den  anderen  Gemengtheilen  dieser  Lava 
sehr  rein  von  mikrolithischen  Einschlüssen;  sie  selbst  aber 
finden  sich  als  kleinste,  und  dann  beinahe  farblose  Kryställ- 
chen  in  den  anderen  Gemengtheilen,  so  in  der  Hornblende. 

Der  Kieselsäuregehalt  des  Gesteins  —  54,11  pCt.  deutet 
schon  an,  dass  der  constituirende  Feldspath  nicht  den  kiesel- 
säurereichen Varietäten  angehören  kann.  Den  Schwefelsäure- 
gehalt der  Hauynlava  fand  ich  =  0,46  pCt.  Da  die  Menge 
der  Schwefelsäure  im  Hauyn  etwa  12  pCt.  beträgt,  so  ergiebt 
sich  aus  dem  gefundenen  Schwefelsäuregehalt  der  Lava,  dass 
dieselbe  etwa  3,8  pCt.  Hauyn  enthält. 


Plagioklas  der 

hauynführenden  Lava  von 

Palma: 

Spec.  Gew. 

2,694. 

Kein  Gl 

ühverlust. 

I. 

IL 

Mittel 

Kieselsäure.  .  . 

55,64 

55,64 

Ox.  =  29,67 

Thonerde .  .  .  . 

29,10 

28,69 

28,89 

13,49 

Kalk  

10,73 

11,12 

10,92 

3,12 

Kali  

0,71 

0,71 

0,12 

5,09 

5,09 

1,31 

101,25 

Sauerstoffproportion  1,012  :  3  :  6,598. 


333 


Dieser  Plagioklas  ist  demnach,  gleich  demjenigen  des 
Trachyts  von  Pomasqm  und  der  Lava  von  Langlanchi,  La- 
brador und  kann  als  eine  isomorphe  Mischung  von  1  Mol. 
Albit  mit  2  Mol.  Anorthit  betrachtet  werden.  —  Die  in  der 
Lava  von  Palma  vorliegende  Association  von  Labrador  mit 
Hauyn  verdient  wohl  eine  besondere  Hervorhebung.  Eines 
der  ausgezeichnetsten  Hauyngesteine  erscheint  unter  den  Aus- 
würflingen des  Laacher  Sees,  ein  Aggregat  von  Hauyn  und 
Sanidin.  Nosean,  ein  dem  Hauyn  nahestehendes  und  iso- 
morphes Mineral  charakterisirt  eine  andere  sehr  gewöhnliche 
Art  von  Laacher  Sanidin-Auswürflingen  ,  sowie  Sanidin  -  füh- 
rende Gesteine  des  Laacher  Gebiets.  In  gleicher  Weise  ist 
Sodalith  (ebenfalls  dem  Hauyn  verwandt  und  isomorph)  be- 
zeichnend für  mehrere  Sanidin  -  Trachyte  des  phlegräischen 
Gebiets.  Nach  diesen  älteren  Erfahrungen  hätte  man  ver- 
muthen  können,  dass  die  Hauyn-Mineralien  sich  nur  mit  ortho- 
klastischem  Feldspath  vergesellschaften.  Da  wies  Dr.  Reiss 
in  jener  Palraa -Lava  zuerst  auf  die  Association  von  Hauyn 
mit  einem  Plagioklas  hin.  Aehnliche  Gesteine  wurden  in 
grösserer  Verbreitung  durch  die  Herren  v.  Fritsch  und  Reiss 
auch  auf  Teneriffa  aufgefunden  und  beschrieben  (in  ihrem  treff- 
lichen Werke  über  diese  Insel  pag.  367 — 370).  Es  sind  die 
hauynreichen  Phonolithe  des  Guajara-Gebirgsstocks.  Dieselben 
oder  ähnliche  Gesteine  kommen  auch  in  den  Canadas  -  Bergen 
vor  „besonders  beim  Espigon,  auch  in  den  Gängen  beim  Tiro 
del  Guanche  und  unter  den  von  der  Maja  aus  in  das  Taoro- 
Thal  ergossenen  Lavaströmen.44  Trikliner  Feldspath  ,  Hauyn, 
Hornblende,  brauner  Glimmer,  Magnetit  und  —  accessorisch 
—  Titanit  wurden  durch  die  genannten  Forscher  als  Gemeng- 
theile  dieser  Gesteine  erkannt.  —  Auch  aus  dem  rheinischen 
Vulkangebiet  (im  Sengelberg  beim  Dorf  Salz,  1  d.  M.  südsüdwestl. 
Westerburg  in  Nassau)  wurde  vor  Kurzem  ein  wesentlich  aus 
triklinem  Feldspath  und  Nosean  nebst  Nephelin,  Hornblende, 
Magneteisen  etc.  bestehendes  Gestein  durch  Dr.  G.  A.  Bertels 
genau  untersucht  und  „auf  Wunsch  des  Hrn.  Prof.  Sandberger" 
mit  dem  Namen  Isenit  belegt.  Es  gelang  Herrn  Bertels,  den 
constituirenden  Plagioklas  dieses  Gesteins  mechanisch  zu  tren- 
nen. Die  Analyse  ergab  die  Labradormischung  (vergl.  Würz- 
burger physik.-medic.  Ges.  N.  F.  VIII.  Bd.).  Noch  sei  er- 
wähnt, dass  Prof.  Rosenbusch  in  Augit-Andesiten  von  Grad- 


334 


Jakan  und  von  Widodarin  auf  Java,  welche  Herr  E.  Stöhr 
sammelte,  Nosean  oder  ein  anderes  Mineral  der  Hauyn-Gruppe 
neben  Sanidin  und  Plagioklas  nachwies.  Indess  schien  es 
Herrn  Rosenbusch,  dass  in  den  untersuchten  javanischen  Ge- 
steinen das  reguläre  Mineral  der  Hauyn-Gruppe  wesentlich  an 
das  massenhafte  Auftreten  des  Sanidins  gebunden  sei  und 
sofort  da  verschwindet,  wo  die  plagioklastischen  Feldspathe 
entschieden  vorherrschen  (s.  Rosenbusch,  üb.  einige  vulc.  Gest. 
von  Java,  Sep.-Abdr.  aus  d.  Ber.  d.  naturforsch.  Gesellscb.  zu 
Freiburg  i.  B.  1871). 


Die  folgende  Tabelle  enthält  eine  Zusammenstellung  der 
analysirten  Kalknatronfeldspathe,  geordnet  nach  abnehmendem 
Gehalt  an  Kieselsäure,  zunehmendem  Gehalt  an  Thonerde  und 
Kalk.  Den  betreffenden  Analysen  ist  stets  das  Verhältniss 
der  Molecüle  von  Albit  und  Anorthit  beigefügt,  welche  in  ihrer 
Verbindung  eine  dem  untersuchten  Plagioklase  ähnliche  Mi- 
schung ergeben.  Diese  berechnete  Mischung  ist,  durch  kleine 
Zahlen  bezeichnet,  zur  Vergleichung  mit  den  gefundenen  Wer- 
then  der  Analyse  hinzugefügt. 

(Siehe  die  Tabelle  umstehend.) 

Erwägt  man ,  dass  die  analysirten  Plagioklase  nicht  etwa 
frei  in  Drusen  auskrystallisirt,  sondern  aus  der  Grundmasse 
ausgeschieden  sind,  demnach  eine  vollkommen  normale  Mi- 
schung nicht  zeigen  können,  erwägt  man  ferner,  dass  zuweilen 
nur  kleine  Quantitäten  des  sorgsam  ausgesuchten  Materials  zur 
Verfügung  standen,  so  darf  gewiss  die  Uebereinstimmung  der 
berechneten  und  der  gefundenen  Mischung  als  eine  befriedi- 
gende bezeichnet  werden.  Es  ist  wohl  nicht  überflüssig,  dies 
hier  besonders  (unter  Hinweis  auf  Poggend.  Ann.  Bd.  144 
pag.  259)  hervorzuheben ,  da  vor  Kurzem  durch  Herrn  Des 
Cloizeaux  auf  Grund  seiner  optischen  Untersuchungen  der 
schönen  Feldspath  -  Theorie  Tschermak's,  welche  einen  der 
wichtigsten  Fortschritte  der  Wissenschaft  in  der  neueren  Zeit 
bezeichnet,  in  der  bestimmtesten  Weise  widersprochen  wurde. 
Nach  Des  Cloizeaux  sollen  die  optischen  Untersuchungen  den 
Beweis  erbringen,  dass  der  Labrador  keine  Mischung  von 
Albit  und  Anorthit  sein  könne,  dass  ebensowenig  für  den  Oli- 
goklas  jene  Erklärung  zulässig  sei,   dass  wahrscheinlich  der 


335 


Andesin  nur  ein  zersetzter  Oligoklas  sei  „comme  Tont  suppose 
quelques  geologues  ,  et  notamment  M.  Ch.  Saint-Claire  De- 
ville".  Herr  Des  Cloizeaux  neigt  im  Gegensatz  zu  der 
Tschermak' sehen  Theorie  zu  der  Ansicht  mehrerer  franzö- 
sischer organischer  Chemiker,  dass  die  triklinen  Feldspathe  in 
folgender  Weise  sich  aus  einander  ableiten  :  Anorthit  -J-  1  Si02 
=  Labrador.  Labrador  -|~  1  Si02  =  Andesin.  Andesin 
-j-  1  Si02  ~  Oligoklas  (für  welchen,  dieser  Ansicht  zufolge, 
die  Sauerstoffproportion  1  :  3  :  10  anzunehmen  wäre).  Oligo- 
klas -f-  1  Si02  =  Albit.  ,,Chimiquement  les  deux  explica- 
tions  peuvent  rendre  compte  des  faits;  naturellement  je  penche- 
rais  plutöt  pour  celle  des  chimistes  organiques,  qui  semble  mieux 
appropriee  ä  la  fixete  des  caracteres  crystallographiques  et  op- 
tiques  de  chaque  espece."  (Briefl.  Mitth.)  —  In  vollkommener 
Werthschätzung  der  durch  Des  Cloizeaux  jetzt  gegebenen  opti- 
schen Feldspath-Untersuchungen  glaube  ich  doch,  dass  sie  das 
Fundament  der  Tschermak' sehen  Theorie  nicht  erschüttern  kön- 
nen. In  dem  Vierteljahrhundert,  welches  verstrichen,  seit  Deville 
die  Andesine  von  Marmato  untersuchte  und  dieselben  für  mehr 
oder  minder  veränderte  Oligoklase  erklärte,  sind,  namentlich 
in  Deutschland,  sehr  viele  Plagioklase  mit  Andesin -Mischung 
untersucht  worden ,  welche  nicht  als  bloss  veränderte  Oli- 
goklase angesehen  werden  können.  Eine  langsam  gereifte 
Frucht  dieser  Arbeiten  ist  die  Kenntniss  der  Thatsache,  dass 
in  den  Kalknatron -Feldspathen  mit  dem  steigenden  Gehalt  an 
Kieselsäure  auch  das  Natron  steigt ,  während  die  Kalkerde 
sinkt,  dass  mit  sinkender  Kieselsäure  die  Kalkerde  zunimmt, 
das  Natron  sich  hingegen  vermindert;  es  ergab  sich  ferner, 
dass  die  Sauerstoffproportion  (CaO  -j~  Na(>0):Al2  03  stets 
=  1 : 3  je  nach  der  Genauigkeit  der  Analyse  und  der  Reinheit 
der  Substanz,  während  die  Proportion  der  Kieselsäure,  selbst 
bei  tadelloser  Arbeit ,  einem  einfachen  Verhältniss  nicht  ent- 
spricht. Es  wurde  ferner  bewiesen,  dass  es  einen  kalkfreien 
Oligoklas  ebensowenig  gebe  wie  einen  natronfreien  Labrador. 
Mit  diesen  unbezweifelbaren  Thatsachen ,  auf  welchen  die 
Tschermak' sehe  Theorie  beruht,  ist  jene  oben  angedeutete 
Ansicht  der  wachsenden  Kieselsäure-Moleküle  ganz  unvereinbar; 
denn  Anorthit  -f-  1  Si02  ist  eben  nicht  Labrador;  und  La- 
brador -f-  Si02  ist  nicht  Andesin  u.  s.  w.  In  chemischer 
Hinsicht  ist    die   TsCHERMAK'sche    Feldspath  -  Theorie  durch 


336 


Kalknatron-Feldspathe  aus 


Spec.  Gew.  Kieselsäure  Thonerde 

Oligoklas  Antisana   2,598  64,27  22,30 

Sphärulithlava  64,12  22,62 

Perlenhardt   ....  2,576  62,18  23,52 

im  Siebengebirge  61,91  24,11 

Conejos  am  Rio  .  .  2,631  61,88  24,18 
grande  del  norte 

Andesin     Mojanda   2,666  60,48  25,35 

Ecuador  59,73  25,59 

Pululagua   2,659  59,39  26,08 

Ecuador 

Toluca   2,615  59,79  25,43 

Mexico 

„         Guagua  Pichincha.  2,647  58,15  26,10 

rothes  Gipfelgestein  58,48  26,49 

„         Guagua  Pichincha .  2,620  59,1  26,1 
dunkles  Kratergestein 

Tunguragua  ....  2,627  57,8  26,75 

Ecuador  58,00  26,75 

Labrador   Pomasqui   2,644  55,86  28,10 

Einschluss  im  Tuff  55,43  28,49 

Langlanchi   2,604  55,64  28,19 

Ecuador 

Insel  Palma  ....  2,694  55,64  28,89 


337 


Trachyten  und  Andesiten. 


Kalk  Kali  Natron 

3,12  2,11  7,90 
3,52  9,74 

5,33  nicht  best.  (8,97) 
5,25  8,73 

4,79  2,50  6,95 

7,25  0,08  7,28 
6,97  7,71 

8,20  0,22  6,74 

7,41  0,64  7,24 

9,05  nicht  best.  6,70 
8,02  7,01 

8,85  0,5  5,5 

9,05  nicht  best.  (6,04) 

8,33  6,92 

10,95  nicht  best.  5,09 

10,35  5,73 

9,79  0,63  5,48 

10,92  0,71  5,09 


Moleküle  Kieselsäure 

Albit  Anorthit  des  Gesteins 

5  2  77,01 

3  2  64,56 

3  2  63,73 
1  1  69,78 
1  1  65,16 
1  1  66,85 

4  5  62,99 
4  5  64,55 
3  4  61,48 
1  2  62,03 

1  2  nicht  best. 

1  2  54,11 


338 


hundert  Analysen  so  wohl  begründet,  dass  wir  ihrem  Urheber 
zustimmen  müssen,  wenn  er  sie  eine  „Thatsache"  und  nicht 
eine  blosse  „Explication"  nennt.  —  Diese  Bemerkungen  würden 
kaum  nöthig  erschienen  sein,  wenn  nicht  ein  so  ausgezeich- 
neter Forscher  wie  Herr  Des  Cloizeaux  sich  gegen  eine 
Theorie ,  welche  nach  vielem  Kampfe  in  Deutschland  zu  all- 
gemeiner Annahme  gelangt  ist,  in  so  sehr  bestimmter  Weise 
ausgesprochen  hätte. 

Ein  Vergleich  des  Kieselsäuregehalts  der  verschiedenen 
Gesteine  mit  der  Mischung  der  in  ihnen  ausgeschiedenen  Pla- 
gioklase  ist  nicht  ohne  Interesse.  Wir  erkennen  zwar ,  dass 
im  Allgemeinen  einem  aciden  Gesteine  auch  ein  acider  Feld- 
spath  entspricht,  dass  die  Sphärulithlava  des  Antisana  mit 
77  pCt.  Kieselsäure  auch  den  sauersten  Plagioklas  und  die 
Lava  von  Palma  mit  nur  54  pCt.  Kieselsäure  auch  den  ba- 
sischesten Plagioklas  enthält;  im  Einzelnen  sehen  wir  indess 
diese  Abhängigkeit  nicht  überall  zutreffen.  So  umschliesst  das 
Mojanda- Gestein  mit  fast  70  pCt.  Kieselsäure  einen  nicht  ganz 
so  säurereichen  Plagioklas  als  das  Gestein  von  Conejos  mit 
63,7  pCt.  Kieselsäure. 

Unter  den  constituirenden  Plagioklasen  der  ecuadorischen 
Andesite  waltet  demnach  der  Andesin  vor.  Während  die 
überaus  Kieselsäure-reiche  Sphärulithlava  des  Antisana  Oligo- 
klas  führt,  kommen  an  demselben  Vulkan  auch  Gesteinsvarie- 
täten vor,  welche  wesentlich  Andesin  führen  zufolge  einer 
Analyse  Ch.  St.  Cl.-Deville's,  Comptes  rendus  48.  16.  1859. 
In  Gesteinen  des  Chimbörazo  wiesen  sowohl  Rammelsberg 
als  Deville  Andesin  nach.  Die  in  der  WoLF'schen  Sammlung 
befindlichen  Chimborazogesteine  gestatten  keine  mechanische 
Sonderung  des  Plagioklas.  Unter  dem  Mikroskop  zeigen  drei 
mir  vorliegende  Chimbörazo- Andesite  kleinste  Mikrolithe  von 
Plagioklas ,  welche  wesentlich  die  Grundmasse  constituiren ; 
dieselbe  umschliesst  etwas  grössere,  deutlich  gestreifte  Ande- 
sine  sowie  Augite  und  —  viel  seltener  —  Hornblenden.  Feinste 
Magneteisen  -  Körner  sind  bald  spärlicher,  bald  häufiger  ein- 
gesprengt. —  Nicht  zu  unterscheiden  vom  Chimbörazo  sind 
die  vorliegenden  Gesteine  und  Dünnschliffe  des  erloschenen 
Vulkans  Imbabura.  Diese  Andesite  sind  bald  lichter  bald 
dunkler  und   lassen  makroskopisch  nur  späi liehe  Augite  und 


339 


noch  seltener  Plagioklase  erkennen.  Unter  dem  Mikroskop 
zeigen  sie  ein  nur  durch  wenig  amorphe  Grundmasse  verbun- 
denes Aggregat  von  kleinsten  Plagioklasen,  welche  alle  überaus 
deutlich  die  Zwillingsstreifung  besitzen;  Augit  und  Magnet- 
eisen. Auch  von  dem  wenig  bekannten  Vulkan  Cunru  bei 
Ibarra  liegen  Gesteinsproben  vor;  sie  sind  etwas  grosspor- 
phyriseher  unter  dem  Mikroskop  als  die  vorigen.  Die  Grund- 
masse tritt  zurück  vor  den  zahlreichen  und  grossen  Plagioklas- 
Ausscheidungen ;  daneben  Augit,  etwas  Hornblende  und  Magnet- 
eisen. Der  Cunru  liegt  nach  Wolf's  Angabe  gegen  Südost 
neben  dem  Imbabura.  Seine  Höhe  3338  M.  Zwischen  seinen 
drei  Gipfeln  liegt  ein  kleiner  Kratersee,  3317  M.  hoch.  Noch 
ein  zweiter  Kratersee,  die  Francisco  -  Cocha,  findet  sich  in 
2836  M.  Höhe  am  Fusse  des  schönen  Vulkans. 

Wenn  ich  aus  der  vorliegenden  Sammlung  ecuadorischer 
Andesite  einen  Schluss  ziehen  darf  —  derselbe  wird  auch  be- 
stätigt durch  briefliche  Mittheilungen  Wolf's — ,  so  fehlen  den 
ecuadorischen  Vulkanen  fast  ganz  jene  krystallinisch-körnigen 
Auswürflinge,  welche  den  Laacher  See  und  in  noch  höherem 
Grade  den  Vesuv  auszeichnen  und  dem  Mineralogen  ein  so 
unerschöpfliches  Feld  der  Forschung  bieten;  ja  es  ermangeln 
die  ecuadorischen  Andesite  fast  ganz  der  Drusenmineralien. 


In  Humboldt's  Kosmos  Bd.  III.  pag.  462  lesen  wir  die 
Worte:  ,,Da  in  der  vulkanischen  Hochebene  von  Quito  Alles 
mit  Trachyt,  Trachytconglomeraten  und  Tuffen  bedeckt  ist,  so 
war  es  mein  eifrigstes  Bestreben ,  irgend  einen  Punkt  zu  ent- 
decken ,  an  dem  man  deutlich  erkennen  könne,  auf  welcher 
älteren  Gebirgsart  die  mächtigen  Kegel  und  Glockenberge  auf- 
gesetzt sind  oder  um  bestimmer  zu  reden ,  welche  sie  durch- 
brochen haben.4' 

Die  von  Wolf  mir  verehrte  Sammlung  bietet  mehrere 
Gesteine  dar,  welche  augenscheinlich  von  höherem,  vorvulka- 
nischem Alter  zu  denjenigen  Formationen  gehören,  welche  von 
den  Vulkanen  durchbrochen  wurden. 

Zunächst  verdient  Erwähnung  der  Syenit  von  Punin  zwi- 
schen Riobamba  und  dem  Chimborazo,  aus  vorwaltendem  Pla- 
gioklas,  wenig  Orthoklas,  aus  Quarz,  Biotit,  Hornblende  be- 
stehend.    Die  Plagioklas  -  Körner  bis  1  Cm.  gross,   sind  von 


340 


graulichweisser ,  die  Feldspathe  von  sehr  licht  röthlichweisser 
Farbe.  Der  Quarz  theils  in  unregelmässigen  Körnern,  theils 
in  gerundeten  Dihexaedern.  In  diesem  schönen  Gesteine  fin- 
den sich,  wie  ein  von  Wolf  geschlagenes  Handstück  lehrt, 
dichtgedrängte,  2  —  5  Cm.  mächtige  Gänge  einer  feinkörnigen 
Syenitvarietät.  In  der  Nähe  dieses  Syenits  steht  auch  ein 
brauner  Porphyrit  an  mit  spärlichen  Quarzkörnern,  zahlreichen 
kleinen  (bis  3  Mm.)  Plagioklasen,  einzelnen  grünen  Augiten 
und  etwas  Eisenglanz.  Nach  einer  Bemerkung  von  Wolf 
scheint  dieser  Porphyrit  gangartig  im  Syenit  aufzutreten.  — 
Diesem  Porphyrit  verwandt  scheinen  gewisse  Gesteine  zu  sein, 
welche  Wolf  am  nördlichen  Fusse  des  Antisana  bei  Papal- 
lacta  auffand  und  als  quarzführende  Porphyrite  bezeichnete. 

Diese  Gesteine  sind  von  lichtgrauer  Farbe  und  zeigen 
in  dichter  Grundmasse  rundliche  Körner  von  Quarz  mit  aus- 
gezeichnet muschligem  Bruche,  sowie  Plagioklase  mehrere 
Mm.  gross.  Eine  der  beiden  vorliegenden  Varietäten  ist 
durch  die  tief  rothe  Färbung  der  grösseren  Quarz-  und  Pla- 
gioklaskörner  ausgezeichnet,  während  die  daneben  liegenden 
kleineren  Körner  beider  Mineralien  ungefärbt  sind.  Unter 
dem  Mikroskop  zeigen  diese  Porphyre  eine  vorherrschende, 
amorphe  Grundmasse,  darin  gleichmässig  vertheilt  kleinste 
Magneteisenpunkte,  ferner  Plagioklase,  Hornblende  (mit  Magnet- 
eisen erfüllt  und  umrandet)  und  einige  grössere  Quarzkörner. 
Diese  letzteren  von  ganz  unregelmässiger  Form  umschliessen 
Theile  des  Magma's.  Auch  dringt  die  Gesteinsmasse  mit 
feinsten  Mikrolithen  in  tiefen  Buchten  und  kolbenförmigen 
Fortsetzungen  in  die  Quarzkörner  ein ,  sodass  man  durchaus 
den  Eindruck  gewinnt,  dass  sich  dieselben  aus  dem  Ge- 
steine wirklich  ausgeschieden  haben.  —  Diese  merkwürdigen 
quarzführenden  Porphyrite  treten  nach  Wolf  „in  grosser 
Mannigfaltigkeit  am  Fusse  der  Vulkane  auf,  an  den  Abhängen 
der  Cordilleren.  Oft  sind  sie  nicht  porphyroidisch ,  sondern 
feinkörnig  und  lassen  den  Quarz  nicht  erkennen ,  so  dass  es 
dann  schwer  hält ,  sie  vom  Andesit  zu  unterscheiden.  Ge- 
wöhnlich findet  man  sie  zwischen  dem  Gneiss  und  Glimmer- 
schiefer der  niederen  Gebirge  und  den  Andesiten  der  Hoch- 
cordilleren,  selten  auf  dem  Hochlande  anstehend,  weil  dies 
von  Tuff  bedeckt  ist.4' 


341 


Alte  Gesteine  finden  sich  ,  wie  die  WoLF'sche  Sammlung 
lehrt,  auch  in  den  vulkanischen  Tuffen  von  Calacali:  grosse 
Blöcke  von  scheinbar  fast  dichtem  Grünstein  „zwischen  An- 
desitblöcken  im  vulkanischen  Tuff,  auf  der  linken  Thalseite 
des  Rio  Esmeraldas.  Auf  der  rechten  Seite  des  Thals  ist 
ganz  in  der  Nähe  der  Grünstein  bereits  anstehend  und  hören 
die  vulkanischen  Tuffe  auf."  In  dem  sehr  gleichartigen  Ge- 
steine erkennt  man  einige  grüne  Augite  sowie  sehr  kleine 
rundliche  Körner  von  Plagioklas.  Es  scheint  demnach  ein 
Diabas  vorzuliegen.  Schliesslich  mag  noch  ein  Gestein  hier 
hervorgehoben  werden,  welches  in  zweifacher  Weise  unsere 
Aufmerksamkeit  erweckt,  einmal  da  es  aus  einem  fast  ganz 
unbekannten  Districte  stammt,  und  dann  wegen  seiner  petro- 
graphischen  Beschaffenheit. 

Den  sphärolithischen  Pe  chstei  n  von  Oyacachi  fand 
Wolf  „am  Fusse  der  Ostcordillere,  auf  der  Grenze  der  Vulkan- 
gebilde mit  Chlorit-  und  Glimmerschiefer;  das  Gestein  kommt 
von  einem  Vulkan  zwischen  dem  Antisana  und  Cayambe,  näher 
dem  letzteren  als  dem  ersteren.  Den  Namen  konnte  ich  nicht 
erfahren."  *) 

Das  Gestein  ist  von  lebhaft  brauner  Farbe  mit  kleinen 
entglasten  sphärolithischen  Körnern.  Die  braune  amorphe 
Grundmasse  ist  nicht  ganz  gleichartig.  Aus  der  herrschenden 
Masse  lösen  sich  rundliche  oder  linsenförmige  Partien  heraus, 
welche  dem  Gestein  eine  Anlage  zu  eutaxitischer  Structur 
geben.  Neben  den  Sphärolithen  bemerkt  man  einige  Plagio- 
klas-Körnchen.  Unter  dem  Mikroskop  stellt  sich  die  Grund- 
masse dar  als.  gemengt  aus  etwas  dunkleren  und  lichten  Par- 
tien, welche  vielfach  gewunden  innig  mit  einander  verflösst 
sind.  In  dieser  amorphen  Masse  treten  Sphärolithe  mit 
charakteristisch    faserig  -  krystallinischer  Structur  auf.  Auch 

*)  „Jene  Gegend  ist  noch  ganz  unbekannt,  von  hohem  Interesse. 
Dr.  Reiss  und  Dr.  Stübel  konnten  nicht  bis  dorthin  gelangen.  Zwei 
Tage  irrte  "  ich  in  Schnee  und  Regen  auf  den  ausgedehnten  endlosen 
Paramos  in  der  Nähe  des  Sara  Urcu  (dieser  ist  kein  Vulkan,  wie  man 
gewöhnlich  glaubt,  sondern  besteht  aus  Gneiss  und  Glimmerschiefer) 
umher  und  kam  endlich  in  die  Baumregion  des  Ostabhangs  hinunter,  wo  ich 
einige  Hütten  von  Indianern  traf,  die  ihre  Ansiedelung,  welche  an  einem 
rcissenden  Zufluss  des  Rio  Napo  rcsp.  des  Amazonas  liegt,  Oyacachi 
nennen.  Vor  mir  undurchdringliche  und  ganz  unbewohnte  Wildniss, 
hinter  mir  die  frisch  beschneiten  Paramos,  um  mich  Wilde,  deren  Sprache 
ich  nicht  verstand."  ^Wolf.) 

Zelts. d.  D.geol.Ges.  XXVII.  2.  23 


342 


zeigen  sich  im  Schliff  zahlreiche  Einschlüsse  von  Andesit,  aus- 
gezeichnet  durch    sehr  viele    Plagioklas  -  Mikrolithe.  —  Der 
Wassergehalt  des  Gesteins  wurde  durch  Glühen  bestimmt. 
Andesitischer  Pechstein  von  Oyacachi: 
Spec.  Gew.  2,360  (bei  15£ 0  C.). 

Kieselsäure  .  .  .  73,61 
Thonerde  ....  12,05 
Eisenoxyd.  .  .  .  2,27 

Kalk   0,89 

Magnesia  ....  0,20 

Kali   3,82 

Natron   4,34 

Wasser  .  .  .  .  .  3,35 
100,53 

Dies  Gestein  besitzt  demnach  die  Zusammensetzung 
typischer  Perl-  und  Pechsteine,  z.  B.  des  Perlsteins  aus  dem 
Hliniker  Thal  bei  Schemnitz  oder  des  Pechsteins  vom  Monte 
Sieva  in  den  Euganäen. 

Von  demselben  Fundorte,  Oyacachi,  sandte  Wolf  ein  an- 
deres sehr  merkwürdiges  Gestein  von  rhyolithischem  Ansehen, 
welches  ,,an  der  Grenze  zwischen  vulkanischen  Gesteinen  und 
Glimmerschiefer  vorkommt"  und  nach  Wolf  ,,ein  vulkanisches, 
jedenfalls  aber  ein  eruptives  Gebilde  zu  sein  scheint."  Das 
Gestein  ist  lichtgrau,  ähnelt  gewissen  Kieselsäuretrachyten 
(Rhyolithen)  von  Lipari  und  Ungarn,  mit  einer  Neigung  zu 
streifigem  Gefüge.  Es  ist  theilvveise  breccienartig,  doch  die 
Einschlüsse  von  gleicher  Art  wie  die  Masse  und  auf  das 
Innigste  verbunden.  Im  frischen  Zustande  grau  und  auf  dem 
Bruche  schimmernd ,  chalcedonähnlich ,  durch  Verwitterung 
weiss  und  von  feinerdigem  Ansehen.  Das  Gestein  enthält 
zahlreiche  Körner  von  Quarz,  1  bis  2  Mm.  gross,  spärliche 
kleine  Feldspathkörner ,  etwas  Biotit  und  unregelmässig  ge- 
staltete, etwa  1  Mm.  grosse  Körner  von  rothem  Granat,  be- 
reits von  Wolf  bestimmt.  Unter  dem  Mikroskop  erkennt  man 
ein  unvollkommen  sphärolithisches  Gefüge.  Die  Sphärolithe, 
charakterisirt  durch  eine  radialfaserige  Zusammensetzung,  haben 
indess  hier  keineswegs  immer  oder  auch  nur  vorzugsweise  eine 
rundliche  Gestalt;  gewöhnlich  erscheinen  sie  sehr  verlängert. 
Der  Granat  bildet  keine  wohl  begrenzten  Kry  stalle,  sondern 
zeigt  sehr  unregelmässig  ausgebuchtete  Umrisse. 


343 


An  den  Landstrich  aus  welchem  diese  Gesteine  stammen 
knüpft  sich  noch  ein  besonderes  Interesse,  da  in  demselben 
der' noch  unbekannte  Vulkan  Guacamayo  liegt,  von  welchem 
es  nicht  unwahrscheinlich  ist,  dass  aus  seinem  Krater  die 
Asche  geschleudert  wurde,  ,, welche  am  7.  December  1843  zu 
Quito  in  grosser  Menge  fiel,  so  dass  sie  die  Dächer  1  Zoll 
hoch  bedeckte.  Die  Aschenwolken  kamen  über  die  Ostcordillere 
hergezogen,  und  es  ist  mir  wahrscheinlich,  dass  dieselben  vom 
Guacamayo  herrührten,  einem  noch  nie  untersuchten,  3  Tage- 
reisen hinter  der  Ostcordillere  unten  (gegen  Napo  zu)  gele- 
genen Vulkan ,  dessen  schönen  Kegel  man  bei  klarem  Wetter 
von  den  Päramos  des  Antisana  sehen  kann.  —  Sicher  ist, 
dass  sich  damals  alle  bekannten  Vulkane  des  Hochlandes 
ruhig  verhielten.4'  (Etikette  Wolf's  zu  einer  Probe  jener 
grauen  Asche.) 

II.   Ueber  die  Gesteine  des  Monzoni. 

Wenige  Berge  der  Erde  nehmen  in  gleichem  Maasse  das 
Interesse  des  Geologen  in  Anspruch,  wie  der  Monzoni  im  süd- 
östlichen Tyrol.  Der  Berg  ist  trotz  seiner  Höhe  von  8573  F. 
(2786  M.)  etwas  versteckt,  indem  höhere  Gebirge,  namentlich 
Dolomitgipfel  mit  ihren  charakteristischen  kühnen  Felsformen 
ihn  umringen,  sodass  man  von  keiner  Stelle  der  Thalsohle 
des  Avisio  den  berühmten  Berg  erblickt.  Um  des  Monzoni 
ansichtig  zu  werden,  muss  man  das  Hauptthal  von  Fassa  ver- 
lassen und  in  die  östlichen  Seitenthäler ,  in  die  Val  S.  Pelle- 
grino  oder  in  Val  dei  Monzoni  eindringen.  Das  erstere,  bei 
Moena  sich  mit  dem  Hauptthal  vereinigend  ,  begrenzt  das 
Monzoni-Massiv  gegen  Süd,  während  die  Val  dei  Monzoni  am 
nördlichen  Felsabsturz  ihren  Ursprung  nimmt.  Wählen  wir 
dies  letztere  ,  welches  etwas  oberhalb  des  Fleckens  Vigo,  bei 
Pozza,  mündet.  Zunächst  erblicken  wir  über  den  südlichen 
Thalgehängen  ungeheure  Dolomitgipfel  emporragen,  unter  denen 
durch  ausserordentliche  Gestaltung  der  Sasso  di  Mezzogiorno 
(die  Mittagsspitze),  ca.  1000  M.  jäh  über  die  Thalsohle  empor- 
steigend, sich  hervorthut.  Es  ist  dieselbe  flammenförmige  Fels- 
bildung ,  welche  wir,  gegen  Nordwest  zurückgewendet,  am 
Rosengarten  erblicken,  einem  Dolomitkoloss ,  welcher  sich  in 
einen   gewaltigen    Büschel   von   röthlichen  Felsenspitzen  und 

23* 


344 


Felsflammen  auflöst.  Das  nördliche  Thalgehänge  zeigt  in  der 
Tiefe  (wie  auch  das  südliche)  geschichteten  Kalkstein  (Buchen- 
steiner Schichten,  Trias),  darüber  eine  mächtige  Bildung  von 
Augitporphyrtuff.  Es  ist  der  hohe  südliche  Rand  des  plateau- 
ähnlichen Gebirgsstocks ,  welcher  den  eigenthümlichen  halb- 
kreisförmigen Lauf  des  oberen  Avisio  bedingt  und  meh- 
rere allbekannte  Mineralfundstätten  umschliesst:  rother  Stil- 
bit (Haut)  und  Analcim  bei  Drio  le  Palle*);  rother  Car- 
neol,  Alpe  Giumella;  schwarzer  Augit  —  ausgezeichnet  durch 
das  Auftreten  einer  etwas  gewölbten,  fast  geraden  Endfläche  — 
am  Bufaure;  Pseudomorphosen  von  Grünerde  nach  Augit  eben- 
daselbst etc.  Wie  man  beim  weiteren  Anstieg  bemerkt,  ist  die 
Auflagerungsfläche  des  Tuffs  über  dem  Kalkstein  nicht  eben, 
vielmehr  ragt  letzterer  kuppenförmig  in  den  dunklen  Tuff 
hinein.  Während  der  Kalkstein  schroffe  nackte  Abstürze  zeigt, 
tragen  die  runden  Höhen  des  Tuffplateaus  eine  schöne  Rasen- 
decke. Bald,  ~  Meil.  oberhalb  Pozza,  gabelt  sich  das  Thal, 
gegen  Ost  zieht  die  Val  di  Dam  (Adamo),  während  das  Mon- 
zonithal,  plötzlich  um  etwa  100  M.  ansteigend,  sich  gegen 
Südost  und  Süd  wendet.  Hier  bei  der  Thalwendung  betritt 
der  Pfad  zuerst  anstehendes  Gesteintes  sind  senkrechte  Kalk- 
steinschichten. Indem  die  Felsen  des  Rosengartens  verschwin- 
den, öffnet  sich  die  Aussicht  auf  die  dunkle  Felsenmauer  des 
Monzoni.    Das  enge  Thal  erscheint  hier,  an  seinem  Ursprung, 


*)  Zu  dieser  Fundstätte  steigt  man  von  Campitello  durch  einen  Felsen- 
riss  am  steilen  Gehänge  des  Colpelle-Bergs  empor.  Man  erreicht  einen 
weiten  Circus ,  eine  für  dies  aus  geschichtetem  Augitporphyr  -  Tuff  be- 
stehende Gebirge  besonders  charakteristische  Gestaltung.  Horizontal 
ziehen  ringsum  die  dunklen  Bänke  hin.  In  einer  Höhe  von  etwa  k2300  M. 
ist  auf  eine  in  horizontaler  Kichtung  weit  fortsetzende  Strecke  der  Tuff 
mit  netzförmig  verzweigten  Trümern  von  Kalkspath  und  Analcim  erfüllt. 
Wo  die  Trümer  sich  zu  einer  Art  Gangkluft  verbinden,  werden  aus  einer 
in  den  Fels  gebrochenen  Höhle  (am  Berge  Ciamol)  die  Analcime  (Hauy's 
Variete  tripointee)  gewonnen.  An  diesen  ersten  Circus  reiht  sich  gegen 
Südwest  ein  zweiter  von  ähnlicher  Bildung.  Hier  senken  sich  die  mäch- 
tigen schwarzen  Schichten  unter  30 ü  gegen  Ost.  In  der  Mitte  dieses 
Circus,  fast  genau  in  derselben  Höhe,  in  welcher  wir  die  Fundstätte  des 
Analcims  fanden,  wird  der  Tuff  wieder  von  einem  Adernetz  durchzogen, 
in  dessen  Spalten  der  rothe  Stilbit  (Heulandit)  vorkommt,  in  Begleitung 
von  Analcim,  dessen  Krystalle  hier  indess  nur  das  Ikositetraeder  zeigen. 
Die  von  dem  rothen  zeolithischen  Netzwerk  durchzogene  Tuffmasse  hat  eine 
Längenausdehnung  von  etwa  150  M.  bei  einer  Mächtigkeit  von  3-4  M. 


345 


zu  einem  hohen  Felscircus  erweitert,  von  welchem  gegen  Ost 
und  West,  schnell  über  die  Baumvegetation  sich  erhebende, 
Felsentobel  emporziehen.  Der  Anblick  des  Monzoni  von  dieser 
Thalweitung  (dem  Piano  dei  Monzoni)  aus  ist,  trotz  der  ver- 
gleichsweise nicht  allzu  bedeutenden  Höhe,  einer  der  erstaun- 
lichsten in  der  ganzen  Alpenkette.  Eine  scheinbar  durchaus 
unersteigliche  über  1000  Meter  hohe  dunkle  Felsenmauer 
(s.  Taf.  IX.  Fig.  1)  sperrt  den  dunklen  Thalhintergrund  ab. 
Die  Mauer  ist  theils  sägeförmig  gezackt,  theils  zu  Kuppen 
gewölbt;  eine  solche  ist  der  Riccobettaberg  der  Generalstabs- 
karte, einer  der  höchsten  Gipfel  des  Monzonistocks.  Von 
dieser  Mauer  springen ,  gleich  riesigen  Strebepfeilern ,  kurze 
Felsgräthe  vor;  sie  sind  umgeben  von  wildem  Steingeröll  und 
Felsmeeren,  welche  von  tiefen  Rinnsalen  der  Regenbäche  zer- 
schnitten, steil  gegen  die  Bergmauer  emporziehen.  Trotz  aller 
Verschiedenheit  erinnert  dieser  nördliche  Absturz  des  Monzoni 
mit  coulissenartig  vorspringenden  Felsen  an  gewisse  Theile 
der  oberen  Val  Bove  am  Aetna.  Diese  vorspringenden  Fels- 
rücken sind  in  der  landschaftlichen  Zeichnung  sichtbar,  in 
welcher  die  Umrisse  möglichst  naturgetreu,  einiges  Detail  aber 
nach  der  Erinnerung  ausgeführt  wurde.  Figur  2  stellt  einen 
solchen  vorspringenden  Felsgrath  von  West  gesehen  dar. 
Zwischen  den  einzelnen  Felsvorsprüngen  dehnt  sich  wildes, 
steilgeneigtes  Gerölle  aus.  Die  etwa  50  M.  hohe,  ausgezackte 
und  zerbrochene  Felswand  (Figur  2)  wird  von  Gängen  durch- 
setzt. Mehrere  derselben  steigen  vertical  empor  und  ragen 
nach  Zerstörung  des  Nebengesteins  frei  über  die  zerbrochene 
Mauer.  An  einer  Stelle  laufen  von  einem  verticalen  Gange 
horizontale  Aeste  aus,  deren  Theile  durch  Verwerfungen  etwas 
gegen  einander  verschoben  sind.  Am  linken  Abbruche  des 
Profils  erscheinen  zwei  horizontale  Gangtheile,  welche  vielleicht 
ehemals  mit  demselben  verticalen  Gange  in  Verbindung  waren 
und  nur  in  Folge  der  Verwitterung  isolirt  wurden.  Ausser 
den  in  der  Figur  gezeichneten  Gängen  zeigt  die  Felswand 
noch  viele  andere  kleinere  Gangverzweigungen,  deren  Verlauf 
indess,  da  sie  sich  nur  wenig  vom  durchsetzten  Fels  abheben, 
schwierig  zu  verfolgen  ist.  Eine  genaue  und  anhaltende  Be- 
trachtung lehrt,  dass  unregelmässige  Gänge  und  Adern  in 
grösster  Zahl  die  Felsen  des  Monzoni  durchsetzen.  Doch 
konnte  ich  die  Ueberzeugung  nicht  gewinnen,  dass  jene  ge- 


346 


waltigen  Felsvorsprünge  selbst  —  gleich  den  Lavamauern  der 
Val  Bove  am  Aetna  —  Gänge  sind;  denn  ihr  Gestein  ist 
wesentlich  dasselbe  wie  dasjenige  der  angrenzenden  Gebirgs- 
theile. 

Die  Südseite  des  Monzoni,  welche  gegen  Val  S.  Pellegrino 
hinabsinkt,  ist  zwar  auch  steilgeneigt,  doch  nicht  in  gleicher 
Weise  felsig  wie  die  Nordseite,  sondern  meist  rasenbedeckt 
bis  zum  Kamme  hinauf.  Mehrere  Thalschluchten  ,  welche  in 
weiten  Kesseln  ihren  Ursprung  nehmen  und  gegen  das  Pelle- 
grinothal  hin  in  halbtrichterförmigen  Tobein  (Toal)  münden, 
gliedern  das  südliche  Gehänge.  Von  West  nach  Ost  sind  es 
die  Thäler  Pesmeda,  della  Foglia  mit  Damasson  ,  dei  Rizzoni 
und  Allochet.  —  Während  das  Monzoni  -  Massiv  gegen  Nord 
und  Süd  in  tiefe  Thäler  abstürzt,  wird  es  gegen  West  und 
Ost  nicht  gleich  deutlich  durch  eine  orographische  Grenze  ge- 
schieden von  den  Dolomitmassen  des  Sasso  di  Loch  im 
Westen  und  jenem  hohen  schmalen  Gebirgskamm  im  Osten, 
welcher,  vorzugsweise  aus  veränderten  Sedimentärschichten 
bestehend  ,  gegen  den  Sasso  di  Val  Fredda  und  die  venezia- 
nische Grenze  zieht. 

Kehren  wir  wieder  auf  die  nördliche  Seite  des  Gebirges 
zum  Piano  dei  Monzoni  zurück,  von  welchem  gegen  West  und 
Ost  Thaläste  emporziehen.  Die  westliche  Schlucht  hebt  sich 
mit  breiter  felsiger  Fläche  schnell  zu  den  Dolomithöhen  em- 
por, während  der  östliche  Thalast  eine  Reihe  merkwürdiger 
Stufen  bildet,  deren  kesseiförmige  Vertiefungen  mit  kleinen 
Seen  erfüllt  sind.  An  diesen  vorbei  steigt  man  zu  dem  hohen 
Pass  le  Seile  (etwa  2600  M.)  empor,  über  welchen  man  nach 
Campagnazzo  und  S.  Pellegrino  gelangen  kann.  Auf  dieser 
Höhe ,  welche,  wohl  1000  M.  über  dem  Piano  dei  Monzoni, 
gegen  Nordost  vom  Hauptgipfel  liegt,  erkennt  man  deutlich, 
dass  der  Monzonberg  einen  kolassalen ,  von  West  nach  Ost 
sich  verschmälerndeu  Gang  darstellt,  und  dass  die  nach  Nord 
gewandten  Steilabstürze  dieser  Masse  die  ursprünglichen  Grenz- 
flächen gegen  die  durchbrochenen  Grenzgebirge  —  Kalkstein 
und  Dolomit  —  sind.  Von  jenem  erhabenen  Standpunkte  aus  ist  es 
nicht  schwer,  die  durch  die  Thalbildung  zerstörten  und  fortge- 
führten Gebirgstheile  im  Geiste  wieder  herzustellen.  Die  beiden 
im  Piano  sich  vereinigenden  Thäler  entblössen  auf  eine  Strecke 
von  etwa  4  Kilom.  die  Grenze  zwischen   dem  Eruptivgestein 


347 


des  Monzoni  und  den  vorgelagerten  Kalk-  und  Dolomitmassen. 
Von  Stufe  zu  Stufe  sinkt  sie,  deutlich  erkennbar,  wird  im 
Piano  durch  ungeheures  Geröll  überlagert,  erscheint  dann 
wieder,  durch  verschiedenartige  Gesteinsfärbung  bezeichnet, 
gegen  die  Punta  di  Pallazzia  hinziehend.  Vielleicht  war  es 
von  le  Seile  aus,  wo  y.  Buch  jene  treffliche  Anschauung  über 
den  Bau  unseres  Gebirges  gewann,  welche  er  in  einem  Briefe 
an  v.  Leonhard  (1824)  aussprach :  „Sie  können  sich  die 
wunderbare  Lagerung  dieser  Monzonmasse  nicht  deutlicher, 
vielleicht  auch  nicht  richtiger  denken,  als  wenn  Sie  sich  einen 
Kegel  vorstellen  von  der  Höhe,  Schroffheit  und  Steilheit  des 
Langkofels,  der  nicht  wie  dieser  frei  in  der  Luft  steht,  sondern 
rings  umher  in  Dolomit  eingesenkt  ist."  (Miner.  Taschenb.  von 
v.  Leonhard  ,  1824,  pag,  360.)  —  Naturgemässer  noch  wird 
unsere  Vorstellung,  wenn  wir  uns  statt  des  Kegels  eine  etwa 
5  Kilom.  lange,  1^  —  2  Kilom.  (nach  Dr.  Dölter)  breite  Gang- 
masse vorstellen.  Auch  wird  nur  in  der  nördlichen  Hälfte  das 
Monzonigestein  durch  Kalk  und  Dolomit  begrenzt,  während  in 
der  südlichen  Hälfte  Augitporpbyr  und  Quarzporphyr  angelagert 
sind,  und  der  Kalkstein  nur  untergeordnete  Massen  bildet. 

Die  Gesteine  des  Monzoni  haben  schon  vielfach  das 
Interesse  der  Geologen  auf  sich  gezogen.  Vortrefflich  schildert 
v.  Buch  (a.  a.  O.)  sein  „gerechtes  Erstaunen"  als  er  in  der 
Enge  von  Pozza  „jene  unglaubliche  Menge  von  Syenitblöcken" 
sah.  Nichts  habe  bisher  im  Fassathale  auf  die  Vermuthung 
solcher  Gesteine  geführt.  Der  grosse  Geologe  wird  beim  An- 
blick der  Monzongesteine  an  den  norwegischen  Syenit  erinnert. 
Als  wesentliche  Gemengtheile  glaubt  v.  Büch  Feldspath  und 
Hornblende  zu  erkennen,  ausserdem  führt  er  Eisenkies  und 
Turmalin  an.  Die  Felsblöcke  in  der  Thalmündung  von  Pozza, 
in  denen  v.  Buch  Feldspath  zu  erkennen  glaubte ,  enthalten 
indess  wesentlich  an  Stelle  desselben  Plagioklas.  „In  diesen 
Krystallen  wechselt  unzählige  Male  eine  rechte  und  eine  linke 
Seite;  im  Granite  bilden  die  Krystalle  nur  Zwillinge,  aber  so 
oft  ' wechseln  die  Seiten  nicht."  Zur  Zeit  als  v.  Buch  den 
Monzoni  besuchte,  kannte  man  noch  nicht  die  Unterscheidung 
des  Orthoklas  von  den  triklinen  Feldspathen,  welche  wir 
G.  Rose  verdanken.  Dieser  Forscher  besuchte  am  31.  August 
1832  das  Monzonithal  und  gewann  die  Ueberzeugung ,  dass 
ein  Theil  der  Monzonigesteine   dem    Hypersthenite  angehöre. 


348 


Es  geschah  diese  Bestimmung  zu  einer  Zeit,  als  man  noch 
kein  Mittel  besass,  den  Diallag,  resp.  Augit  vom  Hypersthen 
zu  scheiden  und  die  schwarzen  Varietäten  des  ersteren  Mi- 
nerals als  Hypersthen  bezeichnete.  —  v.  Richthofen  widmete 
in  seinem  berühmten  Werke  (Geognostische  Beschreibung  von 
Predazzo,  St.  Cassian  und  der  Seisser  Alpe,  1860)  den  Ge- 
steinen des  Monzoni  eine  eingehende  Schilderung.  Er  unter- 
scheidet Monzon  -  Syenit  und  Monzon- Hyperstbenit,  in  Bezug 
auf  das  letztere  Gestein  sich  auf  G.  Rose's  Bestimmung  be- 
ziehend. Nach  v.  Richthofen  besteht  der  ganze  Gebirgsstock 
des  Monzoni  aus  einem  Syenitgestein,  welches  von  Hyperstbenit 
in  mächtigen  Gängen  durchsetzt  wird.  Die  Gänge  hat  v.  Richt- 
hofen  auch  in  seine  Karte  eingetragen ;  es  sind  jene  kolossalen 
vorspringenden  Pfeiler,  deren  bereits  oben  Erwähnung  geschah. 
Beide  Gesteine  sollen  zwar  in  inniger  Wechselbeziehung  ste- 
hen, sodass  der  Hyperstbenit  in  seinem  Vorkommen  durchaus 
an  Syenit  gebunden,  dennoch  aber  von  ihm  scharf  und  bestimmt 
geschieden  sei.  —  Zu  einem  wesentlich  verschiedenen  Resul- 
tate wurde  de  Lapparent  in  seinem  werthvollen  Memoire, 
Constitution  geologique  du  Tyrol  meridional  (Annales  des  mines, 
6.  Serie  T.  VI.  pag.  258)  geführt.  Ihm  zufolge  sollen  beide 
Gesteine  auf  das  Innigste  mit  einander  verbunden  sein  und  in 
einander  übergehen.  Der  französische  Forscher  leugnet  die 
Gegenwart  des  Hypersthen's  oder  überhaupt  eines  augitischen 
Minerals  als  Gemengtheil  der  in  Rede  stehenden  Gesteine  und 
glaubt  statt  desselben  nur  Hornblende  zu  erkennen,  für  welche 
Annahme  er  auch  das  Zeugniss  Des  Cloizeaüx's  u.  Friedel's  an- 
führt, welches  sich  freilich  nur  auf  die  von  de  Lapparent  mitge- 
brachten Gesteine  beziehen  konnte.  Die  beiden  von  v.  Richt- 
hofen unterschiedenen  Gesteine  vereinigt  de  Lapparent  unter 
der  vorläufigen  Bezeichnung  Monzon  it.  Aus  einem  Ver- 
gleiche der  Ansichten  der  genannten  Forscher  geht  wohl  am 
besten  die  Schwierigkeit  hervor,  welche  sich  der  sicheren  Be- 
stimmung der  fraglichen  Gesteine  entgegenstellt.  —  Analysen  von 
Gesteinen  der  Umgebungen  von  Predazzo ,  welche  denen  des 
Monzoni  sehr  nahe  stehen ,  verdanken  wir  Prof.  Scheerer 
(Vorläuf.  Ber.  über  krystallin.  Silicatgesteine  des  Fassathals, 
N.  Jahrb.  1864).  Einen  werth vollen  Beitrag  zur  Kenntniss 
der  Monzonigesteine  giebt  Tschermak  in  seinem  Werke  „die 
Porphyrgesteine   Oesterreichs   aus   der  mittleren  geologischen 


349 


Epoche",  1869  pag.  110—121.  Nach  ihm  besitzt  der  Mon- 
zonit  eine  wechselnde  Zusammensetzung,  wenngleich  er  in 
seinem  Auftreten  als  eine  einzige  Masse  erscheint.  Das  eine 
Endglied  in  der  Reihe  der  Abänderungen  sei  ein  eigentlicher 
Syenit,  bestehend  aus  Orthoklas,  Hornblende  und  Biotit,  das 
zweite  Endglied  enthalte  die  Gemengtbeile  des  Diorits:  Pla- 
gioklas,  Hornblende  und  Biotit.  Während  aber  de  Lapparent 
die  beiden  von  v.  Richthofen  als  Syenit  und  Hypersthenit 
getrennten  Gesteine  vereinigt  hatte,  scheidet  Tsohermak  den 
Hypersthenit  aus  dem  Monzonit  aus  und  bezeichnet  denselben 
als  Diabas ,  indem  als  Gemengtheile  des  Gesteins  erkannt 
werden:  Plagioklas,  Augit,  Biotit,  Magneteisen,  ein  chlorit- 
artiges  Mineral  und  Spinell.  Tsohermak  schliesst  sich  in 
Bezug  auf  das  geologische  Verhalten  des  Syenits  und  des 
Diabas  wesentlich  an  v.  Richthofen  an  und  widerspricht  der 
Ansicht  de  Lapparent's  ,  dass  jene  beiden  Gesteine  durch 
allmälige  Uebergänge  verbunden  seien.  Nur  bestreitet  Tsoher- 
mak die  Ansicht  v.  Richthofen's,  dass  eine  enge  Beziehung 
zwischen  dem  Hypersthenit  und  dem  Augitporphyr  stattfinde. 
—  Diese  abweichenden  Ansichten  beweisen  wohl  zur  Genüge, 
dass  hier  ganz  besondere  geologische  und  petrographische 
Schwierigkeiten  vorliegen.  Zu  denjenigen ,  welche  in  der 
Sache  selbst  liegen,  treten  auch  örtliche  Verhältnisse  der 
Beobachtung.  Vom  nächstliegenden  Orte  in  Fassa  wandert 
man  zwei  Stunden  bis  zum  Piano,  dem  Beginne  der  wilden 
Felsenmeere,  welche  sich  mit  zunehmender  Neigung  gegen  die 
prallen,  dunklen  Monzoni  -  Wände  emporheben.  Nicht  alle 
Theile  derselben  entsenden  in  gleicher  Weise  ihre  Trümmer 
zu  den  grossen  Geröllmassen.  Ein  einzelner  leicht  verwit- 
ternder Felskopf  bildet  einen  weit  sich  ausdehnenden  Schutt- 
kegel, während  andere  Theile  der  zerrissenen  dunklen  Wand 
wenige  oder  keine  Trümmer  ausstreuen.  Um  sichere  Beob- 
achtungen zu  machen ,  muss  man  durchaus  empor  zum  an- 
stehenden Fels.  Immer  grösser,  scharfkantiger,  beweglicher 
werden  die  Blöcke  in  dem  Maasse,  als  man  sich  den  Felsen 
nähert.  Hat  man  endlich  an  einem  einzelnen  Punkte  die  hohe 
Wand  oder  einen  jener  mauerartigen  Felsvorsprünge  erreicht, 
so  starrt  dem  auf  schwankenden  Blöcken  emporsteigenden 
Wanderer  nur  zu  oft  eine  mit  cbloritischer  oder  serpentin- 
ähnlicher Substanz  überzogene  Ablösungsfläche  entgegen,  welche 


350 


eine  unmittelbare  und  leichte  Beobachtung  des  Gesteins  er- 
schwert und  verhindert.  Zudem  sind  die  einzelnen  Theile  der 
Monzoniwände  durch  tief  eingerissene,  oft  kaum  übersteigbare 
Schluchten  und  Rinnsale  getrennt.  So  die  Nordseite  — ,  wäh- 
rend auf  der  Südseite  eine  Pflanzendecke  die  anstehenden 
Gesteine  zum  grössten  Theile  verhüllt.  Völlig  unausführbar 
erwies  sich  das  Unternehmen der  Firstlinie  des  hohen  Mon- 
zoni-Kammes  zu  folgen. 

Noch  ist  einer  jüngsten  vorläufigen  Mittheilung  des  Hrn. 
Dr.  Corn.  Dölter  über  die  Monzoni-Gesteine  Erwähnung  zu 
thun  (N.  Jahrb.  für  Min,  1875  pag.  48).  Dölter's  Ansicht 
hält  in  gewissem  Sinne  die  Mitte  zwischen  den  Angaben 
v.  Richthofen's  und  de  Lapparent's.  Dölter,  welcher  es  sich 
zur  besonderen  Aufgabe  machte,  das  „Verhältniss  des  Monzon- 
Syenits  zum  sogen.  Hypersthenit  zu  ergründen",  drückt  in  fol- 
genden Worten  das  vorläufige  Ergebniss  seiner  Forschungen 
aus:  „Obgleich  die  Unterscheidung  beider  Gesteine  nicht 
immer  leicht  ist,  so  glaube  ich  doch  jetzt  schon  annehmen  zu 
können,  dass  der  Hypersthenit  in  getrennten  Massen  im  Syenit 
vorkommt,  wenngleich  das  Alter  beider  Gesteine  dasselbe  sein 
muss ,  da  sowohl  der  Syenit  in  den  Hypersthenit  eindringt, 
als  auch  das  umgekehrte  Verhältniss  stattfindet.  Dass  Hyper- 
sthenit und  Syenit  überall  zusammen  vorkommen ,  ist  nicht 
richtig,  denn  ersteres  Gestein  ist  in  seiner  Verbreitung  auf 
den  Ricobetta-Berg  beschränkt." 

Nachdem  ich  den  Monzoni-Kamm  an  drei  verschiedenen 
Stellen  überschritten  (bei  der  Palla  verde,  nahe  der  westlichen 
Begrenzung  der  Eruptivmasse;  durch  die  Scharte  oder  den 
Buco  del  Monzoni,  unmittelbar  westlich  vom  domförmigen 
Ricobettagipfel;  über  le  Seile  und,  dem  Kamme  folgend,  nach 
Allochet)  und  die  meisten  Mineralfundstätten,  zum  Theil  wieder- 
holt, besucht  habe,  bin  ich  bei  der  Schwierigkeit  des  Gegen- 
standes doch  weit  entfernt,  den  folgenden  Bemerkungen  eine 
irgendwie  abschliessende  Bedeutung  beizulegen:  dieselben  sollen 
vielmehr  nur  Beiträge  zu  einer  späteren  Lösung  eines  der 
interessantesten  und  schwierigsten  petrographischen  Probleme 
darbieten. 

Das  Massiv  des  Monzoni  besteht  aus  mehreren  durch 
allmälige  Uebergänge  innig  verbundenen  Gesteinen,  deren  beide 
Typen  oder  Grenzglieder  als  Augit-Syenit  und  Diabas  zu 


351 


bezeichnen  sind.  Das  Studium  des  Monzont  lehrt  uns  eine 
neue  Varietät  des  Syenits  kennen  ,  in  welcher  zum  Orthoklas 
als  wesentlicher  Gemengtheil  Augit  hinzutritt;  auch  das  La- 
brador -  Augit  -  Gestein ,  der  Diabas  des  Monzoni,  ist  ein  eigen- 
thümliches  Gestein ,  welches  durch  mehrere  Merkmale  sich 
sehr  unterscheidet  von  den  typischen  Diabasen,  wie  sie  im 
Harze  und  in  Nassau  als  Lagergänge  in  den  devonischen 
Schiefern  auftreten.  Die  Eigenthümlichkeiten  beider  genannten 
Gesteine,  sowie  ihre  durch  zahlreiche  Zwischenglieder  bedingten 
Uebergänge  würden  es  vielleicht  rechtfertigen ,  dieselben  nicht 
zu  jenen  altbewährten  Felsarten  zu  stellen,  sondern  etwa  den 
Namen  Monzonit  für  die  in  Rede  stehenden  Gesteine  zu  ge- 
brauchen. Indess  widerspricht  es  allzusehr  den  bisher  gel- 
tenden Principien  der  Petrographie ,  unter  einen  Begriff  Ge- 
steine zu  vereinigen  ,  von  denen  das  eine  wesentlich  aus  Or- 
thoklas, das  andere  wesentlich  aus  Labrador  besteht.  So 
erscheint  es  wohl  für  jetzt  das  Beste,  die  Monzoni-Gesteine  als 
Syenit  und  Diabas  aufzuführen ,  bis  spätere  Untersuchungen 
dieselben  Felsarten  auch  an  arideren  Orten  als  am  Monzoni 
und  um  Predazzo  nachweisen,  und  ein  grösseres  Einverständ- 
niss  in  Hinsicht  der  petrographischen  Nomenklatur  erzielt  ist 
als  bisher. 

Der  grösste  Theil  des  Monzoni,  und  zwar  vorzugsweise 
das  südliche  Gehänge,  doch  auch  die  westlichen  und  östlichen 
Partieen  des  Nordabhanges  der  Gebirgsmasse  bestehen  aus 

A  u  gi  t  -  Syen  i  t ,  einem  krystallinischkörnigen  Gemenge 
von  Orthoklas,  Plagioklas,  Augit;  mehr  accessorische  Gemeng- 
theile  sind :  Titanit,  Hornblende,  Eisenkies,  Magneteisen,  Apatit. 
Der  Orthoklas  ist  von  graulichweisser  oder  lichtröthlichweisser 
Farbe  und  bildet  mehrere  Decim.  grosse  Krystallkörner;  er 
besitzt  eine  eigenthümliche,  dem  Fcldspath  aus  dem  Syenit  von 
Laurvig  in  Norwegen  ähnliche  Zusammensetzung;  im  Gemenge 
meist  vorherrschend.  Der  Plagioklas  ist  zuweilen  mit  der 
Lupe  nicht  zu  entdecken,  wohl  aber  mittelst  des  polarisirenden 
Mikroskops  als  feinste  Einmengung  des  Feldspaths.  Durch 
solche  innige  Verwachsungen  und  Einschlüsse  ist  auch  der 
ansehnliche  Natron-,  sowie  der  Kalkgehalt  zu  erklären,  welchen 
die  Analysen  des  Feldspaths  aus  dem  Augit-Syenit  ergeben. 
Augit  von  schwarzer  oder  schwärzlichgrüner  Farbe,  bald  reich- 
lich,   bald    mehr   untergeordnet.     Titanit  von    brauner  oder 


352 


bräunlichgelber  Farbe,  oft  sehr  reichlich,  vielleicht  nie  ganz 
fehlend.  Die  Hornblende  erscheint,  wo  sie  auftritt,  raeist  mit 
dem  Ansehen  des  Uralits,  d.  h.  aus  feinsten  parallelen  Fasern 
zusammengesetzt,  seidenglänzend.  Den  Apatit  lässt  das  Mikro- 
skop wohl  stets  in  sehr  kleinen  Prismen  erkennen. 

Die  schönste  Varietät  dieses  Gesteins  traf  ich  im  Gberen 
Theil  des  Toal  dei  Rizzoni;  ein  grobkörniges  Gemenge  von 
vorherrschendem  lichtgrauem  Feldspath  in  |  bis  2  Cm.  grossen 
Körnern,  wenig  schwarzem  Augit,  wenig  Titanit.  Auch  Pla- 
gioklas  ist  vorhanden,  wenngleich  in  geringer  Menge;  unter 
dem  polarisirenden  Mikroskop  deutlich  durch  seine  Streifung 
erkennbar.  Nicht  selten  ist  der  Plagioklas  in  kleinen  Körnern 
dem  Feldspath  parallel  eingewachsen.  Sorgsamst  mit  der  Lupe 
ausgesuchte  Orthoklaskörner,  an  denen  keine  gestreiften  Par- 
tieen  oder  Einmengungen  von  Plagioklas  mit  der  Lupe  zu  er- 
kennen waren,  ergaben  folgende  Zusammensetzung: 

Feldspath  aus  dem  Augit-Syenit  des  Toal  dei 
Rizzoni.*) 

Spec.  Gew.  2,565.     Glühverlust  0,89. 


Kieselsäure 

.  63,36 

Ox.  -  33,74 

Thonerde  . 

.  21,18 

9,89 

Kalk  .... 

.  1,66 

0,47 

Kali  .... 

.  8,89 

1,51 

Natron  .  .  . 

.  4,91 

1,27 

100,00 

Sauerstoffproportion  0,986  :  3  :  10,251. 

Wir  können  die  gefundene  Zusammensetzung  darstellen 
durch  eine  Verbindung  von  5  Mol.  Orthoklas,  4  Mol.  Albit, 
2  Mol.  Anorthit,  deren  procentische  Zusammensetzung  die  fol- 
gende sein  würde: 

Kieselsäure  63,96.     Thonerde  20,78.     Kalk  2,06. 
Kali  8,65.    Natron  4,55. 

Dieser  Feldspath  stellt  sich  demnach  dar  als  eine  Men- 
gung von  nahe  gleichen  Theilen  Orthoklas  und  Oligoklas; 
von  denen  der  letztere  aus  2  Mol.  Albit  und  1  Mol.  Anorthit 
bestehen  würde.  Durch  mineralogische  Wahrnehmung  ohne 
Zuhülfenahme   der  chemischen  Analyse  würde   sich  uns  eine 

*)  Diese  Analyse  wurde  bereits  in  Pogg.  Ann.  Bd.  144  pag.  363 
veröffentlicht. 


353 


so  hohe  Beimischung  von  Plagioklas  nicht  verrathen  haben. 
Der  Syenit  aus  dem  Rizzoni-Thal  ist  kaum  zu  unterscheiden 
von  einem  Syenit,  welchen  ich  auf  Arröen  unfern  Langesund 
im  südlichen  Norwegen  schlug.  Ein  diesem  ganz  ähnliches 
Gestein  von  Laurvig  (s.  Pogg.  Ann.  Bd.  144  pag.  379)  ent- 
hält neben  vorherrschendem  perlgrauem  Feldspath  (zuweilen 
mit  einem  lichtbläulichen  Farbenschein)  und  Biotit  auch  — 
zufolge  der  Untersuchungen  des  Prof.  Rosenbüsch  (briefliche 
Mittheilung)  —  ein  augitisches  Mineral  und  zwar  „ganz  ty- 
pischen Diallag,  wie  die  Gabbro's  von  Volpersdorf,  absolut 
nicht  von  diesem  zu  unterscheiden ,  optisch  ausserordentlich 
gut  charakterisirt."  Schon  früher  wies  ich  darauf  hin ,  dass 
der  Feldspath  des  Gesteins  von  Laurvig  demjenigen  des  Monzon- 
Syenits  sehr  ähnlich  zusammengesetzt  ist.  Gewisse  Varietäten 
des  berühmten  Gesteins  der  norwegischen  Südküste  und  na- 
mentlich das  Vorkommen  von  Laurvig  dürften  demnach  viel- 
dem  Augit-Syenit  zuzuzählen  sein. 

Noch  einen  zweiten  Orthoklas  aus  Augit-Syenit  des  Mon- 
zoni  unterwarf  ich  der  chemischen  Analyse.  Das  Gestein,  von 
einem  grossen  Blocke  im  Piano  dei  Monzoni  geschlagen, 
wahrscheinlich  vom  hohen  westlichen  Gipfel  herabgestürzt, 
besteht  vorherrschend  aus  graulichweissem  Orthoklas,  grünlich- 
schwarzem Augit  in  1  bis  2  Mm.  grossen,  deutlich  in  ihrer 
Form  erkennbaren  Krystallen ,  aus  sehr  viel  braunem  Titanit, 
1  bis  2  Mm.  gross,  Eisenkies,  Magneteisen,  Apatit.  Letzteres 
Mineral  in  haarfeinen  kleinen  Prismen  vorzugsweise  den  Feld- 
spath durchsetzend.  Dies  Gestein  gewinnt  dadurch  ein  ganz 
eigenthümliches  Ansehen,  dass  der  Feldspath  zuweilen  in  sehr 
grossen  Krystallen,  4  bis  5  Cm.,  ganz  erfüllt  mit  Augit  und 
Titanit  in  dem  scheinbar  kleinkörnigen  Gestein  weit  fort- 
setzende Spaltungsflächen  bildet.  Dieser  seltsame  Gegensatz  des 
kleinkörnigen  Gemenges  und  der  zwischen  diesem  Aggregat 
aufleuchtenden  Spaltungsflächen  verleihen  dem  Gestein  eine 
besondere  Schönheit.  Plagioklas  ist  in  diesem  Syenite  mittelst 
der  Lupe  gar  nicht,  durch  das  Mikroskop  nur  in  äusserst 
geringer  Menge  zu  erkennen.  Unter  dem  Mikroskop  erscheint 
der  im  Gemenge  vorherrschende  Orthoklas  durch  Mikrolithen 
verunreinigt.  Die  langen  schmalen  Apatitprismen  treten  nun 
auf  das  Deutlichste  hervor.  Sie  scheinen  zuweilen  in  ihrer 
Axe  eine  feine  hohle  Röhre  zu  bergen. 


354 


Feldspath  aus  dem  Augit-Syenit  des  Piano  dei 
l^onzoni. 

Spec.  Gew.  2,536.    Glühverlust  0,57. 


I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure  . 

.  63,45 

63,45    Ox.  = 

-  33,84 

Thonerde    .  . 

.  19,65 

19,97 

19,81 

9,25 

Kalk  

1,41 

1,51 

0,43 

Kali. 

12,34 

12,34 

2,09 

5,47 

2,47 

0,64 

99,58 

Sauerstoffproportion  1,025  :  3  *•  10,975. 

Eine  diesem  Feldspathe  vergleichbare  Mischung  erhalten 
wir  durch  eine  Verbindung  von  4  Mol.  Orthoklas,  1  Mol.  Albit, 
1  Mol.  Anorthit: 

Kieselsäure  63,33     Thonerde  20,34.     Kalk  1,85. 
Kali  12,43.     Natron  2,05. 

Diese  Verbindung  enthält  73,5  pCt.  Orthoklas  neben 
26,5  pCt  eines  Andesin-ähnlichen  Plagioklas. 

Während  die  beiden  Syenit- Varietäten  ,  deren  Orthoklase 
oben  Gegenstand  der  Analysen  waren,  der  raineralogischen 
Beobachtung  nur  wenig  Plagioklas  darbieten,  sind  andere  Ab- 
änderungen viel  reicher  an  Plagioklas  —  in  dem  Maasse,  dass 
der  Feldspath  fast  zurückzutreten  scheint.  Von  dieser  Art 
ist  der  graue  Syenit,  welchen  man  im  S.  Pellegrino-Thal  nahe 
der  Einmündung  der  Val  Pesmeda  antrifft.  Es  überwiegt  im 
Gemenge  der  Plagioklas,  dessen  wunderschöne  Streifung  das 
polarisirende  Mikroskop  offenbart.  Orthoklas  ist  nur  in  ge- 
ringer Menge  vorhanden,  durch  die  fehlende  Streifung,  sowie 
eine  eigen thüni lieh  rissige  Beschaffenheit  unter  dem  Mikroskop 
leicht  vom  Plagioklas  zu  unterscheiden.  Der  Orthoklas  er- 
scheint weniger  deutlich  umgrenzt,  zuweilen  eine  Art  von 
Grundmasse  bildend,  in  welcher  die  Plagioklase  sich  scharf 
abheben.  Beide  sind  meist  trübe ,  mit  Flecken  und  Wolken 
von  feinsten  Mikrolithen  erfüllt.  Das  Vorhandensein  des 
Augits  im  Gestein  von  S.  Pellegrino  wurde  sowohl  makrosko- 
pisch durch  die  äussere  Form,  als  auch  unter  dem  Mikroskop 
durch    sehr   deutliche   achtseitige  Umrisse,    wie   sie  für  den 


355 


Augit  so  charakteristisch  sind ,  erkannt.  Die  1  bis  2  Mm. 
grossen  grünlichschwarzen  Augitkörner  haben  vier  Spaltungs- 
richtungen, von  denen  zwei  den  Prismenflächen  parallel  stehen, 
die  beiden  anderen  den  Abstumpfungsflächeu  der  stumpfen  und 
der  scharfen  Kante  des  Augitprismas  entsprechen.  Neben 
dem  grünlichschwarzen  Augit  ist  auch ,  in  geringerer  Menge, 
dunkelgrüne  Hornblende  von  Uralit-ähnlichem  Ansehen  vor- 
handen; Magneteisen  fehlt  nicht.  Prof.  Rosenbüsch,  welcher 
die  Güte  hatte,  gleichfalls  dies  Gestein  aus  Val  S.  Pellegrino 
unter  dem  Mikroskop  zu  untersuchen,  bestätigte  die  reichliche 
Menge  von  Plagioklas  und  das  Vorhandensein  von  Augit 
neben  Hornblende. 

Aehnliche  Abänderungen  wie  die  eben  geschilderte  bilden 
den  westlichen  Theil  des  Monzonikammes ,  namentlich  die 
Palla  verde,  eine  schwache  Einsenkung  zur  Rechten  (W)  des 
westlichen  Gipfels  und  setzen  die  grossen  Geröllmassen  zu- 
sammen, welche  vom  Piano  gegen  Westen  emporziehen.  Die 
Gesteine,  welche  man  in  diesem  westlichen  Theile  des  Mon- 
zoni  erblickt,  lassen  den  Orthoklas  neben  dem  Plagioklas 
meist  deutlich  durch  seine  schwach  röthliche  Farbe  erkennen, 
während  die  gestreiften  Körner  graulichweiss  sind.  Denselben 
Gesteinen  begegnet  man  im  oberen  Pesmeda  -  Thal ,  sowie  im 
oberen  Damasson  und  Rizzoni.  Plagioklas-reiche  Augit-Syenite 
bilden  die  ganze  östliche  Gebirgshälfte,  sie  erscheinen  im 
Hochthale  von  le  Seile,  sowie  in  der  obersten  Tbalmulde  von 
Allochet,  an  welchen  beiden  Orten  die  Grenze  von  Kalk  und 
Eruptivgestein  durch  merkwürdige,  später  zu  schildernde  Con- 
tactgebilde  bezeichnet  ist.  An  manchen  Orten,  z.  B.  auf  dem 
Joche  der  Palla  verde  (nach  einem  schwachen  Rasenbande  in 
der  Felsumgebung  so  genannt)  ist  der  Syenit  in  verticale 
Tafeln  zerklüftet.  An  letztgenanntem  Orte  laufen  die  Tafeln 
parallel  dem  von  Ost  nach  West  streichenden  Gebirgskamme. 
lieber  die  ganz  scharfe  Passsenkung  streicht  ein  etwa  0,3  M. 
breiter  Gang  von  serpentinähnlichem  Gestein. 

Der  Augit  -  Syenit  des  Monzoni  ist  wesentlich  dasselbe 
Gestein,  wie  dasjenige,  welches  in  verschiedenen  Varietäten 
die  Berge  von  Predazzo  zusammensetzt  und  zwar  einen  Theil 
der  Sforcella  mit  der  berühmten  Oertlichkeit  Canzacoli,  sowie 
Theile  des   Mulatto   und  die   Hauptmasse   der  Margola  (oder 


356 


Malgola).  Eine  Analyse  des  Augit-Syenits  der  Margola  ver- 
danken wir  Herrn  Prof.  Kjerülf  (s.  Tschermak,  Porphyr- 
gesteine Oesterreichs  pag.  112): 

Kieselsäure  58,05.     Thonerde  17,71.     Eisenoxydul  8,29. 

Kalk  5,81.     Magnesia  2,07.     Kali  3,24.     Natron  2,98. 
Wasser  1,34. 

Ueber  die  Varietäten  von  Predazzo  und  namentlich  ihre 
Contactbildungen  besitzen  wir  eine  vortreffliche  Arbeit  von 
J.  Lemberg  in  Dorpat  (Contactbildungen  bei  Predazzo,  Zeitschr. 
d.  d.  geol.  Ges.  1872  pag.  187  —  264).  Obgleich  eine  syste- 
matische Classification  des  „MonzonitV  (Augit-Syenits)  nicht 
im  Plane  seiner  Arbeit  lag,  so  theilt  Lemberg  doch  wichtige 
Thatsachten  in  Betreff  dieses  Gesteins  mit,  namentlich  in  Bezug 
auf  die  chemische  Zusammensetzung  desselben  sowie  die 
Veränderung  seiner  Mischung  in  der  Nähe  der  Kalkgrenze. 
Lemberg  erkannte  schon  den  Augit  neben  der  Hornblende 
und  dem  Glimmer.  Ausser  Orthoklas  wies  er  in  dem  normal 
zusammengesetzten  Gesteine  vom  Südabhange  des  Monte  Mu- 
latto  (Kieselsäure  57,66  pCt.)  Oligoklas  nach;  während  statt 
desselben  nahe  der  Kalkgrenze  Labrador  vorhanden  ist  und 
dem  entsprechend  der  Kieselsäuregehalt  des  Gesteins  fast  um 
10  pCt.  herabsinkt,  bei  steigender  Menge  des  Kalks.  Auch 
Anorthit  wurde  im  Monzonit  theils  in  grosskrystallinischen 
mattweissen  Körnern  am  Fusse  der  Margola  nachgewiesen, 
theils  auf  sein  Vorhandensein  im  feinkörnigen  Gestein  vom 
Fusse  der  Canzacoli,  nahe  der  Kalkgrenze,  aus  dem  geringen 
Kieselsäure-  (48,15  pCt.),  dem  hohen  Kalkgehalte  (11,44  pCt.) 
des  Gesteins  geschlossen.  —  Unter  dem  Mikroskop  lässt  der 
Augit  -  Syenit  der  Margola  auf  das  Deutlichste  vorwaltenden 
Plagioklas  neben  etwas  zurücktretendem  Orthoklas  erkennen; 
ausserdem  Augit  und  Magnesiaglimmer.  Letzterer  oft  in 
Quadratcentimeter  grossen,  trotz  vielfacher  Unterbrechung  stets 
wieder  in  einer  Flucht  einspiegelnden  Blättern. 

Das  Studium  des  Monzoni  lehrt  uns  demnach ,  dass  — 
früheren  Ansichten  entgegen  —  mit  Orthoklas  sich  Augit 
associiren  könne.  Diese  Verbindung,  welche  in  den  trachy- 
tischen  Gesteinen  bereits  längere  Zeit  bekannt  ist  (eine  der 
ersten  Wahrnehmungen  dieser  Art  boten  die  Auswürflinge  von 
Laach ,  welche  meist  ein  körniges  Gemenge  von  Sanidin  und 
Augit   sind),    finden    wir   nun   auch  unter   den  plutonischen 


357 


Gesteinen  wieder.  Es  ist  bei  der  schwierigen  Unterscheidung 
von  Augit  und  Hornblende  wohl  kaum  zu  bezweifeln ,  dass 
dieselbe  Mineralassociation  auch  bei  anderen  Syeniten  vorliegt, 
in  denen  man  bisher  nur  Hornblende  sah.  Eine  ausgezeich- 
nete Varietät  des  Augit-Syenits  scheint  an  einem  leider  noch 
nicht  näher  bekannten  Punkte  der  Pyrenäen  vorzukommen. 
Dies  Gestein,  welches  der  verewigte  Dr.  Krantz  vor  mehreren 
Jahrzehnten  unter  der  Bezeichnung  Dol&ute  granitoide  von 
Herrn  Boubee  in  Paris  mit  der  Ortsangabe  „Pyrenäen"  er- 
hielt, ist  ein  Gemenge  von  vorherrschendem  weissem  Feldspath 
in  5  bis  10  Mm.  grossen  Körnern  und  grünem  Augit  in  bis 
10  Mm.  grossen  prismatischen  Krystallen ,  dazu  spärliche 
kleine  Titanite  (s.  Pogg.  Ann.  Bd.  144  pag.  378).  Die 
ungewöhnliche  Association  liess  die  chemische  Analyse  dieses 
Feldspaths  wünschenswerth  erscheinen: 

Feldspath  aus  dem  Augit-Syenit  derPyrenäen: 


Dieser  Orthoklas  zeichnet  sich  demnach  durch  seinen 
hohen  Natrongehalt  aus.  Von  Kalk  liess  sich  keine  Spur 
nachweisen. 

Wenden  wir  uns  nun  zu  denjenigen  Gesteinen  des  Mon- 
zoni-Massiv's ,  welche  G.  Rose  und,  ihm  folgend,  v.  Richt- 
hofen  als  Hypersthenit  bezeichneten,  und  für  welche  wir  den 
von  Tschermak  (Porphyrgesteine  Oesterreichs  pag.  113)  ge- 
wählten Namen 

Diabas  beibehalten.  Die  Diabase  des  Monzoni  bestehen 
aus  Labrador,  Orthoklas,  Augit,  Magnesiaglimmer,  Hornblende, 
Titanit,  Magneteisen,  Eisenkies  (nach  Tschermak  und  Lem- 
berg tritt  auch  Spinell  hinzu.  *)    Nicht  nur  durch  seine  mine- 


Spec.  Gew.  2,549    Glühverlust  0,04. 


Kieselsäure   64,86  Ox.  =  ?. 


Thonerde  18,78 

Kali   9,23 

Natron   5,37 


34,59 
8,77 
1,57 
1,38 


98,34 

Sauerstoffproportion  1,009  :  3  :  11,832. 


'")  Der  Spinell  bezeichnet  wohl  immer  ein  durch  den  Contact  des 
Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  2.  24 


358 


ralogische  Constitution,  sondern  in  gleicher  Weise  durch  seine 
Lagerungsform  und  den  Uebergang  in  ein  Orthoklasgestein 
unterscheidet  sich  der  Diabas  des  Monzoni  von  den  typischen 
Gesteinen  dieses  Namens,  welche,  niemals  ein  so  gross-  und 
deutlich  körniges  Gemenge  darstellend,  Lagergänge  im  Devon 
des  rheinischen  Gebirges  und  des  Harzes  bilden. 

Aus  Monzoni-Diabas  besteht  namentlich  der  mittlere  Theil 
des  nördlichen  Berggehänges,  der  Riccobetta-Gipfel,  sowie  die 
ungeheuren  Trümmerzüge,  welche  von  dieser  ragenden  Höhe 
und  von  der  Monzonscharte  (Buco)  in  den  Piano  hinab- 
geführt werden  und  bis  hinab  nach  Pera  in  Fassa  in 
Bezug  auf  Zahl  der  Blöcke  vor  denen  des  Augit-Syenits  sehr 
überwiegen.  Durch  dies  Vorherrschen  der  Diabasblöcke  in 
der  Val  Monzoni  erklärt  es  sich,  dass  manche  Besucher,  welche, 
durch  dies  Thal  wandernd ,  nur  bis  zum  Piano  oder  an  den 
Fuss  des  Riccobetta  gelangten  ,  die  Ansicht  gewannen  ,  dass 
das  ganze  Monzongebirge  aus  augitischen  Grünsteinen  be- 
stehe. —  Das  in  dem  angedeuteten  Gebiete  unter  den  losen 
Blöcken  herrschende,  bald  porphyrartige,  bald  körnige  Gestein 
lässt  auf  den  ersten  Blick  zwei  Bestandtheile  erkennen:  weisseu 
Plagioklas  und  ein  dunkelgrünes  bis  schwärzliches  Mineral, 
dessen  Bestimmung,  ob  Augit,  ob  Hornblende?  in  der  That 
nicht  ganz  leicht  ist.  Man  erblickt  vielfach  die  Hornblende- 
Spaltbarkeit,  aber  dieselbe  ist  faserig,  unterbrochen,  seiden- 
glänzend, von  Uralit-ähnlichem  Ansehen.  Längere  Zeit  glaubte 
ich  Hrn.  de  Lapparent  beipflichten  zu  sollen ,  welcher  im 
herrschenden  Gestein  wesentlich  oder  ausschliesslich  Hornblende 
sah;  es  schien  mir,  dass  das  in  Rede  stehende  Gestein  am 
Zutreffendsten  als  ein  Diorit  (Labrador-D.)  zu  bezeichnen  sei. 
Auch  Tschermak  (a.a.O.  pag.  112)  betont,  dass  das  Monzon- 
gestein  in  Diorit  übergehe,  und  hat  dabei  ohne  Zweifel  die- 
selbe Gesteins varietät  vor  Augen,  von  welcher  v.  Buch  sagt: 
„Die  Hornblendekrystalle  erscheinen  darin  deutlich  und  schön." 

Da  war  es  ein  glücklicher  Fund  des  Mineraliensammlers 
G.  Batt.  Bernard  zu  Campitello:  wohl  ausgebildete  Augit- 
krystalle   auf  einer  drusenähnlichen  Fläche  des  von  mir  an- 


Kalks ,  sei  es  an  der  Grenze  ,  sei  es  in  Umschlossenen  Massen ,  modifi- 
cirtes  Mineralgemenge. 


359 

fänglich  für  Diorit  gehaltenen  Gesteins,  wodurch  ich  zu  einer 
erneuten  Prüfung  veranlasst  wurde  und  erkannte,  dass  die 
meiste  Hornblende  der  Monzonigesteine  den  Charakter  des 
Uralits  besitzen,  wenngleich  neben  diesem  räthselhafteu  Körper 
auch  echte  Hornblende  vorkommt. 

Bevor  wir  indess  die  herrschenden  Diabasvarietäten  ge- 
nauer betrachten,  wollen  wir  gleichsam  als  Schlüssel  zu  den- 
selben zwei  Gesteine  kennen  lernen ,  von  denen  das  eine  ein 
typisches  Augit  -  Labradorgestein,  gleichsam  ein  Dolerit  der 
mittleren  geologischen  Epoche,  ist,  während  das  andere,  ein 
prachtvoll  grosskörniges  Gemenge  aus  Labrador,  Augit,  Horn- 
blende, Magnesiaglimmer  und  Magneteisen ,  uns  die  überaus 
innige  Verbindung  von  Augit  und  Hornblende  kennen  lehrt, 
welche  in  den  Diabasen  des  Monzoni  stattfindet. 

Das  Augit  -  La  bradorgestein  (Diabas),  geschlagen 
von  mächtigen  Blöcken  im  Piano,  wahrscheinlich  gangförmige 
Massen  im  Monzoni-Massiv  bildend,  besteht  aus  vorherrschen- 
dem schwarzem  Augit  in  \  bis  1  Mm.  grossen,  deutlich  aus- 
gebildeten Krystallen  der  gewöhnlichen  Form  (verticales  Prisma 
oc  P  nebst  Ortho-  und  Klinopinakoid  ool*  oc  und  (ooPoc) 
und  der  Hemipyramide  s,  P),  —  und  weissem  Plagioklas.  In 
einzelnen  Partieen  des  Gesteins  tritt  dieser  Plagioklas  in 
grösseren,  doch  nicht  regelmässig  begrenzten  Körnern  und  in 
flachen  linsenförmigen  Ausscheidungen  auf,  während  in  anderen 
Partieen  Augit  und  Plagioklas  ein  kleinkörniges  Gemenge 
bilden.  Als  accessorische  Gemengtheile  erscheinen:  gelber 
Titanit  und  Apatit.  Letzterer,  in  dünnen  fettglänzenden  Pris- 
men ,  findet  sich  besonders  dort ,  wo  der  Plagioklas  etwas 
grössere  Ausscheidungen  bildet.  Hornblende  fehlt  nicht  ganz; 
sie  erscheint  theils  in  schwarzen  Prismen  von  etwas  bedeu- 
tenderer Grösse  als  der  Augit,  theils  mit  dem  Ansehen  von 
grünem ,  auf  den  Spaltungsflächen  seidenglänzendem  Uralit. 
Das  polarisirende  Mikroskop  lehrt,  dass  neben  sehr  vorherr- 
schendem Plagioklas  eine  sehr  kleine  Menge  von  Orthoklas 
vorhanden  ist. 


24* 


360 


Plagioklas  des  A  u  gi  t  -  Lab  r  a  do  rgest  ei  n  s  : 
Spec.  Gew.  2,707    Glühverlust  0,56. 


I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure  . 

.  51,81 

51,81  Ox. 

==  27,63 

Thonerde  .  . 

.  30,46 

30,25 

30,35 

14,17 

Kalk  

.  12,33 

11,84 

12,08 

3,45 

Magnesia    .  . 

.  0,05 

0,15 

0,10 

0,04 

Kali  

2,63 

2,63 

0,45 

2,85 

2,85 
99,82 

0,735 

Sauerstoffproportion  0,989  :  3  =  5,849. 

Dieser  Plagioklas  ist  demnach  als  ein  Labrador  mit  hohem 
Kaligehalt  zu  bezeichnen.  Mit  Rücksicht  auf  die  mikrosko- 
pische Analyse  ist  es  nicht  unwahrscheinlich,  dass  selbst  das 
sehr  sorgsam  ausgesuchte  Material  eine  kleine  Menge  von 
Orthoklas  beigemengt  enthielt,  und  dass  sich  hierdurch  we- 
nigstens ein  Theil  des  Kaligehalts  erklärt.  Eine  mit  dem 
Ergebnisse  der  Analyse  vergleichbare  Mischung  erhalten  wir, 
wenn  wir  eine  Verbindung  von  1  Mol.  Orthoklas ,  3  Mol. 
Albit  und  12  Mol.  Anorthit  berechnen: 

Kieselsäure  52,59.    Thonerde  30,03.    Kalk  12,27. 

Kali  1,72.  Natron  3,39. 
Auf  Gewichtstheile  berechnet,  würde  jenem  Molecular- 
Verhältniss  entsprechen:  10,2  pCt.  Orthoklas,  28,7  pCt.  Albit, 
61,1  pCt.  Anorthit.  Nach  Abzug  des  als  mechanisch  beige- 
mengt zu  betrachtenden  Orthoklases ,  bleiben  demnach  fast 
genau  90  pCt.  eines  Labradors  übrig,  welcher  (im  Sinne  der 
TsOHERMAK'schen  Theorie)  als  eine  isomorphe  Mischung  von 
1  Mol.  Albit  -)-  4  Mol,  Anorthit  zu  betrachten  ist,  für  welche 
sich  folgende  procentische  Zusammensetzung  berechnet: 

Kieselsäure  51,22.     Thonerde  31,34.    Kalk  13,66. 
Natron  3,78. 

Dieselbe  entspricht  einem  Plagioklas,  welcher  eine  Zwischen- 
stellung zwischen  dem  typischen  Labrador  und  dem  Anorthit 
einnimmt.  Von  ähnlicher  Zusammensetzung  ist  der  „etwas 
verwitterte  weisse  Labrador  aus  dem  Monzonit  in  der  Nähe 
des    Kalks    von    Cauzacoli " ,    welchen    Lemberg  analysirte 


361 


(Zeitschr.  d.  d.  geol.  Ges.  1872  pag.  189),  sowie  der  von 
Damour  untersuchte  Labrador  aus  einer  Lava  vom  Berufjord  in 
Island,  und  der  von  Ludwig,  Rammelsberg  und  mir  analysirte 
Labrador  aus  dem  Norit  des  Närödal's. 

Jenes  oben  erwähnte  grosskörnige  Gestein,  in  den  Block- 
meeren des  Piano  sich  findend ,  welches  eine  so  merkwürdige 
Verwachsung  von  Hornblende  mit  Augit  darbietet,  besteht  aus 
weissem  Labrador,  Augit,  Hornblende,  Biotit  und  Magneteisen, 
sowie  etwas  blättrigem  Kalkspatb.  Der  Augit,  von  dunkel- 
grüner Farbe,  bildet  bis  4  Cm.  grosse  Krystallkörner j  die 
Hornblende  ist  gleichfalls  grün ,  doch  mit  einem  Stich  in's 
Braune,  durch  den  stumpfen  Winkel  und  die  Vollkommenheit 
der  Spaltungsrichtungen  leicht  vom  Augit  zu  unterscheiden. 
Die  in  geringerer  Menge  vorhandene  Hornblende  ist  nun  auf 
das  Innigste  mit  dem  Augit  verwachsen.  Krystallkörner  des 
letzteren  Minerals  (2  bis  3  Cm.  gross)  bestehen  theilweise  aus 
Hornblende  in  paralleler  Verwachsung.  An  einem  1  Cm. 
grossen  Krystallkorn  war  auf  der  einen  Seite  die  Hornblende- 
spaltung auf  das  Deutlichste  ausgesprochen ;  als  ich  nun  das 
Korn  um  die  verticale  Axe  drehte,  fand  ich  auf  der  Hinter- 
seite den  Hornblendebruch  nicht  mehr,  sondern  statt  desselben 
die  unvollkommenere  unterbrochene  Spaltbarkeit  des  Augits. 
Bei  der  nur  geringen  Farbenverschiedenheit  beider  Substanzen 
trat  die  Grenze  wenig  auffallend  vor.  Im  Querbruche  verlief 
sie  unregelmässig,  das  Korn  in  zwei  Hälften  theilend.  Augit 
und  Hornblende  sind  beide  gleich  frisch  und  glänzend;  nichts 
würde  hier  die  Annahme  einer  secundären  Bildung  der  einen 
aus  der  anderen  Substanz  rechtfertigen.  Die  innige  Verbin- 
dung, in  welcher  hier  die  beiden  so  nahe  verwandten  und 
fast  als  heteromorph  betrachteten  Mineralien  erscheinen,  for- 
derte dazu  auf,  auch  ihre  chemische  Constitution  wenigstens 
insoweit  zu  erforschen ,  um  eine  Vergleichung  beider  zu  er- 
möglichen. Es  war  in  diesem  Falle  von  besonderem  In- 
teresse, die  Frage  zu  beantworten,  ob  beide  Mineralien  eine 
wesentlich  gleiche  oder  eine  verschiedene  Zusammensetzung 
besitzen. 


362 


Augit,  Hornblende, 
mit  einander  verwachsen. 

Spec.  Gew.  .  3,317  3,112 

Kieselsäure  .  .  49,60  49,25 

Thonerde  .  .  .    4,16  5,83 

Eisenoxydul.  .    9,82  16,97 

Kalk  21,86  .  13,03 

Magnesia  .  .  .  14,42  13,13 

99,86  98,21 

Augit  und  Hornblende  besitzen  also  hier  trotz  ihrer  innigen 
Verbindung  und  bei  gleichem  Kieselsäuregehalt  dennoch  eine 
verschiedene  relative  Menge  der  Basen.  Recht  bemerkens- 
werth  ist  auch,  dass  der  Augit  trotz  seines  viel  geringeren 
Eisengehalts  ein  wesentlich  höheres  spec.  Gewicht  besitzt.  Es 
deutet  diese  Thatsache  auf  eine  verschiedene  molekulare  Con- 
stitution und  widerlegt  die  mehrfach  ausgesprochene  Ansicht, 
dass  Augit  und  Hornblende  lediglich  als  dimorph  verschiedene 
Mineralien  zu  betrachten  seien.  Der  Augit  gehört  der  Varietät  des 
Fassaits,  dem  thonerdehaltigen  Kalk-Magnesia-Eisen=Augit  an; 
während  die  Hornblende  dem  Pargasit  (Dana),  der  thonerde- 
haltigen Kalk-Magnesia-EiseusHornblende  zuzuzählen  ist.  — 
Aehnliche  innige  Verbindungen  von  Augit  und  Hornblende,  wie 
wir  sie  bei  jenem  grosskörnigen  Augit -Labrador -Gestein  er- 
kannt haben  ,  walten  nun  auch  bei  den  herrschenden  Diabas- 
varietäten. 

Der  Diabas  des  Monzoui  (Monte  ßiccobetta  etc.)  besteht 
wesentlich  aus  Labrador  (neben  welchem ,  wie  schon  eine 
recht  sorgsame  Betrachtung  mittelst  der  Lupe  und  noch  deut- 
licher die  Untersuchung  durch  das  polarisirende  Mikroskop 
erweist,  gewöhnlich  etwas  Orthoklas  vorhanden  ist),  Augit, 
Hornblende,  Magnesiaglimmer,  Magneteisen,  Titanit,  Apatit. 
Als  accessorische  Gemengtheile ,  theils  in  der  Grundmasse, 
theils  in  Drusen,  sind  zu  nennen:  Turmalin,  Granat,  Zirkon, 
Epidot,  Axinit;  Chabasit,  Prehnit ,  Kalkspath.  —  Das  Ge- 
stein besitzt  ein  sehr  verschiedenes  Korn;  bald  grobkörnig, 
bald  feinkörnig,  auch  porphyrartige  Varietäten  sind  häufig;  in 
ihnen  bildet  entweder  der  PJagioklas  in  körnigem  Gemenge 
eine  Art  Grundmasse,  in  welcher  die  Augitkörner  inneliegen, 
oder  es   besteht  die   Grundmasse   aus  körnigem   Augit  resp. 


363 


Hornblende,  in  welcher  isolirte  Plagioklase  ausgeschieden 
sind.  Auch  sehiefrige  Abänderungen  kommen  vor,  in  denen 
die  Plagioklas- Tafeln  eine  angenähert  parallele  Lage  haben. 
Ueber  das  mikroskopische  Verhalten  der  Diabase  des  Mon- 
zoni  verdanke  ich  Hrn.  Prof.  Rosenbüsch  folgende  wichtige 
Mittheilung: 

„Sämmtliche  Proben  sind  vorwiegend  Gemenge  aus  einem 
triklinen  Feldspathe,  neben  welchem  aber  zweifelsohne  auch 
ein  monokliner  Feldspath  vorhanden  ist  in  einfachen  Krystallen 
und  Carlsbader  Zwillingen,  welchen  bisweilen  die  triklinen 
polysynthetischen  Individuen  eingelagert  sind.  Doch  überwiegt 
entschieden  der  Plagioklas.  —  Neben  dem  oft  recht  frischen 
Augit,  der  ganz  demjenigen  der  Diabase  des  rheinischen 
Devons  oder  der  Harzer  Diabase  ähnelt  und  sich  nur  in 
manchen  Durchschnitten  (zumal  normal  zur  Hauptaxe  mit 
deutlich  erkennbarem  Spaltwinkel  von  87  °)  stärker  dichroi- 
tisch  zeigt,  als  dies  gewöhnlich  der  Fall  ist  —  etwa  mit  Aus- 
nahme des  Augits  in  den  Nephelin-  und  Leucitgesteinen ,  bei 
denen  sich  gleichfalls  recht  oft  ein  deutlicher  Pleochroismus 
einstellt  —  findet  sich  ein  brauner,  rhombischer  Glimmer,  der 
wohl  zum  Phlogopit  gehört  und  ferner  als  ursprüngliches  Mi- 
neral auch  Hornblende  ,  sehr  deutlich  erkennbar  durch  ihre 
Blätterdurchgänge  und  durch  die  Lage  der  optischen  Con- 
stanten. Weit  interessanter  aber  als  dieses  Vorkommniss  ist 
das  Auftreten  der  Hornblende  in  der  Form  des  Uralits.  Zu- 
weilen fasert  sich  ein  grösseres  Augit-Individuum  an  einem 
Ende  in  Uralitprismen  aus.  Dies  ist  eine  in  älteren  Augit- 
gesteinen  so  überaus  häufige  Erscheinung,  dass  ich  es  nicht 
für  der  Mühe  werth  gehalten  haben  würde,  sie  zu  erwähnen, 
wenn  ich  nicht  in  dem  Monzonigestein  zum  ersten  Male  damit 
verknüpft  ein  Phänomen  wahrgenommen  hätte,  welches  ich 
früher  nie  beobachtete.  In  allen  bisher  zu  meiner  Beobach- 
tung gelangten  Fällen  waren  nämlich  die  parallel  liegenden 
Uralitsäulchen  auch  optisch  genau  parallel  orientirt.  Hier  ist 
das  an  einigen  Stellen  anders,  und  es  liegen  die  Auslöschungs- 
richtungen oder  Elasticitätsaxen  in  benachbarten  Uralitfasern, 
die  durchaus  parallel  erscheinen,  wie  sie  in  den  Hälften  eines 
normalen  Amphibol  -  Zwillings  liegen  müssen.  Die  Erschei- 
nung ist  durchaus  nicht  zu  verwechseln  mit  der  in  meiner 
Physiographie  pag.  316  angedeuteten,  wo  ursprüngliche  Augit- 


364 


Zwillinge  in  zwei  Complexen  zu  unter  sich  parallelen  Uralit- 
kryställchen  verwandelt  sind.  Bei  den  in  Frage  stehenden 
Uraliten  aus  dem  Monzoni-Gestein  ist  ein  einheitliches  Augit- 
Individuum  in  parallele  Uralit  -  Aggregate  verwandelt,  deren 
einzelne  Säulchen  zu  einander  in  der  Amphibol  -  Zwillings- 
stellung sich  befinden.  Freilich  findet  sich  die  Erscheinung 
nur  in  einem  der  Präparate,  und  ich  bin  in  Bezug  auf  die  ehe- 
malige Augitnatur  insofern  nicht  absolut  sicher,  da  die  in  Rede 
stehenden  Uralit  -  Aggregate  keinen  Augitkern  mehr  enthalten, 
und  die  äussere  Umgrenzung  nicht  als  Beweis  dienen  kann. 
Indessen  liegen  so  mannigfache  Uebergänge  aus  diesem  Falle 
durch  ganz  normale  und  unzweifelhaft  als  solche  nachweis- 
bare Uralite  in  die  frischen  Augite  vor,  dass  mir  kaum  ein 
Zweifel  bleibt." 

Eine  besonders  schöne  Varietät  des  Diabas  wurde  ge- 
wählt, um  den  Plagioklas  auszusuchen  und  zu  analysiren. 
Das  Gestein  besitzt  ein  porphyrartiges  Gefüge;  weisse,  tafel- 
förmige Plagioklase  liegen  in  einer  wesentlich  aus  innig  ver- 
wachsener, Uralit -ähnlicher  Hornblende  bestehenden  Grund- 
masse. Die  Plagioklase,  bis  2  Cm.  gross,  5  Mm.  dick,  sind 
sämmtlich  Doppelzwillinge,  indem  zunächst  zwei  oder  meh- 
rere Individuen  nach  dem  Carlsbader  Gesetze  des  Orthoklas 
d.i.  ,,Drehungsaxe  die  Verticale"  verbunden  sind;  jedes  dieser 
Individuen  dann  wieder  aus  zahllosen  feinsten  Lamellen  be- 
steht, welche  nach  dem  Albitgesetze  ,,Drehungsaxe  normal 
zum  Brachypinakoid  M"  verbunden  sind. 

Plagioklas  aus  dem  Diabas  des  Monzoni. 

Spec.  Gewicht  2,690.    Glühverlust  1,36  pOt. 


Kieselsäure  . 

.  .  55,83 

Ox.  29,78 

Thonerde   .  . 

.  27,57 

12,87 

Eisenoxydul  . 

.  1,29 

0,29 

Kalk  

.  7,03 

2,29 

Kali  

.  3,56 

0,605 

.  4,09 

1,055 

99,37 

Sauerstoffproportion  0,988  :  3  :  6,942. 

Suchen  wir,  wie  es  auch  oben  geschehen,  eine  Verbin- 
dung von  Orthoklas,  Albit  und  Anorthit  zu  berechnen,  in  wel- 


365 


chem  der  erstere  mechanisch  beigemengt,  die  beiden  triklinen 
Feldspathe  als  in  isomorpher  Mischung  zu  betrachten  sein 
würden,  so  gelangen  wir  zu  weniger  übereinstimmenden  Resul- 
taten als  oben  (die  Ursache  werden  wir  alsbald  durch  die  mikro- 
skopische Betrachtung  erkennen).  Eine  Verbindung  von  1  Mol. 
Orthoklas,  2  Mol.  Albit,  4  Mol.  Anorthit  ergiebt  nämlich: 
Kieselsaure  57,32.     Thonerde  26,44.     Kalk  8,23. 

Kali  3,46.  Natron  4,55. 
Es  gelingt  offenbar  nicht,  durch  eine  Verbindung  nach 
anderem  Verhältniss  Werthe  zu  erhalten ,  welche  sich  den 
Zahlen  der  Analyse  mehr  nähern.  Nehmen  wir  in  der  Ver- 
bindung mehr  Anorthit  an,  so  nähert  sich  zwar  die  berech- 
nete Kieselsäure  mehr  dem  gefundenen  Werthe ,  doch  gleich- 
zeitig wird  die  Abweichung  in  den  Zahlen  der  Thonerde  noch 
grösser. 

Im  mikroskopischen  Schliffe  zeigen  die  Labradorkörner 
(als  deren  ideale  Mischung  wir  1  Mol.  Albit  -f-  2  Mol.  Anor- 
thit annehmen  dürfen)  eine  meist  unreine  Beschaffenheit.  Es 
gewinnt  den  Anschein,  als  ob  dieselben  sich  aus  der  Grund- 
masse nicht  völlig  abzusondern  vermocht  hätten.  Die  Pla- 
gioklaskörner  sind  gleichsam  verschleiert,  sodass  partieenweise 
der  krystallinische  Charakter  zurücktritt  und  die  Substanz  aus 
einem  unreinen  Gemenge  von  Grundmasse  und  Mikrolithen 
besteht.  Interessant  ist  es,  zu  beobachten,  wie  die  Plagioklas- 
streifung  sogleich  deutlich  dort  wieder  einsetzt,  wo  die  Ver- 
unreinigungen und  Wolken  etwas  zurücktreten.  Man  gewinnt 
die  Ueberzeugung,  dass  hier  eine  unvollkommene  Ausscheidung 
krystallinischer  Körner  aus  einer  widerstrebenden  Grundmasse 
vorliegt,  in  welcher  die  Elemente  von  Plagioklas  und  Orthoklas 
zum  Theil  noch  nicht  getrennt  sind.  Diese  Ansicht  stützt 
sich  auf  die  oben  angegebene  Thatsache ,  dass  viele  Diabas- 
varietäten ,  welche  unter  dem  Mikroskop  als  ein  reineres 
krystallinisches  Gemenge  erscheinen,  neben  sehr  vorherrschen- 
dem Plagioklas  auch  etwas  Orthoklas  erkennen  lassen.  — 
Die  Hornblende  des  in  Rede  stehenden  porphyrartigen  Diabas 
zeigt  unter  dem  Mikroskop  ein  verworren  fasriges  Gefüge; 
sie  ist  zu  strahlig- büschligen  Partieen  gruppirt.  Augit  fehlt 
nicht.    Stets  sind  Glimmer  und  Magneteisen  vorhanden. 

Nachdem  dieser  porphyrartige  Diabas ,  indem  er  eine 
mechanische  Aussonderung  gestattete,   uns  die  chemische  Mi- 


366 


schung  des  constituirenden  Plagioklas  kennen  gelehrt,  wenden 
wir  uns  zu  dem  zweiten  wesentlichen  Gemengtheil  der  Mon- 
zoni-Diabase,  dem  Augit.  . 

Im  Diabas  des  Monzoni  tritt  zuweilen  der  Plagioklas  fast 
ganz  zurück,  und  das  Gestein  verwandelt  sich  so  in  einen  fast 
reinen  Augitfels.   Solcher  Art  ist  die  Varietät,  welche  zuweilen  in 

Drusen  deutlich  ausgebildete  Augite 
führt.  Diese  von  Bernard  aufge- 
fundenen Krystalle  sind  von  dunkel- 
lauchgrüner  Farbe  bis  1  Cm.  gross. 
Ihre  Form  (s.  nebenstehende  Figur, 
eine  grade  Projection  auf  die  Ho- 
rizontalebene) ,  ähnlich  derjenigen 
mancher  Augite  von  Traversella,  ist 
eine  Combination  folgender  Flächen : 


s  =  (af :  b :  c),  P 

u  =  (a:b:c),  —  P 

o  =  (|a':^:c),  2P 

z  =1  (ooa:|b:c),  (2  Poe) 

p  =  (a':oob:c),  +  P  oo 

m  =  (a:b:ooc),  oo  P 

a  ==  (a  :  oo  b  :  oo  c),  ooPoo 

c  =  (ooa:oob:c),  oP 

Einer  dieser  Krystalle  war  glattflächig  genug,  um  die 
Messung  mehrerer  Winkel  mit  dem  grossen  Goniometer  zu 
gestatten : 

m:m'  =    87°  16'  87°  10'     (Winkel  des  gelben 

m:z    ==  131    51  131    54      Augits  vom  Vesuv) 

Das  Gestein ,  welches  diese  Augite  führt,  hat  eine  etwas 
drusige  Structur ;  in  den  kleinen  Hohlräumen  finden  sich 
Körner  von  Kalkspath.  Auch  jener  porphyrartige  Diabas,  aus 
welchem  die  Plagioklaskörner  zur  Analyse  ausgesucht  wurden, 
enthält  —  wie  das  mikroskopische  Studium  lehrte  —  etwas 
Kalkspath,  kleine  drusenähnliche  Räume  erfüllend.  Polari- 
sirtes  Licht  lässt  eine  grosse  Zahl  von  Zwillingslamellen, 
parallel  — ^  R,  erkennen.  —  Nachdem  man  einmal  von  dem 
Vorhandensein  des  Augits  in  diesen  Monzoni  -  Diabasen  sich 
überzeugt,  erkennt  man  ihn  überall  wieder.     Seine  Farbe  ist 


367 


gewöhnlich  schwärzlicbgrün,  doch  auch  zuweilen  fast  schwarz. 
Bisweilen  wird  man  durch  glänzende  schwarze  Flächen  auf 
dem  Gesteinsbruch  überrascht;  sie  entsprechen  dem  Ortho- 
pinakoid  (Querfläche).  Neben  dem  Augit  tritt  in  den  Monzon- 
Diabasen  meistens  Hornblende  deutlich  hervor;  viele  Varietäten 
lassen  keinen  Augit  erkennen  ,  sondern  nur  Hornblende  von 
dunkelgrüner  Farbe,  mit  seidenglänzenden  Spaltflächen.  Diese 
Hornblende  besitzt  ganz  den  Charakter  des  Uralits.  Kleinste 
Magneteisenpunkte,  welche  diese  Uralit  -  ähnliche  Hornblende 
erfüllen ,  erinnern  daran ,  dass  auch  der  Uralit  von  Arendal 
(Hornblende  in  Augitform)  von  Magneteisen  gewöhnlich  be- 
gleitet ist.  Selten  nur  lässt  der  Uralit  in  unsern  Diabasen 
deutlich  die  Augitform  erkennen.  Erst  allmälig  gelangt  man 
demnach  zu  der  Ueberzeugung,  dass  man  es  nicht  mit  echter 
Hornblende  zu  thun  hat.  So  erklären  sich  die  Worte  v.  Bdch's 
(1824):  „Die  Hornblendekrystalle  des  Monzon  -  Syenits  sind 
deutlich  und  schön ;  ihr  blättriger  Bruch  lässt  sie  fast  an 
jedem  Bruch  gar  deutlich  erkennen;  sie  sind  gewöhnlich  nicht 
schwarz,  sondern  lauchgrün."  Vierzig  Jahre  später  glaubte 
auch  de  Lapparent  (a.  a.  O.  pag.  258)  dieser  Wahrnehmung 
durchaus  zustimmen  zu  müssen,  indem  er  von  dem  Hyperstbe- 
nite  Rose's  und  v.  Richthofen's  sagt:  „je  n'ai  pu  y  voir 
autre  chose  que  de  Pamphibole  avec  mica,  fer  oxydule  et  py- 
rite  au  milieu  du  labradorit.  Partout  ou  la  matiere  fibreuse 
verte,  sur  laquelle  il  pourrait  y  avoir  doute,  se  presente  en 
cassures  nettes,  on  y  reconnait  le  double  clivage  de  l'amphi- 
bole.u  Die  Frage ,  ob  diese  uralitische  Hornblende  wirklich 
aus  Augit  entstanden  ist,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden. 

Häufig  erglänzen  auf  den  vielfach  unterbrochenen  Spalt- 
flächen der  Hornblende  kleine  Glimmer-Täfelchen.  Die  grösse- 
ren Glimmer  -  Tafeln  bilden  häufig  unterbrochene  oder  auch 
getrennte  Partieen ,  welche  trotz  vielfacher  Unterbrechungen 
durch  Plagioklas  und  Hornblende  stets  wieder  in  denselben 
Ebenen  einspiegeln.  Noch  ausgezeichneter  wie  am  Monzoni 
zeigt  sich  diese  Erscheinung  an  dem  Gestein  der  Margola  bei 
Predazzo. 

Ein  ungewöhnlicher  Bestandtheil  der  Diabase  ist  der  Tur- 
malin  von  schwarzer  Farbe,  dessen  schon  v.  Büch  Erwähnung 
thut:  „Quarz  sehe  ich  nie,  wohl  aber  Turmalin  in  ansehn- 
lichen,  aus  einem  Mittelpunkt  sich  verbreitenden  Krystallen." 


368 


Die  büschelförmig  gruppirten  Turmalin  -  Nester  erinnern  sehr 
an  das  gleiche  Vorkommen  im  rothen  Turmaliugranit  von 
Predazzo. 

Der  Diabas  des  Monzoni  führt  ausser  den  genannten  noch 
folgende  Mineralien,  welche  nicht  sowohl  im  Gemenge,  als  in 
Drusen  und  auf  Kluftflächen  sich  finden:  Granat,  Epidot, 
Axinit,  Chabasit,  Prehnit.  Der  Granat  von  brauner  Farbe, 
in  der  Combination  des  Dodekaeders  mit  dem  Ikositetraeder 
20  2,  ist  selten,  die  Krystalle  nur  klein,  in  Begleitung  von 
Epidot  Kluftfläche  bedeckend.  Derber  brauner  Granat  bildet 
zuweilen  zollmächtige  unregelmässige  Gangschnüre.  Den  Axinit 
vom  Monzoni  kannte  bereits  v.  Senger  in  seiner  „Oryktognosie 
Tyrols",  welche  Angabe  in  viele  Lehrbücher  übergegangen  ist. 
Doch  wurde  in  dem  verdienstvollen  Werke  ,,Die  Mineralien 
Tyrols"  von  Liebener  und  Vorhauser  jenes  Vorkommen  nicht 
anerkannt,  „weil  in  keiner  Sammlung  Tyrols  ein  Exemplar 
zu  finden  war  und  deshalb  eine  Täuschung  vermuthet  wurde." 
Ich  fand  dann  den  Axinit  nahe  dem  höchsten  Kamm ,  un- 
mittelbar unter  der  Monzonischarte  (Nordabhang)  wieder  auf 
(s.  Pogg.  Ann.  Bd.  128  pag.  44).  Er  bildet  in  Begleitung  von 
braunem  Granat  und  Kalkspath  zollmächtige  Gangschnüre  im 
Diabas.  Bis  jetzt  ist  er  nur  in  krystallinisch  blättrigen  Massen, 
nicht  in  ausgebildeten  Krystallen  vorgekommen.  Der  Axinit 
ist  ein  in  den  Alpen  immerhin  seltenes  Mineral,  indem  es  wohl 
nur  zu  Saint-Christophe  en  Oisans,  im  Medelser  Thal  (Grau- 
bünden) am  Monzoni,  sowie  (nach  Des  Cloizeaux)  am  Montan- 
vert  vorkommt.*)  Den  Zirkon  beobachtete  ich  nur  ein  einziges 
Mal  in  Begleitung  von  Epidot  und  Albit  in  einer  Druse  des 
Diabas  von  Allochet,  welcher  daselbst  untergeordnete  Partieen 
im  Syenit  zu  bilden  scheint.  —  Bereits  v.  Büch  kennt  den 
Chabasit  vom  Monzoni:  ,, Zu  den  Sonderbarkeiten  dieses  Ge- 
steins, sagt  er,  gehört  es,  dass  man  nicht  selten  Klüfte  des 
Gesteins  auf  beiden  Seiten  mit  sehr  schönen  vollkommenen 
Rhomboedern  von  Chabasie  besetzt  sieht." 

Das  Vorkommen  der  genannten  Mineralien  beobachtet 
man  am  besten,  wenn  man  vom  Piano  zur  Monzoni -Scharte, 
ca.   800  M. ,   emporsteigt,  auf  welchem  Wege  sich  auch  die 


*)  v.  Zepharovich  führt  Axinit  auch  vom  Villanderer  Berg  bei 
Klausen  an  (Min.  Lexicon  f.  Oesterreich  II.  Bd.  1873). 


369 


verschiedenen  Varietäten  des  Diabas  vortrefflich  darbieten. 
Von  der  Fassaitlagerstätte  (deren  Schilderung  weiter  unten) 
steigt  man  steil  und  steiler  in  einer  schmalen,  sich  endlich  zu 
einer  Scharte  verengenden  Felsschlucht  empor.  Das  Gestein 
ist  im  Ansehen  sehr  wechselnd ,  bald  reich  an  Plagioklas  und 
licht,  bald  reich  an  Augit  oder  Uralit  -  ähnlicher  Hornblende, 
dann  dunkel.  Die  Ablösungsflächen  der  Felsen  sind  vielfach 
mit  Serpentin  überzogen.  Chabasit  überkleidet  streckenweise 
alle  Gesteinsklüfte.  Ich  sah  auf  der  Felsenwanderung  zahl- 
reiche unregelmässige  Gänge  verschiedener  Gesteinsvarietäten: 
lichte  Gänge  auf  dunklem  Grunde,  auch  gangähnliche  Serpentin- 
massen auf  lichterem  Grunde.  Auch  fand  ich  kubikfussgrosse 
Blöcke  von  braunem  derbem  Granat,  mit  Kalkspath  gemengt; 
zuweilen  beide  Mineralien  in  Zonen  geordnet.  Prehnit  sah 
ich  in  zerfressenen  Quarzgängen,  welche  oben  auf  der  Kamm- 
höhe erscheinen.  Auch  im  Toal  dei  Rizzoni  soll  das  Mineral 
vorkommen.  Zahlreiche  Gänge  einer  serpentinreichen  Gesteins- 
varietät setzen  auf  der  schneidigen  First  des  Kammes  auf, 
welcher  in  schnellerem  Wechsel  aus  lichteren  und  dunkleren 
Massen  besteht.  Man  glaubt  zu  bemerken ,  dass  es  diese 
serpentinisirten,  leichter  verwitterbaren  Massen  gewesen,  welche 
zu  den  Brechen-ähnlichen  Einbrüchen  der  First  Veranlassung 
boten. 

Vom  Diabas ,  dem  Augit  -  Labrador  -  Gestein,  möchte  ich 
trennen  einen  Gabbro,  Diallag- Labrador -Gestein,  welches, 
wenngleich  nur  untergeordnet,  am  Monzoni  vorkommt.  Diese 
Felsart,  welche  ich  in  losen  Blöcken  unmittelbar  vor  dem 
Anstieg  vom  Piano  zu  den  Seile  fand,  zog  durch  seine  Schön- 
heit und  Grobkörnigkeit  (1  bis  2  Cm.  Korngrösse)  meine  Auf- 
merksamkeit auf  sich.  Dieser  Gabbro  ist  ein  Gemenge  von 
Labrador,  Diallag-ähnlichem  Augit,  Olivin,  wenig  Magnesia- 
glimmer, Magneteisen.  Der  Labrador  zeigt  unter  dem  pola- 
risirenden  Mikroskop  deutliche  Zwillingsstreifung.  Der  Diallag, 
von  schwarzer  Farbe,  bildet  unregelmässig  begrenzte  Körner, 
an  welchen  drei  deutliche  Spaltungsrichtungen  gemessen  wer- 
den konnten.  Von  diesen  sind  zwei  gleich  deutlich  und 
schneiden  sich  unter  ca.  944  0 ;  sie  entsprechen  dem  verti- 
calen  Prisma  des  Augits.  Die  dritte  Spaltbarkeit,  vollkom- 
mener als  die  beiden  erstgenannten,  stumpft  die  scharfe  Kante 
derselben  ab,  gehört  also  dem  Orthopinakoid  an.  —  Im  Dünn- 


370 


schliff  ist  der  Diallag  lichtgrün,  mit  schönen  concentrischen 
Anwachsringen.  Bemerkenswerth  sind  zahllose  feinste  Sprünge 
oder  Spalten,  welche,  in  fwei  sich  unter  etwa  105°  schneiden- 
den Richtungen  geordnet,  die  DiallagkÖrner  durchsetzen.  Diese 
schwarzen  Spaltlinien  erscheinen  nicht  gleichmässig  im  Diallag- 
korn,  sondern  gleichsam  schwarmweise  vertheilt,  vergleichbar 
den  schwarzen  Liniengruppen ,  welche  Prof.  Rosenbusch  in 
seinem  vortrefflichen  Werke  (Mikrosk.  Physiogr.  s.  Taf.  VIII. 
Fig.  48  pag.  263)  am  Anthophyllit  darstellt.  Bei  dem  Diallag 
vom  Monzoni  ist  zum  Unterschied  von  jenem  Anthophyllit  die 
Streifung  stets  eine  zweifache.  Nicht  unwahrscheinlich  ist  es, 
dass  diese  Spaltsysteme  mit  einer  beginnenden  Umänderung 
zusammenhängen.  Von  besonderem  Interesse  ist  das  Vorkommen 
des  Olivins,  welcher  bisher  in  den  Monzonigesteiuen  noch  nicht 
beobachtet  wurde.  Unter  dem  Mikroskop  sind  die  Krystalle 
mit  aller  Sicherheit  zu  erkennen  ,  sowohl  an  ihren  Umrissen, 
als  auch  an  ihren  zahlreichen,  etwas  gekrümmten  Sprüngen, 
in  denen  eine  Zersetzung  der  Körner  beginnt,  sowie  endlich 
an  ihrer  eigenthümlich  rauhen  oder  „sanft  wellig  gekräuselten" 
Oberfläche  (RosenbüSCh).  Häufig  sind  die  Olivinkörner  im 
Diallag  eingewachsen.  Einmal  durch  die  mikroskopische  Be- 
trachtung auf  das  Vorhandensein  des  Olivins  aufmerksam, 
gelingt  es  auch  ,  auf  dem  frischen  Gesteinsbruche  den  wenig 
spaltbaren,  glasglänzenden,  licht  grünlichgelben  Olivin  zu  er- 
kennen und  vom  dunklen,  blättrigen  Diallag  zu  unterscheiden. 
Das  Vorkommen  des  Olivins  ist  auch  insofern  von  Interesse, 
als  seine  Association  mit  Diallag  eine  nicht  ungewöhnliche  ist, 
z.  B.  im  schwarzen  Gabbro  von  Neurode  (s.  G.  Rose,  diese 
Zeitschr.  1867  pag.  276). 

Labrador  aus  dem  Gabbro  vom  Monzoni: 


Spec.  Gew.  2,668.     Glühverlust  0,49. 


I. 

II. 

Mittel 

Kieselsäure 

,  .  55,51 

55,51 

Ox.  =  29,60 

Thonerde  . 

.  .  28,81 

29,10 

28,99 

13,53 

Kalk  

,  .  9,61 

9,21 

9,41 

2,69 

Kali  

2,51 

2,51 

0,42 

4,48 

4,48 
100,90 

1,15 

Sauerstoffproportion  0,945  :  3  -  6,563. 


371 


Dieser  Plagioklas  stimmt  demnach  nahe  überein  mit  einem 
Labrador  aus   dem  Diorite   des  Veltlin ,    welcher  mit  Horn- 
blende associirt  ist  (s.  Pogg.  Ann.  Bd.  144  pag.  246).  . 
Kieselsäure  55,15.    Thonerde  29,56.     Kalk  9,58. 
Kali  0,80.    Natron  5,23. 

—  entsprechend  einer  Mischung  von  1  Mol.  Albit  -f~  2  Mol. 
Anorthit. 

Herr  Prof.  Websky  hatte  die  Güte,  sich  der  optischen 
Untersuchung  des  schwarzen  Diallags  zu  unterziehen.  Der- 
selben zufolge  liegen  die  optischen  Axen  in  der  Symmetrie- 
Ebene.  ,,Die  Bissectrix  ist  positiv  und  bildet  mit  einer  Nor- 
malen auf  die  Basis  (ca.  74°  geneigt  zur  Verticalaxe)  einen 
Winkel  von  2°  54'  nach  vorne  geneigt.  Die  Axenapertur 
2  V  —  45°  42'.  Die  optische  Normale  bildet  einen  Winkel 
von  18°  55'  mit  der  Normalen  zur  Querfläche  (dem  Ortho- 
pinakoid).  Nach  Des  Cloizeatjx  giebt  Pyroxen:  positive 
Bissectrix  22°  53'  gegen  die  Normale  auf  die  Basis,  gleich- 
falls nach  vorne  geneigt.  2  F  =  58u  59';  die  optische  Nor- 
male bildet  38°  54'  mit  einer  Normalen   auf  die  Querfläche. 

—  Dagegen  macht  beim  Achmit  die  optische  Normale  einen 
Winkel  von  7°  mit  der  Normalen  auf  die  Querfläche  und  lie- 
gen von  ihr  die  optischen  Axen  weit  ab.'4  (s.  auch  Roseebüsch, 
Mikrosk.  Physiographie  pag.  294,  303).  Von  Herrn  Prof. 
Websky  rührt  auch  die  Bestimmung  dieses  Minerals  als  Diallag 
her.  —  Durch  den  Nachweis  des  schwarzen  Diallags  am  Mon- 
zoni  erhält  die  Angabe  G.  Rose's  über  das  Vorkommen  des 
Hypersthens  daselbst  wenigstens  eine  gewisse  Bestätigung 
(gegenüber  der  Behauptung  de  Lapparent's  ,  dass  nur  Horn- 
blende in  jenen  Gesteinen  sich  finde),  wenn  man  erwägt,  dass 
man  damals  kein  Mittel  besass,  die  schwarzen  Diallagvarie- 
täten  vom  Hypersthen  zu  scheiden. 

Schwarzer  Diallag  vom  Monzoni: 
Spec.  Gew.  3,365. 

Kieselsäure  .  .  45,88  Ox.  =t  24,47 

Thonerde  .  .  .    5,10  2,38 

Eisenoxydul.  .  12,62  2,80 

Kalk                20,30  5,80 

Magnesia  .  .  .  13,81  5,52 
97,71 


372 


Diese  Analyse  ist  leider,  wie  der  Verlust  ergiebt,  nicht 
gauz  befriedigend.  Die  Kieselsäure  scheint  etwas  zu  gering 
bestimmt  zu  sein.  Ob  der  Verlust  hier  stattgefunden,  oder 
ob  durch  fein  beigemengten  Olivin  der  Kieselsäuregehalt  herab- 
gedrückt erscheint,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden.  Der 
schwarze  Diallag  vom  Monzoni  erinnert  an  den  braunen  üiallag 
aus  dem  schwarzen  Gabbro  von  Neurode ,  welches  Gestein 
auch  dadurch  dem  Gabbro  des  Monzoni  gleicht,  dass  es  Olivin 
als  wesentlichen  Gemengtheil  enthält  (s.  diese  Zeitschr.  1867 
pag.  281). 

Lernen  wir  nun  einige  der  Mineralfundstätten*)  des  Mon- 
zoni kennen,  welche  an  den  Contact  von  Eruptivgestein  und 
Kalk  gebunden  sind.  Eine  der  ausgezeichnetsten  ist  das 
Fassaitlager  auf  der  Nordseite  des  Berges ,  unterhalb  der 
Scharte.  Dasselbe  wurde  von  Bersard  aufgefunden ;  es  hat 
viele  treffliche  Krystalle  geliefert.  Die  Lagerstätte  ist  eine 
ellipsoidische  Masse  von  krystallinischem  Kalkstein,  rings  um- 
schlossen von  Diabas.  Die  Kalkscholle  ist  auf  einer  Strecke 
von  etwa  50  M.  im  Streichen  entblösst,  während  ihre  verti- 
cale  Mächtigkeit  etwa  5  M.  beträgt.  Diese  Kalkmasse  wird 
indess  durch  eine  schmale  Diabasbank  oder  -lagergang  in 
zwei  Theile  gesondert.  Der  Diabas  ist  in  der  Nähe  des  Kalks 
zu  Serpentin  verändert,  und  auch  der  Kalkstein  ist  von  Ser- 
pentin durchzogen ;  er  ist  eine  Art  von  Ophicalcit.  Im  un- 
mittelbaren Contact  beider  Bildungen  fanden  sich  die  berühmten 
lichtgrünen  Fassaite,  deren  Drusen  —  ursprünglich  von  spä- 
thigem Kalk  erfüllt  —  erst  durch  die  Verwitterung  blosgelegt 
wurden.  Diese  Fundstätte  liegt  etwa  2100  M.  hoch.  —  Das 
Kalklager,  welches  die  Fassaite  führt,  setzt,  auf  weite  Strecken 
durch  Felsgerölle  unterbrochen,  sowohl  nach  Ost  als  nach 
West  fort.  In  letzterer  Richtung  hebt  sich  das  Kalklager  oder 
der  Zug  an  einander  gereihter  mächtiger  Schollen  erst  allmälig, 
dann  schneller  am  felsigen  Gehänge  bis  zu  einem  der  höchsten 
Monzonigipfel  empor.  Einige  hundert  Schritte  südwestlich  von 
der  Fassaitfundstätte  ragt  aus  den  Diabasfelsen  ein  wohl  12  M. 
in  jeder  Richtung  messender  lichter  Kopf  von  krystallinischem 


*)  Die  Entdecker  der  Monzoni  -  Mineralien  waren  —  soviel  ich  er- 
kundete —  die  beiden  Brüder  Aiücstin  aus  Fassa.  Ihnen  folgte  im 
mühevollen  Berufe  des  Krystallsuchens  G.  B.  Beknahd  in  Campitello. 


373 


Kalk  hervor.  Derselbe  verräth  durch  seine  körnige  Beschaffen- 
heit den  metamorphischen  Einfluss  des  Eruptivgesteins ;  Con- 
tactmineralien  finden  sich  indess  hier  nicht.  Weiterhin  bedecken 
wilde  Steinhalden  den  anstehenden  Fels ,  sie  lehnen  sich  an 
pralle  unersteigliche  Wände,  welche  unmittelbar  unter  dem 
westlichen  Monzonigipfel ,  umgeben  von  dunklem  Diabas  oder 
Syenit,  lichtere  Kalkstreifen  erkennen  lassen.  Als  ich  zur 
Palla  verde  (über  welche  man  den  Ursprung  des  Pesmeda- 
thals  erreichen  kann) ,  westlich  des  genannten  Gipfels,  empor- 
stieg, erblickte  ich  deutlich  unterhalb  des  Gipfels  eine  mäch- 
tige Kalkmasse.  Sie  erschien  in  Straten  gesondert  und  von 
Gängen  durchsetzt.  Es  ist  unmöglich,  an  diese  Stelle  zu  ge- 
langen, doch  finden  sich  in  der  Blockhalde,  welche  von  dort 
gegen  das  Piano  herabzieht,  Blassen  von  körnigem  Kalk  mit 
gelbem  Vesuvian*)  in  schönen  Krystallen  zugleich  mit  kleinen 
Fassaiten.  Auf  diesen  Punkt  beziehen  sich  die  Worte  von 
Büch's  :  „Man  sieht  von  unten  recht  deutlich,  wo  der  Vesuvian 
anstehend  ist;  aber  noch  hat  ihn  Niemand  dort  auf  seiner 
Lagerstätte  in  der  Nähe  gesehen.  Es  ist  ganz  oben  am  Gipfel 
ein  oberes  Lager  von  grosser  Mächtigkeit,  doch  von  geringer 
Erstreckung.  Es  fallen  dort  beständig  Blöcke  herunter,  ein 
Gemenge  von  blauem  Kalkspath  mit  Vesuvian,  eines  der 
schönsten  Gemenge,  welches  die  Gebirge  aufweisen  können. tt 
—  Gegen  Osten  von  der  erstgenannten  Fassaitfundstätte  findet 
sich  das  Kalklager  am  Fusse  jenes  vom  Riccobettaberg  gegen 
Nord  vorspringenden,  zerbrochenen  Felsrückens  wieder  (siehe 
Taf.  IX.  Fig.  2),  sinkt  dann  aber  zum  Piano  hinab,  unter 
dessen  Felsmeer  sowohl  jenes  Lager  als  auch  die  Gesteins- 
grenze sich  verbirgt.  Während  am  Nordabhange  des  Ricobetta- 
berges  die  Fundstätten  der  Mineralien  rings  umschlossenen 
Kalkschollen  angehören,  liegen  sie  am  nordöstlichen  Ende  des 
Gebirges  bei  le  Seile  auf  der  Grenze  zwischen  Syenit  und  den 
das  Eruptivgestein  umschliessenden  Kalkmassen.  Eine  eigen- 
thümliche  Gestaltung  besitzt  der  vom  Piano  gegen  Osten 
ziehende  Thalzweig,  durch  welchen  ein  hoher  Uebergang  nach 
S.  Pellegrino  führt.     Man  steigt  von  der  Monzoni-Ebene  eine 


.  *)  In  der  Sammlung  des  Ferdinandeuni  zu  Innspruck  sah  ich  einen 
Vesuvian- Krystall  vom  Monzoni  von  S  Cm.  Grösse,  breit,  niedrig,  die 
Basis  untergeordnet. 

Zeits.d.D.geoI.  Ges.  XXVII.  2.  25 


374 


steile  Stufe  hinan ,  nun  breitet  sich  eine  ebene  Terrasse  mit 
kleinen  Teichen  aus.  Wieder  hebt  sich  eine  steile  Stufe  und 
zum  zweiten  Male  folgt  eine  ebenere  Fläche  mit  Wasserbecken. 
Endlich  zieht  sich  der  wilde  Thalhintergrund  steil  und  grausig 
zum  hohen  (ca,  2600  M.  hoch)  Kamm  empor.  Die  erste  Fund- 
stätte, welche  ich,  ca.  200  M.  über  dem  Piano,  erreichte,  war 
diejenige  des  Gehienits  und  des  Granats.  Das  Eruptivgestein  ist 
hier  Syenit,  welch' letzterer  eine  keilförmige  Masse  in  den  Kalk 
hineinschiebt,  welcher  in  einen  herrlichen  grosskörnigen  Marmor 
bis  in  eine  Entfernung  von  20  bis  30  M.  von  der  Grenze  um- 
gewandelt ist.  Weiter  folgt  grauer  Kalkstein,  dann  gelber 
Dolomit.  Es  hat  zuweilen  das  Ansehen,  als  ob  zunächst  der 
Syenitgrenze  der  Kalkstein  gänzlich  in  eine  dunkle  Silicatmasse, 
vorzugsweise  aus  Gehlenit  bestehend,  umgewandelt  ist.  Ausser 
dem  Gehlenit  tritt  hier  auch  gelber  Granat  in  Krystallen  und 
mit  körniger  Zusammensetzung  im  Contact  des  Kalksteins  und 
des  Syenits  auf.  An  keinem  anderen  Punkte  im  Umkreise  des 
Monzoni  schien  mir  die  umändernde  Wirkung  des  Eruptiv- 
gesteins so  überzeugend  hervorzutreten,  wie  an  den  Seile,  wo 
ein  herrlicher  grossblättriger  Marmor  sich  in  schrittweisem 
Uebergang  aus  dichtem  Kalkstein  entwickelt.  Der  kleine 
Thalkessel  von  le  Seile  ist  zwar  mit  Gerollen  bedeckt,  doch 
beweisen  die  in  einer  ostwestlichen  Richtung  geordneten  zahl- 
reichen Contactstücke,  körnige  Aggregate  von  Granat  und  Kalk- 
spath,  dass  die  Grenze,  stets  von  Contactbildungen  begleitet, 
mitten  durch  das  kleine  Hochthal  streicht.  Weiter  über  Kalk- 
felsen emporsteigend,  fand  ich  zwei  ungefähr  ostwestlich  strei- 
chende, fast  senkrechte,  j  bis  j  M.  mächtige  Gänge  eines  dem 
Augitporphyr  ähnlichen  Gesteins.  Die  Gänge  schliessen  ein 
80  Cm.  breites  mauerförmiges  Stück  des  Kalkfelsens  zwischen 
sich.  Keine  krystallinische  Metamorphose  des  Kalks  oder 
Bildung  von  Contactmineralien  ist  an  diesen  Gängen  zu  beob- 
achten. Beide  Gänge  steigen  an  der  jähen  Wand  zunächst 
gleichartig  empor,  der  eine  endet  früher,  während  der  andere 
noch  etwa  6  M.  höher  fortsetzt.  Sie  enden  beide ,  in  ihrer 
ganzen  Breite  von  40  Cm.  gleichsam  plötzlich  abgeschnitten. 
Weiter  zur  Passhöhe  fortschreitend  traf  ich  bald  noch  einen 
dritten,  viel  mächtigeren  (6  M.),  gleichfalls  sehr  nahe  ostwest- 
lich streichenden ,  verticalen  Gang  von  Augitporphyr.  Auch 
hier  war  keine  Veränderung  des  Nebengesteins  wahrzunehmen. 


Diese  Gänge  eines  dem  Augitporphyr  ähnlichen  Gesteins,  nahe 
der  Syenit-Kalk-Grenze,  erinnerten  mich  an  die  durchaas  ähn- 
liche Erscheinung  im  Marmorbruche  von  Canzacoli  und  an  der 
Margola  bei  Predazzo.  Die  später  hervordringenden  schwarzen 
basischen  Porphyre  fanden  offenbar  gerade  auf  der  Grenze  von 
Syenit  und  Kalkstein  einen  leichteren  Durchbruch.  In  einer 
Höhe  von  etwa  600  M.  über  dem  oberen  Theil  des  Piano 
erreichte  ich  eine  besonders  ausgezeichnete  Contactfundstätte. 
Aus  dem  wilden  steilen  Trümmerfeld  erhebt  sich  ein  flach- 
gewölbtes, von  Ost  nach  West  streichendes  Felsriff,  dessen 
südliche  Hälfte  aus  Kalkstein  besteht,  während  die  nördliche 
durch  Syenit  gebildet  wird.  Das  Eruptivgestein  bildet  hier 
dem  Anschein  nach  eine  über  30  M.  mächtige  gangähnliche 
Apophyse  der  weiter  .  gegen  Süd  befindlichen  Gebirgsmasse. 
An  der  Grenze  ist  der  in  weiterer  Entfernung  dichte  Kalkstein 
in  schönen  grobkörnigen  Marmor  verändert.  Zwischen  Marmor 
und  Syenit  liegt  eine  -~  bis  1  M.  mächtige,  übrigens  sehr  un- 
regelmässig bald  anschwellende,  bald  sich  wieder  verschmä- 
lernde Bildung  von  grossblättrigem  Kalkspath  erfüllt  und  ge- 
mengt mit  Contactmineralien :  Granat  und  strahligem  Augit. 
Der  grossblättrige  Kalkspath,  aus  welchem  man  8  bis  10  Cm. 
grosse ,  von  schönsten  Zwillingslamellen  durchsetzte  ßhom- 
boeder  herausspalten  kann,  schneidet  merkwürdig  scharf  am 
Marmor  ab.  Unmittelbar  an  der  Grenze  gegen  den  Syenit 
liegen  körnige  Aggregate  und  bis  10  Cm.  dicke  Platten  von 
gelbem  und  braunem  Granat,  welche  auch  vielfach  den  gross- 
blättrigen Kalkspath  durchziehen.  Auch  wohlgebildete  Granat- 
krystalle  (ooO,  2  02)  liegen  im  Kalk,  zuweilen  in  grosser 
Menge,  schwarmwreise.  Zum  Granat  gesellen  sich  (ausser 
Eisenkies)  Zonen  und  Bänder  von  strahligem  Augit,  welcher 
eine  vollkommene  Analogie  darbietet  zu  den  Massen  strahligen 
Augits  von  Campiglia  marittima  und  am  Cap  Calamita  sowie  bei 
Torre  di  Rio  auf  Elba.  Die  Augitstrahlen  ordnen  sich  zu 
Rosetten  und  diese  zu  Bändern,  welche,  durchschwärmt  von 
Granaten ,  den  grossblättrigen  Kalkspath  durchziehen.  Wie 
wurde  ich  überrascht,  als  ich  die  Berührungsebene*  von  Syenit 
und  den  Contactgebilden  entblösste!  Ich  fand  sie  bedeckt  mit 
quadratzollgrossen  Blättern  von  Eisenglanz.  Wäre  nicht  die 
landschaftliche  Umgebung  in  der  Felswildniss  am  Monzoni 
nahe  dem    ewigen  Schnee  so  durchaus  verschieden   von  den 

25* 


376 


milden  Gestaden  Elba's,  so  hätte  ich  glauben  können,  auf  den 
Felsen  Calamita's  oder  der  Torre  di  Rio  zu  stehen. 

Die  geschilderte  merkwürdige  Contactmasse  gehört,  wie 
bereits  oben  bemerkt,  der  südlichen  Grenze  einer  Syenit- 
apophyse  gegen  Kalkstein  an.  Die  nördliche  Grenze  jener 
etwa  30  M.  mächtigen  Gangmasse,  welche  an  der  Oberfläche 
des  Felsriffs  sich  deutlich  darstellt,  entbehrt  der  Contactgebilde, 
indem  das  Eruptivgestein  unmittelbar  an  den  zu  Marmor  ver- 
änderten Kalkstein  grenzt.  Das  Eruptivgestein  verändert  in 
diesem  und  anderen  in  der  Nähe  befindlichen  Apophysen  und 
Gängen  seinen  normalen  Charakter  und  ähnelt  einem  wenig 
ausgesprochenen  Grünsteinporphyr.  Zuweilen  hat  es  den  An- 
schein, als  ob  das  Eruptivgestein  isolirte  Partieen  im  Marmor 
bilde,  welche  indess  wohl  unzweifelhaft  nach  der  Tiefe  hiu 
mit  der  Hauptmasse  zusammenhängen.  —  Von  der  geschil- 
derten Fundstätte  des  Granats  und  des  strahligen  Augits  zieht 
sich  die  Schlucht  le  Seile,  einen  stets  wilderen  Charakter  an- 
nehmend, noch  höher  empor.  In  den  gelben  Dolomitfelsen, 
welche  gegen  Ost  den  Felskessel  schliessen,  bemerkt  man 
gangförmige  Massen  von  schwarzem  Eruptivgestein ,  deren 
Zusammenhang  durch  die  Zerstörung  des  Bergprofils  unter- 
brochen ,  und  deren  Fortsetzung  zur  Tiefe  durch  Gerölle  ver- 
deckt ist.  Wir  versuchten,  gegen  Süd  gewendet,  am  trichter- 
förmigen Gehänge  des  hohen  Thalcircus  hinschreitend, 
den  Uebergang  nach  Allochet  zu  gewinnen.  Das  hier 
herrschende  Gestein  ist  Buchensteiner  Kalk ,  ein  farbigstrei- 
figer Kalkschiefer  mit  verticaler  Schichtenstellung,  von  West 
nach  Ost  oder  von  WSW — ONO  streichend,  der  unteren 
Trias  angehörig.  Dieser  Kalkschiefer,  welcher  mich  an 
die  in  der  Granitnähe  veränderten  Schichten  Norwegens 
erinnerte,  scheint  gleich  der  Marmorzone  auf  die  Nähe  des 
Syenits  hinzuweisen.  Bald  wurde  das  Gehänge  so  jäh,  dass 
wir  nicht,  in  horizontaler  Richtung  fortschreitend,  die  Kamm- 
senkung von  Allochet  erreichen  konnten.  Wir  stiegen  also 
jäh  empor,  den  verticalen  Profillinien  der  veränderten  Kalk- 
schichten folgend,  überschritten  den  Kamm  im  Angesicht  der 
dolomitischen  Palle  di  S.  Martino ,  der  erstaunlichsten  Berg- 
formen  der  Erde,  wandten  uns  dann  gegen  Südwest,  zur  Fund- 
stätte Allochet.  Es  herrscht  auf  dem  genannten  Wege  ein 
mehrfacher  Wechsel  von  theils  unverändertem,  theils  körnigem 


377 


Kalk.  Wiederholt  trafen  wir  entblösste  Massen  von  grauat- 
erfülltem  Marmor,  welche  vollkommen  den  betreffenden  Felsen 
von  le  Seile  gleichen.  Auch  zeigten  sich  im  Diabas  viele 
schmale  Gänge  eines  rothen  Augit-Syenits.  Etwa  100  M.  unter 
dem  Kamm,  unmittelbar  im  Contact  von  lichtröthlichem  Augit- 
Syenit  und  Kalkstein,  im  südöstlichen  Theile  des  Monzoni  liegt 
die  Epidot-Fundstätte  Allochet.  Dieser  Epidot,  welcher  früher 
theils  für  Akmit,  theils  für  Malakolith  gehalten  und  zuerst 
durch  v.  Richthofen  richtig  bestimmt  wurde,  ist  von  grünlich- 
schwarzer bis  schwarzer  Farbe  und  bietet  eine  Combination 
folgender  Flächen  dar  (s.  Naumann,  Min.  pag.  423): 

n  =  (a':b:c),  P 

z  =  (a  :  b  :  oo  c),  ooP 
M  =  (oca:oob:c),  oP 
T  —  (a :  oo  b  :  oo  c),  ooPoo 

r  —  (a':oob:c),  P  oo 

1  =  (a  :  oo  b  :  2  c),  2  P  oo 

Neben  dieser  schwarzen  Varietät  kommt  in  Drusen  eines  Dia- 
bas, welcher  in  unmittelbarer  Nähe  der  Fundstätte  des  schwarzen 
Epidots  erscheint,  auch  eine  grüne  feinstrahlige  Epidot- Varietät 
vor.  Begleiter  des  Epidots  sind :  Granat  in  der  Combination  des 
Dodekaeders  mit  untergeordnetem  Ikositetraeder  2  O  2 ,  Sphen, 
sowie  kleine  weisse  Krystalle  von  Albit.  Zu  Allochet  finden 
sich  in  Begleitung  von  grünem  Epidot  1  bis  2  Cm.  grosse 
röthlichweisse  Krystalle  von  Anorthit.  Es  sind  dies  wohl  die- 
selben Krystalle,  welche  von  Liebener  und  Vorhauser,  sowie 
von  v.  Zepharovich  als  Labrador  angesprochen  wurden.  An 
diesen  in  der  Verwitterung  vorgeschrittenen  Anorthiten  von 
Allochet  wurden  folgende  Flächen  bestimmt: 

T  =  oo'P;    l  =  ooP';    z  =  oo'P3;  f=ooP'3; 
M  =  ooPoo;    P  =  oP;    n  =  2'P^oo;    e  =  2P'oo; 
p  =  P;    o  =  Py;   y  -  2P,co. 

Das  spec.  Gew.  dieser  Krystalle  =  2,787.  Ihr  Glühverlust 
=  5,38.  In  Folge  der  vorgeschrittenen  Verwitterung  sind  sie  in 
eine  weiche,  mit  dem  Messer  leicht  ritzbare  Masse  umgewandelt. 

Der  Zirkon,  welcher  bereits  oben  als  ein  ganz  seltener 
Gemengtheil  des   Diabas   genannt  wurde ,   ist   von  röthlich- 


378 


gelber  Farbe,  von  prismatischem  Habitus,  3  Mm.  lang,  1  Mm. 
dick,  eine  Combination  des  Oktaeder  P,  des  Dioktaeders  3P3, 
sowie  des  Prismas  oo  P.  Dies  Zirkon  -  Vorkommen  erinnert 
an  dasjenige  im  Hypersthenit  des  Radauthals  bei  Harzburg, 
welches  G.  Rose  beschrieb  (s.  diese  Zeitschr.  1870  pag.  754) 
sowie  an  den  Zirkon  im  Diorite  des  Veltlin's  (s.  Pogg.  Ann. 
Bd.  144  pag.  250).  —  Das  Muttergestein  des  Epidots  von  Allo- 
chet  ist  gewöhnlich  zersetzt,  zuweilen  zu  einer  braunen  brüchi- 
gen Masse  aufgelöst ,  in  welcher  man  kaum  noch  den  ur- 
sprünglichen Charakter  des  Gesteins  erkennen  kann.  Der 
unfern  anstehende  frische  Augit- Syenit  ist  vor  den  meisten 
anderen  Varietäten  dieses  Gesteins  dadurch  ausgezeichnet,  dass 
Feldspath  und  Plagioklas  sich  deutlich  durch  die  Farbe  unter- 
scheiden. Letzterer  ist  weiss,  sehr  vorherrschend,  in  4  bis 
6  Mm.  grossen  Krystallen ;  der  Feldspath  dunkelfleischroth, 
in  spärlichen  kleinen  Körnern.    Viel  Biotit,  wenig  Augit. 

In  Val  Allochet  herrscht  ein  mannichfacher  Gesteinswechsel: 
Augit  -  Syenit,  Kalkstein,  Quarzporphyr.  Letzteres  Gestein 
bildet,  wie  schon  Dölter  hervorhebt,  einen  ansehnlichen  Theil 
der  Südseite  des  Gebirges,  sodass  die  nordsüdliche  Verbreitung 
des  Monzongesteins  eine  geringere  ist,  als  es  zufolge  der  von 
Richthofen' sehen  Karte  zu  sein  scheint.  Etwa  400  M.  unter 
der  Epidot-  Fundstätte  steht  in  Val  Allochet  ein  recht  frischer 
Quarzporphyr  an.  Die  ausgeschiedenen  Körner  von  Quarz  und 
fleischrothem  Feldspath  (sehr  wenig  Plagioklas)  erreichen  nur 
eine  geringe  Grösse  (5  bis  6  Mm.).  Von  besonderem  In- 
teresse ist  die  höchst  unregelmässige  Form  der  Quarzkörner, 
wie  sie  sich  im  Dünnschliff  darstellt.  Neben  rundlichen  sieht 
man  eckige,  keulenförmige,  und  andere  Gestalten.  Die  Grund- 
rnasse  dringt  zuweilen  zungenartig  in  die  Quarzkörner  ein  oder 
wird  in  isolirten  Partieen  von  derselben  umschlossen;  zum 
Beweise,  dass  die  Quarze  wirklich  sich  aus  der  Masse  abge- 
schieden haben  müssen. 

Eine  noch  reichere  Fundstätte  als  Allochet  ist  Toal  dei 
Rizzoni,  in  welchen  man  hinabsteigt,  nachdem  man  die  Monzon- 
scharte  von  Norden  her  überschritten  hat.  In  dem  circus- 
ähnlichen  Ursprung  des  genannten  Tobels  herrscht  Augit- 
Syenit,  in  welchem  fortsetzende  Schichten  und  Schollen  von 
verändertem  Kalkstein  auftreten.  Es  sind  dies  wohl  un- 
zweifelhaft losgerissene  und  emporgehobene  Theile  des  durch- 


379 


brochenen  Gebirges.  Der  Kalkstein,  dessen  Schichtung  deutlich 
erkennbar  ist,  ist  meist  zu  Marmor  verändert  und  vielfach  mit 
Contactmineralien  imprägnirt:  Anorthit,  Adular,  Fassait,  Mag- 
nesiaglimmer, Monticellit  oder  Batrachit,  Titanit,  Ceylanit  oder 
Pleonast,  Apatit,  Magneteisen. 

Der  Anorthit  (Labrador  bei  Libbener  und  Vorhaüser,  denen 
zufolge  die  Krystalle  dieses  Minerals  hier  die  bisher  nirgend 
beobachtete  Grösse  von  6  Cm.  erreichen  und  in  Gängen  des 
Syenits  mit  Magnesiaglimmer,  Magneteisen,  Fassait  und  Sphen 
vorkommen)  wurde  von  Tsohermak  bestimmt  (Verh.  d.  geol. 
Reichsanstalt  1874  pag.  37).  Letzterem  Forscher  zufolge  sind 
die  grossen  Anorthite  stellenweise  von  Orthoklas  in  paralleler 
Verwachsung  überzogen.  Als  beibrechende  Mineralien  werden 
genannt:  Biotit,  Apatit,  Augit,  Titanit.  —  Eine  mir  vorliegende 
Stufe  zeigt  in  einer  Druse  eines  Aggregats  von  grünem  Biotit 
Adular  -  Krystalle,  1  bis  3  Cm.  gross,  in  der  Combination 
T  —  oc  P,  P  =  oP,  x  =  P  x,  y  =  2Poo.  Dieselben  sind  gleich 
den  sie  begleitenden  Quarzkrystallen  schneeweiss ,  mit  einem 
kaolinähnlichen  Ueberzug  bedeckt;  Apatit  fehlt  nicht.  —  Die 
Sammlung  des  Ferdinandeum  zu  Innspruck  bewahrt  neben  grünem 
auch  schwarzen  Biotit  in  zollgrossen  Tafeln  aus  Toal  Rizzoni. 

Eines  der  merkwürdigsten  Monzon-Mineralien  ist  der  Ba- 
trachit Breithaupt's  (1832),  welcher  nach  Liebener  und  Vor- 
hauser in  grosskörnigem  Gemenge  mit  Ceylanit  und  blau- 
grauem Kalkspath  eine  0,3  bis  0,6  M.  mächtige  Bank  im 
Syenit  bildet.  Der  Batrachit  fand  sich  bisher  in  Rizzoni  nur 
derb  oder  in  Krystallkörnern,  deren  Formen  nur  unvollkommen 
ausgebildet  sind.  Dennoch  bestimmte  Breithaupt  das  System 
in  zutreffender  Weise  als  rhombisch,  wenngleich  es  mir  nicht 
gelang,  das  von  Breithaupt  angegebene  Prisma  von  nahe  115°, 
welchem  auch  eine  sehr  unvollkommene  Spaltbarkeit  parallel 
gehen  soll,  auf  die  flächenreichen  deutlich  ausgebildeten  Kry- 
stalle von  Pesmeda  zu  beziehen.  Nachdem  nun  Rammelsberg 
1840  für  den  Batrachit  die  gleiche  chemische  Zusammensetzung 
wie  für  den  vesuvischen  Monticellit  (Brooke  1831)  erwiesen 
hat,  und  —  wie  alsbald  nachzuweisen  sein  wird  —  die  vor 
Kurzem  entdeckten  Batrachit-Krystalle  von  Pesmeda  vollkom- 
men übereinstimmen  mit  den  sehr  seltenen  vesuvischen  Mon- 
ticelliten,  so  ist  an  der  Identität  von  Batrachit  und  Monticellit 
nicht  mehr  zu  zweifeln;  von  welchen  beiden  Namen  dem  letzteren 


380 


die  Priorität  gebührt.  Unter  die  Analyse  von  Rammelsberg  I. 
stelle  ich  zwei  von  mir  ausgeführte  Analysen  II.  u.  III.,  deren 
Material  ich  bereits  1862  schlug ,  als  ich  durch  die  Scharte 
den  Monzonikamm  überkletterte. 


Monticellit  aus  dem  Toal  Rizzoni: 

Spec.  Gew.  3,033. 

Glühverlust  1,27. 

Kieselsäure.  , 

1. 

.  38,49 

Ox.  .=  20,53 

Eisenoxydul 

,  3,05 

0,68 

Kalk  .... 

.  36,21 

10,35 

Magnesia  .  .  , 

.  22,25 

8,90 

100,00 

Spec.  Gew.  3,054. 

Glühverlust  1,31. 

IL 

III. 

Mittel 

Kieselsäure  .  .  38,35 

38,15 

38,25    Ox.  = 

20,40 

Eisenoxydul  .  .  4,29 

4,31 

4,30 

1,10 

Kalk  34,76 

34,75 

34,75 

9,93 

Magnesia.  ...  23,15 

22,94 

23,05 

9,22 

100,55 

100,15 

100,35 

Es  beträgt 

für  Analyse  I.  das  Ox.-Verhältniss  RO:Si02  =  1:1,03 
II.  u.III.        „  „  =1:1,007 

Daraus  die  Formel 

2CaO,  SiO,  +2{pf°}si02 

Der  Monticellit,  bisher  nur  bekannt  in  den  Auswürflingen 
des  Vesuvs  und  am  Monzoni,  ist  eines  jener  interessanten 
Mineralien,  durch  welche  die  in  so  vieler  Hinsicht  noch 
räthselhaften  Contacterscheinungen  an  die  vulkanischen  Pro- 
cesse  geknüpft  werden. 

An  die  hohe  Thalmulde  von  Rizzoni  reiht  sich  gegen 
West  diejenige  von  Damasson.  Diese  halbtrichterförmingen, 
überaus  steilen  (30°)  Gebirgsausschnitte  werden  durch  scharfe 
Rücken  getrennt.  In  Damasson  beobachtete  ich  wellenförmig 
gewundene  Marmorschichten  (im  Mittel  b.   3  streichend,  80° 


381 


gegen  West  fallend),  welche  zwischen  Syenit  lagern.  Ceylanit 
und  Fassait  sind  an  vielen  Punkten  dem  Marmor  eingewachsen. 
Unmittelbar  auf  der  Grenze  von  Kalk  und  Syenit  sah  ich  ein 
schönes  Vorkommen  von  Fassait,  Grossular,  Vesuvian,  umhüllt 
von  bläulichgrauem  Kalkspath.  Der  Vesuvian  aus  Dammasson 
ist  theils  von  gelber,  theils  von  brauner  Farbe,  eine  Combi- 
nation  der  Formen  P,  ocP,   oc-P  oo,  oP,  ooP2. 

Der  nächstliegende  Circus  ist  Toal  della  Foglia  (das  Laub- 
thal). Dasselbe  besteht  vorzugsweise  aus  Syenit,  doch  reicht 
vom  Monte  Riccobetta  her  auch  Diabas  in  das  Hochthal 
hinein.  Im  Laubthal  liegt  die  Hauptfundstätte  des  Ceylanits 
und  Brandisits.  Ein  körniges  Gemenge  dieser  Mineralien  nebst 
Kalkspath ,  in  Drusen  und  an  seinen  Grenzflächen  schöne 
Krystalle  umschliessend ,  bildet  im  Syenit  ein  sphäroidisches, 
etwa  3  M.  im  Durchmesser  haltendes  Nest,  vermuthlich  eine 
metamorphosirte  Kalkmasse.  Die  Oktaeder  des  Ceylanits  sind 
meist  an  den  Ecken  zugespitzt  durch  das  Ikositetraeder 
3  03.  Durch  Verwitterung  geht  die  fast  schwarze  Farbe  des 
Ceylanits  in  Grün  über.     Das  Muttergestein  des  Ceylanits  im 

Toal  della  Foglia  ist  überaus  hart 
und  zähe.  —  Unfern  des  genann- 
ten Fundorts  findet  sich  auch  Fassait 
(Pyrgom)  von  besonderer  Schönheit. 
Mit  dem  Namen  Pyrgom  bezeich- 
nen die  fassanischen  Mineralien- 
sucher die  Fassait  -  Zwillinge  von 
nebenstehender  Ausbildung*)  eine 
£  Combination  der  Flächen: 

s  =  (a':b:  c),  P 
z  =  (ooa:{b:c),  (2 P  oo) 
m  =  (a  :  b :  ooc),  oo  P 
a  =  (a:oob:ooc),  ooPoo 
c  =  (ooa:xb:c),  oP 
p  ==  (a  :cob:c),  P  cc 

Die  Krystalle,  1  bis  3  Cm.  gross,  aufgewachsen  in  Drusen 
eines  derben  lichtgraulichgrünen  Fassaits ,  sind  fast  immer 
Zwillinge  und  in  letzterem  Falle  stets,  aufgewachsen  mit  dem- 
jenigen Ende,  an  welchem   die  basischen  Flächen  cc  einen 

*)  Die  gestrichelten  Linien  bezeichnen  einspringende  Kanten. 


382 


einspringenden  Winkel  bilden  würden.  Zuweilen  finden  sich 
auf  denselben  Drusen  auch  zollgrosse  rhombische  Krystalle, 
welche  gänzlich  in  ein  Haufwerk  kleiner  Fassaite  umgewandelt 
sind  —  Pseudomorphosen  von  Fassait  nach  Monticellit,  wie 
die  Untersuchung  der  Mineralfundstätte  von  Pesmeda  lehren 
wird.  Im  T.  della  Foglia  finden  sich  auch  Pseudomorphosen 
von  Serpentin  nach  Ceylanit  (in  5  Cm.  grossen  Oktaedern 
(s.  v.  Zepharovich,  Min.  Lex.  pag.  425.),  nach  Fassait  sowie 
nach  Glimmer. 

Die  westlichste  Tbalschlucht ,  welche  ihren  Ursprung  im 
Monzoni-Massiv  nimmt,  ist  Pesmeda,  deren  hoher  nördlicher 
Felscircus  die  Palle  rabiose  beisst.  Auf  dem  scharfen  Joche 
der  Palla  verde  (Augit  -  Syenit)  stehend ,  überblickt  man  die 
hohe  Thalmulde  von  Pesmeda,  welche  in  der  Tiefe  durch  eine 
zerbrochene  Dolomitwand,  die  gegen  Nord  mit  dem  Sasso  di 
Loch  zusammenhängt,  durchsetzt  und  abgeschlossen  wird;  es 
ist  der  Sasso  della  Rocca.  Ich  durchschritt,  von  der  Palla 
verde  kommend,  den  obersten  Theil  von  Pesmeda,  und  erstieg 
den  scharfen  Grath ,  welcher  den  genannten  Thalcircus  von 
Damasson  scheidet  (T.  d.  Foglia  dringt  nicht  soweit  nach 
Norden  vor).  Hier  sah  ich  eine  jener  veränderten,  mit  Con- 
tactmineralien  erfüllten  Kalkmassen,  rings  von  Augit- Syenit 
umschlossen.  Die  metamorphische  Lagerstätte  stellt  sich  als 
ein  Gemenge  von  Granat  (derb  und  krystallisirt),  Fassait,  Cey- 
lanit und  blaugrauem  grosskörnigem  Kalkspath  dar.  Die  erst- 
genannten drei  Mineralien  sind  nicht  selten  zu  sphärischen 
Zonen  geordnet,  deren  Inneres  Kalkspath  einnimmt.  So  ent- 
stehen Aggregate,  welche  nicht  nur  durch  gleiche  Mineralien, 
sondern  auch  durch  ihre  Anordnung  an  manche  Auswürflinge 
des  Vesuvs  erinnern.  Die  Grenze  des  Augit-Syenits  ist  ganz 
scharf;  die  losgerissene,  umhüllte  Kalkmasse  ist  im  unmittelbaren 
Contact  in  derben  Granat  verwandelt;  auf  der  Gesteinsscheide 
liegen  Titanite,  deren  Kalk  wohl  dem  ursprünglich  sedimen- 
tären Gestein  entstammt,  während  die  Kieselsäure  durch  das 
Eruptivgestein,  die  Titansäure  speciell  aus  dem  titanhaltigen 
Magneteisen  des  Augit  -  Syenits  geliefert  wurde.  Trotz  ihrer 
Metamorphose  lässt  die  Kalkscholle  noch  Spuren  der  Schich- 
tung erkennen.  —  Ich  folgte  nun  abwärts  dem  schmalen  Felsen- 
grath, welcher  zuoberst  Pesmeda  von  Damasson,  weiter  hinab 
das  erstgenannte  Thal  von  Foglia  trennt.    Jener  Felsenkamm 


383 


entblösst  mehrere  rings  von  Augit-Syenit  umschlossene  Mineral- 
fundstätten, umgewandelte  Kalkschollen  oder  -nester,  wie  sie 
in  grosser  Zahl  über  das  Südgehänge  des  Monzoni  verbreitet 
sind.  Wo  der  Felsengratb  in  einer  Höhe  von  2300  M.  altan- 
artig endet  und  plötzlich  zur  Tiefe  stürzt,  liegt  die  Fundstätte 
jener  merkwürdigen  Mineralgebilde,  welche  seit  mehr  als 
20  Jahren  bekannt  und  in  den  Sammlungen  verbreitet,  bisher 
nicht  die  richtige  Deutung  gefunden  haben,  welche  freilich  erst 
durch  neuere  Auffindungen  möglich  wurde.  Es  sind  Drusen, 
auf  denen  kleine  Fassaite  in  regelloser  Gruppirung  grosse 
Krystalle  zusammensetzen  ,  deren  For- 
men nicht  ganz  sicher  wegen  Unregel- 
mässigkeit der  Flächen  zu  erkennen 
waren  und  deshalb,  wenngleich  mit 
einiger  Unsicherheit,  gleichfalls  als  Fas- 
saite gedeutet  wurden.  Sehr  anschau- 
lich werden  diese  Pseudomorphosen  in 
der  verdienstvollen  Schrift:  die  Miner. 
Tyrols  von  Liebener  und  Vorhauser, 
1852  geschildert,  p.  24T:  ,,Ganz  eigen- 
tümliche bis  3  Zoll  im  Durchmesser 
haltende  Krystalle  nach  Fassait,  zusammengesetzt  aus  ganz 
kleinen,  selten  eine  Linie  breiten,  oft  unverhältnissmässig  in 
die  Länge  gezogenen ,  ebenfalls  nach  Fassait  krystallisirten 
Serpentin-Pseudomorphosen.  Eine  deutliche  Vorstellung  dieser 
in  jeder  Hinsicht  höchst  merkwürdigen  Krystalle  kann  man 
sich  dadurch  machen,  wenn  man  annimmt,  es  wäre  mit  den 
kleineren  Krystallen  ein  Teich  gemacht,  dieser  dünn  und  platt 
gewalzt,  dann  zusammengerollt  und  daraus  die  grossen  Kry- 
stalle mit  einem  schneidigen  Werkzeug  geschnitzelt  worden ; 
denn  es  lassen  sich  die  einzelnen  Blätter  des  aufgerollten  und 
zur  Bildung  der  Krystallflächen  durchschnittenen  Teiges  an 
vielen  derselben  und  selbst  an  der  derben  Masse  deutlich 
wahrnehmen.  Die  kleineren  Krystalle,  die  an  der  Oberfläche 
oder  in  den  nicht  selten  vorkommenden  Hohlräumen  der  grossen 
sitzen,  erscheinen  vollständig  ausgebildet,  lagenweise  gelegt 
und  oft  fest  zusammengepresst ;  sodass  wenn  einer  mit  seiner 
Länge  über  eine  Kante  der  grösseren  Krystalle  hätte  vorstehen 
wollen,  er  um  diese  umgebogen  ist.  Die  Oberfläche  ist  daher 
rauh;  aber  die  Krystallwinkel  und  Kanten  vollkommen  regelrecht." 


384 


Diese  Pseudomorphosen  erreichen  zuweilen  eine  ausser- 
ordentliche Grösse:  im  Ferdinandeum  zu  Innspruck  sah  ich 
(1862)  einen  solchen  pseudomorphen  Riesenkrystall  von  etwa 
12  Cm.  Grösse,  dessen  Oberfläche,  rauh  und  löcherig,  ein 
Aggregat  aus  zahllosen  kleinen  frischen  Fassaiten  erkennen 
liess,  während  das  Innere  theilweise  hohl  war. 

Die  Pesmeda  -  Fundstätte  hat  ausser  den  eben  erwähnten, 
aus  kleinen  Fassaiten  aufgebauten  Krystallen  auch  andere  von 
identischer  Form  geliefert,  welche  aus  Serpentin  bestehen. 
Diese  letzteren  Gebilde  sind  im  Jahre  1873  in  grösserer  Voll- 
kommenheit vorgekommen  als  früher;  auch  haben  sich  an  beiden 
Enden  ausgebildete  Krystalle  gefunden ,  welche  sogleich  er- 
kennen Hessen  ,  dass  ihre  Form  mit  derjenigen  des  Augits  un- 
vereinbar sei.  Diese  Serpentin-Pseudomorphosen  werden  zu- 
nächst den  Gegenstand  unserer  Untersuchung  bilden ;  an  die- 
selben werden  sich  jene  räthselhaften  Gebilde  reihen,  welche 
den  Fassait  in  einer  ihm  fremden  Krystallform  darbieten. 

Das  Muttergestein  der  Serpentin-Pseudomorphosen  ist  ein 
Gemenge  von  schwärzlichgrünem  Spinell,  welcher  zum  grossen 
Theil  bereits  in  Serpentin  umgeändert  ist,  von  lichtgrünem 
Fassait  und  Kalkspath,  welcher  in  den  Drusen  auch  zierlich  in 
spitzen  Formen  auskrystallisirt  erscheint.  Die  neuen  Krystalle 
welche  eine  Grösse  bis  6  Cm.  er- 
reichen, gehören  dem  rhombischen 
Systeme  an  und  stehen  der  Form  des 
Olivins  nahe.  Aus  ihrer  chemischen 
Zusammensetzung  wurde  die  Ueber- 
zeugung  gewonnen,  dass  sie  ehemals 
Monticellit  (Batrachit)  waren,  welchen 
wir  in  seinem  derben  Vorkommen  im 
Toal  dei  Rizzoni  kennen  lernten. 

Die  Combination  der  Monticellit- 
krystalle  ist  gewöhnlich  einfach ;  die 
grösseren  sind  oft  flächenreicher.  An 
denselben  wurden  beobachtet:  zwei 
Pyramiden,  zwei  Prismen,  zweiBrachy- 
domen,  ein  Makrodoma  und  das  Bra- 
chypinakoid.  Wählen  wir  zur  Grund- 
wie  es  auch  in  meiner  Mittheilung  über 


form  die  Pyramide  f, 


*)  Siehe  die  Anmerkung  1  am  Ende  dieses  Abschnitts. 


385 


den  Monticellit  vom  Vesuv  (s.  Pogg.  Ann.,  Ergänzungsbd.  V. 
pag.  434)  geschehen,  so  erhalten  wir  folgende  Formeln: 

(a:b:c),  P" 
(a:2b:c),  P2 
(a  :  b  :  gcc),  oc  P 
(a:|b:occ),   qp  P  2 
(ooa:b:c),  P  co 
(oo  a  :  2b  :  c),  j P  oo 
(oo  a :  b  :  oo  c),  oc  P  oo 

Trotz  der  Aehnlichkeit  der  Formen  mit  denjenigen  des 
Olivins,  konnte  doch  sogleich  eine  wesentliche  Verschiedenheit 
in  den  Winkeln  der  Prismenzone  nachgewiesen  werden.  Die 
matte  Oberfläche  der  Krystalle  hinderte  zwar  eine  unmittel- 
bare Messung  am  Reflexionsgoniometer;  doch  wurde  mittelst 
vielfach  wiederholter  Messungen  durch  aufgelegte  Glastäfelchen 
die  brachydiagonale  Endkante  des  Prismas  s :  s'  gemessen  — 
98°,  während  dieselbe  beim  Olivin  94°  3'  beträgt.  Dieser 
Unterschied  ist  so  bedeutend,  dass  man  ihn  sogleich  auch  mit 
dem  Anlegegoniometer  wahrnehmen  kann.  Weniger  bedeu- 
tende Differenzen  stellen  sich  in  den  Werthen  der  Kanten  e :  e' 
oder  h :  h'  heraus.  Nachdem  nun  die  chemische  Analyse  dieser 
veränderten  Krystalle  zwar  im  Allgemeinen  die  Zusammen- 
setzung des  Serpentins,  doch  neben  der  Magnesia  und  dem 
Eisenoxydul  einen  ansehnlichen  konstanten  Gehalt  an  Kalk- 
erde" nachwies ,  wurde  ich  darauf  geführt,  die  Formen  dieser 
merkwürdigen  Krystalle  mit  derjenigen  des  Monticellit  vom 
Vesuv  zu  vergleichen,  welchen  ich 
früher  (s.  Pogg.  Ann.  a.  a.  O.)  be- 
schrieben habe.  Es  zeigte  sich  nun 
alsbald ,  dass  die  an  dem  Krystalle 
vom  Monzoni  auftretenden  Flächen 
genau  dieselben  sind,  wie  diejenigen 
des  vesuvischen  Monticellits  (s.  Fig.), 
und  dass  die  Winkel  beider  Vor- 
kommnisse so  genau  übereinstimmen, 
wie  es  nur  die  Messungen  der  matten 


I 


386 


Monzoni  -  Krystalle  nachzuweisen  gestatten.    Mit  Hülfe  feiner 
Deekgläschen  wurden  folgende  Kanten  an  den  Krystallen  des 
Monzoni  gemessen: 
s  :  s'  (brachydiagonal)  =  98°.     Beim  Monticellit)    98°  7f 
s:b  =  131°.         vom  Vesuv     J  130  56j 

Diese  Uebereinstimmung  ergab  sich  auch  für  alle  übrigen 
Kanten ,   sodass  wir  den  Krystallen  vom    Monzoni  dieselben 
Axen  zu  Grunde  legen  können,    wie  jenem  Monticellit  vom 
Vesuv:  a  (Brachyaxe);  b  (Makroaxe);  c  (Verticalaxe) 
=  0,867378:1:1,15138. 
Aus  denselben  berechnen  sich  folgende  Winkel: 

e:e  =  141°  47' 
(brachydiagonal) 
e:e  =    82  0 


n:n'  =  133°  6{' 
(brachydiagonal) 
s:s'  =    98  7| 
(brachydiagonal) 
n  :  s'  =  162  30|- 
n:b   =  113  26f 
s:b  =  130  56J- 
d  :  d'  ==    73  59 
h:h'  =  120  8| 
k  :k'  =    81  57 
(in  Axe  c) 


(makrodiagonal) 
e:n  =  145  21 
f:f  =  110  43f 

(brachydiagonal) 
f:.'f  =    97  55^ 

(makrodiagonal) 
f:s  ===  150 
e:s  =  141  41 
e:k  =  128  19 


211 


Wie  bereits  oben  angedeutet,  wurden  unsere  Krystalle 
früher,  als  man  nur  unvollkommene  und  nur  an  einem  Ende 
ausgebildete  Exemplare  kannte,  für  Fassait- 
zwillinge gehalten.  Um  die  Aehnlichkeit 
resp.  Verschiedenheit  beider  Mineralien  zu 
übersehen,  habe  ich  in  nebenstehender  Fi- 
gur einen  der  mit  den  Monticellitkrystallen 
vorkommenden,  aufgewachsenen,  meist  nur 
mit  einem  Ende  frei  ausgebildeten  Fassait- 
zwilling in  derjenigen  Stellung  gezeichnet, 
in  welcher  eine  gewisse  Vergleichbarkeit 
mit  unsern  Krystallen  hervortritt.  Es  wurde 
zu  dem  Zwecke  der  Zwillingsebene  die 
Stellung  einer  sogen.  Längsflache  (Axen- 
ebene  a  c)  gegeben.  Der  Krystall  ist  eine 
Combination  folgender  Formen: 


\i  x 

i 

m  ; 

\ '  - 

387 


ra  =  (a  :  b  :  qo  c),  co  P 

o  i  ({a':{b:c),  2P 

z  =  (ooa:jb:c),  (2Poo) 

a  —  (a  :  qo  b  :  X)  c),  ooPco 

Die  Winkel  des  Fassait-  resp.  Augitzwillings  betragen : 
m:m  =  92°  5'  .  z :  z'  =  82°  42'  .  z:z  =  159°  14' 
entsprechend  den  Winkeln  des  Monticellits: 

s:s'  -  98    7£    .    e:e'  =  82    0    .    e:e'  ~  141  47 

Während  also  die  flächenarmen  Monticellite  eine  gewisse 
Vergleichbarkeit  mit  dem  oberen  Ende  eines  Fassaitzwillings 
darbieten,  verschwindet  dieselbe  alsbald  bei  den  flächenreicheren 
Krystallen  oder  bei  denjenigen ,  welche  an  beiden  Enden  aus- 
gebildet sind. 

Die  Härte  der  Monticellite  ist  nur  gering,  gleich  derje- 
nigen des  Serpentins.  Die  Farbe  lichtbräunlich,  gelblich,  zu- 
weilen weiss.  Die  Oberfläche  ist  bisweilen  mit  einer  dünnen 
Haut  von  kohlensaurem  Kalk  bedeckt.  Betrachtet  man  das 
Innere  der  Krystalle  mit  der  Lupe,  so  bietet  sich  nicht  selten 
ein  feinkörniges  Gemenge  dar,  indem  durchscheinende  härtere 
grünliche  oder  bräunliche  Körnchen  von  einer  weissen,  wei- 
cheren Substanz  umschlossen  werden.  Man  erhält  den  Eindruck 
einer  noch  nicht  ganz  vollendeten  fortschreitenden  Umwandlung. 
Diese  Wahrnehmung  wird  nun  durch  die  mikroskopische  Be- 
trachtung bestätigt  und  in  interessanter  Weise  erweitert.  Die 
beiden  Figuren  der  Tafel  X.  geben  ein  mikroskopisches  Bild 
einer  düungeschliffenen  Platte,  Fig.  1  bei  einer  Vergrösserung 
von  70 ,  Fig.  2  von  220.  Bei  geringer  Vergrösserung  stellt 
sich  eine  gelblichweisse,  zerklüftete,  unreine  Masse  dar,  welche 
von  zahlreichen,  tbeils  geradlinigen,  theils  gebogenen,  zuweilen 
netzförmig  verzweigten  grünen  Adern  durchzogen  wird.  Bei 
stärkerer  Vergrösserung  erscheint  die  (irundmasse  als  ein  höchst 
feinkörniges  Aggregat,  welches  bei  Anwendung  von  polarisir- 
tem  Lichte  durchaus  Farben  giebt  und  sich  als  krystallinisch 
erweist.  Schon  bei  schwächerer,  noch  weit  deutlicher  indess 
bei  stärkerer  Vergrösserung  bemerken  wir,  dass  jene  grünen 
Adern  aus  kleinen  Kugeln  bestehen ,  welche  vereinzelt  an 
einander  gereiht  oder  zu  Haufen  vereinigt  auftreten.  Während 
die  gelbe  Hauptmasse   als   ein   eisenarmer  Serpentin  zu  be_ 


388 


trachten  ist,  gehören  jene  grünen  Kränze  und  Bänder  einer 
eisenreicheren  Verbindung  an.  Die  Gesteinsmasse  wird  von 
zahllosen  verlängerten  Gebilden ,  ausgezeichnet  durch  ihre 
Querfaserung,  durchsetzt.  Es  sind  Trennungen,  Zerspaltungen 
des  Steins,  deren  Ränder  die  dargestellte,  überaus  zierliche 
Fransung  oder  Faserbildung  zeigt.  Meist  sind  diese  Faser- 
spalten geradlinig,  zuweilen  gekrümmt,  oft  ziehen  mehrere 
parallel;  sehr  häufig  bemerkt  man  von  einer  Mittellinie  meh- 
rere Querstreifen  sich  abzweigen.  Der  Zusammenhang  der 
gefaserten  Spalten  mit  den  grünen  Kränzen  ist  vielfach  auf 
das  deutlichste  wahrzunehmen.  Erst  tritt  die  grüne  eisen- 
reiche Serpentinmasse  in  vereinzelten  Körnchen  auf,  welche 
sich  in  anderen  perlschnurähnlich  an  einander  reihen,  um 
endlich  zusammenhängende  Stränge  und  Haufen  zu  bilden.  In 
dem  Maasse  als  die  grüne  Substanz  in  den  Spalten  zunimmt, 
verschwindet  die  Querfaserung.  Ausser  dem  lichtgelben  und 
dem  in  Adern  eindringenden  grünen  Serpentin  bemerkt  man 
in  den  Bildern  auch  einzelne  krystallinische  Körner,  bald 
von  gerundetem,  bald  von  polygonalem  Umriss,  olfenbar  noch 
unveränderter  Monticellit.  Diese  Körner  haben  ein  feinpunk- 
tirtes  Ansehen,  an  Olivin  erinnernd  ,  sie  sind  häufig  zerklüftet 
und  zeigen  theils  im  Innern,  theils  an  ihrer  Peripherie  die 
Bildung  jener  grünen  Substanz. 

Das  mikroskopische  Bild  des  aus  Monticellit  entstandenen 
und  in  dessen  Formen  auftretenden  Serpentins  entspricht  fast 
genau  der  Serpentinbildung  aus  Olivin,  wie  dieselbe  durch 
Hrn.  Prof.  Rosenbüsch  (Mikrosk.  Physiographie  der  Mineralien 
pag.  371)  vortrefflich  dargestellt  wurde.  —  Das  spec.  Gew. 
der  veränderten  Monticellitkrystalle  =  2,617  (bei  20°  C.); 
spec.  Gew.  des  Monticellits  vom  Vesuv  =  3,119 — 3,245;  des 
derben  Monticellits  (Batrachits)  vom  Monzoni,  aus  dem  Toal 
dei  Rizzoni,  nach  Breithaupt  —  3,033,  nach  meiner  Wägung 
=  3,054.  Ich  führte  drei  Analysen  mit  Krystallbrucbstücken 
verschiedener  Drusen  aus.  Das  zur  Untersuchung  verwandte 
Material  war  frei  von  kohlensaurem  Kalk. 


389 

Umgewandelter  Monticellit  von  Pesmeda,  Mon- 
z  o  n  i : 


1. 

TT 
11. 

TTT 
III. 

Kieselsäure  .  . 

39,51 

43,31 

39,67 

Thonerde  .  .  . 

o',81 

1,34 

1^99 

Eisenoxydul  . 

6,79 

5,73 

6,08 

Kalk  

6,25 

6,47 

6,59 

Magnesia  .  .  . 

.   nicht  best 

33,08 

34,42 

:  n,87 

12,35 

12,36 

100,28 

101,11 

Die  vorstehenden  Analysen  beweisen,  dass  die  Zusammen- 
setzung verschiedener  Krystalle  derselben  Fundstätte  etwas 
verschieden  ist:  wie  begreiflich  —  bei  einer  Substanz,  deren 
Umwandlung  noch  nicht  ganz  beendet  ist.  Offenbar  sind  die 
untersuchten  Ps-eudomorphosen  ein  Gemenge  ungleichartiger 
Verbindungen,  weshalb  wir  auch  von  einer  Berechnung  der 
Analysen  abseben.  Der  ansehnliche  Kalkgehalt  unterscheidet 
unsere  Gebilde  von  allen  bisher  untersuchten  Serpentinen  und 
beweist  —  auch  abgesehen  von  der  obigen  krystallographischen 
Bestimmung  —  dass  das  ursprüngliche  Mineral  kein  normaler 
Olivin  könne  gewesen  sein.  Es  würde  unter  dieser  Voraus- 
setzung der  ansehnliche  Kalkgehalt  unerklärlich  sein.  Die 
chemischen  Veränderungen,  deren  Resultate  in  unseren  pseu- 
domorphen  Krystallen  vorliegen  ,  ergeben  sich  bei  einer  Ver- 
gleichung  der  oben  gegeben  Zahlen  mit  der  Zusammensetzung 
des  derben  Monticellits  aus  Toal  dei  Rizzoni  s.  pag.  370. 

Die  Umänderung  bestand  demnach  vorzugsweise  in  der 
Ausscheidung  des  Kalks  und  dem  Eintritt  von  Wasser.  Der 
Kalk  schied  sich  unzweifelhaft  als  Carbonat  aus.  Wir  finden 
ihn  theils  als  krystallinische  Rinden  auf  den  pseudomorphen 
Krystallen,  theils  in  unmittelbarer  Nähe  auf  denselben  Drusen. 
Die  Krystalle  von  Pesmeda  bieten  eine  interessante  Analogie 
dar  zu  den  berühmten  Olivin  -  Pseudomorphosen  von  Snarum, 
welche  eine  so  wichtige  Rolle  in  der  Geschichte  der  Wissen- 
schaft gespielt  haben.  Unveränderte  Monticellit -Krystalle 
sind  bisher  am  Monzoni  noch  nicht  gefunden  worden,  doch 
wird  es  bei  genauerer  Durchforschung  der  Fundstätte  des 
„Batrachits"  wohl  gelingen,  deutliche  Krystalle  zu  entdecken; 
sie  werden   die  Formen   der  Pseudomorphosen    von  Pesmeda 

Zeits.  d.  D.  geol.  Ges.  XXVII.  i.  26 


390 


besitzen.  Was  ich  von  Umrissen  der  in  körnigem  Kalke  ein- 
gewachsenen gelben  Batrachitkörner  bisher  wahrnehmen  konnte, 
stimmt  recht  wohl  mit  jenen  Formen  überein. 

Während  die  Serpentinbildung  aus  Monticellit  sich  anderen 
bereits  bekannten  Bildungsweisen  des  Serpentins  anreiht,  bietet 
uns  dieselbe  Fundstätte  auf  der  Pesmeda-Alpe  jene  noch  weit 
überraschendere  Thatsache  dar,  dass  grosse  Krystalle ,  welche 
auf  das  Deutlichste  die  Monticellitform  zeigen,  gänzlich  in 
ein  Aggregat  kleiner  Fassaite  umgewandelt  sind. 
Diese  Umänderung,  welche  Liebener  und  Vorhauser  bereits 
so  treffend  schilderten  (s.  oben  pag.  373),  findet  sich  nicht 
nur  auf  derselben  Fundstätte  wie  die  Serpentin  -  Pseudornor- 
phosen;  ihre  Spur  ist  sogar  in  denselben  Drusen  wahrnehmbar. 

Die  Umänderung  des  Monticellits  in  Fassait  liegt  mir  in 
zahlreichen  Handstücken  vor.  Eine  etwa  20  Cm.  grosse 
Stufe  unserer  Universitätssammlung  besteht  fast  gänzlich  aus 
Fassait,  eine  Druse  bildend,  welche  ursprünglich  wohl  theil- 
weise  oder  gänzlich  mit  Kalkspath  erfüllt  war.  Der  Fassait 
erscheint  hier  in  zweifacher  Ausbildung,  zunächst  in  selbst- 
ständigen 10  —  30  Mm.  grossen  Krystallen  ,  ausschliesslich 
Zwillingen,  an  denen  man  fast  nur  das  durch  die  Flächen  z 
gebildete  Ende  wahrnimmt.  Ausser  diesen  grossen  Krystallen 
sind  kleine,  nur  1  —  3  Mm.  messende  Fassaite  vorhanden;  es 
sind  vorzugsweise  einfache  Individuen ,  umschlossen  von  den 
Flächen  m  und  o.  Diese  kleinen,  bisweilen  gerstenkornähn- 
lichen Fassaite  bilden  theils  deutliche,  bis  3  Cm.  grosse  Pseu- 
domorphosen  nach  Monticellit,  theils  durchbrochene  Hohl- 
formen, ruinenähnliche  Gestalten,  in  denen  man,  einmal  darauf 
aufmerksam,  leicht  die  Monticellitform  wiedereikennt.  —  In 
anderen  Drusen  fehlen  die  selbstständigen  grossen  Fassaite, 
sie  besteben  ausschliesslich  aus  Pseudomorphosen  von  Fassait 
nach  grossen  Monticelliten.  In  einer  Druse  beträgt  ihre  Grösse 
sogar  5  Cm.  Die  Form  dieser  in  Fassait  umgewandelten  Monti- 
cellite  ist  trotz  der  durch  die  vorragenden  kleinen  neugebil- 
deten Krystalle  bedingten  Rauhheit  der  Flächen  deutlich  er- 
kennbar, eine  Combiuation  von  e  =  P  2,  s  =  xP  und,  mehr 
untergeordnet,  b  =  oo  P  oc  ,  k  —  P  oc.  Die  Figur  pag.  373 
versucht,  die  seltsame  Oberfläche  dieser  Krystalle  darzustellen, 
welche  aus  einem  regellosen  Aggregat  kleiner  Fassaite  bestehen. 
Durchbricht  man   diese    seltsamen  pseudomorphen  Krystalle, 


391 


so  bemerkt  man,  dass  sie  eine  schalen-  oder  rindenäbnliche 
Zusammensetzung  haben.  Es  sind  kluftähnliche  Hohlräume 
vorhanden ,  welche  annähernd  den  äusseren  Contouren  des 
grossen  ursprünglichen  Monticellits  parallel  gehen.  Der  Kern 
dieser  Pseudomorphosen  besteht  häufig  aus  Serpentin,  welcher 
auch  vielfach  das  Fassaitaggregat  durchdringt.  Zuweilen  stellt 
das  Innere  der  Krystalle  eine  mit  körnigem  Kalk  erfüllte 
kleine  Druse  dar.  Monticellit  war  in  all  diesen  Drusen  die 
älteste  Bildung,  später  bildete  sich  Fassait  theils  in  grossen 
selbstständigen  Krystallen  ,  theils  in  den  Formen  des  Monti- 
cellits. Die  Fassaite  sind  ganz  frisch  in  und  neben  den  um- 
gewandelten und  ruinenartig  zerstörten  Monticelliten.  Offenbar 
liegen  hier  an  derselben  Fundstätte  zwei  Erscheinungen  ver- 
schiedener Art  vor.  Die  Bildung  des  Serpentins  ist  ein  all- 
mälig  fortschreitender  durch  Verwitterung  und  Wasseraufnabme 
bedingter  Prozess.  Den  Augit  (Fassait)  aber  kennen  wir  nicht 
auf  Lagerstätten,  welche  die  Anuahme  einer  secundären  Bil- 
dung auf  nassem  Wege  gestatten.  Die  Zusammensetzung  des 
in  der  Form  des  Monticellit' s  auftretenden  Fassait' s 
lehrt  folgende  Analyse: 

Spec.  Gew.  2,960  (bei  13°  C). 

Kieselsäure  .  .  47,69 
Thonerde  .  .  .  7,01 
Eisenoxydul  .  .  3,62 

Kalk   24,57 

Magnesia   .  .  .  16,10 
Glühverlust  .  .  1,05 
99,94 

Dieser  Fassait  stimmt  demnach  am  nächsten  überein  mit 
demjenigen  aus  dem  Zillerthal,  für  welchen  Barthb  (s.  Dana, 
Mineralogy)  folgende  Zusammensetzung  fand: 

Kieselsäure  48,47.      Thonerde  8,22.      Eisenoxydul  4,30. 
Kalk  21,96.     Magnesia  15,59.     Glühverlust  0,73. 

Eine  gewisse  Aehnlichkeit  der  chemischen  Zusammen- 
setzung des  Monticellits  und  des  Fassaits  ist  unverkennbar: 
beide  sind  wesentlich  Silikate  der  Magnesia  und  des  Kalks, 
jener  ein  Halbsilicat,   der  Fassait  ein  normales  Silicat.  Das 

26  * 


392 


Vorkommen  des  Anorthits  auf  der  Pesmeda-Alp,  sowie  im 
Toal  Rizzoni  verdient  insofern  ein  besonderes  Interesse,  als 
dies  Mineral  in  ausgebildeten  Krystallen  früher  in  den  Alpen 
noch  nicht  beobachtet  wurde*),  auch  sein  Auftreten  in  Contact- 
Lagerstätten  bisher  nur  auf  wenige  Punkte  beschränkt  war 
(z.B.  als  sogen.  Amphodelit  zu  Lojo  in  Finland).  Der  Anor- 
thit  findet  sich  theils  in  demselben  kleinen  Schürfe,  welcher 
die  Monticel Ii tkry stalle  liefert,  theils,  und  zwar  in  noch  aus- 
gezeichneterer Weise,  wenige  hundert  Meter  weiter  gegen  Nor- 
den ,  auf  demselben  ,  die  Schluchten  Pesmeda  und  della  Foia 
trennenden,  schmalen  Kamme. 

Der  Anorthit  von  Pesmeda  besitzt  ein